PROLETARIER ALLER LÄNDER. VEREINIGT EUCH!
LENIN
WERKE
28
HERAUSGEGEBEN AUF BESCHLUSS
DES IX. PARTEITAGES DER KPRCB) UND DES
II. SOWJETKONGRESSES DER UdSSR
DIE DEUTSCHE AUSGABE ERSCHEINT
AUF BESCHLUSS DES ZENTRALKOMITEES
DER SOZIALISTISCHEN EINHEITSPARTEI
DEUTSCHLANDS
INSTITUT FÜR MARXISMUS-LENINISMUS BEIM
WI.LENIN
WERKE
INS DEUTSCHE ÜBERTRAGEN
NACH DER VIERTEN RUSSISCHEN AUSGABE
DIE DEUTSCHE AUSGABE
WIRD VOM INSTITUT FÜR MARXISMUS-LENINISMUS
BEIM ZENTRALKOMITEE DER SED BESORGT
<s
DIETZ VERLAG BERLIN
1970
WI.LENIN
BAND 28
JULI 1918 -MÄRZ 1919
DIETZ VERLAG BERLIN
VII
VORWORT
Die in Band 26 enthaltenen Arbeiten schrieb W. I. Lenin vom 29. Juli
1918 bis Anfang März 1919, in der ersten Periode des Bürgerkriegs und
der ausländischen militärischen Intervention.
Der Band enthält W. I. Lenins klassische Schrift „Die proletarische
Revolution und der Renegat Kautsky“. In diesem Werk entwickelt Lenin
die Lehre vom Sowjetstaat und analysiert das Wesen der Sowjetdemo-
kratie als höchsten Typus der Demokratie in der Klassengesellschaft; er
deckt den grundlegenden Gegensatz zwischen der bürgerlichen und der
sowjetischen Demokratie auf und entlarvt den Opportunismus sowie
Kautskys und der anderen Führer der II. Internationale Liebedienerei vor
den Imperialisten. Auch in einigen anderen im Band veröffentlichten Ar-
beiten; „Über .Demokratie“ und Diktatur“, „Brief an die amerikanischen
Arbeiter“, „Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas“, „Errungenes
und schriftlich Festgelegtes“ sowie in den Thesen und Reden zur Grün-
dung der III., der Kommunistischen Internationale zeigt Lenin das Wesen
der Sowjetdemokratie und übt Kritik an der bürgerlichen Demokratie.
Den größeren Raum in diesem Band nehmen Referate und Reden Lenins
ein, die er in Arbeiterversammlungen, auf Kongressen der Sowjets und
der Gewerkschaften, in Sitzungen des Gesamtrussischen Zentralexekutiv-
komitees, auf der Moskauer Stadtkonferenz der KPR(B) und in anderen
Organisationen gehalten hat.
Die zentrale Frage in diesen Reden, die Lenins Wirken als Führer der
Partei und Leiter des Sowjetstaates widerspiegeln, ist die Organisation
der Verteidigung des sozialistischen Vaterlands, der allseitigen Hilfe für
die Rote Armee und die Festigung ihres Hinterlands.
vm
Vorwort
In mehreren Arbeiten beschäftigt sich W. I. Lenin mit Fragen der Ent-
wicklung der sozialistischen Revolution auf dem Lande und den Bezie-
hungen zur Mittelbauernschaft. Hierher gehören der „Brief an die Ar-
beiter von Jelez“, der Aufruf „Genossen Arbeiter! Auf zum letzten,
entscheidenden Kampf!“, die Rede zum Jahrestag der Sozialistischen
Oktoberrevolution auf dem VI. Gesamtrussischen Außerordentlichen So-
wjetkongreß vom 6. November 1918, die Reden an die Delegierten der
Komitees der Dorfarmut des Moskauer Gebiets vom 8. November 1918
und auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß der Landabteilungen, der
Komitees der Dorfarmut und der Kommunen vom 11. Dezember 1918.
In dem bekannten Artikel „Wertvolle Eingeständnisse Pitirim Soro-
kins" stellt Lenin die Losung der Verständigung und des Bündnisses mit
den Mittelbauern auf, die danach vom VIII. Parteitag bestätigt worden ist.
In der Rede zum Jahrestag der Sozialistischen Oktoberrevolution auf
dem VI. Gesamtrussischen Außerordentlichen Sowjetkongreß vom 6, No-
vember 1918, im Referat über die Stellung des Proletariats zur klein-
bürgerlichen Demokratie in der Versammlung der Moskauer Parteiarbei-
ter vom 27. November 1918 und in anderen Arbeiten begründet Lenin
die Stellung des revolutionären Proletariats zur kleinbürgerlichen Demo-
kratie im Zusammenhang mit ihrer Wendung zur Sowjetmacht und weist
die Wege, die Intelligenz, die alten Spezialisten, zum sozialistischen Auf-
bau heranzuziehen.
In dem „Brief an die amerikanischen Arbeiter“, in der Rede über die
internationale Lage auf dem VI. Sowjetkongreß vom 8. November 1918,
in der Rede auf dem III. Kongreß der Arbeitergenossenschaften vom
9. Dezember 1918, in der zum erstenmal vollständig veröffentlichten Rede
auf einer Arbeiterkonferenz des Moskauer Stadtbezirks Preshja vom
14. Dezember 1918 und in vielen anderen Dokumenten entlarvt Lenin
den englisch-amerikanischen Imperialismus, der um der Eroberung der
Weltherrschaft willen nicht davor zurückschreckt, schwache Völker zu
erwürgen und die europäische Kultur zu zerstören. ■
Der 28. Band enthält mehrere Arbeiten, die zum erstenmal in den
Werken W. I. Lenins veröffentlicht werden. Bei den meisten von ihnen
handelt es Sich um Entwürfe von Beschlüssen der Sowjetregierürig sowie
um Briefe und Telegramme, die inhaltlich aufs engste mit den in diesem
Band enthaltenen Arbeiten veibunden sincLi' 1 — -
Vorwort
IX
Den Fragen der Verteidigung des sozialistischen Vaterlands sind fol-
gende Briefe und Telegramme gewidmet: „Grußschreiben an die Rote
Armee aus Anlaß der Einnahme von Kasan“, „Brief an die Rotarmisten,
die an der Einnahme von Kasan teilgenommen haben“, die Telegramme
an W. W. Kuibyschew und an die Kommandeurschule in Petrograd.
Im „Entwurf eines Telegramms an alle Deputiertensowjets über das
Bündnis der Arbeiter und Bauern“ und in der Rede auf dem Moskauer
Gouvernementskongreß der Sowjets, der Komitees der Dorfarmut und
der Rayonkomitees der KPR(B) vom 8. Dezember 1918 gibt Lenin die
Direktive zur Festigung des Bündnisses zwischen der Arbeiterklasse und
der Bauernschaft.
In den Dokumenten „Über die Aufnahme in die Hochschulen der
RSFSR. Entwurf eines Beschlusses des Rats der Volkskommissare“, „Ent-
wurf eines Beschlusses über die Ausnutzung der Staatlichen Kontrolle“,
„Rede auf der II. Konferenz der Leiter der Unterabteilungen für außer-
schulische Arbeit der Gouvernementsabteilungen für Volksbildung, 24. Ja-
nuar 1919“ und im Brief „An das Volkskommissariat für Bildungs-
wesen“ zur Lage im Bibliothekswesen spiegelt sich W. I. Lenins Wirken
beim Aufbau des Sowjetstaates und der kulturellen Entwicklung des Lan-
des wider.
In den vorliegenden Band werden ebenfalls zum erstenmal aufgenom-
men: das „Telegramm an alle Deputiertensowjets, an alle, an alle“ anläß-
lich des Beginns der Revolution in Deutschland, der Entwurf der Thesen
„Uber die Aufgaben der Gewerkschaften“, der Entwurf einer Resolution
des Gesamtrussischen ZEK „Über das Verbot einer menschewistischen
Zeitung wegen Untergrabung der Landesverteidigung“ und der „Entwurf
eines Funkspruchs des Volkskommissars für Auswärtige Angelegen-
heiten“.
REDE IN DER GEMEINSAMEN SITZUNG
DES GESAMTRUSSISCHEN ZENTRALEXEKUTIV-
KOMITEES, DES MOSKAUER SOWJETS,
DER BETRIEBSKOMITEES UND DER
GEWERKSCHAFTEN MOSKAUS
29. JULI 191 8 1
(Beifall, der in eine Ovation übergeht.) Genossen! Wir
haben schon wiederholt in der Parteipresse wie in den Sowjetinstitutionen
und bei der Massenagitation darauf verweisen müssen, daß die Zeit vor
der neuen Ernte die schwerste, schwierigste und kritischste Zeitspanne für
die sozialistische Revolution ist, die in Rußland begonnen hat. Heute,
denke ich, müssen wir sagen, daß der Höhepunkt dieser kritischen Lage
erreicht ist. Es ist dazu gekommen, weil heute schon endgültig feststeht,
wer sich für die imperialistische Welt, die imperialistischen Länder, einer-
seits und wer sich für die Sozialistische Sowjetrepublik anderseits ent-
schieden hat. Vor allem muß bemerkt werden, daß sich die Lage der
Sowjetrepublik in militärischer Hinsicht erst jetzt endgültig geklärt hat.
Der tschechoslowakische Aufruhr wurde anfangs vielfach als eine Episode
in den konterrevolutionären Aufständen betrachtet. Wir haben den Zei-
tungsmeldungen über die Beteiligung des englisch-französischen Kapitals,
über die Beteiligung der englischen und französischen Imperialisten an
diesem Aufruhr zuwenig Bedeutung beigemessen. Jetzt muß man sich ins
Gedächtnis rufen, wie sich die Ereignisse im Murmangebiet, bei den
sibirischen Truppen und am Kuban entwickelt haben, wie die Engländer
und Franzosen im Bunde mit den Tschechoslowaken, bei engster Teil-
nahme der englischen Bourgeoisie, die Sowjets stürzen wollten. Alle diese
Tatsachen lassen jetzt die tschechoslowakische Bewegung als eines der
Kettenglieder in der von den englischen und französischen Imperialisten
auf lange Sicht systematisch betriebenen Politik erkennen, die darauf be-
rechnet war, Sowjetrußland zu erwürgen, um Rußland von neuem in den
Hing der imperialistischen Kriege hineinzuziehen. Jetzt muß diese Krise
W. I. Lenin
von den breiten Massen Sowjetrußlands überwunden werden, denn sie
zeigt uns heute, daß es um den Kampf für die Erhaltung der Soziali-
stischen Sowjetrepublik nidit nur gegen die Tschechoslowaken als Be-
kämpfung eines konterrevolutionären Anschlags geht, nicht nur um den
Kampf gegen konterrevolutionäre Anschläge überhaupt, sondern um den
Kampf gegen den Ansturm der ganzen imperialistischen Welt.
Ich möchte vor allem, daran erinnern, .daß die direkte, unmittelbare
Beteiligung des englisch-französischen Imperialismus am tschechoslowa-
kischen Aufruhr schon seit langem eine feststehende Tatsache ist. Ich er-
innere an den Artikel, der am 28. Juni im Zentralorgan der tschecho-
slowakischen Kommunistischen Partei „Prükopnik Svobody“ veröffent-
licht war und den unsere Presse nachgedruckt hat 2 :
„Am 7. März erhielt die Zweigstelle des Nationalrats vom französischen
Konsul erstmalig einen Betrag in Höhe von 3 Millionen Rubel.
Dieses Geld wurde einem Mitarbeiter der Zweigstelle des Nationalrats,
einem gewissen Herrn Sip, übergeben.
Am 9. März wurden demselben Sip weitere 2 Millionen ausgezahlt, am
25. März erhielt Sip 1 Million, am 26. März erhielt der stellvertretende Präsi-
dent des Nationalrats, Herr Bohumil-Cermäk, 1 Million, und am 3. April er-
hielt wiederum Herr Sip 1 Million.
Insgesamt hat der französische Konsul vom 7. März bis 4. April an die
Zweigstelle des Nationalrats 8 Millionen ausgezahlt.
Ohne Angabe des Datums wurden ausgezahlt: an Herrn Sip 1 Million, an
Herrn Bohumil-Cermäk 1 Million, an Herrn Sip zum zweitenmal 1 Million.
Außerdem wurden an einen Unbekannten 188000 Rubel ausgezahlt. Ins-
gesamt 3188000 Rubel. Mit den obenerwähnten 8 Millionen kommt eine
Summe von 11 188000 Rubel heraus, welche die französische Regierung an
die Zweigstelle des Nationalrats gezahlt hat
Vom englischen Konsul hat die Zweigstelle 80000 Pfund Sterling erhalten.
Somit haben die Führer des tschechischen Nationalrats vom 7. März bis zum
Tage des Aufstands von der französischen und englischen Regierung annähernd
15 Millionen erhalten, und für dieses Geld ist die tschechoslowakische Armee
an die französischen und englischen Imperialisten verkauft worden.“
Gewiß haben die meisten von Ihnen seinerzeit diese Nachricht in den
Zeitungen gelesen, gewiß haben wir niemals daran gezweifelt, daß die
Imperialisten und die Finanzmagnaten Englands und Frankreichs alles
mögliche und unmögliche zu tun versuchen werden, um die Sowjetmacht
Rede in der gemeinsamen Sitzung am 29. Juli 1918 3
zu stürzen, ihr in jeder Hinsicht Schwierigkeiten zu bereiten. Aber damals
hatte sich noch nicht die ganze Kette der Ereignisse entrollt, die da zeigen,
daß wir es hier mit einem systematischen, beharrlichen, offensichtlich
längst überlegten und von allen Vertretern des englisch-französischen
Imperialismus monatelang vorbereiteten konterrevolutionären militäri-
schen und finanziellen Feldzug gegen die Sowjetrepublik zu tun haben.
Wenn wir heute die Ereignisse als Ganzes betrachten, wenn wir die
tschechoslowakische konterrevolutionäre Bewegung mit der Truppen-
landung im Murmangebiet vergleichen, wenn wir wissen, daß die Eng-
länder dort mehr als 10 000 Soldaten landeten, daß sie unter dem Vor-
wand, das Murmangebiet zu verteidigen, in Wirklichkeit den Vormarsch
angetreten haben, daß sie Kem und Soroki in Besitz nahmen und über
Soroki hinaus weiter ostwärts vorgerückt sind, daß sie begonnen haben,
unsere Sowjetfunktionäre zu erschießen ; wenn wir in den Zeitungen lesen,
daß Tausende von Eisenbahnern und überhaupt Arbeitern aus dem Hohen
Norden vor diesen Rettern und Erlösern, d. h„ um die Wahrheit zu sagen,
vor diesen neuen imperialistischen Gewalttätern, die Rußland vom an-
deren Ende her zerreißen, fliehen müssen - wenn wir heute alle diese
Tatsachen miteinander vergleichen, so erkennen wir klar den allgemeinen
Zusammenhang der Ereignisse. Zudem erbrachte die letzte Zeit neue
Beweise für den Charakter des englisch-französischen Angriffs auf Ruß-
land.
Begreiflicherweise kann schon rein geographisch gesehen die Form die-
ser Offensive der Imperialisten auf Rußland nicht dieselbe sein wie in
Deutschland. Gemeinsame Grenzen mit Rußland, wie Deutschland sie
hat, haben sie nicht ; sie haben auch nicht soviel Truppen. Der vorwiegend
koloniale und maritime Charakter der englischen Streitkräfte hat die
Engländer schon seit langem, schon viele Jahrzehnte lang, veranlaßt, bei
ihren Eroberungszügen anders vorzugehen. Sie bemühen sich vor allem,
die von ihnen überfallenen Länder von den Versorgungsquellen abzu-
schneiden; sie ziehen dabei der Methode der direkten, unmittelbaren,
brutalen militärischen Gewalt die Methode vor, diese Länder unter dem
Vorwand, ihnen helfen zu wollen, abzüwürgen. In letzter Zeit ist aus
Mitteilungen, über die wir verfügen, klar ersichtlich geworden, daß sich
der den russischen Soldaten und Arbeitemschon längst bekannte Alexejew,
der kürzlich die Staniza Tichorezkaja eingenommen hat, zweifellos der
W. I. Lenin
Hilfe des englisch-französischen Imperialismus erfreut. Dort hat der Auf-
stand bestimmtere Formen angenommen und wiederum offenbar deshalb,
weil der englisch-französische Imperialismus seine Hand im Spiel hat.
Schließlich traf gestern die Nachricht ein, daß dem englisch-franzö-
sischen Imperialismus in Baku ein äußerst eff ektvoller-Sdhachzug gelungen
ist. Es ist ihnen gelungen, im Bakuer Sowjet eine Mehrheit von etwa
30 Stimmen zu erhalten, gegen unsere Partei,, gegen die Bolschewiki und
jene, leider nur wenigen linken Sozialrevolutionäre, die dem schändlichen
Abenteuer und dem treulosen Verrat der Moskauer linken Sozialrevolu-
tionäre 3 nicht gefolgt sind, sondern mit der Sowjetmacht gegen Imperialis-
mus und Krieg gingen. Gegen diesen der Sowjetmacht treuen Kern, der
bisher im Bakuer Sowjet die Mehrheit gebildet hatte, erhielt der englisch-
französische Imperialismus diesmal ein Übergewicht von 30 Stimmen,
und zwar deshalb, weil der größte Teil der Partei der armenischen Halb-
sozialisten, Daschnakzutjun 4 , sich gegen uns wandte und auf seine Seite
überging. (Verliest das Telegramm.)
„Am 26. Juli zog sich die Adshikabuler Abteilung auf Befehl des Volks-
kommissars Korganow von Adshikabul auf die Stellungen von Aljat zurück.
Nach dem Abzug der Schemadiaer Abteilung aus Schemacha und Marasa war
der Gegner längs des Tales des Pirsagatflusses zum Angriff vorgegangen. Bei
dem Dorf Kubala kam es zum ersten Zusammenstoß mit der feindlichen
Vorhut.
Gleichzeitig rückten von Süden, von der Kura her, starke Kavallerieabtei-
lungen auf die Eisenbahnstation Pirsagat vor. Um in einer solchen Situation
die Station Adshikabul zu halten, hätten alle verfügbaren Kräfte nach drei
Richtungen, westwärts von Adshikabul, nordwärts und südwärts des Nawagi-
Pirsagat-Tales, auseinandergezogen werden müssen. Diese langgestreckte Front
hätte uns sämtlicher Reserven entblößt und in Ermanglung von Kavallerie
jeder Möglichkeit beraubt, dem Gegner einen Schlag zu versetzen; zudem
würde sogar die Adshikabuler Gruppe bei einem Durchbruch der Front von
Norden oder von Süden her in eine schwierige Lage geraten. Infolge dieser
Situation und um die Kampfkraft der Truppen zu bewahren, erging an die
Adshikabuler Abteilung der Befehl zum Rückzug aüf die Stellungen von Aljat.
Der Rückzug erfolgte in vollster Ordnung. Wichtige Anlagen auf der Strecke
und der Station Adshikabul sowie Petroleum- und Erdölzistemen wurden ge-
sprengt. In Dagestan wird der Gegner im Zusammenhang mit der allgemeinen
Offensive aktiver. Am 24. Juli griff er mit starken Kräften in vier Richtungen
Rede in der gemeinsamen Sitzung am 29. Juli 1918
an. Nach vierundzwanzigstündigem Gefecht hatten wir die feindlichen Gräben
genommen, und der Gegner zerstreute sich im Wald. Die Nadit verhinderte
die weitere Verfolgung. Am 24. Juli wurden aus Schura für uns erfolgreich
verlaufende Kampfhandlungen in der Umgebung der Stadt gemeldet: der Gegner
geht hartnäckig und organisiert vor; befehligt werden die feindlichen Kräfte von
ehemaligen dagestanischen Offizieren ; die Bauern von Dagestan nehmen an den
Kampfhandlungen bei Schura aktiven Anteil.
In Baku erhoben die Rechtsparteien das Haupt und agitierten energisch
dafür, daß man die Engländer herbeirufe. Diese Agitation findet beim Offi-
zierkorps der Armee starke Unterstützung und wird auf die Fronttruppen
übertragen. Die englandfreundliche Agitation hat die Armee desorganisiert. In
letzter Zeit hat die englische Orientierung bei den verzweifelten, gequälten Mas-
sen großen Erfolg.
Unter dem Einfluß der provokatorischen Lügenpropaganda der Rechts-
parteien hat die Kaspische Kriegsflottille mehrere einander widersprechende
Resolutionen über die Engländer angenommen. Getäuscht durch die englischen
Söldlinge und freiwilligen Agenten, hat sie bis in die letzte Zeit hinein blind-
lings an die Aufrichtigkeit der englischen Unterstützung geglaubt.
Wie die jüngsten Meldungen besagen, rücken die Engländer in Persien vor
und haben Rescht (Prov. Gilan) eingenommen. In Rescht standen die Eng-
länder vier Tage lang im Kampf gegen Kuchik-Khan, dem sich die deutsch-
türkischen Banden, an ihrer Spitze die aus Baku geflohenen Mussawatisten,
angeschlossen hatten. Nach dem Kampf in Rescht erbaten die Engländer unsere
Hilfe, aber unsere Bevollmächtigten in Persien haben dies abgelehnt. In Rescht
haben die Engländer gesiegt, aber sie haben fast keine Kräfte in Persien. Wie
ermittelt wurde, sind sie in Enseli nur 50 Mann stark. Sie leiden an Benzin-
mangel und bieten uns für Treibstoff Automobile an. Ohne Benzin können sie
nicht weiter.
Am 25. Juli fand eine neuerliche Sitzung des Deputiertensowjets statt, in
der die politische und militärische Lage behandelt wurde und die Rechts-
parteien die Engländerfrage aufwarfen. Der Außerordentliche Kommissar des
Kaukasus, Gen. Schaumian, erklärte unter Berufung auf die Resolution des
V. Sowjetkongresses und das im Namen des Zentralen Rats der Volkskommis-
sare von Stalin gesandte Telegramm, daß die Engländer nicht herbeigerufen
werden dürfen, und forderte, die Frage über die Herbeirufung der Engländer
von der Tagesordnung abzusetzen. Die Forderung des Gen. Schaumian wurde
mit einer unbedeutenden Stimmenmehrheit abgelehnt, wogegen Gen. Schau-
mian als Vertreter der zentralen Macht entschiedenen Protest einlegte. Entgegen-
genommen wurde ein Bericht der Delegierten, die an der Front gewesen waren.
Mit einer Mehrheit von 259 Stimmen der rechten Sozialrevolutionäre, der
W. I. Lenin
rechten Daschnaken und der Menschewiki gegen 236 Stimmen der Bolschewiki,
der linken Sozialrevolutionäre und der linken Daschnaken wurde eine Ent-
schließung angenommen, die. Engländer herbeizurufen und aus allen im Sowjet
vertretenen Parteien, die die Macht des Rats der Volkskommissare anerkennen,
eine Reperung zu bilden. Die Entschließung stieß beim linken Flügel auf
schärfste Verurteilung. Schaumian erklärte, er sehe in der angenommenen Ent-
schließung schändlichen Verrat und schwarzen Undank gegenüber den Arbei-
tern und Bauern Rußlands und lehne als Vertreter der zentralen Macht jeg-
liche Verantwortung für diese Entschließung ab. Im Namen der Fraktionen
der Bolschewiki, der linken Sozialrevolutionäre und der linken Daschnaken
wurde die Erklärung abgegeben, daß sie nicht in eine Koalitionsregierung ein-
treten würden und daß der Rat der Volkskommissare zurücktreten werde.
Gen. Schaumian erklärte im Namen der drei linken Fraktionen, daß eine
Regierung, die durch die Herbeirufüng der englischen Imperialisten faktisch
mit der russischen Sowjetmacht gebrochen hat, auf keinerlei Unterstützung
seitens Sowjetrußlands rechnen könne. Durch seine Verratspolitik habe der
örtliche Deputiertensowjet, der die Engländer herbeiruft, Rußland und die
Parteien verloren, die die Sowjetmacht unterstützen.
Im Zusammenhang mit . dem Rücktrittsbeschluß des Rats der Volkskommis-
sare sind die Rechtsparteien völlig in Verwirrung geraten. Nachdem die Kunde
von der nun entstandenen Situation in die Bezirke und an die Front gedrungen
war, hat sich die Stimmung dort jäh verändert Die Matrosen begriffen, daß sie
in Wirklichkeit von Verrätern betrogen worden sind, die mit Rußland brechen
und die Sowjetmacht vernichten wollen. Die Massen ändern ihre Einstellung
zu den Engländern. Gestern fand im Zusammenhang mit dem Rücktritt des
Rats der Volkskommissare eine außerordentliche Sitzung des Exekutivkomitees
statt. Es wurde beschlossen, daß alle Volkskommissare auf ihren Posten ver-
bleiben und ihre bisherige Arbeit weiter ausführen, bis der Sowjet in seiner
Sitzung am '31. Juli über die Machtfrage entschieden haben wird. Das Exekutiv-
komitee beschloß dringende Maßnahmen zum Kampf gegen die ansteigende
Konterrevolution. Der Gegner arbeitet unter dem Schutz der englisch-franzö-
sischen Parteien. Das Pressebüro des Rats der Volkskommissare, Baku.“
Wie Sie das ständig auch in unseren Fraktionen beobachten können,
haben Leute, die sich Sozialisten nennen und doch niemals die Verbin-
dungen zur Bourgeoisie abgebrochen haben, sich auch dort diesmal dafür
eingesetzt, daß englische Truppen zur Verteidigung von Baku herbei-
gerufen werden. 5 Wir wissen nur zu gut. was eine solche Einladung im-
perialistischer Truppen zur Verteidigung der Sowjetrepublik bedeutet.
Rede in der gemeinsamen Sitzung am 29. Juli 1918
Wir wissen, was das für eine Einladung war, die von der Bourgeoisie,
einem Teil der Sozialrevolutionäre und den Menschewiki ausgegangen ist.
Wir wissen, was das für eine Einladung war, die von den Führern der
Mensdiewiki in Tiflis, in Georgien, ausgegangen ist.
Heute können wir sagen, daß die einzige Partei, die die Imperialisten
nicht herbeirief und mit ihnen kein räuberisches Bündnis einging, daß die
einzige Partei, die vor ihnen nur dann zurückging, wenn die Gewalttäter
die Offensive ergriffen, die Partei der Bolsdiewiki, die Kommunistische
Partei, war. (Beifall.) Wir wissen, daß sich unsere kommunistischen
Genossen im Kaukasus in einer besonders schwierigen Lage befanden,
weil sie ringsum von den Menschewiki verraten worden waren, die ein
direktes Bündnis mit den deutschen Imperialisten geschlossen hatten,
selbstverständlich unter dem Vorwand, die Unabhängigkeit Georgiens zu
verteidigen.
Sie wissen sehr wohl, daß sich diese Unabhängigkeit Georgiens als rein-
ster Betrug entlarvt hat - in Wirklichkeit bedeutet das Okkupation und
völlige Besitzergreifung von Georgien durch die deutschen Imperialisten,
ein Bündnis der deutschen Bajonette mit der menschewistischen Regierung
gegen die bolschewistischen Arbeiter und Bauern, und darum hatten unsere
Genossen in Baku tausendmal recht, als sie, ohne die Augen auch nur im
geringsten vor den Gefahren zu verschließen, die die Lage in sich barg,
sich sagten: Wir hätten nie etwas dagegen, mit einer imperialistischen
Macht Frieden zu schließen, auch wenn wir ihr einen Teil unseres Terri-
toriums abtreten müßten, wenn das für uns kein Rückschlag wäre, wenn
das unsere Truppen nicht durch ein Bündnis mit der Armee der Gewalt-
täter bände und uns nicht die Möglichkeit nähme, an unserer soziali-
stischen Umgestaltung weiter zu arbeiten.
Wenn jedoch die Dinge so liegen, daß man durch das Herbeirufen der
Engländer, angeblich zur Verteidigung Bakus, die Macht herbeiruft, die
heute ganz Persien verschluckt hat und die schon längst mit ihren mili-
tärischen Kräften auf der Lauer liegt, um sich des Südkaukasus zu be-
mächtigen, d. h., daß man sich dem englisch-französischen Imperialismus
ausliefert, so dürfen wir in diesem Fall auch nicht einen Augenblick schwan-
ken oder daran zweifeln, daß unsere Genossen, wie schwer ihre Lage in
Baku auch sein mag, durch die Ablehnung eines solchen Friedensschlusses
den einzigen Schritt getan haben, der eines Sozialisten würdig ist, eines
2 Lenin. Werke, Bd. 2S
W. I. Lenin
Sozialisten nicht in Worten, sondern in Taten. Die entschiedene Ab-
lehnung eines wie immer gearteten Übereinkommens mit den englischen
und französischen Imperialisten ist der einzig richtige Schritt der Bakuer
Genossen, denn man kann die Imperialisten unmöglich herbeirufen, ohne
die selbständige sozialistische Macht, und sei es auch auf einem abge-
schnittenen Territorium, zu einem Sklaven des imperialistischen Krieges
zu machen.
Darum gibt es bei uns keinerlei Zweifel über die Bedeutung der Bakuer
Ereignisse im gesamten Geschehen. Gestern traf die Meldung ein, daß ein
Teil der mittelasiatischen Städte von einem konterrevolutionären Auf-
stand erfaßt worden sei, bei dem die Engländer von ihren Positionen in
Indien aus ganz offensichtlich die Hand im Spiel haben. Mit der völligen
Unterwerfung Afghanistans haben sie sich schon längst einen Stützpunkt
geschaffen, sowohl um ihre kolonialen Besitzungen auszudehnen und die
Nationen zu unterjochen als auch für Überfälle auf Sowjetrußland. Und
jetzt, da wir die einzelnen Glieder dieser Kette deutlich erkennen, ist die
heutige militärische und allgemeine strategische Lage unserer Republik
völlig klar. Murman im Norden, die tschechoslowakische Front im Osten,
Turkestan, Baku und Astrachan im Südosten - wir sehen, daß fast alle
Glieder dieser von dem englisch-französischen Imperialismus geschmie-
deten Kette miteinander verbunden sind.
Wir sehen heute sehr wohl, daß die Gutsbesitzer, Kapitalisten und
Kulaken, die aus Gründen, welche für sie allerdings durchaus berechtigt
sind, die Sowjetmacht glühend hassen, nunmehr auch hier kaum in an-
deren Formen aufgetreten sind als die Gutsbesitzer, Kapitalisten und
Kulaken in der Ukraine und in den anderen von Rußland losgerissenen
Gebieten. Als Lakaien des englisch-französischen Imperialismus waren sie
zu allem bereit, um, koste es, was es wolle, gegen die Sowjetmacht alles
nur mögliche zu unternehmen. Mit den eigenen Kräften in Rußland konn-
ten sie das nicht tun, und sie beschlossen, nicht mit Worten, nicht mit
Appellen im Geiste der Herren Martow zu handeln, sondern sich auf
umfassendere Kampfmethoden, auf militärische Aktionen, zu verlegen.
Diesen Umstand müssen Sie vor allem im Auge behalten, darauf müssen
wir unsere ganze Agitation, unsere ganze Propaganda konzentrieren und
dementsprechend den Schwerpunkt unserer gesamten Arbeit in den
Sowjets verlagern. -
Rede in der gemeinsamen Sitzung am 29. Juli 1918
Der wichtigste Tatbestand ist, daß jetzt die imperialistischen Kräfte
einer anderen Koalition am Werke sind, nicht der deutschen, sondern der
englisch-französischen Koalition, die einen Teil unseres Territoriums be-
setzt hat und sich auf diese Gebiete stützt. Wenn die geographische Lage
sie bisher hinderte, Rußland auf direktem Wege zu überfallen, so ist jetzt
der englisch-französische Imperialismus, der nun schon seit vier Jahren
um der Weltherrschaft willen die ganze Erde mit Strömen von Blut über-
schwemmt, auf Umwegen unmittelbar an Rußland herangerückt, um die
Sowjetrepublik zu erdrosseln, um Rußland in den imperialistischen Krieg
zu stürzen. Genossen, Sie wissen sehr wohl, daß es seit Beginn der
Oktoberrevolution unser Hauptziel war, den imperialistischen Krieg zu
beenden, wir haben uns aber niemals Illusionen gemacht, daß man mit
den Kräften des Proletariats und der revolutionären Massen irgendeines
einzelnen Landes, wie heroisch sie auch gesinnt, wie vorzüglich sie auch
organisiert und diszipliniert sein mögen, daß man mit den Kräften des
Proletariats eines Landes den Weltimperialismus stürzen könnte - das
kann nur durch die gemeinsamen Anstrengungen des Proletariats aller
Länder geschehen.
Wir haben es aber erreicht, daß in einem Lande alle Bindungen mit den
Kapitalisten der ganzen Welt zerrissen wurden. Es gibt keinen einzigen
Faden, der unsere Regierung mit den Imperialisten verbindet, welche es
auch immer sein mögen, und es wird auch niemals solche Fäden geben,
auf welchem Wege auch unsere Revolution weiterschreitet. Wir haben es
erreicht, daß die revolutionäre Bewegung gegen den Imperialismus in den
8 Monaten, die wir an der Macht sind, kolossale Fortschritte gemacht hat
und daß es in einem der Hauptzentren des Imperialismus, in Deutschland,
im Januar 1918 zu einem bewaffneten Zusammenstoß kam, doch diese
Bewegung wurde blutig unterdrückt. Wir haben, wie in keinem einzigen
Lande keine einzige revolutionäre Regierung, unsere revolutionäre Arbeit
im internationalen, im Weltmaßstab getan, wir machten uns aber keine
Illusionen, daß unser Ziel mit den Kräften eines Landes erreicht werden
könne. Wir wußten, daß unsere Anstrengungen unausbleiblich zur Welt-
revolution führen werden und daß der Krieg, den die imperialistischen
Regierungen begonnen haben, unmöglich von diesen Regierungen beendet
werden kann. Beendet werden kann er nur durch die Anstrengungen des
gesamten Proletariats, und es war unsere Aufgabe, als wir, eine prole-
10
W. I. Lenin
tarisdie, kommunistische Partei, an die Macht gelangten, zu einer Zeit,
da in den anderen Ländern die kapitalistische bürgerliche Herrschaft noch
erhalten blieb - ich wiederhole, es war unsere vordringlichste Aufgabe,
diese Macht zu behaupten, damit von dieser Fackel des Sozialismus weiter-
hin möglichst viele Funken auf den sich verstärkenden Brand der soziali-
stischen Revolution fallen.
Diese Aufgabe war überall außerordentlich schwierig, und gelöst haben
wir sie, weil das Proletariat sich eben für den Schutz der Errungenschaften
der sozialistischen Republik eingesetzt hat. Diese Aufgabe hat zu einer
besonders ernsten und kritischen Lage geführt, weil die sozialistische
Revolution, im direkten Sinne dieses Wortes, noch in keinem anderen
Lande ausgebrochen ist, obwohl sie in Ländern wie Italien und Österreich
bedeutend näher heranrückte. Da sie aber immer noch nicht ausgebrochen
ist, so haben wir einen neuen Erfolg des englisch-französischen Imperialis-
mus und somit auch des Weltimperialismus zu verzeichnen. Während im
Westen der deutsche Imperialismus weiterhin als militärische, imperia-
listische Raubmacht steht, konnte sich im Nordosten und im Süden Ruß-
lands der englisch-französische Imperialismus festsetzen, der uns anschau-
lich vor Augen führt, daß er Rußland von neuem in den imperialistischen
Krieg hineinziehen will, daß er sich anschick t, Rußland - den selbstän-
digen sozialistischen Staat, der seine sozialistische Arbeit und Propa-
ganda in einem bisher in der Welt noch nie dagewesenen Ausmaß voran-
treibt - niederzuwerfen. Darin hat der englisch-französische Imperialis-
mus große Erfolge zu verzeichnen, und nachdem er uns mit einem Ring
umgeben hat, richtet er alle seine Anstrengungen darauf, Sowjetrußland
niederzuwerfen. Wir wissen sehr wohl, daß dieser Erfolg des englisch-
französischen Imperialismus unlöslich mit dem Klassenkampf verbun-
den ist.
Wir haben schon immer gesagt - und die Revolutionen bestätigen es -,
sobald es um die Grundlagen der ökonomischen Macht, der Macht der
Ausbeuter, um ihr Eigentum geht, das ihnen die Verfügungsgewalt über
die Arbeit von Millionen und aber Millionen Arbeitern und Bauern gibt,
das die Gutsbesitzer und Kapitalisten in den Stand setzt, sich zu be-
reichern, ich wiederhole, sobald es um das Privateigentum der Kapitalisten
und Gutsbesitzer geht, vergessen diese alle ihre Phrasen von Vaterlands-
liebe und Unabhängigkeit. Wir wissen sehr wohl, daß die Kadetten, die
Rede in der gemeinsamen Sitzung am 29. JüU 1918
rechten Sozialrevolutionäre und die Menschewiki in bezug auf Bündnisse
mit den imperialistischen Mächten, in bezug auf den Abschluß von räube-
rischen Verträgen und den Verrat des Heimatlandes an den englisch-
französischen Imperialismus jeden Rekord geschlagen haben. Ein Beispiel
hierfür sind die Ukraine' und Tiflis. Das Bündnis der Menschewiki und
der rechten Sozialrevolutionäre mit den Tschechoslowaken ist hierfür
bezeichnend genug. Und der Aufstand der linken Sozialrevolutionäre,
die um der Interessen der Weißgardisten von Jaroslawl willen die Rus-
sische Republik in den Krieg hineinziehen wollten 6 , zeigt hinlänglich klar,
daß die Bourgeoisie, geht es um ihre Klassenprofite, ihr Heimatland ver-
kauft und sich mit jeder beliebigen ausländischen Macht in Schacher-
geschäfte gegen ihr eigenes Volk einläßt. Die Geschichte der russischen
Revolution hat dies immer wieder bewiesen, nachdem die Geschichte der
Revolution in mehr als hundert Jahren uns gezeigt hat, daß dies das
Gesetz der Klasseninteressen, der Klassenpolitik der Bourgeoisie zu allen
Zeiten und in allen Ländern ist. Darum ist es nicht im geringsten ver-
wunderlich, daß die gegenwärtige Zuspitzung der internationalen Lage
der Sowjetrepublik mit einer Verschärfung des Klassenkampfes im Lande
verbunden ist.
Wir haben wiederholt gesagt, daß die Zeit vor der neuen Ernte in
dieser Hinsicht, hinsichtlich der Verschärfung der Emährungskrise, die
schwierigste ist. Rußland ist von der Geißel einer Hungersnot betroffen,
die sich unerhört verschärft hat, weil ja eben der Plan der imperialistischen
Räuber darauf hinausläuft, die Getreidegebiete von Rußland abzuschnei-
den. In dieser Hinsicht sind ihre Pläne durchaus richtig berechnet und
sehen vor, sich gerade in den getreidereichen Randgebieten eine soziale
Klassenstütze zu schaffen, Gebiete zu finden, in denen die Kulaken, die
reichen Bauern, vorherrschen, die aus dem Krieg Profit geschlagen haben
und von fremder Arbeit, von der Arbeit der Dorfarmut, leben. Wie Sie
wissen, haben diese Elemente Zehntausende und Hunderttausende von
Rubeln angehäuft und riesige Getreidevorräte angelegt. Sie wissen, daß
diese Leute, die aus der Not des Volkes Profit geschlagen haben, um so
mehr zu rauben und zur Erhöhung ihrer Profite Gelegenheit hatten, je
mehr das Volk in der Hauptstadt darbte - daß eben diese kulakischen
Elemente die hauptsächlichste und wichtigste Stütze der konterrevolutio-
nären Bewegung in Rußland bilden. Hier ist der Klassenkampf bis tief
12
W.I. Lenin
an seine Wurzeln vorgedrungen. Es gibt kein Dorf, in dem der Klassen-
kampf zwischen der Dorfärmut mitsamt dem Teil der Mittelbauern, die
keine Getreideüberschüsse haben, die ihr Korn längst verzehrt und sich
auch nicht am Schwarzhandel mit Getreide beteiligt haben - in dem der
Klassenkampf zwischen dieser überwältigenden Mehrheit der Werk-
tätigen und einem winzigen Häuflein von Kulaken nicht entbrannt wäre ;
dieser Klassenkampf ist in jedes Dorf eingedrungen.
Als wir unsere politischen Pläne festlegten und unsere Dekrete ver-
öffentlichten - gewiß sind sie dem weitaus größten Teil der Anwesenden
bekannt -, als wir, ich wiederhole, die Dekrete über die Organisation
der Dorf armut 7 abfaßten und durchführten, haben wir deutlich erkannt,
daß die Dinge zur entscheidenden, grundlegenden Frage der ganzen Revo-
lution treiben, zur entscheidenden, grundlegenden Frage, nämlich zur
Machtfrage, zur Frage, ob das Proletariat die Macht in seinen Händen
halten wird; ob es die gesamte Dorfarmut, mit der es keinerlei Meinungs-
verschiedenheiten hat, für sich gewinnen wird; ob es verstehen wird, die
Bauern, die mit ihm keine Differenzen haben, auf seine Seite zu ziehen,
und ob es diese ganze zersplitterte, vereinzelte, auf die Dörfer verstreute
Masse - die in dieser Hinsicht unter der städtischen Arbeiterschaft steht
ob es diese Masse vereinigen wird gegen das andere Lager, das Lager der
Gutsbesitzer, der Imperialisten und Kulaken?
Vor unser aller Augen begann sich die Dorfarmut ungeheuer rasch
zusammenzuschließen. Man sagt, die Revolution lehrt. Der Klassenkampf
lehrt tatsächlich an Hand der Praxis, daß alles Heuchlerische an der Stel-
lung irgendeiner Partei diese unverzüglich auf den Platz bringt, der ihr
zu Recht gebührt. Wir haben das anschaulich an der Politik der Partei der
linken Sozialrevolutionäre gesehen, die infolge ihrer Charakterlosigkeit
und Hirnlosigkeit zu einem Zeitpunkt zu schwanken begannen, als die
Emährungsfrage so akut wurde, und die Partei der linken Sozialrevolu-
tionäre ist als Partei verschwunden, nachdem sie zu einer Schachfigur der
Weißgardisten von Jaroslawl geworden war. (Beifall.)
Genossen, aus dieser Verschärfung des Klassenkampfes im Zusammen-
hang mit der Emährungskrise; zu einem Zeitpunkt, wo es feststeht, daß
wir die besten Emteaussichten haben, die Ernte jedoch nicht realisieren
können, zu einem Zeitpunkt, wo die Hungerqualen leidende Einwohner-
schaft Petrograds und Moskaus weiterhin dem Hunger preisgegeben wird
13
von den Kulakenelementen und der Bourgeoisie, die unter der Devise :
jetzt oder nie, die verzweifeltsten Anstrengungen madien - aus alledem
wird die Welle der Aufstände begreiflich, die sich über ganz Rußland
wälzt. Der Jaroslawler Aufstand war ausgebrochen, und wir sehen den
Einfluß der Engländer und Franzosen, wir sehen die Pläne der konter-
revolutionären Gutsbesitzer und der Bourgeoisie. Dort, wo die Getreide-
frage aufgeworfen wurde, ist die Realisierung des Getreidemonopols ge-
stört worden, ohne das es aber keinen Sozialismus geben kann. Gerade
in dieser Frage muß sich die Bourgeoisie zusammenfinden, darin hat sie
eine festere Stütze als der Bauer im Dorf. Aber auf jeden Fall, so oder so,
heute oder morgen, aus diesem oder jenem Anlaß, wird es. zum Entschei-
dungskampf zwischen den Kräften des Sozialismus und der bürgerlichen
Gesellschaft kommen. Irgendwelche Schwankungen kann es nur bei Sozia-
listen in Anführungszeichen geben, wie zum Beispiel bei unseren linken
Sozialrevolutionären. Wenn sich in dieser Frage, in dieser grundlegenden
Frage, bei Sozialisten Schwankungen bemerkbar madien, so zeigt das, daß
man es mit Sozialisten in Anführungszeichen zu tun hat, die keinen
Pfifferling wert sind. Die Revolution bringt solche Sozialisten dahin, daß
sie in Wirklichkeit zu bloßen Schachfiguren werden, mit denen die fran-
zösischen Generale spielen, zu solchen Schachfiguren, deren Rolle sich am
ehemaligen Zentralkomitee der ehemaligen Partei der linken Sozialrevolu-
tionäre gezeigt hat.
Genossen, diese vereinten Anstrengungen des englisch-französischen
Imperialismus und der konterrevolutionären russischen Bourgeoisie haben
dazu geführt, daß wir jetzt bei uns Bürgerkrieg haben, von einer Seite
her, von der ihn nicht alle erwartet, nicht alle klar erkannt haben, und
dieser Bürgerkrieg ist jetzt mit dem Krieg gegen die äußeren Feinde zu
einem untrennbaren Ganzen verschmolzen. Der Kulakenaufstand, der
Aufruhr der Tschechoslowaken, die Bewegung im Murmangebiet, das
alles ist ein Krieg, der über Rußland heraufzieht. Auf der einen Seite
haben wir uns aus dem Krieg herausgelöst und gewaltigen Schaden ge-
litten, als wir den unglaublich schweren Friedensvertrag schlossen. Wir
wußten, daß wir einen Gewaltfrieden eingehen, aber wir sagten uns, daß
wir unsere Propaganda und unseren Aufbau werden fortsetzen können
und dadurch die imperialistische Welt zersetzen werden. Wir haben das
zuwege gebracht. Deutschland unterhandelt jetzt darüber, wieviele Mil-
14
liarden es auf Grund des Brester Friedens Rußland abnehmen soll, aber
Deutschland hat alle von uns durch das Dekret vom 28. Juni 8 durchge-
führten Nationalisierungen anerkannt. Es hat nicht die Frage des Privat-
eigentums an Grund und Boden in der Republik aufgeworfen, das muß
man betonen entgegen den unerhörten Lügen, die von der Spiridonowa
und ähnlichen Führern der linken Sozialrevolutionäre verbreitet werden,
Lügen, die den Gutsbesitzern zugute kommen und die jetzt von den
dunkelsten und zurückgebliebensten Elementen der Schwarzhunderter
nachgeplappert werden; diese Lügen muß man widerlegen und entlarven.
In Wirklichkeit haben wir uns, wie schwer der Friedensvertrag für uns
auch sein mag, den freien sozialistischen Aufbau im Innern des Landes
erkämpft und sind auf diesem Wege so weit vorangekommen, daß dies
jetzt in Westeuropa bekannt wird und Propagandaelemente bildet, die
unermeßlich stärker sind als die früheren.
Nun liegen die Dinge so, daß wir, die wir uns kaum auf der einen Seite
aus dem Krieg mit der einen Koalition herausgelöst hatten, sofort dem
Ansturm des Imperialismus von der anderen Seite her ausgesetzt worden
sind. Der Imperialismus ist eine internationale Erscheinung, ist der Kampf
um die Aufteilung der ganzen Welt, der^ganzen Erde, und um ihre Unter-
werfung unter diese oder jene Handvoll Räuber. Jetzt wirft sich die an-
dere, die englisch-französische Gruppe von Räubern äuf uns und sagt:
Wir werden euch von neuem in den Krieg hineinziehen. Ihr Krieg ver-
schmilzt mit dem Bürgerkrieg zu einem einheitlichen Ganzen, und das
ist die Hauptquelle aller unserer Schwierigkeiten im gegenwärtigen Zeit-
punkt, wo die militärische Frage, die Kriegshandlungen, wieder als wich-
tigste, grundlegende Frage der Revolution auf der Tagesordnung steht.
Darin liegt die größte Schwierigkeit, denn das Volk ist kriegsmüde, ist
erschöpft durch den Krieg wie nie zuvor. Diesen durch den Krieg erzeug-
ten Zustand äußerster Qual und Erschöpfung des russischen Volkes möchte
ich mit dem Zustand eines Menschen vergleichen, den man halbtot ge-
schlagenhat und von dem man weder eine Regung von Tatkraft noch ein
Anzeichen von Arbeitsfähigkeit erwarten kann. So hat auch dieser nahezu
vierjährige Krieg, der über unser Land hereingebrochen war, ein Land,
das von Zarismus und Selbstherrschaft, von der Bourgeoisie und von
Kerenski ausgeplündert, gepeinigt und besudelt wurde, natürlich im rus-
sischen Volk aus vielerlei Gründen Widerwillen hervorgerufen und war
die größte Quelle all der gewaltigen Schwierigkeiten, die wir jetzt zu ver-
zeichnen halben.
Anderseits ließ eine solche Wendung der Ereignisse alles auf einen
ganz bestimmten Krieg hinauslaufen. Wir sind wieder in einen Krieg
hmeingeraten, wir befinden uns im Krieg, und dieser Krieg ist nicht nur
ein Bürgerkrieg gegen die Kulaken, die Gutsbesitzer und die Kapitalisten,
die sich nun gegen uns vereinigt haben - nein, jetzt tritt uns schon der
englisch-französische Imperialismus entgegen; er ist zwar noch nicht in
der Lage, seine Heeresmassen gegen Rußland einzusetzen, daran hindern
ihn die geographischen Gegebenheiten, aber er tut alles, was er kann, um
unseren Feinden mit all seinen Millionen, seinen diplomatischen Ver-
bindungen und Kräften zu helfen. Wir befinden uns im Kriegszustand,
und diesen Krieg können wir siegreich beenden. Aber hierbei müssen wir
gegen einen Feind kämpfen, der mit am schwersten zu überwinden ist:
wir müssen ankämpfen gegen den Zustand der Kriegsmüdigkeit, gegen
den Widerwillen und denAbsdieu vor dem Krieg; diesen Zustand müssen
wir überwinden, denn anders werden wir die Frage nicht lösen, die nicht
von uns abhängt - die militärische Frage. Unser Land ist wieder in einen
Krieg hineingeraten, und der Ausgang der Revolution hängt jetzt völlig
davon ab, wer in diesem Krieg siegen wird, als dessen Hauptrepräsen-
tanten die Tschechoslowaken äuftreten, dessen wirkliche Führer, Inspira-
toren und Drahtzieher aber die englischen und französischen Imperiali-
sten sind. Die ganze Frage des Fortbestehens der Russischen Sozialistischen
Föderativen Sowjetrepublik, die- ganze sozialistische Revolution in Ruß-
land läuft auf die militärische Frage hinaus. Darin liegt, bei dem Zustand,
in den das Volk durch den imperialistischen Krieg versetzt worden ist;
die Ursache der gewaltigen Schwierigkeiten. Unsere Aufgabe steht ganz
klar vor uns. Jede Täuschung wäre von größtem Schaden; diese bittere
Wahrheit vor den Arbeitern und Bauern zu verheimlichen, halten wir für
ein Verbrechen. Im Gegenteil, soll jedermann diese Wahrheit so klar- und
deutlich wie nur irgend möglich kennen.
Jawohl, bei uns hat es Fälle gegeben, wo unsere Truppen eine geradezu
sträfliche Schwäche zeigten, so zum Beispiel bei der Einnahme von Sim-
birsk durch die Tschechoslowaken, als unsere Truppenteile zurückgingen;
wir wissen, die Truppen sind kriegsmüde, sie verabscheuen den Krieg,
aber ebenso natürlich und unvermeidlich ist es, daß der Imperialismus,
16
W.I. Lenin
solange er nicht im Weltmaßstab eine Niederlage erlitten hat, weiter ver-
suchen wird, Rußland in den imperialistischen Krieg hineinzuziehen, es
zum Schlachtfeld zu machen. Ob wir wollen oder nicht, die Frage ist so
gestellt: Wir stehen in einem Krieg, und das Schicksal der Revolution wird
durch den Ausgang dieses Krieges entschieden. Das muß das A und O
unserer Agitation werden, unserer gesamten politischen, revolutionären,
umgestaltenden Tätigkeit. Wir haben in kurzer Zeit so viel getan, doch
alles das muß zu Ende geführt werden. Unsere gesamte Tätigkeit muß
voll und ganz der Frage untergeordnet werden, von der jetzt das Schicksal
der Revolution und ihr Ausgang, das Schicksal der russischen Revolution
und der Weltrevolution, abhängt. Gewiß, der Weltimperialismus wird aus
diesem Krieg nicht ohne eine Reihe von Revolutionen herauskommen
können : anders als mit dem Endsieg des Sozialismus wird dieser Krieg
nicht enden. Doch unsere Aufgabe ist es jetzt, diese sozialistische Kraft,
diese sozialistische Fackel, diesen in der ganzen Welt aktiv wirkenden
Quell des Sozialismus zu unterstützen. Wir dürfen ihn nicht versiegen
lassen und müssen ihn bewahren. Diese Aufgabe ist bei dem jetzigen
Stand der Dinge eine militärische Aufgabe.
Wir haben uns schon wiederholt in einer solchen Lage befunden, und
manch einer hat gesagt, wie teuer uns auch der Frieden zu stehen kam,
wie viele- Opfer er auch von uns gefordert hat, wie sehr sich auch der
Feind bemüht, uns immer noch ein weiteres Stück Land fortzunehmen,
trotz allem genießt Rußland einstweilen noch den Frieden und kann seine
sozialistischen Errungenschaften festigen. Auf diesem Weg sind wir sogar
weiter gekommen, als manch einer von uns sich das vorgestellt hat. Unsere
Arbeiterkontrolle zum Beispiel ist längst über ihre ursprünglichen For-
men hinausgewachsen, und wir sind gerade dabei, die staatliche Verwal-
tung sozialistisch umzugestalten. Wir sind in unserer praktischen Arbeit
weit vorangekommen. Bei uns wird die Industrie schon völlig von den
Arbeitern geleitet, doch haben uns die Umstände nicht die Möglichkeit
gegeben, die Arbeit friedlich weiteizuführem; sie haben uns von neuem
in Kriegszustand versetzt, und wir müssen all unsere Kräfte anspannen
und alle zu den Waffen rufen. Es wäre eine Schande, träfen wir unter
den Kommunisten irgendwelche Schwankungen in dieser Frage an.
Schwankungen unter den Bauern wundem uns nicht. . Die bäuerliche
Masse ist nicht durch eine solche Schule des Lebens gegangen wie das
Rede in der gemeinsamen Sitzung am 29. Juli 1918
17
Proletariat, das jahrzehntelang gewohnt war, im Kapitalisten seinen
Klassenfeind zu sehen, und es verstand, seine Kräfte zum Kampf gegen
ihn zusammenzuschließen. Wir wissen, daß die Bauern keine solche Uni-
versität durchgemacht haben. Eine Zeitlang gingen sie zusammen mit dem
Proletariat, jetzt ist bei ihnen eine Periode der Schwankungen zu beobach-
ten, in der sich die bäuerliche Masse spaltet. Uns sind eine Unmenge
von Fällen bekannt, wo die Kulaken den Bauern Getreide unter den festen
Preisen verkaufen, um den Eindruck zu erwecken, als verteidigten sie die
Interessen dieser Bauern. Das alles wundert uns nicht. Doch der kommu-
nistische Arbeiter wird nicht schwankend werden, die Arbeitermasse wird
sich als fest und unerschütterlich erweisen, und wenn die Bauernschaft
kulakisch gestimmt ist, so ist das leicht erklärlich. Dort, wo die Bolsche-
wiki nicht an der Macht sind und die Tschechoslowaken herrschen, konn-
ten wir folgende Erscheinung beobachten: Anfangs begrüßt man die
Tschechoslowaken beinahe als Befreier, aber nach einigen Wochen Herr-
schaft dieser Bourgeoisie macht sich an gewaltiger Umschwung gegen die
Tschechoslowaken, für die Sowjetmacht bemerkbar, weil die Bauern zu
begreifen beginnen, daß alles Gerede vom freien Handel und von der
Konstituierenden Versammlung nur eins bedeutet: die Macht der Guts-
besitzer und Kapitalisten.
Unsere Aufgabe ist es, die proletarischen Reihen noch enger zusammen-
zuschließen und die Arbeit so zu organisieren, daß in den nächsten Wochen
alle Kräfte für die Lösung der militärischen Frage eingesetzt werden
können. Wir stehen jetzt im Krieg gegen den englisch-französischen Im-
perialismus und gegen alles, was in Rußland bürgerlich, kapitalistisch ist,
gegen alles, was das ganze Werk der sozialistischen Revolution zunichte
machen und uns in den Krieg hineinziehen will. Die Dinge liegen so, daß
alle Errungenschaften der Arbeiter und Bauern auf dem Spiel stehen. Wir
müssen überzeugt sein, daß wir im Proletariat weite Sympathie und
Unterstützung finden, daß die Gefahr völlig abgewendet werden wird
und daß immer neue Reihen des Proletariats zur Verteidigung ihrer Klasse,
zur Rettung der sozialistischen Revolution in den Kampf ziehen werden.
Heute liegen die Dinge so, daß der Kampf um zwei Hauptpunkte geht,
alle grundlegenden Unterschiede zwischen den Parteien haben sich im
Feuer der Revolution verwischt. Der linke Sozialrevolutionär, der immer
wieder herausstreicht, daß er ein Linker sei, der sich hinter revolutionären
18
W. I. Lenin
Phrasen versteckt, in Wirklichkeit aber gegen die Sowjetmacht rebelliert,
ist ebenso ein Söldling der Jaroslawler Weißgardisten, und als solcher
steht er da vor der Geschichte und dem revolutionären Kampf! Jetzt
stehen in der Kampfarena nur zwei Klassen: es tobt der Klassenkampf
zwischen dem Proletariat, das die Interessen der Werktätigen verficht,
und jenen, welche die Interessen der Gutsbesitzer und Kapitalisten ver-
teidigen. Alles Gerede von der Konstituierenden Versammlung, dem un-
abhängigen Staat u. a„ womit man die unaufgeklärten Massen zu be-
trügen versucht, ist durch die Erfahrung mit der tschechoslowakischen
Bewegung und der Bewegung der kaukasischen Menschewiki entlarvt wor-
den. Hinter all diesem Gerede stehen ein und dieselben Kräfte der Guts-
besitzer und Kapitalisten, und genauso, wie die deutsche Okkupation die
Macht der Gutsbesitzer und Kapitalisten mit sich bringt, bringt auch der
tschechoslowakische Aufruhr diese Macht mit sich. Das ist es, worum der
Krieg geht!
Genossen! Die Reihen des Proletariats müssen sich noch enger zu-
sammenschließen und in diesem Kampf ein Musterbeispiel an Organi-
siertheit und Disziplin geben. Rußland bleibt nach wie vor das einzige
Land, das alle Bindungen mit den Imperialisten zerrissen hat. Gewiß,
wir bluten aus diesen schweren Wunden. Wir sind vor der imperiali-
stischen Bestie zurückgewichen, um Zeit zu gewinnen, und versetzen ihr
bald hier, bald da einzelne Schläge, aber als Sozialistische Sowjetrepublik
sind wir selbständig geblieben. Durch unsere sozialistische Arbeit stellten
wir uns gegen den Weitimperialismus, und dieser Kampf wird den Arbei-
tern der ganzen Welt immer mehr verständlich, und ihre wachsende
Empörung läßt die künftige Revolution immer näher und näher rücken.
Darum eben geht der Kampf, denn unsere Republik ist das einzige Land
in der Welt, das nicht mit dem Imperialismus zusammenging, das nicht
zuließ, daß Millionen Menschen um der Weltherrschaft der Franzosen
oder der Deutschen willen erschlagen werden. Unsere Republik ist das
einzige Land, das auf gewaltsamem und revolutionärem Wege aus dem
imperialistischen Weltkrieg ausgeschieden ist, das das Banner der soziali-
stischen Revolution entrollt hat; aber von neuem zerrt man unser Land
in den imperialistischen Krieg, von neuem will man es an die Front wer-
fen. Sollen sich die Tschecfaoslo waken mit den Deutschen schlagen, soll die
russische Bourgeoisie wählen, soll Miljukow, vielleicht sogar im Einver-
ständnis mit der Spiridonowa und mit Kamkow, darüber entscheiden, mit
welchen Imperialisten sie Zusammengehen. Wir aber erklären, daß wir,
um zu verhindern, daß diese Frage entschieden wird, bereit sein müssen,
unser Leben hinzugeben, denn es geht um die Rettung der ganzen sozia-
listischen Revolution. (Beifall.) Ich weiß, daß sich bei den Bauern in
den Gouvernements Saratow, Samara und Simbirsk, wo die größte Kriegs-
müdigkeit herrschte und die Bauern sich zu Kampfhandlungen unfähig
zeigten, ein Umschwung anbahnt. Sie, die den Einfall der Kosaken und
derTschechoslowaken am eigenen Leibe verspürt haben, die sich praktisch
davon überzeugen konnten, was es mit der Konstituierenden Versamm-
lung oder mit dem Geschrei: Nieder mit dem Brester Frieden, auf sich
hat, sie haben gesehen, wozu das alles führt: der Gutsbesitzer kehrt zu-
rück, der Kapitalist setzt sich auf den Thron - und sie werden jetzt die
leidenschaftlichsten Verteidiger der Sowjetmacht. Ich hege nicht den leise-
sten Zweifel, daß die proletarischen Massen Petrograds und Moskaus,
die an der Spitze der Revolution marschieren, die Umstände begreifen
werden, daß sie begreifen werden, wie gefährlich die augenblickliche
Situation ist. Sie werden noch entschlossener Vorgehen, und das Prole-
tariat wird sowohl die englisch-französische als auch die tschechoslowa-
kische Offensive Zurückschlagen, im Interesse der sozialistischen Revolu-
tion. (Beifall.) .
Veröffentlicht 1919 in dem Buch Nach dem Text des Buches, ver-
„ Die fünfte Wahlperiode des glichen mit dem Stenogramm.
Gesamtrussischen ZEK. Steno-
grafischer Bericht", Moskau.
REDE IN DER KONFERENZ
DER VORSITZENDEN DER GOUVERNEMENTS-
SOWJETS 9
30. JULI 1918
Zeitungsbericht
Genossen! Sie sind alle mit Verwaltungsarbeit beschäftigt, die bei uns
im Rat der Volkskommissare eine dominierende Stellung einnimmt. Es
ist ganz natürlich, daß Sie mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.
In den meisten Gouvernements-Exekutivkomitees kann man beobachten,
daß die Volksmassen endlich selbst an die Verwaltungsarbeit herangehen.
Schwierigkeiten sind allerdings unvermeidlich. Einer der Hauptmängel
bestand darin, daß wir bisher noch wenig Praktiker aus Arbeiterkreisen
herangezogen haben. Wir haben aber niemals daran gedacht, den alten
Apparat an die neue Verwaltung anzupassen, und wir bedauern nicht, daß
mit der Beseitigung des Alten alles unter so vielen Schwierigkeiten neu
aufgebaut werden muß. Die Arbeiter- und Bauernmassen verfügen über
weitaus mehr Talente für das Aufbauwerk als zu erwarten war. Wir rech-
nen es der Revolution gerade als Verdienst an, daß sie den alten Ver-
waltungsapparat hinweggefegt hat, müssen uns aber zugleich darüber im
klaren sein, daß der Hauptmangel der Massen in ihrer Zaghaftigkeit be-
steht, darin, daß sie fürchten, die Arbeit in die eigene Hand zu nehmen.
In einigen Gouvemementssowjets herrschte bisher noch Unordnung;
jetzt aber kommt die Arbeit immer mehr in Fluß, und die Nachrichten
aus vielen Orten besagen, daß es keine Mißverständnisse und Konflikte
mehr gibt. Obwohl erst 8 Monate verflossen sind, hat die russische Revo-
lution bewiesen, daß die neue Klasse, die die Regierung in ihre Hand
genommen hat, fähig ist, ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Ungeachtet
des Mangels an Kräften kommt der Verwaltungsapparat mehr und mehr
in Gang. Unser Aufbau befindet sich noch in einem solchen Stadium, daß
noch keine bestimmten Resultate zu sehen sind, worauf die Gegner auch
Rede in der Konferenz der Vorsitzenden der Gouvemementssomjets 21
häufig hinweisen; aber trotzdem ist schon viel getan worden. Der Über-
gang des Grund und Bodens und der Industrie in die Hände der Werk-
tätigen, der Produktenaustausch und die Lebensmittelversorgung werden
trotz ungewöhnlicher Schwierigkeiten verwirklicht. Die werktätigen Mas-
sen müssen zu selbständiger Arbeit bei der Leitung und dem Aufbau des
sozialistischen Staates herangezogen werden. Nur in der Praxis werden
sich die Massen davon überzeugen, daß mit der alten Ausbeuterklasse
vollständig Schluß gemacht worden ist.
Unsere vordringlichste Aufgabe ist die Verwaltung, Organisation und
Kontrolle. Das ist eine undankbare Kleinarbeit, aber gerade dabei werden
sich die wirtschaftlichen und administrativen Fähigkeiten der Arbeiter und
Bauern immer erfolgreicher entfalten.
Im weiteren Verlauf seiner Rede geht Genosse Lenin auf die neue
Verfassung 10 ein und verweist darauf, daß in diese Verfassung all das
aufgenommen wurde, was das Leben bereits gezeitigt hat, und daß sie
durch ihre praktische Anwendung korrigiert und ergänzt werden wird.
Das Wichtigste an der Verfassung ist, daß sich die Sowjetmacht endgültig
von der Bourgeoisie abgrenzt und diese von jeder Beteiligung am Aufbau
des Staates ausschließt.
Von der Sowjetregierung zur Leitung des Landes berufen, konnten
sich die Arbeiter- und Bauemmassen, denen das so lange verwehrt war,
nicht den Wunsch versagen, den Staat auf Grund eigener Erfahrung auf-
zubauen. Die Losung „Alle Macht den Sowjets!“ hat dazu geführt, daß
man draußen im Lande die Erfahrungen beim Aufbau des Staates aus
den eigenen Fehlem sammeln wollte. Eine solche Übergangsperiode war
unerläßlich und hat gute Ergebnisse gezeitigt. An diesen separatistischen
Bestrebungen war viel Gesundes und Gutes im Sinne einer schöpferischen
Aktivität. Die Sowjetverfassung hat das Verhältnis der Machtorgane der
Amtsbezirke zu denen der Kreise, der Kreisorgane zu den Gouveme-
mentsorganen und dieser zur Zentralregierung geklärt.
Im weiteren verweist Genosse Lenin darauf, daß nur ein nach einem
großen allgemeinen Plan vorgenommener Aufbau, der sich die gleich-
mäßige Ausnutzung der ökonomischen und wirtschaftlichen Werte zur
Aufgabe stellt, verdient, sozialistisch genannt zu werden. Die Sowjetmacht
beabsichtigt ganz und gar nicht, die örtlichen Machtorgane in ihrer Be-
deutung zu schmälern und ihre Selbständigkeit und Initiative zu unter-
22
W. I. Lenin
drücken. Daß der Zentralismus notwendig ist, hat auch die Bauernschaft
selbst auf Grund eigener Erfahrungen erkannt.
Sowie die Verfassung bestätigt ist und man sie in die Praxis umsetzen
wird - setzt Genosse Lenin seine Ausführungen fort wird in unserem
Staatsaufbau eine leichtere Periode beginnen. Aber leider fällt es uns
jetzt schwer, uns mit ökonomischen Fragen, mit der Wirtschafts- und
Agrarpolitik zu beschäftigen. Wir sind gezwungen, diese Fragen zu ver-
nachlässigen und unsere ganze Aufmerksamkeit auf die elementaren Auf-
gaben - auf die Emährungsfrage - zu konzentrieren. In den Hunger-
gouvernements befindet sich die Arbeiterklasse in einer äußerst schwie-
rigen Lage. Wir müssen so oder so alle Anstrengungen machen, um die
Ernährungs- und die anderen damit zusammenhängenden Schwierigkeiten
bis zur neuen Ernte zu überwinden.
Dazu kommen noch die Aufgaben militärischer Natur. Es ist Ihnen
bekannt, wie die tschechoslowakische Bewegung, von dem englisch-fran-
zösischen Imperialismus finanziert und angestiftet, Rußland im Halbkreis
umklammert. Sie wissen auch, daß sich die konterrevolutionäre Bour-
geoisie und die kulakische Bauernschaft dieser Bewegung anschließen. Wie
die Meldungen aus den verschiedenen Orten zeigen, haben die Nieder-
lagen, die Sowjetrußland in der letzten Zeit erlitten hat, die Arbeiter und
die revolutionäre Bauernschaft in der Praxis davon überzeugt, daß außer
der Kontrolle; außer dem Aufbau des Staate auch eine Kontrolle auf
militärischem Gebiet notwendig ist.
Ich bin überzeugt, sagt Genosse Lenin abschließend, daß es in Zukunft
besser vorangehen wird. Ich bin überzeugt, daß die Gouvernements-
Exekutivkomitees, wenn sie mit Hilfe der Bauernschaft eine Organisation
zur Kontrolle über den Kommandobestand ins Leben rufen, eine starke
sozialistische Armee schaffen werden. Schließlich haben die Erfahrungen
der Revolution die Arbeiterklasse und die Klasse der ausgebeuteten
Bauernschaft gelehrt, daß es notwendig ist, zu den Waffen zu greifen.
Die Bauern und Arbeiter haben begreifen gelernt, daß es außer der Er-
oberung des Grund und Bodens, der Einführung der Kontrolle usw. not-
wendig ist, die Armee zu leiten. Wenn sie nun ihre Arbeit auf das
militärische Gebiet konzentrieren, werden sie erreichen, daß die von ihnen
geschaffene Armee in vollem Maße den N amen einer sozialistischen Armee
zu tragen verdient und erfolgreich mit der konterrevolutionären Bour-
Rede in der Konferenz der Vorsitzenden der Gouvemementssomjets 23
geoisie und mit den Imperialisten kämpfen wird bis zu dem Zeitpunkt,
da das internationale revolutionäre Proletariat zu Hilfe kommt. (Die
Worte des Genossen Lenin gehen im stürmischen Beifall
aller Konferenzteilnehmer unter.)
Jsmestija WZIK “ Nr. 161.
31. Juli 1918.
Nach dem Text der
Jsroestija WZIK“.
24
REDE AUF EINER KUNDGEBUNG
DES WARSCHAUER REVOLUTIONÄREN REGIMENTS
2. AUGUST 191 8 11
Zeitungsbericht
(Im Saal erscheint Genosse Lenin, begrüßt von begei-
stertem Beifall und den machtvollen Klängen der „In-
ternationale“.) Ich denke, sagt Genosse Lenin, wir alle, die polnischen
wie die russischen Revolutionäre, sind heute von dem einen Wunsch be-
seelt, alles zu tun, um die Errungenschaften der ersten großen sozialisti-
schen Revolution, der unweigerlich eine Reihe von Revolutionen in an-
deren Ländern folgen werden, zu verteidigen. Die Schwierigkeit für uns
besteht eben darin, daß wir genötigt waren, bedeutend früher zu beginnen
als die Arbeiter in kulturell höher stehenden, zivilisierteren Ländern.
Den Weltkrieg haben die Kräfte des internationalen Kapitals herauf-
beschworen - zwei Koalitionen räuberischer Mächte. Vier Jahre wird nun
schon in der Welt das Blut in Strömen vergossen, um zur Entscheidung zu
kommen, welche von diesen beiden räuberischen Imperialistengruppen
auf der Erde herrschen soll. Unser Gefühl, unser Empfinden sagt uns,
daß der verbrecherische Krieg weder mit dem Sieg der einen noch der
anderen Seite enden kann. Mit jedem Tag wird es klarer, die Imperia-
listen können dem Krieg kein Ende bereiten, das kann nur die siegreiche
proletarische Revolution. Und je schwieriger jetzt die Lage der Arbeiter
in allen Ländern wird, je wütender man das freie proletarische Wort ver-
folgt, desto größer wird die Verzweiflung der Bourgeoisie, denn sie kann
der anwachsenden Bewegung nicht mehr Herr werden. Wir sind zeit-
weilig von den Hauptkräften der sozialistischen Armee getrennt, die voll
Hoffnung auf uns schauen und ihrer Bourgeoisie zurufen : Ihr könnt noch
so wüten, wir werden trotzdem dem russischen Beispiel folgen und es so
machen, wie es die russischen Bolschewiki getan haben.
Rede auf einer Kundgebung des Warschauer revolutionären Regiments 25
Wir wollten den Frieden, fährt Genosse Lenin fort. - Eben weil Sowjet-
rußland der ganzen Welt den Frieden angeboten hatte, ließ man im
Februar die deutschen Truppen gegen uns marschieren. Jetzt haben wir
uns mit eigenen Augen davon überzeugt, daß die eine Imperialistengruppe
um nichts besser ist als die andere. Die eine wie die andere hat gelogen
und lügt weiter, sie führe einen Befreiungskrieg. Wie sich vor einiger
Zeit das räuberische Deutschland durch die ganze Schande des Brester
Friedens entlarvt hat, so entlarvt sich jetzt das englisch-französische Kapi-
tal. Die Engländer und Franzosen machen jetzt die äußersten Anstren-
gungen, um uns in den Krieg hineinzuziehen. Sie haben sich jetzt - durch
ihre Generale und Offiziere - für 15 Millionen neue Sklaven gekauft,
die Tschechoslowaken, um sie in ein Abenteuer zu stürzen, um den
tschechoslowakischen Aufruhr zu einer Bewegung der Weißgardisten und
Gutsbesitzer zu machen. Und das Seltsame dabei ist, dies alles geschieht
um der „Verteidigung“ Rußlands willen. Die „freiheitliebenden“ und „ge-
rechten“ Engländer packen jeden an der Gurgel, sie besetzen das Murman-
gebiet, englische Kreuzer nähern sich Archangelsk und beschießen die
Küstenbatterien - und das alles um der „Verteidigung“ Rußlands willen.
Es ist vollkommen klar, daß sie Rußland mit einem Ring imperialistischer
Räuber umgeben und es abwürgen wollen, weil es ihre Geheimverträge
entlarvt und durchkreuzt hat.
Unsere Revolution hat es erreicht, daß die Arbeiter Englands und
Frankreichs als Ankläger ihrer Regierungen auftreten. In England, wo
Burgfrieden herrschte und der Widerstand der Arbeiter gegen den Sozia-
lismus am stärksten war, weil sie an der Ausplünderung der Kolonien
teilhatten, wenden sich jetzt die Arbeiter vom Burgfrieden mit der Bour-
geoisie ab und brechen ihn.
Die französischen Arbeiter verurteilen die Politik der Einmischung in
die russischen Angelegenheiten. Deshalb setzen die Kapitalisten dieser
Länder alles auf eine Karte.
Allein die Tatsache, daß es ein Sowjetrußland gibt, daß es lebt, ver-
setzt sie in Empörung.
Wir wissen, daß der Krieg seinem Ende zugeht; wir wissen, daß die
Imperialisten ihn nicht werden beenden können; wir wissen, daß wir einen
zuverlässigen Bundesgenossen haben, deshalb müssen wir alle Kräfte an-
spannen und die äußersten Anstrengungen machen. Entweder die Macht
26
W. I. Lenin
der Kulaken, Kapitalisten und des Zaren, wie das bei den mißlungenen
Revolutionen im Westen der Fall war, oder die Macht des Proletariats.
Wenn ihr an die Front geht, müßt ihr vor allem stets daran denken, daß
dies der einzig legitime, gerechte, geheiligte Krieg der Unterdrückten und
Ausgebeuteten gegen die Unterdrücker und Räuber ist.
Das Bündnis von Revolutionären verschiedener Nationen, wovon die
Besten der Menschheit geträumt haben, ein echtes Bündnis von Arbeitern
und nicht von intelligenzlerischen Träumern, ist jetzt im Entstehen be-
griffen.
Die Überwindung nationalen Haders und Mißtrauens ist die Gewähr
für den Sieg.
Euch ist die große Ehre zuteil geworden, mit der Waffe in der Hand
die heiligen Ideen zu verteidigen, im Kampfe Schulter an Schulter mit
den Deutschen, Österreichern und Madjaren, die euch gestern noch an
der Front als Feinde gegenüberstanden, die internationale Brüderlichkeit
zwischen den Völkern praktisch herbeizuführen.
Ich bin überzeugt. Genossen, wenn ihr alle militärischen Kräfte zu
einer mächtigen internationalen Roten Armee zusammenschließt und diese
eisernen Bataillone gegen die Ausbeuter in Marsch setzt, gegen die Gewalt-
täter, gegen die Schwarzhundertschaften der ganzen Welt unter dem
Kampfruf „Sieg oder Tod!“ - dann hält uns keine Macht der Imperia-
listen stand! (Die letzten Worte der Rede des geliebten
Führers gehen in anhaltendem, stürmischem Beifall
unter.)
Veröffentlicht am 3. August 1918 Nach dem Text der Zeitung.
in den „Wetschemife Ismestija
Moskomskomo Somjela" (Abende
ausgabe der Nachrichten des
Moskauer Sowjets) Nr. 15.
27
REDE AUF EINER KUNDGEBUNG
IM BUTYRKI- STADTBEZIRK
2. AUGUST 1918
Zeitungsbericht
Genossen! Heute finden in allen Teilen Moskaus Versammlungen statt,
in denen überdas Schicksal des sozialistischen Rußlands gesprochen wird . a
Die Feinde Sowjetrußlands umgeben uns mit einem engen eisernen
Ring, sie wollen den Arbeitern und Bauern alles nehmen, was ihnen die
Oktoberrevolution gebracht hat. Das hocherhobene Banner der russischen
sozialen Revolution läßt den internationalen Räubern, den Imperialisten,
keine Ruhe, und so sind sie gegen uns, gegen die Sowjetmacht, die Macht
der Arbeiter und Bauern, in den Krieg gezogen.
Ihr erinnert euch, Genossen, wie zu Beginn der Revolution die Fran-
zosen und die Engländer immer wieder versicherten, sie wären „Verbün-
dete“ des freien Rußlands. Jetzt haben diese „Verbündeten" ihr wahres
Gesicht gezeigt. Mit Lug und Trug haben diese Leute, die da sagten, sie
wollten keinen Krieg gegen Rußland führen, die Murmanküste besetzt,
dann haben sie Kern eingenommen und damit begonnen, unsere Genossen,
die Sowjetfunktionäre, zu erschießen. Natürlich, sie kämpfen nicht gegen
die russische Bourgeoisie, nicht gegen die russischen Kapitalisten, aber den
Sowjets, den Arbeitern und Bauern, haben sie den Krieg erklärt.
Die französische und die russische Bourgeoisie hat in den Tschecho-
slowaken aktive Helfer gefunden - diese korrupten Elemente sind natür-
lich nicht uneigennützig gegen uns in den Krieg gezogen, und wir wissen
auch, wessen Millionen die Tschechoslowaken in den Krieg gegen die
Sowjetmacht getrieben haben; das englische und französische Gold hat sie
auf uns gehetzt. Aber auch außer den Tschechoslowaken haben sich Leute
gefunden, die nicht abgeneigt wären, die Sowjetmacht zu vernichten: zu-
sammen mit den Tschechoslowaken wärmen sich auch unsere „Retter des
28
W. I. Lenin
Vaterlands“, Dutow, Alexejew u. a., an dem englischen und französischen
Gold und warten nun auf den russischen Goldregen. Die Sowjetmacht
hat viele Feinde. Stehen wir aber allein da. Genossen?
Ihr erinnert euch, daß es im Januar, als die Flamme der sozialen Revo-
lution eben im Auflodern war, in Deutschland schon zu einem Massen-
streik kam; jetzt, nach acht Monaten, sehen wir Massenstreiks schon in
verschiedenen Ländern: Massenstreik der Arbeiter in Österreich, in Ita-
lien streiken unsere Genossen ebenfalls. Das Ende der Bedränger der
Werktätigen ist nahe. Die Imperialisten aller Länder graben sich selbst
ihr Grab.
Weil sie sich gegenseitig ausplündem wollen, geht der Krieg weiter. In
diesem Raubkrieg sind zwei Giftschlangen aneinander geraten: der eng-
lisch-französische und der deutsche Imperialismus. Um ihres Vorteils,
um des Sieges des einen oder des anderen willen, mußten schon 10 Mil-
lionen Bauern und Arbeiter ihr Leben lassen, und 20 Millionen wurden
zu Krüppeln; viele Millionen sind mit der Herstellung der Todeswaffen
beschäftigt. In allen Ländern werden die kräftigsten und gesündesten
Männer zum Heeresdienst eingezogen, die Blüte der Menschheit geht
zugrunde . . . Und wofür? Damit der eine dieser Aasgeier über den an-
deren siege . . .
Die Sowjetmacht hat erklärt: Wir wollen keinen Krieg, weder gegen
die Deutschen noch gegen die Engländer und Franzosen; wir wollen nicht
Menschen umbringen, die Arbeiter und Bauern sind wie wir. Für uns
sind sie keine Feinde. Wir haben einen anderen Feind - die Bourgeoisie,
sei es die deutsche, die französische oder die russische, die sich jetzt mit
der englischen und französischen Bourgeoisie verbündet hat.
In allen Ländern erschallen unsere Losungen, wird unser revolutionäres
Banner entrollt. In Amerika - in diesem Land, das früher das freieste
Land der Welt genannt wurde - sind die Gefängnisse überfüllt mit
Sozialisten; in Deutschland finden die Worte des österreichischen Sozia-
listen Friedrich Adler: „Richtet eure Bajonette nicht gegen die russischen
Arbeiter und Bauern, sondern gegen eure eigene Bourgeoisie“ unter den
Arbeitern und Soldaten weite Verbreitung . . . Noch ist das Ende des von
den Kapitalisten angezettelten Völkermordens nicht abzusehen. Je mehr
Siege Deutschland erringt, desto mehr Räuber gleich ihm schließen sich
der anderen Seite an, und jetzt steht neben den Engländern und Franzosen
Rede auf einer Kundgebung im Butyrlii-Stadtbezirk 29
auch schon Amerika im Krieg. Dem Krieg werden nur die Arbeiter ein
Ende setzen : die Weltrevolution wird unvermeidlich kommen. In Deutsch-
land hat schon eine „defätistische“ Bewegung begonnen, so wie wir sie
bei uns hatten; in Italien und in Österreich kommt es zu Massenstreiks;
in Amerika werden Massenverhaftungen von Sozialisten vorgenommen.
Und im bangen Vorgefühl ihres Untergangs machen die Kapitalisten und
Gutsbesitzer die äußersten Anstrengungen, um die revolutionäre Be-
wegung abzuwürgen. Die russischen Kapitalisten strecken den englischen
und französischen Kapitalisten und Gutsbesitzern die Hand entgegen.
Jetzt gibt es zwei Fronten: auf der einen Seite die Arbeiter und Bauern,
auf der anderen - die Kapitalisten. Der letzte, entscheidende Kampf
bricht an. Jetzt kann es keine Verständigung mit der Bourgeoisie geben.
Siegen müssen entweder sie oder wir.
Im Jahre 1871 hat die Bourgeoisie die Macht der Pariser Arbeiter ge-
stürzt. Aber damals hat es nur wenige klassenbewußte Arbeiter, wenige
revolutionäre Kämpfer gegeben. Heute steht hinter den Arbeitern die
arme Bauernschaft, und die Bourgeoisie wird nun schon nicht mehr trium-
phieren können, wie sie es 1871 getan hat.
Die Arbeiter halten die Fabriken und Werke fest in ihren Händen,
die Bauernschaft wird das Land den Gutsbesitzern nicht zurückgeben.
Und um der Verteidigung dieser Errungenschaften willen erklären wir
auch allen Marodeuren und Schiebern den Krieg. Nicht nur mit Kanonen
und Maschinengewehren bedroht man uns, nein, sie bedrohen uns auch
mit dem Hunger.
Wir erklären den Reichen den Krieg und sagen; „Friede den Hütten 1“
Wir werden den Schiebern alle Vorräte wegnehmen und die arbeitende
arme Bevölkerung nicht ihrem Schicksal überlassen! (Die Worte des
Genossen Lenin gehen in stürmischem Beifall unter.)
Ein kurzer Bericht ivurde
am 3. August 1918 in den
„Iswestija WZIK“ Nr. 164
veröffentlicht.
Nach dem Text der Zeitung
„ Soldat Remoluzii" (Der Soldat
der Revolution) (Zarizyn)
Nr. 14, 23. August 1918.
30
REDE AUF EINER ROTARMISTENKUNDGEBUNG
AUF DEM CHODYNKA-FELD IN MOSKAU
2. AUGUST 1918
Kurzer Zeitungsbericht
(Begeisterte Ovation.) Die russische Revolution hat der ganzen
Welt den Weg zum Sozialismus gewiesen und der Bourgeoisie gezeigt,
daß es mit ihrer Herrlichkeit zu Ende geht. Unsere Revolution vollzieht
sich unter den außerordentlich schweren Bedingungen eines weltweiten
Völkermordens.
Revolutionen werden nicht auf Bestellung gemacht, doch die Symptome
dafür, daß die ganze Welt reif ist für große Ereignisse, sind unzweifelhaft
vorhanden.
Wir sind von Feinden umringt, die eine Heilige Allianz zum Sturz der
Sowjetmacht geschlossen haben, aber sie werden die Macht nicht be-
kommen.
Die weißgardistischen Banden sollten nicht triumphieren, ihr Erfolg ist
nur von kurzer Dauer, schon gärt es unter ihnen immer mehr.
Verstärkt durch das revolutionäre Proletariat, wird uns die Rote Armee
helfen, das Banner der sozialen Weltrevolution hochzuhalten.
Sieg - oder Tod!
Wir werden den Kulaken im Weltmaßstab besiegen und die Sache des
Sozialismus behaupten!
„Iswestija WZIK" Nr. 164,
5 , August 1918,
Nach dem Text der
„ Isivestija WZIK.".
THESEN ZUR ERNÄHRUNGSFRAGE 13
An die Kommissariate: Ernährungswesen, Landwirtschaft,
Oberster Volkswirtschaftsrat, Finanzen, Handel und Industrie
Die entsprechenden Kommissariate sollten heute noch (am 2. August)
zu folgenden Maßnahmen dringlichst Stellung nehmen und sie redak-
tionell ausarbeiten, damit sie am 2. und 3. August im Rat der Volks-
kommissare beschlossen werden können.
(Ein Teil dieser Maßnahmen muß in Form von Dekreten, ein Teil in
Beschlüssen ohne Veröffentlichung niedergelegt werden.)
1. Von den zwei Systemen: Preissenkung für Textilien u. a. oder Er-
höhung der Getreidepreise, ist unbedingt das zweite zu wählen, denn bei
völliger Gleichwertigkeit dieser Systeme ihrem Wesen nach kann uns nur
das zweite helfen, in einer Reihe von Getreidegouvernements (Simbirsk,
Saratow, Woronesh usw.) die Getreidelieferungen rasch zu vergrößern,
kann uns helfen, die größtmögliche Zahl von Bauern im Bürgerkrieg zu
neutralisieren.
2. Ich schlage vor, die Getreidepreise bis auf 30 Rubel für das Pud zu
erhöhen bei entsprechender (und sogar mehr als entsprechender) Er-
höhung der Preise für Textilien usw.
3. Es sollte erörtert werden, ob man diese Erhöhung nicht zeitweilig
(um die praktischen Erkenntnisse hinsichtlich der richtigen Grundlagen
des Warenaustauschs zu berücksichtigen), sagen wir auf I-IV2 Monate,
einführt und verspricht, danach die Preise zu senken (um somit eine
Prämie für schnelle Lieferung zu geben).
4. Annahme einer Reihe sofortiger Maßnahmen zur Requisition aller
Industrieprodukte in den Städten für den Warenaustausch (bei Erhöhung
der Preise für diese Produkte nach der Requisition in größerem Ver-
hältnis, als die Getreidepreise erhöht wurden).
32
5. Dem Dekret über die Erhöhung der Getreidepreise ist eine allgemein-
verständliche Erklärung der Maßnahmen vorauszuschicken, die im Zu-
sammenhang mit dem Warenaustausch und der Herstellung eines rich-
tigen Verhältnisses zwischen den Preisen für Getreide, Textilien u. a.
getroffen werden.
6. Die Konsumgenossenschaften sind sofort durch ein Dekret zu ver-
pflichten, 1. bei jedem Laden eine Annahmestelle für Getreide einzu-
richten; 2. Waren nur auf Bezugsbücher der Konsumenten auszugeben;
3. an Bauern, die Getreide anbauen, keine einzige Ware anders als im
Austausch gegen Getreide abzugeben.
Festlegung der Formen und Methoden für die Kontrolle über die Durch-
führung dieser Maßnahmen und Einführung strengster Strafen (Konfis-
kation des gesamten Vermögens) im Falle ihrer Verletzung.
7. Bestätigung (oder genauere Formulierung) der Vorschriften und Ge-
setze über Vermögenskonfiskation bei Nichtanmeldung der Überschüsse
an Getreide und allen anderen Lebensmitteln zur Erfassung durch
den Staat (oder die Genossenschaften).
8. Einführung einer Natural Steuer in Getreide, für die reichen
Bauern, wobei als reich diejenigen zu betrachten sind, bei denen die
Menge des Getreides (einschließfidi der neuen Ernte) den eigenen Ver-
brauch (eingerechnet den Unterhalt der Familie und des Viehs sowie die
Aussaat) um das Doppelte oder mehr übersteigt.
Diese Steuer soll Einkommens - und Vermögenssteuer genannt und
progressiv gestaffelt werden.
9. Zeitweilig - sagen wir für die Dauer eines Monats - soll verfügt
werden, daß Arbeiter je 1V2 Pud Getreide in die Hungergebiete mit-
nehmen dürfen, bei Ausstellung einer besonderen Bescheinigung und unter
besonderer Kontrolle.
Die Bescheinigung muß die genaue Adresse sowie die Bürgschaften
1. des Betriebskomitees; 2. des Hauskomitees; 3. der Gewerkschaft ent-
halten; die Kontrolle wiederum muß den persönlichen Verbrauch fest-
stellen, wobei in Fällen, wo nicht erwiesen wird, daß ein Weiterverkauf
unmöglich ist, schwerste Strafen verhängt werden müssen.
10. Eingeführt werden muß die unbedingte Ausstellung einer Quittung
in doppelter (oder dreifacher) Ausfertigung ausnahmslos bei jeder Re-
quisition (besonders in den Dörfern und auf der Eisenbahn). Diese Quit-
Thesen zur Ernährungsfrage 33
tungsformulare müssen gedruckt werden. Auf Nichtausstellung einer
Quittung bei Requisitionen muß die Todesstrafe durch Erschießen stehen.
1 1 . Der gleichen Strafe verfallen die Mitglieder aller und jeder Requisi-
tions-, Lebensmittel- und anderen Abteilungen bei jeder offensichtlich
ungerechten Handlung gegen die werktätige Bevölkerung oder bei jedem
Verstoß gegen die geltenden Vorschriften und Gesetze, der geeignet ist,
bei der Bevölkerung Empörung hervorzurufen, oder wenn kein Protokoll
aufgenommen oder eine Abschrift desselben nicht jeder Person ausgehän-
digt wird, bei der irgend etwas requiriert wurde oder die mit irgendeiner
Strafe belegt worden ist.
12. Die Arbeiter und die ärmsten Bauern der Hungergebiete sollen
berechtigt sein, einen Direktzug unmittelbar an ihren Wohnort abzu-
fertigen bei Beachtung folgender Vorschriften: 1. Beglaubigungen der ört-
lichen Organisationen (Deputiertensowjet + unbedingt Gewerkschaft
usw.) : 2. Aufstellung einer verantmortlidien Abteilung; 3. Abteilungen
anderer Orte sind mit einzubeziehen; 4. Anwesenheit eines Kontrolleurs
und eines Kommissars der Kommissariate für Emährungs-, Militär- und
Verkehrswesen usw. ; 5. diese üben die Kontrolle aus bei Ankunft des
Zuges und bei der Verteilung des Getreides, wobei unbedingtem Teil
des Getreides (Vs- 1 /*, manchmal auch mehr) dem Kommissariat für Er-
nä'hrungswesen abzuliefem ist.
13. Als Ausnahme ist im Hinblick auf die besondere Notlage einer
Reihe von Eisenbahnarbeitem und auf die besondere Wichtigkeit der
Eisenbahnen beim Transport des Getreides zeitweilig festzulegen:
Bei Beschlagnahme von Getreide stellen die Requisifions- oder Sperr-
abteilungen demjenigen eine Quittung aus, dem das Getreide abgenommen
wurde, verladen es in Güterwagen und fertigen die Waggons an die
Lebensmittelkommission der Eisenbahner ab. Dabei sind folgende Formen
der Kontrolle zu beachten: 1. Entsendung eines Telegramms an die Kom-
missariate für Emährungs- und Verkehrswesen über einen jeden solchen
Waggon; 2. Vertreter der Kommissariate für Emährungs- und Verkehrs-
wesen müssen den Waggon in Empfang nehmen und das Getreide unter
Kontrolle des Kommissariats für Emährungswesen verteilen.
Geschrieben am 2. August 1918.
Zuerst veröffentlicht 1931.
Nach dem Manuskript.
ÜBER DIE AUFNAHME IN DIE HOCHSCHULEN
DER RSFSR
Entwurf eines Beschlusses des Rats der Volkskommissare 14
Der Rat der Volkskommissare beauftragt das Kommissariat für Volks-
bildung mit der sofortigen Vorbereitung einer Reihe von Beschlüssen und
Maßnahmen, damit für den Fall, daß die Zahl der Bewerber um Auf-
nahme in die Hochschulen die Zahl der gewöhnlich vorhandenen freien
Plätze übersteigt, die dringlichsten Schritte unternommen werden, um
allen Bewerbern Studienmöglichkeiten zu sichern und nicht nur die juri-
stischen, sondern auch die faktischen Privilegien für die besitzenden Klas-
sen auszuschließen. In erster Linie sind unbedingt Bewerber aus dem
Proletariat und der armen Bauernschaft aufzunehmen, denen weitgehend
Stipendien gewährt werden.
Geschrieben am 2. August 1918.
Veröffentlicht am 6. August 1918
in den „Ismestija WZIK.“ Nr. 166.
Nack dem Manuskript.
BRIEF AN DIE ARBEITER VON JELEZ
Mir ist ein Ausschnitt aus einer in Jelez erscheinenden Zeitung 15 zu-
gestellt worden mit einem Bericht über die außerordentliche Versamm-
lung der Jelezer Parteiorganisation der linken Sozialrevolutionäre vom
27. Juli. In diesem Bericht lese ich, Motschonow habe über die Saratower
Konferenz der Sozialrevolutionäre berichtet, wo sich 8 Organisationen für
die Taktik ihres Zentralkomitees, das von Herrn Kolegajew verteidigt
wurde, 13 (dreizehn) Organisationen aber für eine Reorganisation der
Partei und eine Änderung der Taktik ausgesprochen hatten.
Unter anderem bestand Genosse Rudakow in der Jelezer Versamm-
lung darauf, „unsere Partei“ (die der linken Sozialrevolutionäre) „zu
reorganisieren“, ihren Namen zu ändern, sie zu säubern und auf keinen
Fall zuzulassen, daß sie zerfällt und zugrunde geht. Sodann erzählte ein
gewisser Krjukow, er habe in Moskau eine Unterredung mit Vertretern
der zentralen Regierung gehabt, und die Genossen Awanessow, Swerdlow
und Bontsch-Brujewitsch hätten ihm gesagt, das Bestehen der Partei der
linken Sozialrevolutionäre sei der Sowjetmacht erwünscht; in einer Unter-
redung mit Krjukow soll ich das gleiche gesagt und darauf verwiesen
haben, auch die Kommunisten hätten sich so weit von ihrer früheren
Theorie, von den Büchern, entfernt, daß sie gegenwärtig überhaupt kein
Programm hätten und ihre Plattform außerordentlich viele indirekte Ent-
lehnungen aus der Theorie der „Volkstümler“ aufweise usw. usf.
Ich halte es für meine Pflicht zu erklären, daß das alles aus den Fingern
gesogen ist und daß ich mit einem Krjukow überhaupt nicht gesprochen
habe. Ich wende mich an die Genossen Arbeiter und Bauern im Kreise
Jelez mit der dringlichen Bitte, den linken Sozialrevolutionären gegen-
36
W. I. Lenin
über, die nur allzuoft die Unwahrheit sagen, größte Vorsicht walten zu
lassen.
Bei dieser Gelegenheit einige Worte darüber, was ich von diesen Leuten
halte. Solche Subjekte wie Kolegajew und Co. sind offenkundig bloße
Schachfiguren in den Händen der Weißgardisten, der Monarchisten, der
Sawinkow, die in Jaroslawl gezeigt haben, wer den Aufstand der linken
Sozialrevolutionäre „ausgenutzt“ hat. Hirnlosigkeit und Charakterlosig-
keit haben die Herren Kolegajew so tief sinken lassen, und nun sind sie
dort, wo sie hingehören. „Lakaien der Sawinkow“ wird die Geschichte
sie nennen. Doch die Tatsachen zeigen, daß es unter den linken Sozial-
revolutionären Menschen gibt (und in Saratow sind sie in der Mehrheit),
die sich dieser Hirnlosigkeit, dieser Charakterlosigkeit, dieser Rolle von
Helfershelfern des Monarchismus und Interessenvertretern der Guts-
besitzer schämen. Wenn diese Leute sogar den Namen ihrer Partei ändern
wollen (ich habe gehört, daß sie sich „Gemeinde-Kommunisten“ oder
„Volkstümler-Kommunisten“ oder so ähnlich nennen wollen), so ist das
nur zu begrüßen.
Nichtübereinstimmung mit dem Marxismus zum ersten, volle Über-
einstimmung mit der Theorie der „ausgleichenden Bodennutzung“ (und
mit dem diesbezüglichen Gesetz) zum zweiten - das ist die rein ideo-
logische Grundlage jener Volkstümlerrichtung, mit der die Kommunisten,
die Bolsdiewiki, ein Bündnis niemals abgelehnt haben.
Wir sind für ein solches Bündnis, für eine Verständigung mit der
Mittelbauemschaft, denn mit ihr dürfen wir kommunistischen Arbeiter
uns nicht entzweien, und ihr eine Reihe von Zugeständnissen zu machen,
sind wir bereit. Wir haben das bewiesen, haben das nicht mit Worten,
sondern mit Taten bewiesen, denn wir haben das Gesetz über die Soziali-
sierung des Grund und Bodens 16 streng loyal durchgeführt und werden es
auch weiter so durchführen, obwohl wir nicht in allem damit einverstanden
sind. Überhaupt waren und sind wir für den schonungslosen Kampf gegen
die Kulaken, jedoch für Verständigung mit der Mittelbauemschaft und
für Vereinigung mit der Doifarmut. Man darf das nicht so auffassen, als
bedeute Verständigung mit dem Mittelbauern unbedingt Verständigung
mit dem linken Sozialrevolutionär. Nichts dergleichen.
Wir haben das Gesetz über die Sozialisierung zu einer Zeit zur An-
nahme gebracht, als keinerlei Übereinkommen zwischen uns und den
Brief an die Arbeiter von Jelez
37
linken Sozialrevolutionären bestand. Dieses Gesetz aber bedeutet ja ge-
rade unsere Verständigung mit den Mittelbauern, mit den Bauemmassen,
nicht aber mit den linken Sozialrevolutionären Intelligenzlern.
Genossen Arbeiter und Bauern! Geht nicht auf Übereinkommen mit
den linken Sozialrevolutionären aus, denn ihre Unzuverlässigkeit haben
wir schon zu sehen und zu spüren bekommen; verbreitet den Kommunis-
mus unter den armen Bauern, die Mehrheit wird auf unserer Seite sein.
Bemüht euch, dem Mittelbauern Zugeständnisse zu machen; verhaltet
euch zu ihm so achtsam und gerecht wie nur möglich; ihm können und
müssen wir Zugeständnisse machen. Seid aber erbarmungslos gegen das
kleine Häuflein der Ausbeuter, einschließlich der Kulaken, der Getreide-
schieber, die sich an der Not des Volkes, am Hunger der Arbeitermasse
bereichern - gegen das Häuflein der Kulaken, die den Werktätigen das
Blut aussaugen.
W. Uljanom (N. Lenin)
Moskau, 6. August 1918
„Sowjetskaja Gaseta" (Jelez) Nr. 73. Nach dem Text der
11. August 1918. „ Sowjetskaja Gaseta".
REDE AUF EINER KUNDGEBUNG
IM SOKOLNIKI-STADTBEZIRK
9. AUGUST 1 91 8 17
Kurzer ZeitungsberiAt
(Lang anhaltender Beifall.) Der Krieg zieht sich nun schon
das fünfte Jahr hin, und heute ist es bereits einem jeden klar, wer ihn
nötig hatte. Wer reich war, wurde noch reicher, doch wer arm war, der
erstickt jetzt im buchstäblichen Sinne des Wortes unter dem Joch des
Kapitalismus. Dieser Krieg hat dem armen Volkblutige Opfer abverlangt,
als Belohnung aber hat es nur Hunger und Arbeitslosigkeit erhalten, und
die Schlinge um seinen Hals wird heute noch stärker zugezogen als früher.
Den Krieg haben die englischen und die deutschen Räuber angefangen,
denen es zu eng wurde, nebeneinander zu leben, und deshalb wollte einer
den anderen um den Preis von Strömen von Arbeiterblut erwürgen. Jeder
dieser Räuber versichert, das Wohl des Volkes liege ihm am Herzen,
während er in Wirklichkeit nur auf das Wohl seiner eigenen Tasche be-
dacht ist.
England ist dabei, die eroberten deutschen Kolonien sowie einen Teil
von Palästina und Mesopotamien auszuplündern, während Deutschland
seinerseits Polen, Kurland, Litauen und die Ukraine ausplündert. Die
Millionäre dieser Länder sind zehnmal reicher geworden, aber sie haben
sich trotzdem verrechnet.
In ihrem Kampf auf Leben und Tod sind diese Räuber an den Rand
des Abgrunds gelangt. Sie sind schon nicht mehr imstande, dem Krieg,
der die Völker unvermeidlich zur Revolution treibt, Einhalt zu gebieten.
Die russische Revolution hat ihre Funken über alle Länder der Welt
gesprüht und den unersättlichen Imperialismus noch näher an den Rand
des Abgrunds gebracht.
Genossen, unsere Lage ist sehr schwer, doch müssen wir alles über-
Rede auf einer Kundgebung im Sokolniki-Stadtbezirk
winden und das Banner der sozialistischen Revolution, das wir entrollt
haben, fest in unseren Händen halten.
Die Arbeiter aller Länder blicken voller Hoffnung auf uns. Ihr hört ihre
Stimmen: Haltet euch noch ein wenig, sagen sie. Ihr seid von Feinden
umringt, doch wir kommen euch zu Hilfe, und mit vereinten Kräften wer-
den wir die imperialistischen Räuber schließlich in den Abgrund stoßen.
Wir hören diese Stimmen und geloben: Wir werden durchhalten, wir
werden auf unserem Posten mit aller Kraft kämpfen, und nie werden
wir vor der angreifenden internationalen Konterrevolution die Waffen
strecken !
Jswestija WZIK“ Nr. 171.
11. August 1918.
Nac h dem Text der
Jsmestija WZIK".
GENOSSEN ARBEITER!
AUF ZUM LETZTEN, ENTSCHEIDENDEN KAMPF!
Die Sowjetrepublik ist von Feinden umringt. Aber sie wird die äußeren
wie die inneren Feinde besiegen. Schon sieht man in der Arbeitermasse
den Aufschwung, der den Sieg sichert. Schon sieht man die Funken und
die revolutionären Explosionen in Westeuropa immer häufiger aufflam-
men; sie geben uns die Gewißheit, daß der Sieg der internationalen
Arbeiterrevolution nicht mehr fern ist.
Der äußere Feind der Russischen Sozialistischen Sowjetrepublik, das ist
gegenwärtig der englisch-französische und der japanisch-amerikanische
Imperialismus. Dieser Feind greift jetzt Rußland an, er plündert unser
Land, hat von Archangelsk Besitz ergriffen und ist (wenn man den franzö-
sischen Zeitungen glauben soll) von Wladiwostok bis Nikolsk-Ussuriski
vorgedrungen. Dieser Feind hat die Generale und Offiziere des tschecho-
slowakischen Korps bestochen. Dieser Feind geht gegen das friedliche
Rußland mit der gleichen Brutalität und Raubgier vor, wie die Deutschen
im Februar vorgegangen sind, nur mit dem Unterschied, daß es die Eng-
länder und Japaner nicht nur darauf abgesehen haben, russisches Land an
sich zu reißen und auszuplündem, sie wollen auch die Sowjetmacht stür-
zen, um „die Front wiederherzustellen“, d. h., um Rußland erneut in den
imperialistischen Krieg (einfacher gesagt: den Raubkrieg) Englands gegen
Deutschland hineinzuziehen.
Die englischen und japanischen Kapitalisten wollen die Gutsbesitzer
und Kapitalisten in Rußland wieder an die Macht bringen, um gemeinsam
die Kriegsbeute zu teilen, um die russischen Arbeiter und Bauern zu
Sklaven des englischen und französischen Kapitals zu machen, um aus
ihnen die Zinsen für die Milliardenanleihen herauszupressen, um die
Genossen Arbeiter! Auf zum letzten, entscheidenden Kampf!
41
Feuersbrunst der sozialistischen Revolution zu lösdien, die bei uns aus-
gebrochen ist und immer mehr auf die ganze Welt überzugreifen droht.
Die englischen und japanischen imperialistischen Bestien sind nicht stark
genug, um Rußland besetzen und unterwerfen zu können. Selbst das uns
benachbarte Deutschland hat nicht genügend Kräfte, das zu tun, seine
„Erfahrung“ mit der Ukraine hat das bewiesen. Die Engländer und Japa-
ner rechneten damit, uns überrumpeln zu können. Das ist ihnen nicht
gelungen. Die Arbeiter Petrograds, danach Moskaus und nach Moskau
auch des ganzen zentralen Industriegebiets erheben sich immer einmütiger,
immer energischer, in immer größeren Massen, immer selbstloser. Das ist
die Bürgschaft für unseren Sieg.
Die englischen und japanischen kapitalistischen Räuber rechnen bei
ihrem Feldzug gegen das friedliche Rußland auch noch auf ihr Bündnis
mit dem inneren Feind der Sowjetmacht. Wir wissen wohl, wer dieser
innere Feind ist, das sind die Kapitalisten, die Gutsbesitzer, die Kulaken
und ihre Söhnchen, die erfüllt sind vom Haß gegen die Macht der Arbeiter
und der werktätigen Bauern, der Bauern, die nicht ihren Dorfgenossen
das Blut aussaugen.
Eine Welle von Kulakenaufständen breitet sich über Rußland aus. Den
Kulaken erfüllt wilder Haß gegen die Sowjetmacht, er ist bereit, Hundert-
tausende Arbeiter zu erdrosseln und niederzumetzeln. Gelänge den Ku-
laken der Sieg, so würden sie, das wissen wir sehr gut, erbarmungslos
Hunderttausende Arbeiter niedermachen, mit den Gutsbesitzern und
Kapitalisten ein Bündnis eingehen, für die Arbeiter erneut ein Zuchthaus-
regime schaffen, den Achtstundentag aufheben und die Betriebe wiederum
unter das kapitalistische Joch bringen.
So geschah es in allen früheren europäischen Revolutionen, wenn es
den Kulaken infolge der Schwäche der Arbeiter gelang, von der Republik
wieder zur Monarchie, von der Macht der Werktätigen zur Allmacht der
Ausbeuter, der Reichen, der Schmarotzer zurückzukehren. So geschah es
vor unser aller Augen in Lettland, in Finnland, in der Ukraine, in
Georgien. Überall haben sich die gierigen, vollgefressenen, entmenschten
Kulaken mit den Gutsbesitzern und den Kapitalisten gegen die Arbeiter,
gegen die arme Bevölkerung überhaupt verbunden. Überall hat das
Kulaken tum mit unerhörter Mordlust gegen die Arbeiterklasse gewütet.
Überall hat es einBündnis mit ausländischen Kapitalisten gegen
42
die Arbeiter des eigenen Landes geschlossen. So haben es die Kadetten,
die rechten Sozialrevolutionäre, die Menschewiki getan und tun es auch
heute noch; es genügt, sich ihre Heldentaten in der „Tschechoslowakei“ 18
ins Gedächtnis zu rufen. So tun es in ihrer maßlosen Dummheit und
Charakterlosigkeit die linken Sozialrevolutionäre, die mit ihrem Aufstand
in Moskau den Weißgardisten in Jaroslawl, den Tschechoslowaken und
den Weißen in Kasan geholfen haben. Nicht umsonst haben sich diese
linken Sozialrevolutionäre das Lob Kerenskis und seiner Freunde, der
französischen Imperialisten, verdient.
Zweifel sind hier unmöglich. Die Kulaken sind wütende Feinde der
Sowjetmacht. Entweder werden die Kulaken unendlich viele Arbeiter hin-
schlachten, oder die Arbeiter werden die Aufstände der Minderheit des
Volkes, der kulakisdien Räuber, gegen die Macht der Werktätigen er-
barmungslos niedersdilagen. Einen Mittelweg kann es hier nicht geben.
Frieden kann es hier nicht geben: den Kulaken kann man, und das sogar
sehr leicht, mit dem Gutsbesitzer, dem Zaren und dem Popen aussöhnen,
selbst wenn sie sich einmal überworfen haben, aber mit der Arbeiterklasse
niemals.
Deshalb nennen wir den Kampf gegen die Kulaken den letzten , ent-
scheidenden Kampf. Das bedeutet nicht, daß es nicht noch mehrfach zu
Kulakenaufstanden kommen kann oder daß der ausländische Kapitalis-
mus nicht noch mehrfach Feldzüge gegen die Sowjetmacht unternehmen
kann. Das Wort „letzter“ Kampf bedeutet, daß sich gegen uns die letzte
und zahlreichste Ausbeuterklasse unseres Landes erhoben hat.
Die Kulaken sind die bestialischsten, rohesten und brutalsten Aus-
beuter, die in der Geschichte anderer Länder mehr als einmal die Guts-
besitzer, Zaren, Pfaffen und Kapitalisten wieder an die Macht gebracht
haben. Kulaken gibt es mehr als Gutsbesitzer und Kapitalisten. Aber
dennoch sind die Kulaken nur eine Minderheit im Volk.
Nehmen wir an, wir haben bei uns in Rußland etwa 15 Millionen Land-
wirtschaft treibende Bauemfamilien, wobei das frühere Rußland gemeint
ist, bevor die Räuber ihm die Ukraine und andere Gebiete entrissen. Von
diesen 15 Millionen sind sicherlich an die 10 Millionen arme Bauern, die
vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben oder sich in die Knechtschaft der
reichen Bauern begeben müssen oder kein überschüssiges Getreide be-
sitzen und durch die Lasten des Krieges besonders ruiniert worden sind.
Genossen Arbeiter! Auf zum letzten , entscheidenden Kampf! 43
Etwa 3 Millionen muß man zur Mittelbauernschaft rechnen,- und wohl
kaum mehr als 2 Millionen entfallen auf die Kulaken, die Reichen, die
Getreidesdhieber. Diese Blutsauger haben sich im Krieg an der Not des
Volkes bereichert, sie haben Tausende und Hunderttausende Rubel zu-
sammengerafft, indem sie die Preise für Getreide und andere Produkte
hinaufschraubten. Diese Spinnen haben sich auf Kosten der durch den
Krieg ruinierten Bauern, auf Kosten der hungernden Arbeiter gemästet.
Diese Blutegel haben sich mit dem Blut der Werktätigen vollgesaugt und
wurden um so reicher, je mehr der Arbeiter in den Städten und Fabriken
gehungert hat. Diese Vampire haben Gutsbesitzerländereien zusammen-
gerafft, sie raffen immer mehr zusammen und zwingen die armen Bauern
immer und immer wieder in die Schuldknechtschaft.
Schonungsloser Krieg diesen Kulaken! Tod den Kulaken! Haß und
Verachtung den Parteien, die sie verteidigen: den rechten Sozialrevolu-
tionären, den Menschewiki und den heutigen linken Sozialrevolutionären !
Mit eiserner Faust müssen die Arbeiter die Aufstände der Kulaken nieder-
sdilagen, die sich mit ausländischen Kapitalisten gegen die Werktätigen
ihres Landes verbünden.
Die Kulaken machen es sich zunutze, daß die Dorfarmut unwissend
und verstreut ist, daß sie isoliert voneinander lebt. Sie hetzen den armen
Bauern gegen die Arbeiter auf, manchmal bestechen sie ihn dadurch, daß
sie ihn beim Schwarzhandel mit Getreide einen Hunderter „verdienen“
lassen (und zugleich plündern sie diese Armen um viele Tausende aus).
Die Kulaken wollen den Mittelbauern für sich gewinnen, und manchmal
gelingt ihnen das auch.
Doch für die Arbeiterklasse besteht keineswegs die Notwendigkeit, sich
mit dem Mittelbauern zu Überwerfen. Mit dem Kulaken kann sich die
Arbeiterklasse nicht aussöhnen, mit dem Mittelbauern aber kann sie
Verständigung suchen und sucht sie auch. Die Arbeiterregierung, d. h.
die bolschewistische Regierung, hat das durch Taten und nicht durch bloße
Worte bewiesen.
Wir haben es dadurch bewiesen, daß wir das Gesetz über die „Soziali-
sierung des Grund und Bodens“ angenommen haben und es streng durch-
führen ; dieses Gesetz enthält viele Zugeständnisse an die Interessen und
Auffassungen des Mittelbauern.
Wir haben es dadurch bewiesen, daß wir (dieser Tage) die Getreide-
44 W. I. Lenin
preise verdreifachten®, denn wir sind durchaus der Meinung, daß
das Einkommen des Mittelbauern häufig nicht den jetzigen Preisen der
Industrieprodukte entspricht und erhöht werden muß.
Jeder klassenbewußte Arbeiter wird das dem Mittelbauern erklären
und ihm geduldig und beharrlich immer wieder beweisen, daß der Sozia-
lismus für den Mittelbauern unendlich vorteilhafter ist als die Macht der
Zaren, der Gutsbesitzer und Kapitalisten.
Die Arbeitermacht hat dem Mittelbauern niemals Unrecht getan und
wird ihm auch nie Unrecht tun. Die Macht der Zaren, der Gutsbesitzer,
Kapitalisten und Kulaken hingegen hat dem Mittelbauern nicht nur stets
Unrecht getan, sondern ihn in allen Ländern, ohne jede Ausnahme, auch
in Rußland, gewürgt, ausgeplündert und ruiniert.
Engstes Bündnis und völlige Verschmelzung mit der Dorfarmut; Zu-
geständnisse an den Mittelbauern und Verständigung mit ihm ; schonungs-
lose Niederhaltung der Kulaken, dieser Blutsauger und Vampire, dieser
Ausplünderer des Volkes, dieser Spekulanten, die sich an dar Hungersnot
bereichern - das ist das Programm des klassenbewußten Arbeiters, Das
ist die Politik der Arbeiterklasse.
Geschrieben in der ersten Augusthälfte 1918.
Zuerst veröffentlicht 1925. Nach dem Manuskript.
'45
ENTWURF EINES TELEGRAMMS
AN ALLE DEPUTIERTENSOWJETS
ÜBER DAS BÜNDNIS DER ARBEITER UND BAUERN 20
Die Komitees der Dorfarmut 21 sind notwendig für den Kampf gegen
die Kulaken, die Reichen und die Ausbeuter, die die werktätigen Bauern
in Knechtschaft halten. Zwischen den Kulaken, die eine kleine Minderheit
darstellen, und den armen Bauern oder Halbproletariem steht aber die
Schicht der Mittelbauern. Niemals hat die Sowjetmacht ihnen in irgend-
einer Frage den Kampf angesagt und sie bekämpft. Sämtliche dem wider-
sprechende Schritte oder Maßnahmen müssen entschieden verurteilt und
unterbunden werden. Die sozialistische Regierung muß eine Politik der
Verständigung mit den Mittelbauern betreiben. Die Sowjetregierung hat
des öfteren durch konkrete Schritte bewiesen, daß sie fest entschlossen
ist, eine solche Politik einzuhalten. Die wichtigsten dieser Schritte. waren:
Annahme des Gesetzes über die Sozialisierung des Grund und Bodens
durch die kommunistische (bolschewistische) Mehrheit und seine streng
loyale Durchführung, dann die Verdreifachung der Getreidepreise (Dekret
vom . . . August 1918). Dasselbe Ziel verfolgte auch das Dekret über die
Landmaschinen 22 u. a. m. Die oben dargelegte Politik ist von allen aufs
strengste einzuhalten.
Geschrieben am 16. August 1918.
Zuerst veröffentlicht 1931. Nach dem Manuskript.
46
REDEN IN DER SITZUNG
DES MOSKAUER PARTEIKOMITEES
ÜBER DIE ORGANISIERUNG
VON GRUPPEN SYMPATHISIERENDER
16. AUGUST 1918 23
Protokollarische Niederschrift
Es besteht großer Mangel an Kräften, aber in den Massen gibt es
Kräfte, die man verwenden kann. Wir müssen der Arbeätermasse größeres
Vertrauen entgegenbringen und es verstehen, aus ihr Kräfte zu schöpfen.
Maßnahmen dafür sind: Sympathisierende aus den Reihen der Jugend
und der Gewerkschaften für die Partei gewinnen. Mag auch eine Ver-
zögerung in der Bezahlung der Mitgliedsbeiträge eintreten, darin liegt
keinerlei Gefahr. Wenn wir sechstausend für die Front stellen und an
ihrer Stelle zwölftausend neue aufnehmen, so bedeutet das keine große
Gefahr. Den moralischen Einfluß müssen wir dazu ausnutzen, unsere
Partei zu vergrößern.
Auf unseren Kundgebungen treten sehr wenig neue Kräfte auf, das
wäre aber sehr erwünscht, weil in ihren Reden eine lebendige Note er-
klingen würde. Man muß irgendwie die Probe machen und dies organi-
sieren. Die Jugend müssen wir aus Arbeiterkreisen nehmen, damit eine
Kontrolle durch die Arbeitermasse besteht. Das Leben selbst fordert, daß,
bevor noch die Japaner und Amerikaner in Sibirien festen Fuß fassen,
sehr viele Parteimitglieder an die Front gehen. An die Stelle der alten
müssen neue Kräfte rücken, die Jugend.
Reden in der Sitzung des Moskauer Parteikomitees
47
2
Die Parteimitglieder müssen eine intensive Agitation unter den Arbei-
tern entfalten. Genossen, die audi nur auf irgendeinem Gebiet etwas tun
können, darf man nicht auf Kanzleiarbeit belassen.
Unsere Einflußsphäre in der Arbeitermasse muß erweitert werden. Die
Initiative der Parteizellen ist sehr gering, und es wäre sehr nützlich, wenn
sie an ihren Wirkungsstätten mehr hervorträten und die Parteilosen be-
einflußten. Wir werden den Klubs mehr Aufmerksamkeit zuwenden und
aus den Massen Kräfte für die Parteiarbeit heranziehen müssen.
Man darf keine Leute nehmen, denen es um die Stellung zu tun. ist,
solche muß man aus der Partei jagen.
Zuerst veröffentlicht am 22. Januar 1928
in der .Pramda“ Nr. 19.
Nach dem handschrift-
lichen Protokoll.
BRIEF
AN DIE AMERIKANISCHEN ARBEITER 24
Genossen! Ein russischer Bolschewik, der an der Revolution von 1905
teilgenommen hatte und dann viele Jahre in Eurem Lande verbrachte,
erbot sich; meinen Brief an Euch zu übermitteln. Ich habe seinen Vorschlag
mit um so größerem Vergnügen angenommen, weil gerade jetzt die ameri-
kanischen revolutionären Proletarier eine besonders große Rolle Zuspielen
berufen sind als die unversöhnlichen Feinde des amerikanischen Imperia-
lismus, des stärksten Imperialismus, der noch frisch ist, der sich als letzter
in das weltweite Völkergemetzel um die Aufteilung der kapitalistischen
Profite eingeschaltet hat. Gerade jetzt haben die amerikanischen Milliar-
däre, diese modernen Sklavenhalter, in der blutigen Geschichte des
blutigen Imperialismus eine besonders tragische Seite aufgeschlagen, in-
dem sie - ganz gleich ob direkt oder indirekt, offen oder heuchlerisch
verbrämt - ihre Einwilligung zu dem Feldzug der englischen und japa-
nischen Räuber gaben, dessen Ziel es ist, die erste sozialistische Republik
zu erwürgen.
Die Geschichte des modernen, zivilisierten Amerikas wird durch einen
jener großen, wahrhaften Befreiungskriege, wahrhaft revolutionären
Kriege eingeleitet, deren es so wenige gegeben hat neben der riesigen
Zahl der Raubkriege, die, ebenso wie der jetzige imperialistische Krieg,
durch den Streit der Könige, Gutsbesitzer und Kapitalisten wegen der
Teilung der erbeuteten Länder oder der zusammengeraubten Profite her-
vorgerufen worden waren. Das war der Krieg des amerikanischen Volkes
gegen die englischen Räuber, die Amerika unterdrückten und in kolonialer
Sklaverei hielten, genauso wie diese „zivilisierten“ Blutsauger bis auf den
heutigen Tag Hunderte von Millionen Menschen in Indien, in Ägypten
und an allen Ecken und Enden der Welt unterdrücken und in kolonialer
Sklaverei halten.
Seitdem sind etwa 150 Jahre vergangen. Die bürgerliche Zivilisation
hat all ihre herrlichen Früchte gezeitigt. Hinsichtlich des Entwicklungs-
standes der Produktivkräfte der vereinten menschlichen Arbeit, der An-
wendung von Maschinen und aller Wunder der modernen Technik hat
Amerika unter den freien, zivilisierten Ländern den ersten Platz ein-
genommen. Aber zugleich rückte Amerika auch hinsichtlich der Tiefe des
Abgrunds, der zwischen einer Handvoll skrupelloser, in Laster und Luxus
erstickender Milliardäre und den Millionen der ewig an der Grenze des
Elends lebenden Werktätigen klafft, mit an die erste Stelle. Das amerika-
nische Volk, das der Welt das Vorbild eines revolutionären Krieges gegen
die feudale Sklaverei gegeben hatte, geriet in die moderne, die kapitali-
stische Lohnsklaverei unter einer Handvoll Milliardäre, und so kam es,
daß es die Rolle eines gedungenen Henkers spielte, der 1898, dem reichen
Pack zuliebe, unter dem Vorwand, die Philippinen zu „befreien“, diese
abwürgte und jetzt, 1918, der Russischen Sozialistischen Republik unter
dem Vorwand, sie vor den Deutschen zu „schützen“, an die Gurgel fährt.
Doch die vier Jahre des imperialistischen Völkermordens waren nicht
umsonst. Der Betrug, den die Schurken aus beiden Räubergruppen, der
englischen wie der deutschen, am Volke verübt haben, ist durch unbestreit-
bare, offensichtliche Tatsachen restlos entlarvt worden. Die vier Kriegs-
jahre haben an ihren Resultaten das allgemeine Gesetz des Kapitalismus
in seiner Anwendung auf den Krieg um die Teilung der Beute zwischen
den Räubern gezeigt: Wer am reichsten und mächtigsten war, der hat am
meisten profitiert und zusammengerafft, wer am schwächsten war, der
wurde bis aufs Letzte ausgeplündert, gepeinigt, ausgepreßt und gewürgt.
Die englischen imperialistischen Räuber waren hinsichtlich der Zahl
ihrer „Kolonialsldaven" stärker als die anderen. Die englischen Kapitali-
sten haben nicht einen Fußbreit ihres „eigenen“ (d. h. durch Jahrhunderte
hindurch zusammengeraubten) Landes verloren, sie haben dagegen alle
deutschen Kolonien in Afrika eingesteckt, Mesopotamien und Palästina
an sich gerissen, Griechenland erdrosselt und gehen daran, Rußland aus-
zuplündem.
Die deutschen imperialistischen Räuber waren hinsichtlich der Organi-
sation und Disziplin „ihrer“ Heere stärker als die anderen, aber schwächer
50
W.I. Lenin
in bezug auf Kolonien. Sie haben alle Kolonien verloren, dafür aber halb
Europa ausgeplündert und die größte Zahl kleiner Länder und schwacher
Völker erwürgt. Was für ein hehrer „Befreiungs“krieg hüben wie drüben !
Wie gut haben doch die Räuber beider Kräftegruppen, die englischen und
französischen sowie die deutschen Kapitalisten, zusammen mit ihren
Lakaien, den Sozialchauvinisten, d. h. den Sozialisten, die sich zu „ihrer"
Bourgeoisie geschlagen haben, „das Vaterland verteidigt“ !
Man kann wohl sagen, die amerikanischen Milliardäre waren reicher
als alle anderen und befanden sich geographisch in der sichersten Lage.
Sie haben sich am meisten bereichert. Sie haben sich alle, selbst die reich-
sten Länder, tributpflichtig gemacht. Sie haben Hunderte Milliarden
Dollar zusammengeraubt. Und an jedem Dollar haften die Spuren der
schmutzigen Geheimverträge zwischen England und seinen „Alliierten“,
zwischen Deutschland und seinen Vasallen, der Verträge über die Ver-
teilung der zusammengeraubten Beute, der Verträge über gegenseitige
„Hilfe“ bei der Unterdrückung der Arbeiter und der Verfolgung der auf
den Positionen des Internationalismus stehenden Sozialisten. An jedem
Dollar klebt ein Klumpen Schmutz von den „profitablen“ Kriegsliefe-
rungen, an denen in jedem Lande die Reichen sich bereicherten und die
Armen zugrunde gingen. Jeder Dollar trägt Blutspuren - aus jenem Meer
von Blut, das die 10 Millionen Gefallenen und 20 Millionen Verstümmel-
ten vergossen haben in dem hehren, edlen, geheiligten Befreiungskampf, in
dem es darum geht, ob dem englischen oder dem deutschen Räuber die grö-
ßere Beute zufallen wird, ob dem englischen oder dem deutschen Henker
der Vorrang beim Erwürgen der schwachen Völker der Erde gebührt.
Wenn die deutschen Räuber in der Bestialität ihrer militärischen Mas-
saker den Rekord geschlagen haben, so schlugen die Engländer den Rekord
nicht nur in bezug auf die Menge der zusammertgeraubten Kolonien, son-
dern auch hinsichtlich ihrer raffinierten widerwärtigen Heuchelei. Gerade
jetzt verbreiten die englischen, französischen und amerikanischen bürger-
lichen Zeitungen in Millionen und aber Millionen Exemplaren Lügen und
Verleumdungen über Rußland, um ihren Raubzug gegen Rußland heuch-
lerisch damit zu rechtfertigen, daß man es gegen die Deutschen „schützen“
wolle.
Man braucht nicht viel Worte zu verlieren, um diese gemeine und
niederträchtige Lüge zu widerlegen: es genügt, auf eine allgemein be-
Brief an die amerikanischen Arbeiter
51
kannte Tatsache hinzuweisen. Als im Oktober 1917 die Arbeiter Ruß-
lands ihre imperialistische Regierung gestürzt hatten, bot die Sowjetmacht,
die Macht der revolutionären Arbeiter und Bauern, offen einen gerechten
Frieden an, einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen, einen
Frieden unter völliger Wahrung der Gleichberechtigung aller Nationen und
wandte sich mit diesem Friedensangebot an alle kriegführenden Länder.
Aber gerade die englische, französische und amerikanische Bourgeoisie
hat unser Angebot nicht angenommen; gerade sie weigerte sich, mit uns
über den allgemeinen Frieden auch nur zu reden! Sie war es, die Verrat
an den Interessen aller Völker übte, die das imperialistische Gemetzel in
die Länge zog!
• Gerade sie, die darauf spekulierte, Rußland von neuem in den imperia-
listischen Krieg hineinzuziehen, wollte nichts von Friedensverhandlungen
wissen und ließ dadurch den ebenso räuberischen deutschen Kapitalisten
freie Hand, die dann Rußland den annexionistischen Gewaltfrieden von
Brest-Litowsk aufzwangen!
Man kann sich nur schwer eine Heuchelei vorstellen, die widerlicher
wäre als die, mit der sich die englische, französische und amerikanische
Bourgeoisie bemüht, die „Schuld“ für den Brester Frieden auf uns ab-
zuwälzen. Ausgerechnet die Kapitalisten jener Länder, in deren Hand es
lag. die Brester Verhandlungen zu allgemeinen Verhandlungen über einen
allgemeinen Frieden zu machen, treten jetzt als „Ankläger“ gegen uns
auf! Die englischen und französischen imperialistischen Aasgeier, die sich
am Raub der Kolonien und am Völkergemetzel gütlich getan, ziehen nun
schon fast ein ganzes Jahr nach Brest den Krieg hin und haben auch noch
die Stirn, u ns , die Bolschewiki, „anzuklagen“, uns. die wir allen Ländern
einen gerechten Frieden angeboten haben, uns, die wir die verbreche-
rischen Geheimverträge zwischen dem ehemaligen Zaren und den eng-
lischen und französischen Kapitalisten zerrissen, vor die Öffentlichkeit
gebracht und der allgemeinen Schande preisgegeben haben.
Die Arbeiter der ganzen Welt, in welchem Lande sie auch leben mögen,
begrüßen uns, sympathisieren mit uns, zollen uns Beifall dafür, daß wir
den eisernen Ring der imperialistischen Bindungen, der schmutzigen im-
perialistischen Verträge, der imperialistischen Ketten gesprengt haben,
dafür, daß wir uns die Freiheit erzwungen und um dieser Freiheit willen
keine noch so schweren Opfer gescheut haben, dafür, daß wir uns als
52
W. I. Lenin
sozialistische Republik, wenn auch von den Imperialisten bis aufs Blut
gepeinigt und ausgeplündert, doch außerhalb des imperialistischen
Krieges gehalten und vor der ganzen Welt das Banner des Friedens, das
Banner des Sozialismus entrollt haben.
Was Wunder, wenn die internationale Imperialistenbande uns des-
wegen haßt, wenn sie uns „anklagt“, wenn alle Lakaien der Imperia-
listen, darunter auch unsere rechten Sozialrevolutionäre und Mensche-
wiki, uns ebenfalls „anklagen“. Aus dem Haß dieser Kettenhunde des
Imperialismus gegen die Bölschewiki und aus der Sympathie der klassen-
bewußten Arbeiter aller Länder schöpfen wir immer wieder die Gewiß-
heit, daß unsere Sache gerecht ist.
Der ist kein Sozialist, der nicht begreift, daß man um des Sieges über
die Bourgeoisie, um des Übergangs der Macht an die Arbeiter, um des
Beginns der internationalen proletarischen Revolution willen keiner-
lei Opfer scheuen darf und soll, selbst nicht das Opfer, einen Teil des
Territoriums zu verlieren oder schwere Niederlagen hinzunehmen, die
uns der Imperialismus beibringen kann. Der ist kein Sozialist, der nicht
durch Taten bewiesen hat, daß er zu schwersten Opfern von seiten
„seines“ Vaterlands bereit ist, wenn nur die Sache der sozialistischen
Revolution tatsächlich vorankommt.
Um „ihrer“ Sache willen, d. h. um der Eroberung der Weltherrschaft
willen, schreckten die Imperialisten Englands und Deutschlands nicht da-
vor zurück, eine ganze Reihe Länder, von Belgien und Serbien bis Palä-
stina und Mesopotamien, zugrunde zu richten, zu erwürgen. Nun, und
die Sozialisten? Sollen sie etwa um „ihrer“ Sache, um der Befreiung der
Werktätigen der ganzen Welt vom Joch des Kapitals, um derErkämpfung
eines dauerhaften allgemeinen Friedens willen, sollen sie etwa abwarten,
bis sich ein Weg ohne Opfer findet? Sollen sie etwa fürchten, den Kampf
zu beginnen, solange kein leichter Erfolg „garantiert“ ist? Sollen sie etwa
die Sicherheit und Integrität „ihres“ von der Bourgeoisie geschaffenen
„Vaterlands“ höher stellen als die Interessen der sozialistischen Welt-
revolution? Dreifache Verachtung verdienen diese Halunken aus den
Reihen des internationalen Sozialismus, diese Lakaien der bürgerlichen
Moral, die so denken..
Die englischen, französischen und amerikanischen imperialistischen
Räuber „klagen uns an“, ein „Übereinkommen“ mit dem deutschen
Brief an die amerikanischen Arbeiter
53
Imperialismus getroffen zu haben. O diese Heuchler I O diese Schufte, die
die Arbeiterregierung verleumden, während sie selber vor Angst schlot-
tern, wenn sie sehen, welche Sympathien uns die Arbeiter „ihrer“ eigenen
Länder entgegenbringen I Aber ihre Heudielei wird entlarvt werden. Sie
tun so, als verstünden sie nicht den Unterschied zwischen einem Über-
einkommen der „Sozialisten“ mit der Bourgeoisie (der einheimischen wie
der fremden) gegen die Arbeiter , gegen die Werktätigen, und einem Über-
einkommen, das getroffen wird zum Schutz der Arbeiter, die ihre Bour-
geoisie bezwungen haben, mit der Bourgeoisie einer Landesfarbe gegen
die Bourgeoisie einer anderen Landesfarbe, um die Gegensätze zwischen
den verschiedenen Gruppen der Bourgeoisie auszunutzen.
In Wirklichkeit aber ist sich jeder Europäer dieses Unterschieds wohl
bewußt, und das amerikanische Volk hat ihn - wie ich gleich zeigen
werde - besonders anschaulich in seiner eigenen Geschichte „erlebt". Es
gibt Übereinkommen und Übereinkommen, fagots et fagots*, wie der
Franzose sagt.
Als die deutschen imperialistischen Räuber im Februar 1918 ihre
Heere gegen das wehrlose Rußland warfen, das seine Armee demobili-
siert und sich der internationalen Solidarität des Proletariats anvertraut
hatte, noch bevor die internationale Revolution voll ausgereift war, da
schwankte ich nicht im geringsten, mit den französischen Monarchisten
ein gewisses „Übereinkommen“ zu treffen. Der französische Hauptmann
Sadoul, der in Worten mit den Bolschewiki sympathisierte, in Wirklich-
keit aber dem französischen Imperialismus treu ergeben war, brachte den
französischen Offizier de Lubersac zu mir. „Ich bin Monarchist, mein
einziges Ziel ist die Niederwerfung Deutschlands“, erklärte mir de Luber-
sac. „Das versteht sich von selbst (cela va sans dire)“, erwiderte ich. Das
hinderte mich nicht im geringsten, mit de Lubersac in bezug auf Dienste
„übereinzukommen“, die uns französische Offiziere, Fachleute im Spreng-
wesen, bei der Sprengung von Eisenbahnlinien erweisen wollten, um
dadurch die deutsche Invasion aufzuhalten. Das war das Muster eines
„Übereinkommens“,, das jeder klassenbewußte Arbeiter billigen wird,
eines Übereinkommens im Interesse des Sozialismus. Der französische
Monarchist und ich, wir drückten einander die Hand,, obwohl wir wußten,
daß jeder von uns seinen „Partner“ gern hätte aufknüpfen lassen. - Aber
* Es gibt solche und solche. Die Red.
54
unsere Interessen fielen vorübergehend zusammen. Gegen die angreifen-
den deutschen Räuber machten wir uns im Interesse der russischen und
der internationalen sozialistischen Revolution die ebenso räuberischen
Gegeninteressen der anderen Imperialisten zunutze. Auf diese Weise
haben wir im Interesse der Arbeiterklasse Rußlands und der anderen
Länder gehandelt, das Proletariat gestärkt und die Bourgeoisie der ganzen
Welt geschwächt; wir haben von der in jedem Krieg absolut gesetzmäßigen
und unumgänglichen Methode des Manövrierens, Lavierens und Zurück-
gehens Gebrauch, gemacht in Erwartung des Zeitpunkts, da die schnell
heranreifende, proletarische Revolution in einer Reihe fortgeschrittener
Länder herangereift sein würde.
Wie sehr auch die englischen, französischen und amerikanischen im-
perialistischen Haie vor Wut rasen mögen, wie sehr sie uns verleumden,
wieviel Millionen sie auch ausgeben mögen, um die Zeitungen der rechten
Sozialrevolutionäre, der Menschewiki und der übrigen Soziälpatrioten zu
bestechen, ich würde keine Sekunde schwanken, ein ebensolches „Über-
einkommen“ mit den Räubern des deutschen Imperialismus zu schließen,
wenn der Angriff englisch-französischer Truppen auf Rußland das er-
forderte. Ich weiß sehr wohl, daß das klassenbewußte Proletariat Ruß-
lands; Deutschlands, Frankreichs, Englands, Amerikas, mit einem Wort,
der ganzen zivilisierten Welt, meine Taktik billigen wird. Eine solche
Taktik wird das Werk der sozialistischen Revolution erleichtern, ihren
Vormarsch beschleunigen, die internationale Bourgeoisie schwächen und
die Positionen der Arbeiterklasse festigen, die diese besiegt.
Das amerikanische Volk hat diese Taktik schon längst, und zwar zum
Nutzen der Revolution, angewandt. Als es seinen großen Befreiungskrieg
gegen seine Unterdrücker, die Engländer, führte, hatte es auch mit an-
deren Unterdrückern, den Franzosen und Spaniern zu tun, denen ein Teil
der jetzigen Vereinigten Staaten von Nordamerika gehörte. In seinem
schweren Befreiungskampf schloß das amerikanische Volk ebenfalls
„Übereinkommen“ mit den einen Unterdrückern gegen die anderen, um
die Unterdrücker zu schwächen und diejenigen zu stärken, die im Inter-
esse der großen Masse der Unterdrückten revolutionär gegen die Unter-
drückung kämpften. Das amerikanische Volk nutzte die zwischen den
Franzosen, Spaniern und Engländern bestehende Zwietracht aus und
kämpfte zuweilen sogar gemeinsam mit den Armeen der einen Unter-
Brief an die amerikanischen Arbeiter 55
drücker, der Franzosen und Spanier, gegen die anderen Unterdrücker, die
Engländer; es besiegte zuerst die Engländer und machte sich dann (zum
Teil durch Loskauf) von den Franzosen und Spaniern frei.
Die historische Tätigkeit ist nicht das Trottoir des Newski-Prospekts,
sagte der große russische Revolutionär Tschemyschewski. 25 Wer die
Revolution des Proletariats nur „unter der Bedingung“ „akzeptiert“, daß
sie leicht und glatt vonstatten gehe, daß die Proletarier verschiedener
Länder sofort mit einer vereinten Aktion beginnen, daß von vornherein
eine Garantie gegen Niederlagen gegeben, daß der Weg der Revolution
breit, frei und gerade sei, daß man auf dem Wege zum Siege nicht zeit-
weise schwerste Opfer bringen, nicht „in einer belagerten Festung aus-
harren“ oder nicht die schmälsten, ungangbarsten, gewundensten und ge-
fährlichsten Bergpfade erklimmen müsse ~ der ist kein Revolutionär, der
hat sich nicht frei gemacht von der Pedanterie der bürgerlichen Intelli-
genz, der wird in Wirklichkeit immer wieder in das Lager der konter-
revolutionären Bourgeoisie hinabgleiten, wie unsere rechten Sozialrevolu-
tionäre, wie die Menschewiki und sogar (wenn auch seltener) die linken
Sozialrevolutionäre.
Ebenso wie die Bourgeoisie lieben es diese Herren, uns das „Chaos“
der Revolution, die „Zerstörung“ der Industrie, die Arbeitslosigkeit und
den Brotmangel vorzuhalten. Wie heuchlerisch sind doch diese Anschuldi-
gungen von seiten der Leute, die den imperialistischen Krieg begrüßt und
unterstützt oder sich mit Kerenski, der diesen Krieg fortsetzte, „ver-
ständigt“ haben! Es ist doch der imperialistische Krieg, der an all diesem
Unheil schuld ist. Aus dem Kriege hervorgegangen, muß die Revolution
notgedrungen durch unglaubliche Schwierigkeiten und Qualen hindurch,
dieses Erbe des mehrjährigen, verheerenden, reaktionären Völkermordens.
Uns „Zerstörung“ der Industrie oder „Terror“ vorwerfen ist Heuchelei
oder stupide Pedanterie und bedeutet, die grundlegenden Bedingungen .
des rasenden, auf die Spitze getriebenen Klassenkampfes, der Revolution
heißt, nicht begreifen können.
Dem Wesen der Sache nach beschränken sich „Ankläger“ dieser Art,
wenn sie den Klassenkampf „anerkennen“, auf eine Anerkennung in
Worten; in der Tat jedoch verfallen sie immer wieder in die kleinbürger-
liche Utopie der „Harmonie“ und der „Zusammenarbeit“ der Klassen.
Denn in Revolutionszeiten hat der Klassenkampf stets und in allen Län-
nln, Werke, Bd. 28
56
WA. Lenin.
dem unvermeidlich die Form des Bürgerkriegs angenommen, ein Bürger-
krieg jedodi ohne schwerste Zerstörungen, ohne Terror und ohne Ein-
schränkung der formalen Demokratie im Interesse dieses Krieges ist
undenkbar. Nur rührselige Pfaffen - einerlei, ob christliche oder „welt-
liche“ in Gestalt der Salon- und Parlamentssozialisten - bringen es fertig,
diese Notwendigkeit nicht einzusehen, nicht zu begreifen, nicht zu fassen.
Nur lebende Leichname in der Art des „Mannes im Futteral“* sind im-
stande, deswegen von der Revolution abzurücken, anstatt sich mit aller
Leidenschaft und Entschlossenheit in den Kampf zu stürzen in einer Zeit,
da die Geschichte die größten Probleme der Menschheit durch Kampf
und Krieg gelöst haben will.
Im amerikanischen Volk lebt eine revolutionäre Tradition, welche die
besten Vertreter des amerikanischen Proletariats übernommen haben, die
uns Bolschewiki wiederholt ihrer vollen Sympathie versicherten. Diese
Tradition sind der Befreiungskrieg gegen die Engländer im 18. Jahrhun-
dert und der Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert. Im Jahre 1870 stand Ame-
rika in gewisser Hinsicht, berücksichtigt man nur die „Zerstörung“ einiger
Zweige der Industrie und der Volkswirtschaft, hinter 1860 zurück. Doch
was für ein Pedant, ja geradezu Idiot wäre ein Mensch, der aus solchem
Grund die so große weltgeschichtliche, fortschrittliche und revolutionäre
Bedeutung des amerikanischen Bürgerkriegs von 1863 bis 1865 leugnen
wollte !
Die Repräsentanten der Bourgeoisie begreifen wohl, daß die Ab-
schaffung der Negersklaverei, der Stürz der Sklavenhalterherrschaft es
wert war, daß das ganze Land lange Jahre des Bürgerkriegs, einen Ab-
grund von Zerstörung, Verwüstung und Terror, diese Begleiterschei-
nungen eines jeden Krieges, auf sich nahm. Jetzt aber, da es sich um eine
unermeßlich größere Aufgabe handelt, um die Aufgabe, die kapitalistische
Lohnsklaverei abzuschaffen, die Herrschaft der Bourgeoisie zu stürzen -
jetzt können und wollen die Repräsentanten und Anwälte der Bour-
geoisie ebensowenig wie die Reformsozialisten, die von der Bourgeoisie
eingeschüchtert worden sind und vor der Revolution Angst haben, nicht
begreifen, daß der Bürgerkrieg notwendig und gerecht ist.
Die amerikanischen Arbeiter werden nicht mit der Bourgeoisie gehen.
Sie werden mit uns sein, für den Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie. In
* Hauptfigur der- gleichnamigen Novelle von A. P. Tschechow. Der Obers.
Brief an die amerikanischen Arbeiter
57
dieser meiner Überzeugung bestärkt midi die ganze Geschichte der inter-
nationalen wie der amerikanischen Arbeiterbewegung. Ich erinnere mich
auch der Worte eines der beliebtesten Führer des amerikanischen Prole-
tariats, Eugene Debs, der - ich glaube Ende 1915 - im „Appeal to
Reason“ 26 in dem Artikel „What shall I fight for“ (Wofür werde ich
kämpfen?) schrieb (ich zitierte diesen Artikel Anfang 191 6 in einer öffent-
lichen Arbeiterversammlung in Bern in der Schweiz*),
daß er, Debs, sich eher füsilieren ließe, als daß er die Kredite für den
gegenwärtigen verbrecherischen und reaktionären Krieg bewilligte; daß
er, Debs, nur den einen geheiligten und vom Standpunkt der Proletarier
berechtigten Krieg kenne: eben den Krieg gegen die Kapitalisten, den
Krieg zur Befreiung der Menschheit von der Lohnsklaverei!
Es wundert mich keineswegs, daß Wilson, das Oberhaupt der amerika-
nischen Milliardäre, der Handlanger der kapitalistischen Magnaten, Debs
ins Gefängnis sperren ließ. Mag die Bourgeoisie gegen die wahren Inter-
nationalisten, die wahren Vertreter des revolutionären Proletariats, wüten !
Je größer ihre Wut und. ihre Brutalität, desto näher der Tag der sieg-
reichen proletarischen Revolution,
Man wirft uns die Zerstörungen vor, die unsere Revolution angerichtet
haben soll . . . Wer sind aber die Ankläger? Die Schleppenträger der Bour-
geoisie - derselben Bourgeoisie, die in den vier Jahren imperialistischen
Krieges fast die ganze europäische Kultur zerstört und Europa in den
Zustand der Barbarei, .der Verwilderung und des Hungers versetzt hat.
Diese Bourgeoisie verlangt Jetzt, von uns, daß wir die Revolution nicht
inmitten dieser Zerstörungen, nicht auf den Trümmern der Kultur, auf
den vom Krieg verursachten Trümmern und Ruinen und nicht mit den
durch den Krieg verwilderten Menschen durchführen. O wie human und
gerecht ist doch diese Bourgeoisie !
Ihre Diener werfen uns Terror vor Die englischen Bourgeois haben
ihr 1649, die Franzosen ihr 1793 vergessen. Der Terror war gerecht und
berechtigt, als die Bourgeoisie ihn zu ihren Gunsten gegen die Feudal-
herren anwandte. Der Terror wurde ungeheuerlich und verbrecherisch,
als sich die Arbeiter und armen Bauern erdreisteten, ihn gegen die Bour-
geoisie anzuwenden! Der Terror war gerecht und berechtigt, als er an-
gewandt wurde, um die eine ausbeutende Minderheit durch eine andere
»"Siehe Werke, Bd. 22. S. 124. Die Red.
58
W. I. Lenin
ausbeutende Minderheit zu ersetzen. Der Terror wurde ungeheuerlich
und verbrecherisch, als man daranging, ihn dazu anzuwenden, jede aus-
beutende Minderheit zu stürzen, als er im Interesse der wirklich gewal-
tigen Mehrheit, im Interesse des Proletariats und des Halbproletariats,
der Arbeiterklasse und der armen Bauernschaft angewandt wurde !
Die internationale imperialistische Bourgeoisie hat in „ihrem“ Krieg
10 Millionen Menschen gemordet und 20 Millionen zu Krüppeln gemacht,
in einem Krieg, der darum geführt wird, ob die englischen oder die deut-
schen Räuber die ganze Welt beherrschen sollen.
Wenn unser Krieg, der Krieg der Unterdrückten und Ausgebeuteten
gegen die Unterdrücker und Ausbeuter, in allen Ländern eine halbe oder
eine ganze Million Opfer kostet, so wird die Bourgeoisie sagen, die Opfer
ihres Krieges seien berechtigt, die unseres Krieges aber verbrecherisch.
Das Proletariat ist ganz und gar anderer Ansicht.
Das Proletariat macht sich jetzt inmitten der Greuel des imperiali-
stischen Krieges aus eigener Erfahrung jene große Wahrheit ganz zu
eigen, die alle Revolutionen lehren, die Wahrheit, die den Arbeitern von
ihren besten Lehrern, den Begründern des modernen Sozialismus, als Ver-
mächtnis hinterlassen worden ist. Diese Wahrheit besagt, daß eine Revo-
lution nur dann erfolgreich sein kann, wenn der Widerstand der Aus-
beuter gebrochen wird. Als wir, die Arbeiter und werktätigen Bauern,
uns der Staatsmacht bemächtigt hatten, war es unsere Pflicht, den Wider-
stand der Ausbeuter niederzuhalten. Wir sind stolz darauf, daß wir das
getan haben und daß wir das weiter tun. Wir' bedauern nur, daß wir das
nicht fest und entschlossen genug tun.
Wir wissen, daß die Bourgeoisie in allen Ländern der sozialistischen Re-
volution unvermeidlich wütenden Widerstand entgegensetzt und daß die-
ser Widerstand mit dem Anwachsen der Revolution wachsen wird. Das
Proletariat wird diesen Widerstand brechen, und im Kampf gegen die sich
wehrende Bourgeoisie wird es endgültig reif für den Sieg und die Macht.
Mag die korrupte bürgerliche Presse jeden Fehler, den unsere Revolu-
tion begeht, in die Welt hinausposaunen. Wir fürchten unsere Fehler
nicht. Mit dem Ausbruch der Revolution sind die Menschen nicht zu
Heiligen geworden. Jahrhundertelang unterdrückt und eingeschüchtert,
niedergehalten in N ot, Unwissenheit und Verwilderung, können die werk-
tätigen Klassen die Revolution nicht durchführen, ohne Fehler zu machen.
Brief an die amerikanischen Arbeiter
Und der Leichnam der bürgerlichen Gesellschaft läßt sich nicht, wie ich
schon einmal sagte*, in einem Sarg vernageln und ins Grab senken.
Zur Strecke gebracht, verfault der Kapitalismus, geht er mitten unter uns
in Verwesung über, verpestet die Luft, vergiftet unser Dasein und um-
strickt das Neue, Frische, Junge und Lebendige mit tausend Fäden und
Banden des Alten, Morschen und Toten.
Auf je hundert unserer Fehler, die die Bourgeoisie und ihre Lakaien
(darunter unsere Menschewiki und die rechten Sozialrevolutionäre) in
die Welt hinausschreien, kommen 10000 große, heroische Taten, die um
so größer und um so heroischer sind, als sie einfach sind, nicht in die
Augen fallen, sich im Alltag des Fabrikviertels oder des weltverlorenen
Dorfes abspielen und von Menschen begangen werden, die es nicht ge-
wohnt sind (und auch keine Möglichkeit dazu haben), jeden ihrer Erfolge
in alle Welt hinauszuposaunen.
Aber auch wenn das Gegenteil der Fall wäre - ich weiß wohl, daß eine
solche Annahme unzutreffend ist -, auch wenn auf 100 unserer richtigen
Handlungen 10 000 Fehler entfielen, ja, auch dann noch wäre unsere
Revolution groß und unbesiegbar; und sie wird auch vor der Welt-
geschichte groß und unbesiegt dastehen, denn es ist das erstemal, daß
nicht die Minderheit, nicht allein die Reichen und Gebildeten, sondern die
wirklichen Massen, die ungeheure Mehrheit der Werktätigen selbst ein
neues Leben aufbauen, aus eigener Erfahrung über die schwierigsten
Fragen sozialistischer Organisation entscheiden.
Ein jeder Fehler in dieser Arbeit, bei diesem äußerst gewissenhaften
und aufrichtigen Mitwirken von Dutzenden Millionen einfacher Arbeiter
und Bauern an der Neugestaltung ihres ganzen Lebens - ein jeder solcher
Fehler wiegt Tausende und Milhonen „fehlerloser“ Erfolge der ausbeuten-
den Minderheit auf, alle die Erfolge im Übervorteilen und Überlisten der
Werktätigen. Denn nur durch solche Fehler werden es die Arbeiter und
Bauern lernen, das neue Leben aufzubauen, werden sie es lernen, ohne
Kapitalisten auszukommen ; nur so werden sie sich den Weg durch tausend
Hindernisse hindurch - zum siegreichen Sozialismus bahnen.
Fehler begehen in ihrem revolutionären Schaffen unsere Bauern, die
mit einem Schlag in der einen Nacht vom 25. zum 26. Oktober (alten
Stils) 1917 jedes Privateigentum an Grund und Boden aufgehoben haben
*~STehe Werke. Bd. 27, S. 432. Die Red.
60
W. I. Lenin
und die jetzt von Monat zu Monat, unermeßliche Schwierigkeiten über-
windend und sich selbst korrigierend, die schwierigste Aufgabe der
Organisation der neuen Verhältnisse im Wirtschaftsleben praktisch lösen,
die Aufgabe, gegen die Kulaken zu kämpfen, den Boden für die Werk-
tätigen zu sichern (und nicht für die Reichen) und zum kommunistisdien
Großbetrieb in der Landwirtschaft überzugehen.
Fehler begehen in ihrem revolutionären Schaffen unsere Arbeiter, die
jetzt, im Verlauf weniger Monate, nahezu alle größeren Fabriken und
Werke nationalisiert haben und tagaus, tagein mit größter Anspannung
der Kräfte die für sie neue Arbeit erlernen, ganze Industriezweige zu
leiten, die die nationalisierten Betriebe in Gang bringen und den gigan-
tischen Widerstand überwinden, den Trägheit, Kleinbürgerlichkeit und
Egoismus ihnen in den Weg legen, die Stein auf Stein das Fundament der
neuen gesellschaftlichen Beziehungen, der neuen Arbeitsdisziplin und der
neuen Macht der Arbeitergewerkschaften über ihre Mitglieder errichten.
Fehler begehen in ihrem revolutionären Schaffen unsere Sowjets, die
schon 1905 durch den machtvollen Aufschwung der Massen ins Leben
gerufen worden waren. Die Sowjets der Arbeiter und Bauern, das ist ein
neuer Staatstypus, ein neuer, höherer Typus der Demokratie, das ist eine
Form der Diktatur des Proletariats, die Art und Weise, den Staat ohne
die Bourgeoisie und gegen die Bourgeoisie zu regieren. Zum erstenmal
steht hier die Demokratie im Dienst der Massen, der Werktätigen, weil
sie aufgehört hat, eine Demokratie für die Reichen zu sein, wie das die
Demokratie in allen bürgerlichen Republiken, selbst den demokratisch-
sten, bleibt. Zum erstenmal lösen dieVolksmassen in einem Maßstab von
hundert Millionen Menschen die Aufgabe, die Diktatur der Proletarier
und Halbproletarier zu verwirklichen - eine Aufgabe, ohne deren Lösung
von Sozialismus keine Rede sein kann.
Mögen Pedanten oder mit bürgerlich-demokratischen oder parlamenta-
rischen Vorurteilen unheilbar vollgestopfte Leute über unsere Sowjets
voller Bedenken den Kopf schütteln und sich zum Beispiel darüber auf-
halten, daß wir keine direkten Wahlen haben. Diese Leute haben während
der großen Umwälzungen von 1914 bis 1918 nichts gelernt und nichts
vergessen. Die Vereinigung der Diktatur des Proletariats mit der neuen
Demokratie für die Werktätigen - des Bürgerkriegs mit der breitesten
Einbeziehung der Massen in die Politik -. eine solche Vereinigung läßt
sich nicht von heute auf morgen bewerkstelligen und läßt sich nicht in
die ausgeleierten Formen des parlamentarischen Routinedemokratismus
zwängen. Was wir in ihren Konturen als Sowjetrepublik vor uns sehen,
das ist eine neue Welt, die Welt des Sozialismus. Kein Wunder, daß diese
Welt nicht fix und fertig zutage tritt, nicht auf einmal entsteht, so wie
Minerva dem Haupte Jupiters entstieg.
Wenn die alten bürgerlich-demokratischen Verfassungen zum Beispiel
die formale Gleichheit und Versammlungsfreiheit in rosigen Farben aus-
malten, so lehnt unsere proletarische und bäuerliche Sowjetverfassung die
Heuchelei der formalen Gleichberechtigung vollständig ab. Als die bürger-
lichen Republikaner Throne stürzten, scherte man sich nicht um die for-
male Gleichberechtigung der Monarchisten mit den Republikanern. Wenn
es nun um den Sturz der Bourgeoisie geht, so können nur Verräter oder
Idioten die formale Gleichberechtigung der Bourgeoisie fordern. Keinen
Pfifferling wert ist die „Versammlungsfreiheit“ für die Arbeiter und
Bauern, wenn alle größeren Baulichkeiten von der Bourgeoisie besetzt
sind. Unsere Sowjets haben den Reichen alle guten Baulichkeiten in den
Städten wie in den Dörfern abgenommen und alle diese Gebäude den
Arbeitern und Bauern für ihre Versammlungs- und Vereinszwecke über-
geben. So sieht unsere Versammlungsfreiheit aus für die Werk-
tätigen! Darin bestehen Sinn und Inhalt unserer Sowjetverfassung, unse-
rer sozialistischen Verfassung !
Und deshalb sind wir alle sq fest davon überzeugt, daß unsere Sowjet-
republik, welches Unheil auch über sie hereinbrechen mag, unbesiegbar ist.
Sie ist unbesiegbar, denn jeder Schlag, den der rasende Imperialismus
uns versetzt, jede Niederlage, die wir durch die internationale Boür-.
geoisie erleiden, mobilisiert immer neue und neue Schichten der Arbeiter
und Bauern zum Kampf, erzieht sie um den Preis der größten Opfer,
stählt sie und bringt einen neuen Massenheroismus hervor..
Wir wissen. Genossen amerikanische Arbeiter, daß Ihr uns wohl noch
nicht so bald zu Hilfe kommen werdet, denn die Entwicklung der Revolu-
tion in den verschiedenen Ländern vollzieht sich in verschiedenen Formen
und in verschiedenem Tempo (und kann sich auch nicht anders voll-
ziehen) . Wir wissen, es kann auch so kommen, daß die europäische
proletarische’ Revolution nicht in den nächsten Wochen ausbricht, so
schnell sie auch in letzter Zeit heranreift. Wir bauen darauf, daß die
62
W. I. Lenin
internationale Revolution unausbleiblich ist; das bedeutet aber keines-
wegs, daß wir törichterweise damit rechnen, die Revolution werde unbe-
dingt innerhalb einer bestimmten kurzen Frist beginnen. Wir haben in
unserem Lande zwei große Revolutionen erlebt, 1905 und 1917, und wir
wissen, daß Revolutionen weder auf Bestellung noch auf Verabredung
gemacht werden. Wir wissen, daß die Umstände, die unsere, die russische
Abteilung des sozialistischen Proletariats vorgeschoben haben, nicht auf
unsere Verdienste zurückzuführen sind, sondern auf die besondere Rück-
ständigkeit Rußlands; wir wissen, daß vor dem Ausbruch der internatio-
nalen Revolution eine Reihe von Niederlagen einzelner Revolutionen
möglich ist.
Und dennoch sind wir fest davon überzeugt, daß wir unbesiegbar sind,
denn die Menschheit wird durch das imperialistische- Gemetzel nicht ge-
brochenwerden, sondern sie wird es überwinden. Und das erste Land, das
die Zwangsketten des imperialistischen Krieges zerrissen hat, war unser
Land. Wir haben die schwersten Opfer gebracht, um diese Ketten zu
sprengen, und wir haben sie gesprengt. Wir stehen außerhalb der imperia-
listischen Abhängigkeitsverhältnisse, wir haben vor der ganzen Welt das
Banner des Kampfes für den völligen Sturz des Imperialismus entrollt.
Wir befinden uns gleichsam in einer belagerten Festung, solange uns
nicht andere Abteilungen der internationalen sozialistischen Revolution
zu Hilfe kommen. Aber diese Abteilungen sind vorhanden, sie sind zahl-
reicher als die unsrigen; sie wachsen, reifen heran und erstarken, je
länger die Bestialitäten des Imperialismus fortdauem. Die Arbeiter bre-
chen mit ihren Sozialverrätem, mit den Gompers, Henderson, Renaudel,
Scheidemann, Renner. Langsam, aber unentwegt, kommen die Arbeiter
zur kommunistischen, bolschewistischen Taktik, zur proletarischen Revo-
lution, die allein imstande ist, die Kultur, die Menschheit vor dem Unter-
gang zu retten.
Mit einem Wort, wir sind unbesiegbar, denn unbesiegbar ist die prole-
tarische Weltrevolution.
N. Lenin
20. August 1918
„ Pramda " Nr. 178 .
22. August 1918.
Nadi dem Text der „Pramda",
verglichen mit dem Manuskript.
REDE AUF EINER KUNDGEBUNG
IM ALEXEJEW-VOLKSHAUS IN MOSKAU
23. AUGUST 1918
Kurzer Zeitungsbericht
(Genosse Lenin wird bei seinem Erschei nen mit stür-
mischem, lang anhaltendem Beifall begrüßt.) Genossen!
Heute veranstaltet unsere Partei Kundgebungen, die das Thema behan-
deln: Wofür kämpfen wir Kommunisten.
. Die kürzeste Antwort auf diese Frage wäre die: für die Beendigung des
imperialistischen Krieges und für den Sozialismus.
Schon zu Beginn des Krieges, als Reaktion und Zarismus herrschten,
haben wir erklärt, daß der Krieg ein Verbrechen ist und daß der einzige
Ausweg aus ihm darin besteht, den imperialistischen Krieg in den Bürger-
krieg umzuwandeln.
Vielen schien damals der Zusammenhang zwischen dem imperialisti-
schen Krieg und dem Sozialismus unverständlich, sogar viele Sozialisten
glaubten, dieser Krieg müßte ebenso wie andere Kriege mit einem Frie-
densschluß beendigt werden.
Vier Jahre Krieg haben jedoch vieles gelehrt. Heute wird es immer
klarer, daß es keinen anderen Ausweg gibt. Nach der russischen Revolu-
tion reifen in allen kriegführenden Ländern Revolutionen heran. Warum
ist das so gekommen? Um diese Frage zu beantworten, muß man zeigen,
wie sich die Kommunisten zum Krieg verhalten und wie wir ihn von
unserem Standpunkt aus einschätzen. Alle Kriege, die das Resultat räube-
rischer Bestrebungen der Zaren und der Kapitalisten waren, halten wir
für verbrecherisch, denn sie stürzen die werktätigen Klassen ins Ver-
derben, während sie der herrschenden Bourgeoisie reiche Früchte bringen.
Doch gibt es Kriege, die die Arbeiterklasse als die einzig gerechten
Kriege bezeichnen muß - das ist der Kampf für die Befreiung aus der
64
W. I. Lenin
Sklaverei, aus dem Joch der Kapitalisten, und solche Kriege muß es geben,
denn anders als durch Kampf werden wir die Befreiung nicht erzwingen.
Als 1914 der Krieg zwischen den Deutschen und den Engländern und
Franzosen ausbrach, m dem es darum ging, wie die Erde zwischen ihnen
aufgeteilt werden soll, wer von ihnen das Recht haben soll, die ganze
Welt zu unterdrücken, da bemühten sich die Kapitalisten beider Lager,
ihre räuberischen Bestrebungen mit der Losung von der „Vaterlandsver-
teidigung“ zu bemänteln, und mit diesem Ammenmärchen fütterten sie
die Volksmassen.
Millionen Menschen sind in diesem Gemetzel ums Leben gekommen,
Millionen wurden zu Krüppeln. Der Krieg wurde zum Weltkrieg, und
immer häufiger tauchte die Frage auf: Weshalb, wofür diese unnötigen
Opfer?
England und Deutschland schwimmen in Strömen von Blut, doch her-
auskommen aus diesem Kriege können sie nicht: stellen die einen imperia-
listischen Länder den Krieg ein, so werden ihn die anderen weiterführen.
Die Kapitalisten haben sich übernommen; sie haben zuviel zusammen-
geraubt. Indessen schreitet dieZersetzung der Armee fort, überall mehren
sich die Deserteure, die Berge Italiens wimmeln von ihnen, in Frankreich
weigern sich die Soldaten, in den Kampf zu gehen, und selbst in Deutsch-
land ist die frühere Disziplin geschwunden.
Den französischen und den deutschen Soldaten wird es immer klarer,
daß sie die Front umkehren und ihre Waffen gegen die. eigenen Regie-
rungen richten müssen, weil unter dem kapitalistischen System dem blu-
tigen Krieg unmöglich ein Ende gesetzt werden, kann; daher eben rührt
die Erkenntnis, daß die Arbeiter aller Länder den Kampf gegen die
Kapitalisten aller Länder beginnen müssen.
Die sozialistische Ordnung schaffen ist schwer. Der Bürgerkrieg wird
noch lange Monate, möglicherweise auch Jahre dauern, und das begreift
der Russe, denn er ist sich bewußt, wie schwer es ist, die herrschende
Klasse zu stürzen, und wie verzweifelt sich die russischen Gutsbesitzer
und Kapitalisten wehren.
Es gibt kein Land in Europa, in dem die Arbeiter nicht mit den Bolsche-
wiki sympathisierten und nicht überzeugt wären, daß die Zeit kommt,
da auch sie ihre Regierung stürzen werden, wie das die russischen Arbeiter
'getan haben.
Rede auf einer Kundgebung im Alexejew-Volkshaus in Moskau
65
Wir russischen Kommunisten stehen einstweilen allein da, weil wir den
anderen Abteilungen vorausgeeilt sind, weil man uns von den übrigen
Genossen abgeschnitten hat. Wir haben aber als erste beginnen müssen,
weil unser Land am rüdeständigsten war. Unsere Revolution ist als all-
gemeine Revolution ausgebrochen, und wir werden unsere Aufgaben mit
Hilfe der Arbeiter und Bauern aller Länder lösen.
Unsere Aufgaben sind schwierig und kompliziert, zu uns stößt manch
ein unnützes, schädliches Element, doch die Arbeit hat begonnen, und
wenn wir auch Fehler machen, so darf man nicht vergessen, daß wir aus
jedem Fehler Erkenntnisse ziehen und lernen.
Der Kapitalismus ist eine internationale Macht, und endgültig ver-
nichten kann man ihn darum nur dann, wenn der Sieg in allen Ländern
und nicht bloß in einem Lande errungen sein wird. Der Krieg gegen die
Tsdhechoslowaken ist ein Krieg gegen die Kapitalisten der ganzen Welt.
Die Arbeiter erheben sich zu diesem Kampf; die Petrograder und
Moskauer Arbeiter reihen sich in die Armee ein, und so wird die Armee
von der Idee des Kampfes für den Sieg des Sozialismus durchdrungen.
Die proletarischen Massen werden der Sowjetrepublik den Sieg über
die Tsdhechoslowaken sichern, sie werden ihr die Möglichkeit sichern,
sich so lange zu halten, bis die sozialistische Weltrevolution kommt. (Ge-
nosse Lenin schloß seine .Rede unter dem stürmischen
Beifall und den Ovationen der Versammelten.)
„Ismestija WZIK" Nt. 182, Nach dem Text der
24. August 1918. . Ismestija WZIK".
REDE AUP EINER KUNDGEBUNG
IM POLYTECHNISCHEN MUSEUM IN MOSKAU
23. AUGUST 1918
(Stürmische Ovationen.) Worin besteht unser Programm? ln
der Erkämpfung des Sozialismus. Im gegenwärtigen Stadium des Welt-
kriegs gibt es aus diesem Krieg keinen anderen Ausweg als den Sieg des
Sozialismus. Viele verstehen das aber nicht. Heute ist der größte Teil der
Menschheit gegen das blutige Völkermorden, aber den unmittelbaren Zu-
sammenhang dieses Gemetzels mit der kapitalistischen Gesellschaftsord-
nung können die meisten nicht begreifen. Die Schrecken des jetzigen Krie-
ges springen sogar der Bourgeoisie in die Augen, doch nicht ihr ist es
gegeben, die Beendigung des Krieges mit dem Ende des kapitalistischen
Systems in Verbindung zu bringen Das ist aber der Hauptgedanke,
durch den sich die Bolschewiki und die. revolutionären Sozialisten aller
anderen Länder schon immer von denen unterschieden haben, die der
Welt den Frieden bescheren wollen, ohne dabei die kapitalistische Ord-
nung anzutasten.
Warum werden Kriege geführt? Wir wissen, daß die meisten Kriege
dynastischer Interessen wegen geführt und dynastische Kriege genannt
wurden. Zuweilen aber wurden Kriege im Interesse der Unterdrückten
geführt. So hat Spartakus einen Krieg zur Verteidigung einer unter-
jochten Klasse geführt. Solche Kriege gab es in der Epoche der kolonialen
Unterdrückung, die auch heute noch nicht zu Ende ist, in der Epoche der
Sklaverei usw. Das waren gerechte Kriege, solche Kriege dürfen nicht
verurteilt werden.
Wenn wir aber vom jetzigen europäischen Krieg sprechen und ihn ver-
urteilen, so nur, weil er von der Unterdrückerklasse geführt wird.
Welchen Zielen dient der jetzige Krieg? Wollte man den Diplomaten
Rede auf einer Kundgebung im Polytechnisdien Museum in Moskau 67
aller Länder Glauben schenken, so wird er französischer- und englischer-
seits geführt, um die kleinen Völker vor den Barbaren, den deutschen
Hunnen, zu schützen; deutscherseits wird er geführt gegen die Barbaren
in Gestalt der Kosaken, die das deutsche Kulturvolk bedrohen, sowie zur
Verteidigung des Vaterlands gegen die Feinde, die es angegriffen haben.
Wir wissen aber, daß dieser Krieg von langer Hand vorbereitet wurde,
daß er heranreifte und unvermeidlich war. Er war ebenso unvermeidlich,
wie ein Krieg zwischen Amerika und Japan unvermeidlich ist. Worin be-
steht nun diese Unvermeidlichkeit?
Sie besteht darin, daß der Kapitalismus die Reicfatümer der Erde in den
Händen einzelner Staaten konzentriert, daß er die Erde bis zum letzten
Winkel auf geteilt hat; eine weitere Teilung, eine weitere Bereicherung
ist nur noch auf Kosten anderer, auf Kosten eines Staates im Interesse
eines anderen möglich. In dieser Frage eine Entscheidung herbeiführen
kann man nur durch Gewalt - und deshalb wurde der Krieg zwischen
den räuberischen Weltmächten unvermeidlich.
Im jetzigen Krieg standen bisher zwei Hauptfirmen an der Spitze -
England und Deutschland. England repräsentierte die stärkste Kolonial-
macht. Bei einer Einwohnerzahl in England von nicht mehr als 40 Mil-
lionen beläuft sidi die Bevölkerung seiner Kolonien auf über 400 Mil-
lionen. Seit langem schon hat England mit dem Recht des Stärkeren fremde
Kolonien, gewaltige Landstriche an sich gerissen und ausgebeutet. Aber
ökonomisch ist es in den letzten 50 Jahren hinter Deutschland zurück-
geblieben. Die deutsche Industrie hat die Industrie Englands überflügelt.
Der mächtige Staatskapitalismus Deutschlands hat sich mit dem Büro-
kratismus vereinigt, und Deutschland hat den Rekord geschlagen.
Zwischen diesen beiden Giganten konnte der Streit um die Vormacht-
stellung nicht anders als durch Gewalt ausgetragen werden.
Hatte dereinst England mit dem Recht des Stärkeren Holland, Portugal
und anderen Staaten weite Landstriche entrissen, so trat jetzt Deutsch-
land auf den Plan und erklärte: Jetzt bin ich an der Reihe, mich auf
Kosten anderer zu bereichern.
Darauf eben läuft die Frage hinaus : auf den Kampf um die Aufteilung
der Welt zwischen den Stärksten. Und weil beide Parteien über Hun-
derte Millionen Kapital verfügen, ist der Kampf zwischen ihnen zu einem
Weltkrieg geworden.
W. I. Lenin
Wir wissen, wie viele heimliche Verbredien in diesem Krieg begangen
worden sind. Die von uns veröffentlichten Geheimverträge haben be-
wiesen, daß die Phrasen, mit denen man begründen wollte, warum der
Krieg geführt wird, leere Worte blieben und daß alle Staaten, auch Ruß-
land, durch schmutzige Verträge verbunden waren, die vorsehen, sich auf
Kosten der kleinen und schwachen Völker zu bereichern. Und das Resul-
tat: Wer stark war, hat sich noch mehr bereichert, wer schwach war, ist
zertreten worden.
Man kann nicht einzelne Personen für den Ausbruch des Krieges ver-
antwortlich machen; es wäre falsch, den Königen und Zaren die Schuld
an der Entstehung dieses Gemetzels zuzuschreiben - das Kapital hat es
verursacht.. Der Kapitalismus ist in einer Sackgasse. Diese Sackgasse ist
nichts anderes als der Imperialismus, der den Krieg zwischen den Kon-
kurrenten in der ganzen Welt diktiert hat.
Es war eine unverschämte Lüge, als man sagte, der Krieg sei erklärt wor-
den, um die kleinen Völkerschaften zu befreien. Die beiden Räuber stehen
immer noch einander gegenüberund messen sichmitblutrünstigen Blicken,
und ringsumher liegen nicht wenig kleine Völker zertreten am Boden.
Wir aber sagen: Aus dem imperialistischen Gemetzel gibt es keinen
anderen Ausweg als den Bürgerkrieg.
Als wir das 1914 sagten, entgegnete man uns, das gleiche einer geraden
Linie im luftleeren Raum, doch alle späteren Ereignisse haben unsere
Analyse bestätigt. Heute sehen wir, daß die Generale des Chauvinismus
ohne Armeen bleiben. Unlängst haben in Frankreich, das am meisten
unter dem Krieg gelitten und am empfindlichsten auf die Losung der
Vaterlandsverteidigung reagiert hat, stand dodi der Feind vor den Toren
von Paris - haben in diesem Land die Vaterlandsverteidiger Schiffbruch
erlitten; allerdings hat dort der Chauvinismus wegen solcher schwanken-
den Elemente wie Longuet Schiffbruch erlitten - doch das ist nicht so
wesentlich.
Wir wissen, daß in Rußland in den ersten Tagen der Revolution die
Macht an die Herrschaften fiel, die immer leere Phrasen droschen, aber
die alten Zarenverträge einhielten.: Und wenn sich die Linksentwicklung
der Parteien in Rußland schneller vollzog, so hat dazu das verfluchte
Regime beigetragen, das vor der Revolution bestand, sowie unsere Revo-
lution von 1905. .
Rede auf einer Kundgebung im Polytechnischen Museum in Moskau 69
In Europa aber, wo ein kluger und umsichtiger Kapitalismus herrscht,
der über eine mächtige und straffe Organisation verfügt, vollzieht sich
die Befreiung vom nationalistischen Taumel langsamer. Und trotzdem
sieht man, daß der imperialistische Krieg eines langsamen, qualvollen
Todes stirbt.
Durchaus glaubwürdigen Nachrichten zufolge ist das deutsche Heer
von Zersetzung erfaßt, und man betreibt dort Schiebergeschäfte. Anders
kann es auch gar nicht sein. In dem Augenblick, in dem der Soldat zur
Besinnung kommt und zu begreifen beginnt, daß er einzig und allein um
der Interessen der Bourgeoisie willen in den Tod gejagt oder zum Krüppel
geschossen wird, muß unter den Massen unbedingt Zersetzung um sich
greifen.
Auch die französische Armee, die sich am längsten und am stand-
haftesten hielt, hat gleichfalls gezeigt, daß ihr der Zersetzungsprozeß
nicht fremd ist. Der Malvy-Prözeß hat auch den Schleier etwas gelüftet,
der über die Vorgänge in Frankreich gebreitet war, und so wurde be-
kannt, daß sich Tausende Soldaten geweigert hatten, an die Front zu
gehen. 27
Das alles sind Vorzeichen ebensolcher Ereignisse, wie sie sich in Ruß-
land abgespielt haben. Nur werden uns die Kulturländer Beispiele eines
weit härteren Bürgerkriegs bieten, als Rußland- sie geboten hat. Das be-
stätigt Finnland, das demokratischste aller Länder Europas, ein Land,
das als erstes das Wahlrecht für die Frauen eingeführt hat - dieses Land
hat mit den Rotarmisten in grausamster und erbarmungslosester Weise
abgerechnet, und diese haben sich nicht leicht ergeben. Dieses Bild zeigt,
was für ein hartes Los dieser Kulturländer harrt.
Ihr seht selbst, wie absurd die gegen die Bolschewiki erhobene Be-
schuldigung war, die Zersetzung der russischen Armee sei ihr Werk
gewesen.
Wir sind nur eine einzelne Abteilung, die etwas weiter als die anderen
Arbeiterabteilungen vorgestoßen ist, und das nicht etwa, weil sie besser
ist als die anderen, sondern weil die stupide Politik unserer Bourgeoisie
es der Arbeiterklasse Rußlands ermöglicht hat, ihr Joch rascher abzu-
schütteln. Wenn wir jetzt für die sozialistische Gesellschaftsordnung in
Rußland kämpfen, so kämpfen wir für den Sozialismus in der ganzen
Welt. In allen Ländern, auf allen Arbeiterkundgebungen, in allen Arbeiter-
70
Versammlungen ist jetzt nur von den Bolsdiewiki die Rede, und die
Arbeiter kennen uns und wissen, daß wir jetzt für die Sache der ganzen
Welt arbeiten, daß wir für sie alle arbeiten.
Wenn wir das Eigentum an Grund und Boden aufheben und die Be-
triebe sowie die Banken nationalisieren, die sich jetzt bemühen, die Indu-
strie in Gang zu bringen, hören wir von allen Seiten Vorhaltungen, daß
wir eine Menge Fehler begehen. Gewiß, doch die Arbeiter bauen selbst
den Sozialismus auf, und mögen wir noch soviel Fehler begehen - aus
dieser Praxis lernen wir und bereiten den Boden vor für die Kunst, Revo-
lutionen ohne Fehler zu machen.
Eben deshalb begegnen wir einem so wütenden Haß ! Eben deshalb
läßt es sich der französische Imperialismus nicht leid sein, Dutzende und
Hunderte von Millionen für die Unterstützung der Konterrevolution hin-
auszuwerfen, verheißt sie doch Frankreich die Rückerstattung der russi-
schen Milliardenschulden, die von den Arbeitern und Bauern annulliert
worden sind.
Die ganze bürgerliche Presse vergnügt sich heute damit, ihre Spalten
mit Lügen zu füllen, etwa in der Art, daß der Rat der Volkskommissare
nach Tula abgereist sei und daß man ihn vor zehn Tagen in Kronstadt
gesehen habe usw., daß Moskau vor dem Fall stehe und daß die Sowjet-
behörden geflüchtet seien.
Die gesamte Bourgeoisie, alle ehemaligen Romanow, alle Kapitalisten
und Gutsbesitzer sind für die Tschechoslowaken, denn mit dem Aufruhr
der Tschechoslowaken verbinden sie ihre Hoffnungen auf den Sturz der
Sowjetmacht. Die Alliierten wissen das und sind zu einem ihrer schwersten
Angriffe angetreten. Es hat ihnen in Rußland an einem Kemtrupp gefehlt,
und diesen Kemtrupp haben sie nun in den Tschechoslowaken gefunden.
Deshalb darf man den Aufruhr der Tschechoslowaken nicht leicht nehmen.
Dieser Aufruhr hat eine Reihe von konterrevolutionären Aufständen nach
sich gezogen ; die jüngsten Geschehnisse in der Geschichte unserer Revolu-
tion sind gekennzeichnet durch eine Reihe von Aufständen der Kulaken
und Weißgardisten.
Die Sowjetmacht befindet sich in einer ernsten Lage, davor darf man
nicht die Augen verschließen. Aber schaut um euch, und ihr werdet durch-
drungen sein von der Gewißheit an unseren Sieg.
Deutschland hat eine Reihe von Niederlagen erlitten, und es ist kein
Rede auf einer Kundgebung im Polytechnischen Museum in Moskau 71
Geheimnis, daß diese Niederlagen die Folge des „Verrats“ der deutschen
Soldaten sind; die französischen Soldaten haben sich im gefährlichsten
Augenblick wegen der Verhaftung des Gen. Andrieu geweigert, an die
Front zu gehen, so daß die Regierung ihn freilassen mußte, um die Trup-
pen einsetzen zu können usw. usf.
Wir haben viele Opfer gebracht. Der Brester Frieden ist eine einzige
schwere Wunde ; wir haben auf die Revolution in Deutschland gewartet,
aber damals war sie noch nicht herangereift. Das geschieht jetzt. Die
Revolution kommt unbedingt, sie ist unausbleiblich. Aber nur ein Dumm-
kopf kann fragen, wann die Revolution im Westen ausbrechen wird. Eine
Revolution läßt sich nicht im voraus berechnen, eine Revolution kann
man nicht Voraussagen, sie kommt von allein. Und sie wächst heran und
muß zum Ausbruch kommen. Hat etwa eine Woche vor der Februar-
revolution irgend jemand gewußt, daß sie ausbrechen wird? Hat etwa zu
dem Zeitpunkt, als der verrückte Pope das VolkzumZarenshloß führte 28 ,
irgend jemand gedacht, daß die Revolution von 1905 ausbrehen wird?
Doch die Revolution wächst heran und muß unvermeidlich zum Ausbruch
kommen.
Inzwischen müssen wir die Sowjetmacht behaupten, unsere Fehler müs-
sen dem Proletariat des Westens, dem internationalen Sozialismus, eine
Lehre sein. Die Rettung nicht allein der russischen, sondern auch der inter-
nationalen Revolution liegt an der tschechoslowakischen Front. Wir haben
auch schon Nachrichten, daß die Armee, die von den Generalen immer
wieder verraten wurde, die unendlich erschöpfte Armee, daß diese Armee
mit dem Eintreffen unserer Genossen, unserer Kommunisten, unserer
Arbeiter, zu siegen beginnt, daß sie im Kampfe mit der Weltbourgeoisie
revolutionären Enthusiasmus zu bekunden beginnt.
Und wir haben den festen Glauben, daß der Sieg unser ist Und daß
wir durch unseren Sieg den Sozialismus behaupten werden. (Stür-
mische Ovation.)
Ein kurzer Bericht wurde am
24. August 1918 in den
„Ismestija WZIK“ Nr. 182
veröffentlicht.
Zuerst vollständig veröffentlicht 1926. Nach dem Stenogramm.
6 Lenin. Werke, Bd.
REDE AUF DEM I. GESAMTRUSSISCHEN KON GRESS
FÜR BILDUNGSWESEN 29
28. AUGUST 1918
(Genosse Lenin tritt in den Saal, alle Anwesenden er-
heben sich von den Plätzen und.begrüßen ihn mit stür-
mischem, lang anhaltendem Beifall.) Genössen! Wir leben in
einem der kritischsten, wichtigsten und interessantesten Zeitabschnitte der
Geschichte - in einer Zeit, da die sozialistische Weltrevolution heran-
reift. Jetzt wird es sogar denjenigen klar, die weit entfernt waren von
sozialistischen Theorien und Perspektiven, daß dieser Krieg nicht so enden
wird, wie er angefangen hat, d. h. nicht durch einen üblichen Friedens-
schluß zwischen den alten imperialistischen Regierungen. Die russische
Revolution hat gezeigt, daß der Krieg unvermeidlich zum Zerfall der
ganzen kapitalistischen Gesellschaft führt, daß er sich in einen Krieg der
Werktätigen gegen die Ausbeuter verwandelt. Darin liegt die Bedeutung
der russischen Revolution.
Wie groß auch die Schwierigkeiten sein mögen, die auf unserem Wege
liegen, wie sehr man sich auch in allen Ländern anstrengt, Millionen und
aber Millionen für die Verbreitung von Lügen und Verleumdungen gegen
die russische Revolution hinauszuwerfen - die Arbeiterklasse der ganzen
Welt fühlt, daß die russische Revolution ihre ureigene Sache ist. Parallel
mit dem Krieg der einen Imperialistengruppe gegen die andere beginnt
überall der Krieg, den die Arbeiterklasse, beseelt vom Beispiel der rus-
sischen Revolution, ihrer eigenen Bourgeoisie erklärt. Alle Anzeichen wei-
sen darauf hin, daß Österreich und Italien unmittelbar vor der Revolution
stehen ; der Zerfall der alten Gesellschaftsordnung schreitet in diesen Län-
dern rasch voran. In den stabileren und stärkeren Staaten, wie Deutsch-
land, England und Frankreich, vollzieht sich, obwohl etwas anders und
Rede auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß für Bildungswesen 73
weniger bemerkbar, der gleiche Prozeß. Der Zusammenbruch der kapita-
listischen Ordnung und des kapitalistisdien Krieges ist unvermeidlich. Die
deutschen Imperialisten konnten die sozialistische Revolution nicht ab-
würgen. Die Niederwerfung der Revolution im roten Lettland, Finnland
und in der Ukraine bezahlte Deutschland mit der Zersetzung seiner
Armee. Deutschlands Niederlage an der Westfront ist zum großen Teil
darauf zurückzuführen, daß die alte Armee in Deutschland schon nicht
mehr existiert. Wovon die deutschen Diplomaten in halb scherzhaftem
Ton gesprochen haben, von der „Russifizierung“ der deutschen Soldaten,
das ist heute für sie schon kein Scherz mehr, sondern bitterer Emst. Der
Geist des Protestes wächst, und „Verrat“ wird in der deutschen Armee
zu einer alltäglichen Erscheinung. Anderseits machen England und Frank-
reich die letzten Anstrengungen, um ihre Lage zu stabilisieren. Sie stürzen
sich auf die Russische Republik und spannen die Saiten des Kapitalismus
dermaßen straff, daß sie schon zu reißen beginnen. In der Stimmung der
Arbeitermassen ist. wie selbst bürgerliche Presseorgane zugeben müssen,
ein unzweifelhafter Umschwung eingetreten: in Frankreich geht die Idee
der „Vaterlandsverteidigung“ bankrott; die Arbeiterklasse Englands kün-
digt den „Burgfrieden". Das bedeutet, daß die englischen und die franzö-
sischen Imperialisten ihre letzte Karte ausgespielt haben - und wir sagen
mit absoluter Gewißheit, daß diese Karte gestochen werden wird. (Stür-
mischer Beifall.) Wie sehr auch gewisse Gruppen schreien mögen,
die Bolschewiki stützten sich auf eine Minderheit, so müssen sie doch zu-
geben, daß sie innerhalb Rußlands für den Kampf gegen die Bolschewiki
keine Kräfte haben, und so sehen sie sich gezwungen, zu einer ausländi-
schen Intervention Zuflucht zu nehmen. Auf diese Weise wird die Arbeiter-
klasse Frankreichs und Englands zur Teilnahme an einem ganz offen-
kundigen Eroberungskrieg genötigt, dessen Ziel es ist, die russische Revo-
lution abzuwürgen. Das bedeutet, daß der englisch-französische und
somit auch der Weltimperialismus in den letzten Zügen liegt. (Stür-
mischer Beifall.)
Wie schwierig es auch war, ein Land, in dem das Volk selbst dem Krieg
ein Ende gemacht und die alte Armee selbst zerschlagen hatte, von neuem
in Kriegszustand zu versetzen, wie schwierig es auch war, im Prozeß eines
erbittert geführten Bürgerkriegs eine Armee zu schaffen - wir haben alle
Schwierigkeiten bewältigt. Die Armee wurde aufgestellt, und der Sieg
74
W. I. Lenin
über die Tschechoslowakei!, die Weißgardisten, die’ Gutsbesitzer, Kapita-
listen und Kulaken ist gesickert. (StürmischerBeifall.) Die werk-
tätigen Massen begreifen, daß sie den Krieg nicht für die Interessen einer
Handvoll Kapitalisten, sondern für ihre eigene Sache führen. Die rus-
sischen Arbeiter und Bauern haben zum erstenmal die Möglichkeit er-
halten, selbst über die Fabriken und den Grund und Boden zu verfügen,
und diese Erfahrung konnte an ihnen nicht spurlos vorübergehen. Unsere
Armee ist aus ausgesuchten Elementen, aus klassenbewußten Arbeitern
und Bauern aufgestellt worden, und jeder geht im Bewußtsein dessen an
die Front, daß er nicht nur für.das Schicksal der russischen Revolution,
sondern der ganzen Weltrevolution kämpft, denn wir können sicher sein,
daß die russische Revolution nur das Vorbild, nur der erste Schritt in
einer Reihe von Revolutionen ist, mit denen der Krieg unvermeidlich
enden wird.
Ein Bestandteil des Kampfes, den wir jetzt führen, ist das Volks-
bildungswesen. Der Heuchelei und Lüge können wir offen die volle
Wahrheit entgegenstellen. Der Krieg hat anschaulich gezeigt, was es mit
dem „Willen der Mehrheit“ auf. sich hat, hinter den sich die Bourgeoisie
verschanzte, der Krieg hat gezeigt, daß eine . Handvoll Plutokraten ihrer
Interessen wegen die Völker in das Gemetzel hineinziehen. Endgültig
zerstört ist jetzt der Glaube, die bürgerliche Demokratie diene der Mehr-
heit. Unsere Verfassung, unsere Sowjets, die für Europa neu waren, uns
jedoch schon aus der Erfahrung der Revolution von 1905 vertraut sind,
dienen bei der Agitation und Propaganda als bestes Beispiel, das die
ganze Verlogenheit und Heuchelei ihres Demokratismus entlarvt. Wir
haben offen die Herrschaft der Werktätigen und Ausgebeuteten prokla-
miert - darin liegt unsere Kraft und Stärke und die Quelle unserer Un-
besiegbarkeit.
Auf dem Gebiet des Volksbildungswesens sehen wir dasselbe : je höher
der kulturelle Stand eines bürgerlichen Staates war, desto raffinierter hat
er gelogen, wenn er behauptete, die Schule könnte außerhalb der Politik
stehen und der Gesellschaft als Ganzem dienen.
In Wirklichkeit war die Schule voll und ganz in ein Werkzeug der
Klassenherrschaft der Bourgeoisie verwandelt worden; sie war ganz und
gar von bürgerlichem Kastengeist durchtränkt, sie sollte den Kapitalisten
gefügige Knechte und tüchtige Arbeiter liefern.. Der Krieg hat gezeigt, wie
Rede auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß für Bildungsmesen 75
die Wunder der modernen Technik zur Vernichtung von Millionen Arbei-
tern und zur unermeßlichen Bereicherung der am Krieg profitierenden
Kapitalisten dienen. Der Krieg ist von innen heraus unterhöhlt worden,
denn wir haben die Lüge der Kapitalisten entlarvt und ihr die Wahrheit
entgegengestellt. Wir sagen: Unsere Aufgabe auf dem Gebiet des Schul-
wesens ist gleichfalls der Kampf für den Sturz der Bourgeoisie; wir er-
klären offen, daß es Lüge und Heuchelei ist zu behaupten, die Schule
stehe außerhalb des Lebens, außerhalb der Politik. Was hat die von den
höchst gebildeten Repräsentanten der alten bürgerlichen Kultur prokla-
mierte Sabotage gezeigt? Anschaulicher als jeder beliebige Agitator, als
alle unsere Reden und Tausende von Broschüren hat die Sabotage ge-
zeigt, daß diese Leute das Wissen als ihr Monopol betrachten und es zu
einem Werkzeug ihrer Herrschaft über die sogenannten „niederen Schich-
ten“ machen. Sie haben ihre Bildung ausgenutzt, um den sozialistischen
Aufbau zu untergraben, und sind offen gegen die werktätigen Massen
aufgetreten.
Im revolutionären Kampf haben die russischen Arbeiter und Bauern
ihre endgültige Erziehung erhalten. Sie haben gesehen, daß ihnen einzig
und allein unsere Gesellschaftsordnung die tatsächliche Herrschaft sichert,
sie haben sich davon überzeugt, daß die Staatsgewalt den Arbeitern und
den armen Bauern jede Hilfe angedeihen läßt, damit sie den Wider-
stand der Kulaken, Gutsbesitzer und Kapitalisten endgültig brechen
können.
Die Werktätigen streben nach Wissen, denn sie brauchen es für ihren
Sieg. Neun Zehntel der werktätigen Massen haben begriffen, daß Wissen
eine Waffe ist in ihrem Kampf um die Befreiung, daß ihre Mißerfolge auf
mangelnde Bildung zurückzuführen sind und daß es jetzt von ihnen selbst
abhängt, die Bildung tatsächlich jedermann zugänglich zu machen. Unsere
Sache ist dadurch gesichert, daß die Massen selbst an den Aufbau des
neuen, sozialistischen Rußlands herangegangen sind. Sie lernen aus ihrer
eigenen Erfahrung, aus ihren eigenen Mißerfolgen und Fehlern; sie sehen,
wie sehr sie Bildung brauchen, um ihren Kampf siegreich zu Ende zu
führen. Ungeachtet des scheinbaren Zerfalls vieler Institutionen und des
Frohlockens der sabotierenden Intelligenz sehen wir, daß die im Kampfe
gewonnenen Erfahrungen die Massen gelehrt haben, ihre Geschicke selbst
in die Hand zu nehmen. Alle, die nicht in Worten, sondern in der Tat mit
76
W.I. Lenin
dem Volk sympathisieren, der beste Teil der Lehrerschaft, wird zu Hilfe
kommen - und darin sehen wir das sichere Unterpfand dafür, daß die
Sache des Sozialismus siegen wird. (Ovation.)
Ein kurzer Bericht wurde am
29. August 1918 in den „Wetschemije
Iswestija Moskomskomo Somjeta " Nr. 35
veröffentlicht.
Zuerst vollständig veröffentlicht 1919 in Nach dem Text der „ Protokolle ".
den „ Protokollen des I. Gesamtrussischen
Kongresses für Bildungswesen'. Moskau.
REDE AUF EINER KUNDGEBUNG
IM BASMANNY-STADTBEZIRK
30. AUGUST 1 91 8 30
Kurzer Zeitungsbericht
Die Bourgeoisie war im revolutionären Rußland vorübergehend an die
Macht gelangt und herrschte hier mit Unterstützung der Sozialpaktierer
von Februar bis Oktober.
Gleich bei den ersten Schritten der Regierung Miljukow-Gutschkow
wurde es den Volksmassen klar, wohin die Bourgeoisie sie führt. Aber
das schändliche Treiben der russischen Kapitalisten und Gutsbesitzer, die
im Grunde genommen die Politik des vom Volk gestürzten Zaren fort-
setzten, wurde von den Menschewiki und Sozialrevolutionären gedeckt,
die sich als Sozialisten gebärdeten, in Wirklichkeit aber zu Nutz und
Frommen der englischen und französischen Börse am Sozialismus Verrat
übten.
Beiseite geworfen durch den Oktoberaufstand, weggestoßen von der
Revolution, sind die Paktierer in der Ukraine, im Kaukasus, in Sibirien
und an der Wolga an ihr gewohntes Handwerk gegangen. Sie haben
schließlich erreicht, daß in diesen Gebieten die Sowjets gestürzt und die
bolschewistischen Funktionäre den tschechoslowakischen Söldlingen und
den russischen Weißgardisten ans Messer geliefert worden sind.
Und was sehen wir in diesen Gebieten auf den Trümmern der Sowjets?
Vollständiger Triumph der Kapitalisten und Gutsbesitzer, Stöhnen und
Verwünschungen bei den Arbeitern und Bauern. Der Grund und Boden
ist den Adligen, die Fabriken und Werke sind ihren früheren Besitzern
zurückgegeben worden. Der Achtstundentag ist beseitigt, die Arbeiter-
und Bauemorganisationen sind aufgelöst und an ihrer Stelle die zaristi-
schen Semstwos und die alte Polizeigewalt wiederhergestellt worden.
Möge jeder Arbeiter und Bauer, der in der Machtfrage noch Schwan-
78
W. I. Lenin
kungen hat, zur Wolga, nadi Sibirien, nadi der Ukraine schauen, und
dann wird die Antwort - eine klare und bestimmte Antwort - von allein
kommen. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.)
„Prawda" Nr. 185, Nach dem Text der „Prawda".
31. August 1918.
REDE AUF EINER KUNDGEBUNG
IM EHEMALIGEN MICHELSON-WERK
30. AUGUST 1918 31
Kurzer Zeitungsbericht
(StürmischerBeifall, Ovationen.) Uns Bolschewiki wird stän-
dig vorgehalten, wir wichen von der Devise der Gleichheit und Brüder-
lichkeit ab. Wir wollen uns darüber klipp und klar aussprechen.
Welche Regierung hat das Zarenregjme abgelöst? Die Regierung
Gutschkow-Miljukow, die daranging, in Rußland die Konstituierende
Versammlung einzub.erufen. Was verbarg sich aber in Wirklichkeit hinter
diesem Wirken angeblich zu Nutz und Frommen des vom tausendjährigen
Joch befreiten Volkes? Das nämlich, daß sich hinter Gutschkow und den
sonstigen Wohltätern ein ganzes Rudel von Kapitalisten sammelte, die
ihre imperialistischen Ziele verfolgten. Und als dann die Kumpanei der
Kerenski, Tsdiemow und anderer ans Ruder kam, da hatte diese schwan-
kende und jeder Basis bare Regierung keine andere Sorge, als die eigen-
nützigen Interessen der ihr so lieben und teuren Bourgeoisie wahrzu-
nehmen. Die Macht, die den werktätigen Massen absolut nichts gegeben
hat, ging faktisch an die Kulaken über. Das gleiche sehen wir auch in
anderen Ländern. Nehmen wir Amerika, das freieste und zivilisierteste
Land der Welt. Dort besteht eine demokratische Republik. Und was
sehen wir dort? Mit frecher Stirn herrscht dort ein Häuflein nicht etwa
Millionäre, sondern Milliardäre, das ganze Volk aber lebt in Sklaverei und
Unfreiheit. Wenn die Fabriken, Werke, Banken und alle Reichtümer des
Landes den Kapitalisten gehören, und wenn wir daneben in der demo-
kratischen Republik Millionen von Werktätigen in leibeigener Knecht-
schaft und hoffnungslosem Elend sehen, so müssen wir fragen: Wo ist
denn da eure vielgerühmte Gleichheit und Brüderlichkeit?
Nein! Dort, wo die „Demokraten“ herrschen - dort herrscht unver-
W. I. Lenin
hüllter, offener Raub. Wir kennen die wahre Natur der sogenannten
Demokratien.
Die Geheimverträge der französischen Republik, Englands und son-
stiger Demokratien haben uns anschaulich Wesen und Hintergrund der
ganzen Sache gezeigt. Die Ziele und Interessen sind ebenso verbrecherisch
und räuberisch wie diejenigen Deutschlands. Der Krieg hat uns die Augen
geöffnet, und wir sehen klar, wie sich die Vaterlandsverteidiger als freche
Räuber und Plünderer entpuppen. Diesem Ansturm der Räuber muß die
revolutionäre Aktion, die revolutionäre schöpferische Arbeit entgegen-
gestellt werden. Gewiß, es ist sehr schwer, in einer so außergewöhnlichen
Zeit den Zusammenschluß insbesondere der bäuerlichen revolutionären
Elemente durchzuführen, aber wir glauben an die schöpferische Kraft
und an den sozialen Elan des Vortrupps der Revolution - des Industrie-
proletariats. Haben doch die Arbeiter sehr wohl begriffen, daß, solange
in den Köpfen das Blendwerk der demokratischen Republik und der Kon-
stituierenden Versammlung lebendig ist, täglich weiterhin 50 Millionen
Rubel ausgegeben werden für Kriegszwecke, die für sie verhängnisvoll
sind, und daß sie solange keinen Ausweg aus der kapitalistischen Unter-
drückung finden werden. Als sie das begriffen hatten, haben die Arbeiter
ihre Sowjets geschaffen.
Genauso hat das reale, praktische Leben die Arbeiter verstehen ge-
lehrt, daß, solange die Gutsbesitzer in den Palästen und märchenhaften
Schlössern in Saus und Braus leben, die Versammlungsfreiheit eine Fik-
tion ist und lediglich bedeutet, sich etwa im Jenseits frei versammeln zu
können. Ihr werdet mir beipflichten, daß es eigentlich auch nicht ein
bißchen nach Freiheit und Gleichheit riecht, wenn den Arbeitern die Frei-
heit versprochen wird und zugleich die Paläste, der Grund und Boden,
die Fabriken und alle Reichtümer in den Händen der Kapitalisten und
Gutsbesitzer bleiben. Wir dagegen haben nur eine Losung, nur eine
Devise: Wer arbeitet, hat das Recht, die Güter des Lebens zu genießen.
Den Müßiggängern und Parasiten, die dem werktätigen Volke das Blut
aussaugen, müssen diese Güter entzogen werden. Und wir proklamieren:
Alles den Arbeitern, alles den Werktätigen!
Wir wissen, wie schwer das alles durchzuführen ist, wir kennen den
rasenden Widerstand der Bourgeoisie, doch glauben wir an den Endsieg
des Proletariats, denn ist es ihm einmal gelungen, aus der unerträglichen
Rede auf einer Kundgebung im ehemaligen Michelson-Werk
Not des imperialistischen Krieges herauszukommen und auf den Trüm-
mern des von ihm zerstörten Gebäudes das Gebäude der sozialistischen
Revolution zu errichten, so muß es unbedingt siegen.
Und tatsächlich sehen wir, wie sich überall die Kräfte zusammen-
schließen. Dank der von uns vorgenommenen Aufhebung des Privateigen-
tums an Grund und Boden vollzieht sich jetzt eine lebendige Vereinigung
des Proletariats von Stadt und Land. Wir sehen, wie sich auch im Westen
das Klassenbewußtsein der Arbeiter immer mehr klärt. Die Arbeiter
Englands, Frankreichs, Italiens und anderer Länder treten immer häu-
figer mit Aufrufen und Forderungen hervor, die vom nahen Triumph der
Sache der Weltrevolution zeugen. Und unsere Aufgabe ist es heute, unser
revolutionäres Werk zu tun, ohne auf das ganze heuchlerische und unver-
schämte Geschrei und Gezeter der räuberischen Bourgeoisie zu achten.
Wir müssen alles an die tschechoslowakische Front werfen, um diese ganze
Bande zu zertreten, die sich hinter Losungen von Freiheit und Gleichheit
versteckt und dabei die Arbeiter und Bauern zu Hunderten und Tausen-
den erschießt.
Wir haben nur einen Ausweg: Sieg oder Tod!
Jswestija WZIK" Nr. 188,
1. September 1918.
'Nach dem Text der
Jstoesüja WZIK".
GRUSSSCHREIBEN AN DIE ROTE ARMEE
AUS ANLASS DER EINNAHME VON KASAN
Begrüße mit Begeisterung den glänzenden Sieg der Roten Armee.
Möge dieser Sieg die Gewähr dafür sein, daß das Bündnis der Arbeiter
und revolutionären Bauern die Bourgeoisie endgültig zerschlagen, jeden
Widerstand der Ausbeuter brechen und dem Weltsozialismus den Sieg
sichern werde.
Es lebe die Arbeiterrevolution in der ganzen Welt!
Lenin
Geschrieben am 11. September 1918.
Veröffentlicht am 12. September 1918
in der „ Praroda " Nr. 195.
Nach dem Manuskript.
83
TELEGRAMM AN W. W. KUIBYSCHEW 32
Die Einnahme von Simbirsk - meiner Heimatstadt - ist der heilkräftig-
ste, der beste Verband für meine Wunden. Ich fühle einen ungewöhn-
lichen Zustrom von Kraft und Energie. Ich beglückwünsche die Rotarmisten
zu ihrem Sieg und danke ihnen im Namen aller Werktätigen für alle ihre
Opfer.
„ Petrogradskaja Pramda" Nr. 209,
25. September 1918.
Nach dem Text der
Petrogradskaja Pramda“.
84
SCHREIBEN AN DAS PRÄSIDIUM DER KONFERENZ
DER PROLETARISCHEN KULTURELLEN
AUFKLÄRUNGSORGANISATIONEN 33
17. IX. 1918
Werte Genossen! Von ganzem Herzen danke ich Ihnen für die guten
Wünsche und wünsche Ihnen meinerseits die besten Erfolge bei Ihrer
Arbeit.
Es ist eine der Hauptbedingungen für den Sieg der sozialistischen Revo-
lution. daß die Arbeiterklasse zu herrschen lernt und für die Übergangszeit
vom Kapitalismus zum Sozialismus die Herrschaft praktisch ausübt. Die
Herrschaft des Vortrupps aller Werktätigen und Ausgebeuteten, d. h. des
Proletariats, ist notwendig für diese Übergangszeit zur vollständigen Auf-
hebung der Klassen, zur Niederhaltung des Widerstands der Ausbeuter
und zum Zusammenschluß der gesamten, vom Kapitalismus eingeschüch-
terten, geknechteten und zersplitterten Masse der Werktätigen und Aus-
gebeuteten um die Arbeiter in den Städten, im engsten Bündnis mit ihnen.
Alle unsere Erfolge sind darauf zurückzuführen, daß die Arbeiter das
begriffen haben und vermittels ihrer Sowjets darangegangen sind, den
Staat zu regieren.
Doch die Arbeiter haben das noch nicht genügend begriffen und sind
häufig noch zu zaghaft bei der Heranziehung von Arbeitern zur Regie-
rung des Staates.
Kämpft dafür. Genossen! Die proletarischen kulturellen Aufklärungs-
organisationen sollen dabei mithelfen. Darin liegt die Gewähr für unsere
weiteren Erfolge und für den endgültigen Sieg der sozialistischen Revo-
lution.
Mit Gruß
W. Uljanow (Lenin)
„Praroda" Nr. 201,
19. September 1918.
Nach dem Manuskript.
TELEGRAMM AN DIE KOMMANDEURSCHULE
IN PETROGRAD
18. IX. 1918
Petrograd, Wassiljewski-Ostrow. Kadetskaja Linija Nr. 3,
Kreiskommissar
Ich begrüße die 400 Genossen Arbeiter, die heute die Kommandeur-
schule der Roten Armee beendet haben und als führende Kader in ihre
Reihen eintreten. Der Erfolg der sozialistischen Revolution in Rußland
und in der ganzen Welt hängt davon ab, wie energisch die Arbeiter
darangehen werden, den Staat zu regieren und das Kommando über die
Armee der Werktätigen und Ausgebeuteten zu übernehmen, die für die
Sprengung der Ketten des Kapitals kämpfen. Ich bin deshalb überzeugt,
daß Tausende und aber Tausende Arbeiter dem Beispiel der vierhundert
folgen, und mit solchen Verwaltungsfunktionären und Kommandeuren
wird der Sieg des Kommunismus gesichert sein.
Der Vorsitzende des Rats der Volkskommissare
Lenin
„ Pramda ' Nt. 201, Nach dem Manuskript.
19. September 1918.
ÜBER DEN CHARAKTER UNSERER ZEITUNGEN
Übermäßig viel Platz wird der politischen Agitation über alte Themen
- dem politischen Wortgeprassel - eingeräumt. Viel zuwenig Platz wird
dem Aufbau des neuen Lebens eingeräumt, dem immer neuen Tatsachen-
material darüber.
Warum sollte man über so einfache, allgemein bekannte, klare 'Er-
scheinungen wie den schmählichen Verrat der Menschewiki, dieser Lakaien
der Bourgeoisie, wie die englisch-japanisdie Invasion zur Wiederherstel-
lung der geheiligten Rechte des Kapitals, wie das Zähnefletschen der
amerikanischen Milliardäre gegen Deutschland usw. usf., Erscheinungen,
die die Masse bereits im hohen Grade verstanden hat, nicht in 1 0-20 Zei-
len schreiben können, statt 200-400 Zeilen darauf zu verwenden? Reden
muß man darüber, jede neue diesbezügliche Tatsache muß man vermerken,
aber man braucht doch keine Artikel darüber zu schreiben, braucht doch
nicht die Betrachtungen darüber zu wiederholen, man muß vielmehr die
neuen Erscheinungsformen der alten, bereits bekannten, bereits bewerte-
ten Politik in wenigen Zeilen, im „Telegrammstil“, brandmarken.
In der „guten alten bürgerlichen Zeit“ hat die bürgerliche Presse das
„Allerheiligste“, die inneren Zustände in den in privater Hand befind-
lichen Fabriken, in den Privatbetrieben, nie angetastet. Diese Gepflogen-
heit entsprach den Interessen der Bourgeoisie. Wir müssen damit radikal
Schluß machen. Wir haben damit noch nicht Schluß gemacht. Der Zei-
tungstyp ändert sich bei uns noch nicht so, wie er sich in einer Gesellschaft
ändern müßte, die vom Kapitalismus zum Sozialismus übergeht.
Weniger Politik. Die Politik ist völlig „geklärt“ und auf den Kampf
zweier Lager reduziert: das Lager des aufständischen Proletariats und
Über den Charakter unserer Zeitungen 87
das der Handvoll kapitalistischer Sklavenhalter (mit ihrer ganzen Meute,
die Menschewiki usw. mit einbezogen). Ober diese Politik, ich wiederhole
es, kann und soll man sich ganz kurz fassen.
Mehr ökonomisches. Aber Ökonomisches nicht im Sinne „allgemeiner“
Auslassungen und gelehrter Abhandlungen, intelligenzlerischer Pläne und
ähnlichem Gewäsch, das leider nur zu oft eben nichts anderes ist als Ge-
wäsch. Nein, wir brauchen ökonomisches im Sinne des Sammelns, sorg-
fältigen Prüfens und Studierens des Tatsachenmaterials aus dem Aufbau
des neuen Lebens, wie er sich in Wirklichkeit vollzieht. Gibt es in den
großen Fabriken, den landwirtschaftlichen Kommunen, den Komitees der
Dorfarmut, den lokalen Volkswirtschaftsräten wirkliche Erfolge beim
Aufbau der neuen Wirtschaft? Worin bestehen diese Erfolge? Sind sie
erwiesen? Haben wir es hier nicht mit Ammenmärchen, mit Großtuerei,
mit intelligenzlerischen Versprechungen zu tun („geht in Ordnung“, „der
Plan ist schon fertig", „jetzt geht’s mit aller Kraft daran“, „wir garan-
tieren dafür“, „eine Besserung ist zweifellos eingetreten“ und ähnlichen
faulen Redensarten, auf die „wir“ uns so gut verstehen)? Wodurch sind
die Erfolge erzielt worden? Wie können sie vergrößert werden?
Wo gibt es eine schwarze Tafel für die rückständigen Fabriken, die
nach der Nationalisierung ein Musterbeispiel des Zerfalls, der Unord-
nung, des Schmutzes, des Rowdy- und Schmarotzertums geblieben sind?
Es gibt sie nicht. Aber solche Fabriken gibt es. Wir erfüllen nicht unsere
Pflicht, wenn wir diesen „Hütern der Traditionen des Kapitalismus“ nicht
den Krieg ansagen. Wir sind keine Kommunisten, sondern Waschlappen,
solange wir stillschweigend solche Fabriken dulden. Wir verstehen es
nicht, den Klassenkampf in den Zeitungen so zu führen, wie ihn die
Bourgeoisie geführt hat. Man rufe sich in Erinnerung, wie ausgezeichnet
sie es verstanden hat, in der Presse gegen ihre Klassenfeinde zu hetzen,
wie sie sie verspottet, wie sie sie geschmäht, wie sie ihnen zugesetzt hat.
Und wir? Besteht denn der Klassenkampf in der Übergangsperiode vom
Kapitalismus zum Sozialismus nicht darin, die Interessen der Arbeiter-
klasse gegen jene Häuflein, Gruppen und Schichten von Arbeitern zu
schützen, die hartnäckig an den Traditionen (Gewohnheiten) des Kapi-
talismus festhalten und sich zum Sowjetstaat auf die alte Art verhalten:
„ihm“ möglichst wenig und schlechte Arbeit zu liefern, von „ihm“ aber
möglichst viel Geld zu ergattern. Gibt es etwa wenig solcher Halunken,
7 Lenin, Werke, Bd. 28
sagen wir, unter den Setzern der Sowjetdruckereien, unter den Arbeitern
der Sormowo-Werke und der Putilow-Werke usw.? Wie viele haben wir
schon ertappt, wie viele entlarvt, wie viele an den Pranger gestellt?
Die Presse schweigt darüber. Und wenn sie darüber schreibt, so tut
sie es im „Amtsstil“, auf bürokratische Weise, nicht wie eine revolutio-
näre Presse, nicht wie ein- Organ der Diktatur einer Klasse, die durch ihre
Taten beweist, daß der Widerstand der Kapitalisten und der an den
kapitalistischen Gewohnheiten festhaltenden Schmarotzer mit eiserner
Hand gebrochen werden wird.
Dasselbe gilt auch für den Krieg. Geißeln wir etwa feige Truppen-
führer und Schlafmützen? Haben wir etwa die Regimenter, die nichts
taugen, vor ganz Rußland an den Pranger gestellt? Haben wir etwa eine
genügende Anzahl schlechter Elemente „am Wickel gepackt“, die wegen
Untauglichkeit, Fahrlässigkeit, zu spätem Eingreifen usw. mit größtem
Krach aus der Armee hinausgeworfen werden müßten? Wir führen kei-
nen sachlichen, schonungslosen, wahrhaft revolutionären Krieg gegen die
konkreten Träger des Übels. Wir erziehen die Massen zuwenig an leben-
digen, konkreten Beispielen und Vorbildern aus allen Lebensgebieten -
das aber ist die Hauptaufgabe der Presse in der Übergangszeit vom Kapi-
talismus zum Kommunismus. Viel zuwenig Beachtung schenken wir dem
Alltag in den Fabriken, auf dem Lande und bei der Truppe, wo am mei-
sten Neues geschaffen wird, wo größte Aufmerksamkeit, größte Publizi-
tät, öffentliche Kritik, Ausmerzung alles Untauglichen und der Appell,
am guten Beispiel zu lernen, not tut.
Weniger politisches Wortgeprassel. Weniger intelligenzlerische Be-
trachtungen. Näher, heran ans Leben. Mehr Aufmerksamkeit dafür, wie
die Arbeiter- und Bauernmassen in ihrer täglichen Arbeit in der Praxis
etwas Neues bauen. Mehr Kontrolle darüber, wie weit dieses Neue kom-
munistisch ist.
„ Pramda " Nr. 202.
20. September 1918.
Unterschrift: N. Lenin.
Nach dem Text der „Pramda".
BRIEF AN DIE ROTARMISTEN,
DIE AN DER EINNAHME VON KASAN
TEILGENOMMEN HABEN 34
Genossen ! Ihr wißt schon, welche große Bedeutung die Einnahme von
Kasan für die ganze russische Revolution gewonnen hat. Sie kennzeichnet
einen Umschwung in der Stimmung unserer Armee, den Übergang zu
entschlossenen, siegreichen Kampfhandlungen. Die schweren Opfer, die
Ihr in den Kämpfen gebracht habt, retten die Republik der Sowjets. Von
der Festigung der Armee hängt die Stärke der Republik im Kampf gegen
die Imperialisten, hängt der Sieg des Sozialismus in Rußland und in der
ganzen Welt ab. Von ganzem Herzen begrüße ich die heldenhaften
Sowjettruppen, die Armee der Vorhut der Ausgebeuteten, die für die
Beseitigung der Ausbeutung kämpfen, und wünsche ihnen weitere Erfolge.
Mit kameradschaftlichem, kommunistischem Gruß
W. Uljanom (Lenin)
„Snamja Rerooluzii" (Das Banner
der Revolution) (Kasan) Nr. 177,
22. September 1918.
Nach dem Text der Zeitung
„ Snamia Retooluzii" .
SCHREIBEN AN DIE GEMEINSAME SITZUNG
DES GESAMTRUSSISCHEN ZENTRALEXEKUTIV-
KOMITEES UND DES MOSKAUER SOWJETS
MIT VERTRETERN
DER BETRIEBSKOMITEES UND DER GEWERK-
SCHAFTEN
3. OKTOBER 1918 35
In Deutschland ist eine politische Krise ausgebrochen. Die panische
Kopflosigkeit sowohl der Regierung als auch der Ausbeuterklassen in
ihrer Gesamtheit ist vor den Augen des ganzen Volkes klar zutage ge-
treten. Mit einem Schlag zeigte sich, daß die militärische Lage hoffnungs-
los ist und daß die herrschenden Klassen von den werktätigen Massen
keinerlei Unterstützung erhalten. Diese Krise bedeutet entweder den
Beginn der Revolution oder auf jeden Fall, daß es den Massen jetzt völlig
augenscheinlich geworden ist, daß die Revolution unvermeidlich ist und
nahe bevorsteht.
Die Regierung hat moralisch demissioniert und pendelt hysterisch hin
und her zwischen Militärdiktatur und Koalitionsregierung. Aber die
Militärdiktatur ist im Grunde genommen schon seit Beginn des Krieges
erprobt worden, und gerade jetzt kann sie nicht weiter ausgeübt werden,
weil die Armee unzuverlässig geworden ist. Die Einbeziehung der Scheide-
mann und Co. in die Regierung aber wird den revolutionären Ausbruch
nur beschleunigen, wird ihn umfassender und zielstrebiger, bestimmter
und entschiedener machen, nachdem sich die ganze klägliche Ohnmacht
dieser Lakaien der Bourgeoisie restlos entlarvt haben wird, dieser feilen
Kreaturen nach Art unserer Menschewiki und Sozialrevolutionäre, nach
Art der Henderson und Sidney Webb in England, der Albert Thomas und
Renaudel in Frankreich usw.
Die Krise hat in Deutschland erst begonnen. Sie wird unvermeidlich
mit dem Übergang der politischen Macht in die Hände des deutschen
Proletariats enden. Das Proletariat in Rußland verfolgt mit größter Auf-
merksamkeit und Begeisterung die Ereignisse. Jetzt werden sogar die
Sehreiben an die gemeinsame Sitzung am 3. Oktober 1918
91
verbündetsten Arbeiter in den verschiedenen Ländern einsehen, wie sehr
die Bolschewiki im Recht waren, als sie ihre ganze Taktik auf die Unter-
stützung der internationalen Arbeiterrevolution begründeten und sich
nicht scheuten, die schwersten Opfer zu bringen. Jetzt werden sogar die
Rückständigsten begreifen, welchen maßlos schmählichen Verrat am
Sozialismus die Menschewiki und Sozialrevolutionäre begingen, als sie,
angeblich um der Annullierung des Brester Friedens willen, ein Bündnis
mit der räuberischen englischen und französischen Bourgeoisie eingingen.
Und selbstverständlich denkt die Sowjetmacht schon gar nicht daran, den
deutschen Imperialisten dadurch zu helfen, daß sie etwa versucht, den
Brester Frieden zu brechen, ihn zu einem Zeitpunkt zu sprengen, da die
antiimperialistischen Kräfte innerhalb Deutschlands in Gärung und Wal-
lung geraten - zu einem Zeitpunkt, da die Repräsentanten der deutschen
Bourgeoisie sich vor ihrem eigenen Volk wegen des Abschlusses eines
solchen Friedens zu rechtfertigen beginnen, da sie nach Mitteln zur „Än-
derung“ der Politik zu suchen beginnen.
Aber das Proletariat Rußlands verfolgt die Ereignisse nicht nur mit
Aufmerksamkeit und Begeisterung. Es stellt die Aufgabe, alle Kraft anzu-
spannen, um den deutschen Arbeitern zu helfen, denen schwerste Prü-
fungen, der äußerst schwierige Übergang von der Sklaverei zur Freiheit
und der hartnäckigste Kampf sowohl gegen den eigenen als auch gegen
den englischen Imperialismus, bevorstehen. Die Niederlage des deutschen
Imperialismus wird für eine gewisse Zeit auch bedeuten, daß der englisch-
französische Imperialismus frecher, brutaler und reaktionärer wird und
seine Expansionsversuche wachsen.
Die bolschewistische Arbeiterklasse Rußlands war immer internatio-
nalistisch, nicht in Worten, sondern in Taten, zum Unterschied von jenen
Lumpen, den Helden und Führern der II. Internationale, die entweder
direkten Verrat übten, indem sie mit ihrer eigenen Bourgeoisie ein Bünd-
nis eingingen, oder sich mit Phrasen herauszureden suchten und sich (nach
der Art von Kautsky, Otto Bauer und Co.) Ausflüchte in bezug auf die
Revolution ausdachten und gegen jede kühne, große revolutionäre Tat
auftraten, die dagegen auftraten, daß auch nur etwas von den eng be-
schränkten nationalen Interessen zugunsten des Vormarsches der prole-
tarischen Revolution geopfert wird.
Das russische Proletariat wird begreifen, daß jetzt bald von ihm ge-
92
W. I. Lenin
fordert werden wird, größte Opfer für den Internationalismus zu bringen.
Es naht die Zeit, da die Umstände von uns fordern können, dem deut-
schen Volk, das sich von seinem Imperialismus befreit, gegen den englisch-
französischen Imperialismus Hilfe zu leisten.
Beginnen wir unverzüglich mit der Vorbereitung. Beweisen wir, daß der
russische Arbeiter weit energischer zu arbeiten, weit aufopferungsvoller
zu kämpfen und zu sterben versteht, wenn es nicht nur allein um die
russische Revolution, sondern auch um die Arbeiterrevolution in der
ganzen Welt geht.
Verzehnfachen wir vor allem unsere Anstrengungen, um Getreidevor-
räte anzulegen. Beschließen wir, daß in jedem großen Getreidespeicher
eine Getreidereserve geschaffen wird, damit wir den deutschen Arbeitern
helfen können, wenn sie durch die Umstände bei ihrem Kampf für die
Befreiung von den imperialistischen Bestien und Ungeheuern in eine
schwierige Lage geraten. Jede Parteiorganisation, jede Gewerkschaft, jede
Fabrik, jede Werkstatt usw. soll nach eigener Wahl mit einigen Land-
bezirken speziell Verbindungen aufnehmen, um das Bündnis mit den
Bauern zu festigen, um ihnen zu helfen, um sie aufzuklären, um die
Kulaken zu besiegen und um alle Getreideüberschüsse restlos einzuziehen.
Verzehnfachen wir auf dem gleichen Wege unsere Arbeit bei der
Schaffung der proletarischen Roten Armee. Der Umschwung ist einge-
treten - wir alle wissen, sehen und fühlen das. Die Arbeiter und werk-
tätigen Bauern haben sich von den Schrecken des imperialistischen Ge-
metzels ein wenig erholt, sie haben erkannt und sich auf Grund der
Erfahrung davon überzeugt, daß der Krieg gegen die Unterdrücker für
die Verteidigung der Errungenschaften ihrer Revolution, der Revolution
der Werktätigen, ihrer Macht, der Sowjetmacht, notwendig ist. Die Armee
wird geschaffen, die Rote Armee der Arbeiter und armen Bauern, die um
der Verteidigung des Sozialismus willen zu allen Opfern bereit sind. Die
Armee erstarkt und stählt sich in den Schlachten gegen die Tschecho-
slowaken und die Weißgardisten. Ein festes Fundament ist da, jetzt gilt
es, sich mit der Errichtung des Gebäudes zu beeilen.
Wir hatten beschlossen, bis zum Frühjahr eine Armee von einer Mil-
lion Mann aufzustellen, jetzt brauchen wir eine Armee von drei Millionen
Mann. Wir können sie haben. Und mir werden sie haben.
Die Weltgeschichte hat in den letzten Tagen ihren Lauf zur internatio-
Schreiben an die gemeinsame Sitzung am 3. Oktober 1918
93
nalen Arbeiterrevolution hin außerordentlich beschleunigt. Möglich sind
überaus schnelle Veränderungen, möglich sind Versuche zur Herstellung
eines Bündnisses des deutschen mit dem englisch-französischen Imperialis-
mus gegen die Sowjetmacht.
An der beschleunigten Vorbereitung müssen auch wir arbeiten. Ver-
zehnfachen wir also unsere Anstrengungen.
Möge das die Losung zum Jahrestag der Großen Oktoberrevolution
des Proletariats werden!
Möge das das Unterpfand der kommenden Siege der proletarischen
Weltrevolution werden!
N. Lenin
„ Prawda " Nr. 213, Nach dem Text der „ Pratvda '.
4. Oktober 1918.
DIE PROLETARISCHE REVOLUTION
UND DER RENEGAT KAUTSKY
Unter diesem Titel habe ich eine Broschüre* zu schreiben begonnen,
die sich mit der Kritik der soeben in Wien erschienenen Broschüre Kaut-
skys „Die Diktatur des Proletariats“ beschäftigt. Da sich aber meine
Arbeit verzögert, habe ich mich entschlossen, die Redaktion der „Prawda“
zu bitten, einen kurzen Artikel zum selben Thema zum Abdruck zu
bringen.
Der mehr als vier Jahre währende so zermürbende und reaktionäre
Krieg hat seine Resultate gezeitigt. In Europa spürt man den Atem der
heraufziehenden proletarischen Revolution - in Österreich wie in Italien,
in Deutschland wie in Frankreich, ja selbst in England (äußerst bezeich-
nend sind z. B. die „Bekenntnisse eines Kapitalisten“ im Juliheft der erz-
opportunistischen „Socialist Review“ 36 , die der Halbliberale Ramsay
MacDonald redigiert).
Und zu einem solchen Zeitpunkt bringt der Führer der II. Internatio-
nale, Herr Kautsky, ein Buch über die Diktatur des Proletariats, d. h.
über die proletarische Revolution heraus, ein Buch, das hundertmal
schmachvoller und empörender ist, hundertmal stärker den Stempel des
Renegatentums trägt als die berühmten Bernsteinschen „Voraussetzungen
des Sozialismus“. Seit dem Erscheinen dieses Renegatenbuches sind fast
20 Jahre verstrichen, und nun kommt eine Neuauflage, eine Vertiefung
des Renegatentums durch Kautsky heraus !
Ein verschwindend kleiner Teil der Schrift beschäftigt sich mit der
eigentlichen russischen bolschewistischen Revolution. Kautsky wiederholt
von A bis Z die menschewistischen Weisheiten, so daß der russische
* Siehe den vorliegenden Band, S, 225-32 7. Die Red,
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
95
Arbeiter dies nur mit einem homerischen Gelächter quittieren würde. Man
stelle sich zum Beispiel vor, daß eine mit Zitaten aus den halbliberalen
Schöpfungen des Halbliberalen Maslow gespickte Betrachtung darüber,
wie die reichen Bauern bemüht seien, den Grund und Boden an sich zu
reißen (wie neul), wie vorteilhaft für sie hohe Getreidepreise seien, und
anderes mehr als „Marxismus“ ausgegeben wird. Und daneben die herab-
lassende, schon ganz und gar liberale Erklärung unseres „Marxisten“:
„Der arme Bauer wird hier“ (d. h. von den Bolschewiki in der Sowjet-
republik) „als dauerndes und massenhaftes Produkt der sozialistischen
Agrarreform der .Diktatur des Proletariats' anerkannt.“ (S. 48 der Kaut-
skyschen Broschüre.)
Hübsch, nicht wahr? Ein Sozialist, ein Marxist, bemüht sich, uns den
bürgerlichen Charakter der Revolution nachzuweisen, und macht sich da-
bei, ganz im Geiste eines Maslow, eines Potressow und der Kadetten,
über die Organisation der armen Bauern auf dem Lande lustig.
„Nur tragen sie" (die Expropriierungen wohlhabender Bauern) „ein neues
Element der Unruhe und des Bürgerkrieges in den Produktionsprozeß hinein, der
zu seiner Gesundung der Ruhe und Sicherheit dringend bedarf." (S. 49.)
Unglaublich, aber wahr! Das stammt wortwörtlich von Kautsky, nicht
etwa von Sawinkow und nicht von Miljukow!
In Rußland haben wir schon so oft gesehen, wie sich die Anwälte der
Kulaken hinter dem „Marxismus“ versteckten, so daß wir uns über einen
Kautsky gar nicht mehr wundem. Vielleicht sollte man für den euro-
päischen Leser auf diese niederträchtige Liebedienerei vor der Bour-
geoisie, auf diese Angst des Liberalen vor dem Bürgerkrieg ausführlicher
eingehen. Was den russischen Arbeiter und Bauern betrifft, so genügt es,
auf dieses Renegatentum Kautskys mit dem Finger zu zeigen - im übri-
gen braucht man davon keine Notiz zu nehmen.
Beinahe neun Zehntel der Kautskyschen Schrift beschäftigen sich mit
einer allgemeinen theoretischen Frage von größter Bedeutung, mit dem
Verhältnis der Diktatur des Proletariats zur „Demokratie“. Und gerade
hier tritt der vollständige Bruch Kautskys mit dem Marxismus am deut-
lichsten zutage.
96
W. I. Lenin
Kautsky versichert seinen Lesern - mit vollkommen ernster und höchst
„gelehrter“ Miene daß Marx unter „der revolutionären Diktatur des
Proletariats“ nicht eine die Demokratie ausschließende „Regierungsform“
verstanden habe, sondern einen Zustand, nämlich den „Zustand der Herr-
schaft“. Die Herrschaft des Proletariats jedoch als der Mehrheit der Be-
völkerung sei möglich bei striktester Wahrung der Demokratie, so z. B.
sei die Pariser Kommune, die eben die Diktatur des Proletariats war,
durch allgemeines Stimmrecht gebildet worden. Daß aber Marx, wenn er
von der Diktatur des Proletariats sprach, keine „Regierungsform“ im
Auge hatte, das werde „schon dadurch bezeugt, daß er der Ansicht war,
in England und Amerika könne sich der Übergang“ (zum Kommunismus)
„friedlich, also auf demokratischem Wege vollziehen“ (S. 20).
Unglaublich, aber wahr ! Doch Kautsky argumentiert so, und er wettert
gegen die Bolschewiki, weil sie in ihrer Verfassung, in ihrer ganzen Poli-
tik die „Demokratie“ verletzt hätten, und er predigt aus Leibeskräften
und bei jedem Anlaß die „demokratische und nicht die diktatorische
Methode“.
Das bedeutet den völligen Übergang auf die Seite derjenigen Opportu-
nisten, die (wie die Deutschen David, Kolb und andere Stützen des Sozial-
chauvinismus oder die englischen Fabier 37 und Unabhängigen 38 oder die
Reformisten in Frankreich und Italien) offener und ehrlicher bekannt
haben, daß sie die Marxsche Lehre von der Diktatur des Proletariats ab-
lehnen, da sie dem Demokratismus widerspreche.
Das bedeutet die völlige Rückkehr zur Anschauung des vormarxisti-
schen deutschen Sozialismus, wonach wir den „freien Volksstaat“ zu
erstreben hätten, zur Anschauung der kleinbürgerlichen Demokraten, die
nicht begriffen haben, daß jeder Staat eine Maschine zur Unterdrückung
einer Klasse durch eine andere ist.
Das bedeutet die völlige Abkehr von der Revolution des Proletariats,
an deren Stelle die liberale Theorie von der „Gewinnung der Majorität“
und der „Ausnutzung der Demokratie“ gesetzt wird! Alles, was Marx
und Engels vierzig Jahre lang, von 1852 bis 1891, darüber, daß das Prole-
tariat die bürgerliche Staatsmaschinerie „zerschlagen“ muß, geschrieben
und was sie immer wieder bewiesen haben - all das hat der Renegat
Kautsky völlig vergessen, entstellt und über Bord geworfen.
Eine detaillierte Untersuchung der theoretischen Fehler Kautskys würde
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
bedeuten, das zu wiederholen, was ich in „Staat und Revolution“ gesagt
habe. Das ist hier nicht nötig. Ich will nur in aller Kürze auf folgendes
hinweisen:
Kautsky hat dem Marxismus den Rücken gekehrt, denn er hat ver-
gessen, daß jeder Staat eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse
durch eine andere ist und daß auch die demokratischste bürgerliche Repu-
blik eine Maschine zur Unterdrückung des Proletariats durch die Bour-
geoisie ist.
Nicht eine „Regierungsform“, sondern ein Staat von anderem Typus
ist die Diktatur des Proletariats, ein proletarischer Staat, eine Maschine
zur Niederhaltung der Bourgeoisie durch das Proletariat. Die Nieder-
haltung ist notwendig, weil die Bourgeoisie ihrer Enteignung stets erbit-
terten Widerstand entgegensetzen wird.
(Die Berufung darauf, Marx habe es in den siebziger Jahren für mög-
lich gehalten, daß sich in England und Amerika der Übergang zum
Sozialismus auf friedlichem Wege vollziehen könnte 39 , ist das Argument
eines Sophisten, das heißt, einfacher gesagt, eines Betrügers, der Zitate
und Hinweise zu Gaunereien benutzt. Erstens hielt Marx auch damals
diese Möglichkeit für eine Ausnahme. Zweitens gab es damals noch keinen
monopolistischen Kapitalismus, d. h. keinen Imperialismus. Drittens gab
es damals gerade in England und Amerika kein stehendes Heer [jetzt
gibt es ein solches 1 als wichtigsten Apparat der bürgerlichen Staats-
maschinerie.)
Wo es Niederhaltung gibt, dort kann es keine Freiheit, Gleichheit usw,
geben. Deshalb sagt Engels auch: „Solange das Proletariat den Staat noch
gebraucht, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit, sondern der
Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die Rede sein
kann, hört der Staat als solcher auf zu bestehen.“ 49
Die bürgerliche Demokratie, deren Wert für die Erziehung des Prole-
tariats und für seine Schulung zum Kampf unbestreitbar ist, bleibt stets
beschränkt, heuchlerisch, verlogen und falsch, ist stets eine Demokratie
für die Reichen und Betrug für die Armen.
Die proletarische Demokratie hält die Ausbeuter, die Bourgeoisie, nie-
der - darum heuchelt sie nicht, verspricht ihnen nicht Freiheit
und Demokratie -, den Werktätigen aber gibt sie die wahre Demokratie.
Erst Sowjetrußland hat dem Proletariat und der ganzen gewaltigen werk-
98 W. I. Lenin
tätigen Mehrheit Rußlands eine Freiheit und Demokratie gegeben, wie sie
in keiner bürgerlichen demokratischen Republik bekannt, möglich und
denkbar ist; zu diesem Zweck hat es z. B. der Bourgeoisie ihre Paläste
und Villen abgenommen (sonst ist die Versammlungsfreiheit eine Heuche-
lei), zu diesem Zweck hat es den Kapitalisten die Druckereien und das
Papier abgenommen (sonst ist die Pressefreiheit für die werktätige Mehr-
heit der Nation eine Lüge), zu diesem Zweck hat es an Stelle des bürger-
lichen Parlamentarismus die demokratische Organisation der Sowjets
gesetzt, die dem „Volke“ tausendmal näherstehen und tausendmal „demo-
kratischer“ sind als das demokratischste bürgerliche Parlament. Und so
weiter.
Kautsky hat . . . den „Klassenkampf“ in Anwendung auf die Demo-
kratie über Bord geworfen! Kautsky ist zum regelrechten Renegaten und
zum Lakaien der Bourgeoisie geworden.
Ganz nebenbei möchte ich doch auf ein paar Perlen dieses Renegaten-
tums hinweisen.
Kautsky sieht sich genötigt, anzuerkennen, daß die Sowjetorganisation
nicht nur für Rußland wichtig ist, sondern internationale Bedeutung hat,
daß sie „eine der wichtigsten Erscheinungen unserer Zeit“ ist und „ver-
spricht, in den großen Entscheidungskämpfen zwischen Kapital und
Arbeit, denen wir entgegengehen, von ausschlaggebender Bedeutung zu
werden“. Aber dann plappert Kautsky die Afterweisheiten der Mensche-
wiki nach, die glücklich auf seiten der Bourgeoisie gegen das Proletariat
gelandet sind, und zieht daraus den tiefsinnigen „Schluß“, die Sowjets
seien gut als „Kampforganisationen“, nicht aber als „Staatsorganisa-
tionen“.
Großartig! Organisiert euch in den Sowjets, Proletarier und arme
Bauern! Aber - um Gottes willen! - untersteht euch nicht etwa zu siegen!
Laßt es euch nicht einfallen zü siegen! Sobald ihr die Bourgeoisie besiegt,
seid ihr erledigt, denn „Staats“organisationen im proletarischen Staat
dürft ihr nicht sein. Habt ihr gesiegt, gerade dann müßt ihr euch auf-
lösenü
Oh, dieser großartige „Marxist“ Kautsky! Oh, dieser unvergleichliche
„Theoretiker“ des Renegatentums!
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 99
Perle Nummer zwei. Der Bürgerkrieg sei der „Todfeind“ der „sozialen
Revolution“, denn diese, wie wir bereits gehört haben, „bedarf der Ruhe“
(für die Reichen?) „und der Sicherheit“ (für die Kapitalisten?).
Proletarier Europas ! Schlagt euch die Revolution aus dem Kopf, bis ihr
eine Bourgeoisie gefunden habt, die die Sawinkow und Dan, Dutow und
Krasnow, die Tschechoslowaken und die Kulaken nickt für den Bürger-
krieg gegen euch in Sold nehmen wird!
Marx schrieb 1870, daß der Krieg die französischen Arbeiter in den
Waffen geübt habe, und das sei die beste Garantie der Zukunft. 41 Der
„Marxist“ Kautsky erwartet von den vier Jahren Krieg nicht etwa, daß
die Arbeiter die Waffen gegen die Bourgeoisie anwenden (Gott bewahre,
das wäre ja am Ende nicht ganz „demokratisch“), sondern ... daß die
netten Herren Kapitalisten einen netten Frieden schließen!
Perle Nummer drei. Der Bürgerkrieg weise noch eine unangenehme
Seite auf: während die „Demokratie“ den „Schutz der Minoritäten“ ver-
bürge (den, nebenbei bemerkt, die französischen Dreyfus-Anhänger oder
die Liebknecht, Maclean und Debs in der letzten Zeit so gründlich am
eigenen Leibe erfahren haben!), „droht“ im Bürgerkrieg (hört! hört!)
„dem Unterliegenden völlige Vernichtung“.
Nun, ist etwa dieser Kautsky nicht ein Revolutionär, wie er im Buche
steht? Er hat sich mit Leib und Seele der Revolution verschrieben . . . nur
darf sie keinen ernstlichen Kampf heraufbeschwören, der mit Vernichtung
droht! Er hat die alten Fehler des alten Engels, der die erzieherische Wir-
kung der gewaltsamen Revolutionen begeistert gepriesen hat 42 , vollkom-
men „überwunden“. Als „seriöser“ Historiker hat er sich völlig von den
Verirrungen jener Leute losgesagt, die da behaupteten, der Bürgerkrieg
stähle die Ausgebeuteten und lehre sie, eine neue Gesellschaft ohne Aus-
beuter zu schaffen.
Perle Nummer vier. War die Diktatur der Proletarier und Kleinbürger
in der Revolution von 1789 historisch gesehen groß und nützlich? Mit-
nichten! Denn gekommen sei Napoleon. Die Diktatur der unteren Schich-
ten „ebnet den Weg für die Diktatur des Säbels“ (S. 26). Unser
„seriöser“ Historiker ist - wie alle Liberalen, in deren Lager er über-
wechselte - fest davon überzeugt, daß es in den Ländern, die keine
„Diktatur der unteren Schichten“ gekannt haben, wie zum Beispiel in
Deutschland, keine Diktatur des Säbels gegeben habe. Daß Deutschland
100
W.l. Lenin
sich jemals von Frankreich durch eine gröbere, niederträchtigere Säbel-
diktatur, unterschieden haben soll, sei einfach eine Verleumdung, die
Marx und Engels aufgebracht hätten, denn sie hätten unverschämt ge-
logen, als sie behaupteten, in Frankreich habe es bisher im „Volke“ mehr
Freiheitsliebe und Stolz bei den Unterdrückten gegeben als in England
oder in Deutschland, und das habe Frankreich eben seinen Revolutionen
zu verdanken.
. . . Aber genug! Eine ganze Broschüre wäre nötig, um bei dem nieder-
trächtigen Renegaten Kautsky auf jede Perle des Renegatentums einzu-
gehen.
Doch kann man nicht umhin, bei Herrn Kautskys „Internationalismus“
zu verweilen. Versehentlich hat Kautsky ihn ins helle Licht gerückt, näm-
lich dadurch, daß er in den höchsten Tönen der Sympathie vom Inter-
nationalismus der Menschewiki spricht, die ja - versichert der rührselige
Kautsky - gleichfalls Zimmerwalder 43 und - Scherz beiseite - leibliche
„Brüder“ der Bolschewiki wären!
Da haben wir die rührselige Schilderung des „Zimmerwaldismus“ der
Menschewiki :
„Die Menschewiki wollten den allgemeinen Frieden, und sie wollten,
daß alle Kriegführenden die Parole annehmen: keine Annexionen und
Kontributionen. Solange dies nicht erreicht sei, solle die russische Armee“
(ihrer. Meinung nach) „Gewehr bei Fuß schlagfertig bleiben.“ . . . Die
bösen Bolschewiki jedoch haben die Armee „desorganisiert“ und den schlim-
men Brester Frieden geschlossen . . . Und Kautsky sagt klipp und klar,
man hätte die Konstituante bestehenlassen müssen, und die Bolschewiki
hätten die Macht nicht ergreifen dürfen.
Internationalismus besteht also darin, daß man die „ eigene “ imperiali-
stische Regierung unterstützt, wie die Menschewiki und die Sozialrevolu-
tionäre Kerenski unterstützten, daß man die Geheimverträge dieser Re-
gierung deckt und das Volk mit der rührseligen Phrase betrügt: Wir
„fordern“ ja von den bösen Bestien, daß sie gut werden: wir „fordern“
ja von den imperialistischen Regierungen, daß sie die Losung annehmen:
„Keine Annexionen und Kontributionen“.
Kautskys Meinung nach, besteht eben darin der Internationalismus.
Unserer Meinung nach ist das aber absolutes Renegatentum.
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
101
Internationalismus bedeutet Bruchmit den eigenen Sozialdiauvinisten
(d. h. den Vaterlandsverteidigem) und mit der eigenen imperialistischen
Regierung, bedeutet revolutionären Kampf gegen diese Regierung, be-
deutet ihren Sturz, bedeutet die Bereitschaft, größte nationale Opfer
(selbst einen Brester Frieden) auf sich zu nehmen, wenn das der Entwick-
lung der internationalen Arbeiterrevolution dienlich ist.
Wir wissen wohl, daß Kautsky und seine Kumpane (wie etwa Strobel,
Bernstein usw.) über den Abschluß des Brester Friedens sehr „empört“
waren; sie hätten gewünscht, wir machten eine „Geste“ ... die in Ruß-
land die Macht mit einem Schlag der Bourgeoisie ausgeliefert hätte ! Diese
einfältigen, aber so gutmütigen und rührseligen deutschen Kleinbürger
haben sich nicht davon leiten lassen, daß die proletarische Sowjetrepublik,
die als erste in der Welt ihren Imperialismus auf revolutionärem Wege
gestürzt hat, sich bis zur Revolution in Europa halten und den Brand in
den anderen Ländern entfachen müsse (die Kleinbürger fürchten den
Brand in Europa, sie fürchten den Bürgerkrieg, der „Ruhe und Sicherheit“
gefährdet). O nein! Sie haben sich davon leiten lassen, daß sich in allen
Ländern der kleinbürgerliche Nationalismus behauptet, der sich wegen
seiner „Mäßigung und Akkuratesse“ als „Internationalismus“ ausgibt. Die
russische Republik hätte eine bürgerliche Republik bleiben und . . . ab-
warten sollen . . . Dann wäre alle Welt zu guten, gemäßigten, nicht erobe-
rungssüchtigen kleinbürgerlichen Nationalisten geworden, und darin
würde eben der Internationalismus bestehen !-
So denken die Kautskyaner in Deutschland, die Longuetisten in Frank-
reich, die Unabhängigen (ILP) in England, Turati und seine „Brüder“ im
Renegatentum in Italien usw. usf.
Heute können nur noch ausgemachte Dummköpfe nicht sehen, daß wir
nicht nur recht hatten, als wir unsere Bourgeoisie (und ihre Lakaien, die
Menschewiki und Sozialrevolutionäre) stürzten, sondern daß wir auch
recht hatten, als wir den Brester Frieden schlossen, nachdem der direkte
Appell zum allgemeinen Frieden, den wir durch die Veröffentlichung der
Geheimverträge und ihre Annullierung unterstützt hatten, von der Bour-
geoisie der Ententeländer abgelehnt worden war. Denn, hätten wir den
Brester Frieden nicht geschlossen, so hätten wir erstens die Macht ohne
weiteres der russischen Bourgeoisie ausgeliefert und würden der soziali-
stischen Weltrevolution dadurch im höchsten Grade geschadet haben.
102
W. I. Lenin
Zweitens haben wir uns um den Preis nationaler Opfer einen solchen
internationalen revolutionären Einfluß bewahrt, daß Bulgarien jetzt
geradezu unserem Beispiel folgt, daß es in Österreich und Deutschland
brodelt, daß der Imperialismus beider Gruppen geschwächt ist, während
wir zu Kräften gekommen sind und mit der Schaffung einer wirklichen
proletarischen Armee begonnen haben.
Die Taktik des Renegaten Kautsky läuft darauf hinaus, daß die deut-
schen Arbeiter gegenwärtig zusammen mit ihrer Bourgeoisie ihr Vater-
land verteidigen müßten und die deutsche Revolution mehr als alles andere
zu fürchten hätten, denn die Engländer könnten ihr ein neues Brest auf-
zwingen. Das eben ist Renegatentum. Das eben ist kleinbürgerlicher
Nationalismus.
Wir dagegen sagen: Die Okkupation der Ukraine bedeutete ein außer-
ordentlich großes nationales Opfer unserseits, aber sie hat die Proletarier
und die armen Bauern der Ukraine gestählt und gestärkt als revolutionäre
Kämpfer für die internationale Arbeiterrevolution. Die Ukraine hat ge-
litten - die internationale Revolution aber hat gewonnen, denn sie hat
das deutsche Heer »demoralisiert“, den deutschen Imperialismus ge-
schwächt und die deutschen, ukrainischen und russischen revolutionären
Arbeiter einander nahegebradit.
Natürlich wäre es „angenehmer“ gewesen, wenn wir. Wilhelm und
Wilson einfach durch Krieg hätten stürzen können. Aber das sind Hirn-
gespinste. Durch einen Krieg nach außen können wir sie nicht stürzen.
Aber ihre innere Zersetzung beschleunigen können wir wohl. Das haben
wir durch die Sowjetrevolution, durch die proletarische Revolution, in
hohem Grade erreicht.
Einen weit größeren Erfolg hätten die deutschen Arbeiter erlangt, wenn
sie zur Revolution geschritten wären, ohne vor nationalen Opfern halt-
zumachen (allein darin besteht ja der Internationalismus), wenn sie ver-
kündet (und durch die Tat bekräftigt) hätten, daß für sie die Interessen
der internationalen Arbeiterrevolution höher stehen als die Integrität,
Sicherheit und Ruhe des einen oder anderen, namentlich aber ihres eigenen
Nationalstaates.
Das größte Unglüdc und die größte Gefahr für Europa bestehen darin,
daß es dort keine revolutionäre Partei gibt. Es gibt Parteien von Verrätern
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
103
wie den Scheidemännern, den Renaudel, Henderson, Webb und Co. oder
von Lakaienseelen wie Kautsky. Eine revolutionäre Partei gibt es nicht.
Gewiß, die mächtige revolutionäre Bewegung der Massen kann diesen
Mangel beheben, er bleibt aber ein großes Unglück und eine große Gefahr.
Deshalb muß man Renegaten vom Schlage Kautskys auf jede Art und
Weise entlarven und dadurch die revolutionären Gruppen der wirklich
internationalistischen Proletarier, die es in allen Ländern gibt, unter-
stützen. Das Proletariat wird den Verrätern und Renegaten sehr bald
den Rücken kehren und diesen Gruppen folgen, wird sich aus ihrer Mitte
seine Führer erziehen. Nicht umsonst jammert die Bourgeoisie aller Län-
der über den „Weltbolschewismus“.
Der Weltbolschewismus wird die Weltbourgeoisie besiegen.
9. X. 1918
.. Pramda " Nr. 219.
11. Oktober 1918.
Unterschrift: N. Lenin.
Nach dem Manuskript.
BERICHT IN DER GEMEINSAMEN SITZUNG
DES GESAMTRUSSISCHEN ZENTRALEXEKUTIV-
KOMITEES, DES MOSKAUER SOWJETS.
DER BETRIEBSKOMITEES UND DER GEWERK-
SCHAFTEN
22. OKTOBER 1918 44
(Stürmischer, nicht enden wollender Beifall und
Hurrarufe.) Genossen I Mir scheint, daß unsere heutige Lage bei all
ihrer Widersprüchlichkeit dadurch gekennzeichnet werden kann, daß wir
erstens der proletarischen Weltrevolution niemals so nahe waren wie jetzt
und daß wir uns zweitens niemals in einer gefährlicheren Situation be-
funden haben als jetzt. Eben auf diese beiden Feststellungen, besonders
auf die zweite, möchte ich heute ausführlicher eingehen. Ich glaube, die
breiten Massen sind sich kaum der ganzen Gefahr bewußt, die sich über
uns zusammenballt; da wir aber nur gestützt auf die breiten Massen Vor-
gehen können, so besteht die Hauptaufgabe der Vertreter der Sowjet-
macht darin, diesen Massen die volle Wahrheit zu sagen über die heutige
Lage, wie schwer diese auch zeitweise sein möge. Was die Feststellung
anbelangt, daß wir der sozialistischen Weltrevolution nahe sind, so ist
darüber schon oft gesprochen worden, und ich werde mich kurz fassen.
In der Tat ist einer der größten Vorwürfe, den nicht bloß die Bourgeoisie,
sondern auch die kleinbürgerlichen Schichten erheben, die den Glauben
an den Sozialismus verloren haben, sowie viele sogenannte Sozialisten,
die sich an ein Leben in friedlichen Zeiten gewöhnt und an den Sozialis-
mus nicht geglaubt haben - einer der größten Vorwürfe, den sie alle
gegen die Sowjetmacht erhoben haben, ist der, daß wir die sozialistische
Umwälzung in Rußland aufs Geratewohl vollziehen, denn im Westen sei
die Revolution noch nicht herangereift.
Genossen! Jetzt, im fünften Kriegsjahr, ist der allgemeine Zusammen-
bruch des Imperialismus eine offensichtliche Tatsache geworden; jetzt
beginnt schon ein jeder zu verstehen, daß die Revolution in allen krieg-
Bericht in der gemeinsamen Sitzung am 22. Oktober 1918
105
führenden Ländern unvermeidlich ist. Wir aber, denen man ursprünglich
sagte, daß uns nur einige wenige Tage oder Wochen zu leben beschieden
seien, wir haben in diesem einen Jahr Revolution so viel getan, wie keine
proletarische Partei der Welt je getan, hat. Unsere Revolution ist eine
internationale Erscheinung geworden. Daß der Bolschewismus jetzt eine
internationale Erscheinung ist, davon spricht auch die gesamte Bourgeoisie,
und aus diesem Eingeständnis geht klar hervor, daß unsere Revolution
vom Osten nach dem Westen übergreift und dort einen immer besser
vorbereiteten Boden vorfindet. Sie wissen, daß in Bulgarien die Revolu-
tion ausgebrochen ist. Die bulgarischen Soldaten haben mit der Bildung
von Sowjets begonnen. Jetzt laufen Nachrichten ein, daß in Serbien gleich-
falls Sowjets gebildet werden. Obwohl die englisch-französische Entente
den Völkern goldene Berge verspricht für den Fall, daß sie sich erheben
und von Deutschland abrücken, obwohl die reichsten und mächtigsten
Kapitalisten der Welt, die Kapitalisten von Amerika, England und Frank-
reich, so viel versprechen, wird es ganz klar, daß die Bourgeoisie der ver-
schiedenen kleinen Staaten, in die Österreich jetzt zerfällt, daß sich diese
Bourgeoisie auf keinen Fall halten wird, daß ihre Herrschaft, ihre Macht
in diesen Staaten äußerst kurz .und vorübergehend sein wird, weil die
Arbeiterrevolution überall ah die Tür pocht
In verschiedenen Ländern erkennt die Bourgeoisie, daß sie sich in ihren
Staaten nur mit Hilfe ausländischer Bajonette wird halten können. Und
nicht nur in Österreich, auch in Deutschland, in Ländern, deren Lage noch
vor kurzem stabil schien, hat, wie wir sehen, die Revolution begonnen.
Wir erhalten von dort Nachrichten, in der deutschen Presse ist schon von
einem Rücktritt des Kaisers die Rede, und die Parteipresse der Unab-
hängigen Sozialdemokraten 45 hat vom Reichskanzler bereits die Genehmi-
gung erhalten, von einer deutschen Republik zu sprechen. Das will schon
etwas heißen. Wir wissen, daß die. Zersetzung der Truppen sich ver-
stärkt hat, daß dort direkte Aufrufe zum Aufstand der Truppen ver-
breitet werden. Wir wissen, daß im Osten Deutschlands in der Armee
Revolutionskomitees gebildet worden sind, sie geben revolutionäre Lite-
ratur heraus, die die Soldaten revolutioniert. Deshalb kann man mit voller
Bestimmtheit sagen, daß die Revolution von Tag zu Tag, ja von Stunde
zu Stunde heranreift, und das sagen nicht nur wir - nein, das sagen eben
alle Deutschen aus den Reihen der Kriegspartei und der Bourgeoisie, die
106
W. I. Lenin
fühlen, daß die Ministersessel wackeln, daß das Volk den Ministern nicht
vertraut, daß sie sich nicht mehr lange in ihrer Regierung halten werden.
Das sagen alle, die die Lage der Dinge kennen, sie alle sprechen davon,
wie unvermeidlich die Volksrevolution und vielleicht sogar die prole-
tarische Revolution in Deutschland ist.
Wir wissen sehr wohl, was für eine gewaltige proletarische Bewegung
auch in anderen Ländern entstanden ist. Wir haben gesehen, wie Gompers
in Italien auftauchte und auf Rechnung der Ententemächte, mit Unter-
stützung der ganzen italienischen Bourgeoisie und der Sozialpatrioten,
die Städte Italiens bereiste und den italienischen Arbeitern predigte, der
imperialistische Krieg müsse weitergeführt werden. Wir haben gesehen,
wie in den Notizen, die darüber in der italienischen sozialistischen Presse
erschienen, nur Gompers’ Name stand, während alles übrige von der Zen-
sur gestrichen worden war, oder wie Notizen gebracht wurden, in denen
es spöttisch hieß : „Gompers nimmt an Banketten teil und schwatzt.“ Und
die bürgerliche Presse hat zugegeben, daß Gompers überall ausgepfiffen
wurde. Die bürgerliche Presse schrieb : „Aus der Haltung der italienischen
Arbeiter läßt sich schließen, daß sie wohl nur Lenin und Trotzki gestatten,
in Italien herumzureisen.“ Die Italienische Sozialistische Partei 46 hat im
Kriege einen gewaltigen Schritt vorwärts, d. h. nach links, getan. Wir
wissen, daß es in Frankreich unter den Arbeitern viel zuviel Patrioten
gegeben hat; man hatte ihnen gesagt, Paris und dem französischen Terri-
torium drohe große Gefahr. Aber auch dort ändert sich das Verhalten
des Proletariats. Auf dem letzen Parteitag 47 wurden beim Verlesen eines
Briefes über das Vorgehen der Alliierten, der englischen und französischen
Imperialisten, Rufe laut: „Es lebe die sozialistische Republik“, und gestern
traf die Nachricht ein, daß in Paris eine Versammlung von 2000 Metall-
arbeitern stattgefunden hat, die die Sowjetrepublik in Rußland begrüßt
hat. Wir sehen, daß sich von den drei sozialistischen Parteien in England 48
nur eine, die Unabhängige Sozialistische Partei, nicht offen als Verbün-
dete der Bolschewiki bekennt, während die Britische Sozialistische Partei
und die Sozialistische Arbeiterpartei in Schottland ausdrücklich erklären,
sie stehen zu den Bolschewiki. In England beginnt sich der Bolschewismus
ebenfalls zu verbreiten, und die spanischen Parteien, die auf seiten des
englisch-französischen Imperialismus standen und in denen man zu Be-
ginn des Krieges nur ein paar Leute hätte finden können, die eine ent-
Bericht in der gemeinsamen Sitzung am 22. Oktober 1918
107
fernte Vorstellung von den Internationalisten gehabt hätten, alle diese
Parteien begrüßen auf ihrem Parteitag die russischen Bolschewiki. 48 Der
Bolschewismus ist zur weltumspannenden Theorie und Taktik des inter-
nationalen Proletariats geworden ! (Beifall.) Der Bolschewismus hat es
zustande gebracht, daß vor den Augen der ganzen Welt eine regelrechte
sozialistische Revolution abrollte, daß es unter den Sozialisten in der
Frage, ob für oder gegen die Bolschewiki, faktisch zu einer Spaltung
kommt. Der Bolschewismus hat es zustande gebracht, daß das Programm
für die Schaffung eines proletarischen Staates aufgestellt wird. Den Arbei-
tern, die nicht wußten, wie die Dinge in Rußland liegen, da sie nur die
von Lügen und Verleumdungen strotzenden bürgerlichen Zeitungen zu
Gesicht bekamen, begann ein Licht aufzugehen, als sie sahen, daß die
proletarische Regierung über ihre Konterrevolutionäre einen Sieg nach
dem anderen erringt, als sie sahen, daß es außer unserer Taktik, außer
der revolutionären Handlungsweise unserer Arbeiterregierung keinen an-
deren Ausweg aus diesem Krieg gibt. Und wenn am vergangenen Mitt-
woch in Berlin eine Demonstration stattfand und die Arbeiter ihrer Ent-
rüstung über den Kaiser Ausdruck gaben und versuchten, an seinem
Schloß vorbeizumarschieren, so sind sie danach zur russischen Botschaft
gezogen* um ihre Solidarität mit der Handlungsweise der russischen Regie-
rung zum Ausdruck zu bringen.
Das ist das Bild, das wir in Europa im fünften Kriegsjahr sehen I Darum
sagen wir auch: Niemals waren wir der Weltrevolution so nahe, niemals
war es so augenscheinlich, daß das russische Proletariat seine Macht unter
Beweis gestellt hat, und es ist klar, daß uns Millionen und aber Millionen
Proletarier in der ganzen Welt folgen werden. Das ist es eben - ich
wiederhole es noch einmal -, weshalb wir der Weltrevolution niemals so
nahe waren und weshalb wir uns noch niemals in einer so gefährlichen
Situation befunden haben, denn früher hat man niemals mit dem Bolsche-
wismus als mit einem internationalen Faktor gerechnet. Es schien, als
wäre er lediglich eine Folge der Kriegsmüdigkeit der russischen Soldaten,
lediglich ein Ausbruch der Unzufriedenheit der im Kriege erschöpften
russischen Soldaten, und sobald diese Unzufriedenheit vergangen, sobald
erst der Frieden, und sei es auch der schlimmste Gewaltfrieden, hergestellt
wäre, würden alle Schritte zur staatlichen Neuschöpfung und zu soziali-
stischen Reformen unterdrückt werden. Davon waren alle überzeugt;
W.I. Lenin
doch als wir vom imperialistischen Krieg, der durch den ärgsten Gewalt-
frieden beendet worden war, zu den ersten Schritten staatlicher Neu-
schöpfung übergingen, als wir es den Bauern ermöglichten, in der Praxis
ein Leben ohne die Gutsbesitzer zu führen und ihre Stellung gegen die
Gutsbesitzer festzulegen, sich in der Praxis davon zu überzeugen, daß
sie ihr Leben auf dem enteigneten Grund und Boden nicht für die Kulaken
und nicht für neue Kapitalisten, sondern wirklich für die Werktätigen
selbst aufbauen, als die Arbeiter sahen, daß sie die Möglichkeit erhalten
haben, ihr Leben ohne die Kapitalisten aufzubauen, daß sie diese schwie-
rige, aber großartige Aufgabe, ohne deren Lösung sie niemals der Aus-
beutung entgehen werden, meistern können, da wurde es allen klar und
zeigte sich in der Praxis, daß keine Kraft auf Erden, daß keine Konter-
revolution die Sowjetmacht wird stürzen können.
Um in Rußland zu dieser Überzeugung zu gelangen, brauchten wir
Monate. Man sagt, die Bauern im Dorf hätten erst im Sommer 1918, erst
gegen den Herbst zu, den Sinn und die Bedeutung unserer Revolution
begriffen. In der Stadt war dieses Bewußtsein schon lange vorhanden,
damit es jedoch bis in jeden Kreis, in jeden entlegenen Amtsbezirk und
in jedes Dorf vordrang, damit der Bauer nicht aus Broschüren und Reden,
sondern aus seinem eigenen Leben ersehen konnte, daß der Werktätige
und nicht der Kulak den Grund und Boden erhalten soll und daß man
den Kulaken bekämpfen, daß man den Kulaken besiegen muß, indem
man sich selbst organisiert, daß die Welle der Aufstände, die diesen Som-
mer über das ganze Land rollte, von den Gutsbesitzern, Kulaken und
Weißgardisten unterstützt wurde, damit er die Macht der Konstituante
am eigenen Leibe, auf seinem eigenen Buckel zu spüren bekam und aus
eigener Erfahrung prüfen konnte - dazu bedurfte es langer, langer
Monate, aus denen das Dorf jetzt gestählt hervorgeht; und die Massen
der armen Bauern, die keine fremde Arbeit ausplündem, haben erst jetzt,
nicht aus Broschüren, aus denen die werktätigen Massen niemals feste
Überzeugungen schöpfen werden, sondern auf Grund ihrer eigenen Er-
fahrungen gesehen, daß die Sowjetmacht die Macht der ausgebeuteten
Werktätigen ist und daß jedes Dorf die Möglichkeit hat, an der Errichtung
des Fundaments des neuen sozialistischen Rußlands zu arbeiten. Es be-
durfte langer Monate, um nach 1918 auch im übrigen Rußland mit voller
Gewißheit und gestützt auf Berichte von Genossen, die von ihren prak-
Bericht in der gemeinsamen Sitzung am 22. Oktober 1918
tischen Erfahrungen ausgingen, sagen zu können, daß es bei uns auf dem
flachen Lande keinen noch so weltverlorenen Winkel gibt, wo man nicht
wüßte, was die Sowjetmacht ist, und wo man sie nicht verteidigen würde,
denn das Dorf hat die ganze Gefahr erkannt, welche von seiten der
Kapitalisten und Gutsbesitzer droht, hat auch die Schwierigkeiten der
sozialistischen Umgestaltung gesehen und ist nicht davor zurückgeschreckt,
sondern hat sich gesagt: Wir werden diese Arbeit mit Millionen und aber
Millionen Händen anpacken, wir haben in diesem Jahr vieles gelernt und
werden noch vieles hinzulemen. So sprechen jetzt in Rußland Millionen
und aber Millionen mit voller Überzeugung, auf Grund ihrer eigenen
Erfahrung.
Erst jetzt wird das auch der westeuropäischen Bourgeoisie klar, die
bisher die Bolschewiki nicht ernst genommen hat, erst jetzt wird es ihr
klar, daß hier bei uns die einzige dauerhafte Macht geschaffen wurde,
die mit den werktätigen Massen geht und bei diesen wahres Heldentum
und Opferbereitschaft auszulösen imstande ist. Und als diese proletarische
Macht Europa zu infizieren begann, als sich herausstellte, daß das durch-
aus nicht irgendeine Eigentümlichkeit Rußlands ist und daß die vier Jahre
Krieg in der ganzen Welt eine Zersetzung der Armeen hervorgerufen
haben, während man früher erklärt hatte, lediglich Rußland wäre seiner
Rückständigkeit und ungenügenden Vorbereitung wegen dahin gekom-
men, daß seine Armee im vierten Kriegsjahr auseinandergelaufen sei -
wie könnte denn so etwas in den zivilisierten parlamentarischen Ländern
möglich sein?
Heute aber sieht ein jeder, daß nach vier Jahren Weltkrieg, da Mil-
lionen Menschen hingemordet oder zu Krüppeln geschossen worden sind,
damit die Kapitalisten sich bereichern können, da es Zehntausende von
Deserteuren gibt - diese ungewöhnliche Erscheinung macht sich nicht nur
in Rußland und Österreich, sondern auch in Deutschland bemerkbar, das
so mit seiner Ordnung geprahlt hat -, wo es nun soweit gekommen ist,
hat die Weltbourgeoisie eingesehen, daß sie es mit einem ernsteren Feind
zu tun hat, und sie begann sich zusammenzuschließen, und je mehr wir
uns der proletarischen Weltrevolution näherten, desto enger schloß sich
die konterrevolutionäre Bourgeoisie zusammen.
In manchen Ländern will man die Revolution auch weiterhin mit einer
Handbewegung abtun, wie die Koalitionsminister im Oktober die Bolsche-
110
W. I. Lenin
wiki abgetan und erklärt hatten, in Rußland werde es nie zu einer bolsche-
wistischen Herrschaft kommen. In Frankreich zum Beispiel sagt man, die
Bolschewiki wären ein Häuflein Verräter, die das eigene Volk an die
Deutschen verkaufen. Daß die französischen Bourgeois so reden, ist ihnen
eher zu verzeihen als den linken Sozialrevolutionären, denn dafür sind
sie ja Bourgeois, um für Lügenmärchen Millionen hinauszu werfen. Als
aber die französische Bourgeoisie die Entwicklung des Bolschewismus in
Frankreich sah, als sie sah, daß sogar Parteien, die nicht revolutionär
waren, mit revolutionären Losungen für die Bolschewiki auftraten, da
erkannte sie, daß sie es mit einem gefährlicheren Gegner zu tun hat: mit
dem Zusammenbruch des Imperialismus und der Überlegenheit der Arbei-
ter im revolutionären Kampf. Jedermann weiß, daß die proletarische
Revolution wegen des imperialistischen Krieges gegenwärtig besonders
gefährdet ist, weil sie in allen Ländern ungleichmäßig heranwächst, denn
das politische Leben spielt sich in allen Ländern unter verschiedenen Ver-
hältnissen ab, in dem einen Lande ist das Proletariat zu sehr geschwächt,
Während es in einem anderen stärker ist. In dem einen Lande ist die
Spitzengruppe des Proletariats schwach, und in anderen Ländern kommt
es vor, daß es der Bourgeoisie zeitweise gelingt, die Arbeiter zu spalten,
wie es in England und Frankreich geschah. Deshalb eben entwickelt sich
die proletarische Revolution ungleichmäßig, und deshalb hat die Bour-
geoisie erkannt, daß das revolutionäre Proletariat ihr stärkster Gegner
ist. Sie schließt sich zusammen, um den Zusammenbruch des Weltimperia-
lismus aufzuhalten.
Jetzt hat sich die Situation für uns geändert, und die Ereignisse ent-
wickeln sich mit ungeheurer Geschwindigkeit. Ursprünglich gab es zwei
Gruppen imperialistischer Räuber, die sich gegenseitig vernichten woll-
ten, nun aber haben sie gemerkt - besonders am Beispiel des deutschen
Imperialismus, der sich noch vor kurzem ebenso stark wie England und
Frankreich dünkte -, daß das revolutionäre Proletariat ihr Hauptfeind
ist. Jetzt, wo Deutschland von innen durch die revolutionäre Bewegung
zersetzt wird, hält sich der englisch-französische Imperialismus für den
Herrn der Welt. Dort ist man überzeugt, daß die Bolschewiki und die
Weltrevolution seine Hauptfeinde sind. Je stärker sich die Revolution ent-
wickelt, desto fester schließt sich die Bourgeoisie zusammen. Manch einer
von uns und besonders viele aus der breiten Masse, die sich jetzt davon
Bericht in der gemeinsamen Sitzung am 22. Oktober t918
111
überzeugt haben, daß sie mit .unseren Konterrevolutionären, mit den
Kosaken, den Offizieren und den Tschechoslowaken fertig werden kön-
nen, glauben, damit sei die Sache erledigt, und geben sich keine Rechen-
schaft darüber, daß das jetzt nicht genügt, daß es einen neuen, viel
gefährlicheren Feind gibt: dieser Feind ist der englisch-französische
Imperialismus. Bisher hat er in Rußland, zum Beispiel bei der Truppen-
landung in Archangelsk, nicht viel Erfolg gehabt. Ein französischer Autor,
der Herausgeber einer Zeitung, die er „La Victoire“ 50 nennt, hat erklärt,
der Sieg über die Deutschen genüge Frankreich nicht, es müsse auch den
Bolschewismus besiegen, und der Feldzug gegen Rußland sei kein Angriff
auf Deutschland, sondern ein Feldzug gegen das bolschewistische revolu-
tionäre Proletariat und gegen die Pest, die sich über- die ganze Welt ver-
breite.
Darum eben zieht jetzt über uns eine neue Gefahr herauf, die noch
nicht zur vollen Größe ausgewachsen und noch nicht ganz zu übersehen
ist, eine Gefahr, die von den englischen und den französischen Imperia-
listen in aller Stille heraufbeschworen wird und die wir klarer erkennen
müssen, um sie den Massen durch ihre Führer zum Bewußtsein zu bringen,
denn die Engländer und Franzosen hatten weder in Sibirien noch in
Archangelsk großen Erfolg - im Gegenteil, sie mußten eine Reihe von
Niederlagen einstecken -, jetzt aber richten sie alle Anstrengungen dar-
auf, Rußland vom Süden her, entweder von den Dardanellen, vom
Schwarzen Meer aus, oder auf dem Landwege über Bulgarien und Rumä-
nien zu überfallen. Da diese Leute das Militärgeheimnis wahren, können
wir nicht sagen, inwieweit dieser Feldzug vorbereitet ist und welchen die-
ser beiden Pläne - oder vielleicht haben sie noch einen dritten Plan - sie
gewählt haben; darin besteht ja gerade die Gefahr, daß wir das nicht
genau wissen können. Aber wir wissen ganz genau, daß so etwas in Vor-
bereitung ist; die Presse dieser Länder ist mitunter nicht sehr vorsichtig,
und irgendein Journalist läßt manchmal alles verlogene Gerede vom Bund
der Nationen beiseite und legt die Hauptziele offen dar.
Bei den herrschenden Kreisen in Deutschland sehen wir jetzt klar zwei
Strömungen, zwei Pläne zur Rettung, wenn eine Rettung überhaupt noch
möglich ist. Die einen sagen; Gewinnen wir Zeit, ziehen wir die Sache
bis zum Frühjahr hin, vielleicht werden wir noch auf der Befestigungs-
linie militärischen Widerstand leisten können; die anderen sehen in der
112
W. /. Lenin
Hauptsache ihre Rettung in England und Frankreich und richten ihre ganze
Aufmerksamkeit darauf, mit England und Frankreich ein Abkommen
gegen die Bolschewiki zu erzielen, darauf ist ihre ganze Aufmerksamkeit
gerichtet. Und weist Wilson heute auch das Friedensangebot in grober und
verächtlicher Weise zurück, so veranlaßt das die Partei der deutschen
Kapitalisten, die ein Abkommen mit England suchen, noch keinesfalls,
auf ihre Pläne zu verzichten. Sie wissen, daß es mitunter ein stillschwei-
gendes. Einvernehmen geben kann und daß sie, wenn sie den englischen
und französischen Kapitalisten gegen die Bolschewiki zur Hand gehen
werden, vielleicht für diese Dienste eine Belohnung, bekommen. In der
kapitalistischen Gesellschaft ist das gang und gäbe - für erwiesene Dienste
wird gezahlt. Sie denken: Vielleicht helfen wir den englischen und fran-
zösischen Kapitalisten, irgend etwas zu ergattern, dann werden sie einiges
von der Beute uns überlassen. Zahlen und sich bezahlen lassen, das ist
die Moral der kapitalistischen Welt. Und mir scheint, wenn diese Leute
auf einen bestimmten Teil des englisch-französischen Kapitals rechnen,
so verstehen sie zu rechnen und hoffen mindestens auf Milliarden. Ein
Teil dieser Herrschaften versteht sich auf einen solchen Kalkül.
Eia solches stillschweigendes Einvernehmen zwischen der deutschen
Bourgeoisie und der Bourgeoisie der Ententemähte ist wahrscheinlich
auh shon erzielt worden. Dem Wesen nah läuft es darauf hinaus, daß
die englischen und französischen Kapitalisten gleichsam sagen: Wir wer-
den nah der Ukraine kommen, aber solange unsere Okkupationstruppen
noh nicht dort sind, sollt ihr Deutschen eure Truppen niht abziehen,
sonst werden in der Ukraine die Arbeiter an die Mäht kommen, und
dort würde gleichfalls die Sowjetmacht triumphieren. So urteilen sie, weil
sie verstehen, daß die Bourgeoisie aller besetzten Länder, die Bourgeoisie
Finnlands, der Ukraine und Polens, sehr wohl weiß, daß die nationale
Bourgeoisie sih auh niht einen einzigen Tag lang halten kann, wenn
die deutshen Besatzungstruppen abziehen, und deshalb verschachert die
Bourgeoisie dieser Länder, die sih gestern noh den Deutshen verkaufte,
die die deutshen Imperialisten ihrer Ergebenheit versicherte und mit
ihnen ein Bündnis gegen die eigenen Arbeiter abshloß, wie dies die
ukrainischen Menschewiki und die Sozialrevolutionäre in Tiflis getan
haben - deshalb verschachert sie jetzt wieder ihr Vaterland an all und
jeden. Gestern haben sie es an die Deutshen verschachert, und heute
Bericht in der gemeinsamen Sitzung am 22. Oktober 1918 113
verschachern sie es an die Engländer und Franzosen. So sieht der Schacher
aus, der hinter den Kulissen getrieben wird. Da sie sehen, daß die eng-
lische und französische Bourgeoisie siegt, wechseln sie alle auf deren Seite
über und wollen sich mit dem englisch-französischen Imperialismus gegen
uns, auf unsere Kosten verständigen.
Wenn sie ihren künftigen Herrn und Gebieter, den englischen und
französischen Milliardären, erklären, daß sie sich auf ihre Seite stellen,
sagen sie : Euer Gnaden werden die Bolschewiki besiegen. Sie müssen uns
helfen, denn die Deutschen werden uns nicht retten. Diese Verschwörung
der Bourgeoisie aller Länder gegen die revolutionären Arbeiter und die
Bolschewiki tritt immer klarer zutage, wird immer frecher und nimmt
immer offenere Formen an, und es ist unsere unmittelbare Pflicht, die
Arbeiter und Bauern aller kriegführenden Länder auf diese Gefahr hin-
zuweisen,
Ich nehme als Beispiel die Ukraine, Vergegenwärtigen Sie sich, wie dort
die Lage ist und was die Arbeiter .und die einsichtigen Kommunisten unter
den heutigen Umständen tun sollen. Einerseits sehen sie die Empörung
gegen die deutschen Imperialisten, gegen die schreckliche Ausplünderung
der Ukraine, anderseits sehen sie aber, daß ein Teil der deutschen Trup-
pen, und vielleicht der größere Teil, abgezogen ist. Vielleicht kommt ihnen
da der Gedanke, dem aufgespeicherten Haß und Ingrimm Luft zu machen
und die deutschen Imperialisten sofort, ohne auf etwas Rücksicht zu neh-
men, anzugreifen. Andere wieder sagen: Wir sind Internationalisten, wir
müssen die Dinge sowohl vom Standpunkt Rußlands als auch vom Stand-
punkt Deutschlands sehen: selbst vom Standpunkt Deutschlands aus wis-
sen wir, daß sich die Macht dort nicht halten wird ; wir wissen genau, daß,
wenn parallel mit dem Sieg der ukrainischen Arbeiter und Bauern die
Macht in Rußland sich festigen und Erfolge erringen wird, die soziali-
stische proletarische Ukraine nicht nur siegen, sondern auch unbesiegbar
sein wird! Diese einsichtigen ukrainischen Kommunisten sagen sich: Wir
müssen sehr vorsichtig sein; vielleicht werden wir morgen schon alle
unsere Kräfte anspannen müssen, vielleicht werden wir für den Kampf
gegen den Imperialismus und gegen die deutschen Truppen alles aufs Spiel
setzen müssen. Vielleicht ist es morgen soweit, aber nicht heute, heute
wissen wir, daß sich die Truppen der deutschen Imperialisten von allein
zersetzen; es ist bekannt, daß nicht nur bei den Truppen in der Ukraine,
114
W. I. Lenin
sondern auch in Ostpreußen und im übrigen Deutschland revolutionäre
Literatur herausgegeben wird. 51 Zugleich ist unsere Hauptaufgabe die
Propaganda im Interesse des ukrainischen Aufstands. Das ist so vom
Standpunkt der internationalen Revolution, der Weltrevolution, denn das
wichtigste Glied in dieser Kette ist Deutschland, denn die deutsche Revo-
lution ist schon herangereift, und vor allem von ihr hängt der Erfolg der
Weltrevolution ab.
Wir werden darauf achten, daß unsere Einmischung ihrer Revolution
keinen Schaden bringe. Es gilt sich über die Veränderungen und das
Heranwachsen einer jeden Revolution klarzuwerden. In jedem Lande
- wir haben das gesehen und miterlebt und wissen es besser als jeder
andere -, in jedem Lande geht die Revolution ihren besonderen Weg,
und diese Wege sind so verschieden, daß die Revolution sich auch um
ein oder um zwei Jahre verspäten kann. Mit der Weltrevolution geht es
nicht so glatt, daß sie überall, in allen Ländern, den gleichen Weg nimmt -
dann hätten wir schon längst gesiegt. Jedes Land muß bestimmte politische
Etappen durchlaufen. Überall sehen wir das gleiche Streben der Pak-
tierer und ihre Versuche, gemeinsam mit der Bourgeoisie das „Volk vor
der Bourgeoisie zu retten“, wie dies bei uns Zereteli und Tschernow getan
haben, wie dies in Deutschland die Scheidemänner tun; in Frankreich
wird dies auf eigene Art getan. Und jetzt, wo die Revolution an die Tore
Deutschlands pocht, dieses Landes mit der stärksten Arbeiterbewegung,
die sich durch Organisation und Disziplin auszeichnet, wo die Arbeiter
länger gelitten, aber vielleicht mehr revolutionären Haß aufgespeichert
haben und mit ihren Feinden besser aufzuräumen verstehen werden, da
kann die Einmischung in diese Ereignisse von Leuten, die nicht wissen,
in welchem Tempo die Revolution heranwächst, jenen einsichtigen Kom-
munisten schaden, die sagen: Ich richte meine Aufmerksamkeit vor allem
darauf, diesen Prozeß zu einem bewußten Prozeß zu machen. Jetzt, wo
der deutsche Soldat sich davon überzeugt hat, daß man ihn zur Schlacht-
bank treibt, und ihm dabei sagt, er ziehe ins Feld zur Verteidigung des
Vaterlands, er aber in Wirklichkeit die deutschen Imperialisten verteidigt -
jetzt naht die Zeit, wo die deutsche Revolution sich so kraftvoll Und organi-
siert entladen wird, daß sie gleich Hunderte internationaler Probleme
lösen wird. Deshalb sagen die einsichtigen ukrainischen Kommunisten:
Wir müssen alles für den Sieg der Weltrevolution hergeben, doch wir
Bericht in der gemeinsamen Sitzung am 22. Oktober 1918 115
müssen uns bewußt sein, daß die Zukunft uns gehört, und wir müssen
im gleichen Schritt gehen mit der deutschen Revolution.
Das sind die Schwierigkeiten, die ich am Beispiel der Überlegungen der
ukrainischen Kommunisten aufzeigen wollte. Diese Schwierigkeiten wir-
ken sich auch auf die Lage Sowjetrußlands aus. Heute müssen wir sagen,
daß das internationale Proletariat nun aufgewacht ist und mit Riesen-
schritten vorwärtsschreitet, aber unsere Lage ist um so schwieriger, weil
sieh unser gestriger „Verbündeter“ gegen uns wendet und in Uns seinen
Hauptfeind sieht. Heute zieht er nicht gegen feindliche Heere zu Felde,
sondern gegen den internationalen Bolschewismus. Heute, da sich an der
Südfront die Truppen Krasnows sammeln - wir wissen doch, daß sie von
den Deutschen Munition bekommen haben da wir den Imperialismus
vor allen Völkern entlarvt haben, bekommen die Leute, die uns wegen
des Brester Friedens angeklagt hatten,, die Krasnow ausgeschickt hatten, um
bei den Deutschen Munition zu holen, mit der sie dann auf die russischen
Arbeiter und Bauern schossen - heute bekommen sie die Munition von
den englischen und französischen Imperialisten. Sie bekommen Munition
und verschachern und verkaufen dafür Rußland an den meistbietenden
Millionär. Eben darum genügt heute nicht mehr die allgemeine Zuver-
sicht, die sich bei uns heraüsgebildet hatte, die Zuversicht, daß der Um-
schwung eingetreten sei. Wir haben alte Feinde, aber außer ihnen werden
hinter ihrem Rücken gerade jetzt neue Hilfskräfte für sie zusammen-
gezogen. Wir alle wissen und sehen das. Noch im Februar oder März,
noch vor einem halben Jahr, hatten wir keine Armee. Die Armee war
kampfunfähig. Die Armee, die durch vier Jahre imperialistischen Krieg
gegangen war, als sie nicht wußte, wofür sie kämpft, und unklar empfand,
daß sie sich für fremde Interessen schlägt - diese Armee ist auseinander-
gelaufen, und keine Macht auf Erden konnte sie aufhalten.
Eine Revolution ist nur dann etwas wert, wenn sie sich zu verteidigen
versteht, aber die Revolution lernt nicht auf einmal, sich zu verteidigen.
Die Revolution war das Erwachen von Millionen zu einem neuen Leben.
Im Februar und März wußten diese Millionen nicht, wofür sie das Ge-
metzel fortsetzen sollten, in das der Zar und die Kerenski sie getrieben
hatten und dessen Ziele erst im Dezember von der bolschewistischen Re-
gierung entlarvt worden waren. Sie waren sich klar darüber, daß dies
nicht ihr Krieg gewesen war, und es bedurfte ungefähr eines halben Jahres,
116
damit der Umschwung eintrat. Dieser Umschwung ist eingetreten; er
ändert die Kraft der Revolution. Erschöpft und bis aufs Blut gepeinigt
durch vier Jahre Krieg, warfen die Massen im Februar und März alles
hin und sagten, es müsse Frieden geschlossen und der Krieg beendet wer-
den. Sie waren nicht imstande, die Frage aufzuwerfen, wofür man Krieg
führen soll. Wenn diese Massen jetzt in der Roten Armee eine neue
Disziplin, keine Disziplin des Knüppels und keine Disziplin der Guts-
besitzer, sondern die Disziplin der Sowjets der Arbeiter- und Bauern-
deputierten geschaffen haben, wenn, sie jetzt von größtem Opfermut er-
füllt sind, wenn sie in neuer Geschlossenheit dastehen, so deshalb, weil
zum erstenmal im Bewußtsein und aus der Erfahrung von Millionen eine
neue, sozialistische Disziplin entsteht und entstanden ist, weil die Rote
Armee geboren wurde. Sie wurde erst geboren, als diese Millionen aus
eigener Erfahrung erkannten, daß sie selber es. waren, die die Gutsbesitzer
und Kapitalisten gestürzt haben, daß ein neues Leben aufgebaut wird,
daß sie selber dieses neue Leben zu bauen begonnen haben und daß sie
dieses Leben aufbauen werden, wenn ein Überfall von außen sie daran
nicht hindert. -
Als die Bauern ihren Hauptfeind erkannten und den Kampf gegen die
Dorfkulaken aufnahmen, als die Arbeiter die Fabrikanten zum Teufel
jagten und die Betriebe nach dem proletarischen Prinzip der Volkswirt-
schaft aufzubauen begannen, erkannten sie die ganze Schwierigkeit des
Umbaus, doch sie meisterten sie. Monate waren nötig, um die Arbeit in
Gang zu bringen. Diese Monate sind vorüber, und. der Umschwung ist
eingetreten; vorbei ist die Zeit, da wir kraftlos dastanden, und wir sind
mit Riesenschritten vorangekommen; vorbei ist die Zeit, da wir keine
Armee hatten, da es keine Disziplin gab ; eine neue Disziplin wurde ge-
schaffen, und zur Armee sind neue Menschen gegangen, die zu Tausen-
den ihr Leben hingeben.
Das bedeutet, daß die neue Disziplin, die kameradschaftliche Ver-
bundenheit uns umerzogen haben im Kampfe an der Front und im Kampfe
gegen den Kulaken im Dorf. Dieser Umschwung, den wir alle miterleben,
war schwierig, aber jetzt fühlen wir, daß die Sache in Gang kommt und
daß wir von einem ungeregelten, dekretierten Sozialismus zum wirklichen
Sozialismus übergehen. Unsere Hauptaufgabe ist heute der Kampf gegen
den Imperialismus, und in diesem Kampf müssen wir siegen. Wir weisen
Bericht in der gemeinsamen Sitzung am 22. Oktober 1918
117
auf die ganze Schwierigkeit und Gefährlichkeit dieses Kampfes hin. Wir
wissen, im Bewußtsein der Roten Armee ist ein Umschwung eingetreten,
sie beginnt zu siegen, sie bringt aus ihrer Mitte Tausende von Offizieren
hervor, die an den neuen proletarischen Kriegsschulen ausgebildet worden
sind, und Tausende anderer Offiziere, die außer der harten Schule des
Krieges keine Ausbildung bekommen haben. Deshalb übertreiben wir
nicht im geringsten, wenn wir heute, bei aller Anerkennung der Gefahr,
dennoch sagen, daß wir eine Armee haben; und diese Armee hat ihre
Disziplin geschaffen und ist kampffähig geworden. Unsere Südfront ist
keine isolierte Front - sie ist die Front gegen den gesamten englisch-
französischen Imperialismus, gegen den mächtigsten Feind in der Welt,
aber wir fürchten ihn nicht, weil wir wissen, daß es ihm nicht gelingen
wird,, mit seinem eigenen inneren Feind fertig zu werden.
Vor drei Monaten noch lachte man, wenn wir davon sprachen, daß es
in Deutschland zur Revolution kommen könne; man sagte uns, nur die
halbverrückten Bolschewiki könnten an eine deutsche Revolution glauben.
Nicht nur die ganze Bourgeoisie, sondern auch die Menschewiki und die
linken Sozialrevolutionäre nannten die Bolschewiki Verräter am Patriotis-
mus und erklärten, daß es in Deutschland keine Revolution geben könne.
Wir aber wußten, daß man dort unsere Hilfe braucht, und um dieser
Hilfe willen mußten wir jedes Opfer, auch die schweren Friedensbedin-
gungen, auf uns nehmen. Man hat uns das vor einigen Monaten gesagt
und auch beweisen wollen, aber in diesen wenigen Monaten hat sich
Deutschland aus einem mächtigen Reich in ein morsches Stück Holz ver-
wandelt. Die Kraft, die Deutschland zerstört hat, wirkt auch in Amerika
und in England; heute ist sie noch schwach, doch mit jedem Schritt, den
die Engländer und Franzosen in Rußland zu machen versuchen - sie wer-
den versuchen, die Ukraine zu besetzen, wie das die Deutschen getan
haben -, mit jedem Schritt wird diese Kraft immer stärker in Erscheinung
treten und schrecklicher selbst als die spanische Grippe werden.
Das ist es. Genossen, weshalb heute, ich wiederhole es, die Haupt-
aufgabe eines jeden klassenbewußten Arbeiters darin besteht, nichts vor
den breiten Massen zu verheimlichen, die wohl kaum wissen, was für
eine gespannte Lage wir haben, sondern im Gegenteil, ihnen die volle
Wahrheit aufzudecken. Die Arbeiter sind reif genug, um diese Wahrheit
zu erfahren. Wir müssen nicht nur die Weißgardisten besiegen, sondern
auch den Weltimperialismus. Wir müssen und werden nicht nur den
einen, sondern auch den weit schrecklicheren Feind besiegen. Dazu brau-
chen wir vor allem die Rote Armee. Jede Organisation in Sowjetrußland
soll stets die Frage der Armee an erste Stelle setzen. Heute, wo sich alles
gefestigt hat. steht die militärische Frage, die Frage der Stärkung der
Armee, im Vordergrund. Wir haben die volle Gewißheit, daß wir mit der
Konterrevolution fertig werden. Wir wissen, daß wir stark sind, aber wir
wissen auch, daß der englisch-französische Imperialismus stärker ist als
wir. und wir wollen, daß die Arbeitermassen sich dessen klar bewußt
werden. Wir sagen: Die Armee muß um das Zehnfache und noch mehr
verstärkt werden, man muß immer wieder darauf verweisen, daß die
Disziplin gefestigt wird und daß die klassenbewußten, erfahrenen, organi-
sierten echten Führer dieser Sache zehnmal mehr Aufmerksamkeit und
Fürsorge angedeihen lassen, und dann wird sich das Wachstum der inter-
nationalen Revolution nicht auf die Länder beschränken, die schon eine
Niederlage erlitten haben. Jetzt beginnt die Revolution auch schon in
den Ländern, die aus dem Krieg als Sieger hervorgegangen sind. Unsere
Kräfte müssen mit jedem Tag wachsen, und dieses ununterbrochene
Wachstum ist für uns nach wie vor die wichtigste, die volle Garantie da-
für, daß der internationale Sozialismus siegen wird! (Die Rede des
Genossen Lenin wird wiederholt durch stürmischen Bei-
fall unterbrochen, der am Schluß der Rede in eine Ova-
tion übergeht. Alle Anwesenden erheben sich wie ein
Mannvon den Plätzen und jubeln dem Führer der Wel.t-
revolutiön zu.)
Zeitungsberichte wurden am
23. Oktober 1918 in der „ Prawda " Nr. 229
und in den „Ismestija WZIK" Nr. 231
veröffentlicht.
Vollständig veröffentlicht 1919 in dem
Buch „Die fünfte Wahlperiode des
Gesamtrussischen ZEK. Stenografischer
Bericht“. Moskau.
Nach dem stenografischen
Bericht , verglichen mit
dem Stenogramm und den
Zeitungstexten.
119
RESOLUTION,
ANGENOMMEN IN DER GEMEINSAMEN SITZUNG
DES GESAMTRUSSISCHEN ZENTRALEXEKUTIV-
KOMITEES, DES MOSKAUER SOWJETS,
DER BETRIEBSKOMITEES UND DER GEWERK-
SCHAFTEN
22. OKTOBER 1918
Die revolutionäre Bewegung der proletarischen Massen und der Bauern-
schaft gegen den imperialistischen Krieg hat in der letzten Zeit in allen
Ländern, besonders auf dem Balkan, in Österreich und in Deutschland
gewaltige Erfolge erzielt. Aber eben diese Erfolge haben die internationale
Bourgeoisie, an deren Spitze jetzt die englisch-amerikanische und die
französische Bourgeoisie getreten ist, ganz besonders in Wut versetzt und
das Bestreben hervorgerufen, sich schleunigst als konterrevolutionäre
Kraft zu organisieren, um die Revolution, in erster Linie aber ihren gegen-
wärtigen Hauptherd, die Sowjetmacht in Rußland, niederzuringen. '
Im Kriege geschlagen und im Innern durch eine mächtige revolutionäre
Bewegung bedroht, suchen die deutsche Bourgeoisie und die deutsche
Regierung krampfhaft nach Rettung. Eine Strömung in den herrschenden
Kreisen Deutschlands hofft noch, durch Verschleppungsmanöver bis zum
Winter Zeit zu gewinnen und die militärische Verteidigung des Landes
auf einer neuen Befestigungslinie .vorbereiten zu können. Eine andere
Strömung sucht verzweifelt nach einem Übereinkommen mit der eng-
lischen und französischen Bourgeoisie gegen das revolutionäre Proletariat
und die Bolschewiki. Da diese Strömung aber bei den Siegern,, den eng-
lischen und französischen Imperialisten, auf äußerste Unnachgiebigkeit
stößt, versucht sie, diese mit der bolschewistischen Gefahr zu schrecken
und durch Dienstleistungen gegen die Bolschewiki, gegen die proletarische
Revolution für sich günstig zu stimmen.
Die Bourgeoisie der von Deutschland unterworfenen oder besetzten
Länder ist noch eifriger auf ein Übereinkommen mit der Entente bedacht,
besonders in Fällen, wo sie, wie zum Beispiel in Finnland, in der Ukraine
9 Lenin, Werke. Bd. 28
120
W. I. Lettin
usf., sieht, daß sie ihre Madit über die ausgebeuteten werktätigen Mas-
sen nur mit Hilfe ausländischer Bajonette aufrechterhalten kann.
Unter diesen Verhältnissen sieht sidi die Sowjetmacht in folgende
eigenartige Lage versetzt: einerseits waren wir der proletarischen Welt-
revolution noch niemals so nahe wie heute, anderseits aber befanden wir
uns niemals in einer so gefährlichen Situation wie heute. Heute gibt es
schon nicht mehr zwei ungefähr gleich starke Gruppen imperialistischer
Räuber, die sich gegenseitig zerfleischen und schwächen. Übriggeblieben
ist allein die Siegergruppe, die Gruppe der englischen und französischen
Imperialisten. Sie will die ganze Welt unter die Kapitalisten aufteilen, sie
macht es sich zur Aufgabe, die Sowjetmacht in Rußland um jeden Preis
zu stürzen und sie durch eine bürgerliche Staatsmacht zu ersetzen. Sie
rüstet jetzt zum Angriff auf Rußland von Süden her, beispielsweise über
die Dardanellen und das Schwarze Meer oder über Bulgarien und Rumä-
nien, wobei offenbar zumindest ein Teil der englischen und französischen
Imperialisten darauf hofft, daß die deutsche Regierung, im offenen oder
stillschweigenden Einvernehmen mit ihnen, ihre Truppen nur in dem
Maße aus der Ukraine abzieht, wie die Ukraine von den englischen und
französischen Truppen besetzt werden wird, um es nicht zu dem sonst
unvermeidlichen Sieg der ukrainischen Arbeiter und Bauern kommen zu
lassen und um zu verhindern, daß sie eine ukrainische Arbeiter- und
Bauernregierung bilden.
Noch ist die Erkenntnis nicht überall und nicht zutiefst in die breiten
Massen der Arbeiter und Bauern eingedrungen, daß hinter dem Rücken
der Krasnowschen und weißgardistischen Konterrevolutionäre der Angriff
einer unvergleichlich gefährlicheren Macht auf unser Land vorbereitet
wird, der Macht der internationalen konterrevolutionären Bourgeoisie,
in erster Linie der englisch-amerikanischen und der französischen Bour-
geoisie. Diese Erkenntnis müssen wir unermüdlich in die Massen tragen.
Auf die Festigung der Südfront, auf die Schaffung und Bewaffnung einer
Roten Armee, die unvergleichlich stärker sein muß, als sie heute ist, müs-
sen wir die größte Aufmerksamkeit richten. Jede Arbeiterorganisation,
jede Vereinigung der Dorfarmut, jede sowjetische Dienststelle muß die
Frage der Stärkung der Armee immer wieder an erster Stelle auf die
Tagesordnung setzen, muß immer wieder überprüfen, ob wir genug getan
haben, welche neuen Maßnahmen wir ergreifen können und müssen.
Resolution, angenommen in der gemeinsamen Sitzung am 22. Oktober 1918 121
In der Stimmung unserer Arbeiter- und Bauernmassen ist ganz offen-
sichtlich ein Umschwung eingetreten. Die äußerste Kriegsmüdigkeit haben
die Massen überwunden. Die Armee wird geschaffen und ist bereits ge-
schaffen. Eine neue, kommunistische Disziplin ist entstanden, eine bewußte
Disziplin, eine Disziplin der Werktätigen. Und dies gibt uns allen Grund,
mit Bestimmtheit zu hoffen, daß wir das sozialistische Vaterland ver-
teidigen können und erfolgreich verteidigen werden und daß die prole-
tarische Weltrevolution siegen wird.
„Ismestija WZIK“ Nr. 231T
23. Oktober 1918.
Nach dem Manuskript.
REDE AUF EINER DEMONSTRATION
ZU EHREN DER ÖSTERREICHISCH-UNGARISCHEN
REVOLUTION
3. NOVEMBER 1918
Kurzer Zeitungsbericht
(Stürmischer Beifall.) Die Ereignisse zeigen uns, daß das Volk
nicht umsonst gelitten hat.
Wir kämpfen nicht nur gegen den russischen Kapitalismus. Wir kämp-
fen gegen den Kapitalismus aller Länder, gegen den Weltkapitalismus -
für die Freiheit aller Arbeiter.
Wenn es uns auch schwerfiel, gegen die Hungersnot und die Feinde
zu kämpfen, so sehen wir jetzt, daß wir Millionen von Bundesgenossen
haben.
Das sind die Arbeiter Österreichs, Ungarns und Deutschlands. Wäh-
rend wir uns hier versammelt haben, ist der aus dem Gefängnis befreite
Friedrich Adler sicherlich schon auf dem Weg nadi Wien. Auf den Plätzen
Wiens wird wahrscheinlich schon der erste Tag der österreichischen
Arbeiterrevolution gefeiert.
Die Zeit ist nicht mehr fern, da der erste Tag der Weltrevolution aller-
orts gefeiert werden wird.
Wir haben nicht umsonst gearbeitet und gelitten! Die internationale,
die Weltrevolution wird siegen!
Es lebe die proletarische Weltrevolution I (Stürmischer Beifall.)
„ Pramda " Nr. 240.
5. November 1918.
Nach dem Text der .Pramda“.
REDE IN DER FESTSITZUNG
DES GESAMTRUSSISCHEN ZENTRALRATS
UND DES MOSKAUER RATS
DER GEWERKSCHAFTEN
6. NOVEMBER 19T8 52
Zeitungsbericht
(Alle Anwesenden erheben sich von ihren Plätzen und
begrüßen Genossen Lenin mit stürmischem, lang an-
haltendem Beifall.) Wir versammeln uns heute in Dutzenden und
Hunderten von Kundgebungen, um den Jahrestag des Oktoberumsturzes
zu feiern - begann Genosse Lenin seine Rede. Wer schön seit langem in
der Arbeiterbewegung steht, wer* schon früher mit den Arbeitermassen
verbunden war und mit den Fabriken und Werken in enge Berührung
kam - der versteht, daß das vergangene Jahr ein Jahr echter proletarischer
Diktatur war. Dieser Begriff war früher ein unbekanntes Bücherlatein,
eine Verbindung schwer verständlicher Wörter. Die Intellektuellen such-
ten eine Erklärung für diesen Begriff in wissenschaftlichen Büchern, die
ihnen jedoch nur eine sehr verschwommene Vorstellung davon gegeben
haben, was denn die proletarische Diktatur in Wirklichkeit ist. Und unser
Hauptverdienst im vergangenen Jahr besteht darin, daß wir diese Worte
aus dem unverständlichen Latein in ein verständliches Russisch übersetzt
haben. Die Arbeiterklasse hat sich im vergangenen Jahr nicht mit Philo-
sophierereien beschäftigt; sondern hat die proletarische Diktatur praktisch
geschaffen und sie trotz der aufgebrachten Intellektuellengemüter in die
Tat umgesetzt.
Im Westen herrscht nach wie vor der Kapitalismus. Doch jetzt bricht
auch dort die Zeit der großen Umwälzungen an. Jetzt nähert sich auch
das westeuropäische Proletariat der schweren Übergangsperiode vom
Kapitalismus zum Sozialismus. Es wird ebenso wie wir den ganzen alten
Apparat zerbrechen und einen neuen aufbauen müssen.
Es war uns nicht gegeben, all die reichen Erfahrungen, das Wissen und
124
W. I. Lenin
die technische Bildung der bürgerlichen Intelligenz auszunutzen. Mit bos-
haftem Lächeln hat die Bourgeoisie den Bolschewiki prophezeit, daß sich
die Sowjetmacht kaum zwei Wochen halten werde ; sie hat sich deshalb
nicht nur davor gedrückt, ihre Arbeit weiter zu verrichten, sondern hat
sich auch überall, wo sie nur konnte, mit allen ihr zu Gebote stehenden
Mitteln der neuen Bewegung, dem neuen Aufbau widersetzt, der die
ganze alte Lebensweise zerbrach.
Die Bourgeoisie hat bei weitem noch nicht ihren Widerstand auf-
gegeben. Ihre Erbitterung wächst mit jedem Tag, sie wächst um so schnel-
ler, je mehr wir uns dem Ende der alten kapitalistischen Welt nähern.
Im Zusammenhang damit, daß der Bolschewismus erstarkt und sich
im Weltmaßstab entwickelt, hat sich die internationale Lage jetzt so ge-
staltet, daß gegen die Sowjetrepublik eine Allianz der Imperialisten aller
Spielarten aufmarschieren kann und der- Widerstand der Bourgeoisie aus
einem nationalen zu einem internationalen wird.
Wie Ihnen bekannt ist, hat Deutschland unter Berufung auf revolutio-
näre Propaganda unserer Vertretung in Deutschland unseren Botschafter
aus Berlin ausgewiesen. Als hätte die deutsche Regierung nicht schon
früher gewußt, daß unsere Botschaft den revolutionären Bazillus ein-
schleppt. Wenn aber Deutschland früher dazu geschwiegen hat, so darum,
weil es noch stark war, weil es uns nicht gefürchtet hat. Jetzt aber, nach
dem militärischen Zusammenbruch, flößen wir ihm Angst ein. Die deut-
schen Generale und Kapitalisten wenden sich an die Alliierten und sagen
ihnen : Ihr habt uns zwar besiegt, laßt euch aber nicht zu sehr hinreißen
bei den Experimenten, die ihr mit uns vorhabt, denn euch sowohl wie uns
droht der Weltbolschewismus, und bei seiner Bekämpfung können wir
euch noch nützlich sein.
Und es ist sehr wohl möglich, daß sich die Ententeimperialisten mit dem
deutschen Imperialismus, vorausgesetzt natürlich, daß dieser bis dahin
noch am Leben bleibt, zu einem gemeinsamen Feldzug gegen Rußland
vereinigen werden. Deshalb eben wird die Gefahr, die uns das ganze ver-
flossene Jahr lang umlauert hat, jetzt besonders groß. Aber heute stehen
wir nicht allein da. Heute haben wir Freunde in Gestalt jener Völker, die
sich mancherorts bereits erhoben haben und an anderen Stellen im Begriff
sind, sich zu erheben. Sie zeigen ihren Regierungen anschaulich genug,
daß sie nicht gewillt sind, um räuberischer Annexionen willen weiterzu-
Rede in der Festsitzung am 6. November 1918 125
kämpfen. Doch ungeachtet dessen, daß uns aufs neue sehr gefährliche
Zeiten bevorstehen, werden wir unseren sozialistischen Aufbau auch
weiterhin fortsetzen. Die Erfahrung aus der Vergangenheit wird uns
helfen, Fehler zu vermeiden, und uns neue Kräfte für die weitere Arbeit
geben.
Beim Aufbau des neuen Staatsapparats haben die Gewerkschaften eine
sehr große Rolle gespielt. Die Arbeiterklasse hat gezeigt, daß sie im-
stande ist, die Industrie ohne die Intelligenz und ohne die Kapitalisten zu
organisieren. Vieles ist getan worden, doch bleibt noch vieles zu tun.
Genossen, schreitet kühner voran auf dem Wege, den ihr bisher gegangen
seid, zieht immer neue und neue Massen zur Arbeit heran! Gebt allen
jenen Arbeitern, auch wenn sie Analphabeten, unerfahren und unwissend
sein mögen, die aber mit der Masse verbunden sind und aufrichtig die
Festigung der neuen Gesellschaftsordnung herbeiwünschen - gebt ihnen
allen, den Parteimitgliedern wie den Parteilosen, die Möglichkeit, im
neuen proletarischen Staat zu arbeiten und zu lernen, zu leiten und Reich-
tümer zu schaffen.
Das internationale Proletariat wird sich erheben, wird überall den
Kapitalismus stürzen und unser Werk vollenden, das zum vollen Sieg
des Sozialismus führt! (Stürmischer Beifall.)
Jswestija WZIK“ Nr. 244.
9. November 1918.
Nach dem Text der
Jswestija WZIK.’.
VI. GESAMTRUSSISCHER
AUSSERORDENTLICHER KONGRESS DER SOWJETS
DER ARBEITER-, BAUERN-, KOSAKEN-
UND ROTARMISTENDEPUTIERTEN 53
6.-9. November 1918
REDE ZUM JAHRESTAG DER REVOLUTION
6. NOVEMBER
(Genosse Lenin wird bei seinem Erscheinen mit einer
lang anhaltenden. Ovation begrüßt. Alle Anwesenden
erheben sich von ihren Plätzen und begrüßen Genossen
Leni n.) Genossen! Wir begehen den 1. Jahrestag unserer Revolution in
einer Zeit, da sich in der internationalen Arbeiterbewegung größte Ereig-
nisse abspielen und da es selbst für die skeptischsten, für die am meisten
mit Zweifeln erfüllten Elemente der Arbeiterklasse und der Werktätigen
klar ersichtlich geworden ist, daß der Weltkrieg nicht durch Überein-
kommen oder Gewaltakte der alten Regierung und der alten herrschen-
den Klasse der Bourgeoisie beendet werden wird, daß er nicht nur Ruß-
land, sondern auch die ganze Welt zur proletarischen Weltrevolution
führt, zum Siege der Arbeiter über das Kapital, das die Erde mit Strömen
von Blut getränkt hat und nach all den Gewalttaten und Bestialitäten des
deutschen Imperialismus die gleiche Politik auf seiten des englisch-franzö-
sischen Imperialismus zeigt, der von Österreich und Deutschland unter-
stützt wird.
An diesem Tage, da wir den Jahrestag der Revolution begehen, ist es
angebracht, einen Blick auf den Weg zu werfen, den sie zurückgelegt hat.
Wir mußten unsere Revolution unter außergewöhnlich schwierigen Ver-
hältnissen beginnen, unter Verhältnissen, in denen sich keine der künf-
tigen Arbeiterrevolutionen der Welt je befinden wird, und deshalb ist es
besonders wichtig, daß wir versuchen, den von uns zurückgelegten Weg
als Ganzes zu beleuchten und zu sehen, was in dieser Zeit erreicht worden
ist und in welchem Maße wir uns in diesem Jahr auf unsere eigentliche
Aufgabe, auf unsere wichtigste und entscheidende Hauptaufgabe, vor-
130
W. I. Lenin
bereitet haben. Wir müssen eine Abteilung, ein Teil der proletarischen
und sozialistischen Weltarmee sein. Wir haben uns stets darüber Rechen-
schaft gegeben, daß uns, die wir die aus dem weltumfassenden Kampf
hervorgehende Revolution beginnen mußten, diese Aufgabe keinesfalls
wegen irgendwelcher Verdienste des russischen Proletariats zugefallen
war oder weil das russische Proletariat den andern voraus wäre; im
Gegenteil, lediglich die besondere Schwäche, die Rückständigkeit des Kapi-
talismus und die besonders drückende militärisch-strategische Situation
haben bewirkt, daß wir durch den Gang der Ereignisse genötigt waren,
eine vorgeschobene Position vor den anderen Abteilungen zu beziehen,
ohne abzuwarten, bis diese Abteilungen heranmarschiert sind, sich er-
hoben haben. Heute geben wir uns Rechenschaft, um festzustellen, inwie-
weit wir vorbereitet sind, um jenen Schlachten entgegenzugehen, die uns
jetzt in der herannahenden Revolution bevorstehen.
Und nun, Genossen, wenn wir uns die Frage vorlegen, was wir in die-
sem Jahr im großen Maßstab geleistet haben, so müssen wir sagen, daß
folgendes getan worden ist: von der Arbeiterkontrolle, diesen ersten
Schritten der Arbeiterklasse, vom Wirtschaften' mit allen Mitteln des Lan-
des sind wir dicht an die Schaffung der Arbeiterverwaltung in der Indu-
strie herangekommen: vom Kampf der gesamten Bauernschaft um den
Grund und Boden, vom Kampf der. Bauern gegen die Gutsbesitzer,
von einem Kampf, der allgemein-nationalen, bürgerlich-demokratischen
Charakter trug, sind wir dahin gekommen, daß sich im Dorfe die prole-
tarischen und halbproletarischen Elemente ausgesondert haben, jene Ele-
mente, die besonders schwer arbeiten, die ausgebeutet werden, sie sind
darangegangen, ein neues Leben aufzubauen; der am meisten unter-
drückte Teil des Dorfes hat den konsequenten Kampf gegen die Bour-
geoisie, einschließlich der eigenen kuläkischen Dorfbourgeoisie aufge-
nommen.
Weiter, von den ersten Schritten der Sowjetorganisation sind wir dahin
gekommen, daß es, wie Genosse Swerdlow bei der Eröffnung des Kon-
gresses ganz richtig bemerkt hat, in Rußland keinen noch so entlegenen
Winkel mehr gibt, wo die Sowjetorganisation sich nicht gefestigt hätte,
wo sie nicht einen unerläßlichen Bestandteil der auf Grund langer Kampf-
erfahrüngen aller Werktätigen .und Unterdrückten ausgearbeiteten Sowjet-
verfassung bilden würde.
V/. Gesamtrussischer Außerordentlicher Somjefkongreß
131
Von unserer völligen Wehrlosigkeit, von dem letzten vier Jahre währen-
den Krieg, der in den Massen, nicht nur den Haß unterdrückter Menschen,
sondern auch Widerwillen, entsetzliche Müdigkeit und Erschöpfung zu-
rückgelassen hat, der die Revolution, dazu verurteilt hatte, eine äußerst
schwere Periode durchzumachen, als wir den Schlägen des deutschen und
österreichischen Imperialismus wehrlos ausgesetzt waren - von dieser
Wehrlosigkeit sind: wir dazu gekommen, daß wir eine mächtige Rote
Armee haben. . Schließlich, und das ist das: wichtigste, sind .wir aus der
internationalen Isolierung, unter der wir sowohl im Oktober als auch
Anfang dieses Jahres gelitten haben, zu einer solchen Situation gelangt,
wo sich unser einziger, aber zuverlässiger Bundesgenosse - die Werk-
tätigen und Unterdrückten edler Länder - endlich erhoben hat, wo Führer
des westeuropäischen Proletariats, wie Liebknecht und Adler, die ihre
mutigen, heldenhaften Versuche, die Stimme gegen den imperialistischen
Krieg zu erheben, mit vielen Monaten Zuchthaus bezahlen mußten, in
Freiheit sind, weil ihre Freilassung erzwungen wurde durch die Arbeiter-
revolution in Wien und Berlin, die von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde
immer mehr um sich, greift. Aus der Isolierung. sind wir in eine Lage ge-
kommen, wo wir Hand in Hand, Schulter an Schulter mit unseren inter-
nationalen Verbündeten stehen. Das ist das Wesentliche, was in diesem
Jahr erreicht worden ist. Ich werde mir gestatten, kurz bei diesem Weg,
bei diesem Übergang zu verweilen. •
Genossen, anfangs war unsere Losung die Arbeiterkontrolle. Wir sag-
ten: Ungeachtet aller Versprechungen der Kerenskiregierung sabotiert das
Kapital nach wie vor die Produktion im Lande und richtet sie mehr und
mehr zugrunde. Wir sehen jetzt, daß die Dinge dem Verfall zutrieben,
und der erste grundlegende Schritt, den eine jede sozialistische, eine jede
Arbeiterregierung tun muß, mußte die Arbeiterkontrolle sein. Wir haben
den Sozialismus nicht sofort in unserer gesamten Industrie dekretiert, weil
sich der Sozialismus erst dann gestalten und festigen kann, wenn die
Arbeiterklasse verwalten gelernt hat, wenn sich dieAutorität der Arbeiter-
massen gefestigt hat. Andernfalls bleibt der Sozialismus lediglichein from-
mer Wunsch. Darum führten wir die Arbeiterkontrolle ein, wohl wissend,
daß das ein widerspruchsvoller Schritt, ein unvollständiger Schritt ist,
aber es war notwendig, daß die Arbeiter selbst das große Werk des Auf-
baus der Industrie unseres Riesenlandes ohne die Ausbeuter, gegen die
132
W. I. Lenin
Ausbeuter in Angriff nahmen. Und, Genossen, wer direkt oder auch nur
indirekt an diesem Aufbau terlnimmt, wer die ganze Unterdrückung und
die Brutalitäten des alten kapitalistischen Regimes am eigenen Leibe ver-
spürt hat, der hat viel, sehr viel gelernt. Wir wissen, daß wenig erreicht
worden ist. Wir wissen, daß. in einem äußerst rückständigen und ver-
heerten Lande, wie es unser Land ist, wo man der Arbeiterklasse so viel
Schwierigkeiten bereitete und Hindernisse in den Weg legte, die Arbeiter-
klasse lange Zeit braucht, um die Industrie verwalten zu Jemen. Wir
halten es für das wichtigste und wertvollste, daß die Arbeiter selber diese
Verwaltung in die Hand genommen haben, daß wir von der Arbeiter-
kontrolle, die in allen wichtigen Industriezweigen chaotisch, zersplittert,
unsystematisch und unvollkommen bleiben mußte, zur Arbeiterverwal-
tung in der Industrie im Landesmäßstab gekommen sind.
Die Stellung der Gewerkschaften ist eine andere geworden. Ihre wich-
tigste Aufgabe wurde es, ihre Vertreter in alle Hauptverwaltungen und
Zentralstellen zu entsenden, in alle jene neuen Organisationen, die die
ruinierte Industrie, in der vorsätzlich Sabotage getrieben wurde, vom
Kapitalismus übernommen haben. Diese Organisationen machten sich an
die Arbeit ohne die Hilfe all jener Intellektuellen, die es sich von Anfang
an zur Aufgabe gemacht hatten, ihre Kenntnisse und ihre Hochschul-
bildung - dieses Resultat des von der Menschheit erworbenen Wissens -
dazu auszunutzen, die Sache des Sozialismus zu hintertreiben und zu
verhindern, daß die Wissenschaft den Massen beim Aufbau der gesell-
schaftlichen Wirtschaft, der Volkswirtschaft, ohne Ausbeuter helfe. Diese
Leute machten es sich zur Aufgabe, die Wissenschaft auszunutzen, um
den Arbeitern, die die Verwaltungsarbeit, eine Arbeit, zu der sie am
wenigsten vorbereitet waren, in Angriff nahmen, Knüppel zwischen die
Beine zu werfen und ihnen Hindernisse in den Weg zu legen. Wir können
sagen, daß das Haupthindernis beseitigt ist. Das war ungeheuer schwer.
Die Sabotage aller zur Bourgeoisie tendierenden Elemente ist gebrochen.
Trotz der gewaltigen Hindernisse ist es den Arbeitern gelungen, diesen
wichtigsten Schritt zu tun, wodurch das Fundament für den Sozialismus
gelegt wurde. Wir übertreiben keineswegs und fürchten uns nicht, die
Wahrheit zu sagen. Gewiß, es ist wenig getan worden vom Standpunkt
der Erreichung des Endziels, aber viel, ungewöhnlich viel vom Standpunkt
der Festigung des Fundaments. Wenn man von Sozialismus spricht, so
V/. Gesamtrussischer Außerordentlicher Sowjetkongreß
133
darf man von einem "bewußten Aufbau des Fundaments durch die breite-
sten Arbeitermasseh nidit in dem Sinne sprechen, daß sie zu den Büchern
gegriffen, Broschüren gelesen hätten, sondern das Bewußtseinsmoment
besteht hier darin, daß sie mit eigener Energie, mit eigenen Händen an
das außerordentlich schwierige Werk herangegangen sind. Sie haben
tausend Fehler gemacht, unter jedem Fehler haben sie selbst gelitten, und
jeder Fehler hat sie gehärtet und gestählt in ihrer Arbeit bei der Organi-
sierung der Verwaltung der Industrie, die heute geschaffen ist und nun
auf festem Fundament ruht. Sie haben ihre Arbeit zu Ende geführt. Jetzt
wird diese Arbeit anders vonstatten gehen als damals; heute weiß es die
ganze Masse der Arbeiterschaft, wissen es nicht nur die Führer und Vor-
kämpfer, sondern tatsächlich die breitesten Schichten, daß sie selbst mit
eigenen Händen den Sozialismus aufbauen, daß sie das Fundament er-
richtet haben und daß keine Macht im Lande sie daran hindern kann,
dieses Werk zu Ende zu führen.
Wenn wir hinsichtlich der Industrie so großen Schwierigkeiten be-
gegneten, wenn wir dort diesen Weg zurücklegen mußten, der vielen so
lang schien, der aber in Wirklichkeit kurz war, den Weg, der von der
Arbeiterkontrolle zur - Arbeiterverwaltung geführt hat, so hatten wir in
dem weitaus rückständigeren Dorf eine bedeutend größere Vorarbeit zu
leisten. Wer das Leben im E>orf beobachtet hat, wer mit den Bauern-
massen auf dem Lande in Berührung gekommen ist, der sagt : Die Oktober-
revolution in den Städten .wurde für das Dorf erst im Sommer und Herbst
19.18 zur wahren Oktoberrevolution. Und hier. Genossen, als das Petro-
grader Proletariat und die Soldaten der Petrograder Garnison die Macht
ergriffen, da wußten sie sehr wohl, daß man beim Aufbau im Dorf auf
große Schwierigkeiten stoßen wird, daß man hier mehr schrittweise Vor-
gehen muß, daß' es größter Unsinn wäre, hier die gemeinschaftliche
Bodenbestellung durch Dekrete, durch gesetzliche Verordnungen einfüh-
ren zu wollen, daß darauf eine verschwindend geringe Anzahl bewußter
Bauern eingehen könnte, die überwiegende Mehrheit der Bauern aber
sich diese Aufgabe nicht gestellt hat. Und daher beschränkten wir uns
darauf, was im Interesse der Entfaltung der Revolution absolut notwen-
dig ist: auf keinen Fall der Entwicklung der Massen vorauseilen, sondern
abwarten, bis die Vorwärtsentwicklung aus der eigenen Erfahrung dieser
Massen, aus ihrem eigenen Kampfe hervorgeht. Wir haben uns im Okto-
134
W. /. Lenin
ber darauf beschränkt, den Erbfeind der Bauernschaft, den feudalen Guts-
besitzer, den Latifundienbesitzer mit einem Schlag hinwegzufegen. Das
war ein Kampf der gesamten Bauernschaft. Da gab es innerhalb der
Bauernschaft noch keine Scheidung in Proletariat. Halbproletariat, ärm-
sten Teil der Bauernschaft und Bourgeoisie. Wir Sozialisten wußten, daß
es ohne diesen Kampf keinen Sozialismus gibt, aber wir wußten auch,
daß es nicht genügt, wenn wir allein darum wissen, daß diese Erkenntnis
in die Millionen eindringen muß, nicht durch Propaganda, sondern durch
die eigene Erfahrung dieser Millionen, und darum haben wir, als die
Bauernschaft als Ganzes sich die Umwälzung nur nach den Prinzipien der
ausgleichenden Bodennutzung vorstellte, in unserem Dekret vom 26. Ok-
tober 1917 offen erklärt, daß wir den bäuerlichen Wählerauftrag zur
Bodenfrage zur Grundlage nehmen.*
Wir haben offen erklärt, daß dieses Programm nicht unseren Anschau-
ungen entspricht, daß das kein Kommunismus ist, aber wir drängten dem
Bauern nicht etwas auf, was nur unserem Programm, aber nicht seinen
Ansichten entsprochen hätte. Wir erklärten, daß wir mit den werktätigen
Bauern, die unsere Gefährten sind, Zusammengehen in der festen Über-
zeugung, der Lauf der Revolution werde gerade zu der Situation führen,
zu der wir nun. auch gekommen sind, und das Resultat ist die Bauern-
bewegung, wie wir sie alle sehen. Die Agrarreform begann mit eben jener
Sozialisierung des Grund und Bodens, die wir selbst mit unseren Stimmen
zur Annahme brachten, wobei wir offen sagten, daß sie nicht unseren
Anschauungen entspricht. Wir wußten, daß die gewaltige Mehrheit der
Bauernschaft den Gedanken der ausgleichenden Bodennutzung teilt, und
da wir ihr nichts aüfzwingen wollten, warteten wir ab, bis die Bauern-
schaft das selbst überwinden und weiter vorwärtsschreiten würde. So ist
es auch gekommen, und wir konnten unsere Kräfte vorbereiten.
Das Gesetz, das wir damals angenommen haben, geht von den all-
gemein-demokratischen Prinzipien aus, von dem, was den reichen Bauern,
den Kulaken, mit dem armen Bauern eint - vom Haß gegen den Guts-
besitzer, von der allgemeinen Idee der. Gleichheit, die gegenüber der alten
monarchistischen Ordnung zweifellos eine revolutionäre Idee war. Von
diesem Gesetz mußten wir zur Scheidung innerhalb der Bauernschaft
übergehen. Das Gesetz über die Sozialisierung des Grund und Bodens
* _ Sifehe Werke, Bd. 26, S. 249-251. Die Red.
V/. Gesamtrussischer Außerordentlicher Somjetkongreß 135
haben wir mit allgemeiner Zustimmung zur Annahme gebracht. Es wurde
einstimmig angenommen, sowohl von uns als auch von jenen, die nicht
die Ansichten der Bolschewiki teilten. Bei der Entscheidung darüber, wer
den Grund und Boden besitzen soll, räumten wir den landwirtschaftlichen
Kommunen den Vorrang ein. Wir ließen die Bahn frei für eine Entwick-
lung der Landwirtschaft nadh sozialistischen Prinzipien, wußten jedoch
sehr wohl, daß sie damals, im Oktober 1917, nicht imstande war, diesen
Weg einzuschlagen. Dank unserer vorbereitenden Arbeit haben wir den
gewaltigen, welthistorischen Schritt tun können, der bisher in keinem noch
so demokratischen, republikanischen Lande getan worden ist. Diesen
Schritt hat in diesem Sommer selbst in den entlegensten russischen Dör-
fern die gesamte Bauernmasse getan. Als es zu Störungen in der Lebens-
mittelversorgung, zur Hungersnot gekommen war, als wir infolge des
alten Erbes und der verfluchten vier Jahre Krieg, durch die Bemühungen
der Konterrevolution und infolge des Bürgerkriegs der reichsten Getreide-
gebiete verlustig gingen, als dies alles seinen Höhepunkt erreicht hatte
und die Städte von einer Hungersnot bedroht waren - da begab sich die
einzige und treueste, die feste Stütze unserer Macht, die fortgeschrittene
Arbeiterschaft der Städte und Industriebezirke geschlossen aufs Land. Es
ist bösartige Verleumdung, wenn man sagt, die Arbeiter seien aufs Land
gezogen, um zwischen Arbeiter und Bauern den bewaffneten Kampf zu
tragen. Diese Verleumdung wird von den Tatsachen widerlegt. Sie sind
aufs Land gezogen, um den Ausbeuterelementen im Dorfe, den Kulaken,
das Handwerk zu legen, die sich am Schwarzhandel mit Getreide uner-
hört bereichert haben, während das Volk Hungers starb. Sie sind den
werktätigen armen Bauern, der Mehrheit im Dorf, zu Hilfe geeilt, und
daß sie nicht vergeblich gekommen waren, daß sie ihnen die Hand zum
Bündnis reichten, daß ihre vorbereitende Arbeit dazu sie mit der Masse
zusammengeschlossen hat - das hat uns mit voller Klarheit der Juli ge-
zeigt, die Julikrise, als in ganz Rußland Kulakenaufstände aufflackerten.
Die Julikrise endete damit, daß sich überall in den Dörfern die werktätigen
ausgebeuteten Elemente erhoben, sich zusammen mit dem städtischen
Proletariat erhoben. Heute hat mir Genosse SinowjeW telefonisch mit-
geteilt, daß in Petrograd zum Gebietskongreß der Komitees der Dorf-
armut 18000 Personen erschienen seien und daß dort unbeschreiblicher
Enthusiasmus und Begeisterung herrschen. 54 In dem Maße, wie die Ereig-
nen. Werke. Bd. 28
136
W. I. Lenin
nisse in ganz Rußland ansdiaulichere Formen annehmen, wie die Dorf-
armut, als sie sich erhob, aus eigener Erfahrung den Kampf mit den
Kulaken kennenlemte, hat sie erkannt, daß man nicht mit der Dorf-
bourgeoisie und den Kulaken Zusammengehen darf, wenn man die
Lebensmittelversorgung der Städte sichern und den Warenaustausch wie-
der in Gang bringen will, ohne den das Dorf nicht leben kann. Man muß
sich gesondert organisieren. Wir haben jetzt den ersten und größten
Schritt der sozialistischen Revolution auf dem Lande getan. Im Oktober
konnten wir das nicht tun. Wir haben den Zeitpunkt, wo wir uns an die
Massen wenden konnten, richtig erfaßt und haben es nunmehr so weit
gebracht, daß die sozialistische Revolution auf dem Lande begonnen hat,
daß es kein noch so weltverlorenes Dorf gibt, wo man nicht wüßte, daß
der Gevatter Dorfprotz, der Gevatter Kulak, wenn er Getreide ver-
schiebt, alle Ereignisse, die sich im Lande abspielen, vom alten Krähwin-
kelstandpunkt aus betrachtet.
So bildet die Wirtschaft auf dem Lande, so bildet die Dorfarmut, die
sich mit ihren Führern, mit den Arbeitern in den Städten zusammen-
schließt, erst jetzt das endgültige und dauerhafte Fundament für den
wirklichen sozialistischen Aufbau. Erst jetzt wird der sozialistische Aufbau
im Dorf beginnen. Erst jetzt bilden sich die Sowjets und die Wirtschaften,
die systematisch eine gemeinschaftliche Bodenbestellung im großen, eine
Anwendung der wissenschaftlichen und technischen Erkenntnisse an-
streben, da sie wissen, daß es auf der Basis der alten, reaktionären, fin-
steren Ära nicht einmal eine elementare, primitive menschliche Kultur
geben kann. Hier ist die Arbeit noch schwieriger als in der Industrie.
Hier werden von unseren lokalen Komitees und Sowjets noch mehr Fehler
begangen. Aus ihren Fehlem lernen sie. Wir fürchten keine Fehler, wenn
die Massen sie begehen, die eine bewußte Einstellung zum Aufbau haben,
denn wir verlassen uns nur auf unsere eigene Erfahrung und auf unserer
eigenen Hände Arbeit.
Diese gewaltige Umwälzung, die uns in so kurzer Zeit auf dem Lande
zum Sozialismus geführt hat, zeigt, daß dieser ganze Kampf von Erfolg
gekrönt wurde. Am anschaulichsten beweist das die Rote Armee. Sie wis-
sen, in was für eine Lage wir im imperialistischen Weltkrieg geraten
waren, als Rußland sich in einem Zustand befand, den die Volksmassen
nicht länger ertragen konnten. Wir wissen, daß wir damals in eine Lage
VI. Gesamtrussischer Außerordentlicher Somjetkongreß
137
geraten waren, wie man sie sich hilfloser nicht vorstellen kann. Wir
haben den Arbeitermassen offen die volle Wahrheit gesagt. Wir haben
die imperialistischen Geheimverträge jener Politik enthüllt, die als wich-
tigstes Betrugswerkzeug dient und mit der heute in Amerika, in der fort-
geschrittensten demokratischen Republik des bürgerlichen Imperialismus,
die Massen wie nie zuvor betrogen und an der Nase herumgeführt wer-
den. Als der Krieg, als sein imperialistischer Charakter allen klar ersicht-
lich wurde, da war die Russische Sowjetrepublik das einzige Land, das mit
der bürgerlichen Außenpolitik und ihren Geheimverträgen radikal Schluß
machte. Sie hat die Geheimverträge enthüllt und durch Gen. Trotzki, sich
an alle Länder der Erde wendend, sagen lassen: Wir fordern euch auf,
diesem Krieg auf demokratischem Wege, ohne Annexionen und Kontribu-
tionen, ein Ende zu machen, und wir verkünden offen und stolz die harte
Wahrheit, aber die Wahrheit, daß dieser Krieg nur durch eine Revolution
gegen die bürgerlichen Regierungen beendet werden kann. Unsere Stimme
fand keinen Widerhall. Das mußten wir mit dem unglaublich drückenden
und schweren Frieden bezahlen, den uns der Brester Gewältvertrag auf-
gezwungen hat und der so viele Leute, die mit uns sympathisieren, . ver-
zagen und verzweifeln ließ. Das konnte geschehen, weil wir allein blieben.
Aber wir haben unsere Pflicht getan, wir sind vor alle hingetreten und
haben gesagt: Das sind die Kriegsziele! Und wenn die Lawine des
deutschen Imperialismus über uns hereinbrach, so deshalb, weil es einer
großen Zeitspanne bedurfte, bis unsere Arbeiter und Bauern zu einer
festen Organisation gelangten. Eine Armee hatten wir damals nicht; wir
hatten die alte desorganisierte Armee der Imperialisten, die in den Krieg
getrieben wurde für Ziele, die den Soldaten fremd waren, mit denen sie
nicht sympathisierten. Und hier zeigte sich, daß wir eine höchst qualvolle
Periode durchmachen mußten. Das war die Periode, in der die Massen sich
von dem so qualvollen imperialistischen Krieg erholen und sich bewußt
werden mußten, daß ein neuer Krieg beginnt. Wir haben das Recht, den
Krieg, in dem wir unsere sozialistische Revolution verteidigen werden,
unseren Krieg zu nennen. Das mußten Millionen und aber Millionen aus
eigener Erfahrung begreifen lernen. Darüber vergingen Monate. Nur
langsam und schwer brach sich diese Erkenntnis Bahn. Diesen Sommer
wurde es jedoch allen klar, daß diese Erkenntnis endlich durchgedrungen,
daß der Umschwung eingetreten ist, und die Armee, die ein Produkt der
138
W.I. Lenin
Volksmassen ist, die Armee, die sidi aufopfert, zieht nach den vier Jahren
blutigen Gemetzels wieder in den Krieg. Damit eine solche Armee für
die Sowjetrepublik kämpft, mußte in unserem Lande die Ermüdung und
Verzweiflung der Massen, die in diesen Krieg ziehen, der klaren Er-
kenntnis Platz machen, daß sie tatsächlich für ihre eigene Sache, für die
Arbeiter- und Bauemsowjets, für die sozialistische Republik, in den Tod
gehen. Das ist erreicht worden.
Die Siege, die wir im Sommer über die Tschechoslowaken errungen
haben, und die jetzt in großer Zahl einlaufenden Meldungen über unsere
Siege beweisen, daß ein Umschwung eingetreten ist und daß die schwie-
rigste Aufgabe - die Aufgabe, nach vier Jahren mörderischen Krieges
eine bewußte sozialistische organisierte Masse zu schaffen daß diese
Aufgabe erfüllt ist. Diese Erkenntnis ist tief in die Massen gedrungen.
Millionen und aber Millionen sind sich darüber klar, daß sie ein schweres
Werk vollbringen. Darin liegt die Gewähr dafür, daß wir, wenn auch die
Kräfte des Weltimperialismus, die heute noch stärker sind als wir, gegen
uns aufmarschieren, wenn wir auch eingekreist werden von den Soldaten
des Imperialismus, der erkannt hat, wie gefährlich die Sowjetmacht ist
und sie um jeden Preis niederzwingen will, daß wir, obwohl die Imperia-
listen jetzt stärker sind als wir - wir sagen die Wahrheit und verhehlen
sie nicht dennoch nicht verzweifeln.
Wir sagen : Wir sind im Wachsen begriffen, die Sowjetrepublik wächst !
Die proletarische Revolution wächst schneller, als die imperialistischen
Kräfte heranrücken. Wir sind voller Hoffnung, und wir sind fest davon
überzeugt, daß wir nicht nur die Interessen der russischen sozialistischen
Revolution verteidigen, sondern daß wir in dem Krieg, den wir führen,
die sozialistische Weltrevolution verteidigen. Unsere Siegeshoffnungen
wachsen schneller, weil das Klassenbewußtsein unserer Arbeiter wächst.
Was war die Sowjetorganisation im Oktober vorigen Jahres? Das waren
die ersten Schritte. Wir konnten sie nicht dem anpassen, sie nicht zu dem
machen, was sie heute ist, heute aber haben wir eine Sowjetverfassung.
Wir wissen, daß diese im Juli bestätigte Sowjetverfassung nicht von
irgendeiner Kommission ausgedacht, nicht von Juristen ausgeklügelt, nicht
von andern Verfassungen abgeschrieben worden ist. In der Welt hat es
noch nie eine Verfassung gegeben wie die unsrige. In ihr sind die Erfah-
rungen aus der Organisation und dem Kampf der proletarischen Massen
VI. Gesamtrussischer Außerordentlicher Sowjetkongreß
139
gegen die Ausbeuter sowohl im eigenen Lande , als auch in der ganzen
Welt niedergelegt. Wir haben einen ganzenVorrat an Kampferfahrungen.
(Beifall.) Und dieser Vorrat an Erfahrungen hat uns eine anschau-
liche Bestätigung dafür gegeben, daß die organisierten Arbeiter die
Sowjetmacht geschaffen haben ohne Beamte, ohne stehendes Heer, ohne
Privilegien, die faktisch der Bourgeoisie zugute kämen, und daß sie in
den Industriebetrieben das Fundament für den neuen Aufbau gelegt
haben. Wir gehen ans Werk, indem wir neue Kräfte zur Mitarbeit heran-
ziehen, die notwendig sind, um die Sowjetverfassung in die Praxis umzu-
setzen. Dazu verfügen wir jetzt über fertige Rekrutenkontingente, junge
Bauern, die wir zur Arbeit heranziehen müssen, und sie werden uns
helfen, das Werk zu Ende zu führen.
Der letzte Punkt, auf den ich eingehen möchte, ist die internationale
Situation. Wir stehen Schulter an Schulter mit unseren internationalen
Genossen und haben uns jetzt davon überzeugt, wie entschieden und
energisch sie der Gewißheit Ausdruck geben, daß die russische prole-
tarische Revolution mit ihnen Zusammengehen wird als internationale
Revolution.
In dem Maße, in dem die internationale Bedeutung der Revolution
wuchs, wuchs und verstärkte sich auch der fieberhafte Zusammenschluß
der Imperialisten der ganzen Welt. Im Oktober 1917 hielten sie unsere
Republik für ein Kuriosum, das keiner Beachtung wert sei; im Februar
hielten sie sie für ein sozialistisches Experiment, mit dem man nicht zu
rechnen brauche. Doch die Armee der Republik wuchs und erstarkte ; die
Republik hat die schwierigste aller Aufgaben gelöst, die Aufgabe, eine
sozialistische Rote Armee zu schaffen. Mit dem Wachstum und dem Erfolg
unserer Sache wuchsen der erbitterte Widerstand und der wütende Haß
der Imperialisten aller Länder, und es ist schließlich so weit gekommen,
daß die englischen und französischen Kapitalisten, die geschrien hatten, sie
wären Feinde Wilhelms, drauf und dran sind, sich mit eben diesem
Wilhelm zum Kampf für die Niederzwingung der sozialistischen Sowjet-
republik zu vereinigen, denn sie haben eingesehen, daß diese aufgehört
hat, ein Kuriosum und ein sozialistisches Experiment zu sein und zum
Herd, zum wahrhaften, wirklichen Herd der sozialistischen Weltrevolu-
tion geworden ist. Das ist es, weshalb mit den wachsenden Erfolgen unse-
rer Revolution auch die Zahl unserer Feinde gewachsen ist. Ohne auch
140
W. /. Lenin
nur im geringsten zu verheimlichen, in was für einer schwierigen Lage
wir uns befinden, müssen wir uns Rechenschaft darüber ablegen, was. uns
bevorsteht. Aber wir sehen dem entgegen, und wir marschieren schon nicht
mehr allein, sondern zusammen mit den Arbeitern von Wien und Berlin,
die sich zu dem gleichen Kampf erheben und vielleicht größere Diszipli-
niertheit und ein höheres Bewußtsein in unsere gemeinsame Sache hinein-
tragen werden.
Genossen, um Ihnen zu zeigen, wie sich die Wolken über unserer
Sowjetrepublik zusammenballen und welche Gefahren uns drohen, ge-
statten Sie mir, Ihnen den vollen Wortlaut der Note vorzulesen, die uns
die deutsche Regierung durch ihr Konsulat überreichen ließ :
„An den Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, G. W. Tschi-
tscherin, Moskau, den 5. November 1918.
Im Aufträge der Regierung des Deutschen Reiches beehrt sich das Kaiser-
lich Deutsche Konsulat der Russischen Föderativen Sowjetrepublik folgendes
mitzuteilen: Die Kaiserliche Regierung hat schon zu wiederholten Malen da-
gegen Einspruch erheben müssen, daß durch Kundgebungen russischer amt-
licher Stellen entgegen den Abmachungen in Artikel 2 des Brester Friedensver-
trages eine unzulässige Agitation gegen deutsche Staatseinrichtungen getrieben
wird. Sie sieht sich nicht länger in der Lage, sich auf Proteste gegen die Agita-
tion zu beschränken, die nicht nur eine Verletzung der genannten Vertrags-
bestimmungen, sondern auch einen schweren Verstoß gegen die elementarsten
Gepflogenheiten des Völkerrechts bedeutet. Als die Sowjetregierung nach Ab-
schluß des Friedensvertrages ihre diplomatische Vertretung in Berlin errichtete,
wurde der ernannte russische Bevollmächtigte Herr Joffe ausdrücklich auf die
Notwendigkeit der Vermeidung jeder agitatorischen und propagandistischen
Tätigkeit in Deutschland hingewiesen. Er erwiderte darauf, er kenne den Arti-
kel 2 des Brester Friedensvertrages und wisse, daß es ihm als Vertreter einer
fremden Regierung obliege, sich nicht in die inneren Angelegenheiten Deutsch-
lands einzumischen. Herr Joffe und die ihm unterstellten Organe haben sich
infolgedessen hier der Rücksicht und des Vertrauens zu erfreuen gehabt, die
exterritorialen fremden Vertretungen gegenüber üblich sind. Das entgegenge-
brachte Vertrauen ist jedoch getäuscht worden. Schon seit einiger Zeit zeigte
sich, daß die russische diplomatische Vertretung durch intimen Verkehr mit
gewissen, auf den Umsturz' der staatlichen Ordnung in Deutschland hinarbei-
tenden Elementen und durch Verwendung solcher Elemente im Dienste der Ver-
tretung an der umstürzlerischen Bewegung in Deutschland Interesse nahm. Durch
folgenden Zwischenfall, der sich am 4. d. M. ereignete, hat sich herausgestellt.
VI. Gesamtrussischer Außerordentlicher Somjetkongreß
141
daß die russische Vertretung durdi Einführung von Flugschriften mit Auf-
forderungen zur Revolution unter Verletzung des diplomatischen Kurierprivilegs
an den Umsturzbestrebungen sogar tätigen Anteil nimmt. Infolge der Beschä-
digung einer der zum amtlichen Gepäck des gestrigen russischen Kuriers gehörigen
Kisten auf dem Transport ist festgestellt worden, daß diese Sendungen in deut-
scher Sprache abgefaßte und nach ihrem Inhalt zur Verbreitung in Deutsch-
land bestimmte Flugschriften enthielten. Weiteren Grund zur Beschwerde gibt
der Kaiserlichen Regierung die Behandlung, welche die Sowjetregierung der
Frage der Sühne des Mordes an dem Kaiserlichen Gesandten Graf Mirbach hat
zuteil werden lassen. Die russische Regierung hat feierlich versichert, alles tun
zu wollen, um die Schuldigen der Bestrafung zuzuführen. Die Kaiserliche Regie-
rung aber hat keinerlei Anzeichen dafür feststellen können, daß eine Verfolgung
oder Bestrafung der Schuldigen eingeleitet oder auch nur beabsichtigt ist. Die
Mörder sind aus dem von den Sicherheitsorganen der Regierung umstellten
Haus entkommen. Die Anstifter, die sich offen geäußert haben, den Mord
beschlossen und vorbereitet zu haben, sind noch heute straflos und sollen nach
eingegangenen Nachrichten sogar amnestiert werden. Die Kaiserliche Regierung
erhebt hiermit Einspruch gegen diese Vertrags- und Völkerrechtsverletzungen.
Sie muß von der Russischen Regierung Bürgschaften dafür verlangen, daß eine
solche, mit dem Friedensvertrag in Widerspruch stehende Agitation und Pro-
paganda in Zukunft unterbleibt. Sie muß ferner darauf bestehen, daß der
Mord an dem Gesandten Grafen Mirbach gesühnt wird, indem die Mörder
und die Anstifter des Mordes bestraft werden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem
diese Forderungen erfüllt sind, muß die Kaiserliche Regierung die Regierung der
Sowjetrepublik ersuchen, ihre diplomatischen und sonstigen amtlichen Vertreter
aus Deutschland zurückzuziehen. Dem Russischen Bevollmächtigten in Berlin ist
heute mitgeteilt worden, daß für die Abreise der diplomatischen und konsu-
larischen Vertreter in Berlin und für die anderen, in dieser Stadt befindlichen
russischen amtlichen Personen morgen abend ein Sonderzug bereitstehen wird
und daß Maßnahmen zur ungehinderten Reise des gesamten Personals bis zur
russischen Grenzstelle getroffen werden. An die Sowjetregierung wurde zu-
gleich die Bitte gerichtet, dafür Sorge zu tragen, daß den deutschen Vertretern
in Moskau und Petrograd die Abreise unter Wahrung aller Gebote der Höf-
lichkeit ermöglicht wird. Die anderen in Deutschland befindlichen russischen
Vertreter, sowie die deutschen amtlichen Personen, die sich an anderen Orten
Rußlands aufhalten, werden davon in Kenntnis gesetzt werden, daß innerhalb
einer Woche die einen nach Rußland, die anderen nach Deutschland abzu-
reisen haben. Die Kaiserliche Regierung gestattet sich, der Erwartung Aus-
druck zu geben, daß auch in bezug auf die letzten deutschen amtlichen Perso-
nen bei der Abreise alle Gebote der Höflichkeit gewahrt werden und daß
142
W. I. Lenin
anderen deutschen Staatsbürgern oder Personen, die unter deutschem Schutz
stehen, falls sie den Wunsch äußern, die ungehinderte Ausreise ermöglicht
wird.“
Genossen, wir alle wissen genau, daß die deutsche Regierung sehr wohl
darüber informiert war, daß in der russischen Botschaft deutsche Soziali-
sten Gastfreundschaft genossen haben und nicht Leute, die sich für den
deutschen Imperialismus einsetzten, solche Leute haben die Schwelle der
russischen Botschaft nicht überschritten. Ihre Freunde waren die Soziali-
sten, die gegen den Krieg auftraten, die mit Karl Liebknecht sympathi-
sierten. Vom ersten Tage des Bestehens der Botschaft an waren sie ihre
Gäste, und nur mit ihnen pflegten wir Verkehr. Das hat die deutsche
Regierung ausgezeichnet gewußt. Sie spürt jedem Vertreter unserer Regier
rung genauso eifrig nach, wie die Regierung Nikolaus’ II. unseren Ge-
nossen nachgespürt hat. Und wenn die Regierung jetzt diese Geste macht,
so nicht, weil sich etwas geändert hätte, sondern weil sie sich früher für
stärker hielt und nicht fürchtete, daß wegen eines in den Straßen von
Berlin in Brand gesteckten Hauses ganz Deutschland auflodern würde.
Die deutsche Regierung hat den Kopf verloren, und jetzt, wo ganz
Deutschland in Brand geraten ist, glaubt sie, das Feuer dadurch löschen
zu können, daß sie ihre Polizeischläuche gegen das eine Haus richtet.
(Stürmischer Beifall.)
Das ist einfach lächerlich. Wenn die deutsche Regierung den Abbruch
der diplomatischen Beziehungen zu erklären beabsichtigt, so sagen wir,
daß wir das gewußt haben. Wir haben gewußt, daß sie mit aller Kraft
ein Bündnis mit den englischen und französischen Imperialisten anstrebt.
Wir wissen, daß man die Wilson-Regierung mit Telegrammen über-
schüttet hat, die die Bitte enthielten, die deutschen Truppen in Polen, in
der Ukraine, in Estland und Livland zu belassen, weil diese Truppen,
wenn auch die englisch-französischen Imperialisten Feinde des deutschen
Imperialismus sind, dennoch deren Geschäfte besorgen: sie kämpfen gegen
die Bolschewiki*. Laßt sie erst dann abziehen, wenn die ententef münd-
lichen „Befreiungstruppen“ eintreffen, um mit den Bolschewiki aufzu-
räumen.
Das wissen wir genau, in dieser Hinsicht gibt es hier für uns keine
Überraschung. Wir sagten nur, daß jetzt, da Deutschland in Brand ge-
* Siehe den vorliegenden Band, S. 119-121. Die Red.
V/. Gesamtrussischer Außerordentlicher Somjetkongreß
143
raten ist und ganz Österreich in Flammen steht, da sie Liebknecht frei-
lassen und ihm die Möglichkeit geben mußten, sich in die russische Bot-
schaft zu begeben, wo eine gemeinsame Versammlung russischer und
deutscher Sozialisten mit Liebknecht an der Spitze stattfänd - daß jetzt
ein derartiger Schritt der deutschen Regierung nicht so sehr davon zeugt,
daß sie Krieg führen wollen, als vielmehr davon, daß sie völlig den Kopf
verloren haben, daß sie bald für die eine, bald für die andere Entscheidung
Sind, denn ihr grimmigster Feind ist über sie gekommen - der englisch-
amerikanische Imperialismus, der Österreich durch einen hundertmal
schlimmeren Gewaltfrieden niedergeworfen hat, als es der Brester Frieden
war. Deutschland sieht, daß diese Befreier es gleichfalls würgen, quälen
und martern wollen. Aber zugleich, erhebt sich der Arbeiter in Deutsch-
land. Nicht deshalb hat sich die deutsche Armee als untauglich und kampf-
unfähig gezeigt, weil sich die Disziplin gelockert hätte, sondern weil die
Soldaten, die sich zu kämpfen weigerten, von der Ostfront an die deutsche
Westfront geworfen wurden und das mitgebracht haben, was die Bour-
geoisie den Weltbolschewismus nennt.
Das ist es, weshalb sich die deutsche Armee als kampfunfähig erwiesen
hat, und eben deshalb ist dieses Dokument vor allem ein Beweis für diese
Kopflosigkeit. Wir sagen, daß dieses Dokument zum Abbruch der diplo-
matischen Beziehungen führt, daß es vielleicht aber auch zum Krieg füh-
ren würde, wenn sie die Kraft hätten, die weißgardistischen Truppen
anzuführen. Deshalb haben wir an alle Sowjets ein Telegramm geschickt 55 ,
das mit der Aufforderung endet, auf der Hut zu sein, sich bereitzuhalten
und alle Kräfte anzuspannen. Die Note ist ein Ausdruck dessen, daß der
internationale Imperialismus seine Hauptaufgabe im Sturz des Bolsche-
wismus sieht. Das bedeutet, nicht bloß Rußland besiegen - das bedeutet,
in jedem Lande die eigenen Arbeiter besiegen. Das wird ihnen nicht ge-
lingen, welche Bestialitäten und Gewaltakte diesem Entschluß auch immer
folgen mögen. Und sie, diese Bestien, rüsten, sie rüsten zu einem Feldzug
gegen Rußland von Süden her, über die Dardanellen oder über Bulgarien
und Rumänien. Sie führen Unterhandlungen, um in Deutschland weiß-
gardistische Truppen aufzustellen und sie gegen Rußland einzusetzen.
Wir sind uns dieser Gefahr voll bewußt und sagen offen: Genossen, wir
haben nicht umsonst ein Jahr gearbeitet: wir haben das Fundament er-
richtet, wir gehen entscheidenden Schlachten entgegen, Schlachten, die
wirklich entscheidend sein werden. Wir stehen jedoch nicht allein da:
das Proletariat Westeuropas hat sich erhoben und hat in Österreich-
Ungarn nicht einen Stein auf dem andern gelassen. Kennzeichnend für
die dortige Regierung ist die gleiche Hilflosigkeit, die gleiche grenzenlose
Fassungslosigkeit, die gleiche völlige Kopflosigkeit, die seinerzeit, Ende
Februar 1917, für die Regierung Nikolaus Romanows kennzeichnend war.
Unsere Losung muß sein: wieder und immer wieder alle Kräfte anspan-
nen, eingedenk dessen, daß wir dem letzten, dem entscheidenden Kampf
nicht für die russische, sondern für die internationale sozialistische Revo-
lution entgegengehen!
Wir wissen, noch sind die imperialistischen Bestien stärker als wir, noch
können sie an uns und unserem Lande viele Schandtaten und Greuel ver-
üben, uns unermeßliches Leid antun, doch die internationale Revolution
besiegen können sie nicht. Sie sind von wildem Haß erfüllt, und deshalb
sagen wir uns : Mag kommen, was da will, jeder Arbeiter und jeder Bauer
Rußlands wird seine Pflicht erfüllen und wird in den Tod gehen, wenn
das im Interesse der Verteidigung der Revolution erforderlich ist. Wir
sagen: Mag kommen, was da will; doch was für Leid die Imperialisten
auch immer heraufbeschwören mögen, sie werden sich dadurch nicht ret-
ten. Der Imperialismus wird untergehen, die internationale sozialistische
Revolution aber wird siegen, trotz alledem ! (StürmischerBeifall,
der in eine lang anhaltende Ovation übergeht.)
Zeitungsberichte wurden am
9. November 1918 in der „ Prawda * Nr. 242
und in den „Ismestija WZIK" Nr. 244
veröffentlicht.
Zuerst vollständig veröffentlicht 1919
in dem Buch „Der sechste Gesamtrussische
Außerordentliche Somjetkongreß. Steno-
grafischer Bericht ", Moskau.
Nach dem Text des Buches, ver-
glichen mit dem Stenogramm
und dem in der „ Prawda " ver-
öffentlichten Text.
VI. Gesamtrussischer Außerordentlicher Sowjetkongreß
145
REDE ÜBER DIE INTERNATIONALE LAGE
8. NOVEMBER
(Lang anhaltender Beifall.) Genossen! Seit den ersten Tagen
der Oktoberrevolution sind die Außenpolitik und die internationalen Be-
ziehungen für uns die wichtigste Frage geworden, nicht nur, weil der
Imperialismus von nun an eine enge und feste Verkettung aller Staaten
der Welt zu einem System - um nicht zu sagen, zu einem schmutzigen
blutigen Knäuel - bedeutet, sondern auch, weil der volle Sieg der soziali-
stischen Revolution ,in einem Lande unmöglich ist, weil er die aktivste
Zusammenarbeit mindestens einiger fortgeschrittener Länder erfordert,
zu denen wir Rußland nicht zählen können. Das ist es eben, warum die
Frage, inwieweit wir auch in anderen Ländern eine Ausbreitung der
Revolution erreichen werden und inwieweit es uns gelingen wird, dem
Imperialismus bis dahin Widerstand zu leisten, zu einer der Hauptfragen
der Revolution geworden ist.
Ich gestatte mir, Ihnen in aller Kürze die Hauptetappen unserer inter-
nationalen Politik im verflossenen Jahr ins Gedächtnis zu rufen. Wie ich
schon in meiner Rede zum Jahrestag der Revolution* festgestellt habe,
war vor einem Jahr besonders kennzeichnend für unsere Lage die Iso-
lierung, in der wir uns befanden. Wie fest wir auch davon überzeugt
waren, daß in ganz Europa eine revolutionäre Kraft entsteht und ent-
standen ist, daß der Krieg nicht ohne eine Revolution enden wird, so gab
es damals doch noch keine Anzeichen dafür, daß die Revolution begonnen
habe oder beginne. In dieser Situation blieb uns nichts anderes übrig, als
unsere außenpolitischen Anstrengungen auf die Aufklärung der Arbeiter-
massen Westeuropas zu richten; sie aufzuklären, nicht etwa, weil wir den
* Siehe den vorliegenden Band, S. 131. Die Red.
146
W. I. Lenin
Anspruch erheben, besser geschult zu sein als sie, sondern weil in einem
jeden Lande, solange die Bourgeoisie nicht gestürzt ist, die Militärzensur
herrscht und ein unerhörter Blutdunst, wie er in einem jeden Kriege, be-
sonders aber in jedem reaktionären Kriege verbreitet wird, den Blick
trübt. Sie wissen sehr wohl, selbst in den demokratischsten und republika-
nischsten Ländern bedeutet der Krieg Einführung der Militärzensur und
unerhörter Methoden, mit denen die Bourgeoisie mitsamt ihren General-
stäben das Volk irreführt. Unsere Aufgabe war es, den anderen Völkern
zu zeigen, was in dieser Beziehung schon erkämpft worden war. Wir
haben in dieser Beziehung alles getan, was irgendwie möglich war, als
wir jene schmutzigen Geheimverträge zerrissen und veröffentlichten, die
der ehemalige Zar zu Nutz und Frommen seiner Kapitalisten mit den
Kapitalisten Englands und Frankreichs abgeschlossen hatte. Sie wissen,
daß dies bis auf den letzten Buchstaben Raubverträge waren. Sie wissen,
daß diese Verträge unter dem Regiment Kerenskis und der Menschewiki
geheimgehalten und bekräftigt worden sind. Als Ausnahmeerscheinung
finden wir gelegentlich in einigermaßen ehrlichen Presseorganen Englands
und Frankreichs Äußerungen der Art, daß sie, die Franzosen und Eng-
länder, erst dank der russischen Revolution viel Wesentliches über die
Geschichte ihrer Diplomatie erfahren hätten.
Natürlich haben wir vom Standpunkt der sozialen Revolution als Gan-
zes sehr wenig getan; das aber, was wir getan haben, war einer der
größten Schritte zu ihrer Vorbereitung.
Wenn wir heute versuchen, einen Gesamtüberblick über die Resultate
zu bekommen, die uns die Entlarvung des deutschen Imperialismus ge-
bracht hat, so sehen wir, daß die Werktätigen aller Länder heute klar
und deutlich erkennen, daß man sie zu einem mörderischen Raubkrieg
gezwungen hat. Und am Ende dieses Kriegsjahres beginnt eine ebensolche
Entlarvung der Haltung Englands und Amerikas, weil den Massen die
Augen auf gehen und sie sich über die wahren Absichten ihrer Regierungen
zu orientieren beginnen. Das ist alles, was wir getan haben, doch haben
wir unser Scherflein zur Sache beigetragen. Die Enthüllung solcher Ver-
träge war für den Imperialismus ein schwerer Schlag. Die Friedens-
bedingungen, die zu unterzeichnen wir genötigt waren, waren eine äußerst
mächtige Waffe vom Standpunkt der Propaganda und Agitation, und mit
ihnen haben wir so viel getan, wie keine einzige Regierung, kein einziges
VI. Gesamtrussischer Außerordentlicher Somjetkongreß
147
Volk je getan hat. Wenn unser Versuch, die Massen wachzurütteln, nicht
sofort Resultate gezeitigt hat, so hatten wir ja auch nie geglaubt, die
Revolution müsse sofort beginnen, öder alles sei verloren. In den letzten
fünfzehn Jahren haben wir zwei Revolutionen durchgemadht, und wir
haben klar gesehen, wieviel Zeit sie brauchen, ehe die Massen von ihnen
erfaßt werden. Eine Bestätigung dafür finden wir in den letzten Ereig-
nissen in Österreich und in Deutschland. Wir sagten, daß es nicht unsere
Absicht ist, im Bündnis mit den Räubern ebensolche Räuber zu werden -
nein, wir rechneten darauf, das Proletariat der feindlichen Länder wach-
zurütteln. Man hat uns darauf mit einem höhnischen Lächeln geant-
wortet, wir wollten das Proletariat Deutschlands wachrütteln, aber es
werde uns die Gurgel abschneiden, während wir noch Anstalten träfen,
ihm mit Propaganda entgegenzutreten. Die Tatsachen haben aber gezeigt,
daß wir recht hatten, als wir darauf rechneten, daß die werktätigen Massen
in allen Ländern dem Imperialismus gleichermaßen feindlich gesinnt sind.
Man muß ihnen lediglich eine gewisse Zeit zur Vorbereitung lassen, denn
auch das russische Volk bedurfte, obwohl in ihm die Erinnerungen an die
Revolution von 1905 wach waren, einer langen Zeitspanne, bevor wir
uns von neuem zur Revolution erhoben.
Vor dem Brester Frieden haben wir alles getan, was in unseren Kräften
stand, um dem Imperialismus einen Schlag zu versetzen. Die Geschichte
der ansteigenden proletarischen Revolution hat dies bestätigt, und wenn
der Brester Frieden uns gezwungen hat, vor dem Imperialismus zurück-
zuweichen, so deshalb, weil wir im Januar 1918 noch nicht genügend vor-
bereitet waren. Das Schicksal hatte uns zur Isolierung verurteilt, und wir
haben nach dem Brester Frieden eine qualvolle Periode durchgemacht.
Genossen, die vier Jahre, die wir im Weltkrieg standen, haben einen
Frieden gebracht, aber einen Gewaltfrieden. Doch hat letzten Endes auch
dieser Gewaltfrieden gezeigt, daß wir recht haben und daß unsere Hoff-
nungen nicht auf Sand gebaut sind. Mit jedem Monat sind wir stärker
geworden, der westeuropäische Imperialismus dagegen ist schwächer ge-
worden. Und so sehen wir jetzt, daß Deutschland, das sich noch vor einem
halben Jahr überhaupt nicht an unsere Botschaft kehrte, das geglaubt hat,
es könne dort kein einziges rotes Haus geben, zumindest in der letzten
Zeit schwächer wird. Das jüngste Telegramm berichtet von einem Aufruf
des deutschen Imperialismus an die Massen, Ruhe und Ordnung zu
W. I. Lenin
wahren, der Frieden sei nähe. Wir wissen, was es bedeutet, wenn ein
Kaiser zur Wahrung von Rühe und Ordnung aufruft und für die nahe
Zukunft etwas verspricht, was er nicht halten kann. Sollte Deutschland
bald einen Frieden erhalten, so wird das für die Deutschen ein Brester
Frieden sein, der den werktätigen Massen statt Frieden noch größeres
Leid bringt, als sie bisher zu tragen hatten.
Die Ergebnisse unserer internationalen Politik sind dergestalt, daß wir
ein halbes Jahr nach dem Brester Frieden vom Standpunkt der Bourgeoisie
ein geschlagenes Land waren, vom Standpunkt des Proletariats jedoch
den Weg des schnellen Wachstums beschritten haben und an der Spitze
der proletarischen Armee stehen, die begonnen hat, Österreich und
Deutschland ins Wanken zu bringen. Dieser Erfolg hat in den Augen
eines jeden Vertreters der proletarischen Massen alle gebrachten Opfer
vollauf gerechtfertigt. Nehmen wir an, wir würden plötzlich hinweg-
gefegt - nehmen wir an, unserem Wirken wäre ein Ende gesetzt, aber
das kann ja nicht sein, es gibt keine Hexerei würde das aber eintreten,
dann dürften wir mit vollem Recht sagen, ohne unsere Fehler zu ver-
hehlen, daß wir die Zeitspanne, die uns vom Schicksal vergönnt war, voll
und ganz für die sozialistische Weltrevolution ausgenutzt haben. Wir
haben alles getan für die werktätigen Massen Rußlands, und wir haben
für die proletarische Weltrevolution mehr getan als sonst jemand.
(Beifall.)
Genossen, in den letzten Monaten und Wochen aber hat sich die inter-
nationale Lage jäh zu ändern begonnen, bis schließlich der deutsche
Imperialismus nahezu ganz zusammengebrochen ist. Alle Hoffnungen auf
die Ukraine, mit denen der deutsche Imperialismus seine Werktätigen
abgespeist hatte, erwiesen sich als leere Versprechungen. Es zeigte sich,
daß der amerikanische Imperialismus sich vorbereitet hatte, und Deutsch-
land wurde ein Schlag versetzt. Eine völlig andere Situation ist ent-
standen. Wir haben uns in keiner Weise Illusionen gemacht. Nach der
Oktoberrevolution waren wir weitaus schwächer als der Imperialismus,
auch heute sind wir schwächer als der internationale Imperialismus - das
müssen wir auch jetzt sagen, um nicht der Selbsttäuschung zu verfallen ;
nach der Oktoberrevolution waren wir schwächer und konnten den Kampf
nicht auf nehmen. Auch heute sind wir schwächer und müssen alles tun,
um der bewaffneten Auseinandersetzung mit ihm aus dem Wege zu gehen.
VI. Gesamtrussischer Außerordentlicher Somjetkcmgreß 14 9
Wenn es uns aber gelungen ist, nach der Oktoberrevolution ein ganzes
Jahr lang fortzubestehen, so haben wir das dem Umstand zu verdanken,
daß der internationale Imperialismus in zwei Räubergruppen gespalten
war: die englisch-französisch-amerikanische Gruppe und die deutsche
Gruppe, die sich ineinander verkrallt hatten und sich nicht um uns küm-
mern konnten. Keine dieser Gruppen konnte gegen uns ernstlich ins Ge-
wicht fallende Kräfte einsetzen, aber natürlich hätten sie diese Kräfte
eingesetzt, wenn sie dazu imstande gewesen wären. Der Krieg mit seinem
Blutrausch trübte den Blick. Die materiellen Opfer, die der Krieg er-
heischte, forderten äußerste Anspannung aller Kräfte. Sie hatten andere
Sorgen, als sich mit uns abzugeben, nicht etwa, weil wir durch irgendein
Wunder stärker gewesen wären als die Imperialisten - nein, das ist
Unsinn I -, sondern nur deswegen, weil sich der internationale Imperialis-
mus in zwei Räubergruppen gespalten hatte, die sich gegenseitig zer-
fleischten. Nur diesem Umstand verdanken wir es, daß die Sowjetrepu-
blik den Imperialisten aller Länder offen den Kampf ansagen konnte,
indem sie ihnen die in den Ausländsanleihen investierten Kapitalien weg-
nahm und ihnen einen Schlag ins Gesicht versetzte, indem sie die Räuber
vor aller Augen an ihrem Geldsack packte.
Die Zeit, da wir im Zusammenhang mit dem von den deutschen Im-
perialisten eingeleiteten Schriftwechsel Erklärungen abgegeben haben, ist
vorbei, schon abgesehen davon, daß der Weltimperialismus sich nicht so
auf uns stürzen konnte wie dies seiner Feindschaft und seiner durch den
Krieg unerhört gesteigerten kapitalistischen Profitgier entsprochen hätte -
diese Zeit ist vorbei. Bis zu dem Zeitpunkt, da die englischen und ameri-
kanischen Imperialisten die andere Gruppe besiegt hatten, waren sie durch
ihren Kampf gegeneinander völlig in Anspruch genommen und mußten
infolgedessen von.einem entschlossenen Feldzug gegen die Sowjetrepublik
absehen. Die zweite Gruppe existiert nicht mehr, geblieben ist allein die
Siegergruppe. Das hat unsere internationale Lage völlig verändert, und
dieser Änderung müssen wir Rechnung tragen. In welcher Beziehung diese
Veränderung zur Entwicklung der internationalen Lage steht, darauf
geben die Tatsachen Antwort. Die Länder, die eine Niederlage erlitten
haben, erleben jetzt den Sieg der Arbeiterrevolution, denn heute sieht
jeder, wie gewaltig sie sich entfaltet. Als wir im Oktober die Macht er-
griffen, waren wir in Europa nur ein einzelner Funke. Gewiß, die Funken
150
W. I. Lenin
mehrten sich, und diese Funken gingen von uns aus. Es ist ein gewaltiges
Werk, das zu vollbringen uns gelungen ist, doch waren es nur einzelne
Funken. Jetzt aber ist in den meisten Ländern, die zur Einflußsphäre des
deutschen und österreichischen Imperialismus gehörten, das Feuer aus-
gebrochen (Bulgarien, Österreich, Ungarn). Wir wissen, daß die Revolu-
tion von Bulgarien auf Serbien übergegriffen hat. Wir wissen, wie diese
Arbeiter- und Bauemrevolutionen durch Österreich hindurch bis nach
Deutschland vorgedrungen sind. Das Feuer der Arbeiterrevolution hat
eine ganze Reihe von Ländern erfaßt. In dieser Hinsicht sind unsere An-
strengungen und unsere Opfer gerechtfertigt. Sie waren keine Abenteuer,
wie das die Feinde verleumderisch behauptet haben, sondern der not-
wendige Übergang zur internationalen Revolution, den unser Land durch-
machen mußte, das, ungeachtet seiner geringen Entwicklung und seiner
Rückständigkeit, auf den vordersten Posten gestellt worden ist.
Das ist das eine, vom Standpunkt des endgültigen Ausgangs des impe-
rialistischen Krieges das wichtigste Resultat. Das andere Resultat, auf das
ich schon eingangs hingewiesen habe, besteht darin, daß sich der englisch-
amerikanische Imperialismus jetzt ebenso zu entlarven beginnt, wie sich
seinerzeit der deutsch-österreichische entlarvt hat. Wirsehen, daß Deutsch-
land seine Herrschaft hätte behaupten und daß es sich zweifellos eine
günstige Position im Westen hätte erkämpfen können,, wenn es während
der Brester Verhandlungen einigermaßen Selbstbeherrschung geübt,
einigermaßen kaltes Blut bewahrt hätte und fähig gewesen wäre, sich
aller Abenteuer zu enthalten. Deutschland hat das nicht getan, denn eine
Maschine, wie es ein Krieg von Millionen und aber Millionen ist, ein
Krieg, der die chauvinistischen Leidenschaften bis zur Siedehitze steigert,
der mit kapitalistischen Interessen verbunden ist, die sich auf Hunderte
Milliarden Rubel beziffern lassen - solch eine Maschine, einmal auf
Touren gebracht, kann durch keine Bremse angehalten werden. Diese
Maschine ist weiter gelaufen, als es die deutschen Imperialisten selber
gewollt haben, und hat sie zermalmt. Sie sind steckerigeblieben, sie sind
in die Lage eines Menschen geraten, der sich, überf ressen hat und so
seinem Ende entgegengeht. Und in diesen wenig schönen, doch vom Stand-
punkt des revolutionären Proletariats äußerst nützlichen Zustand sind
heute vor unser aller Augen, die englischen und. amerikanischen Imperia-
listen geraten. Man könnte meinen, sie hätten bedeutend größere poli-
VI. Gesamtrussischer Außerordentlicher Sowjetkongreß
151
tische Erfahrung als Deutschland, sind es doch Leute, die an ein demo-
kratisches Regime gewöhnt sind und nicht an das Regiment irgendwelcher
Junker, in Ländern, die schon vor Jahrhunderten die schwerste Periode
ihrer Geschichte durchgemacht haben. Man könnte meinen, diese Leute
würden ihre Kaltblütigkeit bewahren. Wollten wir vom individuellen
Standpunkt aus urteilen, ob sie fähig wären, Kaltblütigkeit zu bewahren,
vom Standpunkt der Demokratie überhaupt, wie bourgeoise Philister, wie
Professoren, die vom Kampf des Imperialismus und der Arbeiterklasse
nichts begriffen haben, wollten wir also vom Standpunkt der Demokratie
überhaupt urteilen, so müßten wir sagen, daß England und Amerika Län-
der sind, in denen die Demokratie jahrhundertelang gepflegt worden ist,
daß sich dort die Bourgeoisie wird halten können. Wenn es ihr heute
gelänge, sich durch irgendwelche Maßnahmen zu halten, dann wäre das
jedenfalls für eine ziemlich lange Zeit. Wie sich aber herausstellt, wieder-
holt sich mit ihnen dasselbe, was mit dem militär-despotischen Deutsch-
land geschehen ist. In diesem imperialistischen Krieg bestand ein ge-
waltiger Unterschied zwischen Rußland und den republikanischen Län-
dern. Der imperialistische Krieg ist ein so blutiger, bestialischer Raubkrieg,
daß er sogar diese wichtigsten Unterschiede verwischt, hat rer hat in dieser
Hinsicht die freieste amerikanische Demokratie und das halbmilitär-despo-
tische Deutschland einander gleichgestellt.
Wir sehen, wie England und Amerika - Länder, die eher als andere
hätten demokratische Republiken bleiben können - sich ebenso wüst Und
verrückt übernommen haben wie vorher Deutschland und sich daher
ebenso rasch, vielleicht aber noch rascher, jenem Ende nähern, das der
deutsche Imperialismus mit Erfolg genommen hat. Zuerst hat er sich über
drei Viertel Europas ausgebreitet und sich unglaublich aufgebläht, dann
aber ist er unter Zurücklassung eines fürchterlichen Gestanks geplatzt.
Und diesem Ende eilen jetzt der englische und der amerikanische Imperia-
lismus entgegen. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, einen flüch-
tigen Blick auf jene Waffenstillstands- und Friedensbedingungen zu wer-
fen, die jetzt die „Befreier“ der Völker vom deutschen Imperialismus, die
Engländer und Amerikaner, den besiegten Völkern stellen. Nehmen wir
Bulgarien. Man sollte meinen, daß ein Land wie Bulgarien doch einem
Koloß, wie es der englisch-amerikanische Imperialismus ist, kaum gefähr-
lich sein konnte. Jedoch hat die Revolution in diesem kleinen, schwachen,
11 Lenin, Werke, Bd. 28
152
W. 7. Lenin
vollkommen hilflosen Lande bewirkt, daß die Engländer und die Ameri-
kaner den Kopf verloren haben und Waffenstillstandsbedingungen dik-
tierten, die einer Okkupation Bulgariens gleichkommen. Jetzt sind dort,
wo die Bäuemrepubhk ausgerufen wurde, in Sofia, an diesem wichtigen
Eisenbahnknotenpunkt, sämtliche Bahnlinien von englisch-amerikanischen
Truppen besetzt. Sie müssen in diesem kleinen Lande gegen die Bauern-
republik kämpfen. Vom militärischen Standpunkt aus gesehen, ist das eine
Lappalie.. Leute, die auf dem Standpunkt der Bourgeoisie, der alten herr-
schenden Klasse, der alten Militärverhältnisse stehen, haben dafür nur
ein verächtliches lächeln. Was ist schon dieser Zwerg - Bulgarien - ge-
messen an den englisch-amerikanischen Kräften? Vom militärischen
Standpunkt ein Nichts, vom. revolutionären Standpunkt aus aber sehr viel.
Das ist keine Kolonie, wo man die Besiegten zu Millionen und aber Mil-
lionen abzuschlachten gewohnt ist. Die Engländer und Amerikaner sehen
ja darin nur die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung, die Verbrei-
tung von. Zivilisation und Christentum bei den Wilden im innersten
Afrika. Aber das ist eben: nicht Zentralafrikä. Hier greift unter den Sol-
daten - und möge ihre Armee noch so stark sein - die Zersetzung um
sich, wenn sie mit der Revolution in Berührung kommen. Daß das keine
Phrase ist, beweist Deutschland. In Deutschland waren die Soldaten,
jedenfalls in bezug auf Disziplin, vorbildlich. Als die Deutschen in die
Ukraine 'einrückten, wirkten dabei außer der Disziplin auch noch andere
Faktoren. Der ausgehungerte deutsche Soldat war nach Brot ausgezogen,
und von ihm zu verlangen, er solle nicht zuviel Brot rauben, war wenig
erfolgversprechend. Doch um so besser wissen wir, daß sie in diesem
Lande am stärksten vom Geist, der russischen Revolution infiziert worden
sind. Das hat die Bourgeoisie in Deutschland sehr gut begriffen, und das
hat Wilhelm gezwungen, krampfhaft nach einem Ausweg zu suchen. Die
Hohenzollern irren sich, wenn sie sich einbilden, Deutschland werde um
ihrer Interessen willen auch nur noch einen Tropfen Blut vergießen. Das
eben war das Resultat der Politik des bis an die. Zähne bewaffneten
deutschen Imperialismus. Und dasselbe wiederholt sich jetzt auch mit
England. Schon beginnt in der englischen und amerikanischen Armee die
Zersetzung; sie begann in dem Augenblick, als diese Armee in Bulgarien
zu wüten anfing. Aber das ist ja nur der Anfang. Nach Bulgarien kam
Österreich. Gestatten Sie mir, einige Punkte aus den Bedingungen zu ver-
V/. Gesamtrussischer Außerordentlicher Sowjetkongreß 153
lesen, die die Sieger, die englischen und amerikanischen Imperialisten,
diktiert haben. Das sind die Leute, die den werktätigen Massen am mei-
sten die Ohren vollgeschrien haben, daß sie einen Befreiungskrieg führen,
daß ihr Hauptziel die Zerschlagung des preußischen Militarismus sei,
der das Kasemenhofregime auf alle Länder auszudehnen droht. Sie haben
geschrien, daß sie einen Befreiungskrieg führen. Das war Betrug. Sie
wissen, wenn die bürgerlichen Advokaten, diese Parlamentarier, die ihr
ganzes Leben lang gelernt haben, wie man, ohne zu erröten, andere be-
trügt, wenn diese Leute einander betrügen - so ist das leicht; wenn sie
aber die Arbeiter auf diese Weise zu betrügen suchen, so bleibt dieser
Betrug nicht ungestraft. Die Politikaster, die Parlamentarier, diese Staats-
männer Englands und Amerikas sind darin Meister. Doch ihr Betrug wird
nicht im geringsten verfangen. Die Arbeitermassen, die sie im Namen der
Freiheit aufgestachelt haben, werden mit einemmal zur Besinnung kom-
men, und das wird sich noch auswirken, wenn sie in ihrer Masse nicht
aus Flugschriften, welche die Revolution zwar fördern, aber nicht wirklich
vorwärtstreiben, sondern aus eigener Erfahrung erkennen, daß man sie
betrügt, wenn sie die Friedensbedingungen für Österreich sehen werden.
So sieht der Frieden aus, der heute einem relativ schwachen, schon
jetzt auseinanderfallenden Lande aufgezwungen wird von jenen, die da
schrien, die Bolschewiki seien Verräter, weil sie denBrester Frieden unter-
zeichnen! Als die Deutschen ihre Soldaten hierher, nach Moskau, schicken
wollten, erklärten wir, daß wir lieber alle im Kampf fallen, als daß wir
jemals dazu unsere Zustimmung geben. (Beifall.) Wir sagten uns, daß
die Opfer, die die besetzten Gebiete werden bringen müssen, schwer sein
werden, doch alle wissen, wie Sowjetrußland ihnen geholfen und sie mit
dem Nötigen versorgt hat. Jetzt sollen die demokratischen Truppen Eng-
lands und Frankreichs „Ruhe und Ordnung“ aufrechterhalten - und das
wird zu einer Zeit gesagt, wo in Bulgarien und in Serbien Arbeiterräte
bestehen, wo in Wien und Budapest Arbeiterräte bestehen. Wir wissen,
was das für eine Ordnung ist. Das bedeutet, daß die englischen und
amerikanischen Truppen aufgefordert werden, die Rolle der Würger und
Henker der Weltrevolution zu spielen.
Genossen, als die russischen Truppen im Jahre 1848 ausgeschickt wur-
den, um die ungarische Revolution 56 abzuwürgen, konnte das noch glimpf-
lich abgehen, denn diese Truppen bestanden aus Leibeigenen; das konnte
154
W. /. Lenin
auch noch in bezug auf Polen glimpflich abgehen 57 ;' aber daß ein Volk,
das schon ein ganzes Jahrhundert lang im Besitz der Freiheit ist, ein Volk,
in dem der Haß gegen den deutschen Imperialismus geschürt wurde mit
der Behauptung, der deutsche Imperialismus sei eine Bestie, die man not-
wendigerweise erwürgen müsse - daß ein solches Volk nicht begreifen
sollte, daß der englisch-amerikanische Imperialismus eine ebensolche
Besäe ist, die gerechterweise genauso erwürgt werden muß - das kann
nicht sein!
Und nun ist die Geschichte mit der ihr eigenen boshaften Ironie dahin
gelangt, daß nach der Entlarvung des deutschen Imperialismus die Reihe
an den englisch-französischen Imperialismus gekommen ist, der sich selber
restlos entlarvt, und wir erklären vor den russischen, deutschen und
österreichischen Arbeitermassen: das sind nicht die aus Leibeigenen be-
stehenden russischen Truppen vom Jahre 1848! Das wird den Imperia-
listen teuer zu stehen kommen! Sie ziehen aus, um ein Volk niederzu-
werfen, das vom Kapitalismus zur Freiheit übergeht, sie ziehen aus, um
die Revolution zu erdrosseln. Und wir sagen mit absoluter Gewißheit,
daß diese vollgefressene Bestie jetzt ebenso in den Abgrund stürzen wird,
wie die Bestie in Gestalt des deutschen Imperialismus hinabgestürzt ist.
Genossen, ich komme jetzt zu der Seite der Sache, die uns am meisten
angeht. Ich gehe zu den Friedensbedingungen über, die Deutschland jetzt
zu unterzeichnen haben wird. Die Genossen aus dem Kommissariat für
Auswärtige Angelegenheiten haben mir gesagt, daß in der „Times“ 58 ,
dem Hauptorgan der unerhört reichen englischen Bourgeoisie, die faktisch
die ganze Politik bestimmt, bereits die Bedingungen veröffentlicht worden
sind, auf die Deutschland wird eingehen müssen. Von ihm wird gefordert,
daß es die Insel Helgoland, den Kaiser- Wilhelm-Kanal, die Stadt Essen,
wo fast das ganze Kriegsmaterial hergestellt wird, abtrete ; daß es die
Handelsflotte vernichte; Elsaß-Lothringen sofort abtrete und eine60-Mil-
liarden-Kontribution entrichte, davon einen beträchtlichen Teil in Sach-
werten, da das Geld überall entwertet ist und die englischen Kaufleute
auch schon begonnen haben, in anderer Währung zu rechnen. Wir sehen,
daß sie für Deutschland einen Frieden vorbereiten, der gleichbedeutend
ist mit der Erdrosselung dieses Landes, einen ärgeren Gewaltfrieden, als
es der Brester Frieden war. Vom materiellen Standpunkt und vom Stand-
punkt ihrer Kräfte aus könnten sie das schaffen, gäbe es nicht auf der
VI. Gesamtrussischer Außerordentlicher Sowjetkongreß
155
Welt den für sie so unangenehmen Bolschewismus. Mit diesem Frieden
bereiten sie ihren eigenen Verderb vor. Demi das spielt sich ja nicht in
Zentral afrika ab. sondem im 20. Jahrhundert in den zivilisierten Ländern.
Wenn die ukrainische Bevölkerung analphahetisch ist, wenn der diszipli-
nierte deutsche Soldat die Ukrainer unterdrücken konnte, so hat der
deutsche Soldat jetzt seine Disziplin zu Grabe getragen. Um so mehr wird
sich der englisch-amerikanische Imperialismus selbst sein Grab schaufeln,
wenn die Imperialisten dieser Länder sich in ein Abenteuer stürzen, das
ihren politischen Zusammenbrach herbeiführen wird, wenn sie ihre Trap-
pen zum Henker und Gendarmen von ganz Europa machen. Sie bemühen
sich schon seit langem, Rußland auszulöschen, und haben schon seit langem
einen Feldzug gegen Rußland geplant. Es genügt, an die Besetzung des
Murmangebiets zu erinnern sowie daran, wie sie den Tschechoslowaken
Millionen hingeworfen, wie sie mit Japan einen Vertrag geschlossen
haben, wie England jetzt den Türken laut Vertrag Baku weggenommen
hat, um uns durch den Raub der Rohstoffe abzuwürgen.
Die englischen Trappen stehen berät, um den Feldzug gegen Rußland
entweder von . Süden oder von den Dardanellen her oder von Bulgarien
und Rumänien her zu beginnen. Sie schließen um die Sowjetrepublik
änen Ring und bemühen sich, die ökonomischen Verbindungen zwischen
der Republik und der übrigen Welt abzuschneiden. Zu diesem Zweck
haben sie Holland gezwungen, die diplomatischen Beziehungen abzu-
brechen. 59 Wenn Deutschland unseren Botschafter aus Deutschland, hin-
ausgeworfen hat, so hat es dies, wenn nicht in direktem Einvernehmen
mit den englischen und französischen Staatsmännern, so doch aus dem
Wunsche heraus getan, ihnen gefällig zu sön, damit sie Deutschland
gegenüber Großmut übten. .Wir, hört man sie gleichsam sagen, treten ja
gegenüber euren Feinden, den Bolschewiki, gldchfalls als Henker auf.
Genossen, wir müssen uns darüber klar sein, daß das wichtigste Ergeb-
nis der internationalen Entwicklung so zu charakterisieren ist, wie ich es
vor einigen Tagen getan habe, als ich sagte, daß wir der internationalen
proletarischen Revolution niemals so nahe waren wie jetzt. Wir haben
bewiesen, daß wir nicht fehl gegangen sind, als wir unsere Hoffnungen
auf die proletarische Weltrevolution setzten. Wir haben die größten
Opfer, nationale wie ökonomische, nicht umsonst gebracht. In dieser Hin-
sicht haben wir Erfolg erzielt. Wenn wir aber der internationalen Revolu-
156
W. I. Lenin
tiori niemals so nahe waren, so war unsere Lage auch niemals so gefähr-
lich wie jetzt. Die Imperialisten hatten miteinander zu tun. Jetzt aber ist
die eine Gruppierung von der englisch-französisch-amerikanischen Gruppe
hinweggefegt worden. Diese sieht ihre Hauptaufgabe darin, den Welt-
bolschewismus zu erwürgen, seine Hauptzelle, die Russische Sowjetrepu-
blik, zu erwürgen. Zu diesem Zweck wollen sie eine chinesische Mauer
errichten, um sich, wie durch eine Quarantäne vor der Pest, vor dem
Bolschewismus zu schützen. Diese Leute glauben, sich den Bolschewismus
durch eine Quarantäne vom Leibe halten zu können, aber das ist unmög-
lich. Sollte es den Herren englischen und französischen Imperialisten,
diesen Gebietern über die modernste Technik der Welt, sollte es ihnen
gelingen, solch eine chinesische Mauer rund um unsere Republik zu er-
richten, so wird der Bazillus des Bolschewismus auch durch diese Mauer
hindurchdringen und die Arbeiter aller Länder anstecken. (Beifall.)
Genossen, die Presse des westeuropäischen, des englischen und fran-
zösischen Imperialismus setzt alles daran, damit nichts verlautet, in wel-
cher Lage er sich befindet. Es gibt keine Lüge und Verleumdung, die sie
nicht gegen die Sowjetmacht ausgestreut hätte. Heute kann man sagen,
daß sich die gesamte englische, französische und amerikanische Presse in
den Händen der Kapitalisten befindet - und sie verfügt über Milliar-
den -, daß sie geschlossen wie ein Syndikat vorgeht, um die Wahrheit
über Sowjetrußland totzuschweigen und Lüge und Verleumdungen über
uns zu verbreiten. Und obwohl die Militärzensur nun schon seit Jahren
wütet und es ihnen gelungen ist zu verhindern, daß auch nur ein wahres
Wort über die Sowjetrepublik in der Presse der demokratischen Länder
durchdringt, gibt es doch in keinem Lande eine größere Arbeiterversamm-
lung, in der sich nicht gezeigt hätte, daß die Arbeitermassen auf seiten der
Bolschewiki stehen, denn die Wahrheit läßt sich nicht unterdrücken. Der
Feind wirft uns vor, wir verwirklichten die Diktatur des Proletariats;
jawohl, wir verheimlichen das nicht! Und weil die Sowjetregierung sich
nicht fürchtet und eine offene Sprache führt, gewinnt sie neue Millionen
von Werktätigen für sich, denn sie verwirklicht die Diktatur gegen die
Ausbeuter, und die werktätigen Massen sehen und überzeugen sich, daß
es ihr ernst war mit dem Kampf gegen die Ausbeuter und daß dieser
Kampf ernstlich bis zu Ende geführt werden wird. Trotz dieser Verschwö-
rung des Schweigens, mit dem die europäische Presse uns umgibt, haben
VI. Gesamtrussischer Außerordentlicher Sorojetkongreß
157
sie es bisher als ihre Pflicht hingestellt, gegen Rußland zu marschieren,
weil sich Rußland von Deutschland habe okkupieren lassen, weil Rußland
faktisch ein deutscher Agent sei, weil hier in Rußland, wie sie behaupten,
Menschen das Staatsruder führen, die deutsche Agenten säen. Dort tau-
chen jeden Monat immer neue Dokumentenfälscher auf, die gegen ein
gutes Stück Geld den Nachwäs erbringen wollen, daß Lenin und Trotzki
nichts anderes als Verräter und deutsche Agenten seien. Trotz alledem
können sie die Wahrhdt nicht verbergen, und ab und zu machen sich dort
deutliche Anzeichen dafür bemerkbar, daß sich diese Herren Imperialisten
nicht sicher fühlen. „L’Echo de Paris“ 60 macht das Geständnis: „Wir
gehen nach Rußland, um die Macht der Bolschewiki zu brechen.“ Weil
doch ihre offizielle Version lautet, daß sie ktinen Krieg gegen Rußland
führen, daß sie sich nicht in seine militärischen Fragen einmischen, son-
dern nur gegen die deutsche Vorherrschaft kämpfen, haben unsere fran-
zösischen Internationalisten, die in Moskau die Zdtüng „III me Interna-
tionale“ 61 herausgeben, dieses Zitat angeführt, und obwohl wir von Paris
und Frankreich abgeschnitten sind, obwohl man außerordentlich geschickt
eine chinesische Mauer auf gerichtet hat, sagen wir: Vor eurer eigenen
Bourgeoisie könnt ihr Herren französischen Imperialisten euch nicht
schützen. Und selbstverständlich kennen Hunderttausende französischer
Arbeiter dieses kldne Zitat, und nicht nur dies rine, und sie sehen, daß
alle Erklärungen ihrer Machthaber, ihrer Bourgeoisie, nichts als Lüge sind.
Ihre ägene Bourgeoisie schwatzt aus der Schule; sie sagt selber: Wir
wollen die Macht der Bolschewiki brechen. Nach vier Jahren mörderischen
Krieges müssen sie sich vor ihrem Volke hinstellen und sagen: Ihr müßt
noch dnmäl in den Krieg ziehen, gegen Rußland, um die Macht der
Bolschewiki zu brechen, die wir hassen, wdl sie uns 17 Milliarden schulden
und nicht bezahlen wollen und wdl sie so unhöflich mit den Kapitalisten,
Gutsbesitzern und Zaren umgehen. Wenn zivilisierte Nationen es dahin
gebracht haben, daß sie so etwas sagen müssen, so zeigt das vor allem,
daß ihre Politik Schiffbruch eriddet, und wie stark sie auch in militärischer
Hinsicht sein mögen, wir blicken mit größter Fassung auf diese Stärke
und sagen : Ihr habt in eurem Rücken einen noch viel gefährlicheren Feind
stehen, das sind die Volksmassen, die ihr bisher betrogen habt, vor lauter
Lügen und Verleumdungen über Sowjetrußland ist euch schon die Zunge
lahm geworden. Hier eine andere ähnliche Mitteilung aus der englischen
158
W. I. Lenin
bürgerlidien Zeitung „The Manchester Guardian“ 62 vom 23. Oktober.
Das englische bürgerliche Blatt schreibt: „Wenn die alliierten Armeen
weiterhin in Rußland bleiben und die militärischen Operationen fort-
setzen, so einzig und allein deshalb, um in Rußland einen inneren Um-
sturz hervorzurufen . . . Die alliierten Regierungen müssen daher ent-
weder ihre militärischen Operationen einstellen, oder sie müssen erklären,
daß sie sich mit den Bolschewiki im Kriegszustand befinden.“
Wie gesagt, dieses kleine Zitat, das für uns wie ein revolutionärer
Appell, wie der stärkste revolutionäre Aufruf klingt, ist deshalb so wich-
tig, weil das eine bürgerliche Zeitung schreibt, die selbst ein Feind der
Sozialisten ist, die jedoch fühlt, daß man die Wahrheit nicht länger verr
heimlichen kann. Wenn bürgerliche Zeitungen so reden, so können Sie
sich vorstellen, wie die englischen Arbeitermassen denken und reden. Es
ist Ihnen bekannt, was für Töne die Liberalen bei uns zur Zeit des Zaris-
mus, vor der Revolution von 1905 und vor 1917, angeschlagen haben. Sie
wissen, daß diese Sprache der Liberalen das Nahen der Erhebung der
proletarischen revolutionären Massen bedeutet. Deshalb können Sie aus
der Sprache dieser bürgerlidien englischen Liberalen schließen, was in
den Köpfen und Herzen der englischen, französischen und amerikanischen
Arbeiter vor sich geht, wie sie gestimmt sind. Deshalb müssen wir uns
ganz unverhüllt Rechenschaft ablegen über die harte Wahrheit, die unsere
internationale Lage charakterisiert. Die Weltrevölution ist nah heran-
gerückt, aber Terminkalender, nach denen die Revolution sich entwickelt,
gibt es nicht; wir, die wir zwei Revolutionen durchgemacht haben, wissen
das genau. Aber wir wissen auch: Wenn die Imperialisten auch nicht im-
stande sind, die internationale Revolution aufzuhalten, so ist es doch
möglich, daß einzelne Länder eine Niederlage erleiden und noch schwerere
Opfer gebracht werden müssen. Die Imperialisten wissen, daß Rußland
die Wehen der proletarischen Revolution übersteht, sie irren aber, wenn
sie glauben, durch die Vernichtung eines Revolutionsherdes die Revolu-
tion in anderen Ländern zerschlagen zu können.
Was uns betrifft, so müssen wir sagen, daß die Lage gefährlicher ist als
je zuvor, daß wir unsere Kräfte wieder und immer wieder anspannen
müssen. Nachdem wir in dem einen Jahr ein dauerhaftes Fundament
errichtet, die sozialistische Rote Armee auf der Grundlage einer neuen
Disziplin geschaffen haben, sagen wir uns voll Zuversicht, daß wir diese
V7. Gesamtrussischer Außerordentlicher Sowjetkongreß
159
Arbeit fortsetzen können und müssen; und in allen Versammlungen, in
jeder Sowjetinstitution, in den Gewerkschaften, in den Versammlungen
der Komitees der Dorf armut müssen wir sagen : Genossen, ein Jahr haben
wir hinter uns und haben Erfolge erzielt, dodi ist das noch wenig, ge-
messen an der Gefahr, die der mächtige Feind bedeutet, der uns angreift.
Dieser Feind ist der weltumspannende machtvolle englisch-französische
Imperialismus, der die ganze Welt bezwungen hat. Wir ziehen in den
Kampf gegen ihn, nicht weil wirglauben, uns in ökonomischer oder tech-
nischer Hinsicht mit den fortgeschrittenen Ländern Europas vergleichen zu
können. Nein, aber wir wissen, daß dieser Feind demselben Abgrund ent-
gegenschreitet, an den der deutsch-österreichische Imperialismus gelangt
ist: der Feind, der jetzt die Türkei umgarnt, Bulgarien annektiert hat
und im Begriff steht, ganz Österreich-Ungarn zu okkupieren und dort ein
zaristisches Gendarmenregime aüfzurichten, wir wissen, daß er dem
Untergang entgegengeht: Wir wissen, daß dies eine geschichtliche Tatsache
ist, und eben darum sagen wir uns, ohne uns auch nur im geringsten Ziele
zu setzen, die unsere Kräfte offenkundig übersteigen: Dem englisch-fran-
zösischen Imperialismus eine Abfuhr erteilen, das können wir !
Jeder Schritt zur Festigung unserer Roten Armee wird im Lager unseres
so stark scheinenden Gegners als Echo zehn Schritte der Zersetzung und
der Revolution zurFolge haben. Darum besteht nicht der geringste Grund,
sich der Verzweiflung oder dem Pessimismus hinzugeben. Wir wissen, die
Gefahr ist groß. Vielleicht erlegt uns das Schicksal noch schwerere Opfer
auf. Ein einzelnes Land kann man noch zertreten, aber die proletarische
Weltrevolution werden sie niemals zertreten können, sie werden sie nur
noch stärker entfachen und alle werden sie in ihr ihren Untergang finden!
(Anhaltender Beifall, der in eine Ovation übergeht.)
Zeitungsberichte wurden am
9. November 1918inden „Iswestija -
WZ1K“ Nr. 244 und am 10. November 1918
in der „ Prawda " Nr. 243 veröffentlicht. Nach dem Text des Buches, ver-
Zuerst vollständig veröffentlicht 1919 glichen mit dem Stenogramm und
in dem Buch „ Der sechste Gesamtrussische mit dem Text der Broschüre:
Außerordentliche Sowjetkongreß. Steno- N. Lenin, „Weltimperialismus und
grafischer Bericht“, Moskau. Sowjetrußland“, M. 1919.
REDE BEI DER ENTHÜLLUNG EINES DENKMALS
FÜR MARX UND ENGELS
7. NOVEMBER 1918
Wir enthüllen ein Denkmal für die Führer der proletarischen Welt-
revolution. für Marx und Engels.
Viele Jahrhunderte lang hat die Menschheit unter dem Joch eines ver-
schwindend kleinen Häufleins von Ausbeutern geschmachtet und gelitten,
die mit den Millionen Werktätigen Schindluder trieben. Während aber die
Ausbeuter der früheren Epoche - die Gutsbesitzer - die zerstreut und
isoliert voneinander in Unwissenheit lebenden leibeigenen Bauern aus-
geplündert und bedrückt haben, sind die Ausbeuter der Neuzeit - die
Kapitalisten - bei den unterdrückten Massen auf deren Vortrupp ge-
stoßen, auf die Industriearbeiter in den Städten. Die Fabrik hat sie zu-
sammengeschlossen, das Leben in der Stadt hat sie aufgeklärt, die gemein-
samen Streikkämpfe und die revolutionären Aktionen haben sie gestählt.
Das große weltgeschichtliche Verdienst von Marx und Engels besteht
darin, daß sie durch ihre, wissenschaftliche Analyse den Beweis erbracht
haben für die Unvermeidlichkeit des Zusammenbruchs des Kapitalismus
sowie seines Übergangs zum Kommunismus, in dem es keine Ausbeutung
des Menschen durch den Menschen mehr geben wird.
Das große weltgeschichtliche Verdienst von Marx und Engels besteht
darin, daß sie den Proletariern aller Länder ihre Rolle, ihre Aufgabe,
ihre Berufung auf gezeigt haben: sich als erste zum revolutionären Kampf
gegen das Kapital zu erheben und in diesem Kampf alle Werktätigen und
Ausgebeuteten um sich zu vereinigen.
Wir leben in einer glücklichen Zeit, in der sich das, was die großen
Sozialisten vorausgesagt haben, zu erfüllen beginnt. Wir alle sehen, wie
in einer ganzen Reihe von Ländern die Morgenröte der internationalen
Rede bei der Enthüllung
Denkmals für Marx und Engels 161
sozialistischen Revolution des Proletariats aufsteigt. Die unsagbaren
Greuel des imperialistischen Völkermordens rufen überall eine helden-
hafte Erhebung der unterdrückten Massen hervor und verzehnfachen ihre
Kräfte im Kampf um die Befreiung.
Mögen die Denkmäler für Marx und Engels die Millionen Arbeiter
und Bauern immer wieder daran erinnern, daß wir in unserem Kampf
nicht allein sind. An unserer Seite erheben sich die Arbeiter der fort-
geschritteneren Länder. Ihrer und unser harren noch schwere Kämpfe.
Im gemeinsamen Kampf werden wir das Joch des Kapitals zerbrechen,
werden wir den Sozialismus endgültig erkämpfen!
Ein kurzer Bericht wurde am
9. November 1918 in der
„ Prawda " Nr. 242 veröffentlicht.
Zuerst vollständig veröffentlicht Nach dem Manuskript,
am 3. April 1924 in der
„ Prawda “ Nr. 76.
REDE BEI DER ENTHÜLLUNG EINER GEDENKTAFEL
FÜR DIE KÄMPFER DER OKTOBERREVOLUTION
7. NOVEMBER 1918
Genossen! Wir enthüllen eine Gedenktafel für die Vorkämpfer der
Oktoberrevolution von 1917. Die Besten aus den Reihen der werktätigen
Massen haben ihr Leben hingegeben, als sie sich zum Aufstand erhoben
für die Befreiung der Völker vom Imperialismus, für die Beseitigung der
Kriege zwischen den Völkern, für den Sturz der Herrschaft des Kapitals,
für den Sozialismus.
Genossen! Die Geschichte Rußlands in vielen Jahrzehnten der Neuzeit
zeigt uns einen langen Märtyrerweg der Revolutionäre. Tausende und
aber Tausende haben im Kampf gegen den Zarismus ihr Leben gelassen.
Ihr Tod hat neue Streiter wachgerüttelt, und immer breitere Massen
haben sich zum Kampf erhoben.
Den in den Oktobertagen des vorigen Jahres gefallenen Genossen ist
das große Glück des Sieges beschieden. Die größte Ehrung, von der die
revolutionären Führer der Menschheit geträumt haben, wurde ihnen zu-
teil : die Ehrung, daß über die im Kampf heldenmütig gefallenen Genossen
hinweg Tausende und Millionen neuer, ebenso furchtloser Kämpfer ge-
schritten sind, die durch diesen Massenheroismus den Sieg gesichert haben.
In allen Ländern ist heute die Arbeiterschaft erfüllt von Zorn und
Empörung. In einer ganzen Reihe von Ländern zieht die sozialistische
Arbeiterrevolution herauf. Voll Angst und Wut beeilen sich die Kapita-
listen der ganzen Welt, sich zu vereinigen, um den Aufstand niederzu-
ringen. Besonders groß ist ihr Haß auf die Sozialistische Sowjetrepublik
Rußland. Die vereinigten Imperialisten aller Länder rüsten zum Feldzug
gegen uns, neue Schlachten stehen uns bevor, neue Opfer harren unser.
Genossen! Laßt uns das Andenken der Oktoberkämpfer dadurch ehren,
Rede bei der Enthüllung einer Gedenktafel
163
daß wir vor ihrem Denkmal geloben, in ihre Fußtapfen zu treten und es
ihnen gleichzutun in der Furchtlosigkeit, im Heldentum. Ihre Losung
werde unsere Losung, die Losung der aufständischen Arbeiter aller Län-
der. Diese Losung ist: „Sieg oder Tod“.
Und mit dieser Losung werden die Kämpfer der sozialistischen Welt-
revolution des Proletariats unbesiegbar sein.
Ei« kurzer Bericht wurde am
8. November 1918 in den „Wetschemije
Ismestija Moskomskomo Somjeta“ Nr. 93
veröffentlicht.
Zuerst vollständig veröffentlicht Nach dem Manuskript,
am 3. April 1924 in der
„ Praroda “ Nr. 76.
REDE AUF EINER VERANSTALTUNG
DER MITARBEITER DER GESAMTRUSSISCHEN
AUSSERORDENTLICHEN KOMMISSION (TSCHEKA)
7. NOVEMBER 1918
(Stürmischer Beifall.) Genossen! Wir begehen hier den Jahres-
tag unserer Revolution, und aus diesem Anlaß möchte ich auf die schwie-
rige Tätigkeit der Außerordentlichen Kommissionen eingehen.
Es ist durchaus nicht verwunderlich, wenn wir nicht nur von Feinden,
sondern häufig auch von Freunden Ausfälle gegen die Tätigkeit der
Tscheka hören. Fürwahr, wir haben eine schwere Aufgabe übernommen.
Als wir die Leitung des Landes in unsere Hand nahmen, ließ sich natür-
lich nicht vermeiden, daß wir viele Fehler begingen, und es ist auch
natürlich, daß die Fehler der Außerordentlichen Kommissionen am mei-
sten in die Augen springen. Die spießerhafte Intelligenz greift diese Fehler
auf, ohne tiefer in das Wesen der Sache eindringen zu wollen. Was mich
an dem Geschrei über die Fehler der Tscheka wundert, ist die Unfähig-
keit, die Frage im großen Zusammenhang zu sehen. Da werden bei uns
einzelne Fehler der Tscheka herausgegriffen und breitgetreten, da wird
gejammert.
Wir aber sagen: Aus Fehlem lernen wir. Wie auf allen Gebieten, so
sagen wir auch hier, daß wir durch Selbstkritik lernen. Selbstverständlich
geht es hierbei nicht um den Mitarbeiterstab derTscheka, sondern um den
Charakter ihrer Tätigkeit, die Entschlossenheit, rasches Handeln und -
was das wichtigste ist - treue Ergebenheit erfordert. Wenn ich sehe, was
die Tscheka leistet und dies den Angriffen gegenüberstelle, so sage ich :
Das ist doch ein Spießergerede, das keinen Pfifferling wert ist. Es erinnert
mich an Kautskys Predigten über Diktatur, die einer Unterstützung der
Bourgeoisie gleichkommen. Wir jedoch sagen aus Erfahrung, daß die
Enteignung der Bourgeoisie durch schweren Kampf erzielt wird - durch
die Diktatur.
Rede auf einer Veranstaltung der Mitarbeiter der Tsdieka
165
Marx sagte: Zwischen Kapitalismus und Kommunismus liegt die revo-
lutionäre Diktatur des Proletariats. Je mehr das Proletariat die Bour-
geoisie zu Boden drücken wird, um so wütender wird deren Widerstand
sein. Wir wissen, wie man 1848 in Frankreich gegen das Proletariat
gewütet hat, und wenn man uns Härte vorwirft, so ist uns unverständ-
lich, wie die Menschen den elementarsten Marxismus vergessen können.
Wir haben den Aufstand der Offiziersschüler im Oktober nicht vergessen,
und wir dürfen nicht vergessen, daß eine Reihe von Aufständen vor-
bereitet wird. Einerseits müssen wir es lernen, schöpferisch zu arbeiten,
und anderseits müssen wir den Widerstand der Bourgeoisie brechen. Die
finnische Weiße Garde hat sich bei all ihrer »Demokratie“ nicht gescheut,
Arbeiter zu erschießen. In den breiten Massen hat sich der Gedanke fest
verwurzelt, daß die Diktatur, wie hart und schwer sie auch sei, not-
wendig ist. Es ist durchaus begreiflich, daß sich in die Tscheka fremde
Elemente einschleichen. Durch Selbstkritik werden wir sie abschütteln.
Wichtig für uns ist, daß die Tscheka unmittelbar die Diktatur des Prole-
tariats verwirklicht, und in dieser Hinsicht kann ihre Rolle nicht hoch
genug eingesdiätzt werden. Einen anderen Weg zur Befreiung der Massen
als die gewaltsame Niederhaltung der Ausbeuter gibt es nicht. Damit eben
beschäftigen sich die Außerordentlichen Kommissionen, dadurch machen
sie sich um das Proletariat so verdient.
Ein kurzer Bericht wurde am Nach einer Schretbtnasdiinen-
9. November 1918 in den kopie der protokollarischen
Jsmestija WZIK“ Nr. 244 Niederschrift,
veröffentlicht.
REDE AN DIE DELEGIERTEN
DER KOMITEES DER DORFARMUT
DES MOSKAUER GEBIETS
8. NOVEMBER 1918 63
Die Organisierung der Dorfarmut, Genossen, das ist die wichtigste
Frage unseres inneren Aufbaus und sogar die Kernfrage unserer ganzen
Revolution.
Die Oktoberrevolution hat sich die Aufgabe gestellt, die Fabriken und
Werke den Händen der Kapitalisten zu entreißen, um die Produktions-
instrumente in den Gemeinbesitz des Volkes zu überführen und nach
Übergabe des gesamten Grund und Bodens an die Bauern die Landwirt-
schaft nach sozialistischen Prinzipien umzugestalten.
. Der erste Teil, dieser Aufgabe war viel leichter zu bewältigen als der
zweite. In den Städten hatte es die Revolution mit der Großproduktion
zu tun, in der Zehntausende und Hunderttausende Arbeiter beschäftigt
sind. Die Fabriken und Werke gehörten einer kleinen Anzahl von Kapi-
talisten, mit denen die Arbeiter ohne große Schwierigkeiten f ertig wurden.
Die Arbeiter verfügten bereits über langjährige Erfahrungen aus ihrem
früheren Kampf gegen die Kapitalisten, der sie gelehrt hatte, einig, ent-
schlossen und organisiert vorzugehen. Außerdem, eine Fabrik oder ein
Werk braucht nicht aufgeteilt zu werden, wichtig ist nur, daß die gesamte
Produktion im Interesse der Arbeiterklasse und der Bauernschaft organi-
siert wird, daß die Arbeitsprodukte nicht in die Hände der Kapitalisten
gelangen.
Ganz anders verhält es sich mit dem Grund und Boden. Hier bedurfte
es für den Sieg des Sozialismus einer Reihe von Übergangsmaßnahmen.
Aus einer Vielzahl kleiner Bauernwirtschaften kann man unmöglich mit
einem Schlag einen landwirtschaftlichen Großbetrieb machen. Mit einem
Schlag zu erreichen, daß die bisher isoliert voneinander betriebene Land-
wirtschaft zur gesellschaftlichen Wirtschaft wird und die Form einer
Rede an die Delegierten der Komitees der Dorfarmut 167
gesamtstaatlichen Großproduktion annimmt, bei der das ganze werk-
tätige Volk, bei allgemeiner und gleicher Arbeitspflicht, in den gleichen
und gerechten Genuß der Arbeitsprodukte kommt - das mit einem
Schlag in kurzer Zeit zu erreichen ist natürlich unmöglich.
Als die Industriearbeiter in den Städten die Kapitalisten schon end-
gültig gestürzt und das Joch der Ausbeutung abgeworfen hatten, da
fing auf dem Lande der Kampf gegen die Ausbeutung erst richtig an.
N ach der Oktoberrevolution haben wir mit dem Gutsbesitzer restlos auf-
geräumt, wir haben ihm den Boden abgenommen, aber damit war der Kampf
auf dem Lande noch nicht zu Ende. Die Eroberung des Grund und Bodens
ist, wie jede Errungenschaft der Werktätigen, nur dann von Dauer, wenn
sie sich auf die Aktivität der Werktätigen, auf deren eigene Organisation,
auf deren Beharrlichkeit und revolutionäre Standhaftigkeit stützt.
Hatten die Werktätigen Bauern eine solche Organisation?
Leider nicht, und das ist der Grund, die Ursache dafür, daß der Kampf
so schwer ist.
Die Bauern, die sich keiner fremden Arbeit bedienen, sieb nicht auf
Kosten anderer bereichern, werden sich natürlich stets dafür einsetzen,
daß der Grund und Boden allen zu gleichen Teilen zufällt, daß alle arbei-
ten, daß man aus dem Grundbesitz nicht ein Mittel der Ausbeutung
mache und sich zu diesem Zweck möglichst viele Grundstücke aneigne.
Anders die Kulaken und Dorf wucherer, die sich am Krieg gemästet haben,
die die Hungersnot ausgenutzt haben, um das Getreide zu märchenhaften
Preisen zu verkaufen, die das Getreide versteckt haben, um eine weitere
Preissteigerung abzuwarten, und die jetzt danach trachten, sich auf jede
Art und Weise am Unglück des Volkes, am Hunger der armen Bauern im
Dorfe und der Arbeiter in den Städten zu bereichern.
Sie, die Kulaken und Dorfwucherer, sind nicht minder gefährliche
Feinde als die Kapitalisten und die Gutsbesitzer. Und wenn der Kulak
ungeschoren davonkommt, wenn wir die Dorfwucherer nicht bezwingen,
dann werden der Zar und der Kapitalist unvermeidlich wiederkehren.
Die Erfahrungen aller Revolutionen, die es bislang in Europa gegeben
hat, bestätigen anschaulich, daß die Revolution unausbleiblich eine Nieder-
lage erleidet, wenn die Bauernschaft nicht die Macht der Kulaken bricht.
Alle europäischen Revolutionen sind eben darum ergebnislos geblieben,
weil das Dorf nicht verstand, mit seinen Feinden fertig zu werden. Die
Lenin, Werke. Bd. 28
168
W. I. Lenin
Arbeiter in den Städten haben - die~Monarchen gestürzt (in England und
in Frankreich hat man die Könige schon vor einigen hundert Jahren hin-
gerichtet, nur wir haben uns mit unserem Zaren verspätet), und doch
herrschten nach einiger Zeit wieder die alten Zustände, und zwar des-
halb, weil es damals selbst in den Städten noch keine Großproduktion gab,
die Millionen Arbeiter in.Fabriken und Werken vereinigt und zu einem
so starken Heer zusammengeschlossen hätte, das ohne die Unterstützung
durch die Bauern dem Ansturm sowohl der Kapitalisten als auch der
Kulaken hätte standhalten können.
Die: arme Bauernschaft aber war nicht organisiert, selbst hat sie die
Kulaken nur schlecht bekämpft, und infolgedessen erlitt die Revolution
auchin den Städten eine Niederlage.
Jetzt ist die Lage anders. In den letzten zweihundert Jahren hat sich die
Großproduktion so stark entwickelt und alle Länder mit einem so dichten
Netz riesiger Fabriken und Werke mit Tausenden und Zehntausenden
Arbeitern überzogen, daß heute überall in den Städten schon ein großer
Stamm organisierter Arbeiter, eän Stamm des Proletariats, geschaffen
worden ist, und diese Kraft ist stark genug, um den endgültigen Sieg über
die Bourgeoisie, über die Kapitalisten zu erkämpfen.
In den früheren Revolutionär hatten die armen Bauern in ihrem schwe-
ren Kampf gegen die Kulaken niemanden, auf den sie sich hätten stützen
können.
Das organisierte Proletariat, das stärker und erfahrener ist als die
Bauernschaft (die Erfahrung hat es aus seinem früheren Kampf gewon-
nen) , befindet sich heute in Rußland ah der Macht und ist im Besitz aller
Produktionsinstrumente,. aller Fabriken und. Werke, aller Eisenbahnen,
Schiffe usw. -•■■■•
jetzt hat die arme Bauernschaft einen zuverlässigen und starken Bundes-
genossen im Kampf gegen das Kulakentum. Die arme Bauernschaft weiß,
daß die Stadt ihr zur Seite .steht, daß das Proletariat ihr mit allem Ver-
fügbaren helfen wird und tatsächlich schon hilft. Das haben die jüngsten
Ereignisse gezeigt
Genossen, Sie erinnern sich, in was für einer gefährlichen Lage sich die
Revolution-im Juli dieses Jahres befunden hat. Der tschechoslowakische
Aufruhr wuchs immer mehr an,: die Hungersnot in den Städten wurde
immer, größer, und die Kulaken auf dem Lande wurden immer unver-
Rede an die Delegierten der Komitees der Dorfarmut
169
schämter, ihre Angriffe auf die Stadt, auf die Sowjetmacht, auf die Dorf-
armut wurden immer wütender.
Wir riefen die Dorfarmut auf, sich zu organisieren. Wir gingen daran,
Komitees der Dorfarmut aufzubauen und Arbeiterabteilungen für Lebens-
mittelbeschaffung zu organisieren. Die linken Sozialrevolutionäre zettel-
ten einen Aufstand an. Sie sagten, in den Komitees der Dorfarmut säßen
Faulpelze, und die Arbeiter nähmen den werktätigen Bauern das Getreide
weg.
Wir aber erwiderten ihnen, daß sie das Kulakengesindel in Schutz
nehmen, welches verstanden hat, daß man den Kampf gegen die Sowjet-
macht nicht nur mit der Waffe, sondern auch durch Organisierung der
Hungersnot führen kann. Sie sagten: „Faulpelze“, wir aber fragten: Ja,
warum ist denn der eine oder der andere zum „Faulpelz" geworden,
warum ist er verkommen, warum ist er verarmt, warum hat er sich dem
Trunk ergeben? Haben das etwa nicht die Kulaken verschuldet? Die
Kulaken schrien zusammen mit den linken Sozialrevolutionären „Faul-
pelze!“, sie selber aber rafften alles Getreide zusammen, versteckten und
verschoben es, weil sie sich am Hunger und an den Leiden der Arbeiter
bereichern wollten.
Die Kulaken haben den Armen das Mark aus den Knochen gesogen,
sie haben fremde Arbeit ausgebeutet, und zugleich schrien sie „Faulpelze ! “.
Die Kulaken haben mit Ungeduld auf die Tschechoslöwaken gewartet,
sie hätten gern einen neuen Zaren auf den Thron gesetzt; um die Aus-
beutung ungestraft fortzusetzen, um die Landarbeiter wie früher zu
knechten, um sich wie früher zu bereichern.
Und die einzige Rettung bestand darin, daß sich das Dorf mit der
Stadt verbündete, daß die proletarischen und halbproletarischen Elemente
des Dorfes, die keine fremde Arbeit ausbeuten, gemeinsam mit den Ar-
beitern in den Städten den Feldzug gegen die Kulaken und Dorfwucherer
eröffneten.
Bei diesem Zusammenschluß mußte besonders viel für das Emährungs-
wesen getan werden. Die Arbeiterbevölkerung in den Städten litt unsäg-
lich unter dem Hunger, der Kulak aber sagte sich:
Ich werde mein Getreide noch ein Weilchen zurückhalten, dann wird
man wohl noch mehr zahlen.
Die Kulaken haben es natürlich nicht eilig: Geld haben sie genug: sie
170
W. I. Lenin
erzählen selbst, daß sieh die Kerenskirubel bei ihnen geradezu pfundweise
angehäuft haben.
Doch diese Leute, die es fertigbringen, in Hungerszeiten Getreide zu-
rückzuhalten und aufzuspeichern, sind die schlimmsten Verbrecher. Sie
müssen bekämpft werden wie die ärgsten Feinde des Volkes.
Und diesen Kampf haben wir im Dorf begonnen.
Die. Menschewiki und die Sozialrevolutionäre schreckten uns mit der
Spaltung, die wir durch die Organisierung der Komitees der Dorfarmut
ins Dorf tragen werden. Was bedeutet es aber, das Dorf nicht zu spalten?
Das bedeutet, es unter der Herrschaft des Kulaken zu lassen. Aber eben
das wollen wir nicht, und deshalb haben wir uns entschlossen, das Dorf
zu spalten. Wir sagten: Wir verlieren die Kulaken, das stimmt, dieses
Unglück läßt sich nicht verheimlichen (Heiterkeit), aber wir gewin-
nen Tausende und Millionen armer Bauern, die sich auf die Seite der
Arbeiter stellen werden. (Beifall.)
So ist es auch gekommen. Die Spaltung im Dorf hat nur noch klarer
gezeigt, wo die armen Bauern, wo die Mittelbauern stehen, die keine
fremde. Arbeit verwenden, und wo die Dorfwucherer und Kulaken stehen.
Die Arbeiter sind den armen Bauern in ihrem Kampf gegen die Ku-
laken zu Hilfe gekommen und helfen ihnen weiter. Im Bürgerkrieg, der
im Dorfe entbrannt ist, stehen die Arbeiter auf der Seite der armen
Bauernschaft, wie sie auch damals auf ihrer Seite standen, als sie das
Sozialrevolutionäre Gesetz über die Sozialisierung des Grund und Bodens
zur Annahme brachten.
Wir Bolschewiki waren Gegner des Gesetzes über die Sozialisierung
des Grund und Bodens, trotzdem haben wir es unterzeichnet, denn wir
wollten nicht dem Willen der Mehrheit der Bauernschaft entgegenhandeln.
Der Wille der Mehrheit ist für uns stets verbindlich, und diesem Willen
zuwiderhandeln heißt Verrat üben an der Revolution.
Wir wollten der Bauernschaft nicht den ihr fremden Gedanken auf-
zwingen, daß mit der ausreichenden Verteilung des Bodens nichts erreicht
werde. Wir waren der Ansicht, daß es besser ist, wenn die werktätigen
Bauern selbst, am eigenen Leibe, zu spüren bekommen, daß die aus-
gleichende Bodenverteilung Unsinn ist. Erst dann wollten wir sie fragen,
wo sich denn der Ausweg bietet aus dem Ruin, au6 der Vorherrschaft der
Kulaken, dieser Folgeerscheinung der Aufteilung des Grund und Bodens.
Rede an die Delegierten der Komitees der Dorf armut
171
Die Aufteilung war gut nur für den Anfang. Sie mußte zeigen, daß
der Boden den Gutsbesitzern weggenommen wird; daß er an die Bauern
übergeht. Aber das ist nicht genug. Der einzige Ausweg liegt in der ge-
meinschaftlichen. Bodenbestellung.
Diese Erkenntnis fehlte euch, doch das Leben selbst bringt euch zu
dieser Überzeugung. Kommunen, artelmäßige Bodenbestellung, bäuer-
liche Genossenschaften - das ist die Rettung aus den Nachteilen des
Kleinbetriebs, das ist das Mittel zur Hebung und Verbesserung der Wirt-
schaft. zur Einsparung von. Kräften, zum Kampf gegen Kulakentum,
Schmarotzertum und Ausbeutung.
Wir haben wohl gewußt, daß die Bauern leben, als wären sie an der
Scholle festgewachsen: sie scheuen Neuerungen, sie klammern sich zähe
an das Althergebrachte. Wir haben gewußt, daß die Bauern erst dann an
den Nutzen der einen oder anderen Maßnahme glauben werden, wenn
sie diesen Nutzen mit dem eigenen Verstand begreifen, wenn sie ihn ein-
sehenwerden. Und deshalb verhalfen wir ihnen zur Verteilung des Gruiid
und Bodens, obwohl wir uns völlig darüber im klaren waren, daß das
nicht der Ausweg ist
Doch jetzt fangen die armen Bauern selber an, uns zuzustimmen. Das
Leben zeigt ihnen, daß dort, wo, sagen wir, 10 Pflüge erforderlich sind,
weil das Land in 100 Parzellen geteilt ist, man bei kommun betriebener
Wirtschaft mit weniger Pflügen auskommen kann, weil der Boden nicht so
stark zerstückelt ist. Die Kommune erlaubt einem ganzen Artel, einer
ganzen Genossenschaft, in der Wirtschaft Verbesserungen vorzunehmen,
wie sie für die einzelnen Kleineigentümer unerschwinglich sind, usw.
Selbstverständlich wird man nicht mit einem Schlag überall zur gemein-
schaftlichen Bodenbestellung übergehen können. Die Kulaken werden
sich dem in jeder Weise widersetzen, ja auch die Bauern selbst sträuben
sich häufig hartnäckig gegen die Durchführung gemeinwirtschaftlicher
Prinzipien in der Landwirtschaft. Doch je länger und je mehr sich die
Bauernschaft an Beispielen und aus eigener Erfahrung von den Vor-
zügen der Kommunen überzeugt, desto erfolgreicher wird die Sache voran-
kommen.
Dabei sind die Komitees der Dorfarmut von außerordentlicher Bedeu-
tung. Ganz Rußland muß mit einem Netz dieser Komitees überzogen
werden. Die Entwicklung der Komitees der Dorfarmut schreitet schon
172
seit langem intensiv voran. In Petrograd fand dieser Tage ein Kongreß
der Komitees der Dorfarmut des Nordgebiets statt. An Stelle der erwar-
teten 7000 Vertreter waren 20 000 erschienen, und der für die Versamm-
lung bestimmte Saal konnte nicht alle Teilnehmer fassen. Zum Glück war
gutes Wetter, und die Versammlung konnte auf dem Platz vor dem
Winterpalast abgehalten werden.
Dieser Kongreß hat gezeigt, daß man den Bürgerkrieg im Dorfe richtig
versteht: die Dorfarmut vereinigt sich und kämpft geschlossen gegen die
Kulaken, die Reichen und die Dorfwucherer.
Das Zentralkomitee unserer Partei hat einen Plan zur Reorganisierung
der Komitees der Dorfarmut ausgearbeitet, der dem VI. Sowjetkongreß
zur Bestätigung vorgelegt werden wird. Wir haben beschlossen, die Ko-
mitees der Dorfarmut und die Sowjets in den Dörfern nicht gesondert
nebeneinander bestehenzulassen. Sonst wird es Reibereien und zuviel
überflüssiges Gerede geben. Wir werden die Komitees der Dorfarmut
mit den Sowjets verschmelzen, wir werden es so machen, daß diese Komi-
tees zu Sowjets werden.
Wir wissen, daß sich manchmal auch in die Komitees der Dorfarmut
Kulaken einschleichen. Wenn das so weitergeht, wird sich die arme
Bauernschaft zu diesen Komitees genauso verhalten wie zu den Kulaken-
sowjets der Kerenski und Awksentjew. Eine Namensänderung kann nie-
manden täuschen. Daher haben wir Neuwahlen der Komitees der Dorf-
armut in Aussicht genommen. In die Komitees der Dorfarmut zu wählen
ist nur berechtigt,, wer keine fremde Arbeit ausbeutet, wer sich nicht am
Hunger des Volkes bereichert, wer seine Getreideüberschüsse nicht ver-
schiebt und kein Getreide versteckt. Für Kulaken und Dorfwucherer darf
es in den proletarischen Komitees der Dorfarmut keinen Platz geben.
Die Sowjetmacht hat beschlossen, eine Milliarde Rubel an einen Spe-
zialfonds für die Hebung der Landwirtschaft abzuführen. Sämtlichen be-
stehenden und neu entstehenden Kommunen wird finanzielle und tech-
nische Unterstützung erwiesen.
Wenn Fachleute aus den Reihen der Intelligenz benötigt werden, so
schicken wir sie. Sie sind zwar in ihrer Mehrheit Konterrevolutionäre,
aber die Komitees der Dorf armut werden sie einzuspannen verstehen, und
sie werden für das Volk nicht schlechter arbeiten, als sie früher für die
Ausbeuter gearbeitet haben. Überhaupt haben sich unsere Intellektuellen
Rede an die Delegierten der Komitees der Dorfarmut
173
schon davon überzeugen können, daß es ihnen mit Sabotage, mit vorsätz-
licher Schädlingsarbeit nicht gelingen wird, die Arbeitermacht zu stürzen.
Auch den ausländischen Imperialismus fürchten wir nicht. Deutschland
hat sich an der Ukraine schon die Finger verbrannt. Statt der 60 Millionen
Pud Getreide, die es aus der Ukraine auszuführen gedachte, hat es nur
9 Millionen Pud ausgeführt und als Zugabe noch den russischen Bolsche-
wismus, dem es keine besonderen Sympathien entgegenbringt. (Stür-
mischer Beifall.) Am Ende geschieht es auch den Engländern so,
denen wir zurufen können: Paßt nur auf, ihr Herrschaften, daß ihr daran
nicht erstickt! (Heiterkeit und Beifall.)
Indessen besteht noch Gefahr, solange sich unsere Brüder jenseits der
Grenzen noch nicht überall erhoben haben. Deshalb müssen wir fort-
fahren, unsere Rote Armee auszubauen und zu festigen. Ganz besonders
muß dies der Dorfarmut am Herzen liegen, die sich nur unter dem Schutz
unserer Armee mit ihrer inneren Wirtschaft befassen kann.
Genossen, der Übergang zur neuen Wirtschaft wird sich vielleicht lang-
sam vollziehen, aber die gemeinwirtschaftlichen Prinzipien müssen un-
entwegt in die Tat ümgesetzt werden.
Gegen die Kulaken muß ein energischer Kampf geführt werden,, mit
ihnen darf man keinerlei Abmachungen eingehen.
Mit den Mittelbauern können wir Zusammenarbeiten und mit ihnen
zusammen gegen die Kulaken kämpfen. Gegen die Mittelbauern haben
wir nichts. Sie sind wohl keine Sozialisten und werden auch keine wer-
den, doch die Erfahrung wird ihnen die Vorzüge der gemeinschaftlichen
Bodenbestellung beweisen, und die meisten von ihnen werden sich dem
nicht widersetzen.
Doch den Kulaken sagen wir: Auch gegen euch haben wir nichts, aber
liefert eure Getreideüberschüsse ab, verschiebt das Getreide nicht und
beutet keine fremde Arbeit aus. Solange das nicht sein wird, werden wir
erbarmungslos gegen euch kämpfen.
Den Werktätigen nehmen wir nichts, wer aber Lohnarbeit benutzt, wer
sich an anderen bereichert, den enteignen wir restlos. (Stürmischer
Beifall.)
„Bednota“ Nr. 185,
10. November 1918.
Nach dem Text der „Bednota".
TELEGRAMM
AN ALLE DEPUTIERTENSOWJETS,
AN ALLE, AN ALLE
10. XI. 1918
Heute nacht traf aus Deutschland die Nachricht vom Siege der Revolu-
tion in Deutschland ein. Zuerst sandte Kiel einen Funkspruch, daß die
Macht sich dort in den Händen des Arbeiter- und Matrosenrats befindet.
Dann brachte Berlin folgende Meldung:
„Freiheits- und Friedensgruß an alle. Berlin und Umgegend in den
Händen des Arbeiter- und Soldatenrates. Adolph Hoffmann, Landtags-
äbgeordneter. Joffe und Botschaftspersonal kommen sofort zurück.“
Wir bitten, an sämtlichen Grenzstellen alle Maßnahmen zur Benach-
richtigung der deutschen Soldaten zu ergreifen. Aus Berlin kam gleichfalls
die Meldung, daß deutsche Soldaten an der Front die Friedensdelegation
der alten deutschen Regierung verhaftet und selbst Friedensverhandlun-
gen mit französischen Soldaten aufgenommen haben.
Der Vorsitzende des Rats der Volkskommissare
Lenin
„Prawda“ Nr. 244,
12. November 1918.
Nach dem Manuskript
REDE AUF DEM
I. GESAMTRUSSISCHEN ARBEITERINNENKONGRESS 64
19. NOVEMBER 1918
(Die Delegierten begrüßen Genossen Lenin mit lang
anhaltendem Beifall und Ovationen.) Genossinnen! In ge-
wisser Hinsicht kommt dem Kongreß des weiblichen Teils der proleta-
rischen Armee besonders große Bedeutung zu, denn in allen Ländern
waren es die Frauen, die am schwersten in Bewegung gerieten. Es kann
aber keine sozialistische Umwälzung geben, ohne daß ein großer Teil der
werktätigen Frauen daran bedeutenden: Anteil nimmt.
In allen zivilisierten Ländern, selbst in den fortgeschrittensten, befin-
den sich die Frauen in einer solchen Lage, daß man sie nidit umsonst
Haussklavinnen nennt. Kein einziger kapitalistischer Staat, nicht einmal
die freieste Republik, kennt die volle Gleichberechtigung der Frauen.
Aufgabe der Sowjetrepublik ist es, in erster Linie jedwede Einschrän-
kung der Rechte der Frauen aufzuheben. Eine Quelle bürgerlichen
Schmutzes, bürgerlicher Unterdrückung und Erniedrigung - den Ehe-
scheidungsprozeß - hat die Sowjetmacht völlig beseitigt.
Es ist bald ein Jahr her, daß hinsichtlich der Ehescheidung eine völlig
freie Gesetzgebung besteht. Wir haben ein Dekret erlassen, das den
Unterschied in der Stellung des ehelichen und des unehelichen Kindes
sowie eine ganze Reihe von politischen Beschränkungen beseitigt hat. Nir-
gends sonst sind Gleichheit und Freiheit der werktätigen Frauen so voll
verwirklicht.
Wir wissen, daß die ganze Last überlebter Regeln der Frau aus der
Arbeiterklasse aufgebürdet wird.
Unser Gesetz hat zum erstenmal in der Geschichte all das ausgelöscht,
was die Frau entrechtete. Es geht aber nicht nur um das Gesetz. In unse-
176
ren Städten und Industrieorten sieht man. wie sich dieses Gesetz über
die völlige Freiheit der Ehe gut einbürgert, aber auf dem Lande bleibt es
häufig, sehr häufig, nur auf dem Papier. Dort überwiegt bis heute die
kirchliche Ehe. Das ist auf den Einfluß der Geistlichen zurückzuführen ;
dieses Übel ist schwerer zu bekämpfen als die alte Gesetzgebung.
Im Kampf gegen religiöse Vorurteile muß man außerordentlich vor-
sichtig vorgehen; großen Schaden richtet dabei an, wer in diesem Kampf
das religiöse Gefühl verletzt. Der Kampf muß auf dem Wege der Propa-
ganda, der Aufklärung geführt werden. Wenn wir den Kampf mit schar-
fen Methoden führen, können wir die Massen gegen uns aufbringen; ein
solcher Kampf vertieft die Scheidung der Massen nach dem Religions-
prinzip, während unsere Stärke doch in der Einigkeit liegt. Die tiefsten
Quellen religiöser Vorurteile sind Armut und Unwissenheit ; eben diese
Übel müssen wir bekämpfen.
Die Frau befand sich bisher in einer Lage, die man nur als Lage einer
Sklavin bezeichnen kann; die Frau wird durch ihren Haushalt erdrückt,
und aus dieser Lage kann sie nur der Sozialismus erlösen. Nur, wenn wir
von den Kleinwirtschaften zur Gemeinwirtschaft und zur gemeinschaft-
lichen Bodenbestellung übergehen, nur dann wird die volle Befreiung und
Entsklavung der Frauen Tatsache. Das ist eine schwierige Aufgabe, doch
jetzt, wo die Komitees der Dorfarmut gebildet werden, bricht die Zeit
an, da sich die sozialistische Revolution festigt.
Erst jetzt organisiert sich der ärmste Teil der ländlichen Bevölkerung,
und in diesen Organisationen der Dorfarmut erhält der Sozialismus eine
feste Grundlage.
Früher war es häufig so, daß die Stadt revolutionär wurde und erst
danach das Dorf in Aktion trat.
Die jetzige Umwälzung stützt sich auf das Dorf, und darin liegt ihre
Bedeutung und ihre Stärke. Wir wissen aus der Erfahrung sämtlicher Be-
freiungsbewegungen, daß der Erfolg einer Revolution davon abhängt, in-
wieweit die Frauen an ihr teilnehmen. Die Sowjetmacht tut alles, damit
die Frau ihre proletarische sozialistische Arbeit selbständig leisten kann.
Die Sowjetmacht befindet sich insofern in einer schwierigen Lage, als die
Imperialisten aller Länder Sowjetrußland hassen und es mit Krieg über-
ziehen wollen, weil es in einer ganzen Reihe von Ländern den Brand der
Revolution entfacht und entscheidende Schritte zum Sozialismus getan hat.
Rede auf dem I. Gesamtrussischen Arbeiterinnenkongreß
177
Jetzt, wo sie das revolutionäre Rußland zerschlagen wollen, beginnt
ihnen selbst der Boden unter den Füßen heiß zu werden. Sie wissen, wie
in Deutschland die revolutionäre Bewegung wächst. In Dänemark kämp-
fen die Arbeiter gegen die Regierung. In der Schweiz und in Holland
verstärkt sich die revolutionäre Bewegung. In diesen kleinen Ländern hat
sie zwar keine selbständige Bedeutung, sie ist jedoch deshalb besonders
kennzeichnend, weil es in diesen Ländern keinen Krieg gegeben hat und
weil dort die demokratischste „Rechtsordnung bestand. Wenn solche
Länder in Bewegung geraten, so gibt das die Gewißheit, daß die ganze
Welt von der revolutionären Bewegung erfaßt wird.
Bis heute hat noch keine Republik die Frau zu befreien vermocht. Die
Sowjetmacht hilft der Frau. Unsere Sache ist unbesiegbar, denn in allen
Ländern erhebt sich die unbesiegbare Arbeiterklasse. Diese Bewegung
bedeutet das Anwachsen der unbesiegbaren sozialistischen Revolution.
(Anhaltender Beifall. Gesang der „Internationale“.)
Ein Zeitungsbericht wurde am Nach einer Schreibmaschinen-
20. November 1918 in den kopie der protokollarischen
„Ismestija WZIK“ Nr. 253 Niederschrift, verglichen mit
veröffentlicht. dem Text der Zeitung.
REDE IN DER ZUR EHRUNG W. I. LENINS
EINBERUFENEN VERSAMMLUNG VOM
20. NOVEMBER 191 8 65
Kurzer Zeitungsbericht
(Genosse Lenin wurde mit stürmischem Beifall be-
grüßt, der in eine Ovation überging.) Genossen! Ich möchte
einige Worte anläßlich eines Briefes sagen, der in der heutigen Nummer
der „Prawda“ veröffentlicht worden ist. Dieser Brief entstammt der Feder
Pitirim Sorokins, eines angesehenen Mitglieds der Konstituierenden Ver-
sammlung und der Partei der rechten Sozialrevolutionäre. Sorokin wendet
sich in diesem Brief an seine Wähler mit der Erklärung, daß er sein Man-
dat als Mitglied der Konstituierenden Versammlung niederlegt und nicht
mehr am politischen Leben teilnehmen will. Dieser Brief ist nicht nur
außerordentlich aufschlußreich als rein „menschliches Dokument“, er hat
auch große politische Bedeutung.
Bekanntlich war Pitirim Sorokin führender Mitarbeiter an der Zeitung
der rechten Sozialrevolutionäre „Wolja Naroda“ 66 , die Hand in Hand
mit den Kadetten ging. Dieses Geständnis in einem für die Öffentlichkeit
bestimmten Brief ist ein Zeichen für die große Wendung, den Um-
schwung, der sich in den Kreisen vollzieht, die sich bisher zur Sowjet-
macht ausgesprochen feindlich verhalten haben. Wenn Pitirim Sorokin
sagt, die Politik mancher Persönlichkeiten sei in vielen Fällen gesellschaft-
lich schädlich, so beweist das, daß er endlich offen und ehrlich zugibt, daß
die ganze Politik der rechten Sozialrevolutionäre gesellschaftlich schädlich
gewesen ist.
Im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen haben viele Vertreter
dieser Partei zu begreifen begonnen, daß die Zeit anbricht, da klar zutage
tritt, wie richtig die bolschewistische Linie ist und daß alle Fehlspekulatio-
nen und Irrtümer ihrer unversöhnlichen Feinde enthüllt werden.
Rede in der zur Ehrung W. 1. Lenins einberufenen Versammlung 179
Sorokins Brief beweist, daß wir heute bei einer ganzen Reihe uns feind-
lich gesinnter Gruppen zumindest mit einer neutralen Haltung zur So-
wjetmacht rechnen können. Viele hat der ungeheuerliche Brester Frieden
von uns abgestoßen, viele haben nicht an die Revolution geglaubt, und
viele haben hoch und heilig auf die lauteren Bestrebungen der Alliierten
geschworen ; jetzt jedoch hat sich all das enthüllt, und ein jeder sieht, daß
die vielgerühmten Alliierten, die Deutschland noch ungeheuerlichere Frie-
densbedingungen diktiert haben, als es die Brester Bedingungen waren,
ebensolche Räuber sind wie die deutschen Imperialisten.
Bekanntlich sind die Alliierten Anhänger des monarchistischen Regimes
in Rußland; in Archangelsk zum Beispiel unterstützen sie aktiv die Mon-
archisten. Die Engländer marschieren gegen Rußland, um den Platz der
geschlagenen deutschen Imperialisten einzunehmen. All das hat selbst den
verstocktesten und unwissendsten Gegnern der Revolution die Augen
geöffnet.
Bis jetzt haben viele in ihrer Verblendung an die Konstituierende Ver-
sammlung geglaubt, wir aber haben stets gesagt, daß die Konstituierende
Versammlung die Losung der Gutsbesitzer, der Monarchisten ist, die
Losung der gesamten russischen Bourgeoisie, an ihrer Spitze Miljukow,
der Rußland nach rechts und nach links an den Meistbietenden ver-
schachert.
Die amerikanische „Republik“ würgt die Arbeiterklasse. Jetzt hat ein
jeder erkannt, was eine demokratische Republik ist. Jetzt ist es allen klar,
daß es nur den Sieg des Imperialismus oder die Sowjetmacht geben kann-
ein Mittelding gibt es nicht. (Die Rede des Genossen Lenin
wurde wiederholt von stürmischen Ovationen unter-
brochen.)
„ Prawda “ Nr. 253, Nach dem Text der „ Pramda ".
22. November 1918.
WERTVOLLE EINGESTÄNDNISSE
PITIRIM SOROKINS
Die „Prawda“ bringt heute einen äußerst interessanten Brief Pitirim
Sorokins, auf den man die besondere Aufmerksamkeit aller Kommunisten
lenken muß. In diesem Brief, der in den „Iswestija Sewero-Dwinskowo
Ispolnitelnowo Komiteta" 67 veröffentlicht worden ist, gibt Pitirim Sorokin
seinen Austritt aus der Partei der rechten Sozialrevolutionäre und die
Niederlegung seines Mandats als Mitglied der Konstituierenden Versamm-
lung bekannt. Die Beweggründe des Autors laufen darauf hinaus, daß er
weder anderen Leuten noch sich selbst Rettung bringende politische Re-
zepte zu geben weiß und darum „jeder Politik entsagt“. „Das verflossene
Jahr der Revolution“, schreibt Pitirim Sorokin, „hat mich die eine Er-
kenntnis gelehrt: Politiker können irren, Politik kann gesellschaftlich
nützlich, aber auch gesellschaftlich schädlich sein; auf wissenschaftlichem
Gebiet und für die Volksbildung wirken ist dagegen immer nützlich, ist
für das Volk immer notwendig . - Unterzeichnet ist das Schreiben: „Pi-
tirim Sorokin, Privatdozent an der Universität Petersburg und am Psycho-
neurologischen Institut, ehemaliges Mitglied der Konstituierenden Ver-
sammlung und ehemaliges Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre.“
Dieser Brief verdient vor allem Beachtung als außerordentlich auf-
schlußreiches „menschliches Dokument“. Nicht allzuoft begegnet man
solcher Aufrichtigkeit und Geradheit wie der, mit der P. Sorokin die
Fehlerhaftigkeit seiner Politik eingesteht Versuchen doch in den meisten
Fällen Politiker, die sich von der Unrichtigkeit ihrer Linie überzeugt
haben, ihre Wendung irgendwie zu verbergen, zu vertuschen, sich mehr
oder minder nebensächliche Beweggründe „auszudenken“ usw. Das offene
und ehrliche Eingeständnis eines politischen Fehlers ist schon an und für
sich ein bedeutsamer politischer Akt. Pitirim Sorokin hat unrecht, wenn
Wertvolle Eingeständnisse Pitirim Sorokins
181
er schreibt, die Arbeit auf wissenschaftlichem Gebiet sei „immer nütz-
lich“. Denn Fehler gibt es auch auf diesem Gebiet; Beispiele einer beharr-
lichen Propaganda reaktionärer - sagen wir - philosophischer Ansichten
durch Leute, die anerkanntermaßen keine Reaktionäre sind, gibt es auch
in der russischen Literatur. Anderseits ist die offene Erklärung einer im
öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit, d. h. eines Mannes, der einen
verantwortlichen politischen Posten in einer im ganzen Volk bekannten
Einrichtung innegehabt hat, die Erklärung, daß er der Politik entsagt,
ebenfalls Politik. Das ehrliche Eingeständnis ein» politischen Fehlers
bringt vielen Leuten größten politischen Nützen, wenn es sich um einen
Fehler handelt, den ganze Parteien geteilt haben, die seinerzeit in den
Massen Einfluß hatten.
Die politische Bedeutung des Briefes von Pitirim Sorokin ist gerade
jetzt außerordentlich groß. Der Brieferteilt uns allen eine „Lektion“, die
man gut durchdenken und sich zu eigen machen muß.
Jeder Marxist weiß schon seit langem, daß in jeder kapitalistischen
Gesellschaft nur das Proletariat und die Bourgeoisie als die entscheiden-
den Kräfte auftreten können, während alle zwischen diesen Klassen ste-
henden sozialen Elemente, die ökonomisch unter die Kategorie Klein-
bürgertum fallen, unvermeidlich zwischen diesen entscheidenden Kräften
hin und her schwanken. Aber zwischen der Anerkennung dieser Wahrheit
in Büchern und der Fähigkeit, in der komplizierten praktischen Wirklich-
keit die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu ziehen, ist ein himmel-
weiter Unterschied.
Pitirim Sorokin ist Repräsentant einer außerordentlich breiten gesell-
schaftlichen und politischen Strömung, der menschewistisch-sozialrevolu-
tionären. Daß das eine Strömung ist, daß der Unterschied zwischen
Menschewiki und Sozialrevolutionären vom Gesichtspunkt ihrer Einstel-
lung zum Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat unwesentlich ist,
das haben die Ereignisse der russischen Revolution seit Februar 1917 be-
sonders überzeugend und besonders anschaulich bewiesen. Menschewiki
und Sozialrevolutionäre sind Spielarten der kleinbürgerlichen Demokra-
tie - das ist das ökonomische Wesen und die grundlegende politische
Charakteristik dieser Strömung. Aus der Geschichte der fortgeschrittenen
Länder weiß man, wie häufig sich diese Strömung in ihrer Jugendzeit
einen „sozialistischen“ Anstrich gibt.
182
W. I. Lenin
Es fragt sich, was hat die Repräsentanten dieser. Strömung vor einigen
Monaten so besonders stark von den Bolsdiewiki, von der proletarischen
Revolution abgestoßen, und was ruft heute.ihre Wendung von der Feind-
schaft zur Neutralität hervor? Es ist völlig klar, daß die Ursache der
Wendung erstens im Zusammenbruch des deutschen Imperialismus liegt,
in Verbindung mit der Revolution in Deutschland und in anderen Ländern
sowie mit der Entlarvung des englischen und französischen Imperialismus ;
zum anderen in der Zerstörung der bürgerlich-demokratischen Illusionen.
Verweilen wir bei der ersten Ursache. Der Patriotismus ist eins der
tiefsten Gefühle, das durch die Jahrhunderte- und jahrtausendelange ge-
trennte Existenz der verschiedenen Vaterländer eingewurzelt ist.. Eine
besonders große, man kann wohl sagen, außerordentlich große Schwierig-
keit unserer proletarischen Revolution bestand darin, daß sie eine Periode
schroffster Diskrepanz zum Patriotismus, die. Periode des Brester Frie-
dens durchmachen mußte. Der Gram, die Erbitterung und die wütende
Empörung, die dieser Frieden hervorgerufen hatte, sind begreiflich, und
es versteht sich von selbst: wir Marxisten konnten nur bei der klassen-
bewußten Vorhut des Proletariats Verständnis dafür erwarten, daß wir
dem höheren Interesse der proletarischen Weltrevolution größte nationale
Opfer bringen und bringen müssen. Die nichtmarxistischen Ideologen und
die breiten werktätigen Massen, die nicht zum Proletariat gehören, das
durch eine lange Schule der Streiks und der Revolution gegangen ist, wo-
her sollten sie die feste Überzeugung nehmen, daß diese Revolution
heranreift, woher die bedingungslose Ergebenheit für die Revolution? Im
besten Falle schien ihnen unsere Taktik eine Phantasterei, Fanatismus, ein
Abenteuer zu sein, ein Verzicht auf die Wahrnehmung der unmittelbar-
sten realen Interessen der Hunderte Millionen, der Volksmassen, um eines
abstrakten,. utopischen oder zweifelhaften Höffens willen auf etwas, was
in anderen Ländern eintreten werde. Und seiner ökonomischen Stellung
nach ist das Kleinbürgertum patriotischer gesinnt sowohl verglichen mit
der Bourgeoisie als auch mit dem Proletariat.
Es ist so gekommen, wie wir gesagt haben.
Der deutsche Imperialismus, von dem manche glaubten, er sei der ein-
zige Feind, ist zusammengebrochen. Die. deutsche Revolution, die man-
chem (um einen bekannten Ausdruck Plechanows zu gebrauchen) ein
„Mittelding zwischen Traum und Komödie“ zu sein schien, ist Tatsache
Wertvolle Eingeständnisse Pitirim Sorokins
183
geworden. Der englisch-französische Imperialismus, der sich in der Phan-
tasie der kleinbürgerlichen Demokraten als Freund der Demokratie, als
Verteidiger der Unterdrückten ausnähm, hat sich in Wirklichkeit als eine
Bestie entpuppt, die der deutschen Republik und den Völkern Österreichs
Bedingungen aufgezwungen hat, schlimmer, als es die Brester waren; als
eine Bestie, die die Truppen der „freien“ Republikaner, der Franzosen
und der Amerikaner, als Gendarmen und Henker, als Würger der Un-
abhängigkeit und Freiheit der kleinen und schwachen Nationen verwen-
det. Die Weltgeschichte hat diesen Imperialismus mit schonungsloser
Gründlichkeit und Offenheit entlarvt. Den russischen Patrioten, die von
nichts außer den unmittelbaren (und im alten Sinne verstandenen) Vor-
teilen für ihr Vaterland wissen wollten, haben die weltgeschichtlichen Tat-
sachen gezeigt, daß die Umwandlung unserer russischen Revolution in
eine sozialistische kein Abenteuer, sondern eine Notwendigkeit war, weil
es keine andere Wahl gab: wem die sozialistische Weltrevolution, wenn
der Weltbolschewismus nicht siegt, so wird der englisch-französische und
der amerikanische Imperialismus die Unabhängigkeit und Freiheit Ruß-
lands unvermeidlich abwürgen.
Tatsachen sind ein hartnäckig Ding, sagt ein englisches Sprichwort. Wir
mußten in den letzten Monaten Tatsachen erleben, die einen gewaltigen
Umschwung in der ganzen Weltgeschichte bedeuten. Diese Tatsachen
zwingen die kleinbürgerlichen Demokraten Rußlands, trotz ihres durch
den ganzen Verlauf unseres innerparteilichen Kampfes großgezogenen
Hasses gegen den Bolschewismus, von der Feindseligkeit gegen den Bol-
schewismus zunächst zur Neutralität und dann zu seiner Unterstützung
überzugehen. Jene objektiven Verhältnisse, die diese demokratischen Pa-
trioten besonders stark von uns abgestoßen haben, bestehen nicht mehr.
Die jetzt eingetretenen internationalen objektiven Verhältnisse zwingen
sie, sich uns zuzuwenden. Die Wendung Pitirim Sorokins ist keineswegs
ein Zufall, sondern ein Ausdruck der unvermeidlichen Wendung einer
ganzen Klasse, der ganzen kleinbürgerlichen Demokratie. Der. ist kein
Marxist, der ist ein schlechter Sozialist, der dies nicht zu berücksichtigen
und auszunutzen versteht.
Weiter. Der Glaube an die universelle, alleinseligmachende Wirkung
der „Demokratie“ überhaupt und das Unverständnis dafür, daß diese
Demokratie eine in ihrer Nützlichkeit, in ihrer Notwendigkeit historisch
13 Lenin. Werke, Bd. 28
184
W. I. Lenin
begrenzte bürgerliche Demokratie ist, haben sich in allen Ländern jahr-
zehnte- und jahrhundertelang gehalten, besonders zäh aber im Klein-
bürgertum. Der Großbourgeois ist mit allen Wassern gewaschen, er weiß',
daß die demokratische Republik, wie jede andere Staatsform im Kapitalis-
mus, nichts als eine Maschine zur Unterdrückung des Proletariats ist. Der
Großbourgeois weiß das aus seiner intimsten Bekanntschaft mit den wirk-
lichen Führern und den zuinnerst liegenden (und deshalb oft verborgen-
sten) Triebfedern einer jeden bürgerlichen Staatsmaschinerie. Der Klein-
bürger ist seiner ganzen ökonomischen Stellung, seinen ganzen Lebens-
bedingungen nach weniger befähigt, diese Wahrheit zu erkennen; er gibt
sich sogar, der Illusion hin, die demokratische Republik bedeute „reine
Demokratie“, einen „freien Volksstaat“, eine außerhalb der Klassen oder
über den Klassen stehende Volksmacht, reine Willensäußerung des Volkes
und so weiter und dergleichen mehr. Die Zählebigkeit dieser Vorurteile
des kleinbürgerlichen Demokraten wird unvermeidlich dadurch hervor-
gerufen, daß er dem Klassenkampf in seiner ganzen Schärfender Börse,
der „wirklichen“ Politik ferner steht, und es wäre völlig unmarxistisch,
wollte man erwarten, daß diese Vorurteile binnen kurzer Zeit und aus-
schließlich durch Propaganda auszurotten wären.
Aber die Weltgeschichte stürmt jetzt mit so wilder Hast voran und
zerstört alles Hergebrachte, alles Alte mit so wuchtigen Hammerschlägen,
durch Krisen von so unerhörter Schärfe, daß selbst die zählebigsten Vor-
urteile nicht standhalten. Bei einem „Demokraten überhäupt“ mußte ganz
natürlich und unvermeidlich der naive Glaube an die Konstituante, die
naive Gegenüberstellung von „reiner Demokratie“ und „proletarischer
Diktatur“ entstehen. Aber das, was die „Konstituante-Enthusiasten“ in
Archangelsk und in Samara, in Sibirien und im Süden erlebt haben, mußte
unweigerlich selbst die zählebigsten Vorurteile zerstören. Wilsons ideali-
sierte demokratische Republik entpuppte sich in Wirklichkeit als eine
Form des wütendsten Imperialismus, der schamlosesten Unterdrückung und
Erdrosselung derschwadien und kleinen Völker. Der Durchs<hnitts„demo-
krat“ überhaupt, der Menschewik und der Sozialrevolutionär, dachte;
„Wozu haben wir diesen angeblich höheren Staatstypus, diese Sowjet-
macht nötig! Gebe Gott, daß wir eine gewöhnliche demokratische Repu-
blik bekommen!“ Und natürlich hätte in „gewöhnlichen“, verhältnismäßig
friedlichen Zeiten eine derartige „Hoffnung“ jahrzehntelang vorgehalten.
Wertvolle Eingeständnisse Pitirim Sorokins
185
Jetzt dagegen erbringen der Gang der Ereignisse in der ganzen Welt
und die so grausamen Lehren aus dein Bündnis, aller Monarchisten Ruß-
lands mit dem englisch-französischen und dem amerikanischen Imperialis-
mus den praktischen Beweis dafür, daß die demokratische Republik eine
bürgerlich-demokratische Republik ist, die, gemessen an, den vom Im-
perialismus auf die Tagesordnung der Weltgeschichte gesetzten Fragen,
schon veraltet ist; - daß es keine andere Wahl gibt: entweder siegt in
allen fortgeschrittenen Ländern der Welt die Sowjetmacht, oder es siegt
der reaktionärste, der brutalste englisch-amerikanische Imperialismus, der
alle kleinen und schwachen Völker erdrosselt,' in der ganzen Welt die
Reaktion wiederherstellt und der ausgezeichnet gelernt hat, die Form der
demokratischen Republik auszunutzen.
Entweder - oder.
Ein Mittelding gibt es nicht. Noch vor kurzem galt diese Auffassung als
blinder Fanatismus der Bolschewiki. .
Aber gerade so ist es gekommen.
Wenn Pitirim Sorokiri sein Mandat als Mitglied der Konstituierenden
Versammlung niedergelegt hat, so ist das kein Zufall, sondern ein An-
zeichen für die Wendung einer ganzen Klasse, der gesamten kleinbürger-
lichen Demokratie. Eine Spaltung in ihren Reihen ist unvermeidlich: ein
Teil wird auf unsere Seite übergehen, ein Teil wird neutral bleiben, und
ein Teil wird sich bewußt den monarchistischen Kadetten anschließen, die
Rußland an das englisch-amerikanische Kapital verkaufen; die die Revo-
lution mit fremden Bajonetten niederringen wollen. Diese Wendung in
der mehschewistischen und Sozialrevolutionären Demokratie von der
Feindschaft gegen den Bolschewismus zunächst zur Neutralität und dann
zu seiner Unterstützung zu würdigen und auszunutzen verstehen ist eine
der aktuellsten Aufgaben.
Jede Losung, die die Partei in' die Massen wirft, hat die Eigenschaft zu
erstarren, ihren lebendigen Inhalt zu verlieren und für viele auch dann
noch gültig zu bleiben, wenn sich die Umstände, die diese Losung not-
wendig machten, geändert haben. Dieses Übel ist unvermeidlich, und
wenn man nicht gelernt hat, es zu bekämpfen und zu überwinden, dann
läßt sich unmöglich eine richtige Politik der Partei gewährleisten. Jene
Periode unserer proletarischen Revolution, in der sie besonders schroff mit
der menschewistisdien und Sozialrevolutionären Demokratie auseinander-
W.I. Lenin
ging, war historisch notwendig; als diese Demokraten ins Lager unserer
Feinde hinüberschwenkten und an die Wiederaufrichtung der bürgerlichen
und imperialistischen demokratischen Republik gingen, mußten sie aufs
schärfste bekämpft werden. Nunmehr sind die Losungen dieses Kampfes
vielfach erstarrt und verknöchert und behindern eine richtige Einschätzung
und zweckentsprechende Ausnutzung der neuen Situation, wo in dieser
Demokratie eine neue Wendung eingesetzt hat, eine Wendung nach un-
serer Seite hin, eine Wendung, die nicht zufällig ist, sondern zutiefst in
den Bedingungen der gesamten internationalen Lage wurzelt.
Es genügt nicht, diese Wendung zu unterstützen und den sich uns Zu-
wendenden freundschaftlich zu begegnen. Ein -Politiker, der sich seiner
Aufgaben bewußt ist, muß es lernen, diese Wendung in den einzelnen
Schichten und Gruppen der breiten kleinbürgerlichen demokratischen
Masse hervorzurufen, wenn er sich davon überzeugt hat, daß für eine
derartige Wendung ernste und tiefere geschichtliche Ursachen vorhanden
sind. Der revolutionäre Proletarier muß. wissen, wer niederzuhalten ist
und - mit wem - wann und wie - man es verstehen muß, eine Verständi-
gung herbeizuführen. Es wäre lächerlich und absurd, wollte man in bezug
auf die Gutsbesitzer und Kapitalisten mitsamt ihren Trabanten,, die Ruß-
land an die ausländischen „alliierten“ Imperialisten verkaufen, auf Terror
und Niederhaltung verzichten. Es wäre eine Komödie, sie „überzeugen"
und überhaupt „psychologisch beeinflussen“ zu wollen. Aber ebenso ab?
surd und lächerlich, wenn nicht noch absurder und lächerlicher wäre es,
gegenüber der kleinbürgerlichen Demokratie einzig und allein auf der
Taktik der Niederhaltung und des Terrors zu beharren, wenn der Lauf
der Dinge sie zwingt, sich uns zuzuwenden.
Mit einer- derartigen Demokratie hat es das Proletariat allenthalben zu
tun. Auf dem Lande ist es unsere Aufgabe, den Gutsbesitzer zu vernich-
ten, den Widerstand des Kulaken, des Ausbeuters und Spekulanten, zu
brechen; eine feste Stütze besitzen wir dabei nur an den Halbproletariem,
an der „Dorfarmut“. Doch der Mittelbauer ist nicht unser Feind. Er hat
geschwankt, er schwankt und wird schwanken; die Aufgabe, auf die
Schwankenden einzuwirken, ist aber nicht identisch mit der Aufgabe, den
Ausbeuter niederzuwerfen und den aktiven Gegner zu besiegen. Man
muß es verstehen, mit dem Mittelbauern eine Verständigung zu erzielen,
dabei keinen Augenblick. lang auf den Kampf gegen den Kulaken verzieh-
Wertvolle Eingeständnisse
Sorokins
187
ten und sich nur fest und sicher auf die Dorfarmut stützen - das ist die
aktuelle Aufgabe, denn gerade jetzt ist infolge der oben angeführten Ur-
sachen eine Wendung in der Mittelbauemschaft zu uns hin unausbleiblich.
Dasselbe gilt auch vom Heimgewerbetreibenden sowie vom Hand-
werker und von jenem Arbeiter, der in kleinbürgerlichen Verhältnissen
lebt oder am stärksten kleinbürgerliche Ansichten bewahrt hat, das gilt
auch von vielen Angestellten, von den Offizieren und insbesondere von
der Intelligenz schlechthin. Zweifellos ist man in unserer Partei häufig
unfähig, die Wendung in diesen Schichten auszunutzen, und zweifellos
kann und muß diese Unfähigkeit überwunden und in ihr Gegenteil ver-
wandelt werden.
Wir haben bereits eine feste Stütze in der gewaltigen Mehrheit der
gewerkschaftlich organisierten Proletarier. Man muß es verstehen, die am
wenigsten proletarischen, die am meisten kleinbürgerlichen Schichten der
Werktätigen, die sich uns zuwenden, für uns zu gewinnen, sie- in die Ge-
samtorganisation einzubeziehen und der allgemeinen proletarischen Diszi-
plin zu unterwerfen. Die Losung des Tages ist nicht ihre Bekämpfung,
sondern ihre Gewinnung, die Fähigkeit, auf sie einzuwirken, die Schwan-
kenden zu überzeugen, die Neutralen äuszuriutzen und jene, die sich von
den „Konstituante'-Illusionen oder den „patriotisch-demokratischen“ Illu-
sionen frei gemacht oder sie erst ganz vor kurzem zu überwinden begon-
nen haben, durch den Einfluß der proletarischen Massen zu erziehen.
Wir haben bereits in den werktätigen Massen eine hinlänglich feste
Stütze. Der VI. Sowjetkongreß hat das besonders anschaulich gezeigt. Die
bürgerlichen Intellektuellen fürchten wir nicht, und gegen die böswilligen
Saboteure und Weißgardisten unter ihnen werden wir keinen Augenblick
lang den Kampf abschwächen. Aber die Losung des Tages ist, die Wen-
dung in ihren Reihen zu uns hin auszunutzen verstehen. Es gibt bei uns
noch eine ganze Menge übelster Vertreter der bürgerlichen Intelligenz,
die sich bei der Sowjetmacht „angebiedert“ haben: sie davonjagen, sie
durch Intellektuelle ersetzen, die uns gestern noch bewußt feindlich ge-
sinnt waren und sich heute bloß neutral verhalten, ist eine unserer dring-
lichsten Aufgaben, die Aufgabe sämtlicher Sowjetfunktionäre, die mit der
„Intelligenz“ in Berührung kommen, die Aufgabe aller Agitatoren, Pro-
pagandisten und Organisatoren.
Natürlich erfordert eine Verständigung mit den Mittelbauern, mit den
188
W. 1. Lenin
Arbeitern, die gestern noch mit den Menschewiki gingen, mit den An-
gestellten oder Intellektuellen, die gestern noch Sabotage getrieben haben,
großes Geschick, wie eben jede politische Aktion in einer komplizierten
und sich stürmisch verändernden Situation. Es geht vor allem darum, sich
nicht mit dem zufriedenzugeben, was wir durch unsere bisherige Erfah-
rung gelernt haben, sondern unbedingt weiter zu gehen, unbedingt mehr
zu erstreben, unbedingt von den leichteren zu den schwierigeren Auf-
gaben überzugehen. Sonst ist überhaupt kein Eörtsdiritt, auch kein Fort-
schritt im sozialistischen Aufbau möglich.
Dieser Tage haben mich Vertreter des Kongresses der Bevollmächtigten
der Kreditgenossenschaftler aufgesucht. Sie zeigten mir die Resolution
ihres Kongresses 68 , die sich gegen die Versdmelzüng der Kreditgenossen-
schaftsbank mit der Volksbank der Republik wendet. Ich'habe ihnen ge-
sagt, daß ich für eine Verständigung mit den Mittelbauern bin und selbst
den Beginn einer Wendung der Genossenschaftler von der Feindschaft
zur Neutralität gegenüber den Bolschewiki sehr hoch zu schätzen weiß,
daß aber die Basis für eine Verständigung erst durch ihre Zustimmung
zur völligen Verschmelzung dieser besonderen' Bank mit der Einheitsbank
der Republik geschaffen wird. Die Kongreßvertreter ersetzten hierauf
ihre Resolution durch eine andere, die sie auch auf dem Kongreß durch-
brachten ; in dieser Resolution hatten sie alles gegen die Verschmelzung
Gesagte gestrichen, aber .. . aber den Plan eines besonderen „Kredit-
verbandes“ der Genossenschaftler aufgestellt, eines Verbandes, der sich
praktisch in nichts von einer besonderen Bank unterscheidet! Das ist
einfach lachhaft. Mit solcher Wortklauberei kann man selbstverständlich
nur einen Narren abspeisen und irreführen. Doch der „Mißerfolg“ eines
dieser . . . „Versuche“ wird unsere Politik nicht im geringsten erschüttern-
den Genossenschaftlern, der Mittelbauernschaft gegenüber haben wir eine
Verständigungspolitik durchgeführt und werden sie auch weiterhin durch-
führen, wobei wir jeden Versuch, die Linie der Sowjetmacht und des so-
zialistischen Sowjetaufbaus zu verändern, vereiteln werden.
Schwankungen sind bei den kleinbürgerlichen Demokraten unvermeid-
lich. Kaum hatten die Tschechoslowaken einige Siege errungen, als diese
Demokraten auch schon in Panik gerieten, Panikstimmung verbreiteten,
zu den „Siegern“ überliefen oder bereit, waren, sie unterwürfig zu be-
grüßen. Natürlich würden auch jetzt - das dürfen wir keinen Augenblick
Wertvolle Eingeständnisse Pitirim Sorokins
189
lang vergessen - Teilerfolge, sagen wir, der englisch-amerikanisch-Kras-
nowsdien Weißgardisten genügen, um ein Schwanken nach deren Seite
hin auszulösen, die Panik würde sich verstärken, die Fälle von Panik-
macherei, von Verrat und Desertion zu den Imperialisten usw. usf . wür-
den sich mehren.
Das wissen wir, und das werden wir nicht vergessen. Unsere Errungen-
schaft, die rein proletarische Basis der von den Halbproletariern unter-
stützten Sowjetmacht, wird unveränderlich fest bleiben. Unsere Streit-
macht wird fest und unerschütterlich stehen, unsere Armee wird nicht
wanken - das wissen wir schon aus Erfahrung. Jetzt aber, wo tiefst-
greifende welthistorische Veränderungen in den Massen der parteilosen,
menschewistischen und Sozialrevolutionären .Demokratie die unvermeid-
liche Wendung zu uns hin hervorrufen, müssen und werden wir lernen,
diese Wendung auszunutzen, sie zu unterstützen, sie in den entsprechen-
den Gruppen und Schichten hervorzurufen und alles in unseren Kräften
Stehende tun, um eine Verständigung mit diesen Elementen herbeizufüh-
ren und dadurch das sozialistische Aufbauwerk zu fördern und die Lasten
der qualvollen Zerrüttung, der Unwissenheit und Unbeholfenheit zu er-
leichtern, die den Sieg des Sozialismus verzögern.
Geschrieben am 20. November 1918.
Veröffentlicht am 21. November 1918 Nach dem Text der „ Prawda ".
in der „Prawda" Nr. 252.
Untersdhriff.N. Lenin.
REDE AM „TAG DES ROTEN OFFIZIERS“
24. NOVEMBER 1918 69
(Stürmischer Beifall, Gesang der „Internationale“.)
Ich begrüße Sie im Namen der Volkskommissare, sagt Lenin. Wenn ich
an die Aufgaben unserer Armee und der roten Offiziere denke, fällt mir
eine Episode ein, die ich vor nicht ällzulanger Zeit in einem Wagen der
Finnischen Eisenbahn miterlebt habe.
Ich bemerkte, daß einige Passagiere, die einem alten Mütterchen zu-
hörten, über etwas lächelten, und bat, mir zu übersetzen, was sie gesagt
hatte. Die alte Finnin hatte die Soldaten, wie sie früher waren, mit den
revolutionären Soldaten verglichen und sagte, daß jene die Interessen
der Bourgeoisie und der Gutsbesitzer, diese aber die der armen Bevölke-
rung verteidigten. „Früher mußte ein armer Mensch für jedes Stück Holz,
das er ohne Erlaubnis im Wald aufgelesen hatte, schwer büßen, wenn man
aber jetzt“, sagte die alte Frau, „im Walde einem Soldaten begegnet,
dann hilft er einem noch das Reisigbündel tragen.“ „Jetzt“, sagte sie,
„braucht man vor dem Mann mit dem Gewehr keine Angst mehr zu
haben.“
Ich glaube, fährt Lenin fort, man kann sich schwerlich eine bessere
Auszeichnung für die Rote Armee vorstellen.
Weiter führt Lenin aus, daß sich das alte Offizierkorps vorwiegend aus
verwöhnten und verdorbenen Kapitalistensöhnchen rekrutierte, die mit
dem einfachen Soldaten nichts gemein hatten. Deshalb eben müssen wir
jetzt beim Aufbau der neuen Armee die Kommandeure nur aus dem Volk
nehmen. Nur die roten Offiziere werden bei den Soldaten Autorität be-
sitzen und werden den Sozialismus in unserer Armee festigen können.
Solch eine Armee wird unbesiegbar sein.
.Ismestija WZIK “ Nr. 258.
26. November 1918.
Nach dem Text der
„Ismestija WZIK“.
REDE IN EINER VERSAMMLUNG
DER BEVOLLMÄCHTIGTEN DER MOSKAUER
ZENTRALEN ARBEITERKONSUMGENOSSENSCHAFT
26. NOVEMBER 1918 70
(Genosse Lenin wird bei seinem Erscheinen mit stür-
mischem, lang anhaltendem Beifall begrüßt.) Genossen!
In Ihrer Person begrüße ich die Vertreter der Arbeitergenossenschaften,
die berufen sind, bei der richtigen Organisation des gesamten Versor-
gungswesens eine hervorragende Rolle zu spielen. Wir mußten wiederholt,
besonders in der letzten Zeit, im Rat der Volkskommissare Fragen zur
Erörterung stellen, die sich auf das Genossenschaftswesen und auf die
Stellung der Arbeiter- und Bauemmacht zu ihm beziehen.
• In dieser Hinsicht muß man sich vergegenwärtigen, welch große Rolle
früher, während der Herrschaft des Kapitalismus, die auf dem Prinzip
des ökonomischen Kampfes gegen die Kapitalistenklasse aufgebauten Ge-
nossenschaften gespielt haben.
Gewiß, dadurch, daß die Genossenschaften an die praktische Arbeit
der Verteilung auf ihre Art herangingen, haben sie sehr oft die Volks-
iriteressen durch die Interessen einzelner Gruppen ersetzt, weil sie es
häufig darauf abgesehen hatten, den Handelsprofit mit den Kapitalisten
zu teilen. Da sie sich von rein kommerziellen Erwägungen leiten ließen,
haben die Genossenschaftler häufig das sozialistische System aus den
Augen gelassen, das ihnen viel zu weit und unerreichbar schien.
Die Genossenschaften vereinigten oft hauptsächlich kleinbürgerliche
Elemente, die Mittelbauernschaft, die sich bei ihren Bestrebungen in der
Genossenschaftsbewegung von ihren kleinbürgerlichen Interessen leiten
ließ. Jedoch haben die Konsumgenossenschaften durch ihre Arbeit zwei-
fellos die Aktivität der Massen entwickelt, und darin besteht ihr großes
Verdienst. Auf der Basis der Aktivität der Massen haben die Konsum-
192
genossenschaften tatsächlich große Wirtsdiaftsorganisationen aufgebaut,
und in dieser Hinsicht - das werden wir keineswegs bestreiten - haben
sie eine große Rolle gespielt.
Verschiedentlich hatten sich diese Wirtschaftsorganisationen zu Orga-
nisationen entwickelt, die den kapitalistischen Apparat ersetzen und er-
gänzen konnten - auch das müssen wir anerkennen. Indessen war das
städtische Proletariat so sehr in die Organisation der kapitalistischen
Großindustrie einbezogen worden, daß es stark genug wurde, um die
Klasse der Gutsbesitzer und Kapitalisten stürzen, um den ganzen kapita-
listischen Apparat ausnutzen zu können.
Das städtische Proletariat begriff sehr wohl, daß es in der durch den
imperialistischen Krieg hervorgerufenen Zerrüttung darauf ankommt, den
Versorgungsapparat in Gang zu bringen, und nutzte hierzu in erster Linie
den großen kapitalistischen Apparat aus.
Das dürfen wir nicht vergessen. Die Genossenschaften sind ein. gewal-
tiges Kulturerbe, das man schätzen und ausnutzen muß.
Deshalb, sind wir, als wir uns im Rat der Volkskommissare mit der
Rolle der Genossenschaften befassen mußten, sehr vorsichtig an diese
Frage herangegangen, weil wir sehr wohl, wußten, wie wichtig es ist, die-
sen gilt eingearbeiteten Wirtschaftsapparat voll und ganz auszunutzen.
Zugleich durften wir aber nicht vergessen, daß die maßgeblichsten Ge-
nossenschaftler zu den Menschewiki, den rechten Sozialrevolutionären
und anderen Paktierer- und kleinbürgerlichen Parteien gehörten. Das
durften wir nicht vergessen, solange diese politischen Gruppen, die sich
zwischen den beiden kämpfenden Klassen befanden, die Genossenschaf-
ten teilweise als Unterschlupf für Konterrevolutionäre' ausnutzten, ja
sogar die Tschedioslowaken aus Genossenschaftsgeldern unterstützten.
Jawohl, darüber lagen uns Meldungen vor. Aber das war bei weitem nicht
überall der Fall, und wir haben häufig die Konsumgenossenschaften, wenn
sie mit uns arbeiten wollten, zur Mitarbeit herangezogen.
In letzter Zeit hat sich zudem die internationale Lage Sowjetrußlands
so gestaltet, daß es vielen kleinbürgerlichen Gruppen klargeworden ist,
welche Bedeutung die Arbeiter- und Baueramacht hat.
Damals, als Sowjetrußland- vor Brest stand und wir genötigt waren,
mit den deutschen Imperialisten den so schweren Frieden zu schließen, da
sind die Menschewiki und die rechten Sozialrevolutionäre mit besonders
großem Stimmenaufwand gegen uns aufgetreten. Als Sowjetrußland zum
Abschluß dieses Friedens genötigt war, da haben die Menschewiki und
Sozialrevolutionäre überall geschrien, die Bolschewiki stürzten Rußland
ins Verderben. '
Die einen von ihnen meinten, die Bolschewiki wären Utopisten, die
phantasieren, daß die Weltrevolution möglich sei- Die änderen meinten,
die Bolschewiki wären Agenten des deutschen Imperialismus.
Schließlich haben' damals viele von ihnen geglaubt, die Bolschewiki hät-
ten dem deutschen Imperialismus Zugeständnisse gemacht, und dachten
schadenfroh, dies wäre ein Übereinkommen mit der an der Macht be-
findlichen deutschen Bourgeoisie.
Ich werde hier nicht die - gelinde gesagt - noch weniger schmeichel-
haften Ausdrücke änführen, mit denen diese Gruppen damals die Sowjet-
macht-bedacht haben.
Die Ereignisse jedoch, die sich in. letzter Zeit in der ganzen Welt ab-
spielen, haben die Menschewiki und die.re'chten Sozialrevolutionäre vieles
gelehrt. Der Aufruf des ZK der Menschewiki an alle Werktätigen 71 , der
unlängst in unserer Presse veröffentlicht wurde, zeugt- davon, daß die
Menschewiki, obwohl sie ideologisch mit den Kommunisten auseinander-
gehen, es für notwendig halten, gegen den Weltimperialismüs zu kämp-
fen, an dessen Spitze jetzt die englischen und amerikanischen Kapitalisten
stehen.
In der Tat, es haben sich außerordentlich wichtige Ereignisse abgespielt;
In Rumänien und in Österreich-Ungarn sind Arbeiterräte gebildet wor-
den, und in Deutschland sprechen sich die Räte gegen eine Nationalver-
sammlung aus, und vielleicht wird schon in einigen Wochen die Regierung
Haase -Scheidemann stürzen und durch eine Regierung Liebknecht ab-
gelöst werden. Zugleich spannt der englisch-französische Kapitalismus
alle Kräfte an, um die russische. Revolution zu zerschmettern und dadurch
der Weltrevolution Einhalt zu gebieten. Jetzt ist es allen klargeworden,
daß der Ententeimperialismus in seinen Gelüsten noch weiter geht als der
deutsche Imperialismus : die Friedensbedingungen, die sie Deutschland ge-
stellt haben, sind noch schlimmer als der Brester Frieden, und zudem wol-
len sie überhaupt die Revolution erdrosseln und die Rolle eines internatio-
nalen Gendarmen spielen. Die Menschewiki haben mit ihrer Resolution
gezeigt, daß sie begriffen haben, woher der englische Wind weht. Jetzt
194
W. /. Lettin
dürfen wir sie nicht von uns stoßen, sondern müssen sie im Gegenteil
heranziehen und ihnen die Möglichkeit geben, mit uns zusammenzu-
arbeiten.
Schon im April dieses Jahres haben die Kommunisten gezeigt, daß sie
sich nicht scheuen, mit den Genossenschaftlern zusammenzuarbeiten. Ge-
stützt auf das städtische Proletariat, müssen die Kommunisten verstehen,
alle auszunutzen, die zur Arbeit herangezogen werden können, alle, die
ehedem unter sozialistischen Losungen marschierten, jedoch nicht den
Mut aufbrachten, dafür bis zum Sieg oder bis zur Niederlage zu kämpfen.
Marx hat gesagt, das Proletariat muß die Kapitalisten expropriieren, die
kleinbürgerlichen Gruppen aber auszunutzen verstehen. Auch wir haben
gesagt, daß man den Kapitalisten alles wegnehmen muß, die Kulaken aber
bloß unter Druck setzen und der Kontrolle des Getreidemonopols unter-
werfen soll. Wir müssen Kurs nehmen auf die Verständigung mit der
Mittelbauemschaft, wir müssen sie unter unsere Kontrolle bringen, und
wir werden dabei dennoch die Ideale des Sozialismus in die Wirklichkeit
umsetzen.
Wir müssen unumwunden sagen, daß die Arbeiter und die armen
Bauern alle Anstrengungen darauf richten werden, die Ideale des Sozialis-
mus in die Wirklichkeit umzusetzen, und wenn jemand den Weg, der zu
diesen Idealen führt, nicht einschlagen will, so werden wir auch ohne ihn
vorangehen. Doch müssen wir alle ausnutzen, die uns in diesem so schwe-
ren Kampfe wirklich helfen können.
Und so gelangte der Rat der Volkskommissare bei Behandlung dieser
Fragen schon im April zu einem Übereinkommen mit den Genossenschaft-
lern. 72 Das war die einzige Sitzung, in der außer den kommunistischen
Volkskommissaren Vertreter der allgemeinen Genossenschaften zugegen
waren.
Wir sind mit ihnen übereingekommen. Das war die einzige Sitzung,
in der ein Beschluß nicht mit den Stimmen einer kommunistischen Mehr-
heit, sondern mit den Stimmen der Minderheit, denen der Genossen-
schaftler, zustande gekommen ist
Und der Rat der Volkskommissare ging darauf ein, weil er es für not-
wendig hielt, sowohl die Erfahrung und die Kenntnisse der Genossen-
schaftler als auch ihren Apparat auszunutzen.
Sie wissen auch, daß vor einigen Tagen das Dekret über die Organisa-
Rede in einer Versammlung der Bevollmächtigten
195
tion der Versorgung angenommen wurde 73 ; das in der Sonntägsnummer
der „Iswestija“ veröffentlicht worden ist, und in diesem Dekret wird ge-
rade dem Genossenschaftswesen und den Konsumgenossenschaften eine
bedeutende Rolle zugedacht. Denn ohne das Netz der Genossenschafts-
organisationen ist die Organisation der sozialistischen Wirtschaft unmög-
lich, und bisher ist in dieser Hinsicht vieles falsch angepackt worden. Ein-
zelne Konsumgenossenschaften wurden geschlossen und nationalisiert,
aber es zeigte sich, daß die Sowjets mit der Warenverteilung und mit der
Organisierung von Sowjetläden nicht fertig wurden.
Gemäß diesem Dekret soll nun sämtlichen Konsumgenossenschaften
alles zurückerstattet werden, was man ihnen abgenommen hat.
Die Konsumgenossenschaften sollen denationalisiert, sollen wieder-
hergestellt werden.
Allerdings geht das Dekret sehr vorsichtig an jene Konsumgenossen-
schaften heran, die deshalb geschlossen wurden, weil sich dort Konter-
revolutionäre eingeschlichen hatten. Wir haben mit aller Bestimmtheit
erklärt, daß in dieser Hinsicht die Tätigkeit der Konsumgenossenschaften
unter Kontrolle gestellt werden muß, betonten jedoch, daß die Konsum-
genossenschaften voll ausgenutzt werden müssen.
Ihnen allen ist es klar, daß eine der Hauptaufgaben des Proletariats in
der sofortigen richtigen Organisation des Versorgungswesens und der
Verteilung der Produkte besteht.
Und wenn wir über einen Apparat verfügen, der darin Erfahrung hat
und, was die Hauptsache ist, auf der Aktivität der Massen fußt, müssen
wir ihn zur Erfüllung dieser Aufgabe ausnutzen. Die Aktivität der Mas-
sen, die diese Organisationen geschaffen haben, muß gerade in dieser
Hinsicht ausgenutzt werden. Es ist notwendig, daß die breitesten Massen
zur Arbeit im Versorgungswesen herangezogen werden, und das müssen
wir den Genossenschaften, namentlich den Arbeitergenossenschaften, zur
Hauptaufgabe machen.
Das Versorgungswesen, die Verteilung der Produkte ist eine Sache, in
der sich ein jeder auskennt. Darin kennt sich auch ein Mensch aus, der
sich nicht mit Büchern abgeplagt hat. Und in Rußland ist noch ein riesiger
Teil der Bevölkerung unwissend und ungebildet, weil alles getan wurde,
um den arbeitenden und unterdrückten Massen keine Bildungsmöglichkeit
zu geben.
196
W. I. Lenin
In den' Massen gibt es aber viele, sehr viele lebendige Kräfte, die in
weitaus höherem Maße, als man sich das vorstellen kann, grandiose Fähig-
keiten an den Tag legen können. Und deshalb ist es die Aufgabe der
Arbeitergenossenschaften, diese Kräfte heranzuziehen, sie ausfindig zu
machen und sie unmittelbar bei der Versorgung und der Verteilung der
-Produkte zu- beschäftigen. Die sozialistische Gesellschaft ist eine einzige
Genossenschaft.
Und ich zweifle nicht daran, daß die Aktivität der Massen in den Ar-
beitergenossenschaften bewirken wird, daß die Arbeitergenossenschaften
tatsächlich eine einheitliche Moskauer städtische Verbraucherkommune
schaffen werden.
Veröffentlicht im Dezember 1918 Nach dem Text' der Flug-
ais Flugschrift und in der sdirift.verglidien mit dem
Zeitschrift „Rabotschi Mir’ Text der Zeitschrift.
(Arbeiterwelt) Nr. 19.
197
VERSAMMLUNG DER MOSKAUER PARTEIARBEITER
27. NOVEMBER 1918 74
REFERAT ÜBER DIE.S-TELLUNG DES PROLETARIATS
ZUR KLEINBÜRGERLICHEN DEMOKRATIE
Genossen! Ich möchte über jene Aufgaben sprechen, die unserer Partei
und der Sowjetmacht aus der Stellung des Proletariats zur kleinbürger-
lichen Demokratie erwachsen. Die jüngsten Ereignisse setzen diese Frage
zweifellos auf die Tagesordnung^ weil die gigantischen Veränderungen in
der internationalen Lage, wie die Annullierung des Brester Vertrags, die
Revolution in Deutschland, der Zusammenbruch des deutschen Imperialis-
mus und die Zersetzung des englisch-amerikanischen Imperialismus/ un-
bedingt dazu führen mußten, daß eine ganze Reihe von bürgerlich-demo-
kratischen Leitsätzen, die die theoretische Grundlage der kleinbürger-
lichen Demokratie bildeten, ins: Wanken gerieten. Die militärische Lage
Rußlands, der Vorstoß des englisch-französischen und des amerikanischen
Imperialismus mußten unbedingt dazu führen, daß sich ein Teil dieser
kleinbürgerlichen Demokratie uns mehr oder weniger zuwandte. Eben
über die Veränderungen, die wir in unserer Taktik vornehmen müssen,
über die neuen Aufgaben, die vor uns auftauchen, möchte ich am heutigen
Abend sprechen.
. Gestatten Sie mir, mit einigen theoretischen Grundsätzen zu beginnen.
Zweifellos ist die wichtigste soziale Schicht, die die ökonomische Basis für
die kleinbürgerliche Demokratie abgibt, in . Rußland die Mittelbaüem-
schaft. Zweifellos muß die sozialistische Umwälzung und- der Übergang
198
W. I. Lenin
vom Kapitalismus zum Sozialismus in einem Lande mit einer zahlenmäßig
so großen bäuerlichen Bevölkerung unvermeidlich besondere Formen an-
nehmen. Deshalb möchte ich Ihnen vor allem in Erinnerung bringen, wie
sich die grundlegenden Leitsätze des Marxismus über die Stellung des
Proletariats zur Mittelbauemschaft herausgebildet haben. Um Ihnen dies
in Erinnerung zu bringen, werde ich einige Äußerungen von Engels aus
seinem Artikel „Die Bauernfrage' in Frankreich und; Deutschland“ ver-
lesen. Dieser als Broschüre; erschienene Artikel -wurde 1895 oder 1894
geschrieben, als im Zusammenhang mit der Diskussion auf dem Breslauer
Parteitag über das Programm der deutschen Sozialdemokratie die Frage
des Agrarprogramms der sozialistischen Partei und ihrer Stellung zur
Bauernschaft praktisch auf die Tagesordnung gesetzt wurde. 75 Engels
äußerte sich damals über die 'Stellung des Proletariats folgendermaßen:
„Was ist denn unsre Stellung zur Kleinbauemschaft? . . . Erstens ist der
Satz des französischen Programms unbedingt richtig: daß wir den unver-
meidlichen Untergang des Kleinbauern voraussehn, aber keineswegs be-
rufen sind, ihn durch Eingriffe unsrerseits zu beschleunigen. Und zweitens
ist es ebenso handgreiflich, daß wenn wir im Besitz der Staatsmacht sind,
wir nicht daran denken können, die Kleinbauern gewaltsam zu expropri-
ieren (einerlei ob mit oder ohne Entschädigung), wie wir dies mit den
Großgrundbesitzern zu tun genötigt sind. Unsre Aufgabe, gegenüber dem
Kleinbauer besteht zunächst darin, seinen Privatbetrieb und Privatbesitz
in einen genossenschaftlichen überzuleiten, nicht mit Gewalt, sondern durch
Beispiel und Darbietung von gesellschaftlicher Hilfe zu diesem Zweck.“
Weiter sagte Engels zu dieser Frage: „Wir können nun und nimmer-
mehr. den Parzellenbauern die Erhaltung des Einzeleigentums und des
Einzelbetriebs gegen die Übermacht der kapitalistischen Produktion ver-
sprechen. Wir können ihnen nur versprechen, daß wir. nicht wider ihren
Willen gewaltsam in ihre Eigentumsverhältnisse eingreifen werden.“ 76
Und die letzte Äußerung von Engels schließlich, an die ich Sie erinnern
wollte, ist seine Betrachtung über die reichen Bauern, die Großbauern
(russisch ausgedrückt, über die „Kulaken“), das heißt also über solche
Bauern, die" nicht ohne Verwendung von Lohnarbeit auskommen. Sehen
diese Bauern nicht die Unvermeidlichkeit des Untergangs ihrer jetzigen
Produktionsweise ein, ziehen sie nicht die notwendigen Konsequenzen
daraus, so können die Marxisten für sie nichts tun. Unsres Amtes wird es
Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter
199
lediglich sein, auch ihnen den Übergang in, die' veränderte Produktions-
weise zu erleichtern. 77
Das sind die Sätze, die ich Ihnen ins Gedächtnis rufen wollte und die
zweifellos jedem Kommunisten bekannt sind. Aus diesen Sätzen ersehen
wir, daß in Ländern mit vorwiegend großkapitalistischem System die
Aufgabe des Proletariats, das im Besitz der Staatsmacht ist, keinesfalls
die gleiche sein kann wie in Ländern mit einer rückständigen Klein-, Mit-
tel- und Großbauernschaft. Wir sehen, daß wir die Aufgaben des Marxis-
mus ganz genau dargelegt haben, als wir sagten, daß es unsere Pflicht war,
den Krieg gegen den Gutsbesitzer, den Ausbeuter, zu führen. •
Hinsichtlich des Mittdbauern sagen wir: Auf keinen Fall Gewalt-
anwendung; hinsichtlich des Großbauern sagen wir; Unsere Losung ist,
sie dem Getreidemonopol unterzuordnen und zu bekämpfen, wenn sie
das Getreidemonopol verletzen, wenn sie Getreide verstecken. Ich hatte
unlängst Gelegenheit, diese Grundsätze vor einigen hundert Personen
auf einer Versammlung der Vertreter der Komitees der Dorfarmut dar-
zulegen, die zur Zeit des VI. Kongresses zu einer Beratung nach Moskau
gekommen wären.* In unserer Parteiliteratur, in der Propaganda und in
der Agitation haben wir stets diesen Unterschied, in unserer Stellung zur
Großbourgeoisie und zum Kleinbürgertum betont, aber obwohl wir theo-
retisch alle damit einverstanden sind, haben wir bei weitem nicht alle und
lange nicht schnell genug die entsprechenden politischen Schlußfolgerun-
gen gezogen. Und ich habe sozusagen absichtlich so weit ausgeholt, um
Ihnen zu zeigen, welche ökonomischen Begriffe wir über die Wechsel-
beziehungen der Klassen zur Richtschnur nehmen müssen, um unsere Po-
litik gegenüber der kleinbürgerlichen Demokratie auf eine unanfechtbare
Grundlage zu stellen. Es besteht kein Zweifel darüber, daß diese klein-
bäuerliche Klasse (als Mittelbauern bezeichnen wir denjenigen, der seine
Arbeitskraft nicht verkauft), daß dieser Bauer in Rußland jedenfalls die
wichtigste ökonomische Klasse ist, welche die Grundlage für die große
Mannigfaltigkeit der politischen Strömungen in der kleinbürgerlichen De-
mokratie bildet. Bei uns in Rußland sind diese Strömungen am meisten
mit den Parteien der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre verbunden.
Die Geschichte des Sozialismus in Rußland kennt den langwierigen Kampf
der Bolschewiki gegen diese Parteien ; die westeuropäischen Sozialisten
* Siehe den vorliegenden Band, S. 166-173. Die Red.
200
W. 1. Lettin
haben diesen Kampf stets als einen Kampf innerhalb des Sozialismus be-
trachtet, d. h. als eine Spaltung des Sozialismus in Rußland. Diese Ansicht
kommt, nebenbei bemerkt, selbst bei guten Sozialdemokraten in ihren
Äußerungen auf Schritt und Tritt zum Ausdruck.
Gerade heute hat man mir einen Brief Friedrich Adlers gebracht, eines
Mannes, der durch seine revolutionäre Haltung in Österreich bekannt ist.
Sein Brief, der Ende Oktober geschrieben und heute angekommen ist,
enthält lediglich die Bitte: Kann man denn nicht die Menschewiki aus dem
Gefängnis herauslassen? Außer dieser Bitte hat er in solch einem Augen-
blick nichts Gescheiteres zu schreiben gewußt. Freilich hat er den Vor-
behalt gemacht, er sei über unsere Bewegung nicht genau informiert und
so weiter, dennoch ist das sehr bezeichnend. Dieser lächerliche Irrtum der
westeuropäischen Sozialisten erklärt sich daraus, daß sie rückwärts und
nicht vorwärts schauen und nicht begreifen, daß weder die Menschewiki
noch die Sozialrevolutionäre (die den Sozialismus predigen) Leute sind,
die man zu den Sozialisten rechnen könnte. Die Menschewiki und Sozial-
revolutionäre haben in der ganzen Revolution von 1917 nichts anderes
getan als zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat geschwankt, sie
konnten niemals eine richtige Position beziehen, als wollten sie absichtlich
die Marxsche These illustrieren, daß das Kleinbürgertum in den ausschlag-
gebenden Kämpfen zu keinerlei selbständigem Standpunkt fähig ist.
Das Proletariat vertrat von Anfang an, als es die Sowjets schuf, schon
durch die Schaffung der Sowjets ganz instinktiv einen bestimmten Klassen-
standpunkt. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre schwankten in
einem fort. Und wenn die eigenen Freunde sie im Frühjahr und Sommer
1917 „Halbbolschewiki“ genannt haben, so war das nicht nur ein Witz,
sondern auch eine treffende Charakterisierung. Buchstäblich in jeder Frage
(nehmen Sie die Frage der Sowjets, der revolutionären Bewegung im
Dorf, der unmittelbaren Besitznahme des Grund und Bodens, der Ver-
brüderung an der Front, der Unterstützung oder Nichtunterstützung des
Imperialismus), in allen diesen grundsätzlichen Fragen haben die Men-
schewiki und Sozialrevolutionäre heute »ja“ und morgen „nein“ gesagt.
Einerseits haben sie mitgeholfen und anderseits nicht, sie waren ein
Musterbeispiel von Charakterlosigkeit und Hilflosigkeit. Doch wenn sie
sich anderseits vor die Bevölkerung hinstellten mit ihren Phrasen „für
die Sowjets“ (haben sie doch die ganze Zeit hindurch die Sowjets als
Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter
201
„revolutionäre Demokratie“ bezeichnet und sie dem gegenübergestellt,
was sie privilegiertes Element nannten), so war dies bei ihnen ein schlauer
politischer Schachzug; die breiten Massen jedoch, in deren Reihen das ein-
schlug, ließen sich mitreißen: „Das ist für die Sowjets!“ Die Propaganda
der Menschewiki hat zum Teil auch uns genützt.
Diese Frage ist sehr kompliziert, sie hat eine ereignisreiche Geschichte,
und es genügt, wenn ich kurz auf siehinweise. Und eben diese Politik der
Menschewiki und Sozialrevolutionäre beweist vor unser aller Augen end-
gültig unsere These, daß es ein Fehler ist, sie für Sozialisten zu halten.
Sozialisten waren sie wohl nur in ihrer Phraseologie und in der Erinne-
rung, in Wirklichkeit aber sind sie russisches Kleinbürgertum.
Ich begann damit, wie die Marxisten sich zum Mittelbauern, mit an-
deren Worten, zu den kleinbürgerlichen Parteien verhalten sollen. Wir
nähern uns jetzt einer Zeitspanne, wo sich unsere früheren Losungen aus
der verflossenen Revolutionsperiode ändern müssen, um dem gegenwärti-
gen Umschwung Rechnung tragen zu können. Sie wissen, daß diese Ele-
mente im Oktober-November geschwankt haben.
Die Partei der Bolschewiki war damals unversöhnlich, und das war
richtig; wir sagten uns, daß wir die Feinde des. Proletariats vernichten
müssen, daß uns Kämpfe bevorstehen in den. Grundfragen, in den Fragen
des Krieges und des Friedens, des bürgerlichen Vertretungsorgans und der
Sowjetmacht. In allen diesen Fragen konnten wir uns lediglich auf unsere
eigenen Kräfte stützen, und wir handelten vollkommen richtig, als wir uns
auf kein Kompromiß mit der kleinbürgerlichen Demokratie einließen.
Der weitere Gang der Ereignisse stellte uns vor die Frage des Friedens
und des Abschlusses des Brester Friedensvertrags. Sie wissen, daß der
Brester Frieden die kleinbürgerlichen Elemente von uns abgestoßen hat.
Aus diesen beiden Umständen, aus unserer Außenpolitik, die zum
Brester Friedensschluß führte, und aus unserem unerbittlichen Kampf
gegen die demokratischen Illusionen eines Teils der kleinbürgerlichen De-
mokratie, aus unserem, unerbittlichen Kampf für die Sowjetmacht - aus
diesen beiden Umständen ergab sich, daß die kleinbürgerliche Demokra-
tie sich von uns schroff abwandte. Sie wissen, daß bei den linken Sozial-
revolutionären nach dem Brester Frieden Schwankungen eintraten. Ein
Teil von ihnen ließ sich auf Abenteuer, ein, während der andere Teil sich
spaltete und immer weiter spaltet. Aber Tatsache bleibt Tatsache. Wir
202
W.I. Lenin
können natürlich keine Minute, keinen Augenblick lang daran zweifeln,
daß unsere Politik damals absolut richtig war. Das jetzt beweisen zu wol-
len hieße längst bekannte Dinge wiederholen, weil die deutsche Revolu-
tion die Richtigkeit unserer Anschauungen am besten bewiesen hat.
Was man uns nach dem Brester Frieden am meisten vorwarf, und was
wir von den weniger klassenbewußten Arbeitermassen am häufigsten
hören müßten, war, daß wir unsere Hoffnung vergeblich auf die deutsche
Revolution setzten, daß sie immer noch nicht da sei. Die deutsche Revolu-
tion hat alle diese Vorwürfe widerlegt und die Richtigkeit unserer Ansicht
bestätigt, daß sie kommen muß, daß wir gegen den deutschen Imperialis-
mus nicht nur durch den nationalen Krieg, sondern auch durch Propaganda
und Zersetzung von innen kämpfen mußten. Die Ereignisse haben uns
so sehr recht gegeben, daß hier nichts weiter zu beweisen bleibt. Ebenso
verhält es sich mit der Konstituante, hier waren Schwankungen unver-
meidlich, und der Gang der Ereignisse hat die Richtigkeit unserer An-
schauungen so sehr bestätigt, daß jetzt alle im Westen begonnenen Re-
volutionen unter der Losung der Rätemacht stehen und diese Rätemacht
schaffen. Die Sowjets sind jetzt überall das Charakteristische der Revolu-
tion. Sie griffen von Österreich und Deutschland auf Holland und die
Schweiz über (auf Länder mit den ältesten demokratischen Traditionen,
die sich selbst im Vergleich zu Deutschland als Westeuropa bezeichnen).
Dort wird die Losung der Rätemacht aufgestellt. Der geschichtliche Zu-
sammenbruch der bürgerlichen Demokratie war also keine Erfindung der
Bolschewiki, sondern eine absolute historische Notwendigkeit. In der
Schweiz und in . Holland hat es sdion vor mehreren Jahrhunderten poli-
tischen Kampf gegeben, und nicht wegen der schönen Augen der Bolsche-
wiki wird heute dort die Losung der Rätemacht aufgestellt. Wir haben
also die Gegenwart richtig eingeschätzt. Der Gang der Ereignisse hat die
Richtigkeit unserer Taktik so anschaulich bestätigt, daß man sich bei
dieser Frage nicht weiter aufzuhalten braucht. Man muß nur verstehen,
daß dies eine ernste Frage ist, daß sie ein zutiefst verwurzeltes Vorurteil
der kleinbürgerlichen Demokratie betrifft. Rufen Sie sich die Geschichte
der bürgerlichen Revolution und der Entwicklung des Parlamentarismus
in allen westeuropäischen Ländern ins Gedächtnis, und Sie werden sehen,
daß es derartige Vorurteile bei den alten Sozialdemokraten der vierziger
Jahre in allen Ländern gegeben hat. In Frankreich haben sich diese An-
Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter
203
schauungen am längsten gehalten. Anders kann es auch nicht sein. Das
Kleinbürgertum ist in den Fragen des Parlamentarismus am patriotisch-
sten; es ist am patriotischsten verglichen mit dem Proletariat und der
Großbourgeoisie. Letztere ist internationaler, denn das Kleinbürgertum
ist weniger rege, nicht so mit anderen Völkern verbunden und nicht in den
Welthandelsverkehr einbezogen. Deshalb war es zu erwarten, daß sich
das Kleinbürgertum eben in der Frage des Parlamentarismus am meisten
exponieren würde. So war es auch in Rußland. Eine große Rolle spielte
dabei, daß unsere Revolution gegen den Patriotismus ankämpfte. Wir
mußten in der Zeit des Brester Friedens gegen den Patriotismus angehen.
Wir sagten; Bist du Sozialist, so mußt du alle deine patriotischen Gefühle
opfern im Namen der internationalen Revolution, die kommen wird, die
noch nicht da ist, an die du aber, bist du Internationalist, glauben mußt.
Begreiflicherweise konnten, wir, als wir so sprachen, nur die fort-
geschrittenen Abteilungen der Arbeiterklasse auf unsere Seite ziehen.
Selbstverständlich stand der größte Teil des Kleinbürgertums nicht auf
unserem Standpunkt. Das konnten wir gar nicht erwarten. Und wie hätte
auch das Kleinbürgertum auf unseren Standpunkt übergehen können?
Wir mußten die Diktatur des Proletariats in . ihrer härtesten Form ver-
wirklichen. Wir haben die Illusionsduselei innerhalb weniger Monate
überwunden. Wenn Sie aber die Geschichte, der westeuropäischen Länder
nehmen, so hat man dort diese Illusion nicht einmal in Jahrzehnten’über-
wunden. Nehmen Sie die Geschichte Hollands; Frankreichs, Englands usw.
Wir mußten die kleinbürgerliche Illusion zerschlagen, wonach das Volk
etwas Einheitliches sei und der Wille des Volkes in irgend etwas anderem
als im Klassenkampf zum Ausdrude gebracht werden könne. Wir hatten
vollkommen recht, daß wir uns in dieser Frage auf keinerlei Kompromisse
einließen. Hätten wir den kleinbürgerlichen Illusionen, den Konstituante-
Illusionen gegenüber Nachsicht geübt, so hätten wir die ganze prole-
tarische Revolution in Rußland zugrunde gerichtet. Wir hätten den eng-
nationalen Interessen die Interessen der Weltrevolution zum Opfer
gebracht, die auf dem bolschewistischen Weg voranging, weil sie nicht
national, sondern rein proletarisch war. Unter eben diesen Verhältnissen
ist es dazu gekommen, daß die menschewistischen wie die Sozialrevolutio-
nären kleinbürgerlichen Massen von uns abrückten. Sie gingen auf die
andere Seite der Barrikaden, sie fanden sich auf seiten unserer Feinde zu-
204
W. /. Lenin
sammen. Als der Aufstand der Dutowleute begann, überzeugten wir uns
anschaulich davon, daß bei den Dutow, Krasnow und Skoropadski die
politischen Kräfte standen, die uns bekämpft hatten. Auf unserer Seite
standen das Proletariat und die arme Bauernschaft.
Sie wissen, daß in ganz Rußland zur Zeit des tschechoslowakischen
Aufruhrs, als er den größten Erfolg aufzuweisen hatte, daß zu dieser Zeit
in ganz Rußland Kulakenaufstände ausbrachen. Nur die Annäherung
zwischen dem städtischen Proletariat und dem Dorfe festigte unsere
Macht. Das Proletariat, allein das Proletariat, bestand mit Hilfe der ar-
men Bauern den Kampf gegen sämtliche Feinde. Sowohl die Menschewiki
als auch die Sozialrevolutionäre waren in ihrer übergroßen Mehrheit auf
seiten der Tschechoslowaken, der Dutow- und Krasnowleute. Diese Situa-
tion forderte von uns, den erbittertsten Kampf zu führen und in diesem
Krieg terroristische Methoden anzuwenden. Wie sehr auch die Leute die-
sen Terrorismus von den verschiedensten Gesichtspunkten aus verurteil-
ten (und solche Verurteilungen haben wir von allen schwankenden So-
zialdemokraten zu hören bekommen), der Terror wurde, darüber sind
wir uns klar, durch die Verschärfung des Bürgerkriegs hervorgerufen. Er
wurde dadurch hervorgerufen, daß sich die gesamte kleinbürgerliche De-
mokratie gegen uns wandte. Sie führten den Krieg gegen uns mit ver-
schiedenen Methoden - als Bürgerkrieg, durch Korruption, durch Sabo-
tage. Diese Verhältnisse nun waren es, die die Notwendigkeit des Terrors
schufen. Deshalb dürfen wir ihn nicht bereuen, dürfen wir ihn nicht ver-
werfen. Wir müssen nur klar verstehen, welche Verhältnisse unserer pro-
letarischen Revolution die Schärfe des Kampfes hervorgerufen haben.
Diese besonderen Verhältnisse bestanden darin, daß wir gegen den Patrio-
tismus auftreten mußten, daß wir die Konstituierende Versammlung durch
die Losung „Alle Macht den Sowjets“ ersetzen mußten.
Als aber die Wendung in der internationalen Politik eintrat, vollzog
sich auch unvermeidlich eine Wendung in der Haltung der kleinbürger-
lichen Demokratie. Wir stellen in ihrem Lager einen Stimmungsum-
schwung fest. In dem Aufruf der Menschewiki sehen wir die Aufforderung
zum Verzicht auf das Bündnis mit den besitzenden Klassen, eine Auf-
forderung, mit der sich die Menschewiki an ihre Freunde wenden - an
die Elemente der kleinbürgerlichen Demokratie, die sich mit den Dutow-
leuten, den Tschechoslowaken und den Engländern verbündeten. Sie
Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter
appellieren an sie, gegen den englisch-amerikanischen Imperialismus Front
zu machen. Jetzt sieht ein jeder, daß es außer dem englisch-amerikanischen
Imperialismus keine Kraft gibt, die der bolschewistischen Staatsmacht
irgend etwas entgegenstellen könnte. Ebensolche Schwankungen lassen
sich bei den Sozialrevolutionären sowie bei der Intelligenz feststellen,
welche die Vorurteile der bürgerlichen Demokratie am meisten teilt und
am meisten patriotisch voreingenommen war. In ihrer Mitte vollzieht sich
der gleiche Prozeß.
Jetzt besteht die Aufgabe unserer Partei darin, sich bei der Festlegung
ihrer Taktik von den Klassenbeziehungen leiten zu lassen, damit wir uns
in dieser Frage genau zurechtfinden und wissen, ob es sich dabei um einen
Zufall handelt, um eine Äußerung von Charakterlosigkeit, um unbegrün-
dete Schwankungen oder umgekehrt um einen Prozeß mit tiefgreifenden
sozialen Wurzeln. Betrachten wir diese Frage als Ganzes vom Standpunkt
der theoretisch festgelegten Beziehungen des Proletariats zur mittleren
Bauernschaft, vom Standpunkt der Geschichte unserer Revolution, so wer-
den wir sehen, daß an der Antwort nicht zu zweifeln ist. Das ist keine zu-
fällige, keine individuelle Wendung. Sie betrifft Millionen und aber Mil-
lionen, die in Rußland entweder in die Lage der mittleren Bauernschaft
oder in eine Lage versetzt sind, die derjenigen der mittleren Bauernschaft
entspricht. Die Wendung betrifft die ganze kleinbürgerliche Demokratie.
Diese trat gegen uns mit einer Erbitterung auf, die an Raserei grenzte,
weil wir alle ihre patriotischen Gefühle verletzen mußten. Die Geschichte
aber hat bewirkt, daß der Patriotismus sich jetzt uns zuwendet. Es ist
doch klar, daß man die Bolschewiki anders als mit ausländischen Bajonet-
ten nicht stürzen kann. Hatte man bisher gehofft, die Engländer, Fran-
zosen und Amerikaner repräsentierten die wahre Demokratie, hat sich
diese Illusion bis in die jüngste Zeit noch erhalten, so wird diese Illusion
jetzt durch den Frieden, den sie Österreich und Deutschland bescheren,
völlig zerstört. Die Engländer benehmen sich so, als hätten sie sich speziell
das Ziel gesetzt, die Richtigkeit der bolschewistischen Anschauungen über
den internationalen Imperialismus zu beweisen.
Deshalb vernimmt man heute aus den Kreisen der Parteien, die gegen
uns gekämpft haben, zum Beispiel aus dem Plechanowschen Lager, Stim-
men, die da sagen: Wir haben uns geirrt, wir dachten, der deutsche Im-
perialismus sei unser Hauptfeind und die Westmächte - Frankreich, Eng-
206
W. I. Lenin
land und Amerika - würden uns die demokratische Ordnung bringen.
Es hat sich aber herausgestellt, daß der Frieden, den diese Westmächte
bescheren, hundertmal erniedrigender, gewaltsamer und räuberischer ist
als unser Brester Frieden. Es hat sich herausgestellt, daß die Engländer und
Amerikaner als Henker und Gendarmen der russischen Freiheit auftreten,
so wie dies unter dem Henker Rußlands Nikolaus I. der Fall war, daß sie
in dieser Henkerrolle nicht, schlechter auftreten als die Könige bei der
Niederwerfung der ungarischen Revolution. Nunmehr haben diese Rolle
die Wilsonschen Agenten übernommen. Sie würgen die Revolution in
Österreich ab, sie spielen die Rolle des Gendarmen, sie stellen der Schweiz
das Ultimatum: Wir geben kein Getreide, wenn ihr nicht den Kampf
gegen die bolschewistische Regierung aufnehmt. Sie erklären Holland:
Wagt ja nicht, sowjetische Gesandte bei euch aufzunehmen, sonst ver-
hängen wir die Blockade. Sie haben ein einfaches Mittel - den Hunger.
Damit würgen sie die Völker.
Die Geschichte der letzten Zeit, der Kriegs- und Nachkriegszeit, wird
durch eine ungewöhnlich rasche Entwicklung gekennzeichnet und beweist
die These, daß der englische und französische Imperialismus ein ebenso
niederträchtiger Imperialismus ist wie der deutsche. Vergessen Sie nicht,
in Amerika haben wir die freieste, die demokratischste Republik, aber
das hindert keinesfalls, daß der Imperialismus dort genauso bestialisch
handelt, daß Internationalisten dort nicht nur gelyncht werden, sondern
daß der Mob sie auf die Straße zerrt, sie splitternackt auszieht, mit Teer
begießt und anzündet.
Die Ereignisse entlarven den Imperialismus mit außergewöhnlicher
Kraft und stellen die Frage so: entweder die Sowjetmacht oder völlige
Niederwerfung der Revolution durch die englischen und französischen
Imperialisten. Hier ist schon nicht mehr die Rede von einem Übereinkom-
men mit Kerenski. Sie wissen, daß sie Kerenski weggeworfen haben wie
eine ausgequetschte Zitrone. Sie marschierten zusammen mit Dutow und
Krasnow. Jetzt ist das Kleinbürgertum über diese Periode hinweg. Jetzt
treibt der Patriotismus diese Leute zu uns: so ist es gekommen, so hat die
Geschichte, sie zu handeln gezwungen. Und wir alle müssen dieser aus
dem ganzen Gang der Weltgeschichte gewonnenen Erfahrung der Massen
Rechnung tragen. Die Bourgeoisie darf man nicht verteidigen; die Kon-
stituante darf man nicht verteidigen, denn diese kam faktisch den Dutow
Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter
207
und Krasnow zupaß. Es mag lächerlich erscheinen, wieso sie die Kon-
stituierende Versammlung zu ihrer Losung machen konnten. Aber es ist
so gekommen, weil die Einberufung der Konstituierenden Versammlung
beschlossen wurde, als die Bourgeoisie noch obenauf war. Die Konsti-
tuierende Versammlung erwies sich als Organ der Bourgeoisie, die Bour-
geoisie aber stand auf seiten der Imperialisten, die eine gegen die Bolsche-
wiki gerichtete Politik betreiben. Die Bourgeoisie war zu allem bereit, um
die Sowjetmacht auf die gemeinste Art abzuwürgen; sie war bereit, Ruß-
land an jeden Beliebigen zu verraten, nur um die Macht der Sowjets zu
vernichten.
So sah die Politik aus, die zum Bürgerkrieg geführt hat, die die klein-
bürgerliche Demokratie zu dieser Wendung gezwungen hat. Natürlich
sind in diesen Kreisen Schwankungen immer unausbleiblich. Als die
Tschechoslowaken die ersten Siege erzielten, versuchte diese kleinbürger-
liche Intelligenz Gerüchte zu verbreiten, wonach ein tschechoslowakischer
Sieg unausbleiblich sei. Telegramme aus Moskau wurden veröffentlicht,
Moskau stehe vor dem Fall, es sei eingekreist. Und wir wissen sehr wohl,
daß die kleinbürgerliche Intelligenz selbst im Fall der unbedeutendsten
Siege der Engländer und Franzosen am allerersten den Kopf verlieren, in
Panik verfallen und alle möglichen Gerüchte über Erfolge unserer Gegner
aussprengen wird. Aber die Revolution hat gezeigt, daß der Aufstand
gegen den Imperialismus unausbleiblich ist. Und jietzt haben sich „unsere
Alliierten“ als die Haüptfeinde der russischen Freiheit und der russischen
Selbständigkeit entpuppt. Rußland kann und wird nicht unabhängig sein,
wenn die Sowjetmacht nicht gefestigt ist. Deshalb eben hat sich eine solche
Wendung vollzogen, und im Zusammenhang damit müssen wir jetzt un-
sere Taktik festlegen. Sehr: im Irrtum wäre jeder, dem es einfiele, auf
unsere Tage die Losungen unseres revolutionären Kampfes aus. jener
Periode zu übertragen, als zwischen uns keinerlei Versöhnung möglich
war, sjs das Kleinbürgertum gegen uns eingestellt war, als unsere unbeug-
same Haltung von uns die Anwendung des Terrors forderte. Jetzt wäre
das nicht Unbeugsamkeit, sondern einfach Dummheit, ungenügendes Ver-
ständnis für die Taktik des Marxismus. Als wir den Brester Frieden schlie-
ßen mußten, schien dieser Schritt vom beschränkt-patriotischen Gesichts-
punkt aus ein Verrat an Rußland zu sein; vom Gesichtspunkt der Welt-
revolution aus gesehen aber war es ein richtiger strategischer Schritt, der
208
W.I. Lenin
der Weltrevolution am meisten geholfen hat. Die Weltrevolution ist ge-
rade jetzt ausgebrochen, wo die Sowjetmacht zum Vertreter des ganzen
Volkes geworden ist.
Und obwohl die kleinbürgerliche Demokratie immer noch schwankt,
sind ihre Illusionen jetzt untergraben. Selbstverständlich müssen wir dieser
Lage sowie allen übrigen Bedingungen Rechnung tragen. Wenn früher
bei uns ein anderer Standpunkt festzustellen war, so deshalb, weil das
Kleinbürgertum auf seiten der Tschechoslowaken stand und Gewalt un-
vermeidlich war, denn Krieg ist Krieg, und man muß entsprechend han-
deln. Jetzt aber, wo sich diese Leute uns zuzuwenden beginnen, dürfen
wir uns nicht einfach deshalb von ihnen abwenden, weil wir früher in
Flugblättern und Zeitungen eine andere Losung aufgestellt hatten. Und
wenn wir sehen, daß sie eine halbe Wendung zu uns machen, so müssen
wir unsere Flugblätter neu schreiben, weil sich die Einstellung dieser
kleinbürgerlichen Demokratie zu uns verändert hat. Wir müssen sagen:
Bitte schön, wir fürchten euch nicht. Wenn ihr glaubt, wir verstünden nur
mit Gewalt vorzugehen, so irrt ihr euch. Wir könnten eine Verständigung
erzielen. Auch jene Elemente, die noch voller Traditionen, voller bürger-
licher Vorurteile sind, alle Genossenschaftler, alle Teile der Werktätigen,
die am engsten mit der Bourgeoisie verbunden sind, können zu uns
kommen.
Nehmen wir die gesamte Intelligenz. Sie hat ein bürgerliches Leben
geführt, sie war an einen gewissen Komfort gewöhnt. Als sie zu den
Tschechoslowaken abschwenkte, war unsere Losung schonungsloser
Kampf - Terror. Weil nun aber in der Stimmung der kleinbürgerlichen
Massen diese Wendung eingetreten ist, muß unsere Losung Verständi-
gung, Herstellung gutnachbarlicher Beziehungen sein. Wenn wir hören,
daß die eine oder die andere Gruppe der kleinbürgerlichen Demokratie
erklärt, sie möchte in bezug auf die Sowjetmacht neutral sein, so müssen
wir sagen: „Neutralität“ und gutnachbarliche Beziehungen - das ist alter
Plunder, der vom Standpunkt des Kommunismus keinen Heller wert ist.
Das ist alter Plunder und nichts weiter, aber wir müssen diesen Plunder
von sachlichen Gesichtspunkten aus beurteilen. So sind wir immer an
solche Dinge herangegangen und haben niemals gehofft, daß diese klein-
bürgerlichen Elemente Kommunisten werden. Aber sachliche Angebote
müssen wir erörtern.
Versammlung der Moskauer Parteiarbeit
Wir sagten von der Diktatur des Proletariats, das Proletariat muß die
Klasse sein, die über alle übrigen Klassen herrscht. Vor der vollen Ein-
führung des Kommunismus können wir die Klassenunterschiede nicht
beseitigen. Die Klassen werden bestehenbleiben, solange wir nicht die
Ausbeuter beseitigt haben - die Großbourgeoisie und die Gutsbesitzer,
die wir unbarmherzig expropriieren. Aber in bezug auf die Mittel- und
Kleinbauernschaft müssen wir anders Vorgehen. Bei schonungsloser Nie-
derhaltung der Bourgeoisie und Gutsbesitzer müssen wir die klein-
bürgerliche Demokratie an uns heranziehen. Und wenn sie sagen, daß
sie neutral sein und mit uns in gutnachbarlichen Beziehungen leben wol-
sen, so sagen wir: Das ist es ja, was wir brauchen. Wir haben nie er-
wartet, daß ihr Kommunisten werdet.
Wir stehen nach wie vor auf dem Boden der schonungslosen Expropria-
tion der Gutsbesitzer und Kapitalisten. Hier sind wir unbarmherzig, und
hier können wir auf keinen Fall den Weg der Versöhnung oder des Kom-
promisses betreten. Wir wissen aber, daß sich die Kleinproduktion durch
keinerlei Dekrete in eine Großproduktion verwandeln läßt, daß man hier
allmählich, durch den Gang der Ereignisse, von derUnausbleiblichkeit des
Sozialismus überzeugen muß. Diese Elemente werden niemals aus Über-
zeugung Sozialisten, niemals aufrechte, wahre Sozialisten werden. Sie
werden Sozialisten, wenn sie einsehen, daß es keinen Ausweg gibt. Jetzt
sehen sie : Europa ist so auseinandergefallen, der Imperialismus ist in eine
solche Situation geraten, daß keine bürgerliche Demokratie Rettung brin-
gen wird, daß nur die Sowjetmacht retten kann. Das ist es eben, weshalb
uns jetzt diese Neutralität, diese gutnachbarlichen Beziehungen der klein-
bürgerlichen Demokratie zu uns nicht nur in keiner Weise gefährlich,
sondern sogar erwünscht sind. Deshalb eben sagen wir, wenn wir die
Sache vom Standpunkt der Vertreter der Klasse betrachten, die die -Dik-
tatur ausübt: Wir haben von der kleinbürgerlichen Demokratie niemals
mehr erwartet. Uns genügt auch das. Ihr werdet mit uns in gutnachbar-
lichen Beziehungen stehen, aber wir werden die Staatsmacht ausüben.
Wir werden euch, meine Herren Menschewiki, nach eurem Auftreten in
der Trage der „Alliierten“ gern legalisieren. Das wird vom Zentral-
komitee unserer Partei aus geschehen. Doch werden wir nicht vergessen,
daß in eurer menschewistischen Partei die „Aktivisten“ verblieben sind,
denen gegenüber unsere Kampfmethoden die alten bleiben, weil die „Ak-
210
W. I. Lenin
tivisten“ Freunde der Tschedioslowaken sind, und solange die Tschecho-
slowaken nicht aus Rußland vertrieben sind, sind sie ebensolche Feinde.
Wir behalten die Staatsmacht in unserer Hand, nur in unserer Hand. Mit
denen, die mit uns in neutrale Beziehungen treten, sprechen wir als Klasse,
die die politische Macht in Händen hält und die ganze Wucht ihrer Waf-
fen gegen die Gutsbesitzer und Kapitalisten richtet und der kleinbürger-
lichen Demokratie sagt: Wenn es euch behebt, auf die Seite der Tschecho-
slowaken und der Krasnowleute überzugehen - wir haben gezeigt, wie
wir kämpfen, und wir werden auch weiter kämpfen. Wenn es euch be-
liebt, am Beispiel der Bolschewiki zu lernen, so beschreiten wir den Weg
des Übereinkommens mit euch, denn wir wissen, daß das Land ohne eine
ganze Reihe von Übereinkommen, die wir erproben, prüfen und ab-
wägen werden, nicht zum Sozialismus übergehen kann.
Wir haben diesen Weg von Anfang an beschritten, zum Beispiel da-
durch, daß wir für das Gesetz über die Sozialisierung des Grund und
Bodens stimmten und es bloß allmählich in jene Maßnahme verwandelten,
mit der es uns gelang, die Dorfarmut um uns zusammenzuschließ,en und
gegen die Kulaken zu wenden. Erst in dem Maße, wie die proletarische
Bewegung in den Dörfern den Sieg davonträgt, werden wir systematisch
zum kollektiven,, gemeinschaftlichen Bodenbesitz und zur gemeinschaft-
lichen Bodenbestellung übergehen. Diese Aufgabe konnte nicht anders,
als gestützt auf eine rein proletarische Bewegung im Dorfe, verwirklicht
werden, und in dieser Hinsicht steht uns noch ein großes Stück Arbeit
bevor. Zweifellos wird hier nur die praktische Erfahrung, nur die Wirk-
lichkeit zeigen, wie man verfahren muß.
Eine Verständigung mit der Mittelbauernschaft, mit den kleinbürger-
lichen Elementen, mit den Genossenschaftlern hatverschiedene Aufgaben.
Diese Aufgabe wird verändert werden müssen, sobald wir sie in bezug
auf jene Verbände stellen, die kleinbürgerliche Traditionen und Gewohn-
heiten bewahrt haben. Sie wird eine weitere Veränderung erfahren müs-
sen, sobald von der kleinbürgerlichen Intelligenz die Rede ist. Diese
schwankt, aber wir brauchen sie ebenfalls für unsere sozialistische. Um-
wälzung. Wir wissen, daß man den Sozialismus nur aus Elementen der
großkapitalistischen Kultur aufbauen kann, und die Intelligenz ist ein
solches Element. Wenn wir sie schonungslos bekämpfen mußten, so nicht,
weil der Kommunismus uns dazu verpflichtete, sondern der Gang der
Versammlung der Moskauer Parteiarbeit
Ereignisse, der alle „Demokraten“ und alle in die bürgerliche Demokratie
Verliebten von uns abstieß. Jetzt besteht die Möglichkeit, diese Intelligenz
für den Sozialismus auszunutzen, die Intelligenz, die nicht sozialistisch
ist, die niemals kommunistisch sein wird, die aber jetzt durch den objek-
tiven Gang der Ereignisse und das Kräfteverhältnis uns gegenüber neutral
und gutnachbarlich gestimmt ist. Auf die Intelligenz stützen werden wir
uns niemals, wir werden uns nur auf den Vortrupp des Proletariats stüt-
zen, der alle Proletarier und die gesamte Dorfarmut voranführt. Eine
andere Stütze kann es für die Kommunistische Partei nicht geben. Aber
eine Sache ist es, sich auf die Klasse zu stützen, welche die Diktatur ver-
körpert, und eine andere, über die anderen Klassen zu herrschen.
Sie erinnern sich, daß Engels sogar in bezug auf jene Bauern, die Lohn-
arbeiter beschäftigen, gesagt hat: „Von einer gewaltsamen Expropriation
Werden wir auch hier wahrscheinlich absehen ... können.“ 78 Wir expro-
priieren nach der allgemeinen Regel, und in den Sowjets gibt es bei uns
keinen Kulaken. Er wird bei uns niedergehalten. Wenn er in den Sowjet
eindringt und dort die Dorfarmut an die Wand zu drücken versucht,
unterdrücken wir ihn physisch. Sie sehen, wie hier die Herrschaft einer
Klasse ausgeübt wird. Allein das Proletariat kann herrschen. Doch wird
die Herrschaft dem Kleinbauern gegenüber anders angewandt als dem
Mittelbauern, dem Gutsbesitzer gegenüber anders als dem Kleinbürger.
Die ganze Aufgabe besteht darin, diese durch die internationalen Ver-
hältnisse hervorgerufene Wendung richtig zu verstehen, zu verstehen,
daß die Losungen, an die wir uns in dem verflossenen halben Jahr der
Geschichte der Revolution gewöhnt haben, soweit es sich, um die klein-
bürgerliche Demokratie handelt, unweigerlich modifiziert werden müssen.
Wir müssen sagen: Die Macht bleibt bei derselben Klasse. Unsere Losung
in bezug auf die kleinbürgerliche Demokratie war Verständigung, man
hatte uns aber zum Terror gezwungen. Wenn ihr wirklich mit uns in gut-
nachbarlichen Beziehungen leben wollt, dann seid so gut, ihr Herren Ge-
nossenschaftler und Intellektuellen, diese oder jene Aufträge zu erfüllen.
Wenn ihr diese Aufträge nicht erfüllt, so verstoßt ihr gegen das Gesetz,
so seid ihr unsere Feinde, und wir werden euch bekämpfen. Steht ihr
aber auf dem Boden gutnachbarlicher Beziehungen und erfüllt ihr diese
Aufträge, so ist das für uns vollauf genug. Wir haben eine feste Stütze.
Daß ihr schlapp seid, daran haben wir nie gezweifelt. Doch daß wir euch
212
W. I. Lenin
braudien, das bestreiten wir nicht, denn ihr seid das einzige gebildete
Element.
Müßten wir den Sozialismus nidit aus Elementen aufbauen, die uns
der Kapitalismus als Erbe hinterlassen hat, so wäre die Aufgabe leicht.
Doch eben darin liegt ja die Schwierigkeit des sozialistischen Aufbaus,
daß wir den Sozialismus aus Elementen aufbauen müssen, die vom Kapi-
talismus durch und durch verdorben sind. Darin eben liegt die Schwierig-
keit des Übergangs, daß er mit der Diktatur verbunden ist, die nur von
einer Klasse - dem Proletariat - ausgeübt werden kann. Daher müssen
wir uns sagen, daß das Proletariat, geschult und zu einer militanten Kraft
geworden, die die Bourgeoisie bezwingen kann, die Linie bestimmen wird.
Zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat gibt es eine Menge Über-
gangsstufen, und im Hinblick darauf muß unsere Politik jetzt in die Bah-
nen gelenkt werden, die wir theoretisch vorgesehen haben, und diese Poli-
tik können wir jetzt verwirklichen. Uns erwachsen eine ganze Reihe von
Aufgaben, wir werden eine ganze Reihe Übereinkommen treffen, tech-
nische Aufträge erteilen müssen, und als die herrschende proletarische
Macht müssen wir es verstehen, sie zu erteilen. Wir müssen es verstehen,
dem Mittelbauern die Aufgabe zu stellen, mitzuhelfen beim Warenaus-
tausch und bei der Entlarvung des Kulaken. Den Genossenschaftlern müs-
sen wir eine andere Aufgabe stellen: sie verfügen über einen Apparat zur
Verteilung der Produkte im großen Maßstab ; diesen Apparat müssen wir
für uns verwenden. Ganz andere Aufgaben müssen wir der Intelligenz
stellen. Sie hat nicht mehr die Kraft, die Sabotage fortzusetzen, und ist
so gestimmt, daß sie jetzt uns gegenüber die beste gutnachbarliche Hal-
tung einnimmt ; dieser Intelligenz müssen wir bestimmte Aufgaben stellen
und die. Erfüllung dieser Aufgaben überwachen und kontrollieren. Wir
müssen uns zur Intelligenz so verhalten, wie Marx im Hinblick auf die
Angestellten der Pariser Kommune sagte, daß jeder Arbeitgeber die rech-
ten Gehilfen und Buchhalter zu finden und, falls diese sich irren, ihre
Fehler zu korrigieren weiß; sollten sie aber nichts taugen, so ersetzt er sie
durch neue, bessere. 79 Wir bauen die Macht aus Elementen auf, die uns
der Kapitalismus hinterlassen hat. Wir können die Macht nicht aufbauen,
wenn ein solches Erbe der kapitalistischen Kultur wie die Intelligenz nicht
ausgenutzt wird. Jetzt können wir uns zum Kleinbürgertum verhalten wie
zu einem guten Nachbarn, den die Staatsgewalt unter strenge Kontrolle
Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter
213
stellt. Hier muß das klassenbewußte Proletariat begreifen, daß herrschen
nicht bedeutet, alle diese Aufgaben selber zu bewältigen. Wer so denkt,
der hat keine Ahnung vom sozialistischen Aufbau und hat in dem einen
Jahr Revolution und Diktatur nichts gelernt. Diese Herrschaften sollten
sich lieber auf die Schulbank setzen und manches hinzulemen, wer aber
in der verflossenen Zeit etwas gelernt hat, der wird sich sagen: Eben diese
Intelligenz werde ich jetzt beim Aufbau verwenden. Dafür habe ich jetzt
in der Bauernschaft eine ausreichende Stütze. Und wir sollten stets daran
denken, daß sich nur in diesem Kampfe, durch eine Reihe von Überein-
kommen und Verständigungsversuchen zwischen dem Proletariat und der
kleinbürgerlichen Demokratie der Aufbau bewerkstelligen läßt, der zum
Sozialismus führt.
Denken wir daran, daß Engels gesagt hat, wir sollen durch das Beispiel
wirken. 80 Keine Form wird endgültig sein, solange nicht der volle Kom-
munismus erreicht sein wird. Wir haben keinen Anspruch darauf er-
hoben, den genauen Weg zu- kennen. Wir schreiten aber unabwendbar
und unaufhaltsam zum Kommunismus. Heute bedeutet jede Woche mehr
als Jahrzehnte in Friedenszeiten. Das halbe Jahr, das wir seit dem Ab-
schluß des Brester Friedens durchgemacht haben, war eine Zeit der
Schwankungen, die sich gegen uns richteten. Die westeuropäische Revo-
lution - die unser Vorbild nachzuahmen beginnt, muß uns stärken. Wir
müssen die eingetretenen Veränderungen berücksichtigen, müssen alle
Elemente berücksichtigen, ohne uns irgendwelchen Illusionen hinzugeben,
wohl wissend, daß die Schwankenden weiter schwanken werden, solange
die sozialistische Weltrevolution nicht völlig gesiegt hat. Das wird viel-
leicht nicht so bald eintreten, obzwar der Gang der Ereignisse in der
deutschen Revolution Grund zur Hoffnung gibt, daß dies schneller ein-
tritt, als vielfach angenommen wird. Die deutsche Revolution entwickelt
sich so, wie sich auch unsere Revolution entwickelt hat, doch in einem
beschleunigten Tempo. Auf jeden Fall steht vor uns die Aufgabe, dem
englisch-amerikanischen Imperialismus einen erbitterten Kampf zu liefern.
Dieser hat erkannt, daß der Bolschewismus ein internationaler Faktor ge-
worden ist, und deshalb bemüht er sich, uns so schnell wie möglich zu er-
würgen, er will zuerst mit den russischen Bolschewiki und danach mit
seinen eigenen aufräumen.
Wir müssen jene Elemente unter den Schwankenden ausnutzen, die
214
W. I. Lenin
durch die Bestialitäten des Imperialismus zu uns getrieben werden. Und
wir werden das tun. Es ist Ihnen gut bekannt, daß man im Kriege keiner-
lei Hilfe, auch keine indirekte, versdimähen darf. Im Kriege hat selbst
die Haltung der schwankenden Klassen enorme Bedeutung. Je erbitterter
der Krieg ist, desto mehr Einfluß müssen wir auf die schwankenden Ele-
mente gewinnen. die zu uns kommen. Daraus folgt, daß die Taktik, die
wir ein halbes Jahr lang angewandt haben, entsprechend den neuen Auf-
gaben in bezug auf die verschiedenen Schichten der kleinbürgerlichen
Demokratie modifiziert werden muß.
Wenn es mir gelungen ist, die Aufmerksamkeit der Parteiarbeiter auf
diese Aufgabe zu lenken und sie zu veranlassen, durch systematisches
Sammeln von Erfahrungen zu ihrer richtigen Lösung zu kommen, so
kann ich meine Aufgabe als erfüllt betrachten.
„Pramda" Nr. 264 und 265. . Nadi dem Text der „Prawda",
5. und 6. Dezember 1918. verglichen mit dem Stenogramm.
Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter
215
SCHLUSSWORT ZUM REFERAT
ÜBER DIE STELLUNG DES PROLETARIATS
ZUR KLEINBÜRGERLICHEN DEMOKRATIE
Genossen! Ich werde mich auf einige wenige Schlußbemerkungen be-
schränken können. Vor allem möchte ich auf die hier berührte Frage vom
Dogma antworten. Marx und Engels haben wiederholt erklärt, daß un-
sere Lehre kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln ist 81 , und
ich denke, daß wir dies vor allem und in erster Linie im Auge behalten
müssen.
Die Lehre von Marx und Engels ist kein Dogma, das wir auswendig
lernen. Man muß sie als. Anleitung zum Handeln betrachten. Das haben
wir stets gesagt, und ich glaube, wir haben zweckmäßig gehandelt, sind
nie in Opportunismus verfallen, sondern haben die Taktik modifiziert.
•Das aber ist keinesfalls ein Abweichen von der Lehre und kann keinesfalls
als Opportunismus bezeichnet werden. Ich habe gesagt und sage es immer
wieder, daß diese Lehre kein Dogma ist, sondern eine Anleitung zum
Handeln.
Weiter, zu der Bemerkung des Genossen Steklow übergehend, mit
wem wir uns verständigen werden, mit den Stäben oder mit den Massen,
antworte ich: In erster Linie selbstverständlich mit den Massen und dann
erst mit den Stäben, aber wann wir mit den Stäben werden kämpfen müs-
sen, das hängt alles von den konkreten Fällen ab. Ich werde noch darauf
zu sprechen kommen, sehe aber zur Zeit keine praktische Möglichkeit
einer Verständigung mit der Partei der Menschewiki und der Partei der
Sozialrevolutionäre. Man sagt uns, sich verständigen bedeute irgend etwas
aufgeben. Was werdet ihr aufgeben, ‘und wie -werdet . ihr von der Grund-
linie abgehen? Das wäre Renegatentum, handelt es sich aber nur um die
praktische Arbeit, so ist das nichts Neues. Selbstverständlich werden wir
15 Lenin. Werke. Bd. 28
216
W. I. Lenin
niemals unsere Prinzipien aufgeben. Es hat keinen Sinn, jetzt darüber zu
reden. Vor fünfzehn Jahren ging der Streit um die Grundlinie und um
die Prinzipien, leider konnte ich ihn nicht in Rußland ausfechten und
mußte dies hauptsächlich im Ausland tun. Jetzt aber ist die Rede von der
Staatsmacht; sie auch nur im geringsten aufzugeben, davon kann keine
Rede sein. Nicht umsonst hat Wilson erklärt: Jetzt ist der Weltbolschewis-
mus unser Feind. Das sagen die Bourgeois der ganzen Welt. Und wenn
sie sich zu einem Feldzug gegen uns entschließen, so heißt das, sie haben
erkannt, daß die bolschewistische Macht nicht nur eine russische, sondern
eine internationale Erscheinung ist. Der Bolschewik wäre ein Hanswurst
und ein Jammerlappen, der an die Bourgeoisie mit dem Vorschlag eines
Übereinkommens herantreten würde, und außerdem wird sich jetzt, da
der revolutionäre Brand auf eine ganze Reihe Länder übergegriffen hat,
keine einzige kapitalistische, bürgerliche Regierung darauf einlassen, sie
kann es auch gar nicht.
Als es zu den jüngsten Ereignissen kam, hat die schweizerische Bour-
geoisie geradeheraus erklärt: Wir sind nicht die Russen, wir werden euch
die Macht nicht abtreten. Hauptmann Sadoul, der sich dem Bolschewismus
angeschlossen, hat,, schreibt, er wundere sich geradezu, wenn er die er-
staunliche Gefügigkeit der russischen Bourgeoisie sehe, und erklärt, die
französische Bourgeoisie werde nicht so handeln. Dort wird eine viel
größere Erbitterung zu beobachten sein, und wenn der Bürgerkrieg aus-
brechen sollte, wird er die härtesten Formen annehmen, auch von dieser
Seite her stehen die Dinge ganz klar.
Die Frage ist durch ein Jahr proletarischer Diktatur praktisch vollstän-
dig entschieden, und keinem einzigen Bauern, keinem einzigen Arbeiter
kann es in den Sinn kommen, mit der Bourgeoisie eine Verständigung er-
zielen zu wollen. Daß aber eine Verständigung nichts Neues ist, damit bin
ich vollkommen einverstanden. Ich möchte nur, daß wir über solche Fra-
gen gemeinsam beraten.
Die Umstände, die die Menschewiki und Sozialrevolutionäre sowie die
kleinbürgerliche Intelligenz besonders von uns abgestoßen haben - der
schonungslose Kampf um den Brester Frieden zur Zeit der Offensive des
deutschen Imperialismus -, diese Umstände bestehen nicht mehr. Aber
daß auch nur zeitweilige Erfolge der Engländer und Franzosen bei dieser
Intelligenz und der kleinbürgerlichen Demokratie neue Schwankungen
Versammlung, der Moskauer Parteiarbeiter
217
hervorrufen werden, daß sie beginnen werden, Panikstimmung zu ver-
breiten und überzulaufen, das wissen wir sehr wohl. Wir einigen uns mit
ihnen über eine bestimmte praktische Arbeit, um bestimmte Resultate zu
erzielen. Diese Taktik kann weder Diskussionen noch Verwunderung
hervorrufen. Daß man diese Taktik aber nicht verstanden hat, das hat sich
vielfach gezeigt, sogar bei einem so einflußreichen Mitglied des Moskauer
Sowjets wie Genossen Maximow. Genosse Maximow erklärte, mit Chin-
tschuk bedürfe es keiner Verständigung, sondern einer vernünftigen Ver-
einbarung. Als wir im Frühjahr das erste Dekret über die Genossenschaf-
ten erließen und sie uns ultimative Forderungen stellten, haben wir ihnen
nachgegeben. Das nennen wir Verständigung, anders kann man diese Po-
litik nicht nennen. Und wenn jeder Sowjetfunktionär, es sich zur Regel
macht, wenn er sich selbst und allen Genossen sagt: Mit der kleinbürger-
lichen Demokratie mußt du eine vernünftige Vereinbarung treffen, so
genügt mir das.
Wir sind bislang in der Arbeit, .besonders in der Arbeit draußen im
Lande noch allzuweit davon entfernt, vernünftige Vereinbarungen zu
treffen. Im Gegenteil, häufig treffen wir keine vernünftigen Vereinbarun-
gen. Man macht uns dies zum Vorwurf, weil man nicht begreift, daß.ohne
dies der neue Aufbau unmöglich ist. Es gibt kein Genie, das ein neues
Leben aufbauen könnte, ohne das Bauen erlernt zu haben. Wenn es dar-
auf ankommt, mit Praktikern eine vernünftige Vereinbarung zu treffen,
so bringen wir das nicht zuwege. Um einen Laden einzurichten, muß man
wissen, wie er eingerichtet wird. Man braucht Leute, die ihr Fach ver-
stehen. Wir Bolschewiki hatten sehr selten Gelegenheit, unsere Kenntnisse
auf diesem praktischen Gebiet anzuwenden. Wir leiden sehr selten Man-
gel an Agitatoren, dagegen herrscht entsetzlicher Mangel an leitenden
Praktikern, an Organisatoren. Und das dauert bislang an, ungeachtet der
Erfahrungen des verflossenen Jahres. Mit jedem Menschen, der auf die-
sem Gebiet erfahren genug ist, der sich zur Neutralität und zu gutnachr
barlichen Beziehungen bekennt, mit einem jeden solchen Menschen muß
man eine vernünftige Vereinbarung treffen. Wenn er es versteht, einen
Laden einzurichten, die Waren zu verteilen, wenn man bei ihm auch nur
irgend etwas lernen kann, wenn er ein Praktiker ist, so ist das ein großer
Gewinn.
Ein jeder weiß, daß sich unter den „Freunden“ des Bolschewismus, seit
218
W. I. Lenin
wir gesiegt haben, viele Feinde befinden. Häufig schleichen sich bei uns
völlig unzuverlässige, betrügerische Elemente ein, die politisch schwanken,
die uns verraten und verkaufen. Das wissen wir sehr gut, doch ändert sich
dadurch unsere Einstellung nicht. Das ist geschichtlich unvermeidlich.
Wenn die Menschewiki uns Vorhalten, unter den Sowjetangestellten gebe
es eine Menge Elemente, die sich eingeschlichen haben und denen es selbst
im zivilrechtlichen Sinne an Ehrlichkeit gebricht, so entgegnen wir ihnen:
Wo sollen wir denn bessere hemehmen, was sollen wir tun, damit die
besten Menschen sofort an uns zu glauben beginnen? Eine Revolution,
die auf einen Schlag siegen und überzeugen könnte, die auf einen Schlag
veranlassen könnte, an sie zu glauben, eine solche Revolution gibt es nicht.
Die Revolution beginnt in einem Lande, in anderen Ländern aber glaubt
man nicht an sie. Unsere Revolution hält man dort für einen Alpdruck,
ein Chaos, und von unseren organisierten „chaotischen“ Versammlungen,
die bei uns Sowjets genannt werden, verspricht man sich in anderen Län-
dern nichts. Das ist durchaus normal. Wir mußten uns vieles erkämpfen.
Wenn man also sagt: Mit Chintschuk muß man vernünftige Vereinbarun-
gen treffen - er versteht es, Läden einzurichten -, so sage ich: Auch mit
den anderen müßt ihr Vereinbarungen treffen, nehmt die Kleinbürger, die
vielerlei tun können.
Wenn wir diese Losung „Trefft Vereinbarungen“ draußen im Land
allen ins Bewußtsein hämmern, wenn wir begreifen, daß eine neue Klasse
zur Macht erwacht, daß Menschen die Verwaltung in die Hand nehmen,
die nie etwas mit einer so komplizierten Sache zu tun hatten und die
natürlich Fehler begehen - dann geraten wir nicht in Verlegenheit. Wir
wissen, daß man nicht fehlerlos leiten kann. Aber außer Fehlem sehen
wir, wie manch einer in stümperhafter Weise von der Macht nur als
Macht Gebrauch macht, wenn er sagt: Ich bin an der Macht, ich habe an-
geordnet, und du hast zu gehorchen. Wir sagen: In bezug auf eine ganze
Reihe von Elementen der kleinbürgerlichen Demokratie, der Gewerk-
schaften, der Bauern und Genossenschaftler darf man sich nicht an diese
Losung halten, sie hört jetzt auf, notwendig zu sein. Darum ist es ver-
nünftiger, mit der kleinbürgerlichen Demokratie, insbesondere mit der
Intelligenz, Vereinbarungen zu treffen - das ist unsere Aufgabe. Natür-
lich werden wir die Vereinbarungen auf unserer Plattform treffen, wir
werden dies als Staatsmacht tun.
Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter 219
Wir sagen : Ist es wahr, daß ihr von der Feindschaft zur Neutralität
und zu gutnachbarlichen Beziehungen übergegangen seid, ist es wahr, daß
ihr uns nicht mehr feindlich gegenübersteht? Andernfalls werden wir nicht
die Augen davor verschließen, werden wir offen sagen: Krieg ist Krieg,
und wir haben gehandelt wie im Krieg; wenn ihr jedoch von der Feind-
schaft zur Neutralität übergegangen seid, wenn ihr von gutnachbarlichen
Beziehungen redet - ich habe diese Worte den Erklärungen von Leuten
entnommen, die nicht zum kommunistischen Lager gehören, die gestern
noch dem Lager der Weißgardisten weit näher standen -, so sage ich:
Wenn sich so viele Leute finden, die von ihrer gestrigen Feindschaft heute
zur Neutralität und zu gutnachbarlichen Beziehungen übergehen, dann
müssen wir unsere Propaganda fortsetzen.
Umsonst fürchtet Genosse Chmelnizki, die Menschewiki beabsichtigten
mit ihrer Propaganda das Leben der Arbeiterklasse anzuleiten. Nicht von
den Sozialdemokraten ist die Rede, die die sozialistische Republik nicht
verstanden haben, weder von ihnen noch von der kleinbürgerlichen Büro-
kratie ist die Rede - da heißt es ideologischer Kampf gegen die Mensche-
wiki, unversöhnlicher Kampf. Einem Menschewik sagen, er sei ein klein-
bürgerlicher Demokrat, ist für ihn die schlimmste Beleidigung, und je
ruhiger Sie das einem Menschewik beweisen, desto mehr gerät er in Wut.
Wer glaubt, daß wir von den Positionen, die wir errungen haben, auch
nur ein Hundertstel oder ein Tausendstel abtreten - ist im Irrtum. Wir
werden keinen Fingerbreit abgeben.
Die hier von Genossen Schmidt angeführten Beispiele haben gezeigt,
daß sogar eine Gruppe des Proletariats, die der Bourgeoisie näher stand
(wie beispielsweise die Buchdrucker), sowie die kleinbürgerlichen An-
gestellten und die bürgerlichen Bankangestellten, die in den Handels- und
Industrieuntemehmungen die Geschäftsvorgänge erledigten, durch den
Übergang zum Sozialismus viel verlieren. Wir haben eine Menge bürger-
licher Zeitungen verboten, haben die Banken nationalisiert und haben
eine ganze Reihe von Wegen verschüttet, auf denen sich die Bankange-
stellten durch Teilnahme an Spekulationsgeschäften bereicherten; aber
auch in diesem Lager sehen wir ein Schwanken, sehen wir, daß sie zu uns
übergehen. Wenn Chintschuk eine wertvolle Kraft ist, weil er Läden ein-
zurichten versteht, so ist der Bankangestellte dadurch wertvoll, daß er die
technische Seite des Geldgeschäfts kennt, denn obwohl viele von uns theo-
W. I. Lenin
retisch damit vertraut sind, zeigen sie doch in der Praxis äußerst große
Schwächen. Und mit einem Menschen, der diese Technik kennt und der
mir sagt, daß er von der gestrigen Feindschaft zur Neutralität und zu
guter Nachbarschaft übergegangen ist, verhandle ich. Wir sagen: Man
muß mit jedem Menschen vernünftige- Vereinbarungen treffen. Und wenn
Genosse Maximow in den Sowjets diese Taktik, von der er als hervor-
ragendes Präsidiumsmitglied des Moskauer Deputiertensowjets gespro-
chen hat, in bezug auf die Intelligenz und das schwankende Kleinbürger-
tum durchführen wird, so werde ich vollauf zufrieden sein.
Weiter zur Frage der Konsumgenossenschaften. Genosse Steklow
äußerte sich so: Die Konsumgenossenschaften riechen schlecht. Genosse
Maximow sagte hinsichtlich der Konsumgenossenschaften, man dürfe
keine Dekrete wie das letzte Dekret des Rats der Volkskommissare ab-
fassen. In Fragen der Praxis hat es bei uns keine Einstimmigkeit gegeben.
Es ist nichts Neues für uns, daß man sich mit dem Kleinbürgertum, wenn
es uns nicht feindselig gegenübersteht, auf dieser Basis verständigen muß.
Wenn es sich zeigt, daß die alte Einstellung schlecht ist, dann muß man
sie ändern, wenn das die veränderten Umstände erfordern. Daß sich in
dieser Hinsicht die Dinge geändert haben, liegt klar auf der Hand. Die
Konsumgenossenschaften sind hier ein anschauliches Beispiel. Der Ge-
nossenschaftsapparat ist ein Versorgungsapparat, eingestellt nicht auf die
Privatinitiative der Kapitalisten, sondern auf die Massenteilnahme der
Werktätigen, und Kautsky hatte recht, als er, lange bevor er zu den Rene-
gaten überging, sagte, die sozialistische Gesellschaft sei eine ungeheure
Konsumgenossenschaft.
Wenn wir die Kontrolle in Gang bringen und die Wirtschaft für Hun-
derttausende von Menschen praktisch organisieren wollen, so dürfen wir
nicht vergessen, daß die Sozialisten bei der Behandlung dieser Frage die
Meinung vertreten, die Leiter von Trusts könnten ihnen als erfahrene
Praktiker von Nutzen sein. Jetzt zeigt die Erfahrung, daß kleinbürgerliche
Elemente von der Feindschaft zur Neutralität übergegangen sind. Und
man muß sich darüber im Haren sein, daß sie es verstehen, Läden ein-
zurichten. Das bestreiten wir nicht: als Ideologe ist Chintschuk durch und
durch von bürgerlichen Vorurteilen durchtränkt, ihnen allen haftet dieser
Geruch an, doch haben sie praktische Kenntnisse. Was die Ideen anbe-
trifft, so stehen alle Geschütze auf unserer Seite, auf ihrer Seite kein ein-
Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter
221
ziges. Aber wenn sie sagen, daß sie uns nidit feindlich gesinnt sind und
zur Neutralität übergehen, so müssen wir berücksichtigen, daß jetzt Hun-
derte und Tausende vonMensdien, die weniger fähig sind als Chintschuk,
ebenfalls für vernünftige Vereinbarungen zu haben sind. Ich sage: Man
muß es verstehen, sich mit Ihnen zu verständigen. Was den praktischen
Aufbau anbelangt, so wissen sie mehr, können sie mehr als wir, und man
muß bei ihnen lernen. Sollen sie von uns lernen, wie man auf das inter-
nationale Proletariat einwirkt, aber wie man Läden einrichtet, das werden
Wir von ihnen lernen. Das verstehen wir nicht. Hier braucht man auf
jedem Gebiet Fachleute mit Spezialkenntnissen.
Und was die Konsumgenossenschaften betrifft, so verstehe ich nicht,
warum es hier schlecht riechen soll. Als wir das erste Dekret über die
Konsumgenossenschaften behandelten, haben wir in den Rat der Volks-
kommissare zur Beratung Leute eingeladen, die nicht nur keine Kommu-
nisten waren, sondern den Weißgardisten viel näherstanden, haben uns
mit ihnen beraten, haben sie gefragt: Könnt ihr das akzeptieren? Sie ent-
gegneten darauf : Das eine - ja, das andere jedoch nicht. Gewiß, geht man
oberflächlich oder unüberlegt an diese Frage heran, so war das Paktieren
mit der Bourgeoisie. Geladen waren Repräsentanten der bürgerlichen Ge-
nossenschaften, und auf ihr Verlangen hin sind einige Artikel des Dekrets
gestrichen worden. So wurde zum Beispiel der Artikel über die unentgelt-
liche Nutzung und den unentgeltlichen Eintritt in die proletarische Kon-
sumgenossenschaft gestrichen. Uns schien dieser Artikel durchaus an-
nehmbar zu sein, aber sie lehnten unseren Vorschlag ab.
Wir sagen, daß wir den Weg der Verständigung gehen müssen mit den
Leuten, die viel besser als wir Läden einzurichten verstehen. Darin ken-
nen wir uns nicht aus, aber von unserem Kampf lassen wir keinesfalls ab.
Als wir das nächste ebensolche Dekret erließen, sagte Genosse Maximow,
man dürfe nicht solche Dekrete abfassen, weil dort gesagt werde: Die
aufgelösten Konsumgenossenschaften sind wieder zuzulassen. Das zeigt,
daß es bei den Funktionären des Moskauer Deputiertensowjets ebenso
wie bei uns gewisse Unklarheiten gibt, und allein um der Beseitigung sol-
cher Unklarheiten willen muß man solche Beratungen und Aussprachen
wie die heutige veranstalten. Wir haben darauf verwiesen, daß wir im
Interesse der Sache nicht nur die Gewerkschaften schlechthin, sondern
auch den Verband der Handels- und Industrieangestellten auszunutzen
W. I. Lenin
beabsichtigten, und dabei sind doch die Handels- und Industrieangestellten
immer eine Stütze des bürgerlichen Systems gewesen. Da aber diese Leute
zu uns gelaufen kommen und erklären: Wir sind bereit, in gutnachbar-
lichen Beziehungen zu leben, muß man ihnen freundlich begegnen, muß
man die ausgestreckte Hand ergreifen - die Hand wird einem darob nicht
verdorren. Wir vergessen nicht, sollten morgen die englischen und franzö-
sischen Imperialisten losschlagen, so sind das die ersten, die sich abwen-
den und davonlaufen werden. Wenn aber diese Partei, wenn diese bürger-
lichen Elemente nicht davonlaufen, sagen wir immer wieder: Hier ist
Annäherung erforderlich. Deshalb haben wir das Dekret beschlossen, das
am Sonntag veröffentlicht worden ist und das Genossen Maximow nicht
gefällt. Dadurch zeigt er, daß er die alte kommunistische Taktik anwen-
det, die auf die neue Situation nicht anwendbar ist. Wir haben das Dekret
gestern abgefaßt und als Antwort die Resolution des Zentralvorstands
der Angestelltenverbände 82 erhalten, und wir stünden da wie die Dum-
men, wenn wir, wo doch die Wendung begonnen hat und die Lage sich
ändert, sagen würden, du hast nicht zur rechten Zeit angefangen, wozu
schreibst du denn.
Die schwerbewaffneten Kapitalisten setzen den Krieg immer hart-
näckiger fort, und für uns ist es ungeheuer wichtig, diese, wenn auch zeit-
weilige Wendung für den praktischen Aufbau auszunutzen. Wir sind im
Besitz der gesamten Macht. An uns liegt es, die Genossenschaften nicht
aufzulösen und die aufgelösten wieder zuzulassen, weil wir sie aufgelöst
hatten, als sie der weißgardistischen Agitation dienten. Aber jede Losung
erwirbt die Eigenschaft, sich mehr zu verhärten als nötig ist. Als in ganz
Rußland Genossenschaften aufgelöst und verfolgt wurden, da geboten
dies die Verhältnisse. Jetzt jedoch ist das nicht nötig. Das ist ein äußerst
wichtiger Apparat, der mit der Mittelbauernschaft verbunden ist, ein
Apparat, der die zersplitterten und zerstreuten Schichten der Bauernschaft
vereinigt. Diese Chintschuk verrichten nützliche Arbeit an einem Werk,
das bürgerliche Elemente gegründet haben. Wenn diese Bauern und klein-
bürgerlichen Demokraten sagen, daß sie von der Feindschaft zur Neutra-
lität, zu gutnachbarlichen Beziehungen übergehen, so müssen wir sagen :
Das brauchen wir ja gerade. Laßt uns mit euch, gute Nachbarn, auf ver-
nünftige Weise Vereinbarungen treffen. Wir sind euch in jeder Weise
behilflich und wahren eure Rechte: wir werden eure Ansprüche prüfen.
Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter 223
werden euch die beliebigsten Privilegien geben, doch müßt ihr unsere
Aufträge erfüllen. Tut ihr das nicht, so wißt, daß der ganze Apparat der
Außerordentlichen Kommission in unseren Händen bleibt. Versteht ihr
es nicht, von euren Rechten Gebrauch zu madien, und erfüllt ihr nicht
unsere Aufträge, so wißt, der ganze Apparat der Staatlichen Kontrolle
bleibt in unseren Händen, und wir werden in euch Leute sehen, die den
Willen des Staates verletzen. Ihr müßt uns Rechenschaft ablegen bis auf
die letzte Kopeke, und jede Übertretung wird als Verstoß gegen den Wil-
len des Staates und seine Gesetze bestraft werden.
Die gesamte Kontrolle bleibt in unseren Händen, jetzt aber ist es un-
sere Aufgabe, diese Leute, sei es audh nur für eine gewisse Zeit, heran-
zuziehen, eine vom Standpunkt der Weltpolitik zwar nicht gigantische,
für uns aber doch wesentliche und notwendige Aufgabe. Das wird unsere
Lage im Krieg stärken. Wir haben kein geordnetes Hinterland. Wenn
wir diese Aufgabe erfüllen, so wird uns das einen moralischen Sieg brin-
gen, weil es dem westeuropäischen Imperialismus zeigt, daß er bei uns
auf eine hinlänglich ernst zu nehmende Abwehr stoßen wird; und das
darf man dort nicht auf die leichte Schulter nehmen, gibt es doch in jedem
Land eine eigene innere, proletarische Opposition gegen eine Invasion in
Rußland. Deshalb eben glaube ich, daß wir, soweit man nach der Erklä-
rung des Genossen Maximow urteilen kann, auf dem Wege sind, zu einer
bestimmten Einigung zu gelangen. Sollten auch Meinungsverschieden-
heiten zutage treten, so sind sie doch nicht so wesentlich, denn sobald ein-
mal die Notwendigkeit anerkannt wird, mit der ganzen kleinbürgerlichen
Demokratie, der Intelligenz, den Genossenschaften und mit den Gewerk-
schaften, die uns noch nicht anerkennen, vernünftige Vereinbarungen zu
treffen, ohne dabei die Macht aus der Hand zu lassen - und wenn wir
den ganzen Winter hindurch diese Politik entschlossen durchführen -, so
wird das schon ein, großes Plus sein für die ganze Sache der internatio-
nalen Revolution. .
Zuerst veröffentlicht 1929.
224
TELEGRAMM AN DEN OBERKOMMANDIERENDEN
Nach Serpuchow
29. XI.
Mit dem Vorrüdcea unserer Truppen nach Westen und nach der
Ukraine bilden sich regionale provisorische Sowjetregierungen, die be-
rufen sind, die örtlichen Sowjets zu festigen. Das hat die gute Seite, daß
dadurch den Chauvinisten in der Ukraine, in Litauen, Lettland und Est-
land die Möglichkeit genommen wird, den Vormarsch unserer Truppen-
teile als Okkupation anzusehen, und daß eine günstige Atmosphäre für
das weitere Vorrüdcen unserer Truppen geschaffen wird. Sonst wären un-
sere Truppen in den besetzten Gebieten in eine unmögliche Lage versetzt,
und die Bevölkerung hätte sie nicht als Befreier begrüßt. In Anbetracht
dessen bitten wir, den Kommandeuren der entsprechenden Truppenteile
die Anweisung zu geben, daß unsere Truppen den provisorischen Sowjet-
regierungen Lettlands, Estlands, der Ukraine und Litauens jegliche Unter-
stützung angedeihen lassen, aber natürlich nur den Sowjetregierungen.
Lenin
Geschrieben am 29. November 1918.
Zuerst veröffentlicht 1942.
Nach dem von J. W. Stalin
angefertigten und von W.l.
Lenin ergänzten Manuskript.
DIE PROLETARISCHE REVOLUTION
UND DER RENEGAT KAUTSKY
Geschrieben Oktober-November 1918.
Veröffentlicht als Buch 1918 im
Verlag „Kommunist“, Moskau.
Nach dem Text des Buches,
glichen mit dem Manuskript.
Umschlag des Buches „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“
mit handschriftlichen Bemerkungen von W. I. Lenin - 1918
VORWORT
Die kürzlich in Wien erschienene Broschüre Kautskys „Die Diktatur
des Proletariats“ (Wien 1918, Ignaz Brand, 63 Seiten) ist ein höchst an-
schauliches Beispiel für jenen völligen und schändlichen Bankrott der
II. Internationale, von dem alle ehrlichen Sozialisten aller Länder längst
sprechen. Die Frage der proletarischen Revolution wird jetzt in einer
ganzen Reihe von Staaten praktisch auf die Tagesordnung gesetzt. Dar-
um ist eine Analyse der Renegatensophismen Kautskys und seiner völ-
ligen Abkehr vom Marxismus eine Notwendigkeit.
Zunächst aber sei betont, daß sich der Schreiber dieser Zeilen seit den
ersten Tagen des Krieges wiederholt genötigt sah, auf Kautskys Bruch mit
dem Marxismus hinzuweisen. Eine Reihe von Artikeln der Jahre 1914
bis 1916 in den im Ausland erschienenen Organen „Sozial-Demokrat“ 83
und „Kommunist“ 84 beschäftigte sich damit. Diese Artikel sind gesam-
melt in dem vom Petrograder Sowjet herausgegebenen Buch: G. Sinowjew
und N. Lenin, „Gegen den Strom“, Petrograd 1918 (550 Seiten). In einer
1915 in Genf erschienenen Broschüre, die gleich ins Deutsche und Fran-
zösische übersetzt wurde 85 , schrieb ich über das „Kautskyanertum“:
„Kautsky, die größte Autorität der II. Internationale, ist ein außer-
ordentlich typisches und anschauliches Beispiel dafür, wie die Anerken-
nung des Marxismus in Worten dazu geführt hat, ihn in Wirklichkeit in
.Struvismus' oder .Brentanoismus“ zu verwandeln“ (d. h. in eine bürger-
lich-liberale Lehre, die einen nichtrevolutionären „Klassen “kampf des
Proletariats anerkennt, was der russische Schriftsteller Struve und der
deutsche Volkswirtschaftler Brentano besonders kraß zum Ausdruck
brachten). „Wir sehen dies auch am Beispiel Plechanows. Mittels offen-
228
kundiger Sophismen wird der Marxismus seiner lebendigen revolutionä-
ren Seele beraubt, man akzeptiert vom Marxismus alles, ausgenommen
die revolutionären Kampfmittel, ihre Propagierung und Vorbereitung, die
Erziehung der Massen gerade in dieser Richtung. Kautsky .versöhnt“
prinzipienlos den Grundgedanken des Sozialchauvinismus, die Anerken-
nung der Vaterlandsverteidigung in diesem Krieg, mit einer diploma-
tischen, scheinbaren Konzession an die Linken in Form der Stimmenthal-
tung bei der Votierung der Kredite, der Unterstreichung seiner oppositio-
nellen Einstellung in Worten usw. Kautsky, der im Jahre 1909 ein
ganzes Buch über die herannahende Epoche der Revolutionen und über
den Zusammenhang von Krieg und Revolution schrieb, Kautsky, der im
Jahre 1912 das Basler Manifest 86 über die revolutionäre Ausnutzung des
kommenden Krieges Unterzeichnete, rechtfertigt und beschönigt jetzt in
allen Tonarten den Sozialchauvinismus und schließt sich, gleich Plecha-
now, der Bourgeoisie an, indem er jeden Gedanken an die Revolution,
jeden Schritt zum unmittelbar revolutionären Kampf verspottet.
Die Arbeiterklasse kann ihre welthistorische revolutionäre Mission
nicht erfüllen ohne rücksichtslosen Kampf gegen dieses Renegatentum,
diese Charakterlosigkeit, diese Liebedienerei vor dem Opportunismus und
diese beispiellose theoretische Verflachung des Marxismus. Das Kaut-
skyanertum ist kein Zufall, sondern ein soziales Produkt der Gegensätze
in der II. Internationale, der Verbindung von Treue zum Marxismus in
Worten mit Unterwerfung unter den Opportunismus in Taten.“ (G. Si-
nowjew und N. Lenin, „Sozialismus und Krieg“, Genf 1915, S. 13/14.)
Weiter. In dem 1916 geschriebenen Buch „Der Imperialismus als
jüngste Etappe des Kapitalismus“ (1917 in Petrograd erschienen) habe
ich die theoretische Verlogenheit aller Kautskyschen Betrachtungen über
den Imperialismus ausführlich analysiert. Ich führte die Kautskysche De-
finition des Imperialismus an: „Der Imperialismus ist ein Produkt des
hochentwickelten industriellen Kapitalismus. Er besteht in dem Drange
jeder industriellen kapitalistischen Nation, sich ein immer größeres agra-
risches“ (hervorgehoben von Kautsky) „Gebiet zu unterwerfen und an-
zugliedern, ohne Rücksicht darauf, von welchen Nationen es bewohnt
wird.“ Ich zeigte, daß diese Definition völlig falsch und „geeignet“ ist,
die tiefsten Widersprüche des Imperialismus zu vertuschen und sich dann
mit dem Opportunismus auszusöhnen. Ich führte meine Definition des
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
229
Imperialismus an : „Der Imperialismus ist der Kapitalismus auf jener Ent-
wicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals
sich herausgebildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewon-
nen, die Aufteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen
hat und: die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die
größten kapitalistischen Länder abgeschlossen ist.“ Ich wies nach, daß
bei Kautsky die Kritik am Imperialismus nicht einmal an die bürgerliche,
an die kleinbürgerliche Kritik am Imperialismus heranreicht.
Schließlich, im August und September 1917, d. h. vor der proletarischen
Revolution in Rußland (25. Oktober/7. November 1917), verfaßte ich
die Anfang 1918 in Petrograd erschienene Schrift „Staat und Revolution.
Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats
in der Revolution“. Und hier, im VI. Kapitel, „Die Vulgarisierung des
Marxismus durch die Opportunisten“, beschäftigte ich mich besonders
mit Kautsky und wies nach, daß er die Marxsche Lehre völlig entstellt,
sie opportunistisch verfälscht und die „Revolution in der Tat bei einem
Bekenntnis zu ihr in Worten preisgegeben hat“. .
Im wesentlichen besteht der theoretische Hauptfehler Kautskys in
seiner Broschüre über die Diktatur des Proletariats gerade in jenen
opportunistischen Entstellungen der Marxschen Lehre vom Staat, die in
meiner Schrift „Staat und Revolution“ im einzelnen aufgedeckt worden
sind.
Diese Vorbemerkungen waren notwendig,, denn sie beweisen, daß ich
Kautsky, schon lange bevor die Bolschewiki die Staatsmacht ergriffen hat-
ten und deswegen von Kautsky verurteilt worden sind, offen des Rene-
gatentums bezichtigt habe.
WIE KAUTSKY MARX IN EINEN DUTZENDLIBERALEN
VERWANDELT HAT
Die Grundfrage, die Kautsky in seiner Broschüre berührt, ist die Frage
nach dem Wesensinhalt der proletarischen Revolution, eben die Frage
der Diktatur des Proletariats. Das ist die Frage, die für alle Länder, be-
sonders für die fortgeschrittenen, besonders für die kriegführenden und
besonders für die Gegenwart von größter Bedeutung ist. Man kann ohne
230
W. I. Lenin
Übertreibung sagen, daß das die wichtigste Frage des ganzen proletarischen
Klassenkampfes ist. Deshalb muß man aufmerksam auf sie eingehen.
Kautsky stellt die Frage folgendermaßen: „Der Gegensatz der beiden
sozialistischen Richtungen“ (d. h. der Bolschewiki und der Nichtbolsche-
wiki) sei „der Gegensatz zweier grundverschiedener Methoden: der de-
mokratischen und der . diktatorischen“ (S. 3).
Nebenbei bemerkt läßt sich Kautsky, wenn er die Niditbolschewiki in
Rußland, d. h. die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, als Sozialisten
bezeichnet, dabei von ihrem Namen, d. h. von einem Wort, nicht aber
von der Stellung leiten, die sie tatsächlich im Kampf des Proletariats gegen
die Bourgeoisie einnehmen. Fürwahr, eine großartige Auffassung und
Anwendung des Marxismus!. Aber darüber Ausführlicheres weiter unten.
Zunächst die Hauptsache: Kautskys großartige Entdeckung von dem
„grundverschiedenen Gegensatz“ zwischen „der demokratischen und der
diktatorischen Methode“. Das ist der Kern der Frage. Das ist das ganze
Wesen der Kautskyschen Broschüre. Und das ist eine so ungeheuerliche
theoretische Konfusion, eine so vollständige Abkehr vom Marxismus, daß
Kautsky, das kann män wohl sagen, Bernstein weit in den Schatten ge-
stellt hat.
Die Frage der Diktatur des Proletariats ist die Frage nach dem Ver-
hältnis des proletarischen Staates zum bürgerlichen Staat, der proleta-
rischen Demokratie zur bürgerlichen Demokratie. Man sollte meinen, das
sei klar wie der lichte Tag. Kautsky aber, gleich einem durch das ewige
Wiederholen der Geschichtslehrbücher verknöcherten Gymnasialprofes-
sor, kehrt dem 20. Jahrhundert hartnäckig den Rücken und käut, das
Gesicht dem 18. Jahrhundert zugewandt, zum hundertstenmal, unglaub-
lich langweilig, in einer ganzen Reihe von Paragraphen, das alte Zeug
vom Verhältnis der bürgerlichen Demokratie zum Absolutismus und Mit-
telalter wieder!
Fürwahr, wie im Schlaf brabbelt er immer wieder dasselbe langweilige
Zeug!
Das heißt doch aber schon den Dingen vollkommen verständnislos
gegenüberstehen. Kautskys Bemühungen, die Sache so hinzustellen, als
gebe es Leute, die „Verachtung der Demokratie“ (S. 11) u. a. m. predig-
ten, rufen doch nur ein Lächeln hervor. Mit solchen Narrenpossen muß
Kautsky die Frage verdunkeln und verwirren, denn er stellt die Frage
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 231
auf liberale Art, als Frage der Demokratie' schlechthin und nicht der
bürgerlichen Demokratie ; er vermeidet sogar diesen präzisen Klassen-
begriff und befleißigt sich, von einer „vorsozialistischen“ Demokratie zu
sprechen. Nahezu ein Drittel der Broschüre, 20 von 63 Seiten, hat unser
Kannegießer mit einem Geschwätz gefüllt, das der Bourgeoisie sehr ge-
nehm ist, denn es kommt einer Beschönigung der bürgerlichen Demokratie
gleich und verdunkelt die Frage der proletarischen Revolution.
Aber der Titel der Broschüre Kautskys lautet doch immerhin „Die
Diktatur des Proletariats“. Daß gerade darin da s Wesen der Marxschen
Lehre besteht, ist allgemein bekannt. Auch Kautsky sah sich genötigt,
nach dem ganzen Geschwätz, das nicht zum Thema gehört, die Marxschen
Worte von der Diktatur des Proletariats anzuführen.
Wie das der „Marxist“ Kautsky macht, das :ist schon die reinste Ko-
mödie! Man höre:
„Diese Auffassung“ (in der Kautsky eine Verachtung der Demokratie
erblickt) „stützt sich auf ein Wort. von Karl Marx“ - so heißt es buch-
stäblich auf S. 20. Und auf S. 60 wird das sogar in solcher Form wieder-
holt: „Da erinnerte man“ (die Bolschewiki) „sich rechtzeitig des Wört-
chens“ (buchstäblich soll des Wörtchens*)’ „von der Diktatur des Prole-
tariats, das Marx einmal 1875 in einem Briefe gebraucht hatte.“
Das „Wörtchen“ von Marx lautet:
„Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft
liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre.
Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts
andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des.Proletariats.“ 87
Erstens, diese berühmten Ausführungen von Marx, die das^ Fazit aus
seiner ganzen revolutionären Lehre ziehen, als „ein Wort“ oder gar als
„Wörtchen“ zu bezeichnen heißt den Marxismus verhöhnen, heißt ihn
völlig verleugnen. Man darf nicht vergessen, daß Kautsky - Marx nahezu
auswendig kennt, daß er, nach allen seinen Veröffentlichungen zu urtei-
len, im Schreibtisch oder im Kopf eine Reihe hölzerner Kästchen hat, in
denen alles von Marx Geschriebene aufs genauste und bequemste zum
Zitieren geordnet ist. Kautsky muß unbedingt missen, daß sowohl Marx
als auch Engels in Briefen wie. in ihren Publikationen wiederholt von der
Diktatur des Proletariats gesprochen haben, sowohl vor als auch beson-
* „des Wörtchens“ bei Lenin deutsch. Der Qbers~
rke. Bd. 28
232
W. I. Lenin
ders nach der Kommune. Kautsky muß wissen, daß die Formel „Diktatur
des Proletariats“ lediglich die historisch konkretere und wissenschaftlich
genauere Darlegung der Aufgabe des Proletariats ist, die bürgerliche
Staatsmaschinerie „zu zerbrechen“, einer Aufgabe, von der sowohl Marx
als auch Engels unter Berücksichtigung der Erfahrungen aus der Revolu-
tion von 1848 und noch mehr aus der Revolution von 1871 vierzig Jahre
lang, von 1852 bis 1891, gesprochen haben.
Wie ist diese ungeheuerliche Entstellung des Marxismus durch den
marxistischen Schriftgelehrten Kautsky zu erklären? Nimmt man die
philosophischen Grundlagen dieser Erscheinung, so läuft die Sache darauf
hinaus, daß er die Dialektik durch Eklektizismus und Sophistik ersetzt.
Kautsky ist ein großer Meister in solchen Verfälschungen. Nimmt man
die praktisch-politische Seite, so läuft die Sache auf Liebedienerei vor
den Opportunisten hinaus, d. h. letztlich vor der Bourgeoisie: Seit Kriegs-
beginn hat es Kautsky, immer rascher .fortschreitend, in dieser Kunst,
Marxist in Worten und Lakai der Bourgeoisie in der Tat zu sein, bis zur
-Virtuosität gebracht.
Noch mehr überzeugt man sich davon, wenn man sieht, wie wunderbar
Kautsky das Marxsche „Wörtchen“ von der Diktatur des Proletariats
„ausgelegt hat“. Man höre: .
„Marx hat es leider unterlassen, näher anzuführen, wie er sich diese Dik-
tatur vorstellt." (Ein durch und durch verlogener Satz eines Renegaten, denn
Marx und Engels haben ja gerade eine Reihe sehr ausführlicher Erläuterungen
gegeben, die der marxistische Sdiriftgelehrte Kautsky absichtlich umgeht.) „Buch-
stäblich' genommen bedeutet das Wort die Aufhebung der Demokratie. Aber
freilich buchstäblich genommen bedeutet es auch die Alleinherrschaft eines ein-
zelnen, der an keinerlei Gesetze gebunden ist. Eine Alleinherrschaft, die sich von
einem Despotismus dadurch unterscheidet, daß sie nicht als ständige Staats-
.einrichtung, sondern als eine vorübergehende Notstandsmaßregel gedacht ist.
Der Ausdruck .Diktatur des Proletariats', also Diktatur nicht eines einzelnen,
sondern einer Klasse, schließt bereits aus, daß Marx hiebei an eine Diktatur im
buchstäblichen Sinne des Ausdrucks gedacht hat.
Er sprach hier nicht von einer Regierungsform, sondern einem Zustande, der
notwendigerweise überall eintreten müsse, wo das Proletariat die politische
Macht erobert hat. Daß er hier keine Regierungsform im Auge hatte, wird
schon dadurch bezeugt, daß er der Ansicht war. in England und Amerika könne
sich der Übergang friedlich, also auf demokratischem Wege vollziehen.“ (S. 20.)
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 233
Wir haben absichtlich diese ganze Argumentation ungekürzt gebracht,
damit der Leser klar sehen kann, mit welchen Methoden der „Theoreti-
ker“ Kautsky operiert.
Es gefiel Kautsky, an die Frage so heranzutreten, daß er mit der De-
finition des „Wertes“ Diktatur anfing.
Schön. Es steht jedem frei, an eine Frage beliebig heranzutreten. Nur
muß man unterscheiden, ob jemand ernst und ehrlich an eine Frage heran-
tritt oder unehrlich. Wollte jemand bei einem derartigen Herangehen an
die Frage sich ernsthaft mit dem Problem befassen, so müßte er seine
eigene Definition des „Wortes“ geben. Dann wäre die Frage klar und
offen gestellt. Kautsky tut das nicht. „Buchstäblich genommen“, schreibt
er, „bedeutet das Wort Diktatur die Aufhebung der Demokratie.“
Erstens ist das keine Definition. Wenn es Kautsky beliebt, einer Defini-
tion des Begriffs Diktatur aus dem Wege zu gehen, wozu brauchte er auf
diese Weise.an die Frage heranzutreten?
Zweitens ist das offenkundig falsch. Es ist nur natürlich, wenn ein
Liberaler von „Demokratie“ schlechthin spricht. Ein Marxist wird nie
vergessen zu fragen: „Für welche Klasse?“ Jedermann weiß beispiels-
weise .- und der „Ffistoriker“ Kautsky weiß das ebenfalls daß die
Aufstände oder selbst die starken Gärungen unter den Sklaven im Alter-
tum sofort das Wesen des antiken Staates als einer Diktatur der Sklaven-
halter offenbarten. Hat diese Diktatur die Demokratie unter den Sklaven-
haltern, die Demokratie für sie aufgehoben? Jedermann weiß, daß das
nicht der Fall war.
Der „Marxist“ Kautsky hat einen ungeheuerlichen Unsinn und eine
Unwahrheit gesagt, denn er hat den Klassenkampf „vergessen " . . .
Um aus der liberalen und verlogenen Behauptung, die Kautsky auf-
gestellt hat, eine marxistische und wahre Behauptung zu. machen, muß
man sagen: Diktatur bedeutet nicht unbedingt die Aufhebung der Demo-
kratie für die Klasse, die diese Diktatur über die anderen Klassen ausübt;
sie bedeutet aber unbedingt die Aufhebung der Demokratie (oder ihre
äußerst wesentliche Einschränkung, was auch eine Form der Aufhebung ist)
für die Klasse, über welche oder gegen welche die Diktatur ausgeübt wird.
Doch wie wahr diese Behauptung auch sein mag, eine Definition des
Begriffs Diktatur gibt sie dennoch nicht.
Prüfen wir den folgenden Satz Kautskys :
234
W. 1. Lenin
„Aber freilich buchstäblich genommen bedeutet das Wort äuch die Allein-
herrschaft eines einzeken. der an keinerlei Gesetze gebunden ist.“
Gleich einem blinden jungen Hund, der mit der Nase bald hierhin, bald
dorthin tappt, ist Kautsky hier zufällig auf einen richtigen Gedanken ge-
stoßen (nämlich daß die Diktatur eine an keinerlei Gesetze gebundene
Macht ist), aber eine Definition des Begriffs Diktatur hat er dennoch nicht
gegeben, und zudem hat er eine off enkundige historische Unwahrheit, ge-
sagt, wenn er die Diktatur als Alleinherrschaft eines einzelnen bezeichnet.
Das ist auch grammatikalisch unrichtig, denn diktatorisch herrschen kann
auch eine Gruppe von Personen, auch eine Oligarchie, auch eine Klasse
usw.
Weiter verweist Kautsky auf den Unterschied-der Diktatur vom Despo-
tismus, aber obwohl seine Behauptung offensichtlich falsch ist, werden wir
nicht darauf eingehen, denn das hat mit. der uns' interessierenden Frage
gar nichts zu tun. Kautskys Neigung, rieh, vom 20. Jahrhundert dem
18. Jahrhundert und vom 18. Jahrhundert der Antike zuzuwenden, ist
bekannt, und wir hoffen, daß das deutsche Proletariat nach Erringung der
Diktatur dieser Neigung Kautskys Rechnung tragen wird und ihn, sagen
wir, als Gymnäsialprofessor für Geschichte des Altertums beschäftigen
wird. Einer Definition der Diktatur des Proletariats durch Spintisieren
über Despotismus aus dem Wege gehen zu . wollen ist entweder eine
kapitale Dummheit oder eine recht ungeschickte Gaunerei,
Und das Resultat ist, daß Kautsky, der sich anheischig machte, über
die Diktatur zu sprechen, viel wissentlich Falsches zusammengeredet, aber
keine Definition gegeben hat! Er hätte sich nicht- auf seine geistigen
Fähigkeiten verlassen dürfen, sondern sein Gedächtnis zu Hilfe nehmen
müssen, aus seinen „Kästchen“ hätte er alle Fälle herausgreifen können,
wo Marx von der Diktatur spricht. Dann wäre er bestimmt zu der fol-
genden oder einer im wesentlichen mit ihr übereinstimmenden Definition
gelangt: • • - •
Die Diktatur ist eine sich unmittelbar auf Gewalt stützende Macht, die
an keine Gesetze gebunden ist.
Die revolutionäre Diktatur des Proletariats ist eine Macht, die erobert
wurde und aufrechterhalten wird durch die Gewalt des Proletariats gegen-
über der Bourgeoisie, eine Macht, die-an keine Gesetze gebunden ist.
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 235
Und eben diese einfache Wahrheit, die se klar ist wie der lichte Tag
für jeden klassenbewußten Arbeiter (für den Vertreter der Masse und
nicht der Oberschicht eines -von den Kapitalisten korrumpierten klein-
bürgerlichen Gesindels, wie es die Sozialimperialisten aller Länder sind),
diese für jeden Vertreter der Ausgebeuteten,- der für .ihre Befreiung
Kämpfenden, offensichtliche, diese für jeden- Marxisten unbestreitbare
Wahrheit muß dem so gelahrten Herrn Kautsky „im Kampfe abgerun-
gen“ werden. Wodurch ist das zu erklären? Durch jenen Geist des La-
kaientums, von dem die Führer der II. Internationale durchdrungen sind;
die zu verabscheuungswürdigen Sykophanten im Dienste der Bourgeoi-
sie geworden sind.
Zunächst hat sich Kautsky eine Unterstellung geleistet, indem er die
offensichtlich unsinnige Behauptung aufstellte, das Wort Diktatur bedeute
im buchstäblichen Sinne Alleinherrschaft eines Diktators, und dann er-
klärte er - auf Grund dieser Unterstellung! -, daß „also“ bei Marx der
Ausdruck Diktatur einer Klasse nickt -im buchstäblichen Sinne zu ver-
stehen sei -(sondern in einem Sinne, bei dem Diktatur nicht revolutionäre
Gewalt, sondern „friedliche“ Eroberung der Mehrheit unter der bürger-
lichen - wöhlgemerkt -„Demokratie“ bedeute).
Man müsse doch unterscheiden zwischen „Zustand“ und -„ Regierungs-
form“. Eine erstaunlich tiefsinnige Unterscheidung, ganz so,, als wenn
wir zwischen dem „Zustand“ der Dummheit eines Menschen, der unklug
daherredet, und der „Form“ seiner Dummheiten unterscheiden wollten!
Kautsky muß die Diktatur als „Zustand der Herrschaft“ auslegen
(buchstäblich steht es so bei ihm schon auf der folgenden Seite 21), denn
dann verschwindet die revolutionäre Gemalt, verschwindet die gemalt-
same Revolution. Der „Zustand der Herrschaft“ ist der Zustand, in dem
sich eine beliebige Mehrheit unter der .-.„Demokratie“ befindet! Mit
Hilfe eines solchen Taschenspielertricks verschwindet glücklich die Re-
volution !
Aber der Schwindel'ist zu plump, -und er rettet Kautsky nicht. Daß die
Diktatur den „Zustand“ einer für die Renegaten unangenehmen revolutio-
nären Gewalt einer Klasse über die aridere voraussetzt und bedeutet, läßt
sich beim besten Willen nicht verbergen. Die Unsinnigkeit der Unter-
scheidung -zwischen „Zustand“ und „Regierungsform“ wird offensicht-
lich. Von einer Regierungsform zu reden ist hier doppelt dumm, denn
236
W. I. Lenin
jedes Kind weiß, daß Monarchie und Republik verschiedene Regierungs-
formen sind. Herrn Kautsky muß man erst beweisen, daß diese beiden
Regierungsformen, wie auch alle dazwischenliegenden ineinander über-
gehenden „Regierungsformen“ im Kapitalismus, nur Spielarten des bür-
gerlichen Staates, d. h. der Diktatur der Bourgeoisie sind.
Von Regierungsformen zu sprechen ist schließlich nicht nur eine dumme,
sondern auch plumpe Verfälschung von Marx, der hier klipp und klar
von der Form oder dem Typus des Staates und nicht von der Form der
Regierung spricht.
Die proletarische Revolution ist unmöglich ohne gewaltsame Zerstörung
der bürgerlichen Staatsmaschinerie und ohne ihre Ersetzung durch eine
neue, die nach den Worten von Engels „schon kein Staat im eigentlichen
Sinne mehr“ 86 ist.
Kautsky muß das alles verkleistern und umlügen - das erfordert sein
Renegatenstandpunkt.
Man sehe nur, zu welch kläglichen Ausflüchten er greift.
Erste Ausflucht: „Daß er“ (Marx) „hier keine Regierungsform im
Auge hatte, wird schon dadurch bezeugt, daß er der Ansicht war, in Eng-
land und Amerika könne sich der Obergang friedlich, also auf demokra-
tischem Wege vollziehen.“
Die Regierungsform tut hier absolut nichts zur Sache, denn es gibt
Monarchien, die für den bürgerlichen Staat nicht typisch sind, die bei-
spielsweise durch das Fehlen eines stehenden Heeres gekennzeichnet sind,
und es gibt Republiken, die in dieser Hinsicht durchaus typisch sind, zum
Beispiel solche mit stehendem Heer und Bürokratie. Das ist eine all-
bekannte geschichtliche und politische Tatsache, und Kautsky wird es
nicht gelingen, sie zu verfälschen.
Wollte Kautsky ernsthaft und ehrlich argumentieren, so würde er sich
fragen: Gibt es historische Gesetze, die für die Revolutionen gelten und
keine Ausnahmen kennen? Die Antwort würde lauten: Nein, solche Ge-
setze gibt es nicht. Solche Gesetze haben nur das Typische im Auge, das,
was Marx einmal als das „Ideale" im Sinne eines durchschnittlichen, nor-
malen, typischen Kapitalismus bezeichnet hat.
Weiter. Gab es in den siebziger Jahren etwas, was England und Ame-
rika in dieser Hinsicht zu einer Ausnahme machte? Ein jeder, der auch
nur einigermaßen mit den Erfordernissen der Wissenschaft hinsichtlich
Die proletarisdie Revolution und der Renegat Kautsky
237
geschichtlicher Probleme vertraut ist, sieht ganz klar, daß diese Frage
gestellt werden muß. Sie nicht stellen heißt die Wissenschaft verfälschen,
heißt sich mit Sophistereien abgeben. Stellt man aber diese Frage, so
kann an der Antwort nicht gezweifelt werden: Die revolutionäre Diktatur
des Proletariats ist Gemalt gegenüber der Bourgeoisie; die Notwendigkeit
dieser Gewalt wird eben, wie das Marx und Engels aufs ausführlichste
und wiederholt (besonders im „Bürgerkrieg in Frankreich“ und in der
Einleitung dazu) dargelegt haben, insbesondere durch das Vorhandensein
eines stehenden Heeres und einer Bürokratie hervorgerufen. Eben diese
Einrichtungen bat es eben in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts,
als Marx diese Bemerkung machte, eben in England und Amerika nich t
gegeben! (Heute dagegen gibt es sie sowohl in England als auch in
Amerika.)
Kautsky muß buchstäblich auf Schritt und- Tritt schwindeln, um sein
Renegatentum zu verbergen!
Und man beachte, wie er hier versehentlich seine Eselsohren gezeigt
hat. Er schrieb : „friedlich, also auf demokratischem Wege "ll
Bei der Definition des Begriffs Diktatur bemühte sich. Kautsky nach
Kräften, dem Leser das Hauptmerkmal, dieses Begriffs vorzuenthalten,
nämlich: die revolutionäre Gemalt. Nun aber tritt die. Wahrheit zutage:
Es handelt sich um den Gegensatz zwischen friedlicher und gemaltsamer
Umwälzung.
Hier liegt der Hund begraben. Alle Ausflüchte, Sophismen und
Taschenspielertricks braucht Kautsky ja gerade, um über die gewaltsame
Revolution hinmegzureden, um seine Abkehr von ihr, seinen Übergang
auf die Seite einer liberalen Arbeiterpolitik, d. h. auf die- Seite der Bour-
geoisie, zu verhüllen. Hier liegt der Hund begraben.
Der „Historiker“ Kautsky fälscht die Geschichte so schamlos, daß er
die Hauptsache „vergißt“, nämlich daß sich der vormonopolistische Kapi-
talismus - dessen Höhepunkt gerade in die siebziger Jahre des 19. Jahr-
hunderts fällt - eben kraft seiner grundlegenden ökonomischen Eigen-
schaften, die in England und Amerika besonders typisch zum Ausdruck
kamen, durch verhältnismäßig große Friedfertigkeit und Freiheitsliebe
auszeichnete. Der Imperialismus dagegen, d. h. der monopolistische Ka-
pitalismus, der erst im 20. Jahrhundert seine volle Reife erlangt hat, zeich-
net sich kraft seiner grundlegenden ökonomischen Eigenschaften durch
238
sehr geringe Friedfertigkeit und Freiheitsliebe und sehr große, überall
wahrzunehmende Entwicklung des Militarismus aus. Das bei der Beurtei-
lung der Frage, inwieweit eine friedliche oder eine gewaltsame Umwäl-
zung typisch oder wahrscheinlich ist, „nicht bemerken“ heißt zu einem
gewöhnlichen Lakaien der Bourgeoisie herabsinken.
Die zweite Ausflucht. Die Pariser Kommune war eine Diktatur des
Proletariats, sie wurde aber nach allgemeinem Stimmrecht, d. h. ohne daß
der Bourgeoisie das Wahlrecht entzogen wurde, d. h. „ demokratisch “
gewählt. Und Kautsky triumphiert: „Die Diktatur des Proletariats war
ihm“ (Marx) „ein Zustand, der bei überwiegendem Proletariat aus der
reinen Demokratie notwendig hervorgeht. “ (S. 21.)
Dieses Argument Kautskys ist so ergötzlich, daß man wahrlich einen
embarras de richesses empfindet (in Bedrängnis gerät wegen der Fülle
der - . .. Einwendungen). Erstens ist bekannt, daß die Blüte, der Stab, die
Spitzen der Bourgeoisie aus Paris nach Versailles geflüchtet waren. In
Versailles befand sich der „Sozialist“ Louis Blanc, was unter anderem die
Verlogenheit' der -Kautskyschen Behauptung beweist, daß an der Kom-
mune „alle Richtungen“ des Sozialismus beteiligt gewesen seien. Ist es
nicht lächerlich, die Scheidung der Einwohner von Paris in zwei einander
bekämpfende Lager, von denen das eine die ganze militante, politisch
aktive Bourgeoisie vereinigte, :als „reine Demokratie“ mit „allgemeinem
Stimmrecht“ hinzustellen?
' Zweitens kämpfte die Kommune gegen Versailles als die Arbeiter-
regierung Frankreichs gegen die bürgerliche Regierung. Was sollen hier
„reine Demokratie“ und „allgemeines Stimmrecht“, wenn Paris die Ge-
schicke Frankreichs, entschied? Als Marx sagte, die Kommune habe einen
Fehler begangen, als sie nicht von der Bank von Frankreich Besitz er-
griff 89 , ist er da etwa von den Prinzipien und der Praxis der „reinen
Demokratie“ äusgegangen??
- Man sieht wahrhaftig, daß Kautsky in einem Lande schreibt, in dem
das „kollektive“ Lachen polizeilich verboten ist, sonst hätte ihn das Ge-
lächter längst getötet. '
Drittens. Ich gestatte. mir ehrerbietigst, Herrn Kautsky, der Marx und
Engels auswendig kennt, . an die folgende Einschätzung der Kommune
durch Engels vom Standpunkt der . . . „reinen Demokratie“ zu erinnern:
„Haben sie einmal eine Revolution gesehen, diese Herren (Antiauto-
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
239
ritären)? Eine Revolution ist gewiß die autoritärste Sache, die es gibt, ein
Akt, durch den ein Teil der Bevölkerungseinen Willen dem anderen Teil
durch Flinten, Bajonette und Kanonen, alles das sehr autoritäre Mittel,
aufzwingt; und die Partei, die gesiegt hat, muß ihre Herrschaft durch den
Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflößen, behaupten. Und
hätte sich die Pariser Kommune nicht der Autorität eines bewaffneten
Volkes gegen die Bourgeoisie bedient, hätte sie sich länger als einen Tag
behauptet? Können wir sie nicht umgekehrt tadeln, daß sie sich zu wenig
dieser Autorität bedient habe?“ 90
Da haben wir die „reine Demokratie“! Wie hätte sich Engels über den
banalen Spießer und „Sozialdemokraten“ (der vierziger Jahre im fran-
zösischen und der Jahre 1914-19i8 im allgemein-europäischen Sinne)
lustig gemacht, der auf den Gedanken verfallen wäre, in einer in Klassen
gespaltenen Gesellschaft schlechthin von „reiner Demokratie“ zu reden!
Doch genug damit. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, all den Unsinn,
den sich Kautsky geleistet hat, im einzelnen anzuführen, denn jeder sei-
ner Sätze birgt einen bodenlosen Abgrund von Renegatentum.
Marx und Engels haben die Pariser Kommune aufs genauste analysiert,
sie haben gezeigt, daß es das Verdienst der Kommune war, versucht zu
haben-, die „fertige Staatsmaschine“ zu zersddagen, zu zerbrechen. Marx
und Engels hielten diese Schlußfolgerung für so wichtig, daß sie 1872 an
dem (teilweise) „veralteten“ Programm des „Kommunistischen Mani-
fests" nur diese Korrektur vomahmen. 91 Marx und Engels haben ge-
zeigt, daß die Kommune Heer und Beamtentum beseitigte, den Parla-
mentarismus Vernichtete, den „Schmarotzerauswuchs Staat“ zerstörte
usw., aber der neunmalkluge Kautsky zieht die Schlafmütze über die
Ohren und plappert immer wieder nach, was die liberalen Professoren
schon tausendmal erzählt haben - das Märchen von der „reinen Demo-
kratie“.
Nicht umsonst hat Rosa Luxemburg am 4. August 1914 gesagt, die
deutsche Sozialdemokratie sei jetzt ein stinkender Leichnam.
Die dritte Ausflucht ist die; „Wenn wir von der Diktatur als Regie-
rungsform, sprechen, so können wir nicht von der Diktatur einer Klasse
sprechen. Denn eine Klasse kann, wie wir schon bemerkten, nur herr-
schen, nicht regieren . . .“ Regieren können nur „Organisationen“ oder
„Parteien“.
240
W. I. Lenin
Das ist Konfusion, heillose Konfusion, Herr „Konfusionsrat“! Die
Diktatur istkeine „Regierungsform“, das ist lächerlicher Unsinn; Marx
spricht ja auch nicht von einer „Regierungsform“, sondern von der Form
oder dem Typus des Staates. Das ist nicht dasselbe, absolut nicht dasselbe.
Völlig falsch ist auch, daß eine Klasse nicht regieren kömie; solchen Un-
sinn könnte nur ein „parlamentarischer Kretin“ von sich geben, der nichts
sieht außer dem bürgerlichen Parlament, der nichts bemerkt außer den
„regierenden Parteien“. Jedes beliebige europäische Land könnte Kautsky
Beispiele dafür liefern, daß es durch seine herrschende Klasse regiert
wird, z. B. durch die Gutsherren im Mittelalter, ungeachtet ihrer mangel-
haften Organisiertheit.
Das Fazit: Kautsky hat den Begriff der Diktatur des Proletariats aufs
unerhörteste entstellt und hat Marx in einen Dutzendliberalen verwan-
delt, d. h. , er ist selbst auf dem Niveau eines Liberalen angelangt, der sich
in banalen Phrasen über „reine Demokratie“ ergeht, den Klasseninhalt
der bürgerlichen Demokratie beschönigt und vertuscht und am meisten
die revolutionäre Gemalt der unterdrückten Klasse fürchtet. Als Kautsky
den Begriff der „revolutionären Diktatur des Proletariats“ so „auslegte“,
daß die revolutionäre Gewalt der unterdrückten Klasse gegenüber den
Unterdrückern verschwand, schlug er den- Weltrekord in der liberalen
Entstellung von Marx. Der Renegat Bernstein ist ein Waisenknabe im
Vergleich zu dem Renegaten Kautsky.
BÜRGERLICHE UND PROLETARISCHE DEMOKRATIE
Die von Kautsky heillos verwirrte Frage stellt sich in Wirklichkeit fol-
gendermaßen dar:
Wenn man nicht dem gesunden Menschenverstand und der Geschichte
hohnsprechen will, so ist klar, daß man nicht von „reiner Demokratie"
sprechen kann, solange es verschiedene Klassen gibt, daß man da nur von
Ktoseudemokratie' sprechen kann. (Nebenbei bemerkt: „Reine Demo-
kratie“ ist nicht nur eine von Unwissenheit zeugende Phrase, die Ver-
ständnislosigkeit sowohl für den Klassenkampf als auch für das Wesen
des Staates offenbart, das ist auch eine durch und durch hohle Phrase,
denn in der kommunistischen Gesellschaft wird die Demokratie, sich um-
Die proletansdie Revolution und der Renegat Kautsky 241
bildend und zur Gewohnheit werdend, äbsterben, nie aber wird es eine
„reine“ Demokratie geben.)
„Reine Demokratie“, das ist die verlogene Phrase eines Liberalen, der
die Arbeiter zum Narren hält. Die Geschichte kennt die bürgerliche De-
mokratie, die den Feudalismus ablöst, und die proletarische Demokratie,
die diebürgerliche ablöst. -
Wenn'Kaütsky schier Dutzende von Seiten dem „Beweis“' jener Wahr-
heit widmet, daß die bürgerliche Demokratie im Vergleich zum 'Mittel--
älterfortschrittlichist und daß das Proletariat sie in seinem Kampf gegen
die Bourgeoisie unbedingt ausnutzen muß, so ist das eben liberales Ge-
schwätz, das die Arbeiter zum Narren hält. Nicht nur in dem gebildeten
Deutschland, sondern auch in dem ungebildeten Rußland ist das ein Ge-
meinplatz. Kautsky streut den Arbeitern^ einfach „gelehrten“ Sand in die
Augen, wenn er sich mit wichtiger Miene über. Weitling, über die Jesuiten
in Paraguay und vieles andere ausläßt, mir um das bürgerliche We-
sen der modernen, d. h: der kapitalistischen, Demokratie zu umgehen.
- Kautsky entnimmt dem Marxismus das, was für die Liberalen, für die
Bourgeoisie annehmbar ist (die Kritik am Mittelalter, die fortschrittliche
historische Rolle des Kapitalismus im allgemeinen und der kapitalistischen
Demokratie im besonderen), und streicht, verschweigt und vertuscht vom
Marxismus all das, was für die Bourgeoisie unannehmbar ist (die revolu-
tionäre Gewalt des Proletariats' gegenüber der Bourgeoisie, um diese zu
vernichten); Darum eben erweist sich Kautsky infolge seiner objektiven
Stellung, wie immer seine subjektive Überzeugung auch sein: mag, un-
vermeidlich als' Lakai der Bourgeoisie.
Die bürgerliche Demokratie, die im Vergleich zum Mittelalter ein ge^
waltiger historischer Fortschritt ist, bleibt stets - und im Kapitalismus
kann es gar nicht anders sein - eng, beschränkt, falsch und verlogen, ein
Paradies für die Reichen, eine Falle und Betrug für die Ausgebeuteten, die
Armen. Eben diese Wahrheit, die einen höchst wesentlichen Bestandteil
der marxistischen Lehre bildet, hat der „Marxist“ Kautsky nicht begrif-
fen. In dieser Frage, der Grundfrage, wartet Kautsky der Bourgeoisie mit
„Annehmlichkeiten" auf, statt eine wissenschaftliche: Kritik der Bedin-
gungen zu liefern, die jede bürgerliche Demokratie zu einer Demokratie
für die Reichen machen.
Erinnern wir zunächst den hochgelehrten Herrn Kautsky an jene theo-
242
WA. Lenin
retischen Ausführungen von Marx und Engels, die unser Buchstabenreiter
zu seiner Schande (und der Bourgeoisie zuliebe) „vergessen“ hat, und
dann werden wir die Sache möglichst populär erklären.
Nicht nur der antike und der Feudalstaat, auch „der moderne Reprä-
sentativstaat ist Werkzeug der Ausbeutung der Lohnarbeit durch das
Kapital“ (Engels in seinem Werk über den Staat) 92 . „Da nun der Staat
doch nur eine vorübergehende Einrichtung ist, deren man sich im Kampf,
in der Revolution bedient, um seine Gegner gewaltsam niederzuhalten,
so ist es purer Unsinn, von freiem Volksstaat zu sprechen: solange das
Proletariat den Staat noch gebraucht, gebraucht es ihn nicht im Interesse
der Freiheit, sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von
Freiheit die Rede sein kann, hört der Staat als solcher auf zu bestehen““
(Engels in einem Brief an Bebel vom 28. März 1875). „In Wirklichkeit
aber ist der Staat nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse
durch eine andre, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder
als in der Monarchie“ (Engels in der Einleitung zum „Bürgerkrieg in
Frankreich“ von Marx) 93 . Das allgemeine Stimmrecht ist „der Grad-
messer der Reife der Arbeiterklasse. Mehr kann und wird es nie sein im
heutigen Staat " (Engels in seinem Werk über den Staat. 94 Herr Kautsky
zerkaut höchst langweilig den für die Bourgeoisie annehmbaren ersten
Teil dieses Satzes. Dagegen wird der zweite, für die Bourgeoisie unan-
nehmbare Teil, den wir hervorgehoben haben, vom Renegaten Kautsky
verschwiegen!). „Die Kommune sollte nicht eine parlamentarische, son-
dern eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zu
gleicher Zeit . . . Statt einmal in drei oder sechs Jahren zu entscheiden,
welches Mitglied der herrschenden Klasse das Volk Im Parlament ver-
und zertreten soll, sollte das allgemeine Stimmrecht dem in Kommunen
konstituierten Volk dienen, wie das individuelle Stimmrecht jedem andern
Arbeitgeber dazu dient, Arbeiter, Aufseher und Buchhalter in seinem Ge-
schäft auszusuchen.“ (Marx in seinem Werk über die Pariser Kommune,
„Der Bürgerkrieg in Frankreich“.) 95
Jeder dieser Sätze, die dem hochgelehrten Herrn Kautsky sehr gut be-
kannt sind, ist für ihn ein Schlag ins Gesicht, entlarvt sein ganzes Rene-
gatentum. In der ganzen Broschüre Kautskys findet man nicht die Spur
von Verständnis für diese Wahrheiten. Der ganze Inhalt seiner Schrift
ist ein Hohn auf den Marxismus !
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 243
Man nehme die Grundgesetze der modernen Staaten, man nehme die
Methoden, mit denen sie regiert werden, man nehme die Versammlungs-
oder Pressefreiheit, die „Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz“ - und
man wird auf Schritt und Tritt die jedem ehrlichen und klassenbewußten
Arbeiter wohlbekannte Heuchelei der bürgerlichen Demokratie erblicken.
Es gibt keinen einzigen Staat, und sei es auch der demokratischste, wo es
in der Verfassung nicht Hintertürchen oder Klauseln gäbe, die der Bour-
geoisie die Möglichkeit sichern, „bei Verstößen gegen die Ruhe und Ord-
nung“ - in Wirklichkeit aber, wenn die ausgebeutete Klasse gegen ihr
Sklavendasein „verstößt“ und versucht, sich nicht mehr wie ein Sklave
zu verhalten - Militär gegen die Arbeiter einzusetzen, den Belagerungs-
zustand zu verhängen u. a. m. Kautsky beschönigt schamlos die bürger-
liche Demokratie, indem er verschweigt, wie z , B. die demokratischsten
und republikanischsten Bourgeois in Amerika oder der Schweiz gegen
streikende Arbeiter Vorgehen.
Oh, der weise und gelehrte Kautsky schweigt sich darüber aus! Er
begreift nicht, dieser Gelehrte und Politiker, daß dieses Verschweigen
eine Niedertracht ist: Er zieht es vor, den Arbeitern Ammenmärchen zu
erzählen, wie etwa, daß Demokratie „Schutz der Minoritäten“ bedeute.
Unglaublich, aber wahr! Im Jahre- 191 8 nach Christi Geburt, im fünften
Jahre des imperialistischen Weltgemetzels und des Abwürgens der inter-
nationalistischen Minderheiten (d. h. derjenigen, die den Sozialismus
nicht schmählich verraten haben wie die Renaudel und Longuet, die
Scheidemann und Kautsky; die Henderson- und Webb u. a. m.) in allen
„Demokratien“ der Welt, stimmt der gelehrte Herr Kautsky mit süßer,
honigsüßer Stimme ein Loblied auf den „Schutz der Minoritäten“ an.
Wer Lust hat, kann das auf S. 15 der Kautskyschen Broschüre nachlesen.
Und auf Seite 16 erzählt dieses gelahrte . . . Individuum von den Whigs
und Tories im 18. Jahrhundert in England!
Oh, diese Gelahrtheit! Oh, dieses raffinierte Lakaientum vor der Bour-
geoisie! Oh, diese zivilisierte Manier, vor den Kapitalisten auf dem
Bauche zu liegen und ihnen die Stiefel zu ledcenl Wäre ich Krupp oder
Scheidemann, Clemenceau oder Renaudel, ich würde Herrn Kautsky Mil-
lionen zahlen, würde ihn mit Judasküssen belohnen, ihn vor den. Arbeitern
herausstreichen und die „Einheit des Sozialismus“ mit so „ehrenwerten“
Leuten wie Kautsky empfehlen. . Gegen die Diktatur des Proletariats
244
Broschüren schreiben, von den Whigs und Tories im 18. Jahrhundert in
England erzählen, versichern, daß Demokratie den „Schutz der Minori-
täten“ bedeute, und die Pogrome gegen die Internationalisten in der „de-
mokratischen“ Republik Amerika verschweigen - sind das etwa keine
Lakaiendienste für die Bourgeoisie?
Der gelehrte Herr Kautsky hat eine „Kleinigkeit“ vergessen“
- wahrscheinlich hat er sie zufällig vergessen -, nämlich, daß die herr-
schende Partei der bürgerlichen Demokratie den Schutz der Minoritäten
nur einer anderen bürgerlichen Partei gewährt, während das Proletariat
in jeder ernsten, tiefgehenden, grundlegenden Frage statt des „Schutzes
der Minderheit“ dem Belagerungszustand oder Pogromen ausgesetzt ist.
Je entwickelter die Demokratie, desto näher rücken bei jeder tiefgehenden
politischen Auseinandersetzung, durch die die Bourgeoisie gefährdet wird,
Pogrome oder Bürgerkrieg heran. Dieses „Gesetz“ der bürgerlichen De-
mokratie hätte der gelehrte Herr Kautsky an der Dreyfus- Affäre im
republikanischen Frankreich, am Lynchen von Negern und Internationa-
listen in der demokratischen Republik Amerika, am Beispiel Irlands und
Ulsters im demokratischen England“, an der Hetze gegen die Bolschewiki
und der Organisierung von Pogromen gegen sie im April 1917 in der
demokratischen Republik Rußland beobachten können. Ich nehme ab-
sichtlich Beispiele nicht nur aus der Kriegszeit, sondern auch aus der Zeit
vor dem Kriege, aus der Friedenszeit. Dem salbungsvollen Herrn Kautsky
beliebt es, vor diesen Tatsachen des 20. Jahrhunderts die Augen zu ver-
schließen und dafür den Arbeitern wunderbar neue, höchst interessante,
außergewöhnlich lehrreiche und unglaublich wichtige Dinge von den
Whigs und Tories aus dem 18. Jahrhundert zu erzählen.
. Nehmen wir das bürgerliche Parlament. Ist es denkbar, daß der ge-
lehrte Kautsky nie davon gehört hat, wie Börse und Bankiers sich die
bürgerlichen Parlamente um so vollständiger unterwerfen,, je stärker die
Demokratie entwickelt ist? Daraus folgt nicht, daß man den bürgerlichen
Parlamentarismus nicht ausnutzen soll (und die Bolschewiki haben ihn
so. erfolgreich ausgenutzt wie kaum eine andere Partei in der Welt, denn
in den Jahren 1912-1914 haben wir die ganze Arbeiterkurie der
IV. Duma erobert). Daraus folgt aber, daß nur ein Liberaler die histo-
rische Beschränktheit und Bedingtheit des bürgerlichen Parlamentarismus
vergessen kann, wie Kautsky das vergißt. Auf, Schritt und Tritt stoßen
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
.245
die geknechteten Massen auch im demokratischsten bürgerlichen Staat
auf den schreienden Widerspruch zwischen der von der „Demokratie“
der Kapitalisten verkündeten formalen Gleichheit und: den. Tausenden
tatsächlicher Begrenzungen und Manipulationen,, durch die. die: Proletarier
zu Lohnsklaven gemacht werden. Gerade dieser Widerspruch öffnet den
Massen die Augen darüber, wie verfault, verlogen und heuchlerisch, der
Kapitalismus ist. Gerade diesen Widerspruch entlarven die Agitatoren
und Propagandisten des Sozialismus ständig vor den Massen, um sie vor-
zubereiten für die Revolution! Als jedoch die Ära der Revolution anbrach,
da kehrte Kautsky ihr den Rücken zu. und stimmte ein Loblied auf die
Herrlichkeiten der sterbenden bürgerlichen Demokratie an. .
Die proletarische Demokratie, deren eine Form die Sowjetmacht ist,
hat gerade für. die gigantische Mehrheit der Bevölkerung, für die Aus-
gebeuteten und Werktätigen, eine in der Welt noch nie dagewesene ^Ent-
wicklung und Erweiterung der Demokratie gebracht. Ein ganzes Buch über
die Demokratie schreiben, wie das Kautsky getan hat, der auf zwei Seiten
von der Diktatur und auf Dutzenden, von Seiten von der „reinen Demo-
kratie“ redet - und; ias nidit bemerken heißt die Dinge auf liberale. Art
völlig verzerren. ...
Nehmen wir die Außenpolitik. In keinem, selbst nicht in dem demokra-
tischsten bürgerlichen Lande wird sie offen betrieben. Überall, werden, die
Massen getäuscht, im demokratischen Frankreich, in der Schweiz, in Ame-
rika, in England hundertmal mehr und raffinierter als:in..den anderen
Ländern. Die Sowjetmacht hat auf revolutionäre Weise den Schleier des
Geheimnisses von der , Außenpolitik gerissen. Kautsky hat das nicht be-
merkt, er schweigt darüber. obwohl das in der Epoche der Raubkriege und
der Geheimverträge über die „Aufteilung der Einflußsphären“ (d. h. über
die Aufteilung der Welt unter die kapitalistischen Räuber) von grund-
legender Bedeutung ist, denn davon hängt die Frage des Friedens ab, eine
Frage von Leben und Tod für Millionen und aber Millionen Menschen.
Nehmen wir den Aufbau des Staats. Kautsky klammert sich an „Klei-
nigkeiten“, sogar daran,, daß die Wahlen (nach der Sowjetverfassung)
„indirekt“ sind, sieht aber nicht den Kern der Sache. Den Klassencharak-
ter des Staatsapparats, der Staatsmaschine, bemerkt er nicht. In der bür-
gerlichen Demokratie werden die Massen von den Kapitalisten mit
tausenderlei Kniffen, die um so raffinierter und wirksamer sind, je ent-
246
W. I. Lenin
widcelter die „reine“ Demokratie ist, von der Teilnahme an der Regie-
rung, von der Ausnutzung der Versammlungs- und Pressefreiheit usw.
abgehalten. Die Sowjetmacht ist die erste Macht in der Welt (streng-
genommen die zweite, -denn die Pariser Kommune hatte dasselbe zu tun
begonnen), die die Massen, gerade die ausgebeuteten Massen, zur Regie-
rung heranzieht. Die Teilnahme am bürgerlichen Parlament (das in der
bürgerlichen Demokratie nie über die wichtigen Fragen entscheidet: diese
Fragen werden von der Börse, von den Banken entschieden) ist den
werktätigen Massen durch tausenderlei Hindernisse versperrt, und die
Arbeiter wissen und empfinden, sehen und fühlen ausgezeichnet, daß das
bürgerliche Parlament eine ihnen fremde Einrichtung ist, ein Werkzeug
zur Unterdrückung der Proletarier durch die Bourgeoisie, eine Einrich-
tung der feindlichen Klasse, der ausbeutenden Minderheit.
Die Sowjets sind die unmittelbare Organisation der werktätigen und
ausgebeuteten Massen selbst, die es ihnen erleichtert, den Staat selbst
einzurichten und in jeder nur möglichen Weise zu leiten. Gerade die Vor-
hut der Werktätigen und Ausgebeuteten, das städtische Proletariat, er-
hält, hierbei den Vorzug, da es durch die Großbetriebe am besten ver-
einigt ist; es kann am leichtesten wählen und die gewählten Deputierten
kontrollieren. Die Sowjetorganisation erleichtert automatisch den Zu-
sammenschluß aller Werktätigen und Ausgebeuteten um ihre Vorhut, das
Proletariat. Der alte bürgerliche Apparat - das Beamtentum, die Privile-
gien des Reichtums, der bürgerlichen Bildung, der Beziehungen usw. (diese
tatsächlichen Privilegien sind um so mannigfaltiger, je entwickelter die
bürgerliche Demokratie ist) - all das fällt bei der Sowjetorganisation fort.
Die Pressefreiheit hört auf, Heuchelei zu sein, denn die Druckereien und
das Papier werden der Bourgeoisie weggenommen. Das gleiche geschieht
mit den besten Baulichkeiten, den Palästen, Villen, Herrensitzen. Die
Sowjetmacht hat den Ausbeutern kurzerhand Tausende und aber Tau-
sende dieser besten Baulichkeiten weggenommen und dadurch das Ver-
sammlungsrecht für die Massen, jenes Versammlungsrecht, ohne das die
Demokratie ein Schwindel ist, millionenmal „demokratischer“ ge-
macht. Die indirekten Wahlen zu den nichtlokalen Sowjets erleichtern es,
die Sowjetkongresse einzuberufen, machen den gesamten Apparat billi-
ger, beweglicher und für die Arbeiter und Bauern zugänglicher, und das
in einer Zeit, wo das Leben brodelt und die Möglichkeit bestehen muß,
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 247
einen örtlichen Abgeordneten besonders rasch abzuberufen oder zum all-
gemeinen Sowjetkongreß zu entsenden.
Die proletarische Demokratie ist millionenfach demokratischer
als jede bürgerliche Demokratie; die Sowjetmacht ist millionenfach de-
mokratischer als die demokratischste bürgerliche Republik.
Das übersehen konnte nur ein Mensch, der bewußt Diener der Bour-
geoisie oder politisch völlig tot ist, der hinter den verstaubten bürgerlichen
Büchern das lebendige Leben nicht sieht, der vollgestopft ist mit bürger-
lich-demokratischen Vorurteilen und der sich daher objektiv in einen
Lakaien der Bourgeoisie verwandelt.
Das übersehen konnte nur ein Mensch, der unfähig ist, vom Stand-
punkt der unterdrückten Klassen die Frage zu stellen:
Gibt es in der ganzen Welt unter den demokratischsten bürgerlichen
Ländern auch nur ein Land, in dem der durchschnittliche, gemöhnlidte
Arbeiter, der durchschnittliche, gewöhnliche Landarbeiter oder der länd-
liche Halbproletarier überhaupt (d. h. der Vertreter der unterdrückten
Masse, der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung) auch nur an-
nähernd solch eine Freiheit genießt, Versammlungen in den besten Ge-
bäuden abzuhalten, solch eine Freiheit, über die größten Druckereien und
die besten Papierlager zu verfügen, um seine Ideen darlegen und seine
Interessen vertreten zu können, solch eine Freiheit, gerade Menschen sei-
ner Klasse mit der Leitung und „Einrichtung“ des Staates zu betrauen,
wie in Sowjetrußland?
Es wäre lächerlich, wollte man glauben, Herr Kautsky könnte in einem
beliebigen Lande unter tausend wohlunterrichteten Arbeitern und Land-
arbeitern auch nur einen finden, der bei Beantwortung dieser Frage im
Zweifel wäre. Ganz instinktiv sympathisieren in der ganzen Welt die
Arbeiter, die aus bürgerlichen Zeitungen Bruchteile der Wahrheit er-
fahren, mit der Sowjetrepublik eben deshalb, weil sie in ihr die prole-
tarische Demokratie, eine Demokratie für die Armen sehen, und nicht
eine Demokratie für die Reichen, wie es jede, auch die beste bürgerliche
Demokratie in Wirklichkeit ist.
Wir werden regiert (und unser Staat wird „eingerichtet") von bürger-
lichen Beamten, bürgerlichen Parlamentariern, bürgerlichen Richtern. Das
ist die einfache, offensichtliche, unbestreitbare Wahrheit, die Millionen
und aber Millionen Menschen der unterdrückten Klassen in allen bürger-
17 Lenin, Werke, Bd. 28
248
W. I. Lenin
liehen Ländern, auch in den demokratischsten, aus eigener Lebenserfah-
rung kennen, die sie täglich zu fühlen und zu spüren bekommen.
In Rußland dagegen ist der Beamtenapparat völlig zerschlagen worden,
dabei wurde kein Stein auf dem anderen gelassen, die alten Richter wur-
den vertrieben, das bürgerliche Parlament wurde auseinandergejagt - und
gerade die Arbeiter und Bauern haben eine viel zugänglichere Vertretung
erhalten, durch ihre Sowjets wurden die Beamten ersetzt, oder ihre
Sowjets wurden über die Beamten gesetzt, von ihren Sowjets werden
die Richter gewählt. Diese Tatsache allein genügte, damit alle unterdrück-
ten Klassen anerkannten, daß die Sowjetmacht, das heißt die gegebene
Form der Diktatur des Proletariats, millionenfach demokratischer ist als
die demokratischste bürgerliche Republik.
Kautsky versteht diese jedem Arbeiter verständliche und offensichtliche
Tatsache nicht, denn er hat „vergessen“, hat es „verlernt“, die Frage zu
stellen: Demokratie für welche Klasse? Er urteilt vom Standpunkt
der „reinen“ (d. h. klassenlosen? oder außerhalb der Klassen stehenden?)
Demokratie. Er argumentiert wie Shylock 97 : „Ein Pfund Fleisch“, nichts
weiter. Gleichheit aller Bürger - sonst gibt es keine Demokratie.
Man muß. den gelehrten Kautsky, den „Marxisten“ und „Sozialisten“
Kautsky fragen:
Kann es Gleichheit zwischen dem Ausgebeuteten und dem Ausbeuter
geben?
Es ist ungeheuerlich, es ist unglaublich, daß man bei der Besprechung
eines Buches des ideologischen Führers der II. Internationale eine solche
Frage stellen muß. Aber: „Wer A sagt, muß auch B sagen.“ Hat man es
einmal übernommen, über Kautsky zu schreiben - so muß man dem ge-
lehrten Mann auch auseinandersetzen, weshalb es keine Gleichheit zwi-
schen dem Ausbeuter und dem Ausgebeuteten geben kann.
KANN ES GLEICHHEIT ZWISCHEN DEM
AUSGEBEUTETEN UND DEM AUSBEUTER GEBEN?
Kautsky argumentiert folgendermaßen :
1. „Die Ausbeuter bildeten stets nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung"
(S. 14 der Kautskyschen Broschüre).
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
249
Das ist eine unbestreitbare Wahrheit. Wie muß man nun, von dieser
Wahrheit ausgehend, argumentieren? Man kann als Marxist, als Sozialist
argumentieren; dann muß man das Verhältnis zwischen Ausgebeuteten
und Ausbeutern zugrunde legen. Man kann als Liberaler, als bürgerlicher
Demokrat argumentieren; dann muß man das Verhältnis zwischen Mehr-
heit und Minderheit zugrunde legen.
Argumentiert man als Marxist, so muß man sagen: Die Ausbeuter ver-
wandeln den Staat (die Rede ist hier von der Demokratie, das heißt von
einer der Staatsformen) unweigerlich in ein Werkzeug der Herrschaft
ihrer Klasse, der Ausbeuter über die Ausgebeuteten. Darum wird auch
der demokratische Staat, solange es Ausbeuter gibt, die über die aus-
gebeutete Mehrheit herrschen, unvermeidlich eine Demokratie für die
Ausbeuter sein. Der Staat der Ausgebeuteten muß sich von einem solchen
Staat von Grund aus unterscheiden, er muß eine Demokratie für die Aus-
gebeuteten und Unterdrückung der Ausbeuter sein, die Unterdrückung
einer Klasse bedeutet aber, daß diese Klasse nicht gleichberechtigt ist, daß
sie aus der „Demokratie“ ausgeschaltet wird.
Argumentiert man als Liberaler, so wird man sagen müssen : Die Mehr-
heit entscheidet, die Minderheit hat sich zu fügen. Wer sich nicht fügt,
wird bestraft. Das ist alles. Von einem Klassencharakter des Staates im
allgemeinen und einer „reinen Demokratie“ im besonderen zu sprechen
ist überflüssig; das gehört nicht zur Sache, denn Mehrheit ist Mehrheit
und Minderheit ist Minderheit: ein Pfund Fleisch ist ein Pfund Fleisch
und damit basta.
Genauso argumentiert Kautsky:
2. „Aus welchen Gründen soll nun die Herrschaft des Proletariats eine
Form annehmen und annehmen müssen, die unvereinbar ist mit der De-
mokratie?“ (S. 21.) Es folgt die Erläuterung, daß das Proletariat die
Mehrheit auf seiner Seite habe, eine sehr umständliche und wortreiche
Erläuterung, sowohl mit einem Zitat aus Marx als auch mit Wahlziffern
der Pariser Kommune. Schlußfolgerung: „Ein Regime, das so sehr in den
Massen wurzelt, hat nicht die mindeste Veranlassung, die Demokratie
anzu tasten. Es wird sich nicht immer von Gewalttätigkeiten freihalten
können, in Fällen, wenn Gewalttat geübt wird, um die Demokratie zu
unterdrücken. Der Gewalt kann man nur mit Gewalt begegnen. Aber ein
Regime, das die Massen hinter sich weiß, wird die Gewalt nur anwenden.
250 W. I. Lettin
um die Demokratie zu schützen, und nicht, um sie aufzuheben. Es würde
geradezu Selbstmord üben, wollte es seine sicherste Grundlage beseitigen,
das allgemeine Stimmrecht, eine starke Quelle gewaltiger moralischer
Autorität.“ (S. 22.)
Man sieht, das Verhältnis zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern
ist aus der Argumentation Kautskys verschwunden. Geblieben ist nur
eine Mehrheit überhaupt, eine Minderheit überhaupt, eine Demokratie
überhaupt, die uns bereits bekannte „reine Demokratie“.
Wohlgemerkt, das wird im Zusammenhang mit der Pariser Kommune
gesagt ! Zitieren wir. doch der Anschaulichkeit halber, was Marx und Engels
im Zusammenhang mit der Kommune über die Diktatur gesagt haben :
Marx: „. . . wenn die Arbeiter an Stelle der Diktatur der Bourgeoisie
ihre revolutionäre Diktatur setzen, ... um den Widerstand der Bourgeoi-
sie zu brechen, geben sie dem Staat eine revolutionäre und vorüber-
gehende Form . . ,“ 98
Engels: die Partei, die“ (in der Revolution) „gesiegt hat, muß ihre
Herrschaft durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären ein-
flößen, behaupten. Und hätte sich die Pariser Kommune nicht der Autori-
tät eines bewaffneten Volkes gegen die Bourgeoisie bedient, hätte sie sich
länger als einen Tag behauptet? Können wir sie nicht umgekehrt tadeln,
daß sie sich zu wenig dieser Autorität bedient habe?“ 99
Derselbe : „Da nun der Staat doch nur eine vorübergehende Einrich-
tung ist, deren man sich im Kampfe, in der Revolution bedient, um seine
Gegner gewaltsam niederzuhalten, so ist es purer Unsinn, vom freien
Volksstaat zu sprechen: Solange das Proletariat den Staat noch gebraucht,
gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit, sondern der Niederhal-
tung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die Rede sein kann, hört der
Staat als solcher auf zu bestehen.“ 100
Zwischen Kautsky und Marx und Engels liegt eine Entfernung wie
zwischen Himmel und Erde, wie zwischen einem Liberalen und einem
proletarischen Revolutionär. Die reine Demokratie sowie einfach die „De-
mokratie“, von der Kautsky spricht, ist lediglich eine Neuauflage des-
selben „freien Volksstaates“, d. h. purer Unsinn. Kautsky fragt mit der
Gelahrtheit eines übergelehrten Dummkopfes aus der Studierstube oder
mit der Einfalt eines zehnjährigen Mädchens : Wozu wäre wohl eine Dikta-
tur notwendig, wenn es eine Mehrheit gibt? Marx und Engels erläutern das :
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
251
— dazu, um den Widerstand der Bourgeoisie zu brechen,
— dazu, um den Reaktionären Schrecken einzuflößen,
— dazu, um die Autorität des bewaffneten Volkes gegenüber der
Bourgeoisie zu behaupten,
— dazu, daß das Proletariat seine Gegner gewaltsam niederhalten
kann.
Kautsky begreift diese Erläuterungen nicht. In die „Reinheit“ der
Demokratie verliebt, sieht er nicht ihr bürgerliches Wesen und besteht
„konsequent“ darauf, daß die Mehrheit, da sie einmal Mehrheit ist, den
„Widerstand“ der Minderheit nicht „zu brechen“, ihn nicht „gewaltsam
niederzuhalten“ brauche - es genüge, die Fälle von. Verstößen gegen die
Demokratie zu unterdrücken. In die „Reinheit“ der Demokratie verliebt,
begeht Kautsky unversehens denselben kleinen Fehler, den stets alle bür-
gerlichen Demokraten machen : er hält nämlich die formale Gleichheit (die
im Kapitalismus durch und durch falsch und verlogen ist) für eine tat-
sächliche! Eine Bagatelle!
Der Ausbeuter kann nicht dem Ausgebeuteten gleich sein.
Diese Wahrheit, wie unangenehm sie Kautsky auch sein mag, bildet
den wesentlichsten Inhalt des Sozialismus.
Eine andere Wahrheit: Eine wirkliche, tatsächliche Gleichheit kann es
nicht geben, solange nicht jede Möglichkeit der Ausbeutung einer Klasse
durch eine andere völlig beseitigt ist.
Den Ausbeutern kann man bei einem gelungenen Aufstand im Zentrum
oder bei einer Empörung des Heeres mit einem Schlag eine Niederlage
bereiten. Aber abgesehen vielleicht von ganz seltenen und besonderen
Fällen kann man die Ausbeuter nicht mit einem Schlag vernichten. Man
kann nicht alle Gutsbesitzer und Kapitalisten eines halbwegs größeren
Landes auf einmal expropriieren. Ferner, die Expropriation allein, als
juristischer oder politischer Akt, entscheidet bei weitem nicht die Sache,
denn es ist notwendig, die Gutsbesitzer und Kapitalisten tatsächlich ab-
zusetzen und sie tatsächlich durch eine andere, von Arbeitern ausgeübte
Verwaltung der Fabriken und Güter zu ersetzen. Es kann keine Gleich-
heit geben zwischen den Ausbeutern, die viele Generationen lang durch
ihre Bildung, durch ein Leben in Reichtum und durch ihre Routine eine
Sonderstellung einnahmen, und den Ausgebeuteten, die selbst in den fort-
geschrittensten und demokratischsten bürgerlichen Republiken in ihrer
252
W. I. Lenin
Masse niedergedrückt, unwissend, ungebildet, verängstigt und zersplittert
sind. Die Ausbeuter behalten noch lange Zeit nach dem Umsturz un-
vermeidlich eine Reihe gewaltiger tatsächlicher Vorteile: Es bleibt ihnen
das Geld (die sofortige Abschaffung des Geldes ist unmöglich), es bleiben
ihnen gewisse, oft bedeutende Mobilien, ferner Beziehungen, die Routine
in der Organisation und Verwaltung, die Kenntnis aller „Geheimnisse“
(Gebräuche, Methoden, Mittel, Möglichkeiten) der Verwaltung, es bleibt
ihnen die höhere Bildung, der enge Kontakt mit dem (bürgerlich lebenden
und denkenden) leitenden technischen Personal, es bleibt ihnen die un-
vergleichlich größere Routine im Militärwesen (das ist sehr wichtig) und
so weiter und so fort.
Wenn die Ausbeuter nur in einem Lande geschlagen sind - und das
ist natürlich der typische Fall, denn eine gleichzeitige Revolution in einer
Reihe von Ländern ist eine seltene Ausnahme so bleiben sie dock stär-
ker als die Ausgebeuteten, denn die internationalen Verbindungen der
Ausbeuter sind außerordentlich groß. Daß ein Teil der Ausgebeuteten
aus den am wenigsten entwickelten Massen der mittleren Bauernschaft,
der Handwerker u. a. m. den Ausbeutern Gefolgschaft leistet, daß er
dazu fähig ist - das haben bisher alle Revolutionen, einschließlich der
Kommune, gezeigt (denn unter den Versailler Truppen gab es auch Pro-
letarier, was der höchst gelehrte Kautsky „vergessen“ hat).
Bei einer solchen Lage der Dinge anzunehmen, daß in einer auch nur
einigermaßen tiefgreifenden und ernsthaften Revolution die Sache ganz
einfach durch das Verhältnis von Mehrheit und Minderheit entschieden
wird, zeugt von größter Stupidität, ist das höchst einfältige Vorurteil
eines Dutzendliberalen, ist Betrug an den Massen, eine bewußte Ver-
heimlichung der offenkundigen geschichtlichen Wahrheit vor ihnen. Diese
geschichtliche Wahrheit besteht darin, daß in jeder tiefgreifenden Revo-
lution ein langer, hartnäckiger, verzweifelter Widerstand der Ausbeuter,
die eine Reihe von Jahren hindurch große tatsächliche Vorteile gegen-
über den Ausgebeuteten bewahren, die Regel ist. Niemals - es sei denn in
der süßlichen Phantasie des süßlichen Dummkopfs Kautsky - werden
sich die Ausbeuter den Beschlüssen der Mehrheit der Ausgebeuteten
fügen, ohne in einem letzten, verzweifelten Kampf, in einer Reihe von
Kämpfen, ihre Vorteile auf die Probe gestellt zu haben.
Der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus umfaßt eine
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
253
ganze geschichtliche Epoche. Solange' sie nidit abgeschlossen ist, behalten
die Ausbeuter unvermeidlich die Hoffnung auf eine Restauration, und
diese Hoffnung verwandelt sich in Versuche der Restauration. Und nach
der ersten ernsten Niederlage werfen sich die gestürzten Ausbeuter, die
ihren Sturz nicht erwartet, an ihn nicht geglaubt, keinen Gedanken an ihn
zugelassen haben, mit verzehnfachter Energie, mit rasender Leidenschaft,
mit hundertfachem Haß in den Kampf für die Wiedererlangung des ihnen
weggenommenen „Paradieses“, für ihre Familien, die ein so schönes Le-
ben geführt haben und die jetzt von dem „gemeinen Pack“ zu Ruin und
Elend (oder zu „gewöhnlicher“ Arbeit . . .) verurteilt werden. Und hinter
den kapitalistischen Ausbeutern trottet die breite Masse des Kleinbürger-
tums einher, von dem Jahrzehnte geschichtlicher Erfahrungen in allen
Ländern bezeugen, daß es schwankt und wankt, daß es heute dem Prole-
tariat folgt, morgen vor den Schwierigkeiten der Umwälzung zurück-
schreckt, bei der ersten Niederlage oder halben Niederlage der Arbeiter
in Panik gerät, die Nerven verliert,' sich hin und her wirft, wehklagt, aus
einem Lager in das andere überläuft . . . wie unsere Menschewiki und So-
zialrevolutionäre.
Und bei einer solchen Lage der Dinge, in der Epoche des verzweifel-
ten, verschärften Kampfes, da die Geschichte Fragen des Seins oder Nicht-
seins Jahrhunderte- und jahrtausendealter Privilegien auf die Tagesordr
nung setzt, von Mehrheit und Minderheit; von reiner Demokratie, von
Gleichheit des Ausbeuters mit dem Ausgebeuteten zu reden, zu behaup-
ten, die Diktatur sei nicht nötig — welch bodenlose Borniertheit, welcher
Abgrund von Philistertum gehört dazu !
Doch die Jahrzehnte eines relativ „friedlichen“ Kapitalismus; 1871 bis
1914, schufen in den sozialistischen Parteien, die sich dem Opportunis-
mus anpassen, wahre Augiasställe des Philistertums, der Engstirnigkeit,
des Renegatentums ...
Der Leser wird wahrscheinlich bemerkt haben, daß Kautsky in dem
oben angeführten Zitat aus seinem Buch von einem Anschlag auf das all-
gemeine Wahlrecht spricht (das er - nebenbei bemerkt - als starke
Quelle gewaltiger moralischer Autorität bezeichnet, während Engels an-
läßlich derselben Pariser Kommune und derselben Frage der Diktatur
von der Autorität des bewaffneten Volkes gegenüber der Bourgeoisie
254
W. I. Lenin
spricht; bezeichnend ist ein Vergleich der Ansicht des Philisters und der
des Revolutionärs über „Autorität“ . . .).
Hier muß bemerkt werden, daß die Entziehung des Wahlrechts für die
Ausbeuter eine rein russische Frage und nicht eine Frage der Diktatur des
Proletariats überhaupt ist. Hätte Kautsky, ohne zu heucheln, seine Bro-
schüre betitelt: „Gegen die Bolsdiewiki“, so entspräche dieser Titel ihrem
Inhalt, und Kautsky wäre dann berechtigt gewesen, ohne weiteres vom
Wahlrecht zu sprechen. Aber Kautsky wollte vor allem als „Theoretiker“
auftreten. Er betitelte seine Broschüre „Die Diktatur des Proletariats“
schlechthin. Speziell über die Sowjets und über Rußland spricht er erst
im zweiten Teil der Broschüre, vom sechsten Abschnitt an. Im ersten Teil
dagegen (dem ich auch das Zitat entnommen habe) ist die Rede von
Demokratie und Diktatur im allgemeinen. Dadurch, daß Kautsky
anfing, vom Wahlrecht zu sprechen, entlarvte er sich selbst als Polemiker
gegen die Bolsdiewiki, dem die Theorie keinen Pfifferling wert ist. Denn
die Theorie, d. h. die Erörterungen über die allgemeinen (und nicht die
besonderen nationalen) Klassengrundlagen der Demokratie und der Dik-
tatur, hat sich nicht mit einer Sonderfrage zu beschäftigen wie etwa mit
dem Wahlrecht, sondern mit der allgemeinen Frage: Kann in der ge-
schichtlichen Periode, in der die Ausbeuter gestürzt und ihr Staat durch
den Staat der Ausgebeuteten ersetzt wird, die Demokratie auch für die
Reichen, auch für die Ausbeuter gemährt bleiben?
So und nur so kann ein Theoretiker die Frage stellen.
Wir kennen das Beispiel der Kommune, wir kennen alle Äußerungen
der Begründer des Marxismus aus Anlaß der Kommune und im Zusam-
menhang mit ihr. Auf Grund dieses Materials habe ich zum Beispiel die
Frage der Demokratie und der Diktatur in meiner Schrift „Staat und Re-
volution“ untersucht, die ich noch vor der Oktoberrevolution geschrieben
habe. Von einer Beschränkung des Wahlrechts habe ich kein Wort gesagt.
Auch heute muß man sagen, daß die Frage der Beschränkung des Wahl-
rechts eine nationale Sonderfrage und keine allgemeine Frage der Diktatur
ist. An die Frage der Beschränkung des Wahlrechts muß man in der Weise
herangehen, daß man die besonderen Verhältnisse der russischen Revolu-
tion, den besonderen Weg ihrer Entwicklung untersucht. In den weiteren
Darlegungen wird das auch geschehen. Es wäre jedoch ein Fehler, sich im
voraus dafür zu verbürgen, daß die kommenden proletarischen Revolu-
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
255
tionen in Europa, alle oder in ihrer Mehrzahl, unbedingt eine Beschrän-
kung des Wahlrechts für die Bourgeoisie bringen werden. So kann es
kommen. Nach dem Krieg und nach den Erfahrungen der russischen Re-
volution wird es wahrscheinlich so kommen,, aber das ist zur Verwirk-
lichung der Diktatur nicht obligatorisch, ist kein notwendiges Merkmal
des logischen Begriffs der Diktatur, gehört nicht als notwendige Bedingung
zum historischen und klassenmäßigen Begriff der Diktatur.
Notwendiges Merkmal, unerläßliche Bedingung der Diktatur ist die
gewaltsame Niederhaltung der Ausbeuter als Klasse und folglich eine
Verletzung der „reinen Demokratie“, d. h. der Gleichheit und Freiheit,
gegenüber dieser Klasse.
So und nur so kann die Frage theoretisch gestellt werden. Und dadurch,
daß Kautsky die Frage nicht so stellte, hat er bewiesen, daß er gegen die
Bolschewiki nicht als Theoretiker, sondern als Sykophant der Opportu-
nisten und der Bourgeoisie auftritt.
In welchen Ländern, bei welchen nationalen Besonderheiten des einen
oder des anderen Kapitalismus die eine oder die andere Beschränkung,
die eine oder die andere Verletzung der Demokratie gegenüber den Aus-
beutern (ausschließlich oder vorwiegend) angewandt werden wird - das
ist eine Frage der nationalen Besonderheiten des einen oder des anderen
Kapitalismus, der einen oder der anderen Revolution. Theoretisch steht
die Frage anders, sie steht so: Ist die Diktatur des Proletariats ohne Ver-
letzung der Demokratie gegenüber der Klasse der Ausbeuter möglich?
Kautsky hat gerade diese Frage, die theoretisch allein wichtige und we-
sentliche Frage, umgangen. Kautsky hat alle möglichen Zitate aus Marx
und Engels angeführt, mit Ausnahme jener, die sich auf diese Frage be-
ziehen und die ich oben angeführt habe.
Kautsky hat sich über alles mögliche ausgelassen, über alles, was für
liberale und bürgerliche Demokraten annehmbar ist, was nicht über ihren
Ideenkreis hinausgeht - nur nicht über die Hauptsache, nur nicht darüber,
daß das Proletariat nicht siegen kann, ohne den Widerstand der Bour-
geoisie gebrochen, ohne seine Gegner gewaltsam niedergerungen zu
haben, und daß es dort, wo „gewaltsam niedergehalten“ wird, wo es
keine „Freiheit“ gibt, selbstverständlich keine Demokratie gibt.
Das hat Kautsky nicht begriffen.
256
W. 1. Lenin
Gehen wir zu den Erfahrungen der russischen Revolution und zu dem
Widerspruch zwischen den Sowjets und der Konstituante über, der dazu
geführt hat, daß die Konstituante aufgelöst 'und der Bourgeoisie das
Wahlrecht entzogen wurde.
DIE SOWJETS DÜRFEN NICHT
ZU STAATLICHEN ORGANISATIONEN WERDEN
Die Sowjets sind die russische Form der Diktatur des Proletariats.
Hätte ein marxistischer Theoretiker, der eine Arbeit über die Diktatur
des Proletariats schreibt, diese Erscheinung wirklich untersucht (und nicht
die kleinbürgerlichen Lamentationen gegen die Diktatur wiederholt, wie
das Kautsky tut, der die menschewistischen Weisen nachsingt), so würde
ein solcher Theoretiker zunächst eine allgemeine Definition der Diktatur
geben und dann ihre besondere nationale Form, die -Sowjets, prüfen,
würde er sie als eine Form, der Diktatur des Proletariats einer Kritik
unterziehen.
Es ist begreiflich, daß von Kautsky, nach seiner liberalen „Bearbeitung“
der Marxschen Lehre von der Diktatur, nichts Ernstes zu erwarten ist.
Es ist aber höchst charakteristisch, zu betrachten, wie er an die Frage,
was denn die Sowjets sind, herangetreten ist, und wie er diese Frage be-
wältigt hat. . .
Auf die Entstehung der Sowjets im Jahre 1905 zurückgreifend, schreibt
er: die Sowjets haben „eine Form proletarischer Organisation geschaffen,
die umfassendste von allen, weil sie. alle Lohnarbeiter in sich begriff“
(S. 31). Im Jahre 1905 waren sie nur örtliche Körperschaften, 1917 wur-
den sie zu einer ganz Rußland umfassenden Organisation.
„Heute schon", fährt Kautsky fort, „kann die Sowjetorganisation auf eine
große und ruhmvolle Geschichte zurückblicken. Und eine noch gewaltigere steht
ihr bevor, und zwar nicht, in Rußland allein. Überall stellt es sich heraus, daß
gegenüber den riesenhaften Kräften, über die das Finanzkapital ökonomisch und
politisch verfügt, die bisherigen Methoden ökonomischen und politischen Kamp-
fes des Proletariats versagen“ (das deutsche Wort „versagen“ ist ein wenig
stärker als „nicht genügen“ und ein wenig schwächer als „machtlos sein“). „Sie
sind nicht aufzugeben, sie bleiben unerläßlich für normale Zeiten, werden aber
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
257
zeitweise vor Aufgaben gestellt, denen sie nicht genügen können, wo nur eine
Zusammenfassung aller politischen und ökonomischen Machtmittel der Arbeiter-
klasse Erfolg verspricht." (S. 31/32.)
Es folgen Betrachtungen über den Massenstreik und darüber, daß die
„Gewerkschaftsbürokratie“, wenn auch ebenso unentbehrlich wie die Ge-
werkschaften, doch „nicht taugt für die Leitung jener gewaltigen Massen-
kämpfe, die immer mehr die Signatur der Zeit werden“.
„Die Sowjetorganisation ist also“, folgert Kautsky, „eine der wichtigsten Er-
scheinungen unserer Zeit. Sie verspricht in den großen Entscheidungskämpfen
zwischen Kapital und Arbeit, denen wir entgegengehen, von ausschlaggebender
Bedeutung zu werden.
Dürfen wir aber von den Sowjets noch mehr verlangen? Die Bolschewiki, die
mit den linken Sozialrevolutionären in den russischen Arbeiterräten nach der
Novemberrevolution von 1917“ (nach unserem Kalender die Oktoberrevolution)
„die Mehrheit erlangten, gingen nach der Sprengung der Konstituante daran,
aus dem Sowjet, der bis dahin die Kampf Organisation einer Klasse gewesen war,
die Staatsorganisation zu machen. Sie hoben die Demokratie auf, die das rus-
sische Volk in der Märzrevolution" (nach unserem Kalender die Februarrevolu-
tion) „erobert hatte. Dementsprechend hörten die Bolschewiki auf, sich Sozial-
demokraten zu nennen. Sie bezeichneten sich als Kommunisten.“ (S. 32/33. Her-
vorhebungen von Kautsky.)
Wer die russische mensdiewistische Literatur kennt, sieht sofort, wie
sklavisch Kautsky die Martow, Axelrod, Stein und Co. abschreibt. Eben
„sklavisch“, denn Kautsky verdreht den menschewistischen Vorurteilen
zuliebe die Tatsachen bis ins Lächerliche. Kautsky hat sich z. B. nicht die
Mühe genommen, bei seinen Informatoren, etwa bei Stein in Berlin oder
bei Axelrod in Stockholm Erkundigungen darüber einzuziehen, mann die
Fragen der Umbenennung der Bolschewiki in Kommunisten und der Be-
deutung der Sowjets als Staatsorganisationen aufgeworfen worden sind.
Hätte Kautsky diese einfache Auskunft emgeholt, so hätte er diese Zeilen
nicht geschrieben, die nur Gelächter hervorrufen; denn diese beiden Fra-
gen wurden von den Bolschewiki im April 1917 aufgeworfen, zum Bei-
spiel in meinen „Thesen“ vom 4. April 1917, d. h. lange vor der Oktober-
revolution 1917 (von der Auseinanderjagung der Konstituante am 5. Ja-
nuar 1918 schon gar nicht zu reden).
Die von mir vollständig zitierten Ausführungen Kautskys bilden aber
258
W. I. Lenin
den Kern der ganzen Frage der Sowjets. Der Kern der Frage ist ja gerade,
ob die Sowjets danach streben sollen, zu Staatsorganisationen zu werden
(die Bolschewiki gaben im April 1917 die Losung aus: „Alle Macht den
Sowjets", und auf der Parteikonferenz der Bolschewiki, gleichfalls im
April 1917, erklärten sie, daß sie sich mit einer bürgerlich-parlamenta-
rischen Republik nicht zufriedengeben, sondern eine Arbeiter- und
Bauernrepublik vom Typus der Kommune oder vom Sowjettypus for-
dern) - oder ob die Sowjets nicht danach streben sollen, ob sie nicht die
Macht ergreifen, nicht zu Staatsorganisationen werden sollen, sondern
„Kampforganisationen“ einer „Klasse“ zu bleiben haben (wie sich Mar-
tow ausdrückte, der mit seinem frommen Wunsch fein säuberlich die Tat-
sache beschönigt, daß die Sowjets unter der menschewistischen Führung
ein Werkzeug zur Unterordnung der Arbeiter unter die Bourgeoisie
waren).
Kautsky hat sklavisch die Worte Martows wiederholt, hat dabei aus
dem theoretischen Streit der Bolschewiki mit den Menschewiki Bruch-
stücke herausgenommen und sie kritik- und sinnlos auf allgemein-theore-
tischen, auf allgemein-europäischen Boden übertragen. Daraus entstand
ein solches Durcheinander, daß jeder klassenbewußte russische Arbeiter,
wenn er sich mit den angeführten Äußerungen Kautskys bekannt machte,
in ein homerisches Gelächter ausbräche.
Mit dem gleichen Gelächter werden die europäischen Arbeiter (mit
Ausnahme einer Handvoll verbohrter Sozialimperialisten) Kautsky be-
gegnen, wenn wir ihnen erklärt haben, worum es sich hier handelt.
Kautsky hat Martow einen Bärendienst erwiesen, indem er dessen Feh-
ler außerordentlich anschaulich ad absurdum geführt hat. In der Tat,
sehen wir uns an, was bei Kautsky herausgekommen ist.
Die Sowjets begreifen alle Lohnarbeiter in sich. Gegen das Finanz-
kapital versagen die bisherigen Methoden des ökonomischen und poli-
tischen Kampfes des Proletariats. Den Sowjets steht nicht nur in Rußland
eine gewaltige Rolle bevor. Sie werden in den großen Entscheidungs-
kämpfen zwischen Kapital und Arbeit in Europa eine ausschlaggebende
Rolle spielen. So spricht Kautsky.
Ausgezeichnet. „Entscheidungskämpfe zwischen Kapital und Arbeit“,
aber entscheiden denn nicht sie die Frage, welche dieser Klassen die
Staatsmacht ergreifen wird?
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 259
Keine Spur. Gottbewahre!
In den „entscheidenden“ Kämpfen dürfen die Sowjets, die alle Lohn-
arbeiter in sich begreifen, nicht zur Staatsorganisation werden!
Und was ist der Staat?
Der Staat ist nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse
durch eine andere.
Also, die unterdrückte Klasse, die Vorhut aller Werktätigen und Aus-
gebeuteten in der heutigen Gesellschaft, soll „Entscheidungskämpfe zwi-
schen Kapital und Arbeit“ anstreben, aber die Maschine, mit deren Hilfe
das Kapital die Arbeit knechtet, darf sie nicht antasten! — Sie darf diese
Maschinerie nicht zerschlagen! Sie darf ihre umfassende Organi-
, sation nicht zur Niederhaltung der Ausbeuter ausnutzen!
Prachtvoll, Herr Kautsky, ausgezeichnet! „Wir“ erkennen den Klas-
senkampf an - wie ihn alle Liberalen anerkennen, d. h. ohne den Sturz
der Bourgeoisie . . .
Hier eben wird der völlige Bruch Kautskys sowohl mit dem Marxismus
als auch mit dem Sozialismus offenbar. Das ist faktisch der Übergang auf
die Seite der Bourgeoisie, die bereit ist, alles mögliche zuzulassen, nur
nicht die Umwandlung der Organisationen der von ihr unterdrückten
Klasse in Staatsorganisationen. Hier ist Kautsky schon gar nicht mehr
imstande, seinen Standpunkt zu retten, der alles versöhnen will, der alle
tiefen Gegensätze mit Phrasen abtut.
Entweder lehnt Kautsky jedweden Übergang der Staatsmacht in die
Hände der Arbeiterklasse ab, oder er ist damit einverstanden, daß die
Arbeiterklasse die alte, bürgerliche Staatsmaschine in ihre Hand nehme,
läßt aber keineswegs zu, daß die Arbeiterklasse sie zerbreche, zerschlage
und durch eine neue, proletarische ersetze. Wie man die Ausführungen
Kautskys auch „auslegt“ und „erläutert“ - in beiden Fällen ist der Bruch
mit dem Marxismus und der Übergang auf die Seite der Bourgeoisie
offensichtlich.
Schon im „Kommunistischen Manifest“ schrieb Marx, als er davon
sprach, welchen Staat die siegreiche Arbeiterklasse braucht: „...den
Staat, d. h. das als herrschende Klasse organisierte Proletariat“ 101 . Jetzt
tritt ein Mann auf, der den Anspruch, erhebt, nach wie vor Marxist zu sein,
und erklärt, daß das in seiner Gesamtheit organisierte Proletariat, das
den „Entscheidungskampf“ gegen das Kapital führt, seine Klassenorgani-
260
W. I. Lenin
sation nicht zur Staatsorganisation machen darf. Der „Aberglaube an den
Staat“, von dem Engels 1891 schrieb, daß er in Deutschland „sich in das
allgemeine Bewußtsein der Bourgeoisie und selbst vieler Arbeiter über-
tragen hat“ 102 , das ist es, was Kautsky hier offenbart hat. Kämpft, Ar-
beiter - damit ist unser Philister „einverstanden“ (auch der Bourgeois
ist damit „einverstanden“, weil die Arbeiter ja ohnehin kämpfen, und
man muß sich nur überlegen, wie man ihrem Schwert die Spitze ab-
bricht) -, kämpft, aber untersteht euch nicht zu siegen I Zerstört nicht
die Staatsmaschine der Bourgeoisie, setzt nicht an die Stelle der bürger-
lichen „Staatsorganisation“ die proletarische „Staatsorganisation“.
Wer ernstlich die marxistische Ansicht geteilt hat, daß der Staat nichts
anderes ist als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine,
andere, wer sich einigermaßen in diesen Satz hineingedacht hat, der hätte
sich niemals zu solch einem Unsinn versteigen können, daß die prole-
tarischen Organisationen, die fähig sind, das Finanzkapital zu besiegen,
nicht in Staatsorganisationen umgewandelt werden dürfen. Gerade in
diesem Punkt entpuppte sich der Kleinbürger, für den der Staat „immer-
hin“ etwas außerhalb der Klassen oder über den Klassen Stehendes ist.
In der Tat, warum sollte es dem Proletariat, „einer Klasse“, erlaubt sein,
den Entscheidungskampf gegen das Kapital zu führen, das nicht nur über
das Proletariat, sondern über das ganze Volk, das ganze Kleinbürgertum,
die ganze Bauernschaft herrscht - warum sollte es aber dem Proletariat,
„einer Klasse“, nicht erlaubt sein, seine Organisation in eine staatliche
umzuwandeln? Weil der Kleinbürger den Klassenkampf fürchtet und ihn
nicht bis zum Ende, bis zur Hauptsache, führt.
Kautsky hat sich heillos verheddert und seine geheimsten Gedanken
verraten. Man beachte: Er hat selbst zugegeben, daß Europa den Ent-
scheidungskämpfen zwischen Kapital und Arbeit entgegengeht und daß
die bisherigen Methoden des ökonomischen und politischen Kampfes des
Proletariats versagen. Diese Methoden bestanden ja aber gerade in der
Ausnutzung der bürgerlichen Demokratie. Folglich? ...
Kautsky fürchtete, zu Ende zu denken, was daraus folgt.
. . . Folglich kann jetzt nur ein Reaktionär, ein Feind der Arbeiterklasse,
ein Diener der Bourgeoisie die Reize der bürgerlichen Demokratie aus-
malen und, sich der überlebten Vergangenheit zuwendend, von reiner
Demokratie schwatzen. Die bürgerliche Demokratie mar fortschrittlich
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 261
im Verhältnis zum Mittelalter, und man mußte sie ausnutzen. Heute
aber ist sie für die Arbeiterklasse ungenügend. Heute darf man den Blick
nicht rückwärts wenden, sondern muß vorwärts schauen, auf die Ersetzung
der bürgerlichen Demokratie durch die proietarisdie. Und wenn die Vor-
arbeit für die proletarische Revolution, die Ausbildung und Formierung
der proletarischen Armee im Rahmen des bürgerlich-demokratischen
Staates möglich (und notwendig) war, so bedeutet es, Verräter an der
Sache des Proletariats, Renegat zu sein, wenn man das Proletariat auf
diesen Rahmen beschränken will, nachdem die Dinge bis zu den „Ent-
scheidungskämpfen“ gediehen sind.
Kautsky geriet in eine besonders lächerliche Lage, denn er verwendete
ein Argument von Martow, ohne zu bemerlzen, daß sich dieses Argument
bei Martow auf ein anderes stützt, das bei Kautsky fehlt! Martow sagt
(und Kautsky plappert es nach), daß Rußland für den Sozialismus noch
nicht reif sei, woraus sich natürlich ergibt: es ist noch zu früh, die Sowjets
aus Kampf Organen in Staatsorganisationen zu verwandeln (lies: Es ist
gerade die rechte Zeit, die Sowjets mit Hilfe der mensdiewistischen Füh-
rer in Organe zur Unterwerfung der Arbeiter unter die imperialistische
Bourgeoisie zu verwandeln). Kautsky kann jedoch nicht direkt sagen, daß
Europa für den Sozialismus noch nicht reif sei. Kautsky schrieb 1909, als
er noch kein Renegat war, daß man jetzt eine vorzeitige Revolution nicht
zu fürchten brauche und daß derjenige, der aus Furcht vor einer Nieder -
läge auf die Revolution verzichten wolle, ein Verräter sei. Sich direkt
davon loszusagen entschließt sich Kautsky nicht. Und heraus kommt ein
solcher Unsinn, der die ganze Dummheit und Feigheit des Kleinbürgers
restlos entlarvt: Einerseits ist Europa für den Sozialismus reif und geht
den Entscheidungskämpfen zwischen Kapital und Arbeit entgegen, ander-
seits darf man die Kampforganisation (d. h. die Organisation, die im
Kampfe entsteht, wächst, erstarkt), die Organisation des Proletariats, der
Vorhut und des Organisators, des Führers der Unterdrückten, nicht zu
einer Staatsorganisation machen!
In praktisch-politischer Hinsicht ist die Idee, daß die Sowjets als
Kampforganisation notwendig seien, aber nicht in Staatsorganisationen
verwandelt werden dürften, noch unendlich viel unsinniger als in theore-
262
tischer Hinsicht. Sogar in friedlichen Zeiten, wenn keine revolutionäre
Situation vorhanden ist, führt der Massenkampf der Arbeiter gegen die
Kapitalisten, zum Beispiel der Massenstreik, auf beiden Seiten zu un-
geheurer Erbitterung und stärkster Leidenschaftlichkeit im Kampf, und
die Bourgeoisie verweist immer wieder darauf, daß sie „Herr im Hause“
bleibt und bleiben will usw. Während der Revolution aber, wenn das
politische Leben brodelt, kommt eine solche Organisation wie die So-
wjets, die alle Arbeiter aller Industriezweige, ferner alle Soldaten und
die ganze werktätige und arme Landbevölkerung erfaßt, von selbst, durch
den Verlauf des Kampfes, durch die. einfache „Logik“ des Angriffs und
der Gegenwehr unvermeidlich dazu, die Frage in ihrer ganzen Schärfe
aufzurollen. Der Versuch, eine mittlere Position einzunehmen, Proletariat
und Bourgeoisie miteinander „zu versöhnen“, zeugt von Stupidität und
erleidet ein klägliches Fiasko: So geschah es in Rußland mit den Predig-
ten Martows und der anderen Menschewiki, so wird es unvermeidlich
auch in Deutschland und anderen Ländern kommen, wenn die Sowjets
sich einigermaßen breit entfalten, wenn es ihnen gelingt, sich zusammen-
zuschließen und zu festigen. Den Sowjets sagen: Kämpft, aber ergreift
nicht selber die gesamte Staatsmacht, werdetkeine Staatsorganisationen -
heißt die Arbeitsgemeinschaft der Klassen und den „sozialen Frieden“
zwischen Proletariat und Bourgeoisie predigen. Es ist lächerlich, auch nur
daran zu denken, daß eine solche Haltung im erbitterten: Kampf zu
irgend etwas anderem als zu einem schmählichen Fiasko führen könnte.
Zwischen zwei Stühlen zu sitzen, das ist das:ewige Schicksal Kautskys.
Er tut so, als sei er in der Theorie mit den Opportunisten in keiner Hin-
sicht einverstanden, in Wirklichkeit aber ist er in der Praxis in allem
Wesentlichen (das heißt in allem, was die Revolution betrifft) mit ihnen
einverstanden.
DIE KONSTITUIERENDE VERSAMMLUNG
UND DIE SOWJETREPUBLIK
Die Frage der Konstituierenden Versammlung und ihres Auseinander-
jagens durch die Bolschewiki ist der Kernpunkt der ganzen Broschüre
Kautskys. Immer wieder kehrt er zu dieser Frage zurück. Das ganze
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 263
Elaborat des ideologischen Führers der II. Internationale strotzt nur so
von Anschuldigungen, die Bolschewiki hätten „die Demokratie auf-
gehoben“ (siehe eines der oben angeführten Zitate von Kautsky). Die
Frage ist wirklich interessant und wichtig, denn hier bekam die Revolu-
tion es praktisch mit dem Verhältnis von bürgerlicher und proletarischer
Demokratie zu tun. Sehen wir uns einmal an, wie unser „marxistischer
Theoretiker“ diese Frage untersucht.
Er zitiert die von mir verfaßten „Thesen über die Konstituierende
Versammlung“, die in der „Prawda“ vom 26. Dezember 1917 veröffent-
licht worden sind. Es könnte scheinen, einen besseren Beweis dafür, wie
ernst Kautsky hierbei mit dokumentarischen Belegen zu Werke ging,
könne es gar nicht geben. Man sehe jedoch, mie Kautsky zitiert. Er sagt
nicht, daß es 19 dieser Thesen gegeben hat, er sagt nicht, daß in ihnen
sowohl die Frage des Verhältnisses zwischen einer gewöhnlichen bürger-
lichen Republik mit Konstituante und der Sowjetrepublik als auch die
Geschichte des in unserer Revolution zutage getretenen Widerspruchs
zwischen der Konstituierenden Versammlung und der Diktatur des Prole-
tariats behandelt wurde. Kautsky umgeht das alles und erklärt dem Le-
ser einfach, daß „zwei von ihnen“ (von diesen Thesen) „besonders wich-
tig“ seien: die eine, daß sich die Sozialrevolutionäre nach den Wahlen
zur Konstituierenden Versammlung, aber noch bevor diese einberufen
wurde, gespalten hätten (Kautsky verschweigt, daß dies die fünfte These
ist), und die andere, die besagt, daß die Sowjetrepublik überhaupt eine
höhere demokratische Form als die Konstituierende Versammlung ist
(Kautsky verschweigt, daß dies die dritte These ist).
Und nur aus dieser dritten These zitiert Kautsky einen Teil vollständig,
und zwar folgenden Passus :
„Die Republik der Sowjets stellt nicht nur eine höhere Form der demo-
kratischen Einrichtungen dar (im Vergleich mit der gewöhnlichen, bürger-
lichen Republik und der Konstituante als ihrer Krönung), sie ist auch die
einzige Form, die den schmerzlosesten* Übergang zum Sozialismus er-
* Nebenbei: Den Ausdruck „schmerzlosester“ Übergang zitiert Kautsky wie-
derholt, offenbar aus dem Bestreben, ironisch zu sein. Da das jedoch ein Versuch
mit untauglichen Mitteln ist. so begeht Kautsky einige Seiten später eine Unter-
stellung und zitiert falsch: „schmerzloser“ Übergang! Mit solchen Mitteln ist es
natürlich nicht schwer, dem Gegner Unsinn zu unterstellen. Die Fälschung hilft
Lenin, Werke. Bd. :
264
möglidit.“ (Kautsky läßt das Wort „gewöhnlichen“ und die einleitenden
Worte der These: „Für den Übergang von der bürgerlichen zur soziali-
stischen Gesellschaftsordnung, für die Diktatur des Proletariats“ weg.)
Nachdem Kautsky diese Worte zitiert hat, ruft er mit großartiger Iro-
nie aus :
„Nur schade, daß man zu dieser Erkenntnis erst kam, nachdem man in der
Konstituante in der Minderheit geblieben war. Ehedem hatte sie niemand stürmi-
scher verlangt als Lenin.“
So heißt es wörtlich auf S. 31 der Kautskysdien Schrift!
Das ist ja eine Perle! Nur ein Sykophant der Bourgeoisie konnte die
Sache so verlogen darstellen, damit der Leser den Eindruck bekomme, als
sei alles Reden der Bolschewiki von dem höheren Staatstypus nur eine
Erfindung, die in die Welt gesetzt worden sei, nachdem die Bolschewiki
in der Konstituierenden Versammlung in der Minderheit geblieben
waren ! ! Eine so widerliche Lüge konnte nur ein Lump aussprechen, der
sich der Bourgeoisie verkauft oder, was genau das gleiche ist, sich
P. Axelrod anvertraut hat und verschweigt, von wem er seine Informa-
tionen bezieht.
Es ist nämlich allgemein bekannt, daß ich gleich am ersten Tag nach
meiner Ankunft in Rußland, am 4. April 1917, öffentlich Thesen ver-
lesen habe, in denen ich erklärte, daß ein Staat vom Typus der Kom-
mune der bürgerlichen parlamentarischen Republik überlegen ist. Ich
habe das später wiederholt in der Presse erklärt, zum Beispiel in einer
Broschüre über die politischen Parteien, die ins Englische übersetzt
wurde 103 und im Januar 1918 in Amerika in der New-Yorker Zeitung
„Evening Post“ 104 erschienen ist. Nicht genug damit. Die Parteikonfe-
renz der Bolschewiki, Ende April 1917, nahm eine Resolution an, in der
gesagt wird, daß die proletarisch-bäuerliche Republik über der bürgerlichen
parlamentarischen Republik steht, daß sich unsere Partei mit dieser nicht
zufriedengeben wird und daß das Parteiprogramm entsprechend ge-
ändert werden muß.
auch, einer sachlichen Auseinandersetzung über dieses Argument aus dem Wege
zu gehen: Der schmerzloseste Übergang zum Sozialismus ist lediglich möglich
bei einer die gesamte arme Bevölkerung umfassenden Organisation (Sowjets)
und bei Unterstützung dieser Organisation durch das Zentrum der Staatsgewalt
(Proletariat).
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
265
Wie ist danach der Ausfall Kautskys zu bewerten, der den deutschen
Lesern versichert, ich hätte stürmisch die Einberufung der Konstituieren-
den Versammlung gefordert, und lediglich nachdem die Bolsdiewiki in
ihr in der Minderheit geblieben waren, hätte ich begonnen, die Ehre und
Würde der Konstituierenden Versammlung „zu schmälern“? Womit kann
man diesen Ausfall entschuldigen?* Damit, daß Kautsky die Tatsachen
nicht kannte? Warum mußte er dann aber über diese Dinge schreiben?
Oder weshalb hätte er nicht offen erklären können: Ich, Kautsky, schreibe
auf Grund der Informationen der Menschewiki Stein, P. Axelrod und
Co.? Kautsky möchte mit dem Anspruch auf Objektivität seine Rolle
als Helfershelfer der über ihre Niederlage gekränkten Menschewiki
tarnen.
Aber das ist erst der Anfang, das dicke Ende kommt noch.
Zugegeben, Kautsky hätte von seinen Informatoren die Übersetzung
der bolschewistischen Resolutionen und Erklärungen zu der Frage, ob die
Bolsdiewiki sich mit der bürgerlichen parlamentarischen demokratischen
Republik zufriedengeben, nicht verlangt oder nicht bekommen kön-
nen (??). Geben wir das sogar zu, wenn es auch unwahrscheinlich ist.
Aber eben meine Thesen vom 26. Dezember 1917 ermähnt doch Kautsky
direkt auf S. 30 seines Buches.
Kennt Kautsky diese Thesen vollständig, oder kennt er von ihnen nur
das, was die Stein, Axelrod und Co. ihm übersetzt haben? Kautsky zitiert
die dritte These zu der grundlegenden Frage, ob die Bolsdiewiki sich
schon vor den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung bewußt wa-
ren, daß die Sowjetrepublik eine höhere Staatsform als die bürgerliche
Republik ist, und ob sie das dem Volk gesagt haben. Kautsky ver-
schweigt jedoch die zweite These.
Die zweite These aber lautet:
„Die revolutionäre Sozialdemokratie, die die Forderung nach Einberu-
fung der Konstituierenden Versammlung erhob, hat vom ersten Tage der
Revolution von 1917 an wiederholt betont, daß die Republik der Sowjets
eine höhere Form des Demokratismus ist als die gewöhnliche bürgerliche
Republik mit der Konstituierenden Versammlung“ (Hervorhebungen von
mir).
* Nebenbei bemerkt: Ähnliche menschewistische Lügen gibt es sehr viele in
der Broschüre Kautskys! Sie ist die Schmähschrift eines erbosten Menschewiks.
W. I. Lenin
Um die Bolschewiki als prinzipienlose Leute, als „revolutionäre Op-
portunisten“ (diesen Ausdrude gebraucht Kautsky irgendwo in seinem
Buche, ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang) hinzustellen,
verhehlte Herr Kautsky den deutschen Lesern, daß in den Thesen ein
direkter Hinweis auf „ wiederholte “ Erklärungen enthalten ist!
Solcherart sind die kleinlichen, jämmerlichen und verabscheuungswür-
digen Methoden, mit denen Herr Kautsky operiert. Auf diese Weise ist
er der theoretischen Frage ausgewichen.
Ist es wahr oder nicht, daß eine bürgerlich-demokratische parlamen-
tarische Republik tiefer steht als eine Republik vom Typus der Kommune
oder der Sowjets? Das ist der Kern der Frage, Kautsky aber ist dem aus-
gewichen. Alles, was Marx in der Analyse der Pariser Kommune gegeben
hat, hat Kautsky „vergessen“. Er hat auch den Brief von Engels an Bebel
vom 28. März 1875 „vergessen“, in dem der gleiche Marxsche Gedanke
besonders anschaulich und einleuchtend ausgedrückt ist: Die Kommune
war „schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr“.
Das ist nun der hervorragendste Theoretiker der II. Internationale, der
in einer speziellen Broschüre über die „Diktatur des Proletariats", in der
er sich speziell mit Rußland beschäftigt, wo die Frage einer höheren
Staatsform, als es die demokratisch-bürgerliche Republik ist, direkt und
wiederholt gestellt worden ist, diese Frage totschweigt. Wodurch unter-
scheidet sich das denn in Wirklichkeit von einem Übergang auf die Seite
der Bourgeoisie?
(Nebenbei sei bemerkt, daß Kautsky auch hier im Nachtrab der rus-
sischen Menschewiki einhertrottet. Leute, die „alle Zitate“ aus Marx und
Engels kennen, haben sie soviel sie wollen, aber kein Menschewik hat von
April bis Oktober 1917 und von Oktober 1917 bis Oktober 1918 auch
nur ein einziges Mal versucht, die Frage des Staates vom Typus der
Kommune zu untersuchen. Auch Plechanow ist dieser Frage ausgewichen.
Sie hatten wohl allen Grund zu schweigen.)
Es versteht sich von selbst, wollte man über das Auseinanderjagen der
Konstituierenden Versammlung mit Leuten reden, die sich Sozialisten
und Marxisten nennen, in Wirklichkeit aber in der Grundfrage, in der
Frage des Staates vom Typus der Kommune, zur Bourgeoisie übergehen,
so hieße das Perlen vor die Säue werfen. Es dürfte genügen, im Anhang
dieser Schrift meine Thesen über die Konstituierende Versammlung voll-
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 267
ständig abzudrucken. Aus ihnen wird der Leser ersehen, daß die Frage
am 26. Dezember 1917 sowohl theoretisch als auch historisch und prak-
tisch-politisch aufgeworfen worden ist.
Wenn Kautsky sich als Theoretiker vollständig vom Marxismus los-
gesagt hat, so hätte er doch den Kampf der Sowjets gegen die Konsti-
tuierende Versammlung als Historiker untersuchen können. Wir wissen
aus vielen Arbeiten Kautskys, daß er es verstanden hat, ein marxistischer
Historiker zu sein, daß diese seine Arbeiten, trotz seines späteren Rene-
gatentums, dauerndes Besitztum des Proletariats bleiben werden. In die-
ser Frage aber kehrt Kautsky auch als Historiker der Wahrheit den
Rücken, er ignoriert allgemein bekannte T atsachen und verfährt wie ein
Sykophant. Er will die Bolschewiki als prinzipienlos hinstellen, und so
erzählt er, wie die Bolschewiki versuchten, den Konflikt mit der Kon-
stituierenden Versammlung zu mildem, bevor sie sie auseinanderjagten.
Daran ist absolut nichts Schlimmes, und wir brauchen nichts abzuschwö-
ren; ich bringe den vollen Wortlaut der Thesen, in denen klipp und klar
gesagt wird: Ihr schwankenden Herren Kleinbürger, die ihr euch in der
Konstituierenden Versammlung festgesetzt habt, entweder findet ihr euch
mit der Diktatur des Proletariats ab, oder wir werden euch „auf revolu-
tionärem Wege" besiegen (Thesen 18 und 19).
So ist das wirklich revolutionäre Proletariat dem schwankenden Klein-
bürgertum gegenüber stets verfahren, und so wird es auch in Zukunft
stets verfahren.
Kautsky steht in der Frage der Konstituierenden Versammlung auf
einem formalen Standpunkt. In meinen Thesen wird klar und wiederholt
gesagt, daß die Interessen der Revolution höher stehen als die formalen
Rechte der Konstituierenden Versammlung (siehe Thesen 16 und 17).
Der formal-demokratische Standpunkt ist eben der Standpunkt des bür-
gerlichen Demokraten, der nicht anerkennt, daß das Interesse des Prole-
tariats und des proletarischen Klassenkampfes höher steht. Kautsky, als
Historiker, hätte unbedingt anerkennen müssen, daß die bürgerlichen
Parlamente Organe dieser oder jener Klasse sind. Jetzt aber mußte
Kautsky (um der schmutzigen Sache, der Abkehr von der Revolution
willen) den Marxismus vergessen, und er stellt nicht die Frage, das Organ
welcher Klasse die Konstituierende Versammlung in Rußland gewesen
war. Kautsky untersucht nicht die konkreten Umstände, er will die Tat-
268
Sachen nicht sehen, er sagt den deutschen Lesern kein Wort davon, daß
in den Thesen nicht nur die Frage der Beschränktheit der bürgerlichen
Demokratie theoretisch beleuchtet wird (Thesen Nr. 1-3), daß nicht nur
die konkreten Umstände gezeigt werden, die bestimmend dafür waren,
daß die Kandidatenlisten der Parteien von Mitte Oktober 1917 mit der
Wirklichkeit vom Dezember 1917 nicht übereinstimmten (Thesen Nr. 4
bis 6), sondern daß in den Thesen auch die Geschickte des Klassenkamp-
fes und des Bürgerkriegs der Monate Oktober bis Dezember 1917 dar-
gelegt wird (Thesen Nr. 7-15). Aus diesen konkreten geschichtlichen Ge-
gebenheiten zogen wir die Schlußfolgerung (These Nr. 14), daß die Lo-
sung „Alle Macht der Konstituierenden Versammlung“ in Wirklichkeit
zu einer Losung der Kadetten sowie der Kaledinleute und ihrer Helfers-
helfer geworden war.
Der Historiker Kautsky bemerkt das nicht. Der Historiker Kautsky
hat nie davon gehört, daß beim allgemeinen Wahlrecht mitunter klein-
bürgerliche, mitunter reaktionäre und konterrevolutionäre Parlamente
zustande kommen. Der marxistische Historiker Kautsky hat nichts davon
gehört, daß die Form der Wahlen, die Form der Demokratie eine Sache
ist, eine andere Sache jedoch der Klasseninhalt der betreffenden Institu-
tion. Diese Frage nach dem Klasseninhalt der Konstituierenden Versamm-
lung ist in meinen Thesen direkt gestellt und gelöst worden. Möglich,
daß meine Lösung falsch ist. Nichts wäre uns so erwünscht wie eine
marxistische Kritik unserer Analyse von anderer Seite. Anstatt ganz
alberne Phrasen (ihrer gibt es viele bei Kautsky) darüber zu schreiben,
daß irgend jemand eine Kritik am Bolschewismus behindere, hätte
Kautsky eine solche Kritik in Angriff nehmen sollen. Das ist es ja eben,
daß er keine Kritik übt. Die Frage der Klassenanalyse der Sowjets einer-
seits und der Konstituierenden Versammlung anderseits wird von ihm
nicht einmal aufgeworfen. Und darum besteht keine Möglidikeit, mit
Kautsky zu streiten, zu diskutieren, und es bleibt nur übrig, dem Leser
zu zeigen, warum man Kautsky nicht anders denn als Renegaten bezeich-
nen muß.
Der Widerspruch zwischen den Sowjets und der Konstituierenden Ver-
sammlung hat seine Geschichte, die nicht einmal ein Historiker, der nicht
auf dem Standpunkt des Klassenkampfes steht, hätte umgehen können.
Kautsky hat auch diese geschichtlichen Tatsachen nicht berühren wollen.
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 269
Kautsky hat den deutschen Lesern die allbekannte Tatsache vorenthalten
(die heute nur noch von böswilligen Menschewiki verheimlicht wird), daß
die Sowjets auch während der Herrschaft der Menschewiki, d. h. von
Ende Februar bis Oktober 1917, mit den „gesamtstaatlichen“ (d. h. bür-
gerlichen) Institutionen in Widerspruch geraten waren. Kautsky steht im
Grunde genommen auf dem Standpunkt der Versöhnung, der Verständi-
gung, der Arbeitsgemeinschaft zwischen Proletariat und Bourgeoisie;
Kautsky mag das noch so sehr bestreiten, aber daß das sein Standpunkt
ist, ist eine Tatsache, die durch die ganze Broschüre Kautskys bestätigt
wird. Man hätte die Konstituierende Versammlung nicht auseinander-
jagen sollen heißt soviel wie: man hätte den Kampf gegen die Bourgeoisie
nicht zu Ende führen, sie nicht stürzen sollen, das Proletariat hätte sich
mit der Bourgeoisie aussöhnen sollen.
Weshalb verschweigt dann aber Kautsky, daß die Menschewiki sich
von Februar bis Oktober 1917 mit dieser wenig rühmlichen Sache befaßt
und nichts erreicht haben? Wenn es möglich war, die Bourgeoisie mit
dem Proletariat zu versöhnen, warum ist dann die Aussöhnung unter den
Menschewiki nicht gelungen, warum hielt sich die Bourgeoisie abseits von
den Sowjets, warum wurden die Sowjets (von den Menschewiki) „revo-
lutionäre Demokratie", die Bourgeoisie aber „privilegierte Elemente“
genannt?
Kautsky hat den deutschen Lesern vorenthalten, daß gerade die Men-
schewiki in der „Epoche“ ihrer Herrschaft (Februar bis Oktober 1917)
die Sowjets eine revolutionäre Demokratie genannt und damit deren
Überlegenheit über alle anderen Institutionen anerkannt haben. Nur
durch Verheimlichung dieser Tatsache konnte der Historiker Kautsky
die Dinge so hinstellen, als hätte der Widerspruch zwischen den Sowjets
und der Bourgeoisie nicht seine Geschichte, als wäre er urplötzlich, un-
erwartet, ohne Grund, nur weil sich die Bolschewiki schlecht aufgeführt
hätten, zutage getreten. In Wirklichkeit haben aber gerade die mehr als
halbjährigen Erfahrungen (für eine Revolution ist das eine sehr lange
Zeit) des menschewistischen Paktierens, der Versuche, das Proletariat mit
der Bourgeoisie auszusöhnen, das Volk von der Nutzlosigkeit dieser Ver-
suche überzeugt und das Proletariat von den Menschewiki abgestoßen.
Die Sowjets sind, wie Kautsky zugibt, eine vorzügliche Kampforgani-
sation des Proletariats, die eine große Zukunft hat. Ist dem aber so, dann
270
W. I. Lenin
stürzt Kautskys ganze Position zusammen wie ein Kartenhaus oder wie
der Wunschtraum eines Kleinbürgers, man könne auch ohne scharfen
Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie auskommen. Denn die ganze
Revolution ist ein ständiger und dabei erbitterter Kampf, das Proletariat
aber ist die führende Klasse aller Unterdrückten, Brennpunkt und Mittel-
punkt der Bestrebungen aller und jeder Unterdrückten nach ihrer Be-
freiung. Die Sowjets - Kampforgan der unterdrückten Massen - wider-
spiegelten und brachten naturgemäß die Stimmungen und den Wechsel in
den Ansichten dieser Massen ungleich schneller, vollständiger und zu-
verlässiger zum Ausdruck als irgendeine andere Institution (und das ist
übrigens einer der Gründe, warum die Sowjetdemokratie die höchste
Form der Demokratie ist).
Es gelang den Sowjets in der Zeit vom 28. Februar (alten Stils) bis
zum 25. Oktober 1917, zwei gesamtrussische Kongresse einzuberufen, auf
denen die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung Rußlands, alle Ar-
beiter und Soldaten, sieben oder acht Zehntel der Bauernschaft vertreten
waren, ganz abgesehen von der großen Zahl der Orts-, Kreis-, Stadt-,
Gouvernements- und Gebietskongresse. Der Bourgeoisie ist es in dieser
Zeit nicht gelungen, auch nur eine einzige Körperschaft einzuberufen,
die eine Mehrheit repräsentiert hätte (abgesehen von der „Demokra-
tischen Beratung“, einer offensichtlichen, hohnsprechenden Fälschung, die
das Proletariat erbitterte). Die Konstituierende Versammlung widerspie-
gelte die gleiche Stimmung der Massen, die gleiche politische Gruppierung
wie der I. Gesamtrussische Sowjetkongreß (vom Juni). Bis zur Einberu-
fung der Konstituierenden Versammlung (Januar 1918) hatten der II.
(Oktober 1917) und der III. Sowjetkongreß (Januar 1918) getagt, und
beide hatten klipp und klar bewiesen, daß die Massen radikalisiert, re-
volutioniert waren, daß sie sich von den Menschewiki und den Sozial-
revolutionären abgewendet hatten und auf die Seite der Bolschewiki
übergegangen waren, das heißt, daß sie sich von der kleinbürgerlichen
Führung, von den Illusionen einer Verständigung mit der Bourgeoisie
abgewendet hatten und auf die Seite des proletarischen revolutionären
Kampfes für den Sturz der Bourgeoisie übergegangen waren.
Folglich zeigt schon rein äußerlich gesehen die Geschichte der Sowjets,
wie unumgänglich es war, die Konstituierende Versammlung auseinander-
zujagen, und wie reaktionär diese war, Kautsky jedoch beharrt steif und
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
271
fest auf seiner „Losung“: Mag die Revolution zugrunde gehen, mag die
Bourgeoisie über das Proletariat triumphieren, wenn nur die „reine De-
mokratie“ blüht und gedeiht. Fiat justitia, pereat mundus!*
Hier ein paar zusammenfassende Daten über die Gesamtrussischen
Sowjetkongresse in der Gesdiidhte der russischen Revolution:
Gesamtrussische Sowjetkongresse Zahl der
Delegierten
I. (3. VI. 1917) 790
II. (25. X. 1917) 675
III. (10. 1. 1918) 710
IV. (14. III. 1918) 1232
V. (4. VII. 1918) 1164
Davon Bolschewiki
Bolschewiki in Prozenten
103 13
343 51
434 61
795 64
773 66
Ein Blick auf diese Zahlen genügt, zu begreifen, warum die Verteidi-
gung der Konstituierenden Versammlung oder das Gerede (wie das
Kautskys), die Bolschewiki hätten nicht die Mehrheit der Bevölkerung
hinter sich, bei uns nur mit Gelächter quittiert wird.
DIE SOWJETVERFASSUNG
Der Bourgeoisie das Wahlrecht zu entziehen ist, wie ich schon be-
merkt habe, kein unbedingtes und notwendiges Kennzeichen der Dik-
tatur des Proletariats. Auch in Rußland haben die Bolschewiki, die lange
vor der Oktoberrevolution die Losung einer solchen Diktatur aufgestellt
hatten, nicht von vornherein davon gesprochen, den Ausbeutern das
Wahlrecht zu entziehen. Dieser Bestandteil der Diktatur hat das Licht
der Welt nicht „nach dem Plan“ irgendeiner Partei erblickt, sondern er
hat sich im Laufe des Kampfes von selbst herausgebildet. Der Historiker
Kautsky hat das freilich nicht bemerkt. Er hat nicht begriffen, daß die
Bourgeoisie schon in der Zeit, als die Menschewiki (die Paktierer mit der
Bourgeoisie) in den Sowjets herrschten, sich selbst von den Sowjets ab-
gesondert hatte, sie boykottierte, sich ihnen entgegenstellte und gegen
sie intrigierte. Die Sowjets sind ohne jede Verfassung entstanden und
* Gerechtigkeit soll walten, wenn auch die Welt dabei zugrunde geht! Die
Red.
272
W. I. Lenin
haben über ein fahr (vom Frühjahr 1917 bis zum Sommer 1918) ohne
jede Verfassung existiert. Die Wut der Bourgeoisie auf die selbständige
und allmächtige (weil allumfassende) Organisation der Unterdrückten,
der Kampf, und zwar der skrupelloseste, eigennützigste, schmutzigste
Kampf der Bourgeoisie gegen die Sowjets und schließlich die offensicht-
liche Teilnahme der Bourgeoisie (von den Kadetten bis zu den rechten
Sozialrevolutionären, von Miljukow bis zu Kerenski) am Kornilow-
putsch - all das hat den formellen Ausschluß der Bourgeoisie aus den
Sowjets vorbereitet.
Kautsky hat vom Komilbwputsdi gehört, aber erhaben pfeift er auf
die historischen Tatsachen, auf den Verlauf und die Formen des Kampfes,
die bestimmend sind für die Formen der Diktatur: In der Tat, was be-
sagen schon Tatsachen, wenn von „reiner“ Demokratie die Rede ist? Die
gegen die Entziehung des Wahlrechts der Bourgeoisie gerichtete „Kritik“
Kautskys zeichnet sich darum durch eine so . . . süßliche Naivität aus, die
bei einem Kinde rührend wäre, die aber ekelerregend ist bei einem
Menschen, der offiziell noch nicht für schwachsinnig erklärt worden ist.
wenn sie“ (die Kapitalisten) „bei allgemeinem Wahlrecht als be-
deutungslose Minderheit erscheinen, werden sie sich eher in ihr Schick-
sal ergeben . . .“ (S. 33.) Nett, nicht wahr? Der gescheite Kautsky hat es
oftmals in der Geschichte gesehen und kennt überhaupt aus seiner Be-
obachtung des lebendigen Lebens sehr gut solche Gutsbesitzer und Kapi-
talisten, die dem Willen der Mehrheit der Unterdrückten Rechnung tra-
gen. Der gescheite Kautsky steht entschieden auf dem Standpunkt der
„Opposition“, d. h. auf dem Standpunkt des innerparlamentarischen
Kampfes. So schreibt er denn auch buchstäblich: „Opposition" (S. 34 und
an vielen anderen Stellen).
Oh, Sie gelehrter Historiker und Politiker! Sie hätten wissen müssen,
daß „Opposition“ ein Begriff des friedlichen und nur parlamentarischen
Kampfes ist, das heißt ein Begriff, der einer nichtrevolutionären Situa-
tion entspricht, also einer Situation, in der sich keine Revolution vollzieht.
In der Revolution handelt es sich um einen erbarmungslosen Feind im
Bürgerkrieg, und die reaktionären Jeremiaden eines Kleinbürgers, der
diesen Krieg fürchtet, wie Kautsky ihn fürchtet, werden an dieser Tat-
sache nichts ändern. Betrachtungen vom Standpunkt der „Opposition“
über die Fragen des erbarmungslosen Bürgerkriegs anstellen, wo die
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 273
Bourgeoisie vor keinem Verbrechen, zurückscheut - das Beispiel der Ver-
sailler und ihres Paktes mit Bismarck sagt jedem etwas, der sich zur Ge-
schichte nicht wie der Gogolsche Petruschka* verhält - , wo die Bourgeoisie
fremde Staaten zu Hilfe ruft und mit ihnen gegen die Revolution in-
trigiert - das ist die reinste Komik. Das revolutionäre Proletariat soll,
ganz so wie der „Konfusionsrat“ Kautsky, eine Schlafmütze über die
Ohren ziehen und die Bourgeoisie, die die Dutowschen, Krasnowschen
und tschechischen konterrevolutionären Aufstände organisiert und Mil-
lionen an Saboteure zahlt, als legale „Opposition“ betrachten. Oh, wel-
cher Scharfsinn !
Kautsky interessiert ausschließlich die formal-juristische Seite der
Sache, so daß man sich beim Lesen seiner Betrachtungen über die Sowjet-
verfassung unwillkürlich der Worte Bebels erinnert, Juristen seien durch
und durch reaktionäre Leute. „In Wahrheit“, schreibt Kautsky, „kann
man aber die Kapitalisten allein gar nicht entrechten. Wer ist ein Kapita-
list in juristischem Sinne? Ein Besitzender? Selbst in einem ökonomisch
so weit vorgeschrittenen Lande wie Deutschland, dessen Proletariat so
zahlreich ist, würde die Errichtung einer Sowjetrepublik große Massen
politisch entrechten. Im Jahre 1907 betrug im Deutschen Reiche die Zahl
der Berufszugehörigen (Erwerbstätige und ihre Familien) der drei großen
Gruppen Landwirtschaft, Industrie und Handel in der Gruppe der An-
gestellten und Lohnarbeiter etwas über 35 Millionen, die der Selbständi-
gen 17 Millionen. Eine Partei könnte also sehr wohl die Mehrheit der
Lohnarbeit« hinter sich haben und doch die Minderheit d« Bevölkerung
bilden.“ (S. 33.)
Da haben wir ein Muster Kautskysch« Betrachtungsweise. Ist das etwa
nicht das konterrevolutionäre Geflenne eines Bourgeois? Warum zählen
Sie denn alle „Selbständigen“ zu den Entrechteten, Herr Kautsky, wo
Sie sehr wohl wissen, daß die übergroße Mehrheit der russischen Bauern
keine Lohnarbeiter beschäftigt, also ihrer Rechte nicht verlustig geht? Ist
das etwa keine Fälschung?
Warum haben Sie, der gelehrte Ökonom, nicht die Ihnen gut bekann-
ten und in eben derselben deutschen Statistik von 1907 enthaltenen An-
gaben über die Lohnarbeit in der Landwirtschaft nach Größenklassen der
Betriebe angeführt? Warum haben Sie den deutschen Arbeiten, den
* Gestalt aus dem Roman „Die toten Seelen“ von N. W. Gogol. Der Obers.
274
W. I. Lenin
Lesern Ihrer Broschüre, diese Unterlagen vorenthalten, aus denen ersicht-
lich gewesen wäre, wieviel Ausbeuter nach der deutschen Statistik
gezählt werden und wie gering die Zahl der Ausbeuter gemessen an der
Gesamtzahl der „Landwirte“ ist?
Weil Ihr Renegatentum Sie zu einem gewöhnlichen Sykophanten der
Bourgeoisie gemacht hat.
Kapitalist, das sei ein unbestimmter juristischer Begriff, und Kautsky
wettert auf mehreren Seiten gegen die „Willkür“ der Sowjetverfassung.
Der englischen Bourgeoisie räumt dieser „seriöse Wissenschaftler“ Jahr-
hunderte ein, um eine neue (für das Mittelalter neue) bürgerliche Ver-
fassung auszuarbeiten und zu präzisieren, uns aber, den Arbeitern und
Bauern Rußlands, will dieser Repräsentant einer Lakaienwissenschaft
keinerlei Frist gewähren. Von uns verlangt er in wenigen Monaten eine
bis aufs I-Tüpfelchen ausgearbeitete Verfassung . . .
... „Willkür I“ Man denke bloß, welch ein Abgrund schmutzigster
Liebedienerei vor der Bourgeoisie, welch ein Abgrund stumpfsinnigster
Pedanterie sich in einem solchen Vorwurf offenbart. Wenn die durch und
durch bürgerlichen und zum größten Teil reaktionären Juristen der kapi-
talistischen Länder im Laufe von Jahrhunderten oder Jahrzehnten die
detailliertesten Bestimmungen ausarbeiteten, Dutzende und Hunderte
von Gesetzbüchern und Kommentaren zu den Gesetzen verfaßten, die
der Unterdrückung des Arbeiters dienen, den Armen an Händen und
Füßen fesseln, jedem einfachen werktätigen Menschen aus dem Volke
tausend Schwierigkeiten bereiten und Hindernisse in den Weg legen - oh,
darin sehen die bürgerlichen Liberalen und Herr Kautsky keine „Will-
kür“! Da herrscht „Ordnung“ und „Gesetzlichkeit“! Da ist alles durch-
dacht und niedergeschrieben, wie der Arme „auszupressen“ ist. Da gibt
es Tausende bürgerlicher Advokaten und Beamte (von ihnen schweigt
Kautsky überhaupt, wahrscheinlich gerade darum, weil Marx dem Zer-
schlagen der Beamtenmaschinerie gewaltige Bedeutung beilegte . . .) -
Advokaten und Beamte, die die Gesetze so auszulegen verstehen, daß es
dem Arbeiter und dem Durchschnittsbauern niemals gelingt, durch die
Fußangeln dieser Gesetze hindurchzukommen. Das ist keine „Willkür“ der
Bourgeoisie, das ist keine Diktatur eigennütziger und schmutziger Aus-
beuter, die sich mit dem Blut des Volkes vollgesogen haben - keine Spur!
Das ist „reine Demokratie“, die von Tag zu Tag reiner und reiner wird.
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
275
Als aber die werktätigen und ausgebeuteten Klassen, durch den impe-
rialistischen Krieg abgeschnitten von ihren Brüdern jenseits der Grenze,
zum erstenmal in der Geschichte ihre eigenen Sowjets schufen, als sie
diejenigen Massen, die die Bourgeoisie unterdrückt, eingeschüchtert, ab-
gestumpft hatte, zum politischen Aufbau herbeiriefen und selbst anfin-
gen, einen neuen, proletarischen Staat aufzubauen, als sie im Getümmel
des erbitterten Kampfes, im Feuer des Bürgerkriegs darangingen, die
Grundprinzipien für einen Staat ohne Ausbeuter zu entwerfen - da er-
hob das ganze bourgeoise Gesindel, die ganze Bande der Blutsauger samt
ihrem Trabanten Kautsky ein Gezeter über „Willkür“! Wie sollten denn
auch diese Ignoranten, diese Arbeiter und Bauern, dieser „Pöbel“, es
verstehen, ihre eigenen Gesetze auszulegen? Wo sollten denn sie, die
einfachen Werktätigen, den Gerechtigkeitssinn hemehmen, wenn sie sich
nicht von den gebildeten Advokaten, den bürgerlichen Schriftstellern, den
Kautsky und den gescheiten alten Beamten beraten lassen?
Aus meiner Rede vom 28. IV. 1918 zitiert Herr Kautsky die Worte:
„Die Massen bestimmen die Ordnung und die Termine der Wahlen
selbst.“ Und der „reine Demokrat“ Kautsky folgert daraus:
„Es scheint also, als könne jede Wahlversammlung das Wahlverfahren nach
ihrem Belieben einrichten. Die Willkür und die Möglichkeit, sich unbequemer
oppositioneller Elemente innerhalb des Proletariats selbst zu entledigen, würde
dadurch aufs höchste gesteigert.“ (S. 37.)
Nun, wodurch unterscheidet sich das von dem Gerede eines Tinten-
kulis, den die Kapitalisten gedungen haben und der ein Geschrei darüber
erhebt, daß die Masse bei einem Streik die „arbeitswilligen“, fleißigen
Arbeiter unter Druck setzt? Warum ist die bürokratisch-bürgerliche Fest-
legung des Wahlverfahrens in der „reinen“ bürgerlichen Demokratie
keine Willkür? Warum soll der Gerechtigkeitssinn bei den Massen, die
sich zum Kampf erhoben haben gegen ihre Ausbeuter, von denen sie
jahrhundertelang unterdrückt wurden, bei den Massen, die durch diesen
erbitterten Kampf aufgeklärt und gestählt werden, geringer entwickelt
sein als bei den Häuflein in bürgerlichen Vorurteilen erzogener Beamter,
Intellektueller und Advokaten?
Kautsky ist ein wahrer Sozialist, man wage ja nicht, die Aufrichtigkeit
dieses ehrbaren Familienvaters, dieses redlichen Bürgers in Zweifel zu
ziehen. Er ist ein glühender und überzeugter Fürsprecher des Sieges der
276
W. I. Lenin
Arbeiter, der proletarischen Revolution. Er möchte nur, daß salbadernde
verspießerte Intellektuelle und Philister mit der Schlafmütze auf dem
Kopf zuerst, vor der Bewegung der Massen, vor ihrem erbitterten Kampf
gegen die Ausbeuter und unbedingt ohne Bürgerkrieg, ein gemäßigtes
und genaues Reglement für die Entwicklung der Revolution aufstellen . . .
Mit tiefer sittlicher Entrüstung erzählt unser hochgelahrter Juduschka
Golowljow* den deutschen Arbeitern, das Gesamtrussische Zentral-
exekutivkomitee der Sowjets habe am 14. VI. 1918 beschlossen, die Ver-
treter der Partei der rechten Sozialrevolutionäre und der Menschewiki
aus den Sowjets auszuschließen. „Diese Maßregel“, schreibt Juduschka
Kautsky voll edler Entrüstung, „richtet sich nicht etwa gegen bestimmte
Personen, die bestimmte strafbare Handlungen begangen haben . . . Von
einer Immunität der Abgeordneten zum Sowjet ist in der Verfassung der
Sowjetrepublik keine Rede. Nicht bestimmte Personen, sondern be-
stimmte Parteien werden hier von den Sowjets ausgeschlossen.“ (S. 37.)
Ja, das ist geradezu entsetzlich, das ist eine unerträgliche Abweichung
von der reinen Demokratie, nadi deren Regeln unser revolutionärer Ju-
duschka Kautsky die Revolution machen wird. Wir russischen Bolschewiki
hätten zuerst den Sawinkow und Co., den Liberdan 105 mitsamt den
Potressow (den „Aktivisten“) und Co. Immunität zusichem, dann ein
Strafgesetzbuch verfassen sollen, das die Teilnahme am tschechoslowa-
kischen konterrevolutionären Krieg oder das Bündnis mit den deutschen
Imperialisten in der Ukraine oder in Georgien gegen die Arbeiter des
eigenen Landes für „strafbar“ erklärt, und erst dann, auf Grund dieses
Strafgesetzbuches, wären wir, gemäß der „reinen Demokratie“, berech-
tigt gewesen, „bestimmte Personen“ aus den Sowjets auszuschließen. Es
versteht sich dabei von selbst, daß die Tschechoslowaken, die über die
Sawinkow, Potressow und Liberdan (oder mit Hilfe deren Agitation)
von den englischen und französischen Kapitalisten Geld erhalten, und
ebenso die Krasnow, die mit Hilfe der ukrainischen und Tifliser Men-
schewiki von den Deutschen Munition bekamen, gerade so lange ruhig
gesessen hätten, bis wir ein regelrechtes Strafgesetzbuch verfaßten, und
daß sie sich als Demokraten von reinstem Wasser auf die Rolle der „Op-
position“ beschränkt hätten . . .
* Hauptfigur des Romans „Die Herren Golowljow“ von Saltykow-Schtsche-
drin. Der Übers.
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
277
In nicht geringere sittliche Entrüstung gerät Kautsky darob, daß die
Sowjetverfassung das Wahlrecht denen entzieht, „die Lohnarbeiter zum
Zwecke des Gewinnes beschäftigen“. „Ein Heimarbeiter oder Klein-
meister“, schreibt Kautsky, „mit einem Gesellen mag ganz proletarisch
leben und fühlen, er hat kein Wahlrecht.“ (S. 36.)
Welche Abweichung von der „reinen Demokratie“ ! Welche Ungerech-
tigkeit! Bis jetzt haben allerdings alle Marxisten angenommen und Tau-
sende Tatsachen haben es bestätigt, daß die Kleinuntemehmer die ge-
wissenlosesten und schäbigsten Ausbeuter der Lohnarbeiter sind, aber
Juduschka Kautsky nimmt natürlich nicht die Klasse der Kleinunterneh-
mer (wer hat bloß die schädliche Theorie vom Klassenkampf ausge-
dacht?), sondern einzelne Personen, solche Ausbeuter, die „ganz prole-
tarisch leben und fühlen“. Die berühmte „Spar-Agnes“, die man längst
tot wähnte, ist unter der Feder Kautskys wieder auferstanden. Diese
Spar-Agnes hat vor einigen Jahrzehnten ein „reiner“ Demokrat, der
Bourgeois Eugen Richter, erfunden und in der deutschen Literatur in
Umlauf gesetzt. Er prophezeite unsagbares Unheil von der Diktatur des
Proletariats, von der Konfiskation des Kapitals der Ausbeuter, er fragte
mit unschuldiger Miene, wer denn Kapitalist im juristischen Sinne sei.
Er führte das Beispiel einer armen, sparsamen Näherin (der „Spar-
Agnes“) an, der die bösen „Diktatoren des Proletariats“ die letzten Gro-
schen wegnehmen. Es gab eine Zeit, da sich die gesamte deutsche Sozial-
demokratie über diese „Spar-Agnes“ des reinen Demokraten Eugen
Richter lustig machte. Aber das ist lange, lange her, damals lebte Bebel
noch, der offen und ohne Umschweife die wahren Worte sagte, daß es in
unserer Partei viele Nationalliberale gebe 106 ; das liegt lange zurück, da-
mals war Kautsky noch kein Renegat.
Jetzt ist die „Spar-Agnes“ in der Person des „ganz proletarisch leben-
den und fühlenden Kleinmeisters mit einem Gesellen“ wieder auferstan-
den. Die bösen Bolschewiki tun ihm Unrecht, sie entziehen ihm das
Wahlrecht. Freilich, „jede Wahlversammlung“, wie derselbe Kautsky
sagt, kann in der Sowjetrepublik einem, sagen wir, mit dem betreffenden
Betrieb verbundenen armen Kleinmeister die Teilnahme an ihr gestatten,
wenn er ausnahmsweise kein Ausbeuter ist. wenn er tatsächlich „ganz
proletarisch lebt und fühlt“. Aber kann man sich etwa auf die Lebens-
kenntnis, auf den Gerechtigkeitssinn einer ungeregelten und (wie schreck-
278
W. I. Lenin
lieh!) ohne Statut handelnden Betriebsversammlung einfacher Arbeiter
verlassen? Ist es etwa nicht klar, daß es besser wäre, allen Ausbeutern,
allen, die Lohnarbeiter beschäftigen, das Stimmrecht zu geben, als Ge-
fahr zu laufen, daß der „Spar-Agnes“ und einem „proletarisch lebenden
und fühlenden Kleinmeister“ von den Arbeitern Unrecht geschehe?
Möge das verabscheuungswürdige Renegatengesindel unter dem Beifall
der Bourgeoisie und der Sozialchauvinisten* unsere Sowjetverfassung ver-
unglimpfen, weil sie den Ausbeutern das Wahlrecht nimmt. Das ist gut so,
denn das wird den Bruch der revolutionären Arbeiter Europas mit den
Scheidemann und Kautksy, den Renaudel und Longuet, den Henderson
und Ramsay MacDonald, mit den alten Führern und alten Verrätern des
Sozialismus, beschleunigen und vertiefen.
Die Massen der unterdrückten Klassen, die bewußten und ehrlichen
Führer aus den Reihen der revolutionären Proletarier werden für uns sein.
Es genügt, diese Proletarier und diese Massen mit unserer Sowjetverfas-
sung bekannt zu machen, und sie werden sofort sagen: Das dort sind
wirklich unsere Leute, das dort ist die richtige Arbeiterpartei, die
richtige Arbeiterregierung. Denn sie betrügt nicht die Arbeiter mit Ge-
schwätz über Reformen, wie alle eben genannten Führer uns betrogen
haben, sondern sie kämpft wirklich gegen die Ausbeuter, sie vollzieht
wirklich die Revolution, sie kämpft wirklich für die volle Befreiung der
Arbeiter.
Wenn die Sowjets nah einjähriger „Praxis“ den Ausbeutern das Wahl-
recht entzogen haben, so bedeutet das, daß diese Sowjets tatsächlich Or-
ganisationen der unterdrückten Massen sind und keine Organisationen
der Sozialimperialisten und Sozialpazifisten, die sich der Bourgeoisie ver-
kauft haben. Wenn diese Sowjets den Ausbeutern das Wahlrecht entzogen
* Soeben habe ich den Leitartikel der „Frankfurter Zeitung“ 107 (vom 22. X.
1918, Nr. 293) gelesen, in dem Kautskys Broschüre mit Begeisterung kommen-
tiert wird. Das Blatt der Börsianer ist zufrieden. Warum auch nicht 1 Und ein
Genosse aus Berlin schreibt mir. der „Vorwärts“ 108 , die Zeitung der Scheide-
männer, habe in einem speziellen Artikel erklärt, daß er fast jede Zeile Kautskys
unterschreibe. Wir gratulieren, wir gratulieren!
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 279
haben, so bedeutet das, daß die Sowjets nicht Organe kleinbürgerlichen
Paktierens mit den Kapitalisten, nicht Organe für parlamentarisches Ge-
schwätz (der Kautsky, Longuet und MacDonald) sind, sondern Organe
des wirklich revolutionären Proletariats, das einen Kampf auf Leben und
Tod gegen die Ausbeuter führt.
„Kautskys Büchlein ist hier fast unbekannt“, schreibt mir dieser Tage
(heute haben wir den 30. X.) ein gut unterrichteter Genosse aus Berlin.
Ich möchte unseren Botschaftern in Deutschland und der Schweiz emp-
fehlen, sich nicht zu scheuen, einige Tausende für den Ankauf und die
kostenlose Verteilung dieser Schrift unter die klassenbewußten Arbeiter
auszugeberi, um jene „europäische“ - lies: imperialistische und reformi-
stische - Sozialdemokratie, die längst zu einem „stinkenden Leichnam"
geworden ist, in den Staub zu treten.
Am Ende seines Buches, auf S. 61 und 63, vergießt Herr Kautsky bit-
tere Tränen darüber, daß die „neue Theorie“ (so nennt er den Bolsche-
wismus, weil er sich fürchtet, die Analyse der Pariser Kommune durch
Marx und Engels zu berühren) „Anklang findet sogar in alten Demo-
kratien wie der Schweiz“. Es ist „unbegreiflich“ für Kautsky, „wenn
deutsche Sozialdemokraten . . . diese Theorie annehmen“.
Nein, das ist durchaus begreiflich, denn nach den ernsten Lehren des
Krieges werden die Scheidemänner wie die Kautsky den revolutionären
Massen zuwider.
„Wir“ waren stets für die Demokratie, schreibt Kautsky, und plötzlich
sollten wir uns von ihr lossagen!
„Wir“, die Opportunisten der Sozialdemokratie, waren stets gegen die
Diktatur des Proletariats, und die Kolb und Co. haben das längst offen
ausgesprochen. Kautsky weiß das und glaubt vergebens, vor seinen Lesern
die offensichtliche Tatsache seiner „Rückkehr in den Schoß“ der Bernstein
und Kolb verheimlichen zu können.
„Wir“, die revolutionären Marxisten, haben niemals aus der „reinen“
(bürgerlichen) Demokratie einen Fetisch gemacht. Plechanow war be-
kanntlich 1903 ein revolutionärer Marxist (bis zu seiner traurigen Wen-
dung, die ihn in die Position eines russischen Scheidemann brachte). Und
Plechanow erklärte damals auf dem Parteitag, der das Programm an-
Lenin. Werke, Bd. 28
W.I. Lenin
nahm, daß das Proletariat in der Revolution nötigenfalls den Kapitalisten
das Wahlrecht entziehen und jedes beliebige Parlament auseinander jagen
werde, wenn es sich als konterrevolutionär erweisen sollte. Daß eben
diese Ansicht einzig und allein dem Marxismus entspricht, wird ein jeder
schon aus den von mir weiter oben angeführten Erklärungen von Marx
und Engels ersehen, das geht ganz klar aus allen Grundideen des Marxis-
mus hervor.
„Wir“, die revolutionären Marxisten, haben vor dem Volk nie solche
Reden gehalten, wie es die Kautskyaner aller Nationalitäten zu tun pfleg-
ten, die vor der Bourgeoisie liebedienern, sich dem bürgerlichen Parla-
mentarismus anpassen, den bürgerlichen Charakter der heutigen Demo-
kratieverschweigen und nur ihre Erweiterung, ihre restlose Durchführung
fordern.
„Wir“ haben der Bourgeoisie gesagt: Ihr Ausbeuter und Heuchler
sprecht von Demokratie, aber zugleich legt ihr der Teilnahme der unter-
drückten Massen an der Politik auf Schritt und Tritt tausend Hindernisse
in den Weg. Wir nehmen euch beim Wort und fordern im Interesse die-
ser Massen die Erweiterung eurer bürgerlichen Demokratie, um die
Massen zur Revolution vorzubereiten, um euch Ausbeuter zu stürzen.
Und wenn ihr Ausbeuter versuchen solltet, unserer proletarischen Revolu-
tion Widerstand zu leisten, so werden wir euch erbarmungslos nieder-
schlagen, werden euch entrechten, mehr noch: wir werden euch kein Brot
geben, denn in unserer proletarischen Republik werden die Ausbeuter
rechtlos sein, Feuer und Wasser wird ihnen entzogen werden, denn wir
sind im Ernst, Sozialisten und nicht im Sdieidemannschen oder Kautsky-
schen Sinne.
So haben „wir“ gesprochen, und so werden „wir“ revolutionären
Marxisten sprechen; und eben darum werden die unterdrückten Massen
für uns und mit uns sein, die Scheidemann und Kautsky dagegen werden
auf dem Misthaufen des Renegatentums enden.
WAS IST INTERNATIONALISMUS?
Kautsky hält sich aus tiefster Überzeugung für einen Internationalisten
und bezeichnet sich auch als solchen. Die Scheidemänner nennt er „Regie-
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
281
rungssozialisten“. Indem Kautsky die Menschewiki in Schutz nimmt
(Kautsky sagt nicht geradeheraus, daß er mit ihnen solidarisch ist, ver-
tritt aber völlig ihre Auffassungen), offenbarte er sehr anschaulich, wel-
cher Art sein „Internationalismus“ ist. Da aber Kautsky kein Einzel-
gänger, sondern Repräsentant einer Strömung ist, die auf dem Boden der
II. Internationale entstehen mußte (Longuet in Frankreich, Turati in Ita-
lien, Nobs und Grimm, Gräber und Naine in der Schweiz, Ramsay
MacDonald in England usw.), so wird es lehrreich sein, auf den „Inter-
nationalismus“ Kautskys einzugehen.
Kautsky betont, daß die Menschewiki ebenfalls in Zimmerwald waren
(zweifelsohne eine Legitimation, wenn auch eine . . . angefaulte Legitima-
tion), und legt die Ansichten der Menschewiki, mit denen er einverstan-
den ist, folgendermaßen dar:
„. . . die Menschewiki wollten den allgemeinen Frieden, und sie wollten,
daß alle Kriegführenden die Parole annehmen: Keine Annexionen und
Kontributionen. Solange dies nicht erreicht sei, solle die russische Armee
Gewehr bei Fuß schlagfertig bleiben. Die Bolschewiki dagegen forderten
den sofortigen Frieden um jeden Preis, sie waren bereit, wenn es sein
müsse, ihn als Sonderfrieden zu schließen, und sie suchten ihn zu er-
zwingen, indem sie die ohnehin schon große Desorganisation der Armee
nach Kräften förderten.“ (S. 27.) Die Bolschewiki hätten, nach der Mei-
nung Kautskys, nicht die Macht ergreifen, sondern sich mit der Kon-
stituante begnügen sollen.
Also besteht der Internationalismus Kautskys und der Menschewiki in
folgendem: von der imperialistischen bürgerlichen Regierung Reformen
verlangen, sie aber weiter unterstützen: den von dieser Regierung ge-
führten Krieg weiter unterstützen, bis alle Kriegführenden die Parole
angenommen haben: Keine Annexionen und Kontributionen. Diese Auf-
fassung haben sowohl Turati als auch die Kautskyaner (Haase und an-
dere) und auch Longuet und Co. wiederholt geäußert, indem sie erklärten:
Wir sind für die „Vaterlandsverteidigung“.
Theoretisch bedeutet das völliges Unvermögen, sich von den Sozial-
chauvinisten zu trennen, sowie völlige Verwirrung in der Frage der Vater-
landsverteidigung. Politisch bedeutet das, den Internationalismus durch
kleinbürgerlichen Nationalismus zu ersetzen, ins Lager des Reformismus
überzugehen und sich von der Revolution loszusagen.
282
W. I. Lenin
Die Anerkennung der „Vaterlandsverteidigung“ bedeutet vom Stand-
punkt des Proletariats die ReAtfertigung des gegebenen Krieges, bedeutet
die Anerkennung seiner Rechtmäßigkeit. Und da der Krieg (in der Mon-
archie wie in der Republik) ein imperialistischer Krieg ist und bleibt,
unabhängig davon, wo im gegebenen Augenblick die feindlichen Truppen
stehen - im eigenen oder im fremden Lande -, so bedeutet die Anerken-
nung der Vaterlandsverteidigung in Wirklichkeit Unterstützung der im-
perialistischen, räuberischen Bourgeoisie, völligen Verrat am Sozialismus.
In Rußland blieb der Krieg audi unter Kerenski, in der bürgerlich-demo-
kratischen Republik, ein imperialistischer Krieg, denn er wurde von der
Bourgeoisie als der herrschenden Klasse geführt (der Krieg aber ist die
„Fortsetzung der Politik“) ; und besonders anschaulich kam der imperia-
listische Charakter des Krieges in den Geheimverträgen über die Auf-
teilung der Welt und die Ausplünderung fremder Länder zum Ausdruck,
die der gewesene Zar mit den Kapitalisten Englands und Frankreichs ge-
schlossen hatte.
Die Menschewiki haben das Volk schmählich betrogen, als sie diesen
Krieg einen Verteidigungs- oder revolutionären Krieg nannten, und Kaut-
sky, der die menschewistische Politik gutheißt, billigt damit auch den
Betrug am Volke, billigt die Rolle der Kleinbürger, die dem Kapital da-
durch dienten, daß sie die Arbeiter prellten und vor den Karren der
Imperialisten spannten. Kautsky treibt eine typisch kleinbürgerliche,
philisterhafte Politik, wenn er sich einbildet (und den Massen diesen
albernen Gedanken einflößt), das Auf stellen einer Losung ändere etwas
an der Sache. Die ganze Geschichte der bürgerlichen Demokratie ent-
larvt diese Illusion: um das Volk zu betrügen, gaben und geben die bürger-
lichen Demokraten stets alle möglichen „Losungen“ aus. Es handelt sich
darum, ihre Aufrichtigkeit zu prüfen, die Worte mit den Taten zu ver-
gleichen, sich nicht mit idealistischen und marktschreierischen Phrasen
zufriedenzugeben, sondern die klassenbedingte Realität herauszufinden.
Der imperialistische Krieg hört nicht auf, ein imperialistischer Krieg zu
sein, wenn Scharlatane, Phrasendrescher oder philiströse Kleinbürger eine
honigsüße „Losung“ ausgeben, sondern erst dann, wenn die Klasse, die
den imperialistischen Krieg führt und mit ihm durch Millionen wirtschaft-
licher Fäden (oder sogar Seile) verbunden ist, tatsächlich gestürzt worden
ist und wenn die wirklich revolutionäre Klasse, das Proletariat, sie an der
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
283
Macht ablöst. Anders ist es nicht möglich, sich vom imperialistischen Krieg
- und ebenso von einem imperialistischen Raubfrieden - zu befreien.
Wenn Kautsky die Außenpolitik der Menschewiki billigt und sie als
eine internationalistische, als Zimmerwalder Politik bezeichnet, beweist er
damit erstens die ganze Fäulnis der opportunistischen Zimmerwalder
Mehrheit (nicht umsonst haben wir, die Zimmerwalder Linke 109 , uns
sofort von einer solchen Mehrheit abgegrenzt!), und zweitens - und das
ist die Hauptsache - geht Kautsky von der Position des Proletariats zu
der des Kleinbürgertums, von der revolutionären zu einer reformistischen
Position über.
Das Proletariat kämpft für den revolutionären Sturz der imperiali-
stischen Bourgeoisie, das Kleinbürgertum für eine reformistische „Ver-
vollkommnung“ des Imperialismus, für die Anpassung an ihn bei Unter-
ordnung unter ihn. Als Kautsky noch Marxist war, z. B. im Jahre 1909,
als er den „Weg zur Macht“ verfaßte, verfocht er gerade den Gedanken
von der Unausbleiblichkeit der Revolution im Zusammenhang mit einem
Krieg, sprach er von dem Nahen einer Ära der Revolutionen. Das Basler
Manifest von 1912 spricht klar und bestimmt von der proletarischen
Revolution in Verbindung mit eben dem imperialistischen Krieg zwischen
der deutschen und der englischen Mächtegruppe, der dann 1914 auch
ausgebrochen ist. Und 1918, als im Zusammenhang mit dem Krieg die
Revolutionen begonnen hatten, da fing Kautsky an, anstatt zu erklären,
warum sie unausbleiblich sind, anstatt über die revolutionäre Taktik, über
die Methoden und Wege zur Vorbereitung der Revolution nachzusinnen
und sie konsequent zu durchdenken, die reformistische Taktik der
Menschewiki als Internationalismus auszugeben. Ist das etwa nicht
Renegatentum?
Kautsky lobt die Menschewiki, weil sie darauf drangen, daß die
Kampffähigkeit der Armee erhalten bleibe. Die Bolschewiki tadelt er,
weil sie die ohnehin schon große „Desorganisation der Annee“ noch ver-
stärkten. Das heißt den Reformismus und die Unterordnung unter die
imperialistische Bourgeoisie loben, die Revolution tadeln, sich von ihr los-
sagen. Denn die Kampffähigkeit der Armee aufrechtzuerhalten bedeutete
und war unter Kerenski das Weiterbestehen einer Armee unter bürger-
licher (wenn auch republikanischer) Kommandogewalt. Es ist allgemein
bekannt - und der Gang der Ereignisse hat es anschaulich bestätigt
284
daß diese republikanische Armee infolge des Komilowschen Kommando-
bestands den Kornilowsdien Geist bewahrt hatte. Das bürgerliche Offi-
zierkorps mußte zwangsläufig vom Kornilowsdien Geist durchsetzt sein,
zum Imperialismus, zur gewaltsamen Niederhaltung des Proletariats hin-
neigen. Alle Grundlagen des imperialistischen Krieges, alle Grundlagen
der bürgerlichen Diktatur beim alten lassen, an Kleinigkeiten herum-
flicken, Nichtigkeiten ein wenig übertünchen („Reformen“) - darauf lief
in Wirklichkeit die Taktik der Menschewiki hinaus.
Und umgekehrt. Ohne „Desorganisation“ der Armee ist noch keine
große Revolution ausgekommen und kann sie auch nicht auskommen.
Denn die Armee ist das am meisten verknöcherte Werkzeug, mit dem
sich das alte Regime hält, das festeste Bollwerk der bürgerlichen Disziplin,
ein Werkzeug, mit dem das Kapital seine Herrschaft stützt, die Werk-
tätigen zu sklavischer Unterwürfigkeit und Unterordnung unter das Kapi-
tal erzieht und sie in diesem Zustand hält. Die Konterrevolution hat nie
neben der Armee bewaffnete Arbeiter geduldet und konnte sie auch nicht
dulden. In Frankreich, schrieb Engels, waren nach jeder Revolution die
Arbeiter bewaffnet; „für die am Staatsruder befindlichen Bourgeois war
daher Entwaffnung der Arbeiter erstes Gebot“ 110 . Die bewaffneten Arbei-
ter waren Keim einer neuen Armee, Organisationszelle der neuen Gesell-
schaftsordnung. Diese Zelle zu zertreten, sie nicht wachsen zu lassen, war
erstes Gebot der Bourgeoisie. Das erste Gebot jeder siegreichen Revolu-
tion - Marx und Engels haben das wiederholt betont - war: die alte
Armee zu zerschlagen, sie aufzulösen, sie durch eine neue zu ersetzen. 111
Eine neue, zur Herrschaft aufsteigende Gesellschaftsklasse hat nie diese
Herrschaft erlangen und befestigen können, und sie kann es auch jetzt
nicht tun, ohne das alte Heer völlig zersetzt zu haben („Desorganisation“ -
zetern aus diesem Anlaß die reaktionären oder einfach feigen Spießer),
ohne eine überaus schwere, qualvolle Zeit durchgemacht zu haben, in der
es keinerlei Armee gab (diese qualvolle Periode hat auch die große fran-
zösische Revolution durchgemacht), ohne im harten Bürgerkrieg allmählich
die neue Armee, die neue Disziplin, die neue Militärorganisation der
neuen Klasse zu schaffen. Der Historiker Kautsky hat das früher einmal
verstanden. Der Renegat Kautsky hat es vergessen.
Welches Recht hat Kautsky, die Scheidemänner „Regierungssoziali-
sten“ zu nennen, wenn er die Taktik der Menschewiki in der russischen
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
285
Revolution billigt ? Die Menschewiki, die Kerenski unterstützten und in
sein Ministerium eintraten, waren genauso Regierungssozialisten. Kautsky
könnte sich dieser Schlußfolgerung keinesfalls entziehen, wenn er nur
versuchen wollte, die Frage nach der herrschenden Klasse aufzuwerfen,
die den imperialistischen Krieg führt. Aber Kautsky vermeidet es, die
Frage nach der herrschenden Klasse aufzurollen, eine für den Marxisten
obligatorische Frage; denn allein die Aufrollung dieser Frage würde den
Renegaten entlarven.
Die Kautskyaner in Deutschland, die Longuetisten in Frankreich, die
Turati und Co. in Italien argumentieren folgendermaßen: Der Sozialismus
setzt Gleichheit und Freiheit der Nationen, setzt ihre Selbstbestimmung'
voraus ; darum ist es Recht und Pflicht der Sozialisten, die Heimat zu ver-
teidigen, wenn man unser Land überfällt oder wenn feindliche Heere in
unser Land eingedrungen sind. Eine derartige Argumentation ist aber
theoretisch gesehen entweder der reinste Hohn auf den Sozialismus oder
ein Taschenspielertrick, und in praktisch-politischer Hinsicht deckt sich
diese Argumentation mit der eines ganz unwissenden Bäuerleins, dem es
nicht einmal in den Sinn kommt, sich über den sozialen Charakter, den
Klassencharakter des Krieges und die Aufgaben einer revolutionären
Partei in einem reaktionären Kriege Gedanken zu machen.
Der Sozialismus ist gegen die Vergewaltigung der Nationen. Das steht
fest. Doch der Sozialismus ist überhaupt gegen die Gewaltanwendung
Menschen gegenüber. Daraus hat jedoch außer den christlichen Anarchi-
sten und Tolstoianern noch niemand gefolgert, daß der Sozialismus gegen
die revolutionäre Gewalt sei. Von „Gewalt“ schlechthin reden, ohne die
Bedingungen zu analysieren, die die reaktionäre von der revolutionären
Gewalt unterscheiden, heißt ein Spießbürger sein, der sich von der Revo-
lution lossagt, oder heißt einfach sich selbst und andere durch Sophistereien
betrügen.
Das gleiche gilt auch für die Gewaltanwendung Nationen gegenüber.
Jeder Krieg bedeutet Gewaltanwendung gegen Nationen, das hindert aber
die Sozialisten nicht, für einen revolutionären Krieg zu sein. Der Klassen-
charakter des Krieges - das ist die Kernfrage, vor die ein Sozialist gestellt
ist (wenn er kein Renegat ist). Der imperialistische Krieg von 1914 bis
1918 ist ein Krieg zwischen zwei Mächtegruppen der imperialistischen
Bourgeoisie um die Aufteilung der Welt, um die Teilung der Beute, um
W. I. Lettin
die Ausplünderung und Erdrosselung der kleinen und schwachen Natio-
nen. Eine solche Einschätzung des Krieges gab das Basler Manifest im
Jahre 1912, eine solche Einschätzung bestätigen die Tatsachen. Wer diese
Auffassung vom Kriege aufgibt, ist kein Sozialist.
Wenn ein Deutscher unter Wilhelm oder ein Franzose unter Cle-
menceau sagt: Ich als Sozialist habe das Recht und die Pflicht, meine
Heimat zu verteidigen, falls der Feind in mein Land eingedrungen ist,
so ist das nicht die Argumentation eines Sozialisten, eines Internatio-
nalisten, eines revolutionären Proletariers, sondern die eines kleinbürger-
lichen Nationalisten. Denn in dieser Argumentation verschwindet der
revolutionäre Klassenkampf des Arbeiters gegen das Kapital, verschwindet
die Einschätzung des gesamten Krieges als Ganzes vom Standpunkt der
Weltbourgeoisie und des Weltproletariats, d. h., es verschwindet der
Internationalismus, und was übrigbleibt, ist ein armseliger, verknöcherter
Nationalismus. Meinem Lande geschieht Unrecht, alles andere geht mich
nichts an - darauf läuft eine solche Argumentation hinaus, darin liegt ihre
kleinbürgerlich-nationalistische-Beschränktheit. Das ist genauso, als wollte
jemand aus Anlaß eines individuellen Gewaltaktes, der Gewaltanwendung
gegenüber einer einzelnen Person, erklären: Der Sozialismus ist gegen
Gewalt, also werde ich lieber zum Verräter, als daß ich im Gefängnis
sitze.
Der Franzose, der Deutsche oder der Italiener, der da sagt: Der Sozia-
lismus ist gegen die Gewaltanwendung Nationen gegenüber, deshalb ver-
teidige ich mich, wenn der Feind in mein Land eingedrungen ist, übt
Verrat am Sozialismus und Internationalismus. Denn ein solcher Mensch
sieht nur sein „Land“, stellt „seine“ . . . Bourgeoisie über alles, ohne an
die internationalen Zusammenhänge zu denken, die den Krieg zu einem
imperialistischen, die seine Bourgeoisie zu einem Glied in der Kette der
imperialistischen Raubpolitik machen.
Die Spießbürger und die dumpfen und stumpfen Bäuerlein argumen-
tieren alle geradeso wie die Renegaten - die Kautskyaner, Longuetisten,
die Turati und Co., nämlich: In meinem Lande steht der Feind, alles
übrige geht mich nichts an.*
* Die Sozialchauvinisten (die Scheidemann, Renaudel, Henderson, Gompers
und Co.) lehnen es ab, während des Krieges über die „Internationale“ zu reden.
§ie halten die Feinde „ihrer' Bourgeoisie für „Verräter“ . , . am Sozialismus, Sie
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 287
Ein Sozialist, ein revolutionärer Proletarier, ein Internationalist argu-
mentiert anders : Der Charakter eines Krieges (ob er ein reaktionärer oder
ein revolutionärer Krieg ist) hängt nicht davon ab, wer der Angreifer ist
und in wessen Land der „Feind“ steht, sondern davon, welche Klasse den
Krieg führt, welche Politik durch diesen Krieg fortgesetzt wird. Ist der
Krieg ein reaktionärer, imperialistischer Krieg, d. h. ein Krieg, der von
zwei Mächtegruppen der imperialistischen, gewalttätigen, raubsüchtigen,
reaktionären Weltbourgeoisie geführt wird, so macht sich jede Bourgeoisie
(sogar die eines kleinen Landes) der Mittäterschaft am Raube schuldig,
und meine Aufgabe, die Aufgabe eines Vertreters des revolutionären
Proletariats, ist es dann, die proletarische Weltrevolution vorzubereiten
als einzige Rettung vor den Schrecken des Weltgemetzels. Nicht vom
Standpunkt „meines“ Landes darf ich urteilen (denn so urteilt ein kläg-
licher Dummkopf , ein nationalistischer Spießer, der nicht versteht, daß er
ein Spielzeug in den Händen der imperialistische® Bourgeoisie ist), son-
dern vom Standpunkt meiner Teilnahme an der Vorbereitung, der Propa-
gierung, der Beschleunigung der proletarischen Weltrevolution.
Das eben ist Internationalismus, das ist die Aufgabe eines Internatio-
nalisten, eines revolutionären Arbeiters, eines wirklichen Sozialisten.
Diese Binsenwahrheit hat der Renegat Kautsky „vergessen“. Und sein
Renegatentum tritt noch offensichtlicher zutage, wenn er von der Billigung
der Taktik der kleinbürgerlichen Nationalisten (der Menschewiki in
Rußland, der Longuetisten in Frankreich, der Turati in Italien, der Haase
und Co. in Deutschland) zur Kritik der bolschewistischen Taktik über-
geht. Hier diese Kritik:
„Die bolschewistische Revolution war aufgebaut auf der Voraussetzung, daß
sie den Ausgangspunkt bilde zu einer allgemeinen europäischen Revolution; daß
die kühne Initiative Rußlands die Proletarier ganz Europas aufrufe, sich zu er-
heben.
sind für die Eroberungspolitik ihrer Bourgeoisie. Die Sozialpazifisten (d. h. So-
zialisten in Worten, kleinbürgerliche Pazifisten in der Tat) ergehen sich in allen
möglichen „internationalistischen“ Gefühlsäußerungen, wenden sich gegen An-
nexionen usw., unterstützen aber in Wirklichkeit nach wie vor ihre imperia-
listische Bourgeoisie. Der Unterschied zwischen den beiden Typen ist nicht ernst
zu nehmen, es ist etwa der gleiche Unterschied wie zwischen einem Kapitalisten,
der Gift und Galle speit, und einem, der rührselige Reden hält,
W. I. Lenin
Unter diesen Voraussetzungen war es natürlich gleichgültig, welche Formen
der russische Separatfriede annahm. welche Verstümmelungen und Lasten er dem
russischen Volke auferlegte, welche Auslegung der Selbstbestimmung der Völker
er brachte. Dann war es auch gleichgültig, ob Rußland wehrfähig war oder nicht.
Die europäische Revolution bildete nach dieser Auffassung die beste Wehr der
russischen Revolution, sie mußte allen Völkern auf bisher russischem Gebiet volle
und wahre Selbstbestimmung bringen.
Eine Revolution in Europa, die dort den Sozialismus brachte und befestigte,
mußte aber auch das Mittel werden, die Hindernisse zu beseitigen, die in Ruß-
land der Durchführung sozialistischer Produktion durch die ökonomische Rück-
ständigkeit des Landes bereitet wurden.
Das war alles sehr logisch gedacht und wohl begründet, sobald man die Vor-
aussetzung zugab: daß die russische Revolution unfehlbar die europäische ent-
fesseln müsse. Was aber dann, wenn es nicht dazu kam?
Die Voraussetzung ist bisher nicht eingetroffen. Und nun werden die Prole-
tarier Europas angeklagt, daß sie die russische Revolution im Stiche gelassen
und verraten hätten. Es ist eine Anklage gegen Unbekannte, denn wen will
man verantwortlich machen für die Haltung des europäischen Proletariats?"
(S. 28.)
Und Kautsky setzt dann des langen und breiten auseinander, daß sich
Marx, Engels und Bebel mehr als einmal in bezug auf den Ausbruch der
von ihnen erwarteten Revolution geirrt hätten, sie hätten aber niemals
ihre Taktik auf die Erwartung der Revolution „für einen bestimmten
Termin “ (S. 29) aufgebaut, während die Bolschewiki „alles auf die eine
Karte der allgemeinen europäischen Revolution gesetzt“ hätten.
Wir haben absichtlich dieses so lange Zitat angeführt, um dem Leser
anschaulich zu zeigen, wie „geschickt“ Kautsky den Marxismus fälscht
und ihn durch einen banalen und reaktionären Spießerstandpunkt ersetzt.
Erstens ist es die Methode nicht gerade kluger Leute, dem Gegner eine
offensichtliche Dummheit zu unterstellen und sie dann zu widerlegen.
Hätten die Bolschewiki ihre Taktik auf der Erwartung aufgebaut, daß
die Revolution in anderen Ländern zu einem bestimmten Termin aus-
brechen würde, so wäre das unbestreitbar eine Dummheit gewesen. Die
bolschewistische Partei hat aber diese Dummheit nicht begangen: In mei-
nem Brief an die amerikanischen Arbeiter (20. VIII. 1918) grenze ich
mich von dieser Dummheit ausdrücklich ab und erkläre, daß wir zwar
auf die amerikanische Revolution rechnen,' aber nicht zu einem bestimm-
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 289
ten Termin. In meiner Polemik gegen die linken Sozialrevolutionäre und
die „linken Kommunisten“ (Januar bis März 1918) habe idi wiederholt
den gleichen Gedanken entwickelt. Kautsky hat sich, eine kleine . . . winzig
kleine Unterstellung erlaubt, auf der er dann seine Kritik am Bolschewis-
mus aufbaute. Kautsky hat die Taktik, die mit der europäischen Revolu-
tion in einem mehr oder minder nahen Zeitraum, aber nicht zu einem
bestimmten Termin rechnet, mit der Taktik in einen Topf geworfen, die
den Ausbruch der europäischen Revolution zu einem bestimmten Termin
erwartet. Eine kleine, winzig kleine Fälschung!
Die zweite Taktik ist eine Dummheit. Die erste aber ist verbindlich
für einen Marxisten, für jeden revolutionären Proletarier und Internatio-
nalisten ; sie ist verbindlich, denn nur sie beruht auf einer marxistisch
richtigen Bewertung der durch den Krieg in allen europäischen Ländern
geschaffenen objektiven Lage, nur sie entspricht den internationalen Auf-
gaben des Proletariats.
Dadurch, daß Kautsky die wichtige Frage nach den Grundlagen der
revolutionären Taktik überhaupt durch die belanglose Frage nach dem
Fehler ersetzt, den die revolutionären Bolschewiki hätten machen kön-
nen, aber nicht gemacht haben, hat er sich glücklich von der revolutio-
nären Taktik überhaupt losgesagt!
Ein Renegat in der Politik, ist er nicht einmal imstande, die Frage nach
den objektiven Voraussetzungen einer revolutionären Taktik theoretisch
zu stellen.
Und damit sind wir beim zweiten Punkt angelangt.
Zweitens. Ein Marxist ist verpflichtet, auf die europäische Revolution
zu rechnen, wenn eine revolutionäre Situation gegeben ist. Es ist eine
Abc-Wahrheit des Marxismus, daß die Taktik des sozialistischen Prole-
tariats nicht die gleiche sein kann, wenn eine revolutionäre Situation ge-
geben ist und wenn sie nicht vorhanden ist.
Hätte Kautsky diese für einen Marxisten obligatorische Frage auf-
gerollt, so hätte er erkannt, daß die Antwort unbedingt gegen ihn aus-
fallen muß. Lange vor dem Krieg waren sich alle Marxisten, alle Sozia-
listen darin einig, daß ein europäischer Krieg eine revolutionäre Situation
schaffen würde. Als Kautsky noch nicht Renegat war, hat er das klar und
eindeutig anerkannt, sowohl 1902 („Die soziale Revolution“) als auch
1909 („Der Weg zur Macht"). Das Basler Manifest hat sich im Namen
W.I. Lenin
der gesamten II. Internationale dazu bekannt: Nicht umsonst fürchten
die Sozialchauvinisten und Kautskyaner aller Länder (die „Zentristen“,
die Leute, die zwischen den Revolutionären und den Opportunisten hin
und her schwanken) die entsprechenden Erklärungen im Basler Manifest
wie das Feuer!
Die Erwartung einer revolutionären Situation in Europa war folglich
keine Schwärmerei der Bolschewiki, sondern allgemeine Ansidit aller
Marxisten. Wenn Kautsky diese unbestreitbare Wahrheit mit Phrasen
abtut wie : die Bolschewiki hätten „stets an die Allmacht der Gewalt und
des Willens geglaubt“, so ist das eben eine hohle Phrase, die das Aus-
weichen, das schimpfliche Ausweichen Kautskys vor der Aufrollung der
Frage nach der revolutionären Situation verdecken soll.
Ferner. Ist die revolutionäre Situation tatsächlich eingetreten oder
nicht? Auch diese Frage aufzuwerfen war Kautsky nicht imstande. Auf
diese Frage antworten die ökonomischen Gegebenheiten: der überall
durch den Krieg hervorgerufene Hunger und der Ruin bedeuten eine
revolutionäre Situation. Auf diese Frage antworten auch die politischen
Gegebenheiten: schon seit 1915 ist in allen Ländern der Spaltungsprozeß
der alten, verfaulten sozialistischen Parteien, der Prozeß des Abschwen-
kens der Massen des Proletariats von den sozialchauvinistischen Führern
nach links, zu den revolutionären Ideen und Stimmungen, zu den revolu-
tionären Führern klar zutage getreten.
Am 5. August 1918, als Kautsky seine Broschüre schrieb, konnte diese
Tatsachen nur ein Mensch übersehen, der die Revolution fürchtet, der sie
verrät. Heute aber, Ende Oktober 1918, wächst die Revolution in einer
Reihe von Ländern Europas vor unser aller Augen, und zwar sehr schnell.
Der „Revolutionär“ Kautsky, der nach wie vor als Marxist gelten möchte,
hat sich als ein kurzsichtiger Philister entpuppt, der - ähnlich den von
Marx verspotteten Philistern von 1847 - die nahende Revolution nicht
sah!!
Wir sind beim dritten Punkt angelangt.
Drittens. Welches sind die Besonderheiten der revolutionären Taktik
unter der Bedingung, daß eine revolutionäre Situation in Europa vor-
handen ist? Zum Renegaten geworden, fürchtete Kautsky, diese für einen
Marxisten obligatorische Frage aufzuwerfen. Kautsky argumentiert wie
ein typischer kleinbürgerlicher Philister oder unwissender Bauer: Ist die
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
291
„allgemeine europäische Revolution“ herangerückt oder nicht? Ist sie
herangerückt, so ist auch er bereit, Revolutionär zu werden! Aber dann
wird sich - wohlgemerkt - jeder Lump (wie jene Schurken, die sich jetzt
mitunter an die siegreichen Bolschewiki anbiedem) für einen Revolutio-
när erklären!
Wenn nicht, so kehrt Kautsky der Revolution den Rücken! Er hat auch
keinen Schimmer von Verständnis für jene Wahrheit, daß sich ein revo-
lutionärer Marxist von einem Spießer und Kleinbürger dadurch unter-
scheidet, daß er es versteht, unter den unwissenden Massen die Notwen-
digkeit der heranreifenden Revolution zu propagieren, ihre Unvermeid-
lichkeit nachzuweisen, ihren Nutzen für das Volk Marzumachen, das
Proletariat und die gesamten werktätigen und ausgebeuteten Massen auf
sie vorzubereiten.
Kautsky hat den Bolschewiki den Unsinn zugeschrieben, sie hätten
alles auf eine Karte gesetzt, in der Annahme, daß die europäische Revo-
lution zu einem bestimmten Termin ausbrechen werde. Dieser Unsinn
hat sich gegen Kautsky selbst gekehrt, denn gerade bei ihm stellt sich die
Sache so dar: die Taktik der Bolschewiki wäre richtig gewesen, wenn die
europäische Revolution am 5. August 1918 ausgebrochen wäre! Eben
dieses Datum erwähnt Kautsky als den Zeitpunkt der Abfassung seiner
Broschüre. Und als es einige Wodien nach diesem 5. August klar wurde,
daß die Revolution in einer Reihe europäischer Länder anbricht, da
offenbarte sich das ganze Renegatentum Kautskys, seine ganze Verfäl-
schung des Marxismus, sein ganzes Unvermögen, revolutionär zu urtei-
len oder auch nur die Fragen revolutionär zu stellen, in seiner ganzen
Pracht und Herrlichkeit!
Wenn man die Proletarier Europas des Verrats anklage, schreibt
Kautsky, so sei das eine Anklage gegen Unbekannte.
Sie irren, Herr Kautsky! Schauen Sie in den Spiegel, und Sie werden
die „Unbekannten“ sehen, gegen die sich diese Anklage richtet. Kautsky
stellt sich naiv, er tut so, als begriffe er nicht, wer eine solche Anklage
erhebt und welchen Sinn sie hat. In Wirklichkeit jedoch weiß Kautsky
sehr gut, daß die deutschen „Linken“, die Spartakusleute 112 , Liebknecht
und seine Freunde, diese Anklage erhoben haben und erheben. Diese
Anklage ist der Ausdruck des Maren Bewußtseins dessen, daß das deutsche
Proletariat an der russischen (und internationalen) Revolution Verrat
292
W. I. Lenin
beging, als es Finnland, die Ukraine, Lettland und Estland würgte. Diese
Anklage richtet sich vor allem und am stärksten nicht gegen die Masse,
die stets geduckt und getreten ist, sondern gegen jene Führer, die, wie die
Scheidemann und Kautsky, ihre Pflicht nicht erfüllt haben, unter den
Massen revolutionäre Agitation, revolutionäre Propaganda, revolutionäre
Arbeit zu leisten, zur Überwindung deren Trägheit, die den in den Mas-
sen der unterdrückten Klasse stets glimmenden revolutionären Instinkten
und Bestrebungen faktisch zwwt'derhandelten. Die Scheidemänner haben
das Proletariat unmittelbar, in gemeiner, zynischer Weise zumeist aus
Eigennutz verraten und sind auf die Seite cler Bourgeoisie übergegangen.
Die Kautskyaner und Longuetisten haben zaudernd, schwankend, sich
feige nach dem jeweils Stärkeren umschauend, dasselbe getan. Mit all
seinen Schriften hat Kautsky während des Krieges den revolutionären
Geist. zu ersticken gesucht, statt ihn zu fördern, zu entfalten.
Es wird geradezu ein historisches Denkmal bleiben für die spießerhafte
Verblödung eines „ durchschnittlichen“ Führers der deutschen offiziellen
Sozialdemokratie, daß Kautsky nicht einmal begreift, welche gewaltige
theoretische Bedeutung und welche noch größere agitatorische und propa-
gandistische Bedeutung die „Anklage“ gegen die Proletarier Europas hat,
daß sie die russische Revolution verraten haben! Kautsky begreift nicht,
daß diese „Anklage“ - bei den zensurbedingten Verhältnissen im deut-
schen „Reich“ - nahezu die einzige Form ist, in der die deutschen Sozia-
listen, die den Sozialismus nicht verraten haben, Liebknecht und seine
Freunde, ihren Appell an die deutschen Arbeiter zum Ausdrude bringen,
die Scheidemann und Kautsky abzuschütteln, derartige „Führer“ von sich
zu stoßen, sich frei zu machen von ihren verdummenden und vulgarisie-
renden Predigten, sich gegen sie, ohne sie, über sie hinweg zur Revolution
zu erheben!
Kautsky begreift das nicht. Wie. sollte er auch die Taktik der Bolsche-
wiki begreifen? Kann man von einem Menschen, der sich von der Revo-
lution überhaupt lossagt, erwarten, daß er die Entwicklungsbedingungen
der Revolution in einem der „schwierigsten“ Fälle abwäge und werte?
Die Taktik der Bolschewiki war richtig, war die einzige internationali-
stische Taktik, denn sie basierte nicht auf der feigen Furcht vor der Welt-
revolution, nicht auf dem kleinbürgerlichen „Unglauben“ an, sie, nicht
auf dem beschränkt-nationalistischen Wunsch, das „eigene“ Vaterland
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
293
(das Vaterland der eigenen Bourgeoisie), zu verteidigen und auf alles an-
dere „zu pfeifen“ - sie beruhte auf der richtigen (vor dem Krieg, vor
dem Renegatentum der Sozialchauvinisten und Sozialpazifisten allgemein
anerkannten) Einschätzung der europäischen revolutionären Situation.
Das war die einzig internationalistische Taktik, denn sie bewirkte ein
Höchstmaß dessen, was in einem Lande für die Entwicklung, Unter-
stützung und Entfachung der Revolution in allen Ländern durchführbar
ist. Diese Taktik ist durch den gewaltigen Erfolg gerechtfertigt worden,
denn der Bolschewismus ist (durchaus nicht wegen der Verdienste der
russischen Bolschewiki, sondern kraft der außerordentlich tiefen Sym-
pathie, die die Massen allerorts einer wirklich revolutionären Taktik ent-
gegenbringen) zum WeZtbolschewismus geworden, er hat die Idee, die
Theorie, das Programm und die Taktik geliefert, die sich konkret und
praktisch vom Sozialchauvinismus und Sozialpazifismus unterscheiden.
Der Bolschewismus hat der alten, verfaulten Internationale der Scheide-
mann und Kautsky, Renaudel und Longuet, Henderson und MacDonald
den Todesstoß versetzt, die sich jetzt in Träumen von der „Einheit“ und
Versuchen, den Leichnam wieder zum Leben zu erwecken, überkugeln
werden. Der Bolschewismus hat die ideologischen und taktischen Grund-
lagen für die III. Internationale, die wirklich proletarische und kommu-
nistische Internationale, geschaffen, die sowohl die Errungenschaften der
friedlichen Epoche berücksichtigt als auch die Erfahrungen der bereits
angebrochenen Epoche der Revolutionen.
Der Bolschewismus hat die Idee der „Diktatur des Proletariats“ in der
ganzen Welt popularisiert, hat diese Worte aus dem Lateinischen zu-
nächst ins Russische, dann in alle Sprachen der Welt übertragen und an
dem Beispiel der Sowjetmacht gezeigt, daß die Arbeiter und die armen
Bauern sogar eines rückständigen Landes, daß sogar die am wenigsten
erfahrenen, geschulten und an Organisation gewöhnten Arbeiter und
armen Bauern ein ganzes Jahr lang imstande waren, unter gewaltigen
Schwierigkeiten, im Kampfe gegen die (von der Bourgeoisie der ganzen
Welt unterstützten) Ausbeuter die Macht da- Werktätigen zu behaupten,
eine ungleich höhere und breitere Demokratie als alle früheren Demo-
kratien da Welt zu schaffen und durch die schöpferische Arbeit von Mil-
lionen und aba Millionen Arbeitern und Bauern die praktische Verwirk-
lichung des Sozialismus in Angriff zu nehmen.
294
W. I. Lenin
Der Bolschewismus hat in der Tat die Entwicklung der proletarischen
Revolution in Europa und Amerika so stark gefördert, wie das bisher
keiner einzigen Partei in keinem anderen Lande gelungen war. Während
es den Arbeitern der ganzen Welt von Tag zu Tag klarer wird, daß die
Taktik der Scheidemann und Kautsky sie nicht von dem imperialistischen
Krieg und von der Lohnsklaverei im Dienste der imperialistischen Bour-
geoisie erlöst hat, daß diese Taktik als Vorbild für alle Länder ungeeignet
ist - wird es gleichzeitig den Massen der Proletarier in allen Ländern mit
jedem Tage klarer, daß der Bolschewismus den richtigen Weg zur Ret-
tung vor den Schrecken des Krieges und des Imperialismus gewiesen hat,
daß sich der Bolschewismus als Vorbild der Taktik für alle eignet.
Nicht nur die proletarische Revolution in ganz Europa, sondern die
proletarische Weltrevolution reift vor unser aller Augen heran, und der
Sieg des Proletariats in Rußland hat sie gefördert, beschleunigt und unter-
stützt. Ist das alles wenig für den völligen Sieg des Sozialismus? Gewiß
ist das wenig. Ein Land kann nicht mehr tun. Aber dieses eine Land hat,
dank der Sowjetmacht, doch so viel getan, daß selbst dann, wenn morgen
der Weltimperialismus die russische Sowjetmacht, nehmen wir an, auf
dem Wege einer Verständigung zwischen dem deutschen und dem eng-
lisch-französischen Imperialismus, erdrosseln sollte - daß es sich selbst
dann, in diesem schlimmsten aller Fälle, zeigen würde, daß die bolschewi-
stische Taktik dem Sozialismus ungeheuren Nutzen gebracht und das An-
wachsen der unbesiegbaren Weltrevolution gefördert hat.
LIEBEDIENEREI VOR DER BOURGEOISIE
UNTER DEM SCHEIN
EINER „ÖKONOMISCHEN ANALYSE“
Wie schon gesagt, hätte Kautskys Buch, wenn der Titel den Inhalt
richtig wiedergeben sollte, sich nicht „Die Diktatur des Proletariats“, son-
dern „Nachbetung bürgerlicher Angriffe auf die Bolschewiki“ nennen
müssen.
Die alten „Theorien“ der Menschewiki von dem bürgerlichen Charak-
ter der russischen Revolution, d. h. die alte (von Kautsky 1905 zurück-
gemiesenel) Entstellung des Marxismus durch die Menschewiki, sind jetzt
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 295
von unserem Theoretiker wieder aüfgewärmt worden. Man wird auf diese
Frage eingehen müssen, so langweilig sie audi für die russischen Marxi-
sten sein mag.
Die russische Revolution ist eine bürgerliche Revolution, sagten alle
Marxisten in Rußland vor 1905. Die Menschewiki, die den Marxismus
durch Liberalismus ersetzten, folgerten daraus: Also darf das Proletariat
nicht über das hinausgehen, was für die Bourgeoisie annehmbar ist, es
muß eine Politik der Verständigung mit der Bourgeoisie treiben. Die Bol-
schewiki erklärten, daß das eine bürgerlich-liberale Theorie ist. Die Bour-
geoisie ist bestrebt, die Umgestaltung des Staates auf bürgerliche Weise
reformistisch und nicht revolutionär zu vollziehen und nach Möglichkeit
sowohl die Monarchie als auch den gutsherrlichen Grundbesitz usw. auf-
rechtzuerhalten. Das Proletariat muß die bürgerlich-demokratische Re-
volution zu Ende führen und darf sich nicht durch den Reformismus der
Bourgeoisie „binden“ lassen. Das Kräfteverhältnis der Klassen in der
bürgerlichen Revolution formulierten die Bolschewiki folgendermaßen:
Das Proletariat zieht die Bauernschaft an sich heran, neutralisiert die
liberale Bourgeoisie und zerstört vollständig die Monarchie, das Mittel-
alterliche, den gutsherrlichen Grundbesitz.
Im Bündnis des Proletariats mit der Bauernschaft überhaupt tritt eben
der bürgerliche Charakter der Revolution zutage, denn die Bauern über-
haupt sind Kleinproduzenten, die auf dem Boden der Warenproduktion
stehen. Weiterhin, fügten damals schon die Bolschewiki hinzu, zieht das
Proletariat das gesamte Halbproletariat (alle Ausgebeuteten und Werk-
tätigen) an sich heran, neutralisiert die mittlere Bauernschaft und stürzt
die Bourgeoisie: Darin besteht die sozialistische Revolution zum Unter-
schied von der bürgerlich-demokratischen. (Siehe meine Broschüre aus
dem Jahre 1905: „Zwei Taktiken“, nachgedruckt in dem Sammelband
„12 Jahre“, Petersburg 1907.)
Kautsky nahm 1905 an diesem Streit indirekt teil; auf eine Anfrage
des damaligen Menschewiks Plechanow sprach er sich, dem Wesen der
Sache nach, gegen Plechanow aus, was damals in der bolschewistischen
Presse besonders bespöttelt wurde. Jetzt erwähnt Kautsky mit keinem
Sterbenswörtchen die damaligen Diskussionen (er fürchtet, durch seine
eigenen Äußerungen bloßgestellt zu werden!) und nimmt dadurch dem
deutschen Leser jede Möglichkeit, das Wesen der Sache zu begreifen.
20 Lenin. Werke, Bd. 28
296
Herr Kautsky konnte den deutschen Arbeitern 1918 nicht erzählen, wie
er 1905 für ein Bündnis der Arbeiter mit den Bauern und nicht mit der
liberalen Bourgeoisie gewesen war und unter welchen Voraussetzungen
er dieses Bündnis verteidigt, was für ein Programm er für dieses Bündnis
entworfen hatte.
Kautsky hat sich zurückentwidkelt und verteidigt heute unter dem
Schein einer „ökonomischen Analyse“ mit arroganten Phrasen über
den „historischen Materialismus“ die Unterwerfung der Arbeiter unter
die Bourgeoisie ; mit Hilfe von Zitaten aus den Schriften des Mensche-
wiki Maslow käut er die alten liberalen Ansichten der Menschewiki
wieder, wobei der neue Gedanke, daß Rußland ein rückständiges Land
ist, mit Zitaten nachgewiesen und aus diesem neuen Gedanken der alte
Schluß gezogen wird, daß man in einer bürgerlichen Revolution nidit
weiter gehen dürfe als die Bourgeoisie! Und das ungeachtet alles dessen,
was Marx und Engels beim Vergleich der bürgerlichen Revolution von
1789 bis 1793 in Frankreich mit- der bürgerlichen Revolution von 1848
in Deutschland gesagt haben! 11 *
- Bevor wir zum wichtigsten „Argument“ und zum Hauptinhalt der
„ökonomischen Analyse“ Kautskys übergehen, wollen wir bemerken, daß
gleich die ersten Sätze eine kuriose Gedankenverirrung oder mangelnde
Überlegung des Autors offenbaren.
„Die ökonomische Grundlage Rußlands“, verkündet unser „Theore-
tiker", „ist heute noch die Landwirtschaft, und zwar der bäuerliche Klein-
betrieb. Von ihm leben etwa vier 'Fünftel, vielleicht sogar fünf Sechstel
seiner Bewohner.“ (S. 45.) Erstens, mein lieber Theoretiker, haben Sie
darüber nachgedacht, wie groß die Zahl der Ausbeuter in dieser Masse
von Kleinproduzenten sein mag? Gewiß nicht größer als ein Zehntel der
Gesamtzahl, und in den Städten noch weniger, denn dort ist die Groß-
produktion stärker, entwickelt. Nehmen Sie. sogar eine unwahrscheinlich
große Zahl an, sagen wir, ein Fünftel der Kleinproduzenten wären Aus-
beuter; die des Stimmrechts verlustig gehen. Auch dann ergibt sich, daß
die 66 Prozent Bolschewiki auf dem V. Sowjetkongreß die Mehrheit der
Bevölkerung vertraten. Dem ist noch hinzuzufügen, daß von den linken
Sozialrevolutionären ein beträchtlicher Teil stets für die Sowjetmacht
war, d. h., im Prinzip waren alle linken Sozialrevolutionäre für die So-
wjetmacht, und als ein Teil von ihnen sich im Juli 1918 auf das Abenteuer
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
297
mit dem Putsch einließ, da spalteten sich von ihrer alten Partei zwei neue
Parteien ab - die „Volkstümler-Kommunisten“ und die „Revolutionären
Kommunisten“ 114 (darunter bekannte linke Sozialrevolutionäre, die noch
die alte Partei auf wichtigste Staatsposten gestellt hatte; der ersteren Par-
tei gehört z. B. Sachs, der letzteren Kolegajew an). Kautsky hat folglich
selber - unversehens! - die lächerliche Mär widerlegt, daß hinter den
Bolschewiki die Minderheit der Bevölkerung stehe.
Zweitens, mein lieber Theoretiker, haben Sie bedacht, daß der bäuer-
liche Kleinproduzent unoermeidlich, zwischen Proletariat und Bourgeoisie
schwankt? Dieses durch die ganze neueste Geschichte Europas bestätigte
marxistische Axiom hat Kautsky sehr zur rechten Zeit „vergessen“, zer-
schlägt es doch restlos die ganze von ihm aufgegriffene menschewistische
„Theorie“! Hätte Kautsky das nicht „vergessen“, so könnte er die Not-
wendigkeit der Diktatur des Proletariats in einem Lande, in dem die
bäuerlichen Kleinproduzenten überwiegen, nicht verneinen.
Untersuchen wir nun den Hauptinhalt der „ökonomischen Analyse“
unseres Theoretikers.
Daß die Sowjetmacht eine Diktatur ist, ist sicher, sagt Kautsky. „Aber
ob gerade Diktatur des Proletariats?“ (S. 34.) . .
„Sie" (die Bauern) „bilden unter der Sowjetverfassung die Mehrheit der zur
Teilnahme an der Gesetzgebung und Regierung berechtigten Bevölkerung. Was
uns als Diktatur des Proletariats hingestellt wird, würde sich, wenn es konse-
quent durdigeführt würde und eine Klasse überhaupt direkt die Diktatur aus-
zuüben vermöchte, was nur einer Partei möglich ist, zu einer Diktatur der Bauern-
schaft gestalten." (S. 35.)
Und, überaus zufrieden mit dieser tiefgründigen und geistreichen Ar-
gumentation, versucht der gute Kautsky zu witzeln: „Es scheint also, als
sei die schmerzloseste Durchführung des Sozialismus dann gesichert, wenn
sie in die Hände der Bauern gelegt wird.“ (S. 35.)
Sehr ausführlich, an Hand einer ganzen Reihe außerordentlich gelehr-
ter Zitate aus Publikationen des halbliberalen Maslow, beweist unser
Theoretiker den neuen Gedanken, daß die Bauern an hohen Getreide-
preisen und an niedrigen Löhnen der Arbeiter in den Städten usw. u. dgl.
m. interessiert seien. Diese neuen Gedanken werden, nebenbei bemerkt,
um so langweiliger dargelegt, je geringere Beachtung den wirklich neuen
Erscheinungen der Nachkriegszeit geschenkt wird,, zum Beispiel der Tat-
W. I. Lenin
sache, daß die Bauern für das Getreide nidit Geld, sondern Waren ver-
langen, daß es ihnen an Geräten mangelt, die man um keinen Preis in
genügender Anzahl bekommen kann. Darauf kommen wir noch besonders
zu sprechen.
Kautsky beschuldigt also die Bolschewiki, die Partei des Proletariats,
daß sie die Diktatur, die Durchführung des Sozialismus, in die Hände
der kleinbürgerlichen Bauernschaft gelegt habe. Ausgezeichnet, Herr
Kautsky! Welche Haltung sollte denn nach Ihrer erleuchteten Meinung
die Partei des Proletariats zur kleinbürgerlichen Bauernschaft einnehmen?
Unser Theoretiker hat es vorgezogen, sich darüber auszuschweigen,
wohl eingedenk des Sprichworts „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“.
Durch die folgende Erörterung aber hat sich Kautsky selbst verraten:
„In ihren" (der Sowjetrepublik) „Anfängen bildeten die bäuerlichen Sowjets
die Organisationen der Bauernschaft überhaupt. Heute verkündet sie, die Sowjets
stellten die Organisationen der Proletarier und der armen Bauern dar. Die Wohl-
habenden verlieren das Wahlrecht zu den Sowjets. Der arme Bauer wird hier
als dauerndes und massenhaftes Produkt der sozialistischen Agrarreform der
.Diktatur des Proletariats' anerkannt.“ (S. 48.)
Welch beißende Ironie! Man kann sie in Rußland von jedem beliebigen
Bourgeois zu hören bekommen: Voller Schadenfreude spotten sie alle
darüber, daß die Sowjetrepublik offen die Existenz armer Bauern zugibt.
Sie lachen über den Sozialismus. Das ist ihr gutes Recht. Ein „Sozialist“
aber, der darüber lachen kann, daß es bei uns nach vier Jahren so ver-
heerenden Krieges arme Bauern gibt - und noch lange geben wird -, ein
solcher „Sozialist“ konnte nur in der Atmosphäre eines Massenrenegaten-
tums entstehen.
Man höre weiter:
„Sie“ (die Sowjetrepublik) „greift allerdings in das Verhältnis zwischen reiche-
ren und ärmeren Bauern ein, jedoch nicht durch eine neue Bodenverteilung. Um
dem Mangel der Städter an Lebensmitteln abzuhelfen, wurden Abteilungen be-
waffneter Arbeiter auf die Dörfer geschickt, die den reicheren Bauern ihren Über-
schuß an Lebensmitteln abnahmen. Ein Teil wurde der städtischen Bevölkerung
zugewiesen, ein Teil den ärmeren Bauern.“ (S. 48.)
Natürlich, der Sozialist und Marxist Kautsky ist tief empört bei dem
Gedanken, daß sich eine solche Maßnahme über die Umgebung der grö-
Die proletarische Revolution und der Rettegat Kautsky 299
ßeren Städte hinaus erstrecken könnte (sie erstredet sich aber bei uns
auf das ganze Land). Der Sozialist und Marxist Kautsky bemerkt be-
lehrend mit der unübertrefflichen, unvergleichlichen, bewunderungswür-
digen Kaltblütigkeit (oder Stupidität) eines Philisters: „Nur tragen sie“
(die Expropriierungen wohlhabender Bauern) „ein neues Element der
Unruhe und des Bürgerkrieges in den Produktionsprozeß hinein“ (der
in den „Produktionsprozeß“ hineingetfagene Bürgerkrieg - das ist schon
etwas Übernatürliches!), „der zu seiner Gesundung der Ruhe und Sicher-
heit dringend bedarf.“ (S. 49.)
Ja, ja, was die Ruhe und Sicherheit der Ausbeuter und Getreideschie-
ber anbelangt, die die Getreideüberschüsse verstecken, das Gesetz über
das Getreidemonopol durchbrechen und die städtische Bevölkerung dem
Hunger ausliefern - da muß der Marxist und Sozialist Kautsky natürlich
einen Seufzer ausstoßen und Tränen vergießen. Wir alle sind Sozialisten,
Marxisten und Internationalisten - schreien im Chor die Herren Kautsky,
Heinrich Weber 115 (Wien), Longuet (Paris), MacDonald (London)
usw. -, wir alle sind für die Revolution der Arbeiterklasse, aber . . . aber
nur so, daß die Ruhe und Sicherheit der Getreideschieber nicht gestört
werde ! Und diese schmutzige Liebedienerei vor den Kapitalisten tarnen
wir durch den „marxistischen“ Hinweis auf den „Produktionsprozeß“
. . . Wenn das Marxismus ist, was ist dann Lakaientum gegenüber der
Bourgeoisie?
Man sehe, was da bei unserem Theoretiker herausgekommen ist. Er
beschuldigt die Bolschewiki, sie gäben die Diktatur der Bauernschaft für
die Diktatur des Proletariats aus. Und gleichzeitig beschuldigt er uns,
daß wir den Bürgerkrieg ins Dorf tragen (was wir uns als Verdienst an-
rechnen), daß wir bewaffnete Arbeiterabteilungen aufs Dorf schicken, die
offen verkünden, daß sie die „Diktatur des Proletariats und der armen
Bauern“ verwirklichen, diesen letzteren helfen und bei den Getreide-
schiebern, den reichen Bauern, das überschüssige Getreide enteignen, das
diese unter Verletzung des Gesetzes über das Getreidemonopol verstecken.
Einerseits setzt sich unser marxistischer Theoretiker für die reine De-
mokratie ein, für die Unterordnung der revolutionären Klasse, der Füh-
rerin der Werktätigen und Ausgebeuteten, unter die Mehrheit der Be-
völkerung (einschließlich also auch der Ausbeuter). Anderseits führt er
gegen uns an, die Revolution müsse unvermeidlich bürgerlichen Charak-
300
W.I. Lenin
ter haben, bürgerlichen deshalb, weil die Bauernschaft in ihrer Gesamt-
heit auf dem Boden der bürgerlichen gesellschaftlichen Verhältnisse steht,
zugleich aber erhebt er den Anspruch darauf, den proletarischen, marxi-
stischen Klassenstandpunkt zu vertreten!
Anstatt einer „ökonomischen Analyse“ - ein Durcheinander, ein heil-
loser Wirrwarr. Anstatt Marxismus - Bruchstücke liberaler Lehren und
Propagierung des Lakaientums gegenüber der Bourgeoisie und den Ku-
laken.
Die Frage, die von Kautsky verwirrt worden ist, ist von den Bolsche-
wiki schon 1905 völlig geklärt worden. Ja, unsere Revolution ist eine
bürgerliche, solange wir mit der Bauernschaft in ihrer Gesamtheit Zusam-
mengehen. Darüber waren wir uns völlig im klaren, das haben wir seit
1905 Hunderte und Tausende Male gesagt, und niemals haben wir ver-
sucht, diese notwendige Stufe des historischen Prozesses zu überspringen
und durch Dekrete zu beseitigen. Die krampfhaften Bemühungen Kaut-
skys, uns in diesem Punkt „bloßzustellen“, legen nur die Verworrenheit
seiner Ansichten bloß und zeigen, daß er Angst hat, sich an das zu er-
innern, was er 1905 geschrieben hat, als er noch kein Renegat war.
Aber im Jahre 1917, seit April, lange vor der Oktoberrevolution, be-
vor wir die Macht ergriffen, sagten wir dem Volk offen und klärten es
darüber auf, daß die Revolution nunmehr dabei nicht stehenbleiben kann,
denn das Land ist vorwärtsgegangen, der Kapitalismus hat Fortschritte
gemacht, die Zerrüttung hat unerhörte Ausmaße angenommen, und das
erfordert (ob man es will oder nicht) weitere. Schritte vorwärts, zum So-
zialismus hin. Denn anders vorwärtszukommen, anders das durch den
Krieg erschöpfte Land zu retten, anders die Qualen der Werktätigen und
Ausgebeuteten zu mildern ist unmöglich.
Es kam denn auch so, wie wir gesagt hatten. Der Verlauf der Revolu-
tion hat die Richtigkeit unserer Argumentation bestätigt. Zuerst zusam-
men mit der „gesamten“ Bauernschaft gegen die Monarchie, gegen die
Gutsbesitzer, gegen das Mittelalter (und insoweit bleibt die Revolution
eine bürgerliche, bürgerlich-demokratische Revolution). Damm zusammen
mit der armen Bauernschaft, zusammen mit dem Halbproletariat, zu-
sammen mit allen Ausgebeuteten gegen den Kapitalismus, einschließlich
der Dorfreichen, der Kulaken, der Spekulanten, und insofern wird die
Revolution zu einer sozialistischen Revolution. Der Versuch, künstlich
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
301
eine chinesische Mauer zwischen dieser und jener aufzurichten, sie von-
einander durch etwas anderes zu trennen als durch den Grad der Vor-
bereitung des Proletariats und den Grad seines Zusammenschlusses mit
der Dorfarmut, ist die größte Entstellung und Vulgarisierung des Marxis-
mus, seine Ersetzung durch den Liberalismus. Das würde bedeuten, durch
quasigelehrte Hinweise auf die Fortschrittlichkeit der Bourgeoisie im Ver-
hältnis zum Mittelalter eine reaktionäre Verteidigung der Bourgeoisie
gegenüber dem sozialistischen Proletariat einzuschmuggeln.
Die Sowjets sind unter anderem gerade deshalb eine unermeßlich
höhere Form und ein höherer Typus dar Demokratie, weil sie die Masse
der Arbeiter und Bauern zusammenschließen und in die Politik einbe-
ziehen und dadurch ein dem „Volke“ (in dem Sinne; wie Marx 1871 von
einer wirklichen Volksrevolution sprach 116 ) überaus nahes, äußerst emp-
findliches Barometer der Entwicklung und des Wachstumsderpolitischen
Reife, der klassenmäßigen Reife der Massen bilden. Die Sowjetverfas-
sung ist nicht nach irgendeinem „Plan“ ausgeafbeitet, nicht in Amts-
stuben verfaßt und den Werktätigen durch bürgerliche Juristen aufge-
drängt worden. Nein, diese Verfassung erwuchs aus demEntwicklungsgang
des Klassenkampfes, in .dem Maße, wie die Klassengegensätze heran-
reiften. Gerade die Tatsachen, die Kautsky anzuerkennen gezwungen
ist, beweisen das.
Anfangs vereinigten die Sowjets die Bauernschaft in ihrer Gesamtheit.
Infolge der Unreife; Rückständigkeit und Unwissenheit gerade der armen
Bauern geriet die Führung in die Hände -der Kulaken, der Dorfreichen,
der Kapitalisten, der kleinbürgerlichen Intellektuellen. Das war die Zeit
der Herrschaft des Kleinbürgertums, der Menschewiki - und der Sozial-
revolutionäre (die einen wie die anderen für Sozialisten halten können
nur Dummköpfe oder Renegaten vom Schlage Kautskys). Das Klein-
bürgertum schwankte unvermeidlich, unausbleiblich zwischen der Dikta-
tur der Bourgeoisie (Kerenski, Komilow, Sawinkow) und der Diktatur
des Proletariats, denn die grundlegenden Eigentümlichkeiten seiner öko-
nomischen Stellung machen es zu irgendeinem selbständigen Handeln
unfähig. Beiläufig bemerkt, Kautsky sagt sich völlig vom Marxismus los,
wenn er sich bei der Analyse der russischen Revolution auf den juri-
stischen, formalen Begriff der „Demokratie“ beschränkt, der der Bour-
geoisie zur Tarnung ihrer Herrschaft und zum Betrug der Massen dient.
302
W. I. Lenin
und wenn er vergißt, daß „Demokratie“ in Wirklichkeit manchmal die
Diktatur der Bourgeoisie bedeutet, manchmal den ohnmächtigen Re-
formismus des Kleinbürgertums, das sich dieser Diktatur unterordnet
usw. Nach Kautsky gab es in einem kapitalistischen Lande bürgerliche
Parteien, gab es eine proletarische Partei (die Bolschewiki), die die Mehr-
heit des Proletariats, die proletarische Masse, hinter sich hatte, aber es
gab keine kleinbürgerlichen Parteien! Die Menschewiki und Sozialrevo-
lutionäre hätten keine Klassengrundlage gehabt, wären nicht im Klein-
bürgertum verwurzelt gewesen!
Die Schwankungen des Kleinbürgertums, der Menschewiki und der
Sozialrevolutionäre, haben den Massen die Augen geöffnet und sie in
ihrer übergroßen Mehrheit - alle „unteren Schichten“, alle Proletarier
und Halbproletarier - von derartigen „Führern“ abgestoßen. In den So-
wjets erhielten die Bolschewiki das Übergewicht (in Petrograd und
Moskau gegen Oktober 1917), bei den Sozialrevolutionären und den
Menschewiki vertiefte sich die Spaltung.
Die siegreiche bolschewistische Revolution bedeutete das Ende der
Schwankungen, bedeutete die völlige Zerstörung der Monarchie und des
gutsherrlichen Grundbesitzes (bis zur Oktoberrevolution war er nickt
zerstört). Die bürgerliche Revolution wurde von uns zu Ende geführt.
Die gesamte Bauernschaft ging mit uns. Ihr Antagonismus zum soziali-
stischen Proletariat konnte nicht im Nu zutage treten. Die Sowjets ver-
einigten die Bauernschaft überhaupt. Die Klassenteilung innerhalb der
Bauernschaft war noch nicht herangereift, trat noch nicht zutage.
Dieser Prozeß kam im Sommer und Herbst 1918 zur Entwicklung.
Der tschechoslowakische konterrevolutionäre Aufruhr rüttelte die Kulaken
auf. Eine Welle von Kulakenaufständen rollte über Rußland. Die arme
Bauernschaft lernte nicht aus Büchern, nicht aus Zeitungen, sondern aus
dem Leben, daß ihre Interessen und die Interessen der Kulaken, der
Dorfreichen, der Dorfbourgeoisie nicht zu versöhnen sind. Die „linken
Sozialrevolutionäre“ widerspiegelten wie jede kleinbürgerliche Partei die
Schwankungen der Massen, und eben im Sommer 1918 spalteten sie sich:
Der eine Teil ging mit den Tschechoslowaken (der Aufstand in Moskau,
als Proschjan das Telegrafenamt - für eine Stunde! - besetzte und über
ganz Rußland den Sturz der Bolschewiki verkündete, dann der Verrat
Murawjows, des Oberkommandierenden der gegen die Tschechoslowaken
eingesetzten Armee, usw.) ; der andere, obenerwähnte Teil blieb bei den
Bolschewiki.
Die Verschärfung der Lebensmittelnot in den Städten verlangte immer
dringender die Einführung des Getreidemonopols (dieses „vergißt“ der
Theoretiker Kautsky in seiner ökonomisdhen Analyse, in der er den vor
zehn Jahren bei Maslow herausgelesenen alten Kram wiederholt!).
Der alte Staat der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie, ja sogar der demo-
kratisch-republikanische Staat schickte bewaffnete Abteilungen ins Dorf,
die faktisch der Bourgeoisie zur Verfügung standen. Davon weiß Herr
Kautsky nichts. Darin sieht er keine „Diktatur der Bourgeoisie“, gott-
bewahre! Das ist „reine Demokratie“, besonders wenn ein bürgerliches
Parlament seinen Segen dazu gegeben hätte! Daß Awksentjew und
S. Maslow in trauter Gemeinschaft mit Kerenski, Zereteli und ähnlichen
Elementen der Sozialrevolutionäre und Menschewiki im Sommer und
Herbst 1917 Mitglieder der Bodenkomitees verhaften ließen - davon hat
Kautsky „nichts gehört“, darüber schweigt er!
Die Sache ist einfach die, daß der bürgerliche Staat, der die Diktatur
der Bourgeoisie vermittels der demokratischen Republik ausübt, vor dem
Volke nicht zugeben kann, daß er der Bourgeoisie dient, er kann die
Wahrheit nicht sagen, er ist zu heucheln gezwungen.
Ein Staat vom Typus der Kommune aber, der Sowjetstaat, sagt dem
Volke offen und unumwunden die Wahrheit und erklärt ihm, daß er die
Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft ist; und gerade
durch diese Wahrheit gewinnt er Millionen, und aber Millionen neuer
Menschen für sich, die in jeder beliebigen demokratischen Republik ge-
duckt und getreten waren, die durch die Sowjets in die Politik, in die De-
mokratie, in die Leitung des Staates einbezogen werden. Die Sowjet-
republik schickt bewaffnete Arbeiterabteilungen aufs Land, in erster
Linie die fortgeschritteneren Arbeiter der Hauptstädte. Diese Arbeiter
tragen den Sozialismus ins Dorf, ziehen die Dorfarmut auf ihre Seite,
organisieren sie und klären sie auf, helfen ihr, den Widerstand der Bour-
geoisie zu unterdrücken.
Wer die Dinge kennt und im Dorfe war, sagt, daß unser Dorf erst im
Sommer und Herbst 1918 die „Oktoberrevolution“ (d. h. die proleta-
rische Revolution) selbst durchmacht. Es tritt eine Wendung ein. Die
Welle der Kuläkenaufstände wird abgelöst von einem Aufschwung in der
304
W.I: Lenin
Dorfarmut, von dem Anwachsen der „Komitees der Dorfarmut“. In der
Armee wächst die Zahl der Kommissare, Offiziere, Divisions- und Armee-
kommandeure aus den Reihen der Arbeiter. Während der Einfaltspinsel
Kautsky, erschreckt durch die Julikrise (1918) 117 und das Geschrei der
Bourgeoisie, scharwenzelnd hinter ihr herläuft und eine ganze Broschüre
schreibt, die von der Überzeugung durchdrungen ist, daß die Bolschewiki
unmittelbar vor ihrem Sturz durch die Bauernschaft stehen, während die-
ser Einfaltspinsel in der Absplitterung der linken Sozialrevolutionäre
eine „Verengung“ (S. 37) des Kreises derer erblickt, die die Bolschewiki
unterstützen, wächst der wirkliche Kreis der Anhänger des Bolschewismus
ins Unermeßliche, denn Millionen und aber Millionen der Dorfarmut er-
wachen zu selbständigem politischem Leben und befreien sich von der
Bevormundung und dem Einfluß der Kulaken und der Dorfbourgeoisie.
Wir haben ein paar hundert linke Sozialrevolutionäre, charakterlose
Intellektuelle und Kulaken aus der Bauernschaft verloren, haben aber
Millionen Vertreter der Dorfarmut gewonnen*
Ein Jahr nach der proletarischen Revolution in den Hauptstädten hat
sich unter ihrem Einfluß und mit ihrer Hilfe die proletarische Revolution
in den abgelegensten ländlichen Winkeln vollzogen, sie hat die Sowjet-
macht und den Bolschewismus endgültig gefestigt und endgültig bewiesen,
daß es im Lande keine Kräfte gibt, die gegen ihn aufkommen könnten.
Nachdem das Proletariat Rußlands, zusammen mit der Bauernschaft
überhaupt, die bürgerlich-demokratische Revolution Vollendet hatte, ging
es endgültig zur sozialistischen Revolution über, als es ihm gelang, das
Dorf zu spalten, die Proletarier und Halbproletarier an sich heranzu-
ziehen und sie zum Kampf gegen die Kulaken und die Bourgeoisie, ein-
schließlich der bäuerlichen Bourgeoisie, zusammenzuschließen.
Ja, wenn das bolschewistische Proletariat der Hauptstädte und der
großen Industriezentren es nicht verstanden hätte, die Dorfarmut gegen
die reichen Bauern um sich zusammenzuschließen, dann wäre damit die
„Unreife“ Rußlands für die sozialistische Revolution bewiesen worden,
dann wäre die Bauernschaft ein „Ganzes“ geblieben, d. h„ sie wäre unter
* Auf dem VI. Sowjetkongreß (6.-9. XI. 1918) waren 967 Delegierte mit
beschließender Stimme anwesend, davon 950 Bolsdiewiki, sowie 351 Delegierte
mit beratender Stimme, davon 335 Bolschewiki Insgesamt 97 Prozent Bolsche-
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
305
der wirtschaftlichen, politischen und geistigen Führung der Kulaken, der
Reichen, der Bourgeoisie, geblieben, dann wäre die Revolution nicht über
den Rahmen der bürgerlich-demokratischen Revolution hinausgegangen.
(Aber auch damit wäre - nebenbei gesagt - nicht bewiesen, daß das
Proletariat die Macht nicht hätte ergreifen dürfen, denn nur das Prole-
tariat hat die bürgerlich-demokratische Revolution wirklich zu Ende ge-
führt, nur das Proletariat hat etwas Wesentliches getan, um die prole-
tarische Weltrevolution näher zu bringen, nur das Proletariat hat den
Sowjetstaat geschaffen, nach der Kommune der zweite Schritt zum so-
zialistischen Staat.)
Hätte anderseits das bolschewistische Proletariat versucht, gleich im
Oktober-November 1917, ohne es verstanden zu haben, die Klassen-
scheidung im Dorfe abzuwarten, sie vorzubereiten und durchzuführen,
den Bürgerkrieg oder die „Einführung des Sozialismus“ im Dorf „zu de-
kretieren“, hätte es versucht, ohne einen zeitweiligen Block (ein Bündnis)
mit der Bauernschaft überhaupt, ohne eine Reihe von Zugeständnissen
an den Mittelbauern usw. auszukommen, so wäre das eine blanqui-
stische liS Entstellung des Marxismus gewesen, der Versuch einer Minder-
heit, der Mehrheit ihren Willen aufzuzwingen, ein theoretischer Wider-
sinn und ein Nichtverstehen dessen, daß eine Revolution der gesamten
Bauernschaft noch, eine bürgerliche Revolution ist und daß es ohne eine
Reihe von Übergängen, von Übergangsstufen nicht möglich ist, diese in
einem rückständigen Lande zu einer sozialistischen zu machen.
Kautsky hat in dieser höchst wichtigen theoretischen und politischen
Frage alles durcheinandergeworfen und sich in der Praxis einfach als
Lakai der Bourgeoisie entpuppt, der gegen die Diktatur des Proletariats
zetert. #
Eine ebensolche, wenn nicht noch größere Verwirrung hat Kautsky in
einer anderen, höchst interessanten und wichtigen Frage angerichtet, näm-
lich in der Frage, ob- die gesetzgeberische Tätigkeit der Sowjetrepublik
bei der Umgestaltung der Agrarverhältnisse, dieser äußerst schwierigen
und zugleich äußerst wichtigen sozialistischen Umgestaltung, im Prinzip
richtig war und dann zweckmäßig durchgeführt worden ist. Wir wären
jedem westeuropäischen Marxisten unendlich dankbar, wenn er nach Ein-
sichtnahme auch nur in die wichtigsten Dokumente an unserer Politik
306
W. I. Lenin
Kritik üben wollte, denn damit würde er uns außerordentlich helfen,
würde er auch der in der ganzen Welt heranreifenden Revolution helfen.
Aber anstatt eine solche Kritik zu geben, wartet Kautsky mit einem heil-
losen theoretischen Durcheinander auf, das den Marxismus in Liberalis-
mus verwandelt, und bringt praktisch nichts als leere, boshafte, spießer-
hafte Ausfälle gegen die Bolschewiki vor. Der Leser urteile selbst:
„Der Großgrundbesitz wurde durch die Revolution unhaltbar. Das
trat sofort klar zutage. Ihn der bäuerlichen Bevölkerung zu übergeben
wurde unvermeidlich.“ (Das stimmt nicht, Herr Kautsky: Das, was für
Sie „klar“ ist, unterschieben Sie der Einstellung der verschiedenen Klassen
zu dieser Frage; die Geschichte der Revolution hat bewiesen, daß die
Regierung der Koalition des Bourgeois mit dem Kleinbürger, den Men-
schewiki und Sozialrevolutionären, eine Politik der Erhaltung des Groß-
grundbesitzes getrieben hat. Das haben insbesondere das Gesetz von
S. Maslow und die Verhaftungen von Mitgliedern der Bodenkomitees
bewiesen. 118 Ohne die Diktatur des Proletariats hätte die „bäuerliche
Bevölkerung“ den Gutsbesitzer, der sich mit dem Kapitalisten vereinigt
hatte, nicht besiegt.)
„Indes war man keineswegs einig darüber, in welchen Formen das ge-
schehen sollte. Verschiedene Lösungen waren denkbar.“ (Kautsky ist vor
allem um die „Einigkeit“ der „Sozialisten“ besorgt, wer immer sich die-
sen Namen auch beilegen mag. Daß die Hauptklassen der kapitalistischen
Gesellschaft zu verschiedenen Entscheidungen kommen müssen, vergißt
er.) „Vom sozialistischen Standpunkt die rationellste wäre die gewesen,
die Großbetriebe in Staatsbesitz zu übernehmen und durch die Bauern,
die auf ihnen bisher als Lohnarbeiter tätig gewesen waren, nun in ge-
nossenschaftlichen Formen bearbeiten zu lassen. Indessen setzt diese Lö-
sung eine Landarbeiterschaft voraus, wie sie Rußland nicht besitzt. Eine
andere Lösung hätte dahin gehen können, daß der Großgrundbesitz in
Staatseigentum überging, jedoch in kleine Güter verteilt wurde, die von
den landarmen Bauern in Pacht genommen wurden. Da wäre noch etwas
von Sozialismus dabei verwirklicht worden.“
Kautsky zieht sich, wie immer, mit dem berühmten „einerseits - ander-
seits“ aus der Affäre. Er stellt verschiedene Lösungen nebeneinander,
ohne daß ihm der Gedanke — der einzig reale, einzig marxistische Ge-
danke - kommt, welches die Übergangsstufen vom Kapitalismus zum
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
307
Kommunismus unter den und den besonderen Verhältnissen sein müssen.
In Rußland gibt es landwirtschaftliche Lohnarbeiter, nur sind es nicht
viele, und auf die von der Sowjetregierung aufgeworfene Frage des Über-
gangs zur Bewirtschaftung des Bodens durch Kommunen und Genossen-
schaften ist Kautsky nicht eingegangen. Das sonderbarste ist jedoch, daß
Kautsky in der Verpachtung kleiner Güter „etwas von Sozialismus“ er-
blicken will. In Wirklichkeit ist das eine kleinbürgerliche Losung, und
„von Sozialismus“ gibt es hier keine Spur. Ist der den Boden verpachtende
„Staat“ nicht ein Staat vom Typus der Kommune, sondern eine parlamen-
tarische bürgerliche Repubük (eben das ist die ständige Prämisse Kaut-
skys), so wird die Verpachtung kleiner Bodenstücke eine typisch liberale
Reform sein.
Daß die Sowjetmacht jegliches Eigentum an Grund und Boden auf-
gehoben hat, verschweigt Kautsky. Noch schlimmer. Er begeht eine un-
glaubliche Fälschung und zitiert die Dekrete der Sowjetmacht so, daß
das Wesentlichste unterschlagen wird.
Nachdem Kautsky erklärt hat, daß „der Kleinbetrieb, wo er nur kann,
nach dem vollen Privateigentum an seinen Produktionsmitteln trachtet“,
daß die Konstituante die „einzige Autorität“ wäre, die imstande sei, die
Aufteilung zu verhindern (eine Behauptung, die in Rußland Gelächter
hervorrufen wird, denn jedermann weiß, daß bei den Arbeitern und
Bauern nur die Sowjets Autorität besitzen, während die Konstituante zur
Losung der Tschechoslowaken und Gutsbesitzer geworden ist), fährt er
fort:
„Einer der ersten Beschlüsse der Sowjetregierung verordnete: ,1. Das guts-
herrliche Eigentum an Grand und Boden wird ohne Entschädigung sofort auf-
gehoben. 2. Die Güter der Grandherren sowie die Apanagen-, Kloster- und
Kirchengüter mit ihrem gesamten lebenden und toten Inventar, ihren Wirtschafts-
gebäuden und allem Zubehör gehen, bis zur Entscheidung der Bodenfrage durch
die konstituierende Versammlung, in die Verfügung der Bezirksbodenkomitees
der Kreisräte der Bauemdeputierten über.“ “
Kautsky zitiert nur diese beiden Punkte und zieht dann den
Schluß:
„Die Verweisung auf die konstituierende Versammlung blieb toter Buchstabe.
Tatsächlich konnten die Bauern der einzelnen Bezirke mit dem Gutsbesitz an-
fangen, was sie wollten.“ (47.)
W. I. Lenin
Da haben wir Musterbeispiele Kautskyscher „Kritik“! Da haben wir
die „wissenschaftliche“ Arbeit, die eher einer Fälschung gleichkommt.
Dem deutschen Leser wird eingeredet, die Bolschewiki hätten in der
Frage des Privateigentums an Grund und Boden vor den Bauern kapitu-
liert! die Bolsdiewiki hätten den Bauern („den einzelnen Bezirken“),
jedem für sich, anheimgestellt, zu machen, was sie wollen !
In Wirklichkeit aber besteht das von Kautsky zitierte Dekret - das
erste, am 26. Oktober (alten Stils) 1917 erlassene Dekret - nicht aus
zwei, sondern aus fünf Artikeln plus acht Paragraphen des „Wählerauf-
trags“, von dem ausdrücklich gesagt wird, daß er „als Richtschnur dienen
soll“.
Im Artikel 3 des Dekrets heißt es, daß die Wirtschaften „in das Eigen-
tum des Volkes“ übergehen, daß die Aufstellung eines „genauen Ver-
zeichnisses des gesamten der Konfiskation unterliegenden Besitzes“ so-
wie „strengster revolutionärer Schutz“ zur Pflicht gemacht werden. Und
in dem Wählerauftrag heißt es, daß „das Privateigentum am Grund und
Boden für immer aufgehoben wird“, daß „Ländereien mit hochentwickel-
ten Wirtschaften“ „nicht der Aufteilung unterliegen“, daß „das gesamte
lebende und tote Wirtschaftsinventar der konfiszierten Ländereien, je
nach ihrer Größe und Bedeutung, entschädigungslos in die ausschließ-
liche Nutzung des Staates oder der Gemeinde übergeht“, daß „der ge-
samte Boden in den Bodenfonds übergeht, der Eigentum des ganzen
Volkes ist“.
Weiter. Zugleich mit der Auflösung der Konstituierenden Versamm-
lung (5. 1. 1918) wurde von dem III. Sowjetkongreß die „ Deklaration der
Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes“ angenommen, die jetzt
in das Grundgesetz der Sowjetrepublik eingegangen ist. Artikel II, Punkt 1
dieser Deklaration besagt, daß das „Privateigentum am Grund und Boden
aufgehoben wird“ und daß die „Mustergüter und landwirtschaftlichen
Betriebe zu Nationaleigentum erklärt werden“.
Die Verweisung auf die Konstituierende Versammlung ist also kein
toter Buchstabe geblieben, denn eine andere allgemeine Volksvertretung,
die in den Augen der Bauern unvergleichlich größere Autorität besitzt,
hat die Lösung der Agrarfrage übernommen.
Weiter, am 6. (19.) Februar 1918 wurde das Gesetz über die Soziali-
sierung des Grund und Bodens veröffentlicht, das nochmals die Aufhebung
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
309
jeglichen Eigentums an Grund und Boden bestätigt und die Verfügungs-
gewalt sowohl über den Boden als auch über das gesamte private Inventar
den Sowjetbehörden, unter Kontrolle der föderativen Sowjetmacht, über-
trägt; als Aufgaben der Verfügungsgewalt über den Grund und Boden
werden aufgestellt
„die Entwicklung der kollektiven Wirtschaft ip der Landwirtschaft aus den
Einzelbetrieben als vorteilhafter im Sinne einer Ersparnis an Arbeit und Pro-
dukten. zum Zweck des Übergangs zur sozialistischen Wirtschaft“ (Artikel 11.
Punkt e).
Mit der Einführung der aus gleichenden Bodennutzung antwortet dieses
Gesetz auf die grundlegende Frage „Wer ist zur Bodennutzung berech-
tigt?“ folgendermaßen:
(Artikel 20.) „Einzelne Bodenparzellen dürfen im Bereich der Russischen
Föderativen Sowjetrepublik für gesellschaftliche sowie für persönliche Bedürf-
nisse benutzen: A. Zu Kultur- und Bildungszwedcen: 1. der Staat, vertreten
durch die Organe der Sowjetmacht (Föderative, Gebiets-, Gouvernements-,
Kreis-, Bezirks- und Dorfbehörden); 2. gesellschaftliche Organisationen (unter
Kontrolle und mit Genehmigung der örtlichen Sowjetbehörden). B. Zu land-
wirtschaftlicher Nutzung: 3. landwirtschaftliche Kommunen ; 4. landwirtschaft-
liche Genossenschaften; 5. Dorfgemeinden; 6. einzelne Familien und Perso-
Der Leser sieht, daß Kautsky die Sache völlig entstellt und die Agrar-
politik und die Agrargesetzgebung des proletarischen Staates in Rußland
dem deutschen Leser absolut falsch dargestellt hat.
Die theoretisch wichtigen* grundlegenden Fragen hat Kautsky nicht
einmal aufzuwerfen verstanden!
Das sind folgende Fragen:
1. Ausgleichende Bodennutzung und
2. Nationalisierung des Grund und Bodens - das Verhältnis dieser bei-
den Maßnahmen zum Sozialismus im allgemeinen und zum Übergang
vom Kapitalismus zum Kommunismus im besonderem
3. Die gesellschaftliche Bodenbearbeitung als Übergang von der zer-
splitterten Kleinproduktion zur gemeinsam betriebenen Großproduktion
in der Landwirtschaft. Entspricht die Behandlung dieser Frage in der
Sowjetgesetzgebung den Anforderungen des Sozialismus?
310
W. I. Lettin
Zur ersten Frage muß man vor allem die beiden folgenden grund-
legenden Tatsachen feststellen: a) die Bolschewiki haben sowohl bei der
Auswertung der Erfahrung von 1905 (ich verweise zum Beispiel auf meine
Schrift über die Agrarfrage in der ersten russischen Revolution) auf die
demokratisch-fortschrittliche, demokratisch-revolutionäre Bedeutung der
Losung von der ausgleichenden Bodennutzung hingewiesen als auch im
Jahre 1917, vor der Oktoberrevolution, mit aller Bestimmtheit darüber
gesprochen: b) bei der Durchführung des Gesetzes über die Sozialisierung
des Grund und Bodens - eines Gesetzes, dessen .Seele“ die Losung von
der ausgleichenden Bodennutzung ist - haben die Bolschewiki mit der
größten Bestimmtheit und Entschiedenheit erklärt: Das ist nicht unsere
Idee, wir sind mit einer solchen Losung nicht einverstanden, wir halten
es für unsere Pflicht, sie durchzuführen, weil sie die Forderung der über-
wältigenden Mehrheit der Bauern ist. Die Ideen und Forderungen der
Mehrheit der Werktätigen aber müssen von ihnen selbst überwunden
werden: diese Forderungen kann man weder „aufheben“ noch „über-
springen“. Wir Bolschewiki werden der Bauernschaft helfen, die klein-
bürgerlichen Losungen zu überwinden, von ihnen so schnell und so leicht
wie möglich zu sozialistischen Losungen überzugehen.
Ein marxistischer Theoretiker, der mit seiner wissenschaftlichen Ana-
lyse der Arbeiterrevolution helfen wollte, hätte erstens darauf antworten
müssen, ob es richtig ist, daß die Idee der ausgleichenden Bodennutzung
demokratisch-revolutionäre Bedeutung hat, die Bedeutung, daß die bürger-
lich-demokratische Revolution bis zu Ende geführt wird? Zweitens, ob
die Bolschewiki richtig gehandelt haben, als sie das kleinbürgerliche Ge-
setz über die ausgleichende Bodennutzung mit ihren Stimmen zur An-
nahme brachten (und es in loyalster Weise einhielten)?
Kautsky war nicht einmal imstande zu erkennen, worin, theoretisch ge-
sehen, der Kern der Frage besteht!
Es dürfte Kautsky nie gelingen, die fortschrittliche und revolutionäre
Bedeutung der Idee der ausgleichenden Bodennutzung in der bürgerlich-
demokratischen Umwälzung zu widerlegen. Weiter kann diese Umwäl-
zung nicht gehen. Bis zu Ende geführt, enthüllt sie vor den Massen um
so klarer, um so schneller und leichter die Unzulänglichkeit der
bürgerlich-demokratischen Lösungen, die Notwendigkeit, über ihren
Rahmen hinaus zum Sozialismus überzugehen.
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 311
Nachdem die Bauernschaft den Zarismus und die Gutsbesitzer .abge-
schüttelt hat, steht ihr der Sinn nach der ausgleichenden Bodennutzung,
und keine Macht hätte sich den von den Gutsbesitzern wie von dem
bürgerlich-parlamentarischen, republikanischen Staat erlösten Bauern in
den Weg stellen können. Die Proletarier sagen den Bauern: Wir werden
euch helfen, zum „idealen“ Kapitalismus zu kommen, denn ausgleichende
Bodennutzung ist eine Idealisierung des Kapitalismus vom Standpunkt
des Kleinproduzenten. Und gleichzeitig werden wir euch die Unzuläng-
lichkeit dieser Maßnahme und die Notwendigkeit des Übergangs zur
gemeinschaftlichen Bodenbestellung beweisen.
Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie Kautsky versucht hätte, die
Richtigkeit einer solchen Leitung des Kampfes der Bauernschaft durch
das Proletariat zu widerlegen!
Kautsky hat es vorgezogen, der Frage auszuweichen . . .
Weiter, Kautsky hat die deutschen Leser direkt betrogen, als er ihnen
vorenthielt, daß die Sowjetmacht in dem Gesetz über den Boden die Kom-
munen und Genossenschaften direkt bevorzugt und sie an die erste Stelle
setzt.
Zusammen mit der 'Bauernschaft bis zur Vollendung der bürgerlich-
demokratischen Revolution - zusammen mit dem armen, dem prole-
tarischen und halbproletarischenTeil der Bauernschaft vorwärts zur sozia-
listischen Revolution! Das war die Politik der Bolschewiki, und das war
die einzige marxistische Politik.
Kautsky aber kommt ganz aus dem Konzept und ist außerstande, auch
nur ein Problem aufzuwerfen! Einerseits wagt er nicht zu sagen, daß sich
die Proletarier in der Frage der ausgleicfaenden Bodennutzung mit den
Bauern hätten entzweien sollen, denn er fühlt, wie unsinnig diese Ent-
zweiung wäre (zudem hat er doch 1905, als er noch kein Renegat war,
klar und deutlich das Bündnis zwischen den Arbeitern und Bauern als
Bedingung für den Sieg der Revolution verfochten). Anderseits zitiert
Kautsky zustimmend liberale Plattheiten des Menschewiks Maslow, der
den vom Standpunkt des Sozicdismus utopischen und reaktionären Cha-
rakter der kleinbürgerlichen Gleichheit „nachweist“ und den vom Stand-
punkt der bürgerlich-demokratischen Revolution fortschrittlichen und
revolutionären Charakter des kleinbürgerlichen Kampfes für die Gleich-
heit, für die ausgleichende Bodennutzung mit Stillschweigen übergeht.
Lenin. Werke, Bd. 28
312
W. I. Lenin
Bei Kautsky kommt ein heilloser Wirrwarr heraus. Wohlgemerkt:
Kautsky hält (1918) an dem bürgerlichen Charakter der russischen Revo-
lution fest. Kautsky fordert (1918): Überschreitet diesen Rahmen nicht!
Und derselbe Kautsky erblickt noch „etwas von Sozialismus“ (für die
bürgerliche Revolution) in einer kleinbürgerlichen Reform, in der Ver-
pachtung kleiner Parzellen an die armen Bauern (d. h. in der Annäherung
an die ausgleichende Bodennutzung) ! !
Das verstehe, wer kann!
Darüber hinaus zeigt Kautsky auch noch ein philisterhaftes Unver-
mögen, die tatsächliche Politik einer bestimmten Partei in Rechnung zu
ziehen. Er zitiert Phrasen des Menschewiks Maslow, will aber nicht die
tatsächliche Politik der Partei der Menschewiki im Jahre 1917 sehen,
als sie sich, in „Koalition“ mit Gutsbesitzern und Kadetten, faktisch für
eine liberale Agrarreform und eine Verständigung mit den Gutsbesitzern
einsetzte. (Beweis: Die Verhaftung von Mitgliedern der Bodenkomitees
und der Gesetzentwurf S. Maslows.)
Kautsky hat nicht bemerkt, daß die Phrasen P. Maslows über den re-
aktionären und utopischen Charakter der kleinbürgerlichen Gleichheit in
Wirklichkeit die menschewistische Politik verschleiern, die an Stelle eines
revolutionären Sturzes der Gutsbesitzer durch die Bauern die Verständi-
gung zwischen Bauern und Gutsbesitzern (d. h. den Betrug der Bauern
durch die Gutsbesitzer) setzt.
Ein schöner „Marxist“, dieser Kautsky!
Gerade die Bolschewiki haben den Unterschied der bürgerlich-demo-
kratischen von der sozialistischen Revolution streng berücksichtigt: da-
durch, daß sie jene zu Ende führten, öffneten sie das Tor für den Über-
gang zu dieser. Das ist die einzig revolutionäre und einzig marxistische
Politik.
Vergebens plappert Kautsky die lendenlahmen liberalen Plattheiten
nach: „Noch nirgends und zu keiner Zeit sind Kleinbauern auf Grund
theoretischer Überzeugungen zu kollektiver Produktion übergegangen.“
(50.)
Sehr geistreich!
Nirgends und zu keiner Zeit standen die Kleinbauern eines großen
Landes unter dem Einfluß eines proletarischen Staates.
Nirgends und zu keiner Zeit ist es bei den Kleinbauern bis zum offenen
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
3l3
Klassenkampf der armen Bauern gegen die reichen, bis zum Bürgerkrieg
zwischen ihnen gekommen, unter Verhältnissen, da die armen Bauern die
propagandistische, politische, wirtschaftliche und militärische Unterstüt-
zung der proletarischen Staatsmacht genießen.
Nirgends und zu keiner Zeit gab es eine solche Bereicherung der Schie-
ber und der Reichen durch den Krieg und gleichzeitig eine solche Ver-
elendung der Bauemmasse.
Kautsky wiederholt altes Zeug, drischt leeres Stroh und fürchtet sich,
an die neuen Aufgaben der proletarischen Diktatur auch nur zu denken.
Was aber, verehrter Herr Kautsky, wenn es den Bauern an Geräten
für den Kleinbetrieb mangelt und der proletarische Staat ihnen hilft,
Maschinen für die kollektive Bearbeitung des Bodens zu beschaffen, ist
das „theoretische Überzeugung“?
Gehen wir zur Frage der Nationalisierung des Bodens über. Unsere
Volkstümler, einschließlich aller linken Sozialrevolutionäre, bestreiten,
daß die bei uns durchgeführte Maßnahme Nationalisierung des Bodens
ist. Sie sind theoretisch im Unrecht. Insoweit wir im Rahmen der Waren-
produktion und des Kapitalismus bleiben, bedeutet die Aufhebung des
Privateigentums an Grand und Boden Nationalisierung des Bodens. Das
Wort „Sozialisierung“ bringt lediglich die Tendenz, den Wunsch, die
Vorbereitung des Übergangs zum Sozialismus zum Ausdruck.
Welche Stellung müssen nun die Marxisten zur Nationalisierung des
Bodens einnehmen?
Kautsky versteht auch hier nicht, die theoretische Frage auch nur zu
stellen, oder - was noch schlimmer ist - er umgeht sie geflissentlich, ob-
gleich aus der russischen Literatur bekannt ist, daß Kautsky über die
früheren Diskussionen unter den russischen Marxisten in der Frage der
Nationalisierung des Bodens, der Munizipalisierung des Bodens (Über-
gabe der großen Güter an die örtlichen Selbstverwaltungen) und der
Bodenaufteilung unterrichtet ist.
Es ist geradezu ein Hohn auf den Marxismus, wenn Kautsky behauptet,
daß durch den Übergang der großen Güter an den Staat und ihre Ver-
pachtung in kleinen Parzellen an landarme Bauern „etwas von Sozialis-
mus“ verwirklicht worden wäre. Wir haben bereits gezeigt, daß es hier
nichts von Sozialismus gibt. Aber nicht genug damit; Hier kann auch
nicht von einer bis zu Ende geführten bürgerlich-demokratischen Revolu-
314
W. I. Lenin
tion die Rede sein. Kautsky hat das große Pedi gehabt, sich den Mensche-
wiki anzuvertrauen. Daraus entstand das Kuriosum, daß Kautsky, der
die Meinung vertritt, unsere Revolution hätte bürgerlichen Charakter,
und die Bolsdiewiki beschuldigt, sie hätten sich in den Kopf gesetzt, zum
Sozialismus zu kommen, selbst eine liberale Reform für Sozialismus aus-
gibt, ohne diese Reform bis zur vollständigen Säuberung der Besitzver-
hältnisse in der Landwirtschaft von dem ganzen mittelalterlichen Wust
meiterzuführenl Kautsky hat sich, gleich seinen menschewistischen Rat-
gebern, als Verteidiger der liberalen Bourgeoisie erwiesen, die vor der
Revolution Angst hat, und nicht als Verteidiger einer konsequenten
bürgerlich-demokratischen Revolution.
In der Tat. Weshalb sollen nur die großen Güter und nicht der ge-
samte Grund und Boden in Staatseigentum übergehen? Die liberale Bour-
geoisie erreicht dadurch, daß das Alte weitestgehend erhalten bleibt (d. h.,
die Revolution wird mit geringster Konsequenz durchgeführt) und die
Rückkehr zum Alten maximal erleichtert wird. Die radikale Bourgeoisie,
d. h. jene, die die bürgerliche Revolution bis zu Ende durchführt, stellt
die Losung der Nationalisierung des Bodens auf.
Kautsky, der in längst vergangenen Zeiten, vor nahezu zwanzig Jahren,
eine vortreffliche marxistische Arbeit über die Agrarfrage verfaßt hat,
muß den Hinweis von Marx kennen, daß die Nationalisierung des Bodens
gerade eine konsequente Losung der Bourgeoisie ist. 120 Kautsky muß die
Polemik von Marx gegen Rodbertus und die glänzenden Erläuterungen
von Marx in den „Theorien über den Mehrwert“ kennen, wo besonders
anschaulich auch die im bürgerlich-demokratischen Sinne revolutionäre
Bedeutung der Nationalisierung des Bodens nachgewiesen wird.
Der Menschewik P. Maslow, den sich Kautsky so unglücklich zum
Ratgeber auserkoren hat, leugnete, daß die russischen Bauern auf die
Nationalisierung des gesamten Grund und Bodens (einschließlich ihres
eigenen) eingehen könnten. Bis zu einem gewissen Grade mochte diese
Ansicht Maslows mit seiner „originellen“ Theorie (eine Wiederholung
der bürgerlichen Marx-Kritiker) Zusammenhängen, nämlich damit, daß
er die absolute Rente leugnet und das „Gesetz“ (oder die „Tatsache“, wie
Maslow sich ausdrückte) des „abnehmenden Bodenertrags“ anerkennt.
In Wirklichkeit stellte sich schon in der Revolution von 1905 heraus,
daß die gewaltige Mehrheit der russischen Bauern, sowohl der Bauern aus
den Dorfgemeinden als audi der Bauern mit eigenem Land, für dieNatio-
nalisierung des gesamten Bodens ist. Die Revolution von 1917 hat das
bestätigt und nach dem Übergang der Macht an das Proletariat auch ver-
wirklicht. Die Bolschewiki sind dem Marxismus treu geblieben und haben
nicht versucht, die bürgerlich-demokratische Revolution „zu überspringen“
(entgegen den Behauptungen Kautskys, der uns, ohne den Schatten eines
Beweises, dessen beschuldigt). Die Bolschewiki haben vor allem den radi-
kalsten, den revolutionärsten, dem Proletariat am nächsten stehenden
bürgerlich-demokratischen Ideologen der Bauernschaft, nämlich den linken
Sozialrevolutionären, geholfen, das durchzuführen, was faktisch Natio-
nalisierung des Bodens war. Das Privateigentum an Grund und Boden
ist in Rußland seit dem 26. X. 1917, d. h. seit dem ersten Tage der prole-
tarischen, sozialistischen Revolution, aufgehoben.
Damit ist das vom Standpunkt der Entwicklung des Kapitalismus voll-
kommenste Fundament geschaffen worden (was Kautsky nicht bestreiten
kann, ohne mit Marx zu brechen) und gleichzeitig auch das im Sinne des
Übergangs zum Sozialismus geschmeidigste Agrarsystem. Vom bürger-
lich-demokratischen Standpunkt aus gesehen, kann die revolutionäre
Bauernschaft in Rußland nicht weiter gehen: Etwas von diesem Stand-
punkt „Idealeres“, etwas „Radikaleres“ (von dem gleichen Standpunkt
aus) als Nationalisierung des Bodens und Gleichheit in der Bodennutzung
kann es nicht geben. Gerade die Bolschewiki, allein die Bolschewiki, haben
den Bauern nur dank dem Siege der proletarischen Revolution dazu ver-
holfen, die bürgerlich-demokratische Revolution wirklich zu Ende zu
führen. Und allein dadurch haben sie das Höchste geleistet für die Er-
leichterung und Beschleunigung des Übergangs zur sozialistischen Revo-
lution.
Danach kann man sich ein Bild machen von dem unglaublichen Durch-
einander, das Kautsky dem Leser vorsetzt, derselbe Kautsky, der die
Bolschewiki beschuldigt, sie hätten den bürgerlichen Charakter der Revo-
lution nicht begriffen, und der selbst eine solche Abkehr vom Marxismus
offenbart, daß er die Nationalisierung des Bodens mit Stillschweigen über-
geht und eine (vom bürgerlichen Standpunkt) am wenigsten revolutio-
näre, liberale Agrarreform als „etwas von Sozialismus“ hinstellt! —
Hier kommen wir zu der dritten der oben aufgeworfenen Fragen, zu
der Frage, inwieweit die proletarische Diktatur in Rußland der Not-
316
W. I. Lenin
Wendigkeit des Übergangs zur gemeinschaftlichen Bodenbestellung Rech-
nung getragen hat. Kautsky begeht hier wiederum etwas, das einer Fäl-
schung sehr ähnlich ist: Er zitiert lediglich die „Thesen“ eines Bolschewiks,
in denen von der Aufgabe des Übergangs zur kollektiven Bodenbestellung
die Rede ist! Nachdem er eine dieser Thesen zitiert hat, ruft unser
„Theoretiker“ mit Siegermiene aus:
„Damit, daß man etwas für eine Aufgabe erklärt, ist sie leider noch nicht
gelöst. Die kollektive Landwirtschaft ist in Rußland einstweilen noch dazu ver-
urteilt, auf dem Papier zu bleiben. Noch nirgends und zu keiner Zeit sind Klein-
bauern auf Grund theoretischer Überzeugungen zu kollektiver Produktion über-
gegangen.“ (50.)
Noch nirgends und zu keiner Zeit hat es eine solche literarische Gau-
nerei gegeben wie die, zu der Kautsky herabgesunken ist. Er zitiert
„Thesen“ und verschweigt das Gesetz der Sowjetmacht. Er spricht von
„theoretischer Überzeugung“ und verschweigt, daß es eine proletarische
Staatsmacht gibt, die sowohl die Betriebe als auch die Waren in ihren
Händen hat! Alles, was der Marxist Kautsky 1899 in der „Agrarfrage“
über die Mittel schrieb, die der proletarische Staat in der Hand hat, um
die Kleinbauern allmählich in den Sozialismus zu überführen, hat der
Renegat Kautsky 1918 vergessen.
Gewiß, einige hundert vom Staat unterstützte landwirtschaftliche Kom-
munen und Sowjetwirtschaften (d. h. von Arbeitergenossenschaften auf
Rechnung des Staates betriebene Großwirtschaften), das ist noch sehr
wenig. Kann man es aber „Kritik“ nennen, wenn Kautsky diese Tatsache
umgeht?
Die in Rußland von der proletarischen Diktatur durchgeführte Natio-
nalisierung des Grund und Bodens hat die vollständige Durchführung der
bürgerlich-demokratischen Revolution am besten gesichert - sogar für den
Fall, daß ein Sieg der Konterrevolution von der Nationalisierung zurück
zur Aufteilung führen sollte (diesen Fall habe ich in der Broschüre über
das Agrarprogramm der Marxisten in der Revolution von 1905 speziell
untersucht). Darüber hinaus aber hat die Nationalisierung des Grund
und Bodens dem proletarischen Staat die größten Möglichkeiten gegeben,
zum Sozialismus in der Landwirtschaft überzugehen.
Das Fazit: Kautsky hat uns in der Theorie ein unglaubliches Durch-
einander vorgesetzt, dazu den völligen Verzicht auf den Marxismus und
Die proletarisdte Revolution und der Renegat Kautsky 317
in der Praxis Liebedienerei vor der Bourgeoisie und ihrem Reformismus.
Da kann man wohl sagen, eine nette Kritik!
Die „ökonomische Analyse“ der Industrie beginnt bei Kautsky mit der
folgenden famosen Betrachtung:
In Rußland gibt es eine kapitalistische Großindustrie. Sollte sich auf
dieser Grundlage nicht die sozialistische Produktionsweise aufrichten
lassen? „Man könnte so meinen, wenn der Sozialismus darin bestände,
daß die Arbeiter einzelner Fabriken und Bergwerke diese sich aneigneten,
um jede von ihnen besonders zu bewirtschaften.“ (52.) „Eben, wie ich das
schreibe (5. August)“, fügt Kautsky hinzu, „wird aus Moskau eine Rede
Lenins vom 2. August mitgeteilt, in der er gesagt haben soll: .Die Arbeiter
halten die Fabriken fest in ihren Händen, und die Bauern werden das
Land den Gutsbesitzern nicht zurückgeben.' Die Parole: .Die Fabrik den
Arbeitern, der Boden den Bauern', war bisher nicht eine sozialdemokra-
tische, sondern eine anarchisch-syndikalistische Forderung.“ (52/53.)
Wir haben diese Betrachtung ungekürzt wiedergegeben, damit die rus-
sischen Arbeiter, die früher Kautsky geachtet, und mit Recht geachtet ha-
ben, selbst die Methoden des Überläufers zur Bourgeoisie kennenlemen.
Man denke nur: Am 5. August, als es schon eine ganze Menge Dekrete
über die Nationalisierung der Fabriken in Rußland gab, wobei die Arbei-
ter sich keine einzige Fabrik „angeeignet“ haben, sondern alle Fabriken
in das Eigentum der Republik übergingen, am 5. August redet Kautsky
auf Grund einer offensichtlich betrügerischen Auslegung eines Satzes aus
meiner Rede den deutschen Lesern ein, in Rußland würden die Fabriken
den einzelnen Arbeitern übergeben! Und dann wiederholt er in Dutzen-
den und aber Dutzenden von Zeilen bis zum Überdruß, daß die Fabriken
nicht einzeln an die Arbeiter übergeben werden dürfen!
Das ist keine Kritik, sondern die Methode eines Lakaien der Bour-
geoisie, den die Kapitalisten in Sold genommen haben, damit er die
Arbeiterrevolution verleumde.
Die Fabriken müssen an den Staat, an die Gemeinde oder die Konsum-
genossenschaften übergeben werden - schreibt Kautsky immer und immer
wieder und fügt zum Schluß hinzu :
„Diesen Weg hat man ja auch versucht, jetzt in Rußland zu gehen.“
318
W.I. Lenin
Jetzt!! Wie ist das zu verstehen? Im August? Hat sich denn Kautsky
wirklich nicht bei seinen Stein, Axelrod oder anderen Freunden der rus-
sischen Bourgeoisie die Übersetzung wenigstens eines Dekrets über die
Fabriken bestellen können?
„Wie weit man dabei kommt, ist noch nicht abzusehen. Diese Seite der Sowjet-
republik ist jedenfalls von höchstem Interesse für uns, doch schwebt sie leider
noch völlig im dunkeln. An Dekreten fehlt es freilich nicht“, (darum ignoriert
Kautsky ihren Inhalt oder verschweigt ihn seinen Lesern!) „wohl aber an zuver-
lässigen Nachrichten über das Wirken der Dekrete. Eine sozialistische Produktion
ist unmöglich ohne eine umfassende, detaillierte, zuverlässige und rasch infor-
mierende Statistik. Zu einer solchen hat aber bisher die Sowjetrepublik noch nicht
kommen können. Was wir über ihr ökonomisches Wirken erfahren, ist höchst
widerspruchsvoll und entzieht sich jeder Nachprüfung. Auch das ist eine der
Wirkungen der Diktatur und der Unterdrückung der Demokratie. Da die Frei-
heit der Presse und des Wortes fehlt . . ." (53.)
So wird Geschichte geschrieben! Aus der „freien“ Presse der Kapita-
listen und der Dutowleute hätte Kautsky Nachrichten über die Fabriken
erhalten können, die an die Arbeiter übergehen . . . Wahrlich, dieser über
den Klassen stehende „seriöse Gelehrte“ ist großartig! Audi nicht eine
einzige von den unendlich vielen Tatsachen, die bezeugen, daß die Fa-
briken ausschließlich der Republik übergeben werden, daß über die Fa-
briken ein Organ der Sowjetmacht, der Oberste Volkswirtschaftsrat, zu
verfügen hat, das hauptsächlich aus Arbeitern gebildet ist, die von den
Gewerkschaften gewählt worden sind - nicht eine einzige dieser Tat-
sachen will Kautsky auch nur erwähnen. Mit dem Starrsinn des „Mannes
im Futteral“ wiederholt Kautsky hartnäckig immer wieder das eine : Gebt
mir eine friedliche Demokratie, ohne Bürgerkrieg, ohne Diktatur, mit
guter Statistik. (Die Sowjetrepublik hat ein Statistisches Amt geschaffen
und die besten Statistiker Rußlands zur Mitarbeit herangezogen, aber
selbstverständlich kann man nicht so bald eine ideale Statistik bekommen.)
Mit einem Wort: Eine Revolution ohne Revolution, ohne erbitterten
Kampf, ohne Gewalt - das ist es, was Kautsky verlangt. Das ist dasselbe,
als verlangte man, daß die Arbeiter und die Unternehmer bei Streiks nicht
mit größter Leidenschaftlichkeit einander bekämpfen. Da soll man einen
solchen „Sozialisten“ von einem beamteten Dutzendliberalen unterschei-
den können!
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
319
Und gestützt auf solches „Tatsachenmaterial“, d. h. sich über die vielen
Tatsachen vorsätzlich mit Verachtung hinwegsetzend, zieht Kautsky den
„Schluß“ :
„Es ist fraglich, ob das russische Proletariat an wirklichen praktischen Errun-
genschaften, nicht an Dekreten, in der Sowjetrepublik mehr erlangt hat, als es
durch die Konstituante erlangt hätte, in der ebenfalls, wie in den Sowjets, Sozia-
listen, wenn auch anderer Färbung, überwogen." (58.)
Eine Perle, nicht wahr? Wir können den Verehrern Kautskys nur emp-
fehlen, diesen Ausspruch möglichst weit unter den russischen Arbeitern
zu verbreiten, denn ein besseres Material zur Kennzeichnung seiner poli-
tischen Verkommenheit hätte Kautsky kaum liefern können. Auch Keren-
ski war „Sozialist", Genossen Arbeiter, nur „anderer Färbung“! Der
Historiker Kautsky begnügt sich mit dem Namen, dem Titel, den sich die
rechten Sozialrevolutionäre und Menschewiki „angeeignet“ haben. Von
den Tatsachen, die beweisen, daß die Menschewiki und die rechten Sozial-
revolutionäre unter Kerenski die imperialistische Raubpolitik der Bour-
geoisie unterstützt haben, will der Historiker Kautsky nichts wissen ; daß
die Konstituierende Versammlung gerade diesen Helden des imperiali-
stischen Krieges und der bürgerlichen Diktatur die Mehrheit gebracht
hatte, darüber schweigt er bescheiden. Und das nennt sich „ökonomische
Analyse“! . . .
Zum Schluß noch ein Musterbeispiel „ökonomischer Analyse“:
„In der Tat sehen wir, daß die Sowjetrepublik nach neun Monaten des Be-
stehens, statt allgemeinen Wohlstand zu verbreiten, sich gezwungen fühlte zu
erklären, woher der allgemeine Notstand herrühre.“ (41.)
An solche Äußerungen haben uns schon die Kadetten gewöhnt. Die
Lakaien der Bourgeoisie urteilen in Rußland alle so : Her mit dem allge-
meinen Wohlstand nach neun Monaten - und das nach vier Jahren ver-
heerenden Krieges, bei allseitiger Unterstützung der Sabotage und der
Aufstände der Bourgeoisie in Rußland durch das ausländische Kapital.
In Wirklichkeit besteht absolut kein Unterschied mehr, nicht die Spur
eines Unterschieds, zwischen Kautsky und einem konterrevolutionären
Bourgeois. Die „auf Sozialismus“ frisierten honigsüßen Reden wieder-
holen dasselbe, was die Komilow-, Dutow- und Krasnowleute in Ruß-
320 W.I. Lenin
land in grober Form, ohne Umschweife und ohne Beschönigung aus-
sprechen.
Die vorstehenden Zeilen waren am 9. November 1918 niedergeschrie-
ben. In der Nacht vom 9. zum 10. trafen aus Deutschland Nachrichten
ein über den Beginn der siegreichen Revolution zuerst in Kiel und an-
deren Städten im Norden und an der Küste, wo die Macht in die Hände
der Arbeiter- und Soldatenräte übergegangen ist, dann auch in Berlin,
wo der Rat ebenfalls die Macht übernommen hat.
Der Schluß, den ich noch zu der Broschüre über Kautsky und die
proletarische Revolution zu schreiben hätte, erübrigt sich dadurch.
10. November 1918
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
321
THESEN
ÜBER DIE KONSTITUIERENDE VERSAMMLUNG 121
EIN NEUES BUCH VON VANDERVELDE
ÜBER DEN STAAT
Erst nach der Lektüre des Buches von Kautsky bot sich mir die Ge-
legenheit, mich mit dem Buche von Vandervelde „Le socialisme contre
l’etat“ [Der Sozialismus gegen den Staat] (Paris 1918) bekannt zu machen.
Unwillkürlich drängt sich einem ein Vergleich dieser beiden Bücher auf.
Kautsky ist der ideologische Führer der II. Internationale (1889-1914),
Vandervelde, als Vorsitzender des Internationalen Sozialistischen Büros,
ihr offizieller Vertreter. Beide verkörpern sie den völligen Bankrott der
II. Internationale, beide bemänteln sie „geschickt“, mit der Gewandtheit
gewiegter Journalisten, durch marxistisch klingende Phrasen diesen Bank-
rott, ihren eigenen Bankrott und ihren Übergang auf die Seite der Bour-
geoisie. Der eine zeigt uns besonders anschaulich das Typische am deut-
schen Opportunismus, der schwerfällig, theoretisierend, den Marxismus
aufs gröblichste verfälscht, indem er ihm alles amputiert, was für die
Bourgeoisie unannehmbar ist. Der andere ist typisch für die romanische
- in gewisser Hinsicht könnte man sagen, die westeuropäische (im Sinne:
westlich von Deutschland anzutreffende) - Abart des herrschenden Op-
portunismus, einer geschmeidigeren, weniger schwerfälligen, den Marxis-
mus vermittels derselben grundlegenden Methode raffinierter verfälschen-
den Abart.
Beide entstellen sie von Grund aus sowohl die Lehre von Marx über
den Staat als auch seine Lehre von der Diktatur des Proletariats, wobei
Vandervelde sich mehr auf die erste, Kautsky auf die zweite Frage ver-
legt. Beide vertuschen den zwischen der einen und der anderen Frage
bestehenden engsten, untrennbaren Zusammenhang. Beide sind sie Revo-
lutionäre und Marxisten in Worten, in ihren Taten jedoch Renegaten, die
322
alles daransetzen, die Revolution mit Redensarten abzutun. Bei beiden
findet sich auch nicht die Spur dessen, was alle Werke von Marx und
Engels zutiefst durchdringt, was den wirklichen Sozialismus von der
bürgerlichen Karikatur auf ihn unterscheidet, nämlich : die Klärung der
Aufgaben der Revolution zum Unterschied von den Aufgaben der Re-
form, die Klärung der revolutionären Taktik zum Unterschied von der
reformistischen, die Klärung der Rolle des Proletariats bei der Beseitigung
des Systems oder der Ordnung, des Regimes der Lohnsklaverei, zum
Unterschied von der Rolle des Proletariats der „Groß“mächte, das von
der Bourgeoisie einen geringen Teil ihrer imperialistischen Extraprofite
und Extrabeute abbekommt.
Zur Bestätigung dieser unserer Einschätzung wollen wir einige der
wesentlichsten Betrachtungen Vanderveldes anführen.
Vandervelde zitiert, ähnlich wie Kautsky, sehr eifrig Marx und Engels.
Und ähnlich wie Kautsky zitiert er von Marx und Engels alles mögliche,
außer dem, was für die Bourgeoisie absolut unannehmbar ist, was den
Revolutionär von dem Reformisten unterscheidet. Uber die Eroberung
der politischen Macht durch das Proletariat finden sich Zitate, soviel man
will, denn das ist durch die Praxis schon in einen ausschließlich parla-
mentarischen Rahmen gebracht worden. Darüber aber, daß Marx und
Engels nach den Erfahrungen der Kommune es für notwendig hielten, das
teilweise veraltete „Kommunistische Manifest“ zu ergänzen, indem sie
ganz klar auseinandersetzten, daß die Arbeiterklasse nicht einfach die
fertige Staatsmaschine in Besitz nehmen kann, daß sie diese Maschine
zerschlagen muß - davon findet sich nicht ein Sterbenswörtchen! Vander-
velde und Kautsky übergehen - als hätten sie das verabredet - mit völ-
ligem Stillschweigen gerade das Wesentlichste aus den Erfahrungen der
proletarischen Revolution, gerade das, was die Revolution des Prole-
tariats von den Reformen der Bourgeoisie unterscheidet.
Wie Kautsky spricht auch Vandervelde von der Diktatur des Prole-
tariats, um sie mit Redensarten abzutun. Kautsky machte das durch
plumpe Fälschungen. Vandervelde macht dasselbe raffinierter. In dem ent-
sprechenden Paragraphen, dem Paragraphen 4 über „die Eroberung der
politischen Macht durch das Proletariat“, beschäftigt er sich im Ab-
satz „b“ mit der Frage der „kollektiven Diktatur des Proletariats“,
„zitiert“ er Marx und Engels (wie schon gesagt, läßt er gerade das weg,
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 323
was sich auf das Wichtigste, auf die Zerschlagung der alten, bürgerlich-
demokratischen Staatsmaschine bezieht) und zieht die Schlußfolgerung:
„In sozialistischen Kreisen stellt man sidi gewöhnlich die soziale Revolution
so vor: eine neue Kommune, die dieses Mal siegreich ist, und nicht nur an einer
Stelle, sondern in den Hauptzentren der kapitalistischen Welt.
Eine Hypothese, aber eine Hypothese, an der nichts Unwahrscheinliches ist
in einer Zeit, da man bereits erkennen kann, daß die Nachkriegsperiode in
vielen Ländern unerhörte Klassenantagonismen und soziale Konvulsionen sehen
wird.
Wenn aber der Mißerfolg der Pariser Kommune - ganz zu schweigen von
den Schwierigkeiten der russischen Revolution - auch nur irgend etwas be-
weist, so gerade die Unmöglichkeit, mit der kapitalistischen Gesellschaftsord-
nung Schluß zu machen, bevor das Proletariat genügend vorbereitet ist, die
Macht auszunutzen, die durch die Umstände in seine Hände fallen könnte.“
(S. 73.)
Und absolut nichts weiter über den Kern der Sache !
Das sind sie, die Führer und Repräsentanten der II. Internattonale! Im
Jahre 1912 unterschreiben sie das Basler Manifest, in dem ausdrücklich
über den Zusammenhang eben des Krieges, der 1914 ausbrach, mit der
proletarischen Revolution gesprochen wird, in dem sie geradezu mit der
Revolution drohen. Als aber der Krieg ausgebrochen war und eine revolu-
tionäre Situation sich herausbildete, beginnen sie, diese Kautsky und
Vandervelde, die Revolution mit Redensarten abzutun. Da haben wir’s :
Eine Revolution nach dem Typus der Kommune sei lediglich eine, nicht
unwahrscheinliche Hypothese! Das entspricht völlig den Darlegungen
Kautskys über die Rolle, die die Sowjets möglicherweise in Europa spielen
werden.
Aber so urteilt doch jeder gebildete Liberale, der jetzt ohne Zweifel
zugeben wird, daß eine neue Kommune „nicht unwahrscheinlich“ sei, daß
den -Sowjets eine große Rolle zu spielen bevorstehe usw. Der proletarische
Revolutionär unterscheidet sich vom Liberalen dadurch, daß er als Theo-
retiker eben die neue staatliche Bedeutung der Kommune und der Sowjets
analysiert. Vandervelde verschweigt alles, was Marx und Engels in ihrer
Analyse der Erfahrungen der Kommune ausführlich über dieses Thema
darlegten.
Als Praktiker, als Politiker, müßte ein Marxist zeigen, daß sich jetzt
324
nur Verräter am Sozialismus der Aufgabe entziehen können, die Not-
wendigkeit der proletarischen Revolution (vom Typus der Kommune, der
Sowjets oder, sagen wir, von irgendeinem dritten Typus) zu erklären, die
Notwendigkeit ihrer Vorbereitung zu erläutern, die Revolution in den
Massen zu propagieren, die kleinbürgerlichen Vorurteile gegen die Revo-
lution zu widerlegen usw.
Nichts dergleichen tun Kautsky und Vandervelde, eben weil sie selbst
Verräter am Sozialismus sind, bei den Arbeitern aber den guten Ruf eines
Sozialisten, eines Marxisten bewahren möchten.
Nehmen wir die theoretische Fragestellung.
Der Staat ist auch in der demokratischen Republik nichts als eine Ma-
schine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere. Kautsky kennt
diesen Grundsatz, er erkennnt ihn an und bekennt sich zu ihm, aber . . .
aber er umgeht die grundlegendste Frage, welche Klasse denn, warum und
mit welchen Mitteln vom Proletariat unterdrückt werden soll, wenn es
den proletarischen Staat erkämpft haben wird.
Vandervelde kennt diesen Grundsatz des Marxismus, er erkennt ihn
an, bekennt sich zu ihm und zitiert ihn (S. 72 seines Buches), aber . . .
kein Sterbenswörtchen über das (für die Herren Kapitalisten) „unange-
nehme“ Thema von der Unterdrückung des Widerstands der Ausbeutern
Vandervelde ist ebenso wie Kautsky diesem „unangenehmen“ Thema
vollständig ausgewichen. Und darin besteht auch ihr Renegatentum.
Vandervelde ist ebenso wie Kautsky ein großer Meister im Ersetzen
der Dialektik durch Eklektizismus. Einerseits könne man nicht umhin
anzuerkennen, anderseits dürfe man nicht verkennen. Einerseits kann man
unter Staat „die Gesamtheit einer Nation“ verstehen (siehe das Wörter-
buch von Littre - ein höchst gelehrtes Werk, das kann man wohl sagen -
S. 87 bei Vandervelde), anderseits kann man unter Staat „Regierung“ ver-
stehen (ebenda). Und diese gelehrte Plattheit wird von Vandervelde gut-
geheißen und in einer Reihe mit Zitaten von Marx niedergeschrieben.
Im marxistischen Sinne unterscheidet sich das Wort „Staat" von seiner
Bedeutung im gewöhnlichen Sinne, schreibt Vandervelde. Infolgedessen
sind „Mißverständnisse“ möglich. „Der Staat ist bei Marx und Engels
nicht der Staat im weiteren Sinne, nicht der Staat als Leitungs organ, als
Repräsentant der allgemeinen Interessen der Gesellschaft (interets
generaux de la societö). Es ist der Staat als Machtorgan, der Staat als
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
325
Organ der Autorität, der Staat als Werkzeug der Herrschaft einer Klasse
über eine andere.“ (S. 75/76 bei Vandervelde.)
Von der Beseitigung des Staates reden Marx und Engels lediglich in
diesem zweiten Sinne Allzu absolute Behauptungen könnten Gefahr
laufen, ungenau zu sein. Zwischen dem Staat der Kapitalisten, der auf der
ausschließlichen Herrschaft einer Klasse gegründet ist, und dem Staat des
Proletariats, der das Ziel verfolgt, die Klassen aufzuheben, gibt es viele
Übergangsstufen.“ (S. 156.)
Da haben wir die Vanderveldesche „Manier“, die sich nur ein klein
wenig von der Manier Kautskys unterscheidet, im Wesen jedoch mit ihr
identisch ist. Die Dialektik negiert absolute Wahrheiten, sie stellt den
Wechsel der Gegensätze und die Bedeutung der Krisen in der Geschichte
klar. Der Eklektiker will keine „allzu absoluten“ Behauptungen, um sei-
nen kleinbürgerlichen, philisterhaften Wunsch, die Revolution durch
„Übergangsstufen“ zu ersetzen, anbringen zu können.
Daß die Übergangsstufe zwischen dem Staat als Herrschaftsorgan der
Kapitalistenklasse und dem Staat als Herrschaftsorgan des Proletariats
eben die Revolution ist, die im Sturz der Bourgeoisie und im Zerbredien,
im Zerschlagen der Staatsmaschine der Bourgeoisie besteht, darüber
schweigen die Kautsky und Vandervelde.
Daß die Diktatur der Bourgeoisie abgelöst werden muß von der Dikta-
tur einer Klasse, des Proletariats, daß auf die „Übergangsstufen“ der
Revolution die „Übergangsstufen“ des allmählichen Absterbens des prole-
tarischen Staates folgen, das vertuschen die Kautsky und Vandervelde.
Darin eben besteht ihr politisches Renegatentum.
Darin eben besteht theoretisch, philosophisch gesehen, die Ersetzung
der Dialektik durch Eklektizismus und Sophistik. Die Dialektik ist kon-
kret und revolutionär, den „Übergang“ von der Diktatur einer Klasse zur
Diktatur einer anderen Klasse unterscheidet sie von dem „Übergang“
des demokratischen proletarischen Staates zum Nicht-Staat („das Ab-
sterben des Staates“). Der Eklektizismus und die Sophistik der Kautsky
und Vandervelde verkleistern der Bourgeoisie zuliebe alles Konkrete und
Exakte im Klassenkampf, indem sie den allgemeinen Begriff des „Über-
gangs“ unterschieben, hinter dem man die Abkehr von der Revolution
verbergen kann (und hinter dem neun Zehntel der offiziellen Sozial-
demokraten unserer Epoche diese Abkehr verbergen ) !
326
Vandervelde ist als Eklektiker und Sophist geschickter und. raffinierter
als Kautsky, denn vermittels der Phrase „Übergang vom Staat im engeren
Sinne zum Staat im weiteren Sinne“ kann man alle wie immer gearteten
Fragen der Revolution umgehen, kann man den ganzen Unterschied
zwischen Revolution und Reform, sogar den Unterschied zwischen einem
Marxisten und einem Liberalen umgehen. Denn welchem europäisch ge-
bildeten Bourgeois wird es einfallen, die „Übergangsstufen“ in einem sol-
chen „allgemeinen“ Sinne „schlechthin“ zu verneinen? .
„Ich bin mit Guesde darin einverstanden“, schreibt Vandervelde, „daß es un-
möglich ist, die Produktionsmittel und die Mittel des Austausches zu sozialisieren,
ohne vorher die beiden folgenden Bedingungen erfüllt zu haben.
1. Die Umwandlung des heutigen Staates, des Herrschaftsorgans einer Klasse
über eine andere, in das, was Menger den Volksstaat der Arbeit nennt, im
Wege der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat.
2. Die Trennung des Staates als Autoritätsorgan vom Staat als Leitungsorgan
oder, um einen saint-simonistischen Ausdruck zu gebrauchen, die Trennung der
Regierung über Personen von der Verwaltung von Sachen.“ (89.)
Das läßt Vandervelde in Kursivschrift drucken, um die Bedeutung die-
ser Sätze besonders hervorzuheben. Aber das ist doch reinster eklektischer
Wirrwarr, völliger Bruch mit jdem Marxismus! Der „Volksstaat der
Arbeit“ ist doch lediglich ein Abklatsch des alten „freien Volksstaates“,
mit dem die deutschen Sozialdemokraten in . den siebziger Jahren para-
dierten und den Engels als Unsinn brandmarkte. 122 Der Ausdruck „Volks-
staat der Arbeit“ ist eine Phrase, würdig eines kleinbürgerlichen .Demo-
kraten (nach Art unserer linken Sozialrevolutionäre) - eine Phrase, die
die Klassenbegriffe durch außerhalb der Klassen liegende Begriffe ersetzt.
Vandervelde stellt die Eroberung der Staatsmacht durch das Proletariat
(durch eine Klasse) in eine Reihe mit dem „Volks“staat, ohne zu bemer-
ken, daß dabei ein Wirrwarr entsteht. Bei Kautsky mit seiner „reinen
Demokratie“ kommt genau der gleiche Wirrwarr heraus, das gleiche
antirevolutionäre, kleinbürgerliche Ignorieren der Aufgaben der Klassen-
revolution, der proletarischen Klassendiktatur, des (proletarischen)
Klassenstaates.
Weiter. Die Regierung über Personen wird erst dann verschwinden,
wird erst dann der Verwaltung von Sachen Platz machen, wenn jeglicher
Staat abgestorben sein wird. Mit dieser verhältnismäßig fernen Zukunft
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky
327
verdeckt und verdunkelt Vandervelde die Aufgabe des morgigen Tages:
die Bourgeoisie zu stürzen.
Ein solches Verfahren kommt wiederum der Liebedienerei vor der
liberalen Bourgeoisie gleich. Der Liberale ist bereit, sich darüber aus-
zulassen, was sein wird, wenn die Menschen nicht mehr regiert werden
müssen. Warum sollte man auch nicht derart harmlosen Phantasien nach-
hängen? Aber über die Unterdrückung des Widerstands der Bourgeoisie
durch das Proletariat, der Bourgeoisie, die ihrer Enteignung Widerstand
entgegensetzt - darüber schweigen wir lieber. Das erfordert das Klassen-
interesse der Bourgeoisie.
„Der Sozialismus ist gegen den Staat.“ Das ist eine Verbeugung Van-
derveldes vor dem Proletariat. Eine Verbeugung machen ist nicht schwer,
jeder „demokratische“ Politiker versteht es, vor seinen Wählern zu die-
nern. Aber unter dem Deckmantel der „Verbeugung“ wird ein anti-
revolutionärer, antiproletarischer Inhalt an den Mann gebracht.
Vandervelde gibt ausführlich Ostrogorski 123 wieder und erzählt, wie-
viel Betrug, Gewalt, Korruption, Lüge, Heuchelei und Bedrückung der
Armen sich hinter dem zivilisierten, geleckten, glatten Äußeren der
modernen bürgerlichen Demokratie verbergen. Aber eine Schlußfolgerung
daraus zieht Vandervelde nicht. Daß die bürgerliche Demokratie die
werktätige und ausgebeutete Masse unterdrückt, die proletarische Demo-
kratie jedoch die Bourgeoisie wird unterdrücken müssen, bemerkt er nicht.
Kautsky und Vandervelde sind blind dafür. Das Klasseninteresse der
Bourgeoisie, hinter der diese kleinbürgerlichen Verräter am Marxismus
einhertrotten, fordert, daß diese Frage umgangen, daß sie totgeschwiegen
oder daß die Notwendigkeit einer solchen Unterdrückung direkt ver-
neintwird.
Kleinbürgerlicher Eklektizismus gegen den Marxismus, Sophistik gegen
die Dialektik, philisterhafter Reformismus gegen die proletarische Revo-
lution - so hätte das Buch Vanderveldes betitelt werden müssen.
ENTWURF EINES BESCHLUSSES
ÜBER DIE AUSNUTZUNG DER STAATLICHEN
KONTROLLE 124
Hinsichtlich der Ausnutzung der. Staatlichen Kontrolle bei der Regelung
der Arbeit und Steigerung der Verteidigungsfähigkeit hat sich die Mehr-
heit der Kommission für eine fliegende Kontrolle ausgesprochen, d. h. für
die Entsendung von Gruppen oder Kommissionen mit weitgehenden Voll-
machten zur Revision verschiedenster Institutionen.
, Beizubringen sind konkrete, auf Tatsachen begründete Zahlenangaben,
über welche Kräfte wir verfügen (vor allem Parteimitglieder, dann auch
Parteilose, aber absolut gewissenhafte);, um eine reale Kontrolle durch-
führen zu können. Die Zahl der Fachleute auf den verschiedensten Ge-
bieten; - die Zahl der im Verwaltungswesen und in Leitungsfragen er-
fahrenen. Genossen.
Die Kontrolle hat eine doppelte Aufgabe :
die einfachere besteht in der Überprüfung der Lager, Produkte usw.,
die schwierigere Aufgabe, besteht in der Überprüfung der Richtigkeit
der Arbeit, im Kampf gegen Sabotage und in ihrer völligen Aufdeckung,
in der Überprüfung des Systems der Arbeitsorganisation, in der Siche-
rung maximalster Produktivität der Arbeit usw.
In den Vordergrund zu stellen ist die Verbesserung der Arbeit in den
Kommissariaten für. Ernährungsmesen und für Verkehrswesen.
Geschrieben am 3. Dezember 1918.
Zuerst veröffentlicht 1931.
Nach dem Manuskript.
329
REDE AUF DEM MOSKAUER
GOUVERNEMENTSKONGRESS DER SOWJETS,
DER KOMITEES DER DORFARMUT
UND DER RAYONKOMITEES DER KPR(B)
8. DEZEMBER 1918
Kurzer Zeitungsbericht
(Stürmischer Beifall.) Die Ereignisse der letzten Wochen in
Österreich und Deutschland - sagte Genosse Lenin zu Beginn seiner
Rede - haben gezeigt, daß wir mit der Beurteilung der internationalen
Lage recht hatten, als wir unserer Politik eine genaue, klare und richtige
Einschätzung aller Folgeerscheinungen des vierjährigen Krieges zugrunde
legten, der sich aus einem Krieg, den die Kapitalisten zur Aufteilung der
Beute führten, in einen Krieg verwandelt hat, den sie gegen die Prole-
tarier aller Länder führen. Die Revolution in Westeuropa zu beginnen
war schwer, aber einmal begonnen, marschiert sie rascher, sicherer und
organisierter voran als bei uns.
Auf die Arbeiterbewegung in den anderen Ländern, die uns zu Hilfe
kommt, verweisend, rief Genosse Lenin zur Anspannung aller Kräfte auf
und stellte fest, daß uns jeder Monat, den wir uns um den Preis schwerer
Opfer behaupten, einem bleibenden Siege näher bringt.
Auf die nächsten Aufgaben, die Neuwahlen zu den Amtsbezirks- und
Dorfsowjets eingehend, hob Genosse Lenin hervor, daß wir alle Schwie-
rigkeiten einer von unten beginnenden selbständigen Organisation der
Werktätigen überwinden werden, sobald sich die Einsicht durchsetzt, daß
sich die Macht auf die Arbeiter, die arme Bauernschaft und auf die
Mittelbauernschaft stützen muß, die nach Meinung Wladimir Iljitschs
330
W. I. Lenin
nicht unser Feind ist, sondern nur schwankt und mit der Festigung der
Sowjetmacht auf unsere Seite übergehen wird.
Wir haben ein Werk begonnen - schloß Genosse Lenin das von den
Arbeitern der ganzen Welt zu Ende geführt werden wird. (Anhalten-
der Beifall.)
„Iswestija WZIK " Nr. 271,
11. Dezember 1918.
Nach dem Text der
Jsmestija WZIK".
REDE AUF DEM III.KONGRESS DER
ARBEITERGENOSSENSCHAFTEN 1 ^
9. DEZEMBER 1918
(S t ü r m i s c h e O v a t i o n e n.) Genossen I Die Arbeitergenossenschaf-
ten stehen jetzt vor außerordentlich wichtigen Aufgaben, sowohl auf wirt-
schaftlichem als auch auf politischem Gebiet. Die einen wie die anderen
Aufgaben sind im Sinne des ökonomischen und politischen Kampfes heute
aufs engste miteinander verbunden. Was die nächsten Aufgaben der Ge-
nossenschaften betrifft, so möchte ich die Bedeutung der „Verständigung
mit den Genossenschaften“ hervorheben. Diese- Verständigungspolitik,
über die in letzter Zeit in der Presse so viel gesprochen wurde, unter-
scheidet sich wesentlich vom Begriff eines Paktierens mit der Bourgeoisie,
was Verrat bedeutet. Das Paktieren, von dem wir jetzt sprechen, ist ein
Paktieren ganz besonderer Art. Zwischen dem Übereinkommen der
Sowjetregierung mit Deutschland, das bestimmte Resultate gezeitigt hat,
und einem für das Land äußerst schädlichen und verhängnisvollen Pak-
tieren, einem Paktieren der Arbeiterklasse mit der Bourgeoisie, besteht
ein riesiger Unterschied. Ich meine den völligen Verrat sowohl am Klassen-
kampf als auch an den Grundprinzipien des Sozialismus unter dem Deck-
mantel dieses Paktierens. Für Sozialisten, die sich den Kampf gegen Bour-
geoisie und Kapital zu ihrer ganz bestimmten Aufgabe gemacht, haben,
ist dieser Unterschied selbstverständlich.
Wir wissen sehr wohl, daß es für unseren Klassenkampf nur eine ein-
zige Entscheidung geben kann: Anerkennung entweder der Macht des
Kapitals oder der Macht der Arbeiterklasse. Wir wissen, daß alle Ver-
suche der kleinbürgerlichen Parteien, im Lande eine eigene Politik fest-
zulegen und zu betreiben, von vornherein zu einem völligen Fiasko ver-
urteilt sind. Wir haben deutlich beobachten können und miterlebt, wie
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W. I. Lenin
diese oder jene kleinbürgerlichen Parteien oder Gruppen verschiedentlich
versuchten, ihre Politik zu betreiben, und wir sehen, daß alle diese Ver-
suche der Zwischenschichten scheitern müssen. Auf Grund ganz bestimm-
ter Umstände sind in Rußland nur zwei zentrale Kräfte an völlig ent-
gegengesetzten Polen in der Lage, ihre Herrschaft auszuüben, nur sie
können die Geschicke Rußlands in die eine oder andere Richtung lenken.
Ich gehe sogar weiter: die ganze Welt wird von der einen oder der an-
deren dieser zentralen Kräfte gestaltet und gelenkt. In bezug auf Rußland
kann man mit Bestimmtheit sagen, daß sich hier kraft dieser oder jener
ökonomischen Bedingungen nur eine dieser Kräfte an die Spitze der Be-
wegung stellen kann. Die übrigen Kräfte, die Zwischenschichten, sind
zahlenmäßig stark, doch können sie im Leben des Landes nie eine ent-
scheidende Rolle spielen.
Gegenwärtig muß sich die Sowjetmacht damit befassen, zwischen den
Genossenschaften und der Sowjetmacht eine Verständigung herbeizu-
führen. Im April sind wir von den Zielen abgewichen, die wir uns vor-
genommen hatten, und haben Zugeständnisse gemacht. Natürlich sollten
in einem Lande, in dem alle Klassen aufgehoben werden, keine klassen-
gebundenen Genossenschaften bestehen, aber ich wiederhole, die zeit-
bedingten Verhältnisse machten eine gewisse Verzögerung erforderlich,
und wir haben dies durch einen Aufschub von etlichen Monaten erreicht.
Nichtsdestoweniger wissen wir aber alle, daß die Staatsmacht im Lande
nie die Position räumen wird, die sie jetzt einnimmt. Wir mußten dieses
Zugeständnis machen, weil wir damals in der ganzen Welt allein da-
standen, und unser Zugeständnis erklärt sich aus den Schwierigkeiten
unserer Arbeit. Infolge der ökonomischen Aufgaben, die das Proletariat
auf sich genommen hat, mußten wir gewissen Gewohnheiten der klein-
bürgerlichen Schichten Rechnung tragen und sie bewahren. Hier geht es
in der Hauptsache darum, auf welchem Wege auch immer zu erreichen,
daß das Tun der Masse der Werktätigen und Ausgebeuteten geleitet und
koordiniert wird. Wir müssen fortwährend vor Augen haben, was das
Proletariat von uns fordert Die Volksmacht muß damit rechnen, daß sich
die verschiedenen Schichten des Kleinbürgertums immer stärker und
stärker der an der Macht befindlichen Arbeiterklasse anschließen werden,
wenn das Leben schließlich und endlich gezeigt haben wird, daß es keine
Wahl gibt, daß alle Hoffnungen auf einen Mittelweg bei der Entschei-
Rede auf dem III. Kongreß der Arbeitergenossenschaften
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düng über die staatliche Einrichtung in unserem Lande endgültig zerstört
sind. Alle die schönen Losungen wie Volkswille, Konstituierende Versamm-
lung und dergleichen mehr, mit denen alle halben Maßnahmen bemäntelt
wurden, waren mit einem Male hinweggefegt, sobald sich der wirkliche
Volkswille kundzutun begann. Sie sehen selbst, wie es gekommen ist, wie
alle diese Losungen, die Losungen halber Maßnahmen, wie Spreu im
Winde zerstoben sind. Und heute sehen wir, daß das nicht nur in Rußland
geschieht, sondern auch im Maßstab der ganzen Weltrevolution.
Ich möchte den Unterschied darlegen zwischen dem Paktieren, das in
der ganzen Arbeiterklasse einen so glühenden Haß hervorgerufen hat,
und der Verständigung, die wir jetzt fordern: Verständigung mit der ge-
samten Kleinbauemschaft, mit dem gesamten Kleinbürgertum. Als wir
zur Zeit des Brester Friedens die überaus schweren Bedingungen dieses
Friedensvertrags annahmen, sagte man uns, es gäbe keine Hoffnung auf
die Weltrevolution und es könne sie auch nicht geben. Wir standen in
der ganzen Welt völlig allein da. Wir wissen, daß damals, im Zusammen-
hang mit dem Brester Frieden, viele Parteien von uns abrückten und auf
die Seite der Bourgeoisie übergingen. Damals haben wir viel Schweres
erlebt- Wenige Monate später hat das Leben gezeigt, daß es keine Wahl
gibt und auch nicht geben kann, daß es keinen Mittelweg gibt.
Als die deutsche Revolution ausbrach, wurde es allen klar, daß die
Revolution in der ganzen Welt heraufzieht, daß England, Frankreich und
Amerika gleichfalls denselben Weg gehen - unseren Weg! Als unsere
kleinbürgerlichen demokratischen Schichten ihren Schutzherren nach-
liefen, begriffen sie nicht, wohin diese sie führen, begriffen sie nicht, daß
sie auf dem kapitalistischen Wege geführt werden. Jetzt sehen wir am Bei-
spiel der deutschen Revolution, daß diese Repräsentanten der Demokratie,
diese Schutzherren der Demokratie, diese Herren Wilson und Co., einem
besiegten Volk ihre Verträge aufzwingen, die noch schlimmer sind als der
Brester Vertrag, den man uns aufgezwungen hatte. Wir sehen klar, daß
jetzt, wo die Ereignisse im Westen ins Rollen gekommen sind, wo sich
die Situation verändert hat, die internationale Demagogie vor dem Bank-
rott steht. Das Gesicht einer jeden Nation ist jetzt klar erkenntlich.
Jetzt sind die Masken heruntergerissen, und alle Illusionen sind zer-
schmettert durch einen so schweren Rammbock, wie es der Rammbock
der Weltgeschichte ist.
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W. I. Lenin
Natürlich muß die Sowjetmacht bei solchen schwankenden Elementen,
wie sie in Übergangszeiten stets zu finden sind, ihre ganze Autorität
und ihren ganzen Einfluß geltend machen, um die Aufgaben zu erfüllen,
die wir jetzt stellen, mit denen wir unsere schon im April eingeleitete
Politik unterstützen. Damals haben wir die Ziele, die wir uns gesteckt
haben, für eine gewisse Zeit zurückgestellt, damals haben wir ganz be-
wußt und offen eine Reihe von Zugeständnissen gemacht.
Hier wurde die Frage aufgeworfen, an welchem Punkte unseres Weges
wir uns gerade befinden. Heute sieht ganz Europa klar und deutlich, daß
an unserer Revolution schon nicht mehr experimentiert wird, und ihre
- der zivilisierten Völker - Haltung uns gegenüber hat sich geändert.
Sie haben eingesehen, daß wir in diesem Sinne ein neues, gewaltiges Werk
vollbringen, daß wir es dabei besonders schwer haben, weil wir fast die
ganze Zeit hindurch völlig allein und vom internationalen Proletariat
völlig vergessen dastanden. In diesem Sinne sind wir auch von vielen
ernsten Fehlern nicht verschont geblieben, die wir auch gar nicht ver-
heimlichen. Selbstverständlich mußten wir den Zusammenschluß der ge-
samten Bevölkerung anstreben, durften wir keine Zwietracht hervor-
rufen. Wenn wir das bisher nicht getan haben, so müssen wir doch ein-
mal damit anfangen. Wir haben schon mit vielen Organisationen eine
Verschmelzung durchgeführt. Jetzt müssen die Arbeitergenossenschaften
mit den Sowjetorganisationen verschmolzen werden. Im April dieses
Jahres haben wir das zu organisieren begonnen, um auf dem Wege der
Erfahrungen voranzugehen, um die bei uns angesammelten gesellschaft-
lichen und politischen Kräfte in der Praxis zu verwenden. Wir haben die
Organisation der Versorgung und Verteilung der Bedarfsartikel für die
ganze Bevölkerung in Angriff genommen. Wir sind darangegangen und
mußten jeden unserer Schritte überprüfen, denn in unserem in wirt-
schaftlicher Hinsicht rückständigen Lande war das eine besonders schwie-
rige Angelegenheit. Im April haben wir begonnen, uns mit den Genossen-
schaften zu verständigen, und das Dekret über die völlige Verschmelzung
und die Organisation der Versorgung und Verteilung beruht auf der
gleichen Grundlage. Wir wissen, daß es die Reibungen, auf. die mein
Vorredner unter Berufung auf Petersburg hingewiesen hat, nahezu über-
all gibt. Wir wissen, daß sich diese Reibungen gar nicht vermeiden lassen,
denn der Zeitpunkt tritt ein, wo zwei völlig verschiedene Apparate auf-
Rede auf dem III. Kongreß der Arbeitergenossenschaften
335
einandertreffen und miteinander verschmelzen, doch wissen wir auch, daß
das unvermeidlich ist und wir es überwinden müssen. Ebenso müssen auch
Sie begreifen, daß der Widerstand, den die Arbeitergenossenschaften so
lange geleistet haben, letzten Endes bei der Sowjetmacht Mißtrauen, und
zwar durchaus berechtigtes Mißtrauen, erweckt hat.
Sie sagen: Wir wollen Unabhängigkeit. Es ist durchaus natürlich, daß
jeder, der mit einer solchen Losung kommt, Mißtrauen erwecken kann.
Klagt man über Reibungen und will man, daß sie verschwinden, so muß
man sich vor allem von der Unabhängigkeitsidee frei machen, weil jeder,
der sie vertritt, zu einer Zeit, da alle zu immer engerem Zusammenschluß
streben, schon dadurch ein Gegner der Sowjetmacht ist. Sobald sich erst
einmal der Zusammenschluß der Arbeitergenossenschaften mit der So-
wjetmacht vollzogen haben wird - ein vollkommen offener und ehrlicher
Zusammenschluß -, werden diese Reibungen zu verschwinden beginnen.
Ich verstehe sehr wohl, wenn sich zwei Gruppen zu einer vereinigen,
kommt es in der ersten Zeit bei der Arbeit noch zu gewissen Unstimmig-
keiten, aber mit der Zeit, sobald sich die herangezogene Gruppe das Ver-
trauen der Gruppe erwirbt, die sie herangezogen hat, verschwinden all-
mählich alle diese Reibungen. Bleiben aber diese beiden Gruppen getrennt
bestehen, so sind ständige Kompetenzstreitigkeiten möglich. Eins verstehe
ich nicht - was soll hier die Unabhängigkeit? Wir stehen doch alle auf
dem Standpunkt, daß die ganze Gesellschaft, sowohl was die Versorgung
als auch was die Verteilung betrifft,' eine einzige große Genossenschaft
bilden muß. Wir alle stehen auf dem Standpunkt, daß die Genossenschaft
eine der sozialistischen Errungenschaften ist. Darin besteht die große
Schwierigkeit sozialistischer Errungenschaften - darin besteht die Schwie-
rigkeit des Sieges und die Aufgabe, deren Lösung er erfordert. Der
Kapitalismus hat die einzelnen Bevölkerungsschichten vorsätzlich vonein-
ander getrennt. Diese Trennung muß endgültig und unwiderruflich ver-
schwinden, und die ganze Gesellschaft muß eine einheitliche Genossen-
schaft der Werktätigen bilden. Von einer Unabhängigkeit einzelner
Gruppen kann und darf keine Rede sein.
Ich habe soeben davon gesprochen, daß eine solche Genossenschaft eine
Aufgabe ist, deren Lösung der Sieg des Sozialismus erfordert. Deshalb
sagen wir, was immer für Differenzen in Teilfragen bei uns auch be-
stehen mögen, wir werden uns auf keinerlei Paktieren mit dem Kapitalis-
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W. I. Lenin
mus einlassen, wir werden keinen Fußbreit von den Prinzipien unseres
Kampfes abgehen. Die Verständigung, die wir jetzt mit einzelnen Klas-
senschichten der Gesellschaft herbeiführen, ist eine Verständigung nicht
mit der Bourgeoisie und nicht mit dem Kapital, sondern mit einzelnen
Trupps des Proletariats und der Demokratie. Diese Verständigung brau-
chen wir nicht zu fürchten, da alle Unstimmigkeiten zwischen diesen
Schichten im Feuer der Revolution völlig und spurlos verschwinden wer-
den. Jetzt ist nur eins nötig: das einmütige Streben, offenen Herzens zu
dieser einheitlichen Weltgenossenschaft zu kommen. Was die Sowjet-
macht getan und was bisher die Genossenschaft geleistet hat, muß ver-
einigt werden. Das ist der Inhalt des jüngsten Dekrets der Sowjetmacht.
So sind auch vielerorts die Vertreter der Sowjetmacht an die Sache heran-
gegangen, ohne unsere Dekrete abzuwarten. Das große Werk, das die
Genossenschaften geleistet haben, muß unbedingt mit jenem großen
Werk vereinigt werden, das die Sowjetmacht vollbracht hat. Alle für ihre
Freiheit kämpfenden Bevölkerungsschichten müssen in einer einzigen
festen Organisation zusammengefaßt werden. Wir wissen, daß wir viele
Fehler gemacht haben, besonders in den ersten Monaten nach der Ok-
toberrevolution. Jetzt aber werden wir uns bemühen, im Laufe der Zeit
in der Bevölkerung völlige Einigkeit und Übereinstimmung zu schaffen.
Dazu ist aber notwendig, daß alles der Sowjetmacht unterstellt wird und
daß alle Illusionen von einer „Unabhängigkeit“ sowohl einzelner Schich-
ten als auch der Arbeitergenossenschaften möglichst rasch überwunden
werden. Diese Hoffnung auf „Unabhängigkeit“ kann es nur dort geben,
wo vielleicht noch Hoffnung auf eine Rückkehr zur Vergangenheit besteht
Früher haben die westlichen Völker uns und unsere ganze revolutio-
näre Bewegung als Kuriosum betrachtet. Sie sagten: Mag dieses Volk ge-
trost Unfug treiben, wir werden ja sehen, was dabei herauskommt . . .
Ein sonderbares Volk, diese Russen.
Und eben dieses „sonderbare russische Volk“ hat der ganzen Welt
gezeigt, was bei seinem „Unfugtreiben“. herauskommt. (Beif all.)
Heute, wo die deutsche Revolution begonnen hat, sagte ein auslän-
discher Konsul zu Sinowjew: „Es ist noch nicht heraus, wer aus dem
Brester Frieden größeren Nutzen gezogen hat. Sie oder wir.“
Er hat das gesagt, weil das alle sagen. Alle haben gesehen, daß dies
nur der Anfang der großen Weltrevolution ist. Und diesen Anfang der
Rede auf dem III. Kongreß der Arbeitergenossenschaften
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großen Revolution haben wir, das rüdeständige „sonderbare“ russische
Volk gemacht . . . Man muß schon sagen, daß die Geschichte seltsame
Wege geht; einem rückständigen Lande wurde die Ehre zuteil, an der
Spitze der großen Weltbewegung zu marschieren. Und die Bourgeoisie
der ganzen Welt sieht diese Bewegung und versteht sie. Deutschland,
Belgien, die Schweiz und Holland sind von diesem Brand erfaßt.
Mit jedem Tag gewinnt diese Bewegung immer mehr an Boden, und
mit jedem Tag wächst und erstarkt auch die revolutionäre Sowjetregie-
rung. Deshalb hat die Bourgeoisie jetzt in ihrer Haltung zu diesen Fragen
einen völlig anderen Weg eingeschlagen. Deshalb kann zu einer Zeit,
wo die Axt an die Wurzeln des Weltkapitalismus gelegt worden ist, von
der Unabhängigkeit einzelner Parteien überhaupt keine Rede sein. Das
beste Beispiel dafür liefert uns Amerika. Amerika ist eins der demokra-
tischsten Länder, eine riesige demokratische soziale Republik. Wo denn
sonst, wenn nicht dort, in jenem Lande, das alle Wahlrechte, alle Rechte
eines freien Staates besitzt, sollten alle Rechtsfragen richtig entschieden
werden? Wir wissen aber, was man dort, in dieser demokratischen Re-
publik, mit einem Geistlichen gemacht hat: Man hat ihn mit Teer über-
gossen und solange geschlagen, bis der Teer sich mit dem Blut vermischte.
Und das geschah in einem freien Lande, in einer demokratischen Repu-
blik. Und die „humanen“, „menschenfreundlichen“ Wilson-Tiger und
Co. haben das zulassen können. Und was stellen die Wilson jetzt mit
dem besiegten Deutschland an? So rollt vor unser aller Augen das Bild
der internationalen Beziehungen ab ! Das Bild, aus dem wir klar und deut-
lich sehen, was die Herren Wilson ihren eigenen Freunden vorschlagen,
ist millionen- und trillionenfach überzeugender. Unsere Sache würden
die Herren Wilson im Handumdrehen zu Ende bringen. Diese Herren
- die freien Milliardäre, die „humansten“ Menschen auf der ganzen
Welt - würden es ihren Freunden im Handumdrehen abgewöhnen, an
irgendeine „Unabhängigkeit“ zu denken, geschweige denn, davon zu
reden. Sie würden Sie klar und bestimmt vor das Dilemma stellen: ent-
weder sind Sie für die kapitalistische Ordnung, oder Sie sind für die
Sowjets. Sie würden sagen: Sie müssen so und so handeln, weil wir, Ihre
Freunde, Ihnen das sagen - die Engländer und die Amerikaner, die Wil-
son und die Franzosen - die Freunde von Clemenceau.
Deshalb dürfen Sie sich absolut keine Hoffnungen auf die Erhal-
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W. I. Lenin
tung irgendeiner Unabhängigkeit machen. Das wird nicht sein, und
davon träumen, ist hoffungslös. Zu einer Zeit, wo einerseits mit aller
Bestimmtheit die Frage aufgeworfen wird, sein Eigentum zu bewahren,
und anderseits das Proletariat seinen Weg gefunden hat, kann es schon
keinen Mittelweg mehr geben. Das Leben muß sich entweder fest mit
dem Kapital verflechten oder noch fester mit der Sowjetrepublik. Einem
jeden ist es vollkommen klar, daß für den Sozialismus die Epoche seiner
Verwirklichung angebrochen ist. Jedermann versteht, daß es ganz unmög-
lich ist, die kleinbürgerlichen Maximen aufrechtzuerhalten oder zu be-
haupten, wenn man der ganzen Bevölkerung das Wahlrecht gibt. Viel-
leicht machen sich die Herren Wilson noch diese Hoffnungen, d. h., diesen
Hoffnungen geben sie sich nicht hin, aber sie bemühen sich, ihre eigenen
Ziele durch die Verbreitung derartiger Illusionen zu beschönigen, doch
muß ich sagen, daß Sie jetzt nur wenige Leute finden werden, die diesen
Märchen Glauben schenken, und wenn es noch solche Leute gibt, so sind
das historische Raritäten, Kuriosa, die ins Museum gehören. (Beifall.)
Ich muß hier sagen, daß Sie mit Ihren Differenzen hinsichtlich der
Wahrung der „Unabhängigkeit“ der Genossenschaften von Anfang an
etwas versucht haben, was ohne jede Hoffnung auf eine positive Lösung
enden muß. Das ist kejn ernsthafter Kampf, und er widerspricht den
Prinzipien der Demokratie. Über letzteres braucht man sich allerdings
nicht zu wundem, denn die Wilson sind ja auch „Demokraten“. Sie sagen,
daß sie nur noch eine Vereinigung vorzunehmen brauchten, denn sie hät-
ten so viele Dollar, daß sie dafür ganz Rußland, ganz Indien und die
ganze übrige Welt kaufen werden. Wilson steht an der Spitze dieser
ganzen Gesellschaft, sie haben die Taschen voller Dollar, und darauf
gestützt können sie davon reden, daß sie Rußland, Indien und alles übrige
aufkaufen werden. Sie vergessen aber, daß die wesentlichen Fragen im
internationalen Maßstab Völlig anders entschieden werden, daß ihre
Argumente nur in einem bestimmten Kreis, nur in einer bestimmten
Schicht Eindruck machen können. Sie vergessen, daß die Entschließungen,
die täglich von der stärksten Klasse der Welt angenommen werden und
die zweifellos auch unser Kongreß einstimmig annehmen wird, die Dik-
tatur allein des Proletariats in der ganzen Welt begrüßen. Mit der An-
nahme dieser Entschließung betritt unser Kongreß den Weg, auf dem
es zu der „Unabhängigkeit“, von der hier heute die Rede ist, schon keine
Rede auf dem III. Kongreß der Arbeitergenossenschaften 339
Brücke mehr gibt und auch nicht geben kann. Sie wissen, daß Karl Lieb-
knecht nicht nur zur kleinbürgerlichen Bauernschaft in bestimmter Oppo-
sition stand, er stand auch in Opposition zur Genossenschaft. Sie wissen,
daß Scheidemann und Co. ihn deswegen für einen Phantasten und Fana-
tiker halten, und nichtsdestoweniger haben Sie ihn begrüßt, wie Sie auch
Maclean begrüßt haben. Durch diese Solidaritätsbekundung für die gro-
ßen internationalen Führer haben Sie alle Brücken hinter sich abgebro-
chen. Sie müssen fest auf Ihren Positionen stehen, denn heute verteidigen
Sie nicht nur sich selbst, nicht nur Ihre Rechte, sondern auch die Rechte
Liebknechts und Macleans. Ich habe oft gehört, wie die russischen Men-
schewiki Vereinbarungen verurteilten, wie sie gegen jene wetterten, die
mit den Lakaien des deutschen Kaisers Vereinbarungen trafen. Und nicht
nur die russischen Menschewiki haben da gesündigt. Die ganze Welt hat
auf uns mit Fingern gezeigt und uns das harte Wort „Paktierer“ entgegen-
geschleudert. Jetzt aber, da die Weltrevolution begonnen hat, da sie mit
Haase und Kautsky verhandeln müssen, jetzt haben wir das Recht, zur
Charakterisierung unserer Lage mit dem hübschen russischen Sprüchlein
zu sagen: „Nachdem wir wissen, was geschah, wie stehn wir, Freundchen,
heute da!“
Wir kennen unsere Mängel, und es ist leicht, auf sie zu verweisen.
Doch sieht das alles, von außen betrachtet, ganz anders aus, als es in
Wirklichkeit ist. Sie wissen, es gab eine Zeit, wo sich in den anderen
Parteien kein Mensch fand, der unser Verhalten und unsere Politik nicht
verurteilt hätte, doch heute gibt es ganze Parteien, die zu uns gekommen
sind und mit uns Zusammenarbeiten wollen. 126 Das Rad der internationa-
len revolutionären Bewegung hat sich jetzt so gedreht, daß wir absolut
keine Verständigungspolitik zu fürchten brauchen. Und ich glaube, daß
auch unser Kongreß den richtigen Ausweg aus der gegebenen Situation
finden wird. Es gibt aber bloß einen Ausweg - die Verschmelzung der
Genossenschaften mit der Sowjetmacht. Sie wissen, daß England, Frank-
reich, Amerika und Spanien in allen unseren Handlungen nur Experi-
mente gesehen haben, doch heute sehen sie das anders: sie sehen nach, ob
in ihren eigenen Staaten alles in Ordnung ist. Gewiß, vom physischen, ma-
teriellen, finanziellen Standpunkt aus sind sie bedeutend stärker als wir,
doch ungeachtet ihres äußeren Glanzes wissen wir, daß sie innerlich der
Fäulnis ausgesetzt sind ; sie Sind heute stärker als wir, doch ist das solch
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W. I. Lenin
eine Kraft und Macht wie die Deutschlands zur Zeit des Brester Frie-
densschlusses. Und was sehen wir jetzt? Damals sind absolut alle von uns
abgerückt. Jetzt aber verteidigen wir mit jedem Monat, den wir für die
Festigung der Sowjetrepublik kämpfen, nicht nur uns selbst, sondern auch
das von Liebknecht und Maclean begonnene Werk, und wir sehen be-
reits, wie England, Frankreich, Amerika und Spanien von der gleichen
Krankheit befallen, von dem gleichen Feuer erfaßt werden wie Deutsch-
land - vom Feuer des allumfassenden weltweiten Kampfes der Arbeiter-
klasse gegen den Imperialismus. (Anhaltender Beifall.)
Ein kurzer Bericht wurde am
10. Dezember 1918 in den
.Ismestija WZIK" Nr. 270
veröffentlicht.
Zuerst vollständig veröffentlicht 1919. Nach dem Stenogramm.
REDE.
AUF DEM I. GESAMTRUSSISCHEN KONGRESS
DER LANDABTEILUNGEN,
DER KOMITEES DER DORFARMUT
UND DER KOMMUNEN 127
11. DEZEMBER 1918
(Lebhafter, in Ovationen, übergehender Beifall. Alle
erheben sich von den Plätzen.) Genossen! Schon die Zusam-
mensetzung dieses Kongresses läßt meines Erachtens die ernsthafte Wand-
lung und den großen Schritt vorwärts erkennen, den wir, die Sowjet-
republik, im sozialistischen Aufbau, insbesondere auf landwirtschaft-
lichem Gebiet, auf dem Gebiet der Agrarverhältnisse, der wichtigsten für
unser Land, getan haben. Dieser Kongreß vereinigt die Vertreter der
Landabteilungen, der Komitees der Dorfarmut und der landwirtschaft-
lichen Kommunen, und diese Zusammensetzung zeigt, daß unsere Revo-
lution in kurzer Zeit, binnen eines Jahres, schon ein großes Stück voran-
gekommen ist in der Umgestaltung der Verhältnisse, die sich am schwie-
rigsten umgestalten lassen, die in allen früheren Revolutionen die Sache
des Sozialismus am meisten gehemmt haben und der gründlichsten Umge-
staltung bedürfen, damit der Sieg des Sozialismus gesichert werden kann.
Das erste Stadium, die erste Phase in der Entwicklung unserer Revolu-
tion nach dem Oktober, stand hauptsächlich im Zeichen des Sieges über
den gemeinsamen Feind der ganzen Bauernschaft, des Sieges über die
Gutsbesitzer.
Genossen, es ist Ihnen allen sehr wohl bekannt, daß schon die Februar-
revolution - die Revolution der Bourgeoisie, die Revolution der Pak-
tierer - den Bauern diesen Sieg über die Gutsbesitzer versprochen hatte
und daß sie ihr Versprechen nicht gehalten hat. Erst der Oktoberumsturz,
erst der Sieg der Arbeiterklasse in den Städten, erst die Sowjetmacht hat
es ermöglicht, ganz Rußland von einem Ende bis zum anderen tatsächlich
342
W. I. Lenin
zu erlösen vom Krebsschaden des alten Erbes der Leibeigenschaft, von
der alten fronherrlichen Ausbeutung, vom Großgrundbesitz und vom
Joch der Gutsbesitzer, das auf der Bauernschaft als Ganzem, auf allen
Bauern ohne Unterschied lastete.
Zu diesem Kampf gegen die Gutsbesitzer mußten sich zwangsläufig
alle Bauern erheben, und sie erhoben sich auch. Dieser Kampf schloß die
arme werktätige Bauernschaft, die nicht von der Ausbeutung fremder
Arbeitskraft lebt, zusammen. Dieser Kampf vereinigte auch den wohl-
habenden, ja sogar den reichsten Teil der Bauernschaft, der nicht ohne
Lohnarbeit auskommt.
Solange unsere Revolution noch mit dieser Aufgabe beschäftigt war,
solange wir noch alle Kräfte anspannen mußten, damit die selbständige
Bewegung der Bauern mit Hilfe der Arbeiterbewegung in den Städten
die Macht der Gutsbesitzer tatsächlich hinwegfegt und endgültig vernich-
tet - solange blieb die Revolution eine Revolution der gesamten Bauern-
schaft und konnte deshalb über den bürgerlichen Rahmen nicht hinaus-
gehen.
Noch ließ sie den stärkeren, den neueren Feind aller Werktätigen, das
Kapital, unangetastet. Daher lief sie Gefahr, ebenso auf halbem Wege
stehenzubleiben wie die meisten Revolutionen in Westeuropa, wo es
dank dem zeitweiligen Bündnis der Arbeiter in den Städten mit der ge-
samten Bauernschaft zwar gelang, die Monarchie zu stürzen, die Reste
des Mittelalters hinwegzufegen, den gutsherrlichen Grundbesitz oder die
Macht der Gutsbesitzer mehr oder weniger gründlich zu zerstören, wo
es aber nie gelungen ist, die eigentlichen Grundlagen der Kapitalsherr-
schaft in ihrer Wurzel zu treffen.
Und dieses weit wichtigere und schwierigere Werk hat unsere Revolu-
tion nunmehr seit diesem Sommer und Herbst in Angriff genommen. Die
Welle der konterrevolutionären Aufstände, die diesen Sommer über unser
Land ging, als sich dem Feldzug der westeuropäischen Imperialisten gegen
Rußland, dem Feldzug ihrer Söldlinge, der Tschechoslowaken, alles an-
schloß, was es an Ausbeuter- und Unterdrückerelementen in der rus-
sischen Wirklichkeit gibt - diese konterrevolutionäre Aufstandswelle hat
auf dem flachen Lande neue Strömungen und neues Leben wachgerufen.
Alle diese Aufstände vereinigten in der Praxis, im verzweifelten
Kampf gegen die Sowjetmacht, sowohl die europäischen Imperialisten und
Rede auf dem I. Gesamtnissisdien Kongreß der Landabteilungen 343
ihre Söldlinge, die Tschechoslowaken, als' auch alles, was in Rußland noch
auf seiten der Gutsbesitzer und Kapitalisten verblieben war. Und ihnen
schloß sich auch das gesamte Kulakentum im Dorfe an.
Das Dorf hörte auf, ein einheitliches Ganzes zu sein. Dasselbe Dorf,
das wie ein Mann gegen die Gutsbesitzer gekämpft hatte, spaltete sich in
zwei Lager: das Lager der werktätigen armen Bauernschaft, die gemein-
sam mit den Arbeitern unbeirrt den Weg zur Verwirklichung des Sozialis-
mus fortsetzte und vom Kampf gegen die Gutsbesitzer überging zum
Kampf gegen das Kapital, gegen die Herrschaft des Geldes, damit die
große Umwälzung in den Agrarverhältnissen nicht von den Kulaken aüs-
genutzt werde, und das Lager der wohlhabenderen Bauern. Dieser
Kampf hat den endgültigen Bruch der besitzenden, der ausbeutenden
Klassen mit der Revolution bewirkt und unsere Revolution ganz auf die
sozialistischen Bahnen umgeleitet, in die sie zu lenken sich das städtische
Proletariat im Oktober fest und entschlossen vorgenommen hat, in die
jedoch die Arbeiterklasse die 'Revolution niemals siegreich lenken kann,
wenn sie nicht auf dem flachen Lande eine bewußte, geschlossene Unter-
stützung findet.
Darin eben besteht die Bedeutung der Umwälzung, die sich in diesem
Sommer und Herbst selbst in den entlegensten Winkeln des bäuerlichen
Rußlands vollzogen hat, ohne Lärm, nicht so deutlich erkennbar und
allen in die Augen fallend wie die Umwälzung im Oktober vorigen Jah-
res, die aber noch unvergleichlich tiefere und größere Bedeutung hat.
Die Bildung der Komitees der Dorfarmut auf dem Lande war der
Wendepunkt; sie hat gezeigt, daß die Arbeiterklasse der Städte, die sich
im Oktober mit der gesamten Bauernschaft vereinigt hatte, um den Haupt-
feind des freien, werktätigen und sozialistischen Rußlands zu zerschlagen,
um die Gutsbesitzer zu zerschlagen, von dieser Aufgabe an die bedeu-
tend schwierigere und historisch größere, wirklich sozialistische Aufgabe
herangegangen ist, den bewußten sozialistischen Kampf auch ins Dorf
zu tragen, auch auf dem flachen Lande das Bewußtsein zu wecken. Die
gewaltige Umwälzung in den Agrarverhältnissen - die im Oktober ver-
kündete Abschaffung des Privateigentums an Grund und Boden, die pro-
klamierte Sozialisierung des Bodens -, diese Umwälzung wäre unver-
meidlich bloß auf dem Papier geblieben, hätten die städtischen Arbeiter
nicht das ländliche Proletariat, die Dorfarmut, die werktätige Bauern^
23 Lenin, Werke, Bd. 2S
344
W. J. Lenin
Schaf t zum Leben erweckt, diese überwältigende Mehrheit, die gleich der
Mittelbauernschaft keine fremde Arbeitskraft ausbeutet, an der Aus-
beutung nicht interessiert und daher fähig ist, weiterzugehen - und jetzt
auch weitergegangen ist - vom gemeinsamen Kampf gegen die Guts-
besitzer zum gesamtproletarischen Kampf gegen das Kapital, gegen die
Herrschaft der Ausbeuter, die sich auf die Macht des Geldes, auf die
Macht ihrer Mobilien stützen, weiterzugehen von der Säuberung Ruß-
lands von den Gutsbesitzern zum Aufbau der sozialistischen Ordnung.
Dieser Schritt, ;Genossen, ist mit den größten Schwierigkeiten verbun-
den. Hinsichtlich dieses Schrittes prophezeiten uns alle, die am soziali-
stischen Charakter unserer Revolution zweifelten, ein unvermeidliches
Fiasko, und von diesem Schritt hängt heute das ganze sozialistische Auf-
bauwerk auf dem Lande ab. Die Bildung der Komitees der Dorfarmut,
das dichte Netz dieser Komitees, das sich über ganz Rußland ausgebreitet
hat, die jetzt bevorstehende und zum Teil bereits begonnene Umgestal-
tung dieser Komitees in machtbefugte Dorfsowjets, die auf dem Lande
die Grundprinzipien des Sowjetaufbaus - der Herrschaft der Werktäti-
gen - verwirklichen sollen, das eben bietet die eigentliche Gewähr dafür,
daß wir unsere Arbeit nicht darauf beschränkten, worauf sich die ge-
wöhnlichen bürgerlich-demokratischen Revolutionen in den westeuro-
päischen Ländern beschränkt haben. Nach Vernichtung der Monarchie
und der mittelalterlichen Macht der Gutsherren gehen wir jetzt zum
eigentlichen sozialistischen Aufbauwerk über. Dieses Werk ist auf dem
Lande das schwierigste, aber zugleich auch das wichtigste. Das ist die
dankbarste Arbeit. Wenn es gelungen ist, unmittelbar auf dem Lande
das Bewußtsein des werktätigen Teils der Bauernschaft zu wecken, wenn
eben dieser Teil durch die Welle der kapitalistischen Aufstände endgüLtig
von den Interessen der Kapitalistenklasse losgelöst worden ist, wenn die
werktätige Bauernschaft in den Komitees der Dorfarmut und in den So-
wjets, die jetzt umgestaltet werden, sich immer enger und enger mit der
städtischen Arbeiterschaft zusammenschließt, so sehen wir darin die ein-
zige und zugleich sicherste und zweifellos feste. Gewähr dafür, daß das
sozialistische Aufbauwerk heute in Rußland erstarkt ist. Heute hat es
auch in der riesigen Masse der ackerbautreibenden Landbevölkerung eine
Basis gewonnen.
Ohne Zweifel, in einem Bauernland wie Rußland ist der sozialistische
Rede auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß der Landabteilungen 345
Aufbau eine sehr schwierige Aufgabe. Ohne Zweifel, ein Feind wie der
Zarismus, wie die Herrschaft der Gutsbesitzer, wie der gutsherrliche
Grundbesitz, konnte verhältnismäßig leicht hinweggefegt werden. In
den Hauptstädten konnte diese Aufgabe in einigen wenigen Tagen und
im ganzen Lande in einigen Wochen gelöst werden: die Aufgabe aber,
an die wir jetzt herantreten, kann ihrem innersten Wesen nach nur durch
außerordentlich beharrliche und langwierige Arbeit gelöst werden. Hier
steht uns ein Kampf bevor, Schritt für Schritt, Zoll für Zoll ; man wird
die Errungenschaften des neuen, sozialistischen Rußlands erkämpfen, den
Kampf für die gemeinschaftliche Bodenbestellung führen müssen.
Und es versteht sich von selbst, daß eine derartige Umwälzung - der
Übergang von den kleinen bäuerlichen Einzelwirtschaften zur gemein-
schaftlichen Bodenbestellung - lange Zeit erfordert, daß sie keinesfalls
mit einem Schlag vollzogen werden kann.
Wir wissen sehr wohl, daß in Ländern mit bäuerlicher Kleinwirtschaft
der Übergang zum Sozialismus nicht anders möglich ist als mittels einer
ganzen Reihe allmählicher Übergangsstufen. In dieser Erkenntnis hat sich
die Umwälzung im Oktober als erste Aufgabe lediglich die Beseitigung
und Vernichtung der Macht der Gutsbesitzer gestellt Das im Februar
erlassene Grundgesetz über die Sozialisierung des Grund und Bodens,
das, wie Sie wissen, durch einstimmigen Beschluß der Kommunisten wie
auch jener Vertreter der Sowjetmacht, die den Standpunkt der Kommu-
nisten nicht teilten, zur Annahme gelangt war, dieses Gesetz ist zugleich
Willensäußerung und Ausdruck des Bewußtseins der ungeheuren Mehr-
heit der Bauern sowie ein Beweis dafür, daß die Arbeiterklasse, die
kommunistische Arbeiterpartei, in Erkenntnis ihrer Aufgabe beharrlich,
geduldig, durch eine Reihe allmählicher Übergänge, das Bewußtsein des
werktätigen Teils der Bauernschaft weckend - und nur soweit dieses Be-
wußtsein schon geweckt worden ist, nur in dem Maße vorwärtsschreitend,
in dem sich die Bauernschaft selbständig organisiert -, den Weg zum
neuen, sozialistischen Aufbau geht.
Wir wissen sehr wohl, daß solche gewaltigen Umwälzungen im Leben
vieler Millionen Menschen, Umwälzungen, die die tiefsten Grundlagen
ihres Lebens und ihres ganzen Seins berühren, wie der Übergang von
der kleinen bäuerlichen Einzelwirtschaft zur gemeinschaftlichen Boden-
bestellung, nur durch langwierige Arbeit vollzogen, daß. sie überhaupt
346
W. I. Lenin
nur dann vollzogen werden können/ wenn die Menschen notwendiger-
weise ihr Leben umgestalten müssen.
Nach dem schrecklichen, langwierigen Weltkrieg sehen wir nun klar
den Anbrudi der sozialistischen Revolution in der ganzen Welt. Sogar
für die zurückgebliebeneren Länder ist sie zur Notwendigkeit geworden,
zu einer Notwendigkeit, die - unabhängig von jeglichen theoretischen
Ansichten oder sozialistischen Lehren - allen und jedem eindringlichst
sagt, daß man nicht länger in der alten Weise leben kann.
Jetzt, wo das Land in so gigantischem Ausmaß verheert ist und einen
solchen Zusammenbruch erlitten hat, wo wir sehen, daß die ganze Welt
von diesem Zusammenbruch erfaßt wird, daß die von der Menschheit
auf dem Gebiet der Kultur, der Wissenschaft und Technik in vielen Jahr-
hunderten erworbenen Errungenschaften in den vier Jahren dieses ver-
brecherischen, verheerenden Raubkrieges hinweggefegt worden sind und
daß ganz Europa, und nicht nur Rußland, in den Zustand der Barbarei
zurückfällt - jetzt kommt es den breitesten Massen und besonders der
Bauernschaft, die unter diesem Krieg wohl am meisten zu leiden hatte,
klar zum Bewußtsein, daß es außerordentlicher Anstrengungen bedarf,
daß es gilt, alle Kräfte anzuspannen, um sich frei zu machen von diesem
Erbe des verfluchten Krieges, der uns nur Not und Elend hinterlassen hat.
In der alten Weise weiterleben, so wie vor dem Kriege, ist unmöglich,
und ein solcher Raubbau an der menschlichen Kraft und Arbeit, wie er
mit der kleinen bäuerlichen Einzelwirtschaft verbunden ist, darf nicht
länger anhalten. Doppelt und dreifach würde die Produktivität der Ar-
beit steigen, das Doppelte und Dreifache an menschlicher Arbeitskraft
würde für die Landwirtschaft, für die Wirtschaft überhaupt eingespart
werden, wenn sich der Übergang von dieser zersplitterten Kleinwirtschaft
zur Gemeinwirtschaft vollzöge.
Die Zerrüttung, die uns der Krieg hinterlassen hat, verbietet es uns
geradezu; diese alte, bäuerliche Kleinwirtschaft wiederherzustellen. Nicht
nur, daß der Krieg die Bauernmassen aufgerüttelt, daß er ihnen gezeigt
hat, welche Wunder der Technik es heute gibt, und daß diese Wunder
der Technik der Vernichtung von Menschenleben dienstbar gemacht sind,
er hat auch den Gedanken wach werden lassen, daß die Wunder der
Technik in erster Linie dazu verwendet werden müßten, den Produktions-
zweig umzugestalten, der das ganze Volk am meisten angeht, der die
Rede auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß der Landabteilungen 347
meisten Menschen beschäftigt und der am rüdeständigsten ist, nämlich die
landwirtschaftliche Produktion. Nicht nur, daß dieses Bewußtsein ge-
weckt ist - die ungeheuerlichen Schrecken des modernen Krieges haben
die Menschen davon überzeugt. Welche gewaltigen Kräfte die moderne
Technik entwickelt hat und wie diese' Kräfte in dem fürchterlichsten, sinn-
losesten aller Kriege verschwendet wurden, die Menschen haben sich da-
von überzeugt, daß das einzige Mittel, sich vor diesen Schrecknissen zu
retten, eben dieselben Kräfte der Technik sind. Es ist nun unsere Pflicht
und Schuldigkeit, diese Kräfte darauf zu richten, den rückständigsten aller
Produktionszweige - den agrarischen, die Landwirtschaft — in neue Bah-
nen zu lenken, ihn umzugestalten, und die Landwirtschaft aus einem
Gewerbe, das gewohnheitsmäßig, nach Urväterart betrieben wird, in
einen auf der Wissenschaft und den technischen Errungenschaften fußen-
den Produktionszweig. zu verwandeln. Der Krieg hat dieses Bewußtsein
in unvergleichlich höherem Maße erweckt, als wir das beurteilen können.
Doch hat der Krieg nicht nur dieses Bewußtsein erweckt, er hat es auch
unmöglich gemacht, die Produktion in der alten Art und Weise wieder-
herzustellen.
Wer davon träumt, es werde möglich sein, nach diesem Krieg die Lage
wiederherzustellen, wie sie vor dem Kriege bestanden hat, es werde mög-
lich sein, das System und die Struktur der Wirtschaft unter Beibehaltung
der alten Methoden wiederherzustellen, der irrt, und mit jedem Tag er-
kennt er immer mehr seinen Irrtum. Der Krieg hat einen so schrecklichen
Ruin zur Folge, daß einzelne kleine Wirtschaften bei uns heute weder
über Arbeitsvieh noch über Inventar und Arbeitsgeräte verfügen. Eine
solche Vergeudung der Arbeitskraft des Volkes können wir nicht länger
hinnehmen. Die werktätige, die arme Bauernschaft, die für die Revolution
die größten Opfer gebracht und unter dem Krieg am meisten zu leiden
hatte, hat den Gutsbesitzern das Land nicht abgenommen, damit diese
Ländereien den neuen Kulaken zufallen. Diese werktätige Bauernschaft
wird jetzt durch das Leben selbst unmittelbar vor die Erage des Über-
gangs zur gemeinschaftlichen Bodenbearbeitung gestellt, die das einzige
Mittel ist, die jetzt durch den Krieg zerstörte und ruinierte Kultur wieder-
herzustellen, das einzige Mittel, um aus jener Unwissenheit, Verschüchte-
rung und Bedrückung heräuszukommen, zu der der Kapitalismus die
ganze Landbevölkerung verurteilte, aus jener Unwissenheit und Bedrük-
348
W. 1. Lenin
kung, die es den Kapitalisten ermöglichte, die Menschheit vier Jahre lang
in den Fängen des Krieges zu halten, und von der sich um jeden Preis zu
befreien die Werktätigen aller Länder jetzt mit aller revolutionären Ener-
gie und Leidenschaft entschlossen sind.
Das also. Genossen, sind die Verhältnisse, die sich in der ganzen Welt
herausbilden mußten, damit diese schwierigste und zugleich wichtigste
sozialistische Reform, diese wichtigste und radikalste sozialistische Um-
gestaltung auf die Tagesordnung gesetzt werde, und in Rußland steht sie
auf der Tagesordnung. Die Bildung der Komitees der Dorfarmut, der hier
zusammengetretene gemeinsame Kongreß der Landabteilungen, der Komi-
tees der Dorfarmut und der landwirtschaftlichen Kommunen - das alles,
in Verbindung mit dem Kampf, der sich diesen Sommer und Herbst im
Dorfe selbst vollzogen hat, zeigt uns, daß das Bewußtsein der breitesten
Massen der werktätigen Bauernschaft erwacht ist und daß die Bauern-
schaft selbst, die Mehrheit der werktätigen Bauernschaft, nach der Ein-
führung der gemeinschaftlichen Bodenbestellung strebt. Allerdings müssen
wir, ich sage es noch einmal, diese größte aller Umgestaltungen allmählich
in Angriff nehmen. Im Handumdrehen läßt sich hier nichts erreichen, doch
muß ich Ihnen in Erinnerung bringen, daß schon in dem Gesetz über den
Grund und Boden, das gleich am ersten Tag nach dem Umsturz vom
25. Oktober, gleich in der ersten Sitzung des ersten Organs der Sowjet-
macht, des II. Gesamtrussischen Sowjetkongresses, angenommen wurde
und mit dem das Grundgesetz über die Sozialisierung des Bodens vorweg
beschlossen worden ist, gesetzlich festgelegt wurde, daß nicht nur das
Privateigentum an Grund und Boden für immer aufgehoben, nicht nur
der gutsherrliche Grundbesitz abgeschafft wird, sondern unter anderem
auch, daß das Inventar, das Arbeitsvieh und die Gerätschaften, die in den
Besitz des Volkes und in den Besitz von Arbeitswirtschaften übergehen,
ebenfalls Gemeingut werden müssen, ebenfalls aufhören müssen, Privat-
eigentum einzelner Wirtschaften zu sein. Und in dem im Februar 1918
erlassenen Gesetz über die Sozialisierung des Bodens wird die grund-
legende Frage - welche Ziele wir uns jetzt setzen, welche Aufgaben
wir hinsichtlich der Verfügung über den Grund und Boden realisieren
wollen und zu welchen Maßnahmen wir die Anhänger der Sowjetmacht,
die werktätige Bauernschaft, aufrufen - im Artikel 1 1 des Gesetzes über
die Sozialisierung des Grund und Bodens dahingehend beantwortet, daß
Rede auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß der Landabteilungen 349
diese Aufgabe zum Zweck des Übergangs zur sozialistischen Wirtschaft
darin besteht, in der Landwirtschaft aus den Einzelbetrieben die kollektive
Wirtschaft zu entwickeln, weil diese im Sinne einer Ersparnis an Arbeit
und Produkten vorteilhafter ist.
Genossen, als wir dieses Gesetz annahmen, herrschte zwischen den
Kommunisten und den anderen Parteien keineswegs volle Einmütigkeit
und Übereinstimmung; im Gegenteil, wir beschlossen dieses Gesetz zu
einer Zeit, als in der Sowjetregierung zwischen den Kommunisten und
den linken Sozialrevolutionären, die die kommunistischen Ansichten nicht
teilten, eine Koalition bestand. Trotzdem gelangten wir zu einem ein-
mütigen und einstimmigen Beschluß, auf dessen Boden wir auch jetzt noch
stehen, weil wir uns darüber im klaren sind, daß dieser Übergang von'
der Einzelwirtschaft zur gemeinschaftlichen Bodenbestellung, ich sage es
noch einmal, nicht mit einem Schlag verwirklicht werden kann, daß sich
der Kampf in den Städten unter einfacheren Umständen vollzogen hat.
Dort stand Tausenden von Arbeitern ein einziger Kapitalist gegenüber,
und es bedurfte nicht vieler Mühe, ihn hinwegzufegen. Der Kampf jedoch,
der auf dem Lande entbrannte, war viel komplizierter. Erst vollzog sich
der gemeinsame Ansturm der Bauern auf die Gutsbesitzer; erst wurde die
Macht der Gutsbesitzer vollständig vernichtet, damit sie nicht wieder er-
richtet werden könnte; dann folgte der Kampf innerhalb der Bauern-
schaft, wo in den Kulaken, in den Ausbeutern und Schiebern, die ihre
Getreideüberschüsse ausnutzten, um sich auf Kosten des hungernden
nichtlandwirtschaftlichen Teils Rußlands zu bereichern, neue Kapitalisten
auf kamen. Hier stand ein neuer Kampf bevor, und Ihnen allen ist es be-
kannt, wie dieser Kampf im Sommer dieses Jahres eine ganze Reihe von
Aufständen auflodem ließ. Hinsichtlich des Kulaken sagen wir nicht wie
hinsichtlich des Kapitalisten und Gutsbesitzers, daß ihm alles Eigentum
abgenommen werden soll. Wir sagen, daß der Widerstand dieses Kulaken
gegen die notwendigen Maßnahmen gebrochen werden muß, zum Bei-
spiel gegen das Getreidemonopol, das er durchbricht, um sich am spekula-
tiven Verkauf der Getreideüberschüsse zu bereichern, während die Arbei-
ter und Bauern in den nichtlandwirtschaftlichen Gebieten Hungerqualen
ausstehen müssen, und hier bestand unsere Politik stets in einem ebenso
unerbittlichen Kampf wie gegen die Gutsbesitzer und die Kapitalisten.
Dann - das Verhältnis des armen Teils der werktätigen Bauernschaft zum
350
W. I. Lenin
Mittelbauern. Der Mittelbauemscbaft gegenüber befolgten wir stets eine
Politik des Bündnisses. Sie ist keineswegs ein Feind der Sowjeteinrich-
tungen, sie ist kein Feind des Proletariats und auch kein Feind des Sozia-
lismus. Natürlich wird sie schwanken und nur dann zum Sozialismus über-
zugehen bereit sein, wenn sie an Hand praktischer, überzeugender und
anschaulicher Beispiele zur Einsicht kommt, daß dieser Übergang not-
wendig ist. Diese Mittelbauemsdiaft läßt sich freilich nicht durch theore-
tische Erörterungen oder- Agitationsreden überzeugen - damit rechnen
wir nicht aber überzeugen werden sie das Beispiel und die Geschlossen-
heit des werktätigen Teils der Bauernschaft, überzeugen wird sie das
Bündnis dieser werktätigen Bauernschaft mit dem Proletariat. Hier rech-
nen wir mit einem längeren, allmählichen Überzeugungsprozeß, mit einer
Reihe von Übergangsmaßnahmen, die die Verständigung des proleta-
rischen, sozialistischen Teils der Bevölkerung, die Verständigung der
Kommunisten, die das Kapital in allen seinen Formen entschlossen be-
kämpfen, mit der Mittelbauernschaf t herbeiführen werden.
Und weil wir diese Situation berücksichtigen, weil wir berücksichtigen,
daß wir es auf dem Lande mit einer unvergleichlich schwierigeren Auf-
gabe zu tun haben, stellen wir eben die Frage so, wie sie im Gesetz über
die Sozialisierung des Grund und Bodens gestellt ist. Sie wissen, daß dort
die Abschaffung des Privateigentums an Grund und Boden und die aus-
gleichende Bodenverteilung proklamiert ist; Sie wissen, daß die Realisie-
rung dieses Gesetzes auch in dieser Weise begonnen wurde und daß wir
es in den meisten bäuerlichen Gebieten durchgeführt haben. Zugleich ist
in dem Gesetz auf Grund des allgemeinen, einmütigen Einvernehmens
sowohl der Kommunisten als auch aller, die damals die kommunistischen
Ansichten noch nicht teilten, jene Bestimmung enthalten, die ich soeben
angeführt habe und die besagt, daß es unsere gemeinsame Aufgabe, unser
gemeinsames Ziel ist, zur sozialistischen Wirtschaft, zum kollektiven
Bodenbesitz und zur gemeinschaftlichen Bodenbestellung überzugehen.
Je weiter die Aufbauperiode fortschreitet, desto klarer wird es jetzt so-
wohl den Bauern, die sich bereits auf dem Boden festgesetzt haben, als
auch den Kriegsgefangenen, die jetzt, nach langer Qual, zu Hundert-
tausenden und Millionen aus der Gefangenschaft zurückkehren, was wir
für eine gigantische Arbeit zur Wiederherstellung der Wirtschaft zu
leisten haben, um die Bauern für immer aus dem Zustand der Verlassen-
Rede auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß der Landabteilungen 351
heit, Verzagtheit und Unwissenheit herausführen. Immer klarer wird
es, daß der wirklich zuverlässige Weg, der die Bauemmassen einem Leben
in Kultur zuführt, der sie tatsächlich den anderen Bürgern gleichstellt,
daß dieser Weg einzig und allein in der gemeinschaftlichen Bodenbestel-
lung besteht, und dieser gemeinschaftlichen Bodenbestellung strebt jetzt
die Sowjetmacht systematisch durch allmähliche Übergangsmaßnahmen
zu. Im Zeichen dieser gemeinschaftlichen Bodenbestellung werden Kom-
munen und Sowjetwirtschaften geschaffen. Die Bedeutung solcher Wirt-
schaften ist im Gesetz über die Sozialisierung des Grund und Bodens dar-
gelegt. In dem Teil des Gesetzes, wo gesagt wird, wer das Recht der
Bodennutzung genießt, können Sie nachlesen, daß unter den Personen
und Einrichtungen, denen das Recht der Bodennutzung eingeräumt ist,
an erster Stelle der Staat steht, an zweiter Stelle stehen gesellschaftliche
Organisationen, dann landwirtschaftliche Kommunen und ah vierter Stelle
landwirtschaftliche Genossenschaften. Wiederum mache ich Sie darauf
aufmerksam, daß diese' Grundprinzipien des Gesetzes über die Soziali-
sierung des Grund und Bodens zu einer Zeit festgelegt wurden, als die
Kommunistische Partei nicht nur ihren eigenen Willen ausführte, als sie
bewußt denjenigen Zugeständnisse machte, die auf die eine oder andere
Art die Anschauungen und den Willen der Mittelbauemschaft zum Aus-
druck brachten. Wir haben solche Zugeständnisse gemacht und machen sie
auch heute. Wir sind auf ein derartiges Übereinkommen eingegangen
und gehen auch heute darauf «in, weil der Übergang zu dieser kollek-
tiven Form des Bodenbesitzes, zur gemeinschaftlichen Bodenbestellung,
zu Sowjetwirtschaften, zu Kommunen nicht im Handumdrehen möglich
ist; hier bedarf es einer beharrlichen und nachdrücklichen Einwirkung der
Sowjetmacht, die zur Verbesserung der Landwirtschaft eine Milliarde
Rubel bewilligt hat, unter der Bedingung, daß diese Mittel für den Über-
gang zur gemeinschaftlichen Bodenbestellung verwendet werden. Dieses
Gesetz zeigt, daß wir auf die Masse der Mittelbauern hauptsächlich durch
das gute Beispiel, durch Anregungen zur Verbesserung der Wirtschaft
einwirken wollen und darauf rechnen, daß sich die diesbezüglichen Maß-
nahmen bei dieser tiefgreifenden und wichtigsten Umwälzung in der Wirt-
schaft des agrarischen Rußlands nur allmählich auswirken werden.
Das Bündnis der Komitees der Dorfarmut, der landwirtschaftlichen
Kommunen und der Landabteilungen, ein Bündnis, das wir auf diesem
352
W. I. Lenin
Kongreß sehen, zeigt uns, und davon sind wir fest überzeugt, daß die
Sache jetzt mit diesem Übergang zur gemeinschaftlichen Bodenbestellung
richtig, in einem wirklich sozialistischen Maßstab in Angriff genommen
wurde. Durch diese unentwegte und systematische Arbeit muß eine Steige-
rung der Arbeitsproduktivität erreicht werden. Zu diesem Zweck müssen
wir in der Landwirtschaft die besten Methoden anwenden und die agro-
nomischen Kräfte Rußlands derart heranziehen, daß wir samt und sonders
die am besten organisierten Wirtschaften ausnutzen können, die bisher
nur eine Quelle der Bereicherung einzelner Personen, der Restaurierung
des Kapitalismus, eine Quelle erneuter Versklavung und erneuter Knech-
tung der Lohnarbeiter waren und die jetzt; unter dem Gesetz über , die
Sozialisierung des Grund und Bodens, bei der völligen Abschaffung des
Privateigentums an Grund und Boden, eine Quelle agrarischer Kenntnisse
und Kultur, eine Quelle gesteigerter Arbeitsproduktivität für all die Mil-
lionen Werktätigen sein müssen. Dieses Bündnis, der städtischen Arbeiter
mit der werktätigen Bauernschaft, diese Bildung der Komitees der Dorf-
armut und ihre Neuwahl als Sowjetinstitutionen bietet die Gewähr dafür,
daß das agrarische Rußland jetzt einen Weg beschritten hat, den ein
westeuropäischer Staat nach dem anderen, später als wir, dafür aber
sicherer als wir, beschreitet. Für sie war.es weitaus schwieriger, die Um-
wälzung zu beginnen, weil sie nicht gegen einen morschen Absolutismus,
sondern gegen eine kulturell hochstehende und fest vereinte Kapitalisten-
klasse anzukämpfen hatten. Doch, wie Sie wissen, hat diese Umwälzung
begonnen, und Sie wissen auch, daß die Revolution sich nicht auf Ruß-
land beschränkt hat, daß unsere größte Hoffnung und wichtigste Stütze,
daß die Hauptstütze der Weltrevolution, das Proletariat der westeuro-
päischen, fortgeschritteneren Länder, in Bewegung geraten ist. Wir sind
fest davon überzeugt, und der Gang der deutschen Revolution ist ein
Beweis dafür, daß dort der Übergang zur sozialistischen Wirtschaft, die
Verwendung moderner landwirtschaftlicher Technik, der Zusammenschluß
der werktätigen Landbevölkerung - daß sich das alles dort rascher und
leichter vollziehen wird als bei uns.
Im Bündnis mit den Arbeitern in den Städten, im Bündnis mit dem
sozialistischen Proletariat der ganzen Welt kann die werktätige Bauern-
schaft Rußlands jetzt davon überzeugt sein, daß sie allem Ungemach
trotzen, alle Angriffe der Imperialisten abwehren und das Werk vollenden
Rede auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß der Landabteilungen 353
wird, ohne das die Befreiung der Werktätigen unmöglich ist: die gemein-
schaftliche Bodenbestellung, den allmählichen, aber unentwegten Über-
gang von der kleinen Einzelwirtschaft zur gemeinschaftlichen Boden-
bestellung. (Lebhafter, lang anhaltender Beifall.)
„Prawda“ Nr. 272, Nach dem Text der „ Prawda
14. Dezember 1918.
ENTWURF VON RICHTLINIEN FÜR DIE LEITUNG
DER SOWJETINSTITUTIONEN 128
1
Die Besprechung und Entscheidung aller Verwaltungsfragen in den
Sowjetinstitutionen durch ein Kollegium muß aufs engste verbunden sein
mit der genausten Festlegung der Verantwortlichkeit einer jeden in
einer Sowjetinstitution in beliebiger Funktion beschäftigten Person für
die Durchführung bestimmter, klar und unzweideutig umrissener Auf-
gaben und praktischer Arbeiten.
Die Befolgung dieser Richtlinie, ohne die eine effektive Kontrolle und
die Auswahl der für die einzelnen Funktionen und die einzelnen Arbeiten
am meisten geeigneten Personen unmöglich ist, muß von nun an unbe-
dingt verbindlich werden.
Daher ist jedes Sowjetkollegium und jede Sowjetinstitution ohne jede
Ausnahme verpflichtet, unverzüglich:
1. eine genaue Verteilung der Arbeit und der Verantwortung unter
sämtliche Mitglieder des Kollegiums bzw. die amtsführenden Personen
zu beschließen;
2. aufs genauste die Verantwortung der Personen festzulegen, die ein-
zelne Aufträge irgendwelcher Art ausführen, insbesondere aber solche,
die die rasche und ordnungsgemäße Beschaffung und Verteilung von Roh-
stoffen und Lebensmitteln betreffen.
Die Einhaltung dieser für sämtliche Sowjetinstitutionen verbindlichen
Richtlinien wird den Orts-, Kreis-, Stadt- usw. Volkswirtschaftsräten und
den Wirtschafts- (oder ökonomischen) Abteilungen der Exekutivkomitees
besonders zur Pflicht gemacht. Diese Abteilungen und die Volkswirt-
schaftsräte sind verpflichtet, unverzüglich bestimmte Personen verantwort-
Entwurf von Richtlinien für die Leitung der Sowjetinstitutionen 3s5
lieh zu machen für die rasche und. ordnungsgemäße Beschaffung jeder
Art von Rohstoffen und Lebensmitteln, deren die Bevölkerung bedarf.
Alle leitenden Sowjetinstitutionen, wie die Exekutivkomitees, die
Deputiertensowjets der Gouvernements und der Städte usw., sind ver-
pflichtet, ihre Arbeit unverzüglich so umzustellen, daß die tatsächliche
Kontrolle darüber, wie die Verordnungen der zentralen und der örtlichen
Behörden wirklich durchgeführt werden, an die erste Stelle tritt, die an-
dere Arbeit aber, soweit irgend möglich, Kommissionen übergeben wird,
die sich aus einigen wenigen Mitgliedern der betreffenden Institution
zusammensetzen.
2
Zur Bekämpfung des Amtsschimmels und zur erfolgreicheren Auf-
deckung von Mißbräudien sowie zur Entlarvung und Entfernung unehr-
licher Mitarbeiter, die sich in Sowjetinstitutionen eingeschlichen haben;
werden folgende Bestimmungen herausgegeben:
In jeder Sowjetinstitution muß nicht nur im Gebäude selbst, sondern
auch außen, an Stellen, die für jedermann ohne Passierschein zugänglich
sind, die genaue Zeit für den Publikumsverkehr bekanntgegeben werden.
Die Räumlichkeiten für den Publikumsverkehr müssen so gelegen sein,
daß zu ihnen freier Zutritt, unbedingt ohne jeden Passierschein, besteht.
In jeder Sowjetinstitution muß ein Buh angelegt werden, in das in
aller Kürze der Name des Antragstellers, der Inhalt seines Anliegens und
die Weiterleitung der Sähe einzutragen sind.
An Sonn- und Feiertagen müssen Sprechstunden festgesetzt werden.
Die verantwortlichen Mitarbeiter der Staatlichen Kontrolle sind be-
rechtigt, beim Empfang des Publikums anwesend zu sein; sie sind ver-
pflichtet, von Zeit zu Zeit die Sprechstunden zu besuhen, das Registrier-
buh zu prüfen und über Besuch, Durhsiht des Buches und Befragung
des Publikums ein Protokoll aufzusetzen.
Die Kommissariate für Arbeit, für Staatlihe Kontrolle und für Justiz
sind verpflichtet, allerorts Auskunftsbüros einzurihten, die unbedingt
auh an Sonntagen Sprechstunden haben müssen und zu denen jeder-
mann ohne Passierschein und gebührenfrei Zutritt hat, sowie die Be-
völkerung über Tag und Stunde des Publikumsverkehrs in Kenntnis zu
356
W. I. Lenin
setzen. Diese Auskunftsbüros müssen nidit nur alle erbetenen Auskünfte,
mündliche wie schriftliche, geben, sondern auch gebührenfrei schriftliche
Eingaben für Analphabeten und solche Personen aufsetzen, die nicht
imstande sind, selbst eine verständliche Eingabe abzufassen. Zur Mit-
arbeit in diesen Auskunftsbüros sind unbedingt sowohl Vertreter aller zu
den Sowjets zugelassenen Parteien, bei unbedingter Einbeziehung auch
der Parteien, die nicht an der Regierung beteiligt sind, als auch Vertreter
der nichtparteigebundenen Gewerkschaftsverbände und Verbände der
Intelligenz heranzuziehen.
3
Die Landesverteidigung der Sowjetrepublik erfordert gebieterisch
größte Kräfteersparnis und produktivsten Einsatz der Arbeit des Volkes.
Zu diesem Zweck wird - in erster Linie hinsichtlich aller Sowjet-
institutionen, mit späterer Ausdehnung auf sämtliche Unternehmungen
und Kollegien - nachstehendes beschlossen:
1. Jede irgendwie selbständige Abteilung ausnahmslos sämtlicher
Sowjetinstitutionen hat binnen drei Tagen dem örtlichen Exekutivkomitee
(und in Moskau außerdem noch dem Volkskommissariat für Justiz) kurze
Angaben nach folgendem Schema einzureichen : a) Ressort ; b) Benennung
der Abteilung: c) knappe Schilderung ihrer Tätigkeit; d) Zahl der Unter-
abteilungen, Büros oder anderer Dienststellen und deren Benennung:
e) Zahl der männlichen und weiblichen Angestellten: f) Umfang der
Büroarbeit, soweit dies z. B. auf Grund der Zahl der .Akten, des Umfangs
der Korrespondenz und anderer ähnlicher Merkmale angegeben werden
kann.
Die örtlichen Exekutivkomitees (und in Moskau das Exekutivkomitee
des Deputiertensowjets im Einvernehmen mit demVolkskommissariatfür
Justiz und dem Präsidium des Zentralexekutivkomitees) sind verpflichtet,
unverzüglich: 1. Maßnahmen zu treffen zur Kontrolle der ordnungs-
gemäßen und rechtzeitigen Einhaltung der oben dargelegten Direktive ;
2. innerhalb einer Woche vom Tage der Beibringung der erwähnten An-
gaben an einen Plan auszuarbeiten zur Koordinierung, Vereinigung und
Verschmelzung derjenigen Abteilungen, denen die gleichen öder gleich-
artige Sachgebiete unterstehen.
Entwurf von Richtlinien für die Leitung der Somjetinstitutionen 357
In die Kommissionen, die von den obenerwähnten Institutionen mit der
Durchführung dieser Maßnahmen betraut werden, sollen Vertreter der
Ämter für Innere Angelegenheiten, Justiz, Staatliche Kontrolle und Arbeit
einbezogen werden, mit der Maßgabe, daß je nach Bedarf auch andere
Ressorts herangezogen werden, und mit der Verpflichtung, allwöchentlich
an den. Rat der Volkskommissare und das Präsidium des Zentralexekutiv-
komitees kurze Berichte darüber einzusenden, was zur Verschmelzung
gleichartiger Abteilungen und zur Arbeitserspamis getan worden ist.
2. In jeder Stadt, in der gleichartige Abteilungen oder Ämter bestehen
- zentrale oder für das Gebiet, die Stadt, das Gouvernement, den Kreis
zuständige -, müssen sofort bei der obersten Körperschaft Kommissionen
eingesetzt werden, die alle derartigen Institutionen zwecks größtmög-
licher Kräfteersparnis koordinieren und vereinigen müssen, wobei diese
Kommissionen auf Grund der in Art. 1 enthaltenen Direktiven und unter
Einhaltung der festgelegten Termine zu arbeiten haben.
3. Dieselben Kommissionen (Art. 1 und 2) werden, ausgehend von den-
selben Bestimmungen, beauftragt, schnellstens Maßnahmen zur größt-
möglichen Ersetzung von Männerarbeit durch Frauenarbeit zu treffen und
Listen derjenigen Männer aufzüstellen, die zum Dienst in der Truppe
oder bei der Truppe oder zu sonstiger Arbeit, nicht Büroarbeit, sondern
zu Arbeit operativen und praktischen Charakters übergeführt werden
können.
4. Die gleichen Kommissionen (Art. 1 und 2) werden beauftragt, im
Einvernehmen mit den lokalen Organisationen der Kommunistischen
Partei Rußlands einen solchen Personenwechsel -vorzunehmen, daß Mit-
glieder der KPR (mit einer Parteizugehörigkeit von mindestens zwei
Jahren) nur auf leitenden und verantwortlichsten Stellen verbleiben, wäh-
rend die übrigen Stellen mit Parteilosen- oder Mitgliedern anderer Par-
teien besetzt werden, um eine möglichst große Zähl von Mitgliedern der
KPR für anderweitige Arbeiten freizustellen.
Geschrieben am 12. Dezember 1918.
Zuerst veröffentlicht 1928.
Nach dem Manuskript.
ENTWURF
EINES BESCHLUSSES DES ZENTRALKOMITEES
DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI RUSSLANDS
(BOLSCHEWIKI)
Sämtliche Organisationen der KPR werden verpflichtet, innerhalb einer
Woche vom Tage der Veröffentlichung dieses Beschlusses des ZK der
KPR an in alle Mitgliedsbücher und -karten den Vermerk zu machen,
seit mann die betreffende Person der Partei der Bolschewiki angehört.
Fehlen dafür die Unterlagen, und können sie nicht beigebracht werden
(mit untersehriftlicher Beglaubigung durch nicht weniger als drei Mit-
glieder der KPR mit zweijähriger Parteizugehörigkeit), so muß in dem
Mitgliedsbuch oder in der Karte der Vermerk gemacht werden:. „Seit
wann in der Partei - unbekannt.“
Alle Mitglieder der KPR, die in einer Sowjetinstitution einen Posten
bekleiden, sind verpflichtet, sofort in ihren Mitgliedsbüchern einen von
den Vorsitzenden der Parteiorganisationen oder deren Sekretären be-
glaubigten kurzen Vermerk darüber zu machen, welchen Parteien die be-
treffende Person in den letzten fünf Jahren angehört oder nahegestanden
hat.
Geschrieben am 12. Dezember 1918.
Zuerst veröffentlidit 1928.
REDE AUF EINER ARBEITERKONFERENZ
DES MOSKAUER STADTBEZIRKS PRESNJA
14. DEZEMBER 1918
Genossen! Gestatten Sie mir, auf einige für heute vorgesehene Fragen
einzugehen. Das ist zunächst die internationale Lage und dann das Ver-
hältnis zu den kleinbürgerlichen demokratischen Parteien.
Ich möchte einige Worte zur internationalen Lage sagen. Wie Sie wis-
sen, hat der englisch-französisch-amerikanische Imperialismus gegenwärtig
einen großen Feldzug gegen die Russische Sowjetrepublik angekündigt.
Die Imperialisten dieser Länder agitieren unter ihren Arbeitern gegen
Rußland und werfen den Bolschewiki vor, sie stützten sich auf eine
Minderheit und benachteiligten die Mehrheit; da sich die allermeisten
Presseorgane Frankreichs und Englands in den Händen der Bourgeoisie
befinden, wächst dort schnell und ungehindert die Lüge über die Sowjet-
regierung. Dieses lächerliche und unsinnige Märchen, die Bolschewiki
würden sich in Rußland auf eine Minderheit der Bevölkerung stützen
- ein Märchen, das nicht einmal widerlegt zu werden braucht, sieht doch
ein jeder, der das Leben bei uns beobachtet, wie unsinnig das ist -, dieses
Märchen wird bei uns überhaupt nicht beachtet. Wirft man aber einen
Blick in die Zeitungen aus England, Frankreich und Amerika - übrigens
gelangen ausschließlich bürgerliche Blätter zu uns so sieht man, daß
die Bourgeoisie dort diese Märchen bis heute noch verbreitet.
Bei uns wird das Wahlrecht und das Recht, sich am politischen Leben
des Landes zu beteiligen und Einfluß darauf zu nehmen, nur den Aus-
beutern entzogen, Leuten, die nicht von eigener Arbeit leben, sondern
andere ausbeuten. Gemessen an der Gesamtbevölkerung, ist die Zahl
solcher Leute- verschwindend gering. Sie können sidi vorstellen, daß man
nicht viel Menschen finden wird, die in den Städten Lohnarbeit ausbeuten.
Lenin, Werke, Bd. 28
360
W. I. Lenir,
Der Privatbesitz an Grund und Boden ist jetzt abgeschafft. Die Guts-
besitzer sind ihrer Güter verlustig gegangen, und den Besitzern von Son-
derland, die schon unter Stolypin die Bauern ausplünderten, wurde das
Land weggenommen, so daß audi in den Dörfern die Zahl derer, die
fremde Arbeit ausbeuten, verschwindend gering ist. Die Sowjetmacht sagt
ihnen aber nicht, daß sie ihnen das Wahlrecht entzieht. Sie sagt vielmehr:
Jedem, der auf die Ausbeutung fremder Arbeit verzichten will, räumen wir
das Recht ein, an der Leitung des Staates teilzunehmen. Wollt ihr Arbeiter
werden, so seid ihr willkommen. Wollt ihr Ausbeuter bleiben - so wisset,
daß wir solche Leute weder zu den Wahlen zulassen noch sie wählen
werden, mehr noch, wir dulden nicht, daß sie sidh von fremder Hände
Arbeit ernähren.
Und schon aus diesem Leitsatz unserer Verfassung ist ersichtlich, daß
sich die Sowjetmacht auf die stützt, die arbeiten, ihnen gibt sie das Recht,
das Leben des Staates einzurichten, sie stützt sich auf die gewaltige, die
übergroße Mehrheit der Bevölkerung. Ein jeder Sowjetkongreß - ins-
gesamt waren es sechs -, ein jeder Kongreß zeigt uns, daß die Vertreter
der Arbeiter, Bauern und Rotarmisten, die Vertreter der Mehrheit der
Bevölkerung, die von ihrer eigenen und nicht von fremder Arbeit lebt,
daß eben sie die Grundlage der Sowjetmacht bilden, die sich immer mehr
festigt. Der I. Sowjetkongreß fand im Juni 1917 statt, als Rußland eine
bürgerliche Republik war und im imperialistischen Krieg stand. Er fand
in jenem Juni 1917 statt, als Kerenski die Truppen in die Offensive jagte
und Millionen Menschen ins Grab brachte. Nur 13 Prozent der Kongreß-
teilnehmer, d..h. ein Siebentel, waren Kommunisten oder Bolschewiki.
Auf dem II. Sowjetkongreß, mit dem die Arbeiter- und Bauemmacht ihren
Anfang nahm, waren es schon 51 Prozent, d.h. die Hälfte, und auf dem
V. Kongreß im Juli dieses Jahres machten die Bolschewiki schon 66 Pro-
zent aus. Und da haben sich die linken Sozialrevolutionäre, als sie sahen,
wie schnell der. Bolschewismus wächst und sich entwickelt, in ihr Aben-
teuer gestürzt, und das hat zu ihrer völligen Spaltung geführt. Aus dieser
Spaltung gingen drei verschiedene Parteien hervor, und die zuletzt ent-
standene Partei - die Volkstümler-Kommunisten - schloß sich den
Bolschewiki an, und eine ganze Reihe solch bekannter Persönlichkeiten
wie Kolegajew gingen ebenfalls zur Partei der Bolschewiki über.
Auf dem VI. Sowjetkongreß entfielen auf die Bolschewiki 97 Prozent.
Rede auf einer Arbeiterkonferenz des Moskauer Stadtbezirks Presnja 361
d. h. fast alle Delegierten der Arbeiter und Bauern von ganz Rußland.
Das zeigt, wie sich jetzt die gewaltige Mehrheit der Werktätigen um die
Sowjetmacht zusammenschließt und wie lächerlich und unsinnig das
Lügenmärchen und die Behauptung der Bourgeoisie ist, die Bolschewiki
würden sich auf eine Minderheit der Bevölkerung stützen. Diese Bour-
geoisie lügt deshalb so, weil die Alliierten die 17 Milliarden Schulden, die
die Zarenregierung bei den Kapitalisten gemacht hat, diese 17 Milliarden,
die wir annulliert und nicht anerkannt haben (es fällt uns nicht ein, für
sie, für die alten Machthaber, zu zahlen - gewiß, wir bestreiten nicht,
daß diese Schülden gemacht wurden, doch wir sagen: Gut, ihr habt diese
Schulden gemacht, bezahlt sie auch) - die Alliierten wollen also diese
Schulden auf uns abwälzen und die Macht der Gutsbesitzer, die Zaren-
macht wiederherstellen. Wir wissen sehr wohl, was sie in Archangelsk,
Samara und Sibirien getrieben haben. Dort haben sich sogar die Men-
schewiki und die rechten Sozialrevolutionäre, die nach dem Brester Frieden
unsere Gegner waren und geglaubt haben, unsere Rechnung in bezug auf
die deutsche Revolution würde nicht aufgehen, dort haben sie sich selbst
davon überzeugt, daß man sie auseinanderjagt und mit Hilfe der eng-
lischen und tschechoslowakischen Truppen die Gutsbesitzer und das
Privateigentum wieder einsetzt.
In England und in Frankreich dringt die Wahrheit, wie sehr die dort er-
scheinenden Zeitungen sie auch verbergen mögen, immer mehr durch.
Die Arbeiter fühlen und verstehen, daß die Revolution in Rußland ihre
Revolution,, eine Arbeiterrevolution, eine sozialistische Revolution ist.
Und sogar in Frankreich und in England stellt die Arbeiterbewegung jetzt
die Losung auf : „Fort mit den Truppen aus Rußland!“, „Ein Verbrecher,
wer gegen Rußland zu Felde zieht I“ In London fand kürzlich in der
Albert Hall eine Sozialistenkundgebung statt, und hier die Meldungen,
die ungeachtet aller Bemühungen der englischen Regierung, die Wahrheit
zu unterdrücken, zu uns durchgedrungen sind, Meldungen, die besagen,
daß auf der Kundgebung die Forderung aufgestellt wurde: „Fort mit den
Truppen aus Rußland!“, und die Arbeiterführer haben sich alle dahin-
gehend geäußert, daß die Politik der englischen Regierung eine Raub- und
Gewaltpolitik ist. Und es gibt Meldungen, wonach Maclean - er war
Lehrer in Schottland - in den größten Industriebezirken Englands die
Arbeiter zum Streik aufgerufen hat, weil, wie er sagte, dieser Krieg ein
362
Raubkrieg ist. Damals batte man ihn ins Gefängnis geworfen. Dann hatte
man ihn abermals ins Gefängnis geworfen. Als aber in Europa die revolu-
tionäre Bewegung aufflammte, da hat. man Maclean in Freiheit gesetzt,
und in Glasgow, einer der größten Städte Nordenglands und Schottlands,
ist er als Kandidat zu den Parlamentswahlen aufgestellt worden. Das
zeigt, daß die englische Arbeiterbewegung mit ihren revolutionären For-
derungen immer stärker wird. Die englische Regierung sah sich gezwun-
gen, Maclean, ihren grimmigsten Feind, der sich englischer Bolschewik
nennt, auf freien Fuß zu setzen.
In Frankreich, wo die Arbeiter bis heute vom Chauvinismus erfaßt
sind, wo man glaubt, der Krieg werde lediglich zur Verteidigung des
Vaterlands geführt, wachsen die revolutionären Stimmungen. Jetzt, wo
England und Frankreich die Deutschen besiegt haben, haben sie, wie
Ihnen bekannt ist, Deutschland Bedingungen auferlegt, die hundertmal
drückender sind als die Bedingungen des Brester Friedens. Jetzt wird die
Revolution in Europa zur Realität. Die Alliierten, die sich gebrüstet haben,
sie brächten Deutschland die Befreiung von Kaiser und Militarismus, sind
so tief gesunken, daß sie die Rolle spielen, die die russischen Truppen
unter Nikolaus I. gespielt haben, als Rußland in tiefster Finsternis lebte,
als Nikolaus I. die russischen Truppen ausschickte, um die ungarische
Revolution abzuwürgen. Das war zur Zeit der Leibeigenschaft, vor mehr
als 60 Jahren. Heute aber sind das freie England und andere freie Länder
zu Henkern geworden und glauben, imstande zu sein, die Revolution
abzuwürgen und die Wahrheit zu ersticken; die Wahrheit aber bricht sich
Bahn, über alle Hindernisse hinweg, sowohl in Frankreich als auch in
England, und die Arbeiter werden begreifen, daß man sie betrogen, daß
man sie in den Krieg hineingezogen hat, nicht um der Befreiung Frank- '
reichs oder Englands willen, sondern zur Ausplünderung eines fremden
Landes. In Frankreich, in der Sozialistischen Partei, die bisher zu den
Vaterlandsverteidigem gehörte, bringt man, wie wir jetzt erfahren, der
Sowjetrepublik große Sympathien entgegen und protestiert gegen die
militärische Einmischung in Rußland.
Auf der anderen Seite sehen wir, daß der englisch-französische Imperia-
lismus mit einem Vorstoß gegen Rußland droht und die Krasnow und
Dutow unterstützt, daß er die Wiederherstellung der Monarchie in Ruß-
land unterstützt und das freie Volk betrügen will. Wir wissen, daß die
Rede auf einer Arbeiterkonferenz des Moskauer Stadtbezirks Presnja 363
Imperialisten in militärischer Hinsicht stärker sind als wir. Das wissen
und sagen wir seit langem. Wir haben alle aufgerufen, der Roten Armee
zu Hilfe zu kommen, damit wir uns selbst schützen und den Räubern und
Banditen eine Abfuhr erteilen. Sagt man uns aber: „Wenn der englisch-
französische Imperialismus stärker ist, so heißt das, daß unsere Sache
hoffnungslos ist" - dann antworten wir diesen Leuten: „Denkt doch an
den Brester Frieden. Hat damals nicht die ganze russische Bourgeoisie ein
Geschrei erhoben, die Bolschewiki hätten Rußland an die Deutschen ver-
kauft? Hat man damals nicht geschrien, die Bolschewiki jagten einem
Phantom, einem Trugbild nach, wenn sie auf die deutsche Revolution
hoffen?“ Aber es zeigte sich, daß der deutsche Imperialismus,' der unver-
gleichlich stärker war als wir, der durchaus die Möglichkeit hatte, Ruß-
land auszuplündern, weil wir keine Armee besaßen, die alte Armee aber
weder kämpfen konnte noch zu kämpfen verstand, weil der Krieg die
Menschen so zermürbt hatte, daß sie nicht mehr kämpfen konnten, und
jeder, der weiß, wie die Lage damals war, der weiß auch, daß wir damals
völlig außerstande waren, uns zu verteidigen, und daß somit Rußland
ganz in die Hände der wilhelminischen Räuber hätte fallen können - es
zeigte sich, daß schon nach wenigen Monaten die Deutschen sich in diesem
Rußland so festgefahren hatten, dort auf einen solchen Widerstand ge-
stoßen waren und sich einer solchen Agitation unter den deutschen Sol-
daten gegenüber sahen, daß, wie mir Sinowjew, der Vorsitzende der
Nordkommune in Petrograd, erzählte, der deutsche Konsul jetzt, da die
Vertreter Deutschlands aus Rußland ausrissen, sagte: „Ja, jetzt ist es
schwer, genau zu sagen, wer mehr gewonnen hat, wir oder Sie." Er sah,
daß die deutschen Soldaten, die um soviel stärker waren als wir, daß sie
von diesem bolschewistischen Bazillus angesteckt worden waren. Und
Deutschland ist jetzt von der Revolution erfaßt, dort geht der Kampf
um die Rätemacht. Und es zeigte sich, daß der Brester Frieden, den man
als den völligen Bankrott der Bolschewiki hingestellt hatte, nur ein Über-
gang war, um nun, nachdem wir uns in Rußland gefestigt hatten, mit der
Schaffung der Roten Armee zu beginnen. Die deutschen Truppen sind
vom Bolschewismus angesteckt worden, und ihre Schernsiege waren nur
ein Schritt weiter zum völligen Zusammenbruch des deutschen Imperialis-
mus, waren eine Übergangsstufe zur Ausbreitung und zum Anwachsen
der Weltrevolution.
364
W. I. Lenin
Zur Zeit des Brester Friedens standen wir allein. Ganz Europa hielt
die russische Revolution für eine Ausnahmeerscheinung; unsere Revolu-
tion, diese „asiatische Revolution“, hat so schnell begonnen und den Zaren
gestürzt, weil Rußland ein rückständiges Land war, und eben wegen sei-
ner Rückständigkeit ist es so schnell zur Abschaffung des Eigentums, zur
sozialistischen Revolution übergegangen - so urteilte man in Europa;
dabei vergaß man, daß die russische Revolution eine andere Ursache
hatte - es gab keinen anderen Ausweg für Rußland. Der Krieg hatte aller-
orts eine so große Verheerung und Hungersnot hervorgerufen, eine so
große Schwächung des Volkes und der Truppen, die erkannt hatten, daß
sie so lange betrogen worden waren, daß der einzige Ausweg für Rußland
die Revolution war.
Den Deutschen hatte man gesagt, sie müßten sich gegen eine russische
Invasion verteidigen. Jetzt aber wird diese Lüge mit jedem Tag offen-
kundiger. Die deutschen Kapitalisten und Generale ließen ihre Truppen
auch dann noch gegen Rußland marschieren, als es bereits ein soziali-
stisches Land geworden war. Und da wurde auch dem unwissendsten
deutschen Soldaten klar, daß man ihn die ganzen vier Kriegsjahre hin-
durch hinters Licht geführt und in den Krieg getrieben hatte, damit die
deutschen Kapitalisten Rußland ausplündem konnten. Das gleiche, was
den Zusammenbruch des deutschen Imperialismus, was die Revolution in
Deutschland hervorgerufen hat, das läßt jetzt mit jedem Tag und mit
jeder Stunde die Revolution in Frankreich, England und in anderen Län-
dern näher rücken. Wir standen allein. Jetzt sind wiT nicht mehr allein.
Jetzt ist Revolution in Berlin, in Österreich, in Ungarn; selbst in der
Schweiz, in Holland und in Dänemark, in diesen freien Ländern, die den
Krieg nicht gekannt haben - selbst dort wächst die revolutionäre Be-
wegung, und die Arbeiter fordern dort bereits die Organisierung von
Räten. Jetzt hat sich gezeigt, daß es keinen anderen Ausweg gibt. Die
Revolution reift in der ganzen Welt heran. Wir sind darin die ersten
gewesen, und unsere Aufgabe ist es. diese Revolution so lange zu ver-
teidigen, bis unsere Verbündeten nachrücken, diese Verbündeten aber
sind die Arbeiter aller Länder Europas. Diese Verbündeten werden uns
um so näher sein, je maßloser sich ihre Regierungen gebärden.
Als die Deutschen sich die Herren dünkten, zur Zeit des Brester Frie-
dens, waren sie nur noch einen Schritt von ihrem Untergang entfernt.
Rede auf einer Arbeiterkonferenz des Moskauer Stadtbezirks Presnja 365
Jetzt aber sind Frankreich und England, die den Deutschen viel schwerere
und schmählichere Friedensbedingungen aufgezwungen haben als uns
seinerzeit Deutschland, jetzt sind sie an den Rand des Abgrunds geraten.
Wie sie auch lügen mögen - nur wenige Schritte trennen sie jetzt von
ihrem Untergang. Sie fürchten diesen Untergang, ihre Lügen entlarven
sich mit jedem Tage immer mehr, und wir erklären: Was immer diese
Imperialisten in ihren Zeitungen zusammenlügen - wir stehen fest, fester
als sie, denn unsere Sache wird vom Bewußtsein der Arbeitermassen in
allen Ländern getragen; dieses Bewußtsein ist aus dem Krieg erwachsen,
der vier Jahre hindurch die ganze Welt mit Blut getränkt hat. Diesen
Krieg werden die alten Regierungen nicht überleben. Die alten Regie-
rungen sagen jetzt, daß sie gegen den Weltbolschewismus sind. Die Arbei-
ter wissen, was in Rußland vor sich geht, daß man dort die Gutsbesitzer
und Kapitalisten verfolgt, die Söldner, fremde Soldaten zu Hilfe rufen.
Die Situation ist jetzt jedermann klar. Die Arbeiter aller Länder ver-
stehen sie. Und mögen die Imperialisten noch so wüten, mögen- sie noch
so toben, wir nehmen kühn den Kampf mit ihnen auf, denn wir wissen,
daß jeder ihrer Schritte in Rußland ein Schritt zu ihrem eigenen Unter-
gang sein wird und daß mit ihnen das gleiche geschehen wird wie mit den
deutschen Truppen, die anstatt Getreide den russischen. Bolschewismus
aus der Ukraine ausgeführt haben.
In Rußland sind die Werktätigen an der Macht, und wenn sie die
Macht nicht in ihren Händen halten werden, könnte niemand je die Wun-
den heilen, die dieser schwere, blutige Krieg geschlagen hat. Die Macht
in den Händen der alten Kapitalisten lassen hieße, die ganzen Lasten des
Krieges der werktätigen Klasse aufbürden, damit sie den ganzen Tribut
für diesen Krieg zahle.
Zwischen England, Amerika und Japan geht jetzt der Kampf um den
Anteil an der zusammengeraubten Beute. Alles ist schon aufgeteilt. Wilson
ist Präsident der demokratischsten Republik der Welt. Was aber sagt er?
In diesem Lande werden Menschen wegen eines einzigen Wortes, das
zum Frieden mahnt, von einer chauvinistischen Meute auf offener Straße
medergeschossen. Einen Geistlichen, der nie Revolutionär war, hat man.
nur weil er den Frieden predigte, auf die Straße gezerrt und blutig ge-
prügelt. Und dort, wo der brutalste Terror herrscht, dort dient jetzt die
Armee dazu, die Revolution abzuwürgen, mit ihr droht man die deutsche
366
W. I. Lenin
Revolution niederzuschlagen. In Deutschland ist die Revolution erst vor
kurzem ausgebrochen, erst ein Monat ist seit ihrem Beginn verstrichen,
und die akuteste Frage ist dort - Nationalversammlung oder Rätemacht.
Die gesamte Bourgeoisie ist dort für die Nationalversammlung, auch die
Sozialisten - diejenigen, die beim Kaiser Lakaiendienste übernahmen,
die nidit wagten, den Revolutionskrieg zu beginnen -, sie alle sind für
die Nationalversammlung. Ganz Deutschland hat sich in zwei Lager ge-
spalten. Die Sozialisten sind jetzt für die Nationalversammlung, Lieb-
knecht aber, der drei Jahre im Gefängnis zugebracht hat, steht ebenso wie
Rosa Luxemburg an der Spitze der »Roten Fahne“ 129 . Gestern ist ein
Exemplar dieser Zeitung in Moskau eingetroffen. Wir erhielten sie mit
großen Schwierigkeiten auf abenteuerlichem Wege. Sie enthält eine Reihe
von Artikeln - sie alle, die Führer der Revolution, sprechen in dieser
Zeitung vom Betrug des Volkes durch die Bourgeoisie. Deutschlands Wille
wurde von den Kapitalisten geknebelt. Sie druckten nur ihre Zeitungen,
nun aber schreibt „Die Rote Fahne“, daß nur den Arbeitermassen das
Recht zusteht, das Volksvermögen zu nutzen. In Deutschland ist schon
jetzt, obgleich erst ein Monat seit der Revolution vergangen ist, das ganze
Land in zwei Lager gespalten. Die Sozialverräter verkünden mit viel
Stimmaufwand, daß sie für die Nationalversammlung sind, während die
Sozialisten - die wirklichen, ehrlichen Sozialisten - sagen : „Wir sind alle
für die Macht der Arbeiter und Soldaten.“ Sie sagen nicht: „für die
Bauern“, denn in Deutschland beschäftigt ein beträchtlicher Teil der
Bauern ebenfalls Lohnarbeiter, sondern sie sagen: „für die Arbeiter und
Soldaten“. Sie sagen: „für die Kleinbauern“. Die Rätemacht ist dort be-
reits zu einer Regierungsform geworden.
Die Sowjetmacht ist eine internationale Macht. Sie löst den alten bürger-
lichen Staat ab. Nicht nur die Monarchie, auch die Republik, wenn sie den
Kapitalisten ihr Eigentum - die Fabriken, Werke, Banken, Druckereien -
läßt; eine solche Republik ist gleichfalls eine Form der Ausplünderung
des Volkes durch die Bourgeoisie. Und die Bolschewiki waren im Recht,
als sie sagten, daß die Weltrevolution heranreift. In verschiedenen Län-
dern entwickelt sie sich verschieden. Sie macht stets eine lange und schwie-
rige Entwicklung durch. Ein schlechter Sozialist, der da glaubt, die Kapita-
listen würden sofort auf ihre Rechte verzichten. Nein. Solche honetten
Kapitalisten hat die Welt noch nicht hervorgebracht, Der Sozialismus
Rede auf einer Arbeiterkonferenz des Moskauer Stadtbezirks Presnja 367
kann sidi nur im Kampf gegen den Kapitalismus entwickeln. Noch nie
hat die Welt eine herrschende Klasse gesehen, die kampflos abgetreten
wäre. Die Kapitalisten wissen, was Bolschewismus ist. Früher sagten sie :
„Russische Dummheit und russische Rückständigkeit versuchen sich dort
in allerlei Kunststückchen, bei denen nichts herauskommen wird. Dort in
Rußland jagen sie Gespenstern nach, Phantomen aus einer anderen Welt.“
Jetzt aber sehen dieselben Herren Kapitalisten, daß diese Revolution ein
Weltbrand ist und daß nur die Macht der Werktätigen den Sieg davon-
tragen kann. Bei uns geht man jetzt zu den Komitees der Dorfarmut
über. In Deutschland aber bilden die Landarbeiter und die Kleinbauern
die gewaltige Mehrheit. Die Großbauern sind in Deutschland oftmals so
eine Art Gutsbesitzer.
Gestern hat die schweizerische Regierung unseren Vertreter in der
Schweiz des Landes verwiesen, und wir wissen, worauf das zurückzu-
führen ist. Wir wissen, die französischen und englischen Imperialisten
haben Angst davor, daß er uns täglich Telegramme und Berichte über die
Kundgebungen in London schickt, wo die Arbeiter die Forderung auf-
stellten: „Fort mit den britischen Truppen aus Rußland!“ Er hat auch
Informationen über Frankreich geschickt. Man sagt, die Imperialisten hät-
ten den Vertretern Rußlands ein Ultimatum gestellt. Sie haben die Sowjet-
vertreter auch aus Schweden hinausgejagt, und diese werden nach Ruß-
land zurückkehren müssen. Die Imperialisten frohlocken aber zu früh.
Das ist ein billiger Sieg. Dieser Schritt führt zu nichts. Wie immer die
„Alliierten" auch die Wahrheit verbergen, wie immer sie das Volk be-
trügen, wie immer sie sich bemühen, die Vertreter Sowjetrußlands loszu-
werden - letzten Endes wird das Volk doch die Wahrheit erfahren.
Wir sagen euch: Widersetzt euch mit aller Kraft den „Alliierten“ und
unterstützt die Rote Armee! Was bei uns geschah, als wir noch keine
Rote Armee hatten, ist verständlich. Aber wir sehen, daß die Rote Armee
jetzt erstarkt und Siege erringt. Gegen unsere Armee stehen englische
Truppen im Feld. In unserer Armee aber gibt es Offiziere, die erst gestern
aus der Arbeiterklasse gekommen sind, die soeben erstmalig einen mili-
tärischen Ausbildungskursus beendet haben. Wenn uns Gefangene in die
Hände fallen, so können wir feststellen - wir haben mehrere Beweise
dafür -, daß sich diese Gefangenen, sobald sie die ins Englische übersetzte
Verfassung unserer Republik gelesen haben, sagen: „Man hat uns be-
368
W. I. Lenin
trogen. Die Sowjetmacht ist nicht das, wofür wir sie hielten. Die Sowjet-
macht, das ist die Macht der Werktätigen.“ Und wir sagen: „Jawohl,
Genossen, wir kämpfen nicht nur für Sowjetrußland wir kämpfen für
die Macht der Arbeiter und Werktätigen der ganzen Welt.“ Während
wir den Ansturm des Imperialismus auf halten, erstarkt die deutsche Revo-
lution. Auch in allen übrigen Ländern erstarkt die Revolution. Und des-
halb, wie immer man sie in Europa auch nennen möge - sie, diese Welt-
revolution, ist mit aller Macht herangerückt, und der Weltimperialismus
wird untergehen. Und unsere Lage, wie schwer sie auch sei, sie gibt die
Gewißheit, daß nicht nur wir für die gerechte Sache kämpfen, sondern
daß wir auch Verbündete haben - die Arbeiter eines jeden Landes.
Genossen, nach diesen Bemerkungen über unsere internationale Lage
möchte ich noch einige Worte zu anderen Fragen sagen. Ich möchte einiges
über die kleinbürgerlichen Parteien sagen: Diese Parteien haben sich für
Sozialisten gehalten. Aber es sind keine Sozialisten. Wir wissen sehr wohl,
daß sich solche Einrichtungen wie Banken, Sparkassen, Gesellschaften
der gegenseitigen Hilfe in der kapitalistischen Gesellschaft Einrichtungen
zur „Selbsthilfe“ nennen, aber das hat absolut nichts zu sagen: in Wirk-
lichkeit verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung glatter Raub. Und eben
diese Parteien, die behaupten, sie wären für das Volk, haben sich damals,
als die russische Arbeiterklasse die Angriffe Krasnows zurückschlug
(unsere Truppen haben ihn gefangengenommen, aber leider wieder frei-
gelassen, weil die Petrograder zu gutmütig sind) - damals haben sich
diese Herren Menschewiki und rechten Sozialrevolutionäre auf die Seite
der Bourgeoisie gestellt. Diese Parteien des Kleinbürgertums wissen nie,
mit wem sie gehen sollen, ob mit den Kapitalisten oder mit den Arbeitern.
Diese Parteien bestehen aus Leuten, die der einzigen Hoffnung leben,
einmal reich zu werden. Sie sehen ständig, wie schlecht ringsum die
Mehrheit der Kleineigentümer lebt - das sind alles Werktätige. Und da
begannen die Parteien, die über die ganze Welt verstreut sind, da be-
gannen die kleinbürgerlichen Parteien zu schwanken. Das ist nichts Neues.
Das hat es immer gegeben und gibt es auch bei uns. Als der Brester Frieden
kam - die schwerste Periode unserer Revolution, als wir keine Armee
hatten und Frieden schließen mußten, uns aber sagten: unsere soziali-
stische Arbeit werden wir keinen Augenblick lang einstellen - da haben
sie sich alle von uns abgewandt. Sie. haben vergessen, daß Rußland die
Rede auf einer Arbeiterkonferenz des Moskauer Stadtbezirks Presnja 369
größten Opfer für die sozialistische Revolution bringt, und sie sind zu
den Konstituante-Leuten übergegangen. Die Konstituante-Leute traten in
Samara und in Sibirien auf. Jetzt werden sie von dort vertrieben, und
man zeigt ihnen, daß es nur die Macht der Gutsbesitzer oder die Macht
der Bolsdiewiki geben kann. Ein Mittelding kann es nicht geben. Entweder
die Macht der Ausgebeuteten oder die Macht der Ausbeuter. Nur mit uns
kann die ganze arme Bauernschaft gehen. Sie geht aber nur dann mit uns,
wenn sie sieht, daß mit dem alten Regime nicht viel Federlesens gemacht
und alles zum Wohl des Volkes getan wird. Nur eine solche Sowjetmacht
konnte ein Jahr lang vom Volk unterstützt werden, ungeachtet der
schweren Bedingungen und der Hungersnot. Die Arbeiter und Bauern
wissen, daß, wie schwer auch der Krieg sein mag, die Arbeiter- und
Bauernregierung alles tun wird, was gegen die kapitalistischen Ausbeuter
getan werden kann, um die ganze Last des Krieges nicht auf die Schultern
der Werktätigen, sondern auf die Schultern dieser Herrschaften abzu-
wälzen. Und so wird die Arbeiter- und Bauemmacht nun schon seit mehr
als einem Jahr vom Volk unterstützt.
Jetzt, wo die deutsche Revolution ausgebrochen ist, hat bei den Men-
schewiki und Sozialrevolutionären ein Umschwung eingesetzt. Die besten
von ihnen strebten zum Sozialismus. Sie glaubten aber, daß die Bolsche-
wiki einem Phantom, einem Trugbild nachjagen. Jetzt aber haben sie sich
davon überzeugt, daß das, was die Bolschewiki erwartet haben, kein
Phantasiegebilde, sondern reale Wirklichkeit ist, daß diese Weltrevolu-
tion angebrochen ist und in der ganzen Welt ansteigt, und die Besten
der Menschewiki und Sozialrevolutionäre beginnen ihren früheren Irrtum
zu bereuen und zu verstehen, daß die Sowjetmachtnichtnur die russische,
sondern die internationale Arbeitermacht bedeutet und daß da keine
Konstituante helfen wird.
England, Frankreich und Amerika wissen, daß sie jetzt, wo die Welt-
revolution entflammt ist, keine äußeren Feinde haben. Die Feinde sind im
Innern eines jeden Landes. Jetzt tritt ein neuer Umschwung ein, die
Menschewiki und die rechten Sozialrevolutionäre haben zu schwanken
begonnen, und die Besten von ihnen fühlen sich zu den Bolschewiki hin-
gezogen, sie sehen, daß sie, wie sehr sie auch auf die Konstituante schwö-
ren, dennoch auf seiten der Weißen stehen. Die ganze Welt, steht jetzt vor
der Entscheidung: entweder die Sowjetmacht oder die Macht der Räuber,
370
W. I. Lenin
die in diesem Kriege zehn Millionen Menschen ins Grab gebracht, zwan-
zig Millionen zu Krüppeln gemacht haben und heute weiterhin fremde
Länder ausplündern.
Das, Genossen, ist die Frage, die bei der kleinbürgerlichen Demokratie
die Schwankungen hervorgerufen hat. Wir wissen, daß diese Parteien
immer schwanken, diese Schwankungen wird es bei ihnen immer geben.
Die meisten Menschen gewinnen ihre Überzeugungen aus dem Leben,
Büchern und Worten aber glauben sie nicht. Wir sagen dem Mittelbauern :
Du bist nicht unser Feind. Wir haben keinen Grund, ihn vor den Kopf
zu stoßen, und wenn irgendwo ein örtlicher Sowjet einem Mittelbauern
schwer zusetzt und es diesem weh tut, so muß dieser Sowjet abgelöst wer-
den, denn er versteht es nicht, so zu handeln, wie es nötig wäre. Die mitt-
lere, die kleinbürgerliche Demokratie wird immer schwanken. Und wenn
sie, wie ein Pendel, nach unserer Seite ausschlägt, so muß man sie unter-
stützen. Wir sagen: „Wenn ihr uns die Arbeit verderben werdet, wollen
wir euch nicht. Wenn ihr uns aber helfen werdet, seid ihr willkommen.“
Bei den Menschewiki gibt es verschiedene Gruppen, es gibt da die Gruppe
der „Aktivisten“ (sie sind für Aktionen). Das ist eine lateinische Be-
zeichnung, und hinter ihr verbargen sich jene, die gesagt haben: „Kriti-
sieren allein genügt nicht. Man muß durch Aktionen nachhelfen.“ Wir
sagten: Wir werden gegen die Tschechoslowaken kämpfen, und wer die-
sen Leuten hilft, darf keine Gnade erwarten. Wenn aber Leute kommen,
die ihren Fehler eingesehen haben, muß man sie aufnehmen, muß man
nachsichtig sein. Wer in der Mitte steht zwischen dem Arbeiter und dem
Kapitalisten, wird immer schwanken: er dachte, die Sowjetmacht werde
bald zusammenbrechen. In Wirklichkeit aber kam es anders. Der euro-
päische Imperialismus kann unsere Macht nicht brechen. Die Revolution
entwickelt sich jetzt im internationalen Maßstab. Und heute sagen wir:
Wer geschwankt hat, aber jetzt seinen Fehler eingesehen und erkannt hat,
komme zu uns. Wir wenden uns nicht ab von euch. Wir müssen unsere
ganze Aufmerksamkeit vor allem darauf lenken, daß diese Leute, wer
immer sie früher waren, mögen sie auch geschwankt haben, wenn sie es
aufrichtig mit uns meinen, zu uns kommen sollen. Wir sind jetzt stark
genug, um niemanden zu fürchten. Wir werden sie schon alle verdauen.
Uns werden sie nichts anhaben können. Sie dürfen nicht vergessen, daß
das Schwanken dieser Parteien nicht aus der Welt zu schaffen ist, Heute
Rede auf einer Arbeiterkonferenz des Moskauer Stadtbezirks Presnja 371
schlägt das Pendel hierhin aus. morgen dorthin. Wir müssen eine prole-
tarische Partei der Arbeiter und Ausgebeuteten bleiben. Aber heute regie-
ren wir in ganz Rußland, und unser Feind ist nur, wer von fremder Arbeit
lebt. Die übrigen sind nicht unsere Feinde. Sie schwanken nur. Wer
schwankt, ist aber noch kein Feind.
Jetzt noch eine Frage. Die Emährungsfrage. Sie wissen alle, daß sich
unsere Ernährungslage, die sich im Herbst etwas gebessert hatte, erneut
verschlechtert hat. Das Volk hungert wieder, und zum Frühjahr wird sich
die Lage noch mehr verschlechtern. Unser Verkehrswesen aber liegt jetzt
arg danieder. Dazu kommt noch, daß die Eisenbahnen heute durch den
Heimtransport der Kriegsgefangenen überlastet sind. Aus Deutschland
strömen jetzt zwei Millionen Menschen nach Rußland. Diese zwei Mil-
lionen sind völlig erschöpft und von Kräften. Sie haben gehungert, wie
sonst niemand. Das sind keine Menschen mehr, das sind Schatten von
Menschen, richtige Skelette. Der innere Krieg hat unser Verkehrswesen
noch mehr zerrüttet. Wir haben keine Lokomotiven, keine Waggons. Und
die Emährungslage verschlimmert sich immer mehr. Im Hinblick auf diese
schwere Lage hat sich der Rat der Volkskommissare gesagt: Wenn wir
jetzt eine Armee haben, in der Disziplin herrscht, begründet auf den
Parteizellen, die es in jedem Regiment gibt, und wenn die meisten Offi-
ziere jetzt Offiziere sind, die aus der Arbeiterschaft kommen, und keine
„Herrensöhnchen“; wenn das Offiziere sind, die verstanden haben, daß
die Arbeiterklasse die Leute stellen muß, die den Staat regieren, und daß
sie auch die roten. Offiziere stellt, dann wird die sozialistische Armee eine
wirklich sozialistische Armee sein mit einem durch die roten Offiziere
erneuerten Offizierskorps. Wir wissen, daß jetzt der Umschwung ein-
getreten ist. Die Armee ist da. In ihr herrscht eine neue Disziplin. Die
Disziplin wird aufrechterhalten durch die Parteizellen, durch die Arbeiter
und die Kommissare, die zu Hunderttausenden an die Front gegangen sind
und den Arbeitern und Bauern die Ursachen des Krieges erklärt haben.
Das eben hat den Umschwung in unserer Armee hervorgerufen. Deshalb
hat er sich so stark ausgewirkt. Die englischen Zeitungen schreiben, daß sie
es jetzt in Rußland mit einem ernst zu nehmenden Gegner zu tun haben.
Wir wissen sehr wohl, wie schlecht unser Apparat im Emährungswesen
ist. Bestimmte Gruppen von Personen, die schon früher betrogen haben
und die heute betrügen und plündern, haben sich dort eingenistet. Wir
372
W. I. Lenin
wissen, daß die Masse der Eisenbahner, alle, die die ganze Last der Arbeit
zu tragen haben, daß sie alle für die Sowjetmacht sind. Aber oben, in der
Spitze, da hängt man dem alten Regime an, da wird sabotiert oder lasch
gearbeitet. Sie wissen. Genossen, daß dieser Krieg ein Revolutionskrieg
ist. Für diesen Krieg müssen im Volke alle Kräfte aufgeboten werden. Das
ganze Land muß zu einem revolutionären Lager. werden: Helft alle mit!
Diese Hilfe aber besteht nicht nur darin, daß alle an die Front gehen, son-
dern auch darin, daß die Klasse im Staat, die alle zur Befreiung führt, die
die Sowjetmacht stützt, daß diese Klasse regiere, denn sie allein hat das
Recht darauf. Wir wissen, wie schwierig das ist, wo doch die Arbeiter-
klasse so lange Zeit nicht nur von der Regierung, sondern auch von jeg-
licher Bildung ausgeschlossen war, wir wissen, wie schwer es ihr fällt,
alles auf einmal zu lernen. Im Militärwesen, auf diesem schwierigsten und
gefährlichsten Gebiet, hat die Arbeiterklasse dennoch diesen Umschwung
herbeigeführt. Einen ebensolchen Umschwung auch im Emährungs- und
im Verkehrswesen herbeizuführen, müssen uns die klassenbewußten
Arbeiter helfen. Es ist notwendig, daß jeder Eisenbahner und jeder im
Ernährungswesen Beschäftigte in sich einen Soldaten sieht, der auf seinem
Posten steht. Er muß wissen, daß er den Feldzug gegen den Hunger zu
führen hat. Er muß die alten bürokratischen Gewohnheiten abstreifen.
Wir haben dieser Tage die Schaffung einer Arbeiterinspektion für das
Ernährungswesen beschlossen. Und wir sagen uns:. um im Apparat des
Verkehrswesens einen Umschwung herbeizuführen, um aus ihm eine Art
Rote Armee zu machen, bedarf es der Teilnahme der Arbeiter. Ruft eure
Leute zusammen. Veranstaltet Kurse, lehrt sie, ernennt sie zu Kommis-
saren. Nur die Arbeiter, wenn sie aus ihrer Mitte die Funktionäre stellen,
werden es erreichen, daß wir im Ernährungswesen aus der. alten Beamten-
armee eine Art Rote sozialistische Armee erhalten, die, von Arbeitern ge-
führt und nicht dem Zwang gehorchend, sondern aus freiem Willen, ge-
radeso arbeitet wie an der Front die roten Offiziere in dem Bewußtsein ar-
beiten und sterben, daß sie für die sozialistische Republik ihr Leben lassen.
Ein kurzer Bericht wurde am
18. Dezember 1918 in der
„Prawda“ Nr. 275 veröffentlicht.
Zuerst vollständig veröffentlicht. Nach dem Stenogramm.
373
TELEGRAMM
AN DIE UKRAINER IM GEBIET SAMARA
Samara, an den Gouvernementsmilitärkommissar,
für die im Gebiet Samara lebenden Ukrainer
Kopie Serpuchow, an Wazetis
In Beantwortung des Telegramms der im Gebiet Samara lebenden
Ukrainer halten wir es für notwendig mitzuteilen, daß die Arbeiter-
und Bauernregierung der Ukraine es im Hinblick auf den Zustrom
ukrainischer Freiwilliger sowie auf die große Zahl der in der Ukraine
selbst Mobilisierten, die noch keine Waffen erhalten haben, nicht für
notwendig erachtet, ukrainische Formationen in Rußland aufzustellen
und in die Ukraine zu schicken. Mit dieser Mitteilung verbinden wir
im Namen des Rats der Volkskommissare die Aufforderung, den Ab-
transport ukrainischer Truppenteile in die Ukraine einzustellen.
Lenin*
Nach dem Text des
Telegrammformulars.
Geschrieben am 17. Dezember 1918.
Zuerst veröffentlicht 1942
im Lenin-Sammelband XXXIV.
Das Telegrs
außerdem .von J. W. Stalin unterzeichnet. Die Red.
ÜBER „DEMOKRATIE“ UND DIKTATUR
Die wenigen Nummern der Berliner „Roten Fahne" und des Wiener
„Weckrufs“ 130 , des Organs der Kommunistischen Partei Deutschöster-
reichs, die nach Moskau gelangt sind, zeigen uns, daß die Verräter am
Sozialismus, die den Krieg der imperialistischen Räuber unterstützt haben,
alle diese Scheidemann und Ebert, Austerlitz und Renner, bei den wahren
Vertretern der revolutionären Proletarier Deutschlands und Österreichs
eine gebührende Abfuhr erhalten. Wir begrüßen aufs wärmste diese bei-
den Organe, die von der Lebenskraft und dem Wachstum der III. Inter-
nationale zeugen.
Allem Anschein nach ist heute in Deutschland wie in Österreich die
Hauptfrage der Revolution die: Nationalversammlung oder Rätemacht?
Die Repräsentanten der bankrotten II. Internationale, sie alle, von Scheide-
mann bis Kautsky, setzen sich für erstere ein und nennen ihren Stand-
punkt Verteidigung der „Demokratie“ (Kautsky hat sich sogar bis zur
„reinen Demokratie“ verstiegen) im Gegensatz zur Diktatur. Kautskys
Anschauungen habe ich in der soeben in Moskau und Petrograd erschie-
nenen Broschüre „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“
eingehend untersucht. Ich will nunmehr versuchen, das Wesen der strit-
tigen Frage, die jetzt für sämtliche fortgeschrittenen kapitalistischen Län-
der praktisch auf der Tagesordnung steht, kurz darzulegen.
Die Scheidemann und Kautsky reden von „reiner Demokratie“ oder
von „Demokratie“ überhaupt, um die Massen zu betrügen und ihnen das
bürgerliche Wesen der heutigen Demokratie zu verhehlen. Soll die Bour-
geoisie den ganzen Staatsapparat auch weiterhin in der Hand behalten,
soll eine Handvoll Ausbeuter die alte, bürgerliche Staatsmaschine auch
Ober „ Demokratie " und Diktatur 375
weiterhin in ihrem Interesse ausnutzen! Unter solchen Verhältnissen
durchgeführte Wahlen werden von der Bourgeoisie natürlich gern als
„freie“, „gleiche“, „demokratische“, „allgemeine“ „Volks“wahlen hin-
gestellt, weil diese Worte dazu dienen, die Wahrheit zu verhehlen, zu
verhehlen, daß das Eigentum an den Produktionsmitteln und die politische
Macht bei den Ausbeutern bleiben, daß deshalb von wahrer Freiheit, von
wahrer Gleichheit für die Ausgebeuteten, d. h. für die überwältigende
Mehrheit der Bevölkerung, gar keine Rede sein kann. Für die Bour-
geoisie ist es vorteilhaft und unerläßlich, dem Volk das bürgerliche Wesen
der heutigen Demokratie zu verhehlen, sie als Demokratie überhaupt
oder als „reine Demokratie“ .hinzustellen, und die Scheidemänner, ebenso
wie die Kautsky, die das wiederholen, verlassen in Wirklichkeit den
Standpunkt des Proletariats und gehen auf die Seite der Bourgeoisie
über.
Als Marx und Engels zum letztenmal gemeinsam das Vorwort zum
„Kommunistischen Manifest“ Unterzeichneten (das war im Jahre 1872),
hielten sie es für notwendig, die Aufmerksamkeit der Arbeiter besonders
darauf zu lenken, daß das Proletariat nicht die fertige (d. h. die bürger-
liche) Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für seine eigenen
Zwecke in Bewegung setzen kann, sondern daß es sie zerbrechen, zer-
schlagen muß. Der Renegat Kautsky hat eine ganze Broschüre über die
„Diktatur des Proletariats“ verfaßt, in der er den Arbeitern diese wich-
tigste marxistische Wahrheit verhehlt und den Marxismus von Grund aus
verfälscht. Und das Lob, das die Herren Scheidemann und Co. dieser
Broschüre gespendet haben, ist natürlich vollauf verdient, als ein Lob,
das Agenten der Bourgeoisie dem erteilen, der zur Bourgeoisie über-
geht.
Von reiner Demokratie, von Demokratie überhaupt, von Gleichheit,
Freiheit, Volksmacht reden, wenn die Arbeiter und alle Werktätigen nicht
nur durch die kapitalistische Lohnsklaverei, sondern auch durch die vier
Jahre Raubkrieg ausgehungert, abgerissen, ruiniert und bis aufs Blut ge-
peinigt sind, während die . Kapitalisten und Schieber nach wie vor über
ihr zusammengeraubtes „Eigentum“ und über den „fertigen“ Staats-
apparat verfügen - das heißt die Werktätigen und Ausgebeuteten ver-
höhnen. Das heißt den Grundwahrheiten des Marxismus ins Gesicht
schlagen, der die Arbeiter lehrte: ihr müßt die bürgerliche Demokratie
25 Lenin. Werke. Bd. 28
376
W. I. Lenin
ausnutzen, denn sie ist gemessen am Feudalismus ein gewaltiger histo-
rischer Fortschritt, vergeßt aber dabei keinen Augenblick lang den bürger-
lichen Charakter dieser „Demokratie“, vergeßt nicht, daß sie historisch
bedingt und beschränkt ist, teilt nicht den „Aberglauben“ an den „Staat“,
vergeßt nicht, daß der Staat auch in der demokratischsten Republik, nicht
minder als in der Monarchie, nichts als eine Maschine ist zur Unter-
drückung einer Klasse durch eine andere.
Die Bourgeoisie muß notgedrungen heucheln und die ( bürgerliche )
demokratische Republik, die in Wirklichkeit eine Diktatur der Bourgeoisie,
eine Diktatur der Ausbeuter über die schaffenden Massen ist, als „Volks-
macht“ oder als Demokratie überhaupt oder als reine Demokratie hin-
stellen. Die Scheidemann und Kautsky, die Austerlitz und Renner unter-
stützen diese Lüge und diese Heuchelei (heute leider mit Hilfe Friedrich
Adlers). Die Marxisten, die Kommunisten, dagegen entlarven sie und
sagen den Arbeitern und den werktätigen Massen offen die ganze Wahr-
heit, daß nämlich demokratische Republik, Nationalversammlung, allge-
meine Wahlen usw. in Wirklichkeit Diktatur der Bourgeoisie bedeuten
und daß es für die Befreiung der Arbeit vom Joch des Kapitals keinen
anderen Weg gibt als die Ablösung dieser Diktatur durch die Diktatur
des Proletariats. Allein die Diktatur des Proletariats ist imstande, die
Menschheit vom Joch des Kapitals, von Lug und Trug, von der Heuchelei
der bürgerlichen Demokratie, dieser Demokratie für die Reichen, zu be-
freien, sie allein ist imstande, eine Demokratie für die Armen zu er-
richten, d. h. die Vorzüge der Demokratie den Arbeitern und den armen
Bauern wirklich zugänglich zu machen, während diese Vorzüge jetzt
(selbst in der demokratischsten - bürgerlichen - Republik) der über-
großen Mehrheit der Werktätigen in Wirklichkeit versagt sind.
Nehmen wir zum Beispiel die Versammlungs- und die Pressefreiheit.
Die Scheidemann und Kautsky, die Austerlitz und Renner versichern den
Arbeitern, die jetzigen Wahlen zur Nationalversammlung in Deutsch-
land und Österreich gingen „demokratisch“ vor sich. Das ist eine Lüge,
denn in Wirklichkeit haben die Kapitalisten, die Ausbeuter, die Guts-
besitzer und Schieber neun Zehntel der besten für Versammlungen ge-
eigneten Gebäude, neun Zehntel der Papiervorräte, Druckereien usw. in
der Hand. Der Arbeiter in der Stadt, der Knecht und der Tagelöhner auf
dem Lande sind sowohl durch dieses „geheiligte Eigentumsrecht“ (das
Über „Demokratie" und Diktatur 377
von den Herren Kautsky und Renner, zu denen sich leider auch Friedrich
Adler gesellt hat, geschützt wird) als auch durch den bürgerlichen Staats-
apparat, d. h. durch die bürgerlichen Beamten, die bürgerlichen Richter
usw., in Wirklichkeit von der Demokratie ausgeschaltet. Die jetzige „Ver-
sammlungs- und Pressefreiheit“ in der „demokratischen“ (bürgerlich-
demokratischen) deutschen Republik ist Lug und Trug, denn in Wirklich-
keit bedeutet sie die Freiheit für die Reichen, die Presse zu kaufen und
zu korrumpieren, die Freiheit für die Reichen, das Volk mit dem Fusel
der bürgerlichen Zeitungslügen betrunken zu machen, die Freiheit, für
die Reichen, die Herrensitze, die besten Gebäude usw. als ihr „Eigentum“
fest in der Hand zu halten. Die Diktatur des Proletariats wird den Kapi-
talisten die Herrensitze, die besten Gebäude, die Druckereien und Papier-
lager zugunsten der Werktätigen megnehmen.
Das bedeute, die „allgemeine“, „reine“ Demokratie durch die „Dik-
tatur einer Klasse“ ersetzen, zetern die Scheidemann und Kautsky, die
Austerlitz und Renner (gemeinsam mit ihren ausländischen Gesinnungs-
genossen, den Gompers, Henderson, Renaudel, Vandervelde und Co.).
Das ist nicht wahr, entgegnen wir. Das bedeutet, die tatsächliche Dik-
tatur der Bourgeoisie (die heuchlerisch durch die verschiedenen Formen
der demokratischen bürgerlichen Republik getarnt wird) durch die Dik-
tatur des Proletariats ersetzen. Das bedeutet, die Demokratie für die
Reichen durch die Demokratie für die Armen ersetzen.. .Das bedeutet, die
Versammlungs- und Pressefreiheit für eine Minderheit, für die Aus-
beuter, durch die Versammlungs- und Pressefreiheit für die Mehrheit der
Bevölkerung, für die Werktätigen, ersetzen. Das bedeutet eine, gigan-
tische, welthistorische Erweiterung der Demokratie, ihre Verwandlung
aus Lüge in Wahrheit, die Befreiung der Menschheit von den Fesseln des
Kapitals, das jede, auch die „demokratischste“ und republikanischste
bürgerliche Demokratie verzerrt und einschränkt, Das bedeutet, den
bürgerlichen Staat durch den proletarischen Staat ersetzen, und dies ist
der einzige Weg zum Absterben des Staats überhaupt.
Weshalb läßt sich denn dieses Ziel nicht ohne die Diktatur einer
Klasse erreichen? Weshalb kann man nicht direkt zur „reinen“ Demo-
kratie übergehen? - fragen die Heuchler, die Freunde der Bourgeoisie,
oder die von ihr betörten naiven Kleinbürger und Philister.
Darauf entgegnen wir: Weil in jeder kapitalistischen Gesellschaft ent-
378
W. I. Lenin
weder die Bourgeoisie odef das Proletariat ausschlaggebende Bedeutung
haben kann, während die kleinen Eigentümer unvermeidlich schwankende,
ohnmächtige, törichte Phantasten bleiben, die von einer „reinen“, d.h.
außerhalb der Klassen oder über den Klassen stehenden Demokratie träu-
men. Weil man aus einer Gesellschaft, in der eine Klasse die andere unter-
drückt, nicht anders als durch die Diktatur der unterdrückten Klasse
herauskommen kann. Weil nur das Proletariat imstande ist, die Bour-
geoisie zu besiegen, sie zu stürzen, denn es ist die einzige Klasse, die,
vereinigt und „geschult“ durch den Kapitalismus, imstande ist, die schwan-
kende Masse der in kleinbürgerlichen Verhältnissen lebenden Werktätigen
mitzureißen oder zumindest zu „neutralisieren“; Weil lediglich rühr-
selige Kleinbürger und Philister davon träumen können, das Joch des
Kapitals abzuschütteln, ohne den Widerstand der Ausbeuter in einem
langen und schwierigen Kampf zu unterdrücken, und mit diesen Träumen
betrügen sie sich und die Arbeiter. In Deutschland und Österreich ist die-
ser Widerstand bisher noch nicht offen zutage getreten, weil dort noch
nicht mit der Expropriation der Expropriateure begonnen worden ist.
Beginnt aber erst einmal diese Expropriation, so wird der Widerstand
verzweifelt, ja rasend sein. Die Scheidemanh und Kautsky, die Austerlitz
und Renner, die dies sich selbst und den Arbeitern verhehlen, üben damit
Verrat an den Interessen des Proletariats, gehen im entscheidendsten
Augenblick von der Position des Klassenkampfes und der Beseitigung
der Knechtschaft der Bourgeoisie zur Position des Paktierens zwischen
Proletariat und Bourgeoisie über, zur Position des „sozialen Friedens“
oder der Aussöhnung der Ausbeuter und der Ausgebeuteten.
Die Revolütionen sind die Lokomotiven der Geschichte 131 , sagte Marx.
In Revolutionen lernt man rasch. In Deutschland und in Österreich werden
die Arbeiter in Stadt und Land bald den Verrat der Scheidemann und
Kautsky, der Austerlitz und Renner an der Sache des Sozialismus er-
kennen. Das Proletariat wird diese „Sozialverräter“,- diese Sozialisten in
Worten und Verräter am Sozialismus in Taten, ebenso äbschütteln, wie
es in Rußland ebensolche Kleinbürger und Philister, die Menschewiki und
„Sozialrevolutionäre“, abgeschüttelt hat. Das Proletariat wird einsehen
- und zwar um so rascher, je vollständiger die-Herrschaft der erwähnten
„Führer“ sein wird -, daß nur die Ersetzung des bürgerlichen Staates,
und sei es auch die demokratischste Bürgerliche Republik, durch einen
Über „ Demokratie " und Diktatur
379
Staat vom Typus der Pariser Kommune (von dem Marx so viel gesprochen
hat, Marx, der von den Scheidemann und Kautsky entstellt und verraten
worden ist) oder durch einen Staat vom Typus der Sowjets imstande ist,
die Bahn zum Sozialismus frei zu machen. Die Diktatur des Proletariats
wird die Menschheit vom Joch des Kapitals und von Kriegen erlösen.
Moskau, 23. XII. 1918
„Pramda“ Nr. 2, Nach dem Manuskript.
3. Januar 1919.
Unterschrift: N. Lenin.
380
DIE HELDENTAT DER ARBEITER
DES STADTBEZIRKS PRESNJA
Vor dreizehn Jahren erhoben die Proletarier Moskaus das Banner des
Aufstands gegen den Zarismus. Das war der Höhepunkt in der Entwick-
lung der ersten Arbeiterrevolution gegen den Zarismus. Die Arbeiter
erlitten eine Niederlage, und der Stadtbezirk Presnja rötete sich vom Blut
der Arbeiter.
Der unvergeßliche Heroismus der Moskauer Arbeiter gab allen werk-
tätigen Massen Rußlands ein Vorbild des Kampfes. Aber diese Massen
waren damals noch zu unentwickelt, zu zersplittert und unterstützten
nicht die Helden der Presnja, die Helden Moskaus, die sich mit der Waffe
in der Hand gegen die Zaren-, die Gutsbesitzermonarchie erhoben hatten.
Auf die Niederlage der Moskauer Arbeiter folgte die Niederlage der
ganzen ersten Revolution. Zwölf lange qualvolle Jahre der brutalsten
Gutsbesitzerreaktion peinigten alle Arbeiter und Bauern aller Völker
Rußlands.
Die Heldentat der Arbeiter von Presnja wurde nicht umsonst voll-
bracht. Ihre Opfer waren nicht vergebens. In die Zarenmonarchie war die
erste Bresche geschlagen worden, die sich langsam, aber stetig erweiterte
und das alte, mittelalterliche Regime schwächte. Unter den werktätigen
Massen in Stadt und Land bewirkte die Heldentat der Moskauer Arbeiter
eine tiefe Gärung, deren Spuren trotz aller Verfolgungen nicht mehr aus-
zutilgen waren.
Vor dem bewaffneten Aufstand im Dezember 1905 war das Volk in
Rußland nicht imstande gewesen, einen bewaffneten Massenkampf gegen
die Ausbeuter zu führen. Nach dem Dezember war es schon nicht mehr
das gleiche Volk. Es war wie neugeboren. Es hatte die Feuertaufe erhalten.
Die Heldentat der Arbeiter des Stadtbezirks Presnja
381
Es war im Aufstand gestählt worden. Es bereitete die Reihen der Kämpfer
vor, die im Jahre 1917 gesiegt haben und die jetzt, ungeachtet all der
unermeßlichen Schwierigkeiten, die Qualen der Hungersnot und der
durch den imperialistischen Krieg hervorgerufenen wirtschaftlichen Zer-
rüttung überwindend, dem Sozialismus in der ganzen Welt zum Siege
verhelfen.
Es leben die Arbeiter von Krasnaja Presnja, der Vortrupp der prole-
tarischen Weltrevolutiön!
„ Bednota ' Nr. 222,
24. Dezember 1918.
Unterschrift: N. Lenin.
REDE
AUF DEM II. GESAMTRUSSISCHEN KONGRESS
DER VOLKSWIRTSCHAFTSRÄTE 132
25. DEZEMBER 1918
(Ovationen.) Genossen! Erlauben Sie mir, zunächst einige Worte
über die internationale Lage der Sowjetrepublik zu sagen. Sie wissen
natürlich, daß die Hauptfrage in der heutigen internationalen Situation
der Sieg des englisch-französisch-amerikanisdien Imperialismus und seine
Bemühungen sind, die ganze Welt endgültig unter seine Herrschaft zu
bringen und vor allem Sowjetrußland zu vernichten.
Sie wissen, daß zu Beginn der Oktoberrevolution nicht nur die meisten
Repräsentanten der westeuropäischen Bourgeoisie, sondern auch ein Teil
der Bourgeoisie Rußlands der Meinung war, bei uns werde so etwas wie
ein sozialistisches Experiment vorgenommen, das vom internationalen
Standpunkt aus keine wesentliche und ernstliche Bedeutung haben könne.
Besonders unverschämte und kurzsichtige Bourgeois äußerten sich mehr-
fach in dem Sinne, daß die kommunistischen Experimente in Rußland nur
dazu angetan wären, dem deutschen Imperialismus Freude zu machen.
Und bedauerlicherweise hat es auch Leute gegeben, die sich durch der-
artige Behauptungen blenden ließen und unter anderem auch die unsagbar
schweren und unsagbar gewalttätigen Bedingungen des Brester Friedens
von diesem Standpunkt aus bewerteten. Im Grunde genommen entfach-
ten diese Leute, bewußt und unbewußt, einen klassenmäßig bedingten
kleinbürgerlichen Patriotismus und beurteilten die sich verschlechternde
Lage nicht vom Gesichtspunkt ihrer internationalen Bedeutung, nicht
vom Gesichtspunkt der Entwicklung der Ereignisse in der ganzen Welt,
sondern von dem Standpunkt, daß der deutsche Imperialismus der Haupt-
feind sei und daß dieser Gewaltfrieden, dieser unerhörte Raubfrieden,
einen Triumph der deutschen Imperialisten bedeute.
Rede auf dem II. Gesamtrussischen Kongreß der Volksmirtsckaftsräte 383
In der Tat, betrachtet man die Ereignisse jener Zeit unter dem Ge-
sichtswinkel der Lage in Rußland, so kann man sich keine verderblicheren
Friedensbedingungen vorstellen. Doch die ganze Unsinnigkeit der
Schlußfolgerungen, die die deutschen Imperialisten gezogen hatten, zeigte
sich einige Monate später, als die Deutschen bei der Eroberung der
Ukraine vor der deutschen Bourgeoisie und noch mehr vor dem deutschen
Proletariat prahlten, daß die Zeit gekommen sei, die Früchte der imperia-
listischen Politik zu ernten, daß sie aus der Ukraine alles herausholen
würden, was Deutschland braucht. Das war eine Beurteilung der Ereig-
nisse, wie man sie sich kurzsichtiger und beschränkter nicht denken kann.
Bald darauf zeigte sich jedoch, daß diejenigen, die die Ereignisse von
dem Standpunkt aus betrachten, welchen Einfluß sie auf die Entwicklung
der Weltrevolution nehmen, die einzigen waren, die recht hatten. Eben
das Beispiel der Ukraine, die unerhörte Leiden erdulden mußte, hat ge-
zeigt, daß die einzig richtige Beurteilung der Ereignisse die war, die auf
der Analyse, auf der aufmerksamen Beobachtung der internationalen
proletarischen Revolution fußte: Die werktätigen Massen, deren Lage
unerträglich geworden war, bezwangen den Imperialismus. Und heute
sehen wir, daß die ukrainische Episode nur eines der Kettenglieder im
Reifeprozeß der Weltrevolution war.
Die deutschen Imperialisten haben aus der Ukraine viel weniger mate-
rielle Werte herausholen können, als sie gerechnet hatten. Indes unter-
grub der Umstand, daß sich der Krieg zu einem offenen Raubkrieg aus-
wuchs, die ganze deutsche Armee, und die Berührung mit Sowjetrußland
trug in diese Armee der werktätigen Massen Deutschlands jene Zerset-
zung hinein, die sich einige Monate später zeigen sollte. Und heute, wo
der englisch-amerikanische Imperialismus noch frecher geworden ist und
sich als Alleinherrscher betrachtet, dem niemand Widerstand leisten kann,
verschließen wir nicht die Augen vor der außerordentlich schwierigen
Lage, in der wir uns befinden. Die Ententemächte haben jetzt die Grenzen
der für die Bourgeoisie tragbaren Politik überschritten und haben sich
ebenso übernommen, wie sich die deutschen Imperialisten im Februar
und März 1918 beim Abschluß des Brester Friedens übernommen hatten.
Dieselbe Ursache, die dem deutschen Imperialismus zum Verderben ge-
reichte, tritt auch hinsichtlich des englisch-französischen Imperialismus
deutlich zutage. Dieser hat Deutschland noch viel schlimmere, noch viel
384
W. I. Lenin
schwerere Friedensbedingungen aufgezwungen als die Bedingungen, die
Deutschland uns beim Abschluß des Brester Friedens aufgezwungen hatte.
Damit hat der englisch-französische Imperialismus jene Grenze über-
schritten, die dann für ihn verhängnisvoll werden wird. Jenseits dieser
Grenze verliert der Imperialismus die Hoffnung, die werktätigen Massen
im Zaum halten zu können.
Trotz des Lärmens der Chauvinisten ob des Sieges und der Vernich-
tung Deutschlands und obwohl der Krieg offiziell noch nicht beendet ist,
können wir schon heute in Frankreich und England Anzeichen eines
außerordentlich starken Aufschwungs der Arbeiterbewegung und eine
Änderung in der Haltung jener Politiker feststellen, die einen chauvini-
stischen Standpunkt eingenommen hatten, sich aber heute gegen die Ver-
suche ihrer Regierung wenden, sich in die russischen Angelegenheiten
einzumischen. Berücksichtigt man dabei die in letzter Zeit auftauchenden
Pressemeldungen über die beginnende Verbrüderung mit englischen und
amerikanischen Soldaten, vergegenwärtigt man sich, daß die imperiali-
stischen Truppen sich aus Leuten zusammensetzen, gegen die Betrug und
Drohung angewandt werden, so können wir sagen, daß der Boden, auf
dem Sowjetrußland steht, hinlänglich fest ist. Bei Berücksichtigung dieses
allgemeinen Bildes, das der Weltkrieg und die Revolution bieten, sehen
wir mit größter Ruhe und absoluter Zuversicht der Zukunft entgegen
und stellen fest, daß sich der englisch-französische Imperialismus derart
übernommen hat, daß er alle Grenzen eines für die Imperialisten noch
realisierbaren Friedens überschritten hat und ihm der völlige Zusammen-
bruch droht.
Die Revolution abwürgen, von allen Ländern Besitz ergreifen und sie
aufteilen - das sind die Ziele, die sich die Ententemächte gesetzt haben,
die den imperialistischen Krieg weiterführen. Doch obwohl England und
Amerika von den Schrecken des Krieges viel weniger berührt waren als
Deutschland, obwohl die demokratisch organisierte Bourgeoisie dieser
Länder viel weitblickender ist als die deutsche, haben die englischen und
die amerikanischen Imperialisten den Kopf verloren und sind heute kraft
der objektiven Bedingungen gezwungen, eine Aufgabe in Angriff zu neh-
men, die über ihre Kräfte geht, sie sind gezwungen, zur Aufrechterhal-
tung der Ruhe und Ordnung Truppen zu unterhalten.
Die Lage, in der wir uns heute befinden, fordert aber von uns die rest-
Rede auf dem II. Gesamtrussischen Kongreß der Volksmirtschaftsräte 385
lose Anspannung aller Kräfte. Audi heute nodi müssen wir jeden Monat
höher einsdiätzen als ehemals zehn Jahre, denn wir arbeiten an einer
hundertmal größeren Sache: wir schützen nicht nur die Republik Ruß-
land, sondern wir leisten auch Großes für das Weltproletariat. Wir müs-
sen unsere Kräfte maximal anspannen, wir müssen ein großes Stück
Arbeit leisten bei der Aufstellung eines Organisationsplans und der Fest-
legung der Beziehungen zueinander.
Zu unseren nächsten Aufgaben übergehend, muß ich feststellen, daß
wir das Fundament bereits gelegt und in der Zeit zwisdien dem I. und
dem II. Kongreß der Volkswirtschaftsräte unsere Arbeit in den grund-
legenden Zügen bereits Umrissen haben. Der allgemeine Plan zur Leitung
der Industrie, der nationalisierten Betriebe, zur Leitung ganzer Industrie-
zweige ist unter Beteiligung der Gewerkschaften ausgearbeitet und auf
eine feste Basis gestellt worden, wobei wir alle syndikalistischen, separa-
tistischen, lokalpatriotischen und partikularistisdxen Anwandlungen, die
der Sache schaden, auch weiterhin ebenso bekämpfen werden, wie wir
sie bisher bekämpft haben.
Der Kriegszustand legt Uns besondere Verantwortung auf und stellt
uns vor schwere Aufgaben. Kollegiale Leitung unter Beteiligung der Ge-
werkschaften ist notwendig. Kollegien sind notwendig, doch darf die kol-
legiale Leitung nicht zu einem Hemmschuh in dar praktischen Arbeit wer-
den. Und wenn ich jetzt Gelegenheit habe, zu sehen, wie unsere Betriebe
ihre Wirtschaftsaufgaben bewältigen, springt es mir besonders in die
Augen, daß der operative Teil unserer Arbeit mitunter durch Erörterung
im Kollegium gehemmt wird. Dieser Übergang von der kollegialen Aus-
führung der Arbeit zur persönlichen Verantwortung ist heute die dring-
lichste Aufgabe.
Von den Volkswirtschaftsräten, von den Haupt- und Zentralverwal-
tungen werden wir kategorisch verlangen, daß sich das System der kol-
legialen Leitung nicht in bloßem Geschwätz, in Resolutionsschreiberei, in
der Aufstellung von Plänen und in Partikularismus äußert. Das darf
nicht geduldet werden. Wir werden unablässig verlangen, daß jeder Mit-
arbeiter eines Volkswirtschaftsrates, jedes Mitglied einer Hauptverwal-
tung weiß, für welchen genau begrenzten Wirtschaftszweig er verantwort-
lich ist. Wenn uns berichtet wird, daß es Rohstoffe gibt, die Leute aber
nicht wissen, wieviel, weil sie das nicht zu ermitteln verstanden, wenn
386
W. I. Lenin
wir Klagen hören, daß Warenlager geschlossen bleiben, während die
Bauern - und mit Recht - den Warenaustausch verlangen und sich wei-
gern, Getreide gegen entwertetes Papiergeld herzugeben, dann müssen
wir wissen, welches Mitglied welchen Leitungskollegiums die Sache ver-
schleppt, und wir müssen sagen, daß dieses Mitglied dafür die Verant-
wortung trägt und sich unter dem Gesichtswinkel der Landesverteidigung
zu verantworten haben wird, d. h. sofortige Verhaftung und Kriegs-
gericht zu gewärtigen hat, selbst wenn es die bedeutendste Gewerkschaft
vertreten und der allerbedeutendsten Hauptverwaltung angehören sollte.
Dieser Mann muß verantworten, inwieweit die einfachsten elementaren
Dinge praktisch durchgeführt werden: die Registrierung der Produkte in
den Lagern und ihre richtige Verwendung. Bei der Erledigung eben dieser
elementaren Aufgaben sind bei uns die meisten Stockungen zu ver-
zeichnen.
Historisch gesehen gibt dies zu keinerlei Befürchtungen Anlaß, denn
bei der Schaffung neuer und bislang nie dagewesener Formen muß eine
bestimmte Zeit darauf verwandt werden, den allgemeinen Organisations-
plan zu entwerfen, der im Verlauf der Arbeit weiter ausgebaut wird. Im
Gegenteil, es ist erstaunlich, wieviel auf diesem Gebiet in einer so kurzen
Zeitspanne getan worden ist. Doch vom militärischen Standpunkt, vom
sozialistischen Standpunkt aus gesehen, da das Proletariat von uns ver-
langt, daß wir mit größter Energie arbeiten, damit es Brot und Schafpelze
gibt, damit die Arbeiter weniger Mangel an Lebensmitteln, an Schuhwerk
und ähnlichem leiden, muß der Warenaustausch, gemessen am heutigen
Stand, verdreifacht, ja verzehnfacht werden. Und das zu erreichen muß
die nächste Aufgabe der Volkswirtschaftsräte sein-
Was wir brauchen, ist die praktische Arbeit von Menschen, die dafür
verantwortlich sind, daß das Getreide gegen Produkte ausgetauscht wird,
daß es nicht lange liegenbleibt, daß in jedem Lager über die Rohstoffe
nicht nur Buch geführt wird, sondern daß sie auch nicht unverwendet
liegenbleiben, daß auf dem Gebiet der Produktion wirksame Hilfe ge-
leistetwird.
Was die Konsumgenossenschaften betrifft, so muß man auch an sie
von der sachlichen Seite herangehen. Wenn ich Mitglieder von Volkswirt-
schaftsräten sagen höre, die Genossenschaften seien eine Krämerange-
legenheit, dort säßen Menschewiki, dort säßen Weißgardisten, und des-
Rede auf dem II. Gesamtrussischen Kongreß der Volksmirtschaftsräte 387
halb müsse man sich von ihnen möglichst fernhalten, so behaupte ich, daß
diese Leute von der Sache, überhaupt nichts verstehen. Sie begreifen
absolut nicht unsere dringlichsten Aufgaben, wenn sie, anstatt auf ge-
eignete Genossenschaftler zu verweisen, die als Fachleute verwendet wer-
den können, in ihnen Leute sehen, die den Weißgardisten die Hand rei-
chen. Ich behaupte, daß sie sich mit Dingen befassen, die nicht zu ihrem!
Aufgabenkreis gehören: um die Weißgardisten einzufangen, dazu haben
wir die Außerordentlichen Kommissionen; soll man es ihnen überlassen zu
tun, was ihres Amtes ist. Die Konsumgenossenschaften aber sind der ein-
zige von der kapitalistischen Gesellschaft geschaffene Apparat, den wir
eben ausnutzen müssen. Darum werden wir jeden Versuch, das praktische
Handeln durch Erörterungen zu ersetzen, die nichts anderes sind als ver-
körperte Kurzsichtigkeit, schlimmster Stumpfsinn und Intellektuellen-
dünkel, rücksichtslos nach den Bestimmungen des Kriegsrechts verfolgen.
(Stürmischer Beifall.)
Wenn noch bis jetzt, nach einem Jahr, die Dinge nicht so laufen, wie
es sein sollte, wenn wir immer noch, anstatt uns den praktischen Auf-
gaben zuzuwenden, über den Plänen sitzen, das Land aber Getreide,
Filzstiefel und rechtzeitige Verteilung der Rohstoffe verlangt, dann kann
eine solche Verschleppung und eine solche Einmischung in fremde Kom-
petenzen nicht geduldet werden.
In unserem Apparat gibt es bisweilen Elemente, die: zu den. Weißgar-
disten neigen, aber beim Vorhandensein einer kommunistischen Kontrolle
in allen unseren Institutionen können diese Leute keine politische Bedeu-
tung erlangen und keine führende Rolle spielen. Davon kann, keine Rede
sein. Wir brauchen sie aber als Praktiker und haben keinen Grund, uns
vor ihnen zu fürchten. Ich zweifle nicht daran, daß die Kommunisten
ausgezeichnete Menschen sind, es gibt unter ihnen ausgezeichnete Orga-
nisatoren, doch um viele solcher Organisatoren zu bekommen, bedarf es
vieler Jahre, wir können aber nicht warten.
Heute können wir solche Kräfte aus den Reihen der Bourgeoisie, aus
den Reihen der Fachleute und der Intelligenz bekommen. Und wir wer-
den von allen in einem Volkswirtschaftsrat tätigen Genossen Rechenschaft
verlangen und fragen: Was habt ihr, meine Herren, getan, um erfahrene
Leute zur Arbeit heranzuziehen? Was habt ihr getan, um Fachleute, um
Geschäftsführer, um tüchtige bürgerliche Genossenschaftler zu gewinnen.
W. 1. Lenin
die bei euch um nichts schlechter arbeiten dürften als ehemals bei irgend-
einem Kolupajew und Rasuwajew*? Es ist Zeit, unsere alten Vorurteile
fallenzulassen und alle Fachleute, deren wir bedürfen, zur Mitarbeit her-
anzuziehen. Das müssen alle unsere Leitungskollegien, alle unsere kom-
munistischen Funktionäre wissen. In einer solchen Einstellung zur Sache
liegt die Gewähr unseres Erfolges.
Genug des müßigen Geredes, es ist Zeit, zur praktischen Arbeit über-
zugehen, die unser Land aus dem Ring herausführen kann, in den es die
Imperialisten schließen. Auf diesem Standpunkt muß der gesamte So-
wjetapparat, der gesamte Genossenschaftsapparat stehen. Praktisches
Handeln und nochmals praktisches Handeln tut not 1 Versteht das Prole-
tariat es nicht, nachdem es die Macht in seine Hände genommen hat, seine
Macht auszunutzen, die Frage praktisch zu stellen und sie auch praktisch
zu lösen, so wird es sehr viel verlieren. Es ist Zeit, das Vorurteil fallen-
zulassen, als könnten nur Kommunisten, unter denen es zweifellos aus-
gezeichnete Menschen gibt, eine bestimmte Arbeit ausführen. Es ist Zeit,
dieses Vorurteil fallenzulassen: wir brauchen Praktiker und nochmals
Praktiker, und wir müssen sie alle zur Arbeit heranziehen.
Der Kapitalismus hat uns ein riesiges Erbe, er hat uns seine bedeutend-
sten Fachleute hinterlassen, die wir unbedingt ausnutzen müssen, und
zwar im breitesten Umfang, in Massen, indem wir sie alle zur Arbeit
heranziehen. Jetzt mit der Ausbildung von Fachleuten aus den Reihen
unserer Kommunisten Zeit zu verlieren, sind wir absolut nicht in der
Lage, denn heute hängt alles von der praktischen Arbeit, von den prak-
tischen Resultaten ab.
Man muß die Frage so stellen, daß jedes Mitglied eines Kollegiums,
jedes Mitglied einer verantwortlichen Körperschaft eine Arbeit über-
nimmt, für die es die volle Verantwortung trägt. Jeder, der ein bestimm-
tes Arbeitsgebiet übernommen hat, muß unbedingt für alles verantwort-
lich sein: für die Produktion wie für die Verteilung. Ich muß Ihnen
sagen, daß sich unsere Sowjetrepublik in einer Lage befindet, in der wir
bei richtiger Verteilung des Getreides und der anderen Produkte sehr,
sehr lange durchhalten können. Aber dazu bedarf es unbedingt einer
richtigen Politik, die entschlossen mit jedem Schlendrian bricht, dazu be-
* Kolupajew und Rasuwajew - Gestalten aus der Erzählung „Zufluchtsort
Monrepos“ von Saltykow-Schtsdiedrin. Der Übers.
Rede auf dem II. Gesamtrussischen Kongreß der Volkstv irisch aftsräte 389
darf es raschen und entschlossenen Handelns, bestimmte Personen müssen
mit bestimmten verantwortlichen Arbeiten beauftragt werden, jeder muß
seine Arbeit genau kennen und sie voll verantworten - muß mit seinem
Kopf dafür einstehen. Das ist unsere Politik, sowohl im Rat der Volks-
kommissare als auch im Verteidigungsrat 133 , und dieser Politik ist auch
die gesamte Tätigkeit der Volkswirtschaftsräte und der Genossenschaften
unterzuordnen. Das ist der Weg. den die Politik des Proletariats verfol-
gen muß.
Das Ganze muß so angepackt werden, daß sich bei uns das Rad des
Warenaustauschs richtig dreht. Das ist heute das ganze Problem, auf die-
sem Gebiet steht uns eine große Arbeit bevor, und zu dieser Arbeit er-
laube ich mir am Schluß meiner Ausführungen Sie alle nachdrücklich auf-
zufordem. (Lang anhaltender, nicht enden wollender Bei-
fall.)
Ein kurzer Bericht wurde am
26. Dezember 1918 in den
Jswestija WZIK" Nr. 284
veröffentlicht.
Zuerst vollständig veröffentlicht 1919 Nach dem Text des Buches,
in dem Buch „Arbeiten des II. Gesamt-
russischen Kongresses der Volkswirtschaf ts-
räte. Stenografischer Bericht". Moskau.
390
ÜBER DIE AUFGABEN DER GEWERKSCHAFTEN
I
Von den Thesen Tomskis, Radus-Senkowitsdis und Nogins bringt eine
jede den Standpunkt des entsprechenden „Fachgebiets“ zum Ausdruck,
nämlich eines Funktionärs der Gewerkschaften, des Kommissariats und
der Konsumgenossenschaften nebst Versicherungskassen.
Daher leidet jede Gruppe der Thesen an einer einseitigen Hervor-
hebung einer der Seiten der Sache und an einer Verdunklung, Vertuschung
der grundlegenden, prinzipiellen Fragen.
Die richtige Behandlung dieser grundsätzlichen Fragen der gegenwär-
tigen Gewerkschaftsbewegung und ihrer Stellung zur Sowjetmacht erfor-
dert vor allem eine richtige Einschätzung der Besonderheiten des gegen-
wärtigen, heutigen Zeitpunkts beim Übergang vom Kapitalismus zum
Sozialismus.
Diese grundlegende Seite der Sache haben alle drei Autoren nur un-
genügend oder fast gar nicht hervorgehoben.
II
Die wichtigste Besonderheit in dieser Hinsicht ist heute folgende :
Die Sowjetmacht als Diktatur des Proletariats hat sowohl unter den
proletarischen Massen der Stadt als auch unter der armen Bauernschaft
auf dem Lande gesiegt, aber sie hat noch längst nicht alle Berufe und die
ganze Masse des Halbproletariats durch kommunistische Propaganda und
durch feste Organisation erfaßt.
Ober die Aufgaben der Gewerkschaften 391
- Hieraus ergibt sich, daß es heute ganz besonders, ganz außerordentlich
wichtig ist, eine verstärkte Propaganda und Organisationsarbeit zu be-
treiben, einerseits mit dem Ziel, unseren Einfluß auf die Arbeiter- und
Angestelltenschichten auszuweiten, die am wenigsten sowjetisch eingestellt
sind (d. h. am weitesten entfernt sind von einer vollen Anerkennung der
Sowjetplattform), und diese Schichten der allgemeinen proletarischen Be-
wegung unterzuordnen; anderseits mit dem Ziel, die am wenigsten ent-
wickelten Schichten und Elemente des Proletariats und des Halbproleta-
riats aufzurütteln und auf ein höheres ideologisches Niveau zu heben, sie
organisatorisch zusammenzuschließen, so z. B. die, ungelernten Arbeiter,
ferner die Dienstboten in den Städten, die Halbproletarier auf dem
Lande usw.
Weiter, die zweite grundlegende Besonderheit besteht heute darin, daß
der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft bei uns bereits in Gang ge-
kommen ist, d. h„ er wurde nicht nur als Aufgabe oder als nächstes prak-
tisches Ziel . gestellt, sondern für dieses Aufbauwerk sind bereits eine
Reihe wichtigster Organe geschalfen worden (z. B. die Volkswirtschafts-
räte)., in den Beziehungen dieser Organe zu den Massenorganisationen
(Gewerkschaften, Genossenschaften) hat sich bereits eine bestimmte
Praxis herausgebildet, und man hat gewisse praktische Erfahrungen ge-
wonnen. Jedoch ist der Aufbau bei weitem noch nicht vollendet, nicht ab-
geschlossen, es gibt noch sehr viele Lücken, das Wesentlichste ist noch
nicht gesichert (z. B. die richtige Einbringung und Verteilung des Ge-
treides, die Produktion und Verteilung von Brennstoffen), die Beteiligung
der breiten werktätigen Massen an diesem Aufbau ist. noch im höchsten
Grade ungenügend
III
Aus dieser Lage ergeben sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt für die
Gewerkschaften folgende Aufgaben:
. Von einer „Neutralität“ der Gewerkschaften kann überhaupt keine
Rede sein. Jedwede Propaganda der Neutralität ist entweder der heuch-
lerische Deckmantel für eine konterrevolutionäre Einstellung oder Aus-
druck völlig fehlenden Klassenbewußtseins.
Wir sind jetzt im eigentlichen Kern der Gewerkschaftsbewegung stark
26 Lenin. Werke. Bd. 28
392
W. /. Lenin
genug, um sowohl die rüdeständigen oder passiven, nichtkommunistischen
Elemente in den Gewerkschaften als auch die Schichten der Werktätigen,
die noch in gewisser Hinsicht kleinbürgerlich geblieben sind, unter unse-
ren Einfluß bringen und sie der allgemeinen proletarischen Disziplin
unterordnen zu können.
Daher besteht die Hauptaufgabe jetzt nicht darin, den Widerstand
eines starken Gegners zu brechen, da es einen solchen Gegner in den
Massen des Proletariats und des Halbproletariats in Sowjetrußland jetzt
nicht mehr gibt. Die Hauptaufgabe besteht vielmehr darin, in hartnäcki-
ger, beharrlicher, auf breiterer Basis zu leistender Aufklärungs- und Or-
ganisationsarbeit die Vorurteile bestimmter kleinbürgerlicher Schichten
des Proletariats und Halbproletariats zu überwinden, die noch nicht ge-
nügend breite Basis der Sowjetmacht ständig zu erweitern (d. h. die
Zahl der Arbeiter und armen Bauern, die unmittelbar an der Leitung des
Staates teilnehmen, zu vergrößern), die rückständigen Schichten der
Werktätigen aufzuklären (nicht nur durch Bücher, Lektionen, Zeitungen,
sondern auf dem Wege ihrer praktischen Mitarbeit in der Verwaltung),
neue Organisationsformen sowohl zur Lösung dieser neuen Aufgaben der
Gewerkschaftsbewegung überhaupt als auch zur Heranziehung unver-
gleichlich größerer Massen des Halbproletariats, z. B. der armen Bauern-
schaft, ausfindig zu machen.
So muß man zum Beispiel ausnahmslos alle Gewerkschaftsmitglieder
in die Tätigkeit , der staatlichen Verwaltungsorgane einbeziehen - als
Kommissare, durch Teilnahme an fliegenden Kontrollgruppen usw. usf.
Man muß die Dienstboten heranziehen - zunächst zur Mitarbeit in den
Genossenschaften, bei der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungs-
mitteln, bei der Überwachung der Nahrungsmittelproduktion usw., da-
nach zu verantwortlicheren und weniger „begrenzten“ Aufgaben - selbst-
verständlich muß man dabei schrittweise Vorgehen.
Heranziehung der „Spezialisten“ zur Arbeit in staatlichen Organen
zusammen mit Arbeitern und Aufsicht über die Spezialisten.
Berücksichtigt man diese Übergangsformen, so sind neue organisa-
torische Rahmen erforderlich. So spielen zum Beispiel die Komitees der
Dorfarmut auf dem Lande eine äußerst große Rolle, und es steht zu be-
fürchten, daß ihre Verschmelzung mit den Sowjets hier und da dazu
führt, daß die Massen des Halbproletariats außerhalb einer ständigen
Über die Aufgaben der Gewerkschaften
393
Organisation bleiben. Man darf sich nicht der Aufgabe, die Dorfarmut
zu organisieren, unter dem Vorwand entziehen, daß sie keine Lohnarbei-
ter seien. Man kann und muß immer und immer wieder neue Formen
suchen, etwa indem man Vereinigungen der Dorfarmut schafft (und seien
es die gleichen Komitees der Dorfarmut) als Vereinigungen der ärmsten
Bauern, die a) nicht am Schleichhandel mit Getreide und an hohen Ge-
treidepreisen interessiert sind, ß ) ihr Leben durch allgemeine, für alle
gültige Maßnahmen zu verbessern trachten, y) die gemeinschaftliche
Bodenbestellung zu verstärken streben, ö) ein dauerhaftes Bündnis mit
den städtischen Arbeitern suchen usw.
Eine solche Vereinigung der Dorfarmut könnte im Gesamtrussischen
Gewerkschaftsrat eine besondere Sektion bilden, um die rein proletari-
schen Elemente nicht zu erdrücken. Die Form kann man ändern, man muß
sie suchen, ausgehend von der Praxis, von der neuen Aufgabe, die neuen
sozialen Typen der Übergangsperiode zu erfassen (die Dorfarmut ist kein
Proletariat und jetzt nicht einmal Halbproletariat, sondern das sind die
Elemente, die dem Halbproletariat am nächsten stehen, insofern der Ka-
pitalismus noch nicht tot ist, und zugleich sind das die Elemente, die dem
Übergang zum Sozialismus die größte Sympathie entgegenbringen) . . .*
Geschrieben Dezember 1918
bis Januar 1919.
Zuerst veröffentlicht 1933. Nach dem Manuskript.
Hier bricht das Manuskript ab. Die Red.
EIN KLEINES BILD
ZUR KLÄRUNG GROSSER FRAGEN
Genosse Sosnowski, Redakteur der „Bednota“ 134 , hat mir ein präch-
tiges Buch gebracht. Mit diesem Buch müssen soviel Arbeiter und Bauern
wie möglich vertraut gemacht werden. Aus ihm müssen in den wichtig-
sten Fragen des sozialistischen Aufbaus, die an lebendigen Beispielen aus-
gezeichnet erläutert werden, sehr ernste Lehren gezogen werden. Es han-
delt sich um das Buch des Genossen Alexander Todorski : „Ein Jahr mit
Gewehr und Pflug“, das in der kleinen Stadt Wesjegonsk vom dortigen
Kreisexekutivkomitee anläßlich des Jahrestags der Oktoberrevolution
herausgegeben worden ist.
Der Verfasser schildert die von den Genossen bei der Leitung des
Aufbaus der Sowjetmacht im Kreis Wesjegonsk innerhalb eines Jahres
gesammelten Erfahrungen; zuerst den Bürgerkrieg, den Aufstand der
örtlichen Kulaken und seine Niederwerfung und dann den „friedlichen
Aufbau“. Der Autor verstand es, den Verlauf der Revolution in einem
abgelegenen Landkreis so einfach und zugleich so lebendig zu schildern,
daß jedes Nacherzählen den Eindruck nur abschwächen würde. Dieses
Buch muß möglichst weit verbreitet werden, und es wäre sehr zu wün-
schen, daß möglichst viele Funktionäre, die in der Masse und mit der
Masse gearbeitet haben und mitten im lebendigen Leben standen, daran-
gehen, ihre Erfahrungen niederzuschreiben. Die Herausgabe einiger hun-
dert oder zumindest einiger Dutzend der besten, wirklichkeitstreuesten,
ungekünstelten, an wertvollem Tatsachenmaterial reichsten derartiger
Schilderungen wäre für die Sache des Sozialismus unendlich nützlicher als
viele der in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern veröffentlichten Arbeiten
von Berufsliteraten, die vor lauter Papier häufig das Leben nicht sehen.
Ein kleines Bild zur Klärung großer Fragen
Ich greife ein einziges kleines Beispiel aus der Schilderung des Genossen
A. Todorski heraus. Es handelte sich darum, die „Kaufmannshände“
nicht „beschäftigungslos“ zu lassen, sondern sie anzuhalten, „an die Ar-
beit zu gehen“.
„Zu diesem Zweck wurden drei junge, energische und besonders tüchtige
Fabrikanten: J. J. Jefremow, A. K. Loginow und N. M. Koslow ins Exekutiv-
komitee gerufen und unter Androhung des Freiheitsentzugs und der Konfiska-
tion ihres gesamten Eigentums zur Schaffung eines Sägewerks und einer Chrom-
lederfabrik herangezogen, mit deren Einrichtung denn auch sofort begonnen
wurde.
Die Sowjetmacht hat sich in der Wahl der Leute nicht geirrt, und die Fabri-
kanten haben - zu ihrer Ehre sei es gesagt - beinahe' als erste begriffen, daß
sie es nicht mit .zufälligen Gästen, die auf zwei Wochen gekommen sind', zu tun
haben, sondern mit den wirklichen Herren, die die Macht fest in der Hand
halten.
In dieser durchaus richtigen Einsicht sind sie energisch an die Ausführung der
Anordnungen des Exekutivkomitees gegangen, so daß Wesjegonsk heute schon
über ein auf vollen Touren arbeitendes Sägewerk verfügt, das den ganzen Be-
darf der ansässigen Bevölkerung deckt und Aufträge für die im Bau befindliche
neue Eisenbahn ausführt.
Was die Chromlederfabrik betrifft, so ist das Gebäude jetzt schon eingerich-
tet, und der Motor, die Trommeln und die sonstigen Maschinen, die aus Moskau
besorgt wurden, werden eben montiert, so daß Wesjegonsk nicht später als
in 1 V2 bis 2 Monaten Chromleder eigener Produktion haben wird.
Die Einrichtung von zwei Sowjetfabriken durch ,nichtsowjetische‘ Hände kann
als gutes Beispiel dafür dienen, wie die uns feindliche Klasse bekämpft werden
muß.
Es ist nur halb damit getan, wenn wir den Ausbeutern auf die Finger klopfen,
wenn wir sie unschädlich machen oder ihnen .den Rest geben”. Die Sache wird
erst dann erfolgreich sein, wenn wir sie zu arbeiten zwingen und mit ihrer Hände
Arbeit das neue Leben verbessern und die Sowjetmacht stärken helfen.“
Diese vorzügliche und zutiefst richtige Betrachtung müßte ausgeschnit-
ten und in jedem Volkswirtschaftsrat, in jeder Lebensmittelstelle, in jeder
Fabrik, Landabteilung und so weiter ausgehängt werden. Denn das, was
die Genossen in dem abgelegenen Wesjegonsk begriffen haben, das wol-
len häufig die Sowjetfunktionäre in den Hauptstädten durchaus nicht be-
greifen. Nicht selten begegnet man einem Sowjetintellektuellen oder
396
W. I. Lenin
einem Arbeiter, einem Kommunisten, der verächtlich die Nase rümpft,
wenn die Rede auf die Genossenschaften kommt, und mit größter Wich-
tigkeit - gepaart mit ebenso großer Dummheit - erklärt, das wären
keine Sowjethände, das wären Bourgeois, Krämer, Menschewiki, die Ge-
nossenschaftler hätten dann und dann, dort und dort mit ihren Finanz-
abrechnungen die Unterstützung getarnt, die sie den Weißgardisten er-
wiesen haben, der Versorgungs- und Verteilungsapparat in unserer
sozialistischen Republik müßte von sauberen Sowjethänden errichtet
werden.
Auslassungen dieser Art sind in der Beziehung typisch, daß hier die
Wahrheit so mit der Unwahrheit vermischt wird, daß dabei die Aufgaben
des Kommunismus in höchst gefährlicher Weise verzerrt werden, was
unserer Sache unheimlich viel schadet.
Gewiß, die Genossenschaft ist ein Apparat der bürgerlichen Gesell-
schaft, entstanden in der Atmosphäre des „Krämertums“, ein Apparat,
der seine Leiter im Geiste bürgerlicher Politik und bürgerlicher Welt-
anschauung erzogen hat und deshalb einen hohen Prozentsatz von Weiß-
gardisten oder Helfershelfern der weißgardistischen Konterrevolution
aufweist. Das steht fest. Schlecht ist jedoch, wenn man aus einer un-
bestreitbaren Wahrheit durch ihr Versimpeln und plumpes Anwenden
unsinnige Schlüsse zu ziehen beginnt. Wir können den Kommunismus
nicht anders aufbauen als mit dem vom Kapitalismus geschaffenen Mate-
rial, nicht anders als mit dem Kulturapparat, der aus bürgerlichen Ver-
hältnissen hervorgegangen ist und der daher - soweit vom Menschen-
material als von einem Teil des Kulturapparats die Rede ist - unvermeid-
lich von bürgerlicher Mentalität durchtränkt ist. Darin liegt die Schwierig-
keit des Aufbaus der kommunistischen Gesellschaft, doch liegt darin auch
die Garantie dafür, daß ihr Aufbau möglich ist und erfolgreich durch-
geführt werden kann. Der Marxismus unterscheidet sich von dem alten
utopischen Sozialismus eben dadurch, daß letzterer die neue Gesellschaft
nicht aus dem gewöhnlichen. Menschenmaterial bauen wollte, das vom
blutigen, schmutzigen, räuberischen, von Krämergeist durchdrungenen
Kapitalismus geschaffen wird, sondern aus besonders tugendhaften Men-
schen, gezüchtet in besonderen Treibkästen und Gewächshäusern. Die
Lächerlichkeit dieses lächerlichen Gedankens erkennt heute alle Welt,
und alle haben ihn aufgegeben, doch wollen oder können sich nicht alle
Ein kleines Bild zur Klärung großer Fragen
397
die gegenteilige Lehre des Marxismus gründlich überlegen, sich über-
legen, wie man den Kommunismus aus dem Menschenmaterial aufbauen
kann (und muß), das verdorben worden ist durch die jahrhunderte- und
jahrtausendelange Sklaverei, durch die Leibeigenschaft, den Kapitalismus,
die zersplitterte Kleinwirtschaft, durdi den Krieg aller gegen alle, mit
dem Ziel, sich ein Plätzchen auf dem Markt, einen höheren Preis für das
Produkt oder die Arbeit zu sichern.
Die Genossenschaft ist ein bürgerlicher Apparat. Daraus folgt, daß ihm
kein politisches Vertrauen erwiesen werden kann, daraus folgt jedoch
durchaus nicht, daß man darauf verzichten darf, diesen Apparat für die
Zwecke der Verwaltung und des Aufbaus auszunutzen. Politisches Miß-
trauen bedeutet, daß man nichtsowjetischen Menschen keine politisch
verantwortlichen Posten geben darf, daß die Außerordentlichen Kom-
missionen auf die Vertreter der zu den Weißgardisten tendierenden
Klassen, Schichten oder Gruppen ein wachsames Auge haben müssen.
(Hierbei ist es - nebenbei bemerkt - keineswegs notwendig, sich zu solch
einem Unsinn zu versteigen, wie ihn Genosse Lazis, einer der besten,
erprobten Kommunisten, in seiner Kasaner Zeitschrift „Krasny Terror“
[Roter Terror] geschrieben hat. Er wollte sagen, der rote Terror sei die
gewaltsame Niederhaltung der Ausbeuter, die ihre Herrschaft wieder-
aufzurichten versuchen, und statt dessen schrieb er auf S. 2, Heft 1 seiner
Zeitschrift: „Sucht nicht (!!?) in den Akten nach belastenden Indizien
dafür, ob er sich gegen die Sowjets mit der Waffe oder mit dem Wort
auf gelehnt hat.“)
Politisches Mißtrauen gegen die Vertreter des bürgerlichen Apparats
ist berechtigt und notwendig. Wenn man aber darauf verzichtet, sie in
der Verwaltung und im Aufbau auszunutzen, so ist das eine kolossale
Dummheit, die den Kommunismus außerordentlich schädigt. Wer einen
Menschewik als Sozialisten oder als politischen Leiter oder auch nur als
politischen Berater empfehlen wollte, der würde einen ungeheuren Fehler
begehen, denn die Geschichte der Revolution in Rußland hat endgültig
bewiesen, daß die Menschewiki (und die Sozialrevolutionäre) keine So-
zialisten, sondern kleinbürgerliche Demokraten sind, die fähig sind, bei
jeder ernsten Verschärfung des Klassenkampfes zwischen dem Proletariat
und der Bourgeoisie auf die Seite der Bourgeoisie überzugehen. Aber die
kleinbürgerliche Demokratie ist kein zufälliges politisches Gebilde, nicht
irgendeine Ausnahme, sondern ein notwendiges Produkt des Kapitalis-
mus, wobei nicht nur die alte, vorkapitalistische, ökonomisch reaktionäre
Mittelbauernschaft „Lieferant“ dieser Demokratie ist, sondern auch die
in ihrer Kultur kapitalistische, auf dem Boden des Großkapitalismus auf-
wachsende Genossenschaft, die Intelligenz usw. Haben sich doch sogar im
rückständigen Rußland neben den Kolupajew und Rasuwajew Kapita-
listen gefunden, welche es verstanden, die kulturell entwickelte mensche-
wistische,. Sozialrevolutionäre und parteilose Intelligenz in ihren Dienst
zu stellen. Sollten wir etwa dümmer sein als diese Kapitalisten und es
nicht verstehen, ein solches „Baumaterial" für den Aufbau des kommu-
nistischen Rußlands auszunutzen?
Geschrieben Ende 1918 oder Anfang 1919.
Zuerst veröffentlicht am
7. November 1926 in der
„ Prawda " Nr. 258.
Nach dem Manuskript.
399
TELEGRAMM
AN J. W. STALIN UNDF. E.DZIERZYNSKI 135
14. 1. 1919
Glasow und derzeitiger Aufenthaltsort
An Stalin und Dzierzynski
Habe erstes Chiffretelegramm erhalten und gelesen. Bitte Sie beide
sehr, die Durchführung der beabsichtigten Maßnahmen an Ort und Stelle
persönlich zu leiten, da sonst Erfolg nicht garantiert ist.
Lenin
Zuerst veröffentlicht 1934 Nach dem Manuskript,
in der Zeitschrift „Proletarskaia
Remoluzija * Nr. 3.
400
REDE IN DER GEMEINSAMEN SITZUNG DES
GESAMTRUSSISCHEN ZENTRALEXEKUTIVKOMITEES,
DES MOSKAUER SOWJETS
UND DES GESAMTRUSSISCHEN
GEWERKSCHAFTSKONGRESSES
17. JANUAR 1919“ 6
(Stürmische Ovationen.) Genossen ! Gestatten Sie mir, zu Be-
ginn meiner Ausführungen kurz, auf die wichtigen Fakten hinzuweisen,
die wir in unserer Emährungspolitik zu verzeichnen hatten. Ich denke,
dieser kurze Hinweis wird nicht nur nützlich sein, um die Bedeutung des
Beschlusses, den wir heute dem GesamtrussischenZentralexekutivkomitee
zur Annahme vorschlagen, richtig einschätzen zu können, sondern er wird
auch nützlich sein für die Einschätzung unserer gesamten Ernährungs-
politik und für die Einschätzung der Rolle, die heute, da eine schwierige
Wendung eintritt, den Vertretern des organisierten Proletariats zufällt -
dieser Vorhut und Hauptstütze Sowjetrußlands und der sozialistischen
Revolution.
Genossen, unsere Emährungspolitik wird durch die folgenden drei
wichtigsten Akte gekennzeichnet, die sich uns chronologisch folgender-
maßen darbieten: der erste ist der Beschluß über die Bildung der Komi-
tees der Dorfarmut, ein Schritt, der die eigentliche Grundlage unserer
Ernährungspolitik bildet und zugleich ein ungeheuer wichtiger Wende-
punkt in der ganzen Entwicklung und Struktur unserer Revolution ist.
Mit diesem Schritt sind wir über jene Grenze hinausgegaugen, die die
bürgerliche Revolution von der sozialistischen Revolution trennt, denn
allein der Sieg der Arbeiterklasse in den Städten und allein der Übergang
aller Fabriken in die Hände des proletarischen Staates wären noch nicht
imstande gewesen, die Grandlagen der sozialistischen Ordnung zu schaf-
fen und zu verankern, wenn wir uns auf dem Lande nicht gleichfalls eine
nicht allgemein bäuerliche, sondern eine wirklich proletarische Stütze
geschaffen hätten. Im Oktober mußten wir uns damit begnügen, das Pro-
Rede in der gemeinsamen Sitzung am 17. Januar 1919
401
letariat mit der Bauernschaft überhaupt und insgesamt zu vereinigen,
und dieses Bündnis verschaffte uns die Möglichkeit, mit dem gutsherr-
lichen Grundbesitz rasch aufzuräumen und ihn vom Erdboden hinweg-
zufegen. Doch erst als wir zur Organisierung der armen Bauernschaft,
des bäuerlichen Proletariats und Halbproletariats, übergingen, konnte sich
zwischen den werktätigen Massen des städtischen Proletariats und dem
Dorfproletariat ein festes Bündnis herausbilden. Erst dann konnte der
Kampf gegen das Kulakentum und die Dorfbourgeoisie gebührend voran-
gebracht werden. Dieser ausschlaggebende Schritt in unserer Emährungs-
politik bleibt weiterhin die wichtigste Maßnahme in unserer ganzen Er-
nährungspolitik.
Der zweite, vielleicht weniger wichtige Schritt war das unter Beteili-
gung und auf Initiative unserer Vertreter zustande gekommene Dekret,
das Dekret über die Ausnutzung der Genossenschaften. Hier haben wir
festgelegt, daß wir den von den Genossenschaften und von der gesamten
kapitalistischen Gesellschaft geschaffenen Apparat, der aus erklärlichen
Gründen in Rußland schwächer war als in den westeuropäischen Ländern,
ausnutzen müssen. In dieser Hinsicht haben wir viel gesündigt, und vieles
ist ungetan geblieben, nicht nur auf dem Lande, sondern auch in den
Städten und in den großen proletarischen Zentren. Wir finden hier Un-
verständnis, Unfähigkeit, Vorurteile und Traditionen, die uns von den
Genossenschaften zurückstoßen. Es ist ganz natürlich, daß sich in den
Leitungen der Genossenschaften viele nichtproletarische Elemente be-
finden ; gegen diese Leute, die fähig sind, sich auf die Seite der Bourgeoisie
zu schlagen, gegen die konterrevolutionären Elemente und ihre Bestrebun-
gen müssen wir kämpfen, aber gleichzeitig müssen wir den Apparat be-
wahren, den Genossenschaftsapparat - das ist gleichfalls ein Erbteil des
Kapitalismus -, diesen Verteilungsapparat für Millionen, ohne den ein
einigermaßen erfolgreicher Aufbau des Sozialismus nicht möglich ist. Hier
hat das Kommissariat für Ernährungswesen eine richtige Politik angedeu-
tet, wir haben sie jedoch noch nicht endgültig festgelegt, und die Richt-
linien, die wir heute dem Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitee im
Namen der kommunistischen Fraktion unterbreiten, gehen auf diesem
Wege noch einen Schritt weiter und' verlangen nachdrücklich die Aus-
nutzung des Genossenschaftsapparats. Man muß den Kampf gegen die
untauglichen Elemente in den Leitungen des Genossenschaftsapparats zu
402
W. I. Lenin
führen verstehen - wir sind stark genug und haben die Macht dazu, denn
es wäre lächerlich zu glauben, daß sie ernstlichen Widerstand leisten
würden -, man muß diesen Kampf zu führen verstehen und unbedingt
den Genossenschaftsapparat ausnutzen, damit wir unsere Kräfte nicht
verzetteln, damit dieser Apparat einheitlich bleibt, damit die Kommuni-
sten ihre Kräfte nicht nur für die politische Arbeit, sondern auch für die
Organisationsarbeit verwenden und von dem für diese Arbeit geschulten
Apparat, dem Genossenschaftsapparat, technisch Gebrauch machen kön-
nen.
Der dritte Schritt, durch den unsere Emährungspolitik gekennzeichnet
wird, ist die Bildung von Arbeiterorganisationen für das Ernährungs-
wesen. Hier erwächst Ihnen, Genossen im Emährungswesen, eine ver-
antwortungsvolle Aufgabe. Der eingeschlagene Weg ist der Weg, den
wir gehen müssen, und wir sollen danach streben, daß dieser Weg in
allen Kommissariaten beschritten wird;. das ist eine Maßnahme, die nicht
nur für das Ernährungswesen Bedeutung hat, sie hat allgemeinsoziale Be-
deutung, und sie hat Bedeutung vom allgemeinen Klassenstandpunkt aus.
Damit die sozialistische Umwälzung von Dauer sein kann, muß die neue
Klasse die Regierung in die Hand nehmen. Wir wissen, daß in Rußland
bis 1861 die regierende Macht die Fronherren und Gutsbesitzer waren.
Wir wissen, daß seit jener Zeit die regierende Macht im großen und gan-
zen die Bourgeoisie war, die Repräsentanten der wohlhabenden Schichten.
Jetzt wird die sozialistische Umwälzung nur insoweit von Dauer sein, als
wir es verstehen, die neue Klasse, das Proletariat, zum Regieren zu be-
fähigen, als es uns gelingt zu erreichen, daß Rußland wirklich vom Pro-
letariat regiert wird, als durch dieses Regieren ein Übergang dazu ge-
schaffen wird, daß ausnahmslos alle Werktätigen die Kunst der Staats-
leitung erlernen, sie nicht an Hand von Büchern und Zeitungen, von
Reden und Broschüren erlernen, sondern in der Praxis erlernen, damit
jeder seine Fähigkeit auf diesem Gebiet erproben kann.
Das, Genossen, ist die Hauptetappe unserer Ernährungspolitik, die zu-
gleich auch kennzeichnend ist eben für den Charakter der Struktur dieser
Ernährungspolitik. Ich möchte darauf verweisen, daß hier unseren Ge-
nossen im Ernährungswesen die schwerste Aufgabe zufällt. Natürlich ist
die Hungersnot die grausamste und schrecklichste Plage, und darum ver-
halten sich auch die Massen zu allen Unzulänglichkeiten im Emährungs-
Rede in der gemeinsamen Sitzung am 17. Januar 1919
403
wesen mit begreiflicher Ungeduld, Erbitterung und Empörung, denn diese
Plage läßt sich nicht ertragen. Und es ist auch begreiflich, daß dem Kom-
missariat für Emährungswesen die schwerste Aufgabe zufällt. Sie wissen
sehr wohl, und besonders wissen das die Genossen aus den Gewerkschaf-
ten, wieviel Wirrwarr und Unordnung es bei uns in der Leitung der
Großbetriebe und bei der Rechnungsführung über ihre Erzeugnisse gibt.
Und doch ist das tausendmal leichter als die Rechnungsführung über die
von Millionen Bauern angebrachten Nahrungsmittel. Doch es gibt ja
keine Wahl. Es gibt überhaupt wenig Nahrungsmittel im Lande. Sie rei-
chen nicht aus, um alle satt zu bekommen.
Was bedeutet es, wenn man sagt, bestimmte Nahrungsmittel sind
äußerst knapp? Das bedeutet, wenn wir sie jetzt auf die ganze Bevölke-
rung verteilten, wenn jeder Bauer alle Erzeugnisse abgäbe, wenn jeder
seinen Verbrauch etwas herunterschraubte, so daß er nicht völlig satt
wird, denn es ist ja unmöglich, daß alle völlig satt werden, wenn jeder
Bauer sich freiwillig dazu verstünde, seinen Verbrauch etwas unter die
zum Sattwerden erforderliche Menge einzuschränken und alles übrige
restlos dem Staat abzuliefem, und wenn wir das alles richtig verteilten -
dann würden wir bei eingeschränkter Ernährung, aber ohne zu hungern,
durchhalten können. Wenn wir diese Aufgabe stellen, so ist es aber klar,
daß man sie im Rahmen des ganzen Staates, bei der herrschenden wirt-
schaftlichen Zerrüttung, bei unserer mangelnden Sachkenntnis - diese
Sachkenntnis wird erst jetzt erarbeitet, woher hätte man sie auch früher
nehmen sollen -, daß man natürlich diese Aufgabe auf dem üblichen
Wege unmöglich lösen kann. Reichen die Nahrungsmittel nicht aus - so
bedeutet das ... ja was bedeutet das? Das bedeutet, daß, ließe man bei
einer unzureichenden Menge von Nahrungsmitteln, von denen Leben
oder Tod der Bevölkerung abhängt, den freien Handel zu, dadurch ein
wüster Schwarzhandel hervorgerufen würde, was zur Folge hätte, daß
die Lebensmittelpreise bis zu den sogenannten Monopol- oder Hunger-
preisen anschwellen und nur eine dünne Oberschicht, deren Einkommen
den Durchschnitt beträchtlich übersteigt, sich zu diesen wahnsinnigen
Preisen mit allem Nötigen eindecken könnte, während die große Masse
dem Hunger preisgegeben bliebe. So sieht es aus, wenn die Nahrungs-
mittel im Lande nicht ausreichen, wenn das Land Hunger leidet. Seitdem
aber die Imperialisten gegen Rußland aufmarschiert sind, ist es eingekreist.
404
W. I. Lenin
Sie können zwar mit ihren Raubplänen nicht offen hervortreten, doch ist
das noch lange nicht das Ende ihrer Einmischung, worauf Gen. Kamenew
mit Recht verwiesen hat. Wir sind ein belagertes Land, eine belagerte
Festung. Es ist unvermeidlich, daß in dieser belagerten Festung Not
herrscht, und deshalb ist die Aufgabe, die das Kommissariat für Ernäh-
rungswesen zu erfüllen hat, die schwierigste aller organisatorischen Auf-
gaben eines beliebigen Kommissariats.
Unser Feind ist jetzt, um von den inneren Feinden zu sprechen, nicht
so sehr der Kapitalist und der Gutsbesitzer - diese Minderheit unter den
Ausbeutern war leicht zu besiegen, und sie ist besiegt -, unser Feind, das
sind die Schleichhändler und die Bürokraten, und Schleichhändler ist sei-
ner Neigung nach jeder Bauer, der die Möglichkeit hat, sich an der ent-
setzlichen Not und dem quälenden Hunger in den Städten und in einzel-
nen Dörfern zu bereichern und daraus Nutzen zu ziehen. Ihnen aber,
besonders den Genossen aus den Gewerkschaften, ist sehr wohl bekannt,
daß das Bestreben, die Tendenz zum Schleichhandel, daß diese Tendenz
auch in den Industriezentren zu beobachten ist, in einer Zeit, in der es keine
oder nur wenig Produkte gibt, und jeder, dem ein Produkt in die Hände
gefallen ist, es hamstern und daran verdienen möchte. Läßt man den
freien Handel zu, so schnellen die Preise gleich so unerhört in die Höhe,
daß sie für die große Mehrheit der Bevölkerung unerschwinglich werden.
Das, Genossen, ist die Lage, in der wir uns befinden, und das ist es
auch, warum bei den rückständigen Massen, bei den Massen, die allzu
ermüdet, ausgehungert und erschöpft sind, eine Tendenz oderein dumpfes
Gefühl der Empörung und Entrüstung gegen die Genossen im Emäh-
rungswesen besteht. Das sind alles solche Leute, die nicht, denken können,
die nicht weiter als bis zu ihrer Nasenspitze sehen, es scheint ihnen, daß
man vielleicht doch Lebensmittel auftreiben könnte. Er hat gehört, daß
es irgendwo Lebensmittel gebe, daß man sie dort aufgetrieben habe, aber
im ganzen nachzurechnen, ob sie für 10 Millionen Menschen reichen, wie-
viel da erforderlich wäre, das kann ein solcher Mensch nicht. Er glaubt,
daß man ihn hindere, daß die Genossen im Emährungswesen ihm Hin-
dernisse in den Weg legten. Diese Leute verstehen nicht, daß die Genos-
sen im Emährungswesen handeln wie ein umsichtiger, vernünftiger Haus-
herr, der sagt: Wenn wir größte Strenge, größte Organisiertheit walten
lassen, so können wir bestenfalls, bestenfalls mit einer Norm durchhalten.
Rede in der gemeinsamen Sitzung am 17. Januar 1919
405
bei der wir nicht völlig satt werden, aber auch nicht zu hungern brauchen.
So ist die Lage im Lande, wo die größten Zentren, die das Land ernährt
haben - Sibirien, das Donezgebiet -, von uns abgeschnitten sind; ab-
geschnitten sind wir jetzt von den Brennstoffen, den Rohstoffen, von der
ganzen Nahrung für die Menschen wie für die Industrie, und ohne diese
Zentren muß das Land entsetzliche Qualen durchmachen.
Unsere Genossen im Ernährungswesen handeln wie ein vernünftiger
Hausherr, wenn sie sagen: Wir müssen Zusammenhalten, und nur dann
werden wir uns halten können, wobei wir systematisch dagegen einschrei-
ten müssen, daß die Leute getrennt voneinander handeln und bedenken-
los jeden beliebigen Preis zu zahlen bereit sind, nur um satt zu werden.
Wir dürfen nicht jeder für sich, gesondert denken und handeln, das wäre
der Untergang; wir müssen ankämpfen gegen diese auf uns alle, auf die
Millionen . Werktätigen vererbten Bestrebungen und Gewohnheiten der
kapitalistischen privaten Wirtschaft, des Systems der Arbeit für den
Markt nach dem Grundsatz: ich verkaufe, ich verdiene, und je mehr ich
verdiene, desto weniger werde ich hungern und - desto mehr werden die
anderen hungern. Das ist eben das verfluchte Erbe des Privateigentums,
das die Massen selbst dann hungern ließ, als es im Lande viele Nahrungs-
mittel gab, als sich eine verschwindend kleine Minderheit sowohl am
Reichtum als auch an der Armut bereichert hat, während das Volk im
Kriege darbte und zugrunde ging. Das, Genossen, ist die Lage, in der
sich unsere Ernährungspolitik befindet. Das ist das ökonomische Gesetz,
das besagt: bei Nahrungsmittelmangel entsteht mit jedem Schritt zum
sogenannten freien Handel eine hemmungslose Spekulation. Das ist es,
weshalb alles Gerede über dieses Thema, alle Versuche, es zu unterstüt-
zen, größten Schaden anrichten und Abkehr, einen Schritt zurück vom
sozialistischen Aufbau bedeuten, den das Kommissariat für Emährungs-
wesen unter unglaublichen Schwierigkeiten im Kampfe gegen die Millio-
nen Schleichhändler verwirklicht, die der Kapitalismus uns hinterlassen
hat und die sich an die alte Regel des kleinbürgerlichen Eigentümers hal-
ten: „Jeder für sich, Gott für uns alle“, und wenn wir mit dieser Regel
nicht aufräumen, werden wir den Sozialismus nicht aufbauen können.
Nur beim Zusammenschluß, nur beim engsten Bündnis, das im tagtäg-
lichen Leben bei einer so alltäglichen Arbeit verwirklicht werden muß,
wo es sich am schwersten verwirklichen läßt: in der Frage der Verteilung
406
W.I. Lenin
des täglichen Brotes, wenn es knapp ist - nur dabei kann man den So-
zialismus wirklich aufbauen. Wir wissen, daß sich das nicht in einem Jahr
machen läßt; daß die Menschen, die so lange Hunger gelitten haben, von
größter Ungeduld erfüllt sind und verlangen, daß wir wenigstens von
Zeit zu Zeit von dieser, unserer einzigen Ernährungspolitik abweichen.
Und wir müssen dies dann und wann tun, im großen ganzen aber werden
Wir von unserer Politik nicht abweichen, werden wir von ihr nicht abgehen.
Das, Genossen, war die Lage, in der wir uns vor einem halben Jahr,
als die Ernährungskrise ihren Höhepunkt erreicht hatte, als wir über
keinerlei Vorräte verfügten, als die Erfolge der Tschechoslowaken dazu
geführt hatten, daß wir den größten Teil der Wolga verloren, zu den
anderthalb Pud 137 entschließen mußten. Diese Maßnahme kostete einen
schweren Kampf, einen harten Kampf - beide Seiten befanden sich in
einer sehr schlechten Lage. Die Genossen im Emährungswesen sagten:
Gewiß, die Lage ist schlimm, doch darf sie nicht noch schlimmer werden.
Wenn ihr auch erreicht, daß bei einigen wenigen für eine Woche eine
Erleichterung eintritt, so verschlechtert ihr doch die Lage für Millionen:
Von der anderen Seite wurde gesagt: Ihr verlangt von einem durch Hun-
ger erschöpften und gepeinigten Volk eine ideale Organisation, ihr. fordert
Unmögliches, ihr müßt Erleichterungen schaffen, auch wenn das die all-
gemeine Politik zeitweilig beeinträchtigte. Diese Maßnahme wird frischen
Mut einflößen, und das ist die Hauptsache. Das war die Situation, in der
wir uns befanden, als wir die Anderthalb-Pud-Verordnung in Vorschlag
brachten. Das war im Prinzip, im Wesen die allgemeine Situation; als sie
unhaltbar geworden war, mußten wir davon abgehen, um wenigstens zeit-
weise Abhilfe zu schaffen, um den Mut und die Zuversicht zu bewahren.
Jetzt, wo wir an einem kritischen Punkt stehen, wo wir ein leichteres
Halbjahr hinter uns haben und ein schweres Halbjahr beginnt, tritt wie-
der diese Situation ein. Um das anschaulich zu zeigen, will ich Ihnen
sagen, daß das Kommissariat für Ernährungswesen 1918 im ersten Halb-
jahr 28 Millionen Pud Getreide aufgebracht hatte, im zweiten Halbjahr
dagegen 67 Millionen Pud, d. h. zweieinhalbmal soviel. Das ist die Lage,
aus der Sie klar ersehen, daß die erste Hälfte des Jahres ein Halbjahr
besonders schwerer drückender Not ist und daß das zweite Halbjahr im
Zusammenhang mit der Ernte die Möglichkeit bietet. Wieder auf die Beine
zu kommen. Jetzt, im Jahre:1919, ist der: Fortschritt, den unsere Emäh-
407
rungsorganisationen hauptsächlich dank den Komitees der Dorfarmut auf
dem Lande und der Arbeiterinspektionen für das Ernährungswesen in
den Städten erzielen konnten, ein großer Erfolg, der es ermöglichte, die
Getreidebeschaffung auf das Zweieinhalbfache zu steigern. Aber dieser
Erfolg im ersten Jahr unserer Arbeit, wo wir das neue Gebäude errichten,
die neuen Methoden erproben mußten, hat uns nicht für das ganze Jahr
gesichert und konnte das auch gar nicht tun, doch hat er uns für ein halbes
Jahr eine Atempause gebracht. Diese geht zu Ende, und es beginnt das
andere, das schwerste, das schwierigste Halbjahr, und es muß alles getan
werden, um zu helfen, um den Arbeitern eine kleine Atempause zu ver-
schaffen, um ihre Lage soweit wie nur möglich zu verbessern. Und es ist
begreiflich, wenn das Präsidium des Moskauer Sowjets und sein Vor-
sitzender Kamenew besonders energisch dafür eingetreten sind, daß wir
maximale Klarheit schaffen in unserer Politik, bei der Einteilung der
Nahrungsmittel in monopolisierte und nichtmonopolisierte, die es uns
zeitweilig ermöglichen würde, gewisse Resultate zu erzielen, damit die
Arbeiter in den Städten und in den Getreidezuschußgebieten eine wenn
auch kleine Erleichterung spüren, um frischen Mut und Energie zu schöp-
fen, die jetzt, wo wir an der Schwelle eines schweren Halbjahrs stehen,
wo es aber Anzeichen dafür gibt, daß im Lager der Imperialisten die
Kräfte und die Angriffe gegen uns nachlassen, besonders notwendig sind.
Gen. Kamenew hat hier zweifellos nicht nur Anzeichen dafür angeführt,
sondern Tatsachen, die beweisen, daß die Rote Armee, ungeachtet der
schweren Prüfungen und der Niederlagen, die wir vor Perm erlitten
haben, auf einem festen Fundament steht und daß sie siegen kann und
siegen wird. Aber das Halbjahr, das wir jetzt durchmachen, ist das aller-
schwerste. Deshalb müssen wir von Anfang an alles tun, was nötig und
möglich ist, um die Lage zu erleichtern, um unsere Emährungspolitik mit
aller Klarheit durchzuführen; das ist unsere dringendste Aufgabe. Unter
uns Kommunisten gab es wegen der anderthalb Pud ebenfalls einen
Kampf, der bisweilen scharfe Formen annahm, aber er führt nicht zu einer
Schwächung, sondern dazu, daß wir unsere Politik noch skrupulöser, noch
vorsichtiger und einander angreifend überprüfen, und wir kommen zu
einem Entschluß, der rasch und einmütig gefaßt wird, und der in diesem
so schwierigen Augenblick, da wir vor einem neuen schweren Halbjahr
stehen, von uns verlangt, daß wir uns immer wieder vor Augen halten.
27 Lenin, Werke, Bd. 28
W. I. Lenin
warum eine derartige Situation entstanden ist, die uns immer wieder
zwingt, uns zusammenzureißen und alle Kräfte anzuspannen.
Wir haben ein besonders schweres Jahr hinter uns und durchleben ein
noch schwereres Halbjahr. Aber jedes Halbjahr nach der deutschen Re-
volution, nach der in England und Frankreich begonnenen Gärung führt
uns nicht nur dem Siege der russischen, sondern auch der Weltrevolution
entgegen. Das ist die Lage, in die wir uns gestellt sehen, und wir haben
beschlossen, einen Entwurf für die grundlegenden Richtlinien zur Er-
nährungspolitik vorzulegen und das Gesamtrussische Zentralexekutiv-
komitee zu ersuchen, diese Richtlinien zu bestätigen, damit die Genossen
aus dem Kommissariat für Emährungswesen sie unverzüglich in ent-
sprechende Dekrete umarbeiten, was uns - die Repräsentanten der zen-
tralen Organe und die Arbeiter in den Städten und in den Getreide-
zuschußgebieten - in den Stand setzt, unsere Energie mehr als zu ver-
zehnfachen. Allein diese Energie bietet die Bürgschaft dafür, daß wir sie-
gen, daß wir, auch wenn wir angesichts der herrschenden Müdigkeit und
Hungersnot notwendige zeitweilige Zugeständnisse machen, die Grund-
lagen unserer kommunistischen Ernährungspolitik behaupten und sie un-
erschütterlich bis zu jener Zeit bewahren, da der Tag des vollständigen
Sieges des Kommunismus in der ganzen Welt anbricht. Ich verlese Ihnen
jetzt punktweise den Antrag, den die kommunistische Fraktion des Ge-
samtrussischen ZEK dem Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitee unter-
breitet:
„Die gemeinsame Sitzung des Gesamtrussischen ZEK, des Gesamtrussischen
Gewerkschaftskongresses, des Moskauer Sowjets sowie der Vertreter der Betriebs-
komitees und der Gewerkschaften der Stadt Moskau nimmt die untenstehenden
Richtlinien zur Ernährungsfrage an und beauftragt das Volkskommissariat für
Ernährungswesen, auf Grund dieser Richtlinien in kürzester Frist die diesbe-
züglichen Dekrete auszuarbeiten.
1. Es wird bestätigt, daß die sowjetische Ernährungspolitik richtig ist und un-
beirrbar durchgeführt werden muß. Diese Politik besteht in folgendem:
a) Erfassung und staatliche Verteilung nach dem Klassenprinzip ;
b) Monopol auf die wichtigsten Nahrungsmittel und
c) Übergabe des Versorgungswesens aus privater Hand in die Hände des
Staates.
2. Ohne konsequenteste Einhaltung des bereits dekretierten Staatsmonopols auf
die wichtigsten Nahrungsmittel (Getreide, Zudcer, Tee. Salz) und ohne die in
Rede in der gemeinsamen Sitzung am 17. Januar 1919
409
großem Maßstab getätigte staatliche Beschaffung anderer sehr wichtiger Nah-
rungsmittel zu festen Preisen (Fleisch. Seefische, Hanf-, Sonnenblumen- und Leinöl.
Tierfette - mit Ausnahme von Butter - sowie Kartoffeln) ist unter den gegen-
wärtigen Bedingungen eine richtige Lebensmittelversorgung der Bevölkerung un-
denkbar, wobei es sich bei der erwähnten Beschaffung zu festen Preisen nur um
eine Vorbereitungsmaßnahme zur Einführung des Staatsmonopols auch auf diese
Lebensmittel handelt, dessen Verwirklichung die nächste Aufgabe des Volks-
kommissariats für Ernährungswesen ist.
Beschaffung und Transport aller in diesem Punkt angeführten Nahrungs-
mittel mit Ausnahme der Kartoffeln ist niemandem außer den staatlichen Or-
ganen des Ernährungswesens gestattet. Das Recht auf Beschaffung von Kartoffeln
zu den vorgeschriebenen festen Preisen wird außer den staatlichen Organen auch
den Arbeiterorganisationen sowie den Gewerkschafts- und Genossenschaftsver-
einigungen zugestanden.
3. Als provisorische Maßnahme wird den Arbeiterorganisationen und den Ge-
nossenschaftsvereinigungen das Recht auf Beschaffung aller in Punkt 2 nicht auf-
gezählten Nahrungsmittel zugestanden.
4. Die örtlichen Lebensmittelstellen müssen gezwungen werden, den Beschaf-
fungsorganisationen bei der Ausübung dieses Rechts behilflich zu sein.“
Genossen, vom Standpunkt der alten Gewohnheiten, des alten Staats-
wesens werden Sie vielleicht die Worte: „müssen gezwungen werden“
zur Ausführung des Dekrets in Erstaunen versetzen. Sie werden viel-
leicht sagen, steht es denn so schlecht in der Sowjetrepublik, daß man
dazu zwingen muß, den Willen des Gesamtrussischen ZEK auszuführen?
Jawohl, Genossen, wir müssen dazu zwingen, und es ist besser, das offen
zu sagen, als den Kopf in den Sand zu stecken und sich .einzubilden, alles
sei in bester Ordnung. Sollen sich doch unsere Genossen, die Vertreter
des Gesamtrussischen ZEK und die Delegierten des Gesamtrussischen
Gewerkschaftskongresses einmal überlegen, was so alles in engem Kreis
darüber geredet wird, inwieweit sie all das richtig durchführen, was
schon seit langem dekretiert ist hinsichtlich der richtigen Erfassung und
der vollständigen Abgabe solcher Nahrungsmittel an den Staat, die man
nicht für den Warenaustausch freigeben kann. Ohne Warenaustausch
aber sagen die Bauern: Nein, für Kerenskigeld geben wir euch nichts.
Wenn Sie sich das im Gespräch unter vier Augen ins Gedächtnis rufen
und darauf achten, wieviel bei uns von den Vorschriften der zentralen
Regierung unausgeführt bleibt, dann werden Sie selbst sagen und zugeben
410
W.I: Lenin
müssen, daß es besser ist, die Wahrheit zu sagen, daß unsere örtlichen
Organe unentwegt und unbarmherzig gezwungen werden müssen. (Bei-
fall.) Gerade hier, wo das Gesamtrussische ZEK, als oberstes Organ,
gemeinsam mit den Organen des Gesamtrussischen Gewerkschaftskon-
gresses tagt, die - was jetzt das wichtigste ist - die größte Vertretung
versammelt haben, müssen diese unsere maßgebenden Genossen gerade
hier eindeutig erklären und ins Land hinaustragen, daß die örtlichen
Organe sich daran gewöhnen müssen, daß wir sie zu konsequenter Durch-
führung der Politik der Zentralgewalt zwingen werden. Das ist sehr
schwer, und es ist ganz natürlich, daß viele Millionen Menschen, die in
der Zentralgewalt Räuber, Gutsbesitzer und. Ausbeuter zu sehen gewohnt
waren, natürlich zur Zentralgewalt kein Vertrauen haben können; dieses
Mißtrauen gilt es zu überwinden, und wenn man es nicht überwindet,
dann kann man auch nicht den Sozialismus aufbauen, denn Sozialismus,
das ist Aufbau einer zentralisierten Wirtschaft, einer zentral gelenkten
Wirtschaft, und das kann nur das Proletariat tun, das durch die Fabrik
und das Leben in diesem Geiste erzogen worden ist, nur das Proletariat
ist dazu imstande. Der Kampf gegen lokalpatriotische Tendenzen, gegen
kleinbesitzerliche Gewohnheiten ist ein schwerer Kampf. Wir wissen,
daß sich das nicht auf einmal tun läßt, doch werden wir unermüdlich dar-
auf dringen, daß die Vertreter des Proletariats diese Wahrheit beherzigen
und ins Leben Umsetzern, denn sonst kann man den Sozialismus nicht
aufbauen.
Weiter wird in Punkt 4 erklärt:
„Transport und Verkauf dieser Nahrungsmittel auf dem Markt werden völlig
freigegeben. Die Sperrabteilungen, Kordons, Posten usw. sind nicht befugt, die
freie Zufuhr und den freien Verkauf der erwähnten Nahrungsmittel auf den
Märkten und direkt vom Fuhrwerk usw. zubehindem.“
Genossen, das ist ein besonders wichtiger Punkt. Gen, Kamenew hat
hier vieles aufgezählt, was wir .natürlich in der Hast, mit der wir arbeiten,
nicht durchgeführt haben, denn unsere Ernährungs- und sonstigen Kom-
missariate sind genötigt, eine Verordnung nach der anderen herauszu-
bringen, und die örtlichen Organe haben es schwer, sich da durchzufinden.
Man wirft uns vor, die Dekrete übereilt. herauszugeben; aber was sollen
wir tun, wenn wir uns wegen der Offensive des Imperialismus beeilen
Rede in der gemeinsamen Sitzung am 17. Januar 1919
411
müssen und wenn uns eine Geißel, wie man sie sich schlimmer nicht vor-
stellen "kann - nämlich der Getreide- und Brennstoffmangel zur Eile
zwingt. Da müssen wir alles tun, um uns über unsere Aufgaben Klarheit
zu verschaffen, um die einzelnen Fehler zu finden, und darum ist auch die
jetzt durch diese Auseinandersetzung erzielte klare und genaue Abgren-
zung so wichtig. Um das in bedeutend größerem Ausmaße zu erreichen,
müssen wir jetzt durchsetzen, daß sich kein einziges örtliches Organ eigen-
mächtige Handlungen gestattet, daß sie es sich nicht einfallen lassen, sidi
darauf zu berufen, sie hätten noch an das gestrige Dekret gedacht und das
heutige Dekret vergessen, daß sie vielmehr klipp und klar wissen, welche
Nahrungsmittel Staatsmonopol sind und welche frei befördert und ver-
kauft werden dürfen: das sind alle Nahrungsmittel außer den in Para-
graph 1 und 2 genau aufgezählten.. Das muß allen zur Kenntnis gebracht
werden; alle Funktionäre, die jetzt nach Hause fahren, müssen das ins
Land tragen, sie müssen entsprechend ihrer offiziellen Stellung handeln,
sie müssen die entsprechenden Dekrete, sobald sie ausgearbeitet sind, mit
sich nehmen, damit sie im ganzen Lande strikt befolgt und durchgeführt
werden, damit die Verordnungen der Zentralgewält. wirklich durchgeführt
werden, damit die frühere Unentschlossenheit überwunden wird. Und
weiter heißt es am Schluß des vierten Paragraphen:
„Anmerkung: Hinsichtlich Eier und Butter erstredet sich diese Verordnung nur
auf die Bezirke, in denen das Kommissariat für Emährungswesen keine in gro-
ßem Maßstab getätigte Beschaffung von Eiern und Butter vornimmt.“
Genossen, ich verlese Ihnen kurz auch die übrigen Paragraphen des
Dekrets. Da ich nicht die Möglichkeit habe, auf diese Paragraphen aus-
führlicher einzugehen, und dies auch gar nicht für notwendig halte, wer-
den doch nach mir noch mehrere, darunter auch kompetentere Genossen
sprechen, so will ich nur das meiner Meinung nach besonders Notwendige
hervorheben. Ich werde kurz die Richtlinien verlesen, die wir dem Ge-
samtrussischen ZEK zur Annahme empfehlen, damit dieses den Rat der
Volkskommissare und alle anderen Behörden der Sowjetrepublik beauf-
tragt, sie in Form von Dekreten zu erlassen und strikt und unbedingt ein-
zuhalten. (Beifall.)
„5. Um die Nahrungsmittelbeschaffung zu steigern und die einzelnen Aufgaben
erfolgreicher durchzuführen, wird das Prinzip der Pflichtablieferung und der
412
W. 1. Lenin
Beschaffung der nichtmonopolisierten Produkte zur Anwendung gebracht und
für die genossenschaftlichen und die anderen Organisationen, die die monopoli-
sierten und auch die nichtmonopolisierten Produkte für den Staat aufbringen, das
Prämiensystem eingeführt.
Organisatorische Maßnahmen zur Erneuerung der Lebensmittelstellen und zur
verstärkten Beteiligung der Arbeiter:
a) weitgehende Ausnutzung der Arbeiterinspektion für das Ernährungswesen
und Ausdehnung ihrer Befugnisse auf die Kontrolle über die Befolgung der De-
krete vom 10. XII. seitens der Lebensmittelstellen sowie über die Beschaffung
der nichtmonopolisierten Nahrungsmittel ;
b) schnellste Einführung der Arbeiterinspektion in sämtlichen örtlichen Lebens-
mittelstellen und Ausdehnung der Befugnisse der Arbeiterinspektion auf die Ab-
teilungen des Kommissariats für Emährungswesen, mit dem Ziel, einen entschie-
denen Kampf gegen Bürokratismus und Amtsschimmel zu führen;
c) Ausbau der Verbindung mit den Arbeiterorganisationen - Gewerkschaften
und Arbeitergenossenschaften - durch weitere Verstärkung der örtlichen Organe,
wozu Kräfte aus den Funktionäricreisen der obenerwähnten Organisationen ver-
wendet werden sollen:
d) Schaffung der Institution von Arbeiterpraktikanten in allen zentralen und
örtlichen Organen und Behörden zur Ausbildung aus Arbeiterkreisen kommender
Praktiker des Ernährungswesens, die verantwortliche Posten übernehmen kön-
6. Bei der Beschaffung und Verteilung muß der Genossenschaftsapparat voll
ausgenutzt werden. Zur Kontrolle und zur Koordinierung der Tätigkeit der Ge-
nossenschaftsorganisationen mit der Emährungspolitik der Regierung sind ver-
antwortliche Vertreter der staatlichen Versorgungsorgane in die Genossenschafts-
apparate aufzunehmen."
Darin eben besteht übrigens eines der Kampfmittel gegen die Spitzen-
elemente in den Genossenschaftsorganisationen. Es wäre jedoch der größte
Fehler, ja geradezu verhängnisvoll für unsere Sache, wenn Sie den ganzen
Genossenschaftsapparat verächtlich abtun, ihn geringschätzig, überheblich
beiseite schieben und sagen wollten: Wir schaffen uns einen neuen Appa-
rat, das ist nicht ihre Sache, damit können sich nur Kommunisten befassen.
Wir müssen vom fertigen Apparat Gebrauch machen; man kann nicht
den Sozialismus aufbauen, ohne die Hinterlassenschaft des Kapitalismus
auszunutzen. Wir müssen all das ausnutzen, was der Kapitalismus an
kulturellen Werten gegen uns geschaffen hat. Darin eben besteht beim
Sozialismus die Schwierigkeit, daß man ihn aus einem Material aufbauen
413
muß, das von fremden Leuten geschaffen wurde; doch nur so ist der
Sozialismus möglich; das wissen wir alle theoretisch, und seitdem wir
dieses Jahr nun hinter uns haben, konnten wir uns praktisch davon über-
zeugen, daß man den Sozialismus nur aus dem aufbauen kann, was der
Kapitalismus gegen uns geschaffen hat, und daß wir das alles für den
Aufbau des Sozialismus, für seine Festigung verwenden müssen.
Der nächste, siebente Paragraph lautet;
„7. Die Kontrolle über die Befolgung der Transportbestimmungen für Nah-
rungsmittel sowie über die strikte Einhaltung des Monopolprinzips obliegt den
Arbeitern mit Hilfe bewaffneter Abteilungen, die vom Kommissariat für Ernäh-
rungswesen organisiert werden.
Alle Sperrabteilungen außer den Abteilungen des Volkskommissariats für Er-
nährungswesen und der Gouvemementskomitees für Emährungswesen werden
sofort abgeschafft. In dem Maße, in dem die entsprechenden örtlichen Organe
der Arbeiterinspektion gebildet werden, sind die Abteilungen des Volkskom-
missariats für Ernährungswesen und der Gouvemementskomitees für Emährungs-
wesen abzuschaffen."
Genossen, meine Zeit ist abgelaufen, und ich gestatte mir, lediglich
darauf hinzuweisen, daß wir hier in den letzten Paragraphen die wich-
tigste Grundlage dafür sehen, was den Geist unserer Ernährungspolitik
und unserer gesamten Sowjetpolitik ausmacht. Ich habe schon darauf hin-
gewiesen, daß schwere Zeiten gekommen sind, daß ein Halbjahr begonnen
hat, das noch schwerer sein wird, daß die Atempause in bezug auf das
Emährungswesen zu Ende und daß die schwerste Zeit angebrochen ist.
Jedesmal, wenn die Sowjetmacht bei dem außergewöhnlich mühevollen
Werk des sozialistischen Aufbaus vor Schwierigkeiten steht, hat sie da-
gegen nur ein Kampfmittel: sie appelliert an die Arbeiter, sie wendet sich
jedesmal an immer breitere und breitere Schichten der Arbeiterschaft. Ich
habe schon gesagt, der Sozialismus kann nur dann aufgebaut werden,
wenn zehn-, ja hundertmal breitere Massen als früher selber darangehen,
den Staat und ein neues Wirtschaftsleben aufzubauen. Unsere Genossen
im Emährungswesen haben erreicht, daß jetzt, ihren Angaben zufolge,
in den Kreisemährangskomitees schon nicht weniger als ein Drittel Ar-
beiter sitzen, hauptsächlich Arbeiter aus Petrograd, Moskau, Iwanowo-
Wosnessensk - die Blüte unserer proletarischen Armee. Das ist gut, das
ist aber zu wenig. Es müßten zwei Drittel sein - es gilt also, unermüdlich
414
W. I. Uni y,
weiter zu arbeiten. Sie wissen, daß die fortgeschrittenen Schichten der
Arbeiterschaft schon an das Werk der Staatslenkung, an den Aufbau des
neuen Lebens herangegangen sind. Wir wissen, daß man immer weiter
nach unten, immer tiefer schürfen und kühner immer neue Schichten
heranziehen muß. Sie sind noch nicht geschult, sie werden unvermeidlich
Fehler machen, doch davor fürchten wir uns nicht. Wir wissen, daß da-
durch junge Kader geschaffen werden, daß wir dadurch hundertfach ent-
schädigt werden, denn wir bekommen Dutzende junge, frischere Kräfte.
Sonst können wir von nirgendwo Kräfte hemehmen. Immer nur vorwärts-
schreiten, mitten aus dem Gewühl des Lebens müssen wir junge Arbeiter
herausholen, müssen wir Vertreter des Proletariats auf immer verantwort-
lichere Posten stellen.
Die jetzige Ernährungskrise erklärt sich daraus, daß das schwerere
Halbjahr beginnt. Sie erklärt sich auch aus der Verfassung, in der sich
das Transportwesen befindet. Ich habe schon gesagt, daß bei uns in der
zweiten Hälfte 1918 67 Vj Millionen Pud Getreide aufgebracht worden
waren. Doch konnten wir von diesen 67V2 Millionen Pud 20 Millionen
nicht abtransportieren. Die jüngste schreckliche Krise in Petrograd erklärt
sich daraus, daß unsere Vorräte auf der Wolga-Bugulmaer Eisenbahn lie-
gen und von dort nicht abtransportiert werden können. Das Transport-
wesen befindet sich in einer verzweifelten Lage. Das rollende Material
ist fürchterlich abgenutzt, weil kein einziges Land solchen Prüfungen aus-
gesetzt war wie' Rußland, bei einer solchen Rückständigkeit, wie wir sie
in Rußland haben, und weil wir in der Eisenbahnerorganisation keine so
geschlossenen proletarischen Massen besitzen. Genossen, wir möchten
diese Tagung benutzen* um Sie zu bitten, in die Massen die Erkenntnis
zu tragen, daß wir für das Ernährungs- und das Verkehrswesen neue und
immer neue Mitarbeiter brauchen, die uns mit ihren Erfahrungen helfen.
Stellt sie an die Arbeit, helft den Neulingen, und sie werden bedeutend
mehr leisten als die. früheren Organisationen. Alle auf zur Arbeit im
Ernährungs- und Verkehrswesen! Soll jede Organisation, einerlei in wel-
chem Produktionszweig, alle ihre Kräfte überprüfen und sagen, ob sie
genügend Leute ab kommandiert, ob sie alles getan hat, um Kommissare
zu stellen, wie wir sie für die Armee stellen. Die Arbeiter kommen ganz
von Kräften, denn sie erhalten nicht genügend Lebensmittel. Man muß
die besten Leute dorthin abkommandieren, damit sie alle auf verantwort-
Rede in der gemeinsamen Sitzung am 17. Januar 1919
415
liehe Posten gestellt werden, in der Armee, im Ernährungs- und im Ver-
kehrswesen. Hier kann jeder nützlich sein, selbst ein Nichtfadhmann. Im
Verkehrswesen bedarf es bisweilen der Hilfe eines Parteigenossen, des
Einflusses eines ideologisch starken Proletariers, der durch die Schule des
Klassenkampfes gegangen ist, der auf die weniger proletarischen Schichten
der Eisenbahnangestellten durch' Kontrolle und Aufsicht einwirken wird.
Genossen, ich wiederhole noch einmal die Losung „Alle auf zur Arbeit
im Ernährungs- und Verkehrswesen!“. Hier müssen wir das gleiche tun,
was wir in der Armee getan haben, wohin wir politische Kommissare ent-
sandt haben, und wo wir erreicht haben, was wir wollten. Ich bin über-
zeugt, daß es uns jetzt, in diesem schweren Halbjahr, noch einmal ge-
lingen wird. Hunger und Zerrüttung zu bezwingen!
Ein kurzer Bericht wurde am
18. Januar 1919 in den
JswestijaWZIK" Nr. 12
veröffentlicht.
Zuerst vollständig veröffentlicht 1929. ■ Nach dem Stenogramm.
REDE IN DER SITZUNG
DER MOSKAUER STADTKONFERENZ DER KPR(B)
18. JANUAR 191 9 138
Kurzer Zeitungsbericht
Soweit es möglich war - sagte Lenin sich an Hand der Resolutionen
mit den beiden Projekten vertraut zu machen, die nach Behandlung der.
Wechselbeziehungen zwischen dem Zentrum und den Bezirken vorge-
schlagen wurden - das erste über die Verbesserung der Tätigkeit der
Sowjets und das zweite über die völlige Reorganisierung des Sowjet-
mechanismus erweckt das zweite in der Resolution einer Gruppe von
Genossen niedergelegte Projekt den Eindruck, als sei hier etwas nicht bis
zu Ende ausgesprochen, denn es liegt keinerlei konkreter Grund für eine
Änderung des Sowjetmechanismus vor, wie sie in dieser Resolution vor-
geschlagen wird.
Unser Feind, das sind jetzt Bürokratismus und Schleichhandel. Infolge
der wirtschaftlichen Zerrüttung sehen wir keine Verbesserungen, die
Zerrüttung kann man aber nur durch Zentralisation beseitigen, bei Ver-
zicht auf rein lokalpatriotische Interessen, die offenbar auch die Oppo-
sition gegen den Zentralismus hervorgerufen haben. Der Zentralismus
ist aber der einzige Ausweg aus unserer Lage. Die Gruppe der Genossen,
die diese Resolution einbringt, geht vom Zentralismus ab und versinkt im
Schlamm des Lokalpatriotismus.
Die Bezirke sollen damit unzufrieden sein, daß einige Verordnungen
der zentralen Sowjetmacht, ohne mit den Bezirken besprochen worden zu
sein, durchgeführt werden; sollte dies zutreffen, so haben die Bezirke das
volle Recht, Beratungen einzuberufen, in denen alle Fragen, die sie be-
wegen, besprochen werden können. Der Bürokratismus macht uns viel zu
schaffen, er ist nur schwer zu überwinden. Es gilt, ihn mit aller Kraft zu
bekämpfen; man muß mehr Arbeiter in die Behörden schicken. Wird
Rede in der Sitzung der Moskauer Stadtkonferenz der KPR(B)
417
aber der Kampf gegen den Bürokratismus nicht in der Richtung geführt,
in der er geführt werden muß, so wird die Lage sehr gefährlich, beispiels-
weise in bezug auf die Spezialisten. Wir befinden uns in einer schlimmen
Lage, nicht, weil wir viele Spezialisten haben, sondern weil wir keine
strenge Zentralisation haben. Auf bestimmten Gebieten der Sowjetarbeit
herrscht ganz im Gegenteil ein Mangel an Spezialisten. In die Ämter
müssen mehr Kräfte aus Arbeiterkreisen geschickt werden, die bei den
Spezialisten richtig arbeiten lernen müssen, um diese dann ersetzen zu
können und selbständig praktische Arbeit zu leisten. Somit - schließt
Lenin - ist in den von Gen. Ignatow vorgelegten Thesen offenbar nicht
das Wesen dessen ausgesprochen, was diese Genossen wollen. Der Kampf
wird in einer falschen Richtung geführt.
„Pratoda" Nr. 19, Nach dem Text der „Prato da".
.28. Januar 1919.
REDE
AUF DEM II. GESAMTRUSSISCHEN KONGRESS
DER AUF INTERNATIONALISTISCHEN POSITIONEN
STEHENDEN LEHRER 139
18. JANUAR 1919
(Stürmischer Beifall, d.er in eine Ovation übergeht.)
Genossen! Gestatten Sie mir, Ihren Kongreß im Namen des Rats der
Volkskommissare zu begrüßen. Genossen, heute stehen vor der Lehrer-
schaft besonders wichtige Aufgaben, und ich hoffe, daß nach den Erfah-
rungen des letzten Jahres, nach dem Kampf, der sich in der Lehrerschaft
zwischen denen entspann, die sich von Anfang an auf die Seite der
Sowjetmacht stellten und den Kampf für die sozialistische Umwälzung
aufnahmen, und dem Teil der Lehrerschaft, der bislang auf dem Boden
der alten Ordnung, der alten Vorurteile, verblieb und meinte, man könne
den Unterricht auf dem Boden dieser alten Ordnung fortführen - ich
glaube, daß heute, nach einem Jahr Kampf, nach all dem, was sich in den
internationalen Beziehungen vollzogen hat, dieser Kampf zu Ende gehen
muß und zu Ende geht. Es kann keinen Zweifel darüber geben, daß die
große Mehrheit des Lehrpersonals, die der Arbeiterklasse und dem werk-
tätigen Teil der Bauernschaft nahesteht, daß diese große Mehrheit sich
jetzt davon überzeugt hat, wie tief die Wurzeln der sozialistischen Revo-
lution reichen, wie unvermeidlich sie sich über die ganze Welt ausbreitet,
und ich glaube, daß sich die große Mehrheit der Lehrerschaft jetzt zweifel-
los aufrichtig zur Macht der Werktätigen und Ausgebeuteten bekennt und
bekennen wird im Kampf für die sozialistische Umwälzung und im
Kampf gegen jenen Teil der Lehrerschaft, der bis heute, an den alten,
bürgerlichen Vorurteilen, den alten Zuständen und der alten Heuchelei
festhaltend, sich einbildete, er könne von diesen alten Zuständen etwas
hinüberretten.
Zu dieser bürgerlichen Heuchelei gehört auch die Behauptung, die
Rede auf dem II. Gesamtrussischen Kongreß der Lehrer
419
Schule könne außerhalb der Politik stehen. Sie wissen sehr gut, wie ver-
logen diese Behauptung ist. Und die Bourgeoisie; die diese These verficht,,
hat ja selbst ihre bürgerliche Politik zum Eckstein der gesamten Arbeit
in der Schule gemacht und bemühte sich, das ganze Schulwesen darauf
abzustellen, für die Bourgeoisie ergebene und rührige Diener zu drillen,
sie bemühte sich, sogar den allgemeinen; Schulunterricht von unten bis
oben darauf abzustellen, für die Bourgeoisie gehorsame und rührige Die-
ner, Vollstrecker ihres Willens, Sklaven des Kapitals abzurichten. Nie-
mals lag ihr etwas daran, die Schule zu einem Werkzeug der . Erziehung
der menschlichen Persönlichkeit zu machen.. Und heute ist es allen klar,
daß dies nur die sozialistische Schule tun kann, die, in untrennbarer Ver-
bindung mit allen Werktätigen und Ausgebeuteten, aus aufrichtiger Über-
zeugung auf der Sowjetplattform steht. .
Gewiß, die Umgestaltung des Schulwesens ist eine schwierige Sache.:
Und gewiß hat es hier Fehler gegeben und gibt es auch jetzt noch Fehler
und die Tendenz, das Prinzip der Verbindung zwischen Schule und Politik
falsch auszulegen und ihm einen vulgären, entstellten Sinn zu verleihen,
indem man versucht, diese Politik auf ungeschickte Weise in die Köpfe
der noch jungen, heranwachsenden Generation hineinzutragen, die sich
noch vorbereiten muß. Und zweifellos werden wir immer gegen diese
grobe Anwendung des Grundprinzips ankämpfen müssen. Aber heute ist
es die Hauptaufgabe jenes Teils der Lehrerschaft, der sich auf den Boden
der Internattonale, auf den Boden der Sowjetmacht gestellt hat, dafür zu
sorgen, daß ein breiterer und nach Möglichkeit allumfassender Lehrer-
verband geschaffen wird.
Für den alten Lehrerverband, der bürgerliche Vorurteile verteidigte,
der Unverständnis an den Tag legte und bis zum äußersten seine Privi-
legien verteidigte, viel länger sogar, als ebensolche Privilegien von anderen
Spitzenverbänden verteidigt wurden, die sich gleich zu Beginn der. Revo-
lution von 1917 gebildet hatten und die wir auf allen Gebieten des prak-
tischen Lebens bekämpft haben - für diesen Verband gibt es keinen
Boden in Ihrem Verband, dem Verband der Internationalisten. Ich denke,
daß Ihr Verband der Internationalisten durchaus in einen einheitlichen
Verband der Schullehrer umgewandelt werden kann, der ebenso wie alle
anderen Gewerkschaften - das zeigt besonders klar der II. Gesamtrussische
Gewerkschaftskongreß - auf der Plattform der Sowjetmacht steht. Die
420
W.I. Lenin
Aufgabe, vor der die Lehrerschaft steht, ist unermeßlich groß. Hier müs-
sen auch die Überreste der Zerfahrenheit und Zersplitterung bekämpft
werden, die uns die vorige Revolution hinterlassen hat.
Weiter zur Propaganda und Agitation. Es ist nur ganz natürlich, daß
bei dem Mißtrauen gegenüber der Lehrerschaft, das die Praxis der Sabo-
tage und die Vorurteile der bürgerlichen Lehrerschaft hinterlassen haben,
die gewöhnt war zu denken, echte Bildung wäre nur für die Reichen da,
für die Mehrheit der Werktätigen genüge die Ausbildung zu guten Die-
nern, zu guten Arbeitern, aber nicht zu wirklichen Herren des Lebens -
daß bei diesem Mißtrauen auf allen Gebieten der Propaganda und Auf-
klärung große Zerfahrenheit herrscht. Das verurteilt einen Teil der Lehrer
zu einem engen Wirkungskreis, zu einem Quasiunterricht, und wir können
keinen vollständig einheitlichen Apparat schaffen, in den alle wissen-
schaftlichen Kräfte einbezogen werden und mit uns zusammen arbeiten.
Wir werden das nur insoweit fertigbringen, als wir mit den alten bürger-
lichen Vorurteilen brechen; und hier ist es die Aufgabe Ihres Verbandes,
die breitesten Lehrermassen in Ihre Familie einzubeziehen, die zurück-
gebliebensten Schichten der Lehrerschaft zu erziehen, sie der allgemeinen
proletarischen Politik unterzuordnen, sie in einer einheitlichen Organisa-
tion zusammenzufassen.
Bei der gewerkschaftlichen Vereinigung erwächst der Lehrerschaft eine
große Aufgabe in der Situation, die sich gegenwärtig bei uns heraus-
gebildet hat, wo sich alle Fragen des Bürgerkriegs deutlich herauskristalli-
sieren und die kleinbürgerlichen demokratischen Elemente durch die
Macht der Tatsachen gezwungen sind, auf die Seite der Sowjetmacht
überzugehen, weil sie sich überzeugt haben, daß jeder andere Weg, ob
sie es wollen oder nicht, sie dahin führt, die Weißgardisten und den inter-
nationalen Imperialismus zu verteidigen. Jetzt, da in der ganzen Welt
eine Hauptaufgabe gestellt wird, liegen die Dinge so: entweder äußerste
Reaktion, entweder Militärdiktatur und Massaker, worüber wir aus Ber-
lin bezeichnende Nachrichten erhalten haben, entweder diese rasende
Reaktion der vertierten Kapitalisten, die fühlen, daß man ihnen diese
vier Jahre Krieg nicht ungestraft wird durchgehen lassen, und die darum
zu allem bereit sind, die bereit sind, die Erde noch weiterhin mit dem
Blut der Werktätigen zu tränken - oder der volle Sieg der Werktätigen
in der sozialistischen Revolution. In der Zeit, in der wir leben, kann es
Rede auf dem II. Gesamtrussischen Kongreß der Lehrer
421
keinen Mittelweg geben. Und darum muß der Teil der Lehrerschaft, der
sich von Anfang an auf die Position der Internationale gestellt hat, der
heute klar sieht, daß seine Gegner unter den Lehrern des anderen Lagers
keinerlei ernsthafte Opposition machen können, seine Arbeit auf eine
breitere Basis stellen. Aus Ihrem Verband muß jetzt eine breite Lehrer-
gewerkschaft hervorgehen, die die große Masse der Lehrer erfaßt, eine
Lehrergewerkschaft, die sich entschlossen auf den Boden der Sowjetplatt-
form und des Kampfes für den Sozialismus mittels der Diktatur des
Proletariats stellt.
Das ist die Formel, die der jetzt tagende II. Gewerkschaftskongreß an-
genommen hat. Der Kongreß fordert, daß sich alle, die einen bestimmten
Beruf, eine bestimmte Tätigkeit ausüben, in einem Einheitsverband zu-
sammenschließen, sagt aber zur gleichen Zeit, daß die Gewerkschafts-
bewegung nicht von den Hauptaufgaben des Kampfes für die Befreiung
der Arbeit vom Kapital losgelöst werden darf. Und darum können nur
die Verbände vollberechtigte Mitglieder einer Gewerkschaftsvereinigung
sein, die den revolutionären Klassenkampf für den Sozialismus mittels
der Diktatur des Proletariats anerkennen. Ihr Verband gehört dazu.
Wenn Sie sich auf diese Position stellen - dann wird Ihnen der Erfolg
gewiß sein bei der Heranziehung der großen Masse der Lehrerschaft und
bei Ihrem Wirken dafür, daß Wissen und Wissenschaften auf hören, Sache
der Privilegierten zu sein, aufhören, das Material abzugeben, das die
Positionen der Reichen und Ausbeuter festigt, und statt dessen zu einem
Werkzeug für die Befreiung der Werktätigen und Ausgebeuteten werden.
Gestatten Sie mir. Genossen, Ihnen auf diesem Arbeitsfeld allen Erfolg zu
wünschen.
Ein kurzer Bericht wurde am
19. Januar 1919 in den
Jsmestija WZIK“ Nr. 13
veröffentlicht.
Zuerst vollständig veröffentlicht 1926.
Nach dem Stenogramm.
422
REDE ANLÄSSLICH DER ERMORD UN G
ROSA LUXEMBURGS UND KARL LIEBKNECHTS
19, JANUAR 1919 140
Kurzer Zeitungsbericht
Heute frohlocken in Berlin die Bourgeoisie und die SozialverräteT - es
ist ihnen gelungen, Karl Liebknecht: und Rosa Luxemburg zu ermorden.
Ebert und Scheidemann, die vier Jahre lang die Arbeiter um räuberischer
Interessen willen zur Schlachtbank führten, haben jetzt die Rolle von
Henkern proletarischer Führer übernommen. Am Beispiel der deutschen
Revolution überzeugen wir uns, daß die „Demokratie“ lediglich als Deck-
mantel für bürgerlichen Raub und brutalste Gewalt dient.
Tod den Henkern! .
„Prawda“ Nr. 14, Nach dem Text der „Praroäa".
21. Januar 1919.
423
REFERAT AUF DEM II. GESAMTRUSSISCHEN
GEWERKSCHAFTSKONGRESS 141
20. JANUAR 1919
(Stürmischer, lang anhaltender Beifall.) Genossen! Zu-
nächst muß ich mich entschuldigen, daß ich mich heute wegen einer kleinen
Unpäßlichkeit darauf beschränken muß, nur kurz auf die Frage einzu-
gehen, die Sie jetzt zu erörtern haben. Es ist das die Frage nach den Auf-
gaben der Gewerkschaften.
Die. Ihnen vorgelegte Resolution wird dem Gewerkschaftskongreß im
Namen der kommunistischen Fraktion unterbreitet, von der sie einer all-
seitigen. Erörterung unterzogen worden ist. Da die Resolution jetzt ge-
druckt vorliegt, nehme ich an, daß sich alle Anwesenden mit ihr bekannt
gemacht haben, und ich gestatte mir daher, nur bei zwei Hauptpunkten
zu verweilen, die meiner Ansicht nach die wesentlichsten Punkte sind, die
überhaupt in dieser Resolution berührt werden.
Mir scheint, den ersten dieser Punkte, einen Punkt sozusagen negativen
Charakters, bildet die Erklärung über die Losung der Einheit oder Unab-
hängigkeit der Gewerkschaftsbewegung, über jene Losung, von der
Punkt 3 der Resolution sagt, daß sie praktisch die Gruppen, die ihr folg-
ten, zum offenen Kampf gegen die Sowjetmacht geführt hat, und daß sie,
d. h. diese Gruppen, sich durch diesen Versuch außerhalb der Reihen der
Arbeiterklasse gestellt haben.
Mir scheint. Genossen, daß diese berühmte Unabhängigkeitslosung nicht
allein vom gewerkschaftlichen Standpunkt Aufmerksamkeit verdient. Ich
glaube, der ganze weltweite Kampf, der sich klar und deutlich ungeheuer
rasch auf die Frage zuspitzt, Diktatur des Proletariats oder Diktatur der
Bourgeoisie, ich glaube, dieser ganze Kampf kann nur dann richtig ver-
standen und richtig eingeschätzt, werden, kann nur dann der Arbeiter-
28 Lenin. Werke. Bd. 28
424
W. I. Lenin
klasse, ihren klassenbewußten Vertretern, die Möglichkeit geben, sich in
richtiger Weise an ihm zu beteiligen, wenn man begreift, um was für
einen Selbstbetrug für die einen und um was für einen Betrug für die
anderen es sich bei der Unabhängigkeitslosung handelt. Vor allem möchte
ich, wenn auch nur kurz, aufzeigen, wie falsch diese Losung theoretisch
ist, wie wenig sie in theoretischer Hinsicht auch nur der geringsten Kritik
standhält.
Genossen, das jüngste Ereignis in Deutschland, die viehische, heim-
tückische Ermordung Liebknechts und Luxemburgs, ist nicht nur das
dramatischste und tragischste Ereignis in der beginnenden deutschen Revo-
lution, es wirft auch ein außerordentlich grelles Licht darauf, wie in den
gegenwärtigen Strömungen der verschiedenen politischen Ansichten und
in den heutigen theoretischen Konzeptionen die Fragen des heutigen
Kampfes gestellt werden. Gerade aus Deutschland hörten wir die meisten
Reden, beispielsweise über die vielgepriesene Demokratie, über die Lo-
sungen Demokratie überhaupt, wie auch über die Losung Unabhängigkeit
der Arbeiterklasse von der Staatsmacht. Diese Losungen, von denen man
vielleicht auf den ersten Blick annehmen könnte, sie wären nicht mitein-
ander verbünden, sind in Wirklichkeit eng miteinander verbunden. Sie
sind eng miteinander verbunden, weil sie zeigen, wie stark noch bis auf
den heutigen Tag trotz der gewaltigen im proletarischen Klassenkampf
gesammelten Erfahrungen die kleinbürgerlichen Vorurteile sind, wie oft
noch bis auf den heutigen Tag der Klassenkampf, um einen deutschen
Ausdruck zu gebrauchen, ein reines Lippenbekenntnis ist, ohne all denen,
die ihn im Munde führen, wirklidi in Kopf und Herz eingedrungen zu
sein. Wie kann man in der Tat - wenn wir uns auch nur an das Abc der
politischen Ökonomie erinnern, wie wir es uns aus dem „Kapital“ von
Marx angeeignet haben, an jene Lehre vom Klassenkampf, auf deren
Boden wir alle mit beiden Füßen stehen -. wie kann man heute, wo sich
der Kampf in einem derartigen Umfang und einem derartigen Ausmaß
verschärft hat, wo es klar geworden ist, daß die sozialistische Revolution
in der ganzen Welt auf die Tagesordnung gesetzt worden ist, wo dies
praktisch aus den Vorgängen in den demokratischsten Ländern klar her-
vorgeht - wie kann man da von Demokratie überhaupt reden, oder
wie kann man da von Unabhängigkeit reden? Wer so denkt, der zeigt
- vom Standpunkt der Theorie der politischen Ökonomie aus gesehen -,
Referat auf dem II. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongreß 425
daß er auch' nicht eine einzige Seite aus dem „Kapital“ von Marx
verstanden hat, auf das jetzt ausnahmslos die Sozialisten aller Länder
schwören.
In Wirklichkeit jedoch, wo sie nahezu an den Hauptkampf herange-
kommen sind, zu dem das „Kapital“ von Marx hinführte, da weichen sie,
die auf dieses Werk schwören, vor diesem Klassenkampf zurück und
bilden sich ein, es könne eine außerhalb der Klassen oder überden Klassen
stehende Demokratie geben, die Demokratie könne in der heutigen Ge-
sellschaft, solange das Eigentum den Kapitalisten verbleibt, etwas anderes
sein als eine bürgerliche Demokratie, d. h. eine durch falsche, verlogene
demokratische Aushängeschilder getarnte bürgerliche Diktatur. Eben aus
diesem Deutschland sind vor kurzem Stimmen zu uns gedrungen, daß die
Diktatur des Proletariats dort vielleicht, ja sogar sicher, den Rahmen der
Demokratie nicht überschreiten, daß die Demokratie erhalten bleiben
werde. Eben dort traten Leute, die den Anspruch darauf erhoben, Lehrer
des Marxismus zu sein, die von 1889 bis 1914 die Ideologen der gesamten
II. Internationale waren, Leute vom Schlage Kautskys, unter dem Banner
der Demokratie auf, ohne zu begreifen, daß, solange das Eigentum den
Kapitalisten verbleibt, die Demokratie nichts anderes ist als eine durch
und durch heuchlerische Maske für die Diktatur der Bourgeoisie und daß
von einer ernst zu nehmenden Lösung des Problems der Befreiung der
Arbeit vom Joche des Kapitals auch nicht die Rede sein kann, wenn diese
heuchlerische Maske nicht heruntergerissen wird, wenn wir die Frage nicht
so stellen werden, wie sie zu stellen Marx stets lehrte, wie sie der tag-
tägliche Kampf des Proletariats, wie sie jeder Streik, jede Verschärfung
des Gewerkschaftskampfes zu stellen gelehrt hat, nämlich so, daß, so-
lange das Eigentum den Kapitalisten verbleibt, jede Demokratie nur eine
heuchlerische, verkappte, bürgerliche Diktatur sein wird. Und alles Ge-
rede von allgemeiner Abstimmung, von Willensäußerung des ganzen
Volkes, von Gleichheit aller an den Wahlen Beteiligten wird ein einziger
Betrug sein, denn zwischen dem Ausbeuter und dem Ausgebeuteten, zwi-
schen dem Besitzer von Kapital und Eigentum und dem heutigen Lohn-
sklaven, kann es keine Gleichheit geben.
Gewiß ist die bürgerliche Demokratie historisch gesehen im Vergleich
zum Zarismus, zur Selbstherrschaft, zur Monarchie und zu allen Über-
resten des Feudalismus ein riesiger Fortschritt. Gewiß werden wir sie
426
W. I. Lenin
ausnutzen müssen, und dann werden wir sagen: Solange der Kampf der
Arbeiterklasse um die ganze Macht nicht auf der Tagesordnung steht,
müssen wir die Formen der bürgerlichen Demokratie unbedingt aus-
nutzen. Nun ist aber die Sache die, daß wir im internationalen Maßstab
eben zu diesem entscheidenden Moment im Kampf gekommen sind. Jetzt
geht es darum, ob die Kapitalisten die Macht über die Produktionsmittel
und vor allem das Privateigentum an den Produktionsinstrumenten be-
haupten werden. Und das bedeutet, daß sie neue Kriege vorbereiten. Der
imperialistische Krieg hat uns mit aller Klarheit gezeigt, wie das kapitali-
stische Eigentum mit diesem Völkergemetzel verbunden ist und unauf-
haltsam und unausweichlich zu ihm geführt hat. Weil es so ist, so ent-
puppt sich alles Gerede von der Demokratie als Willensäußerung des
Volkes vor aller Augen als Betrug, lediglich als Privileg der Kapitalisten
und der Reichen, die rückständigsten Schichten der Werktätigen durch
ihre im Privatbesitz verbleibende Presse und mit allen anderen Mitteln
der politischen Beeinflussung zu verdummen.
So ist es und nicht anders. Entweder Diktatur der Bourgeoisie, getarnt
durch Konstituantes durch alle möglichen Abstimmungen, durch Demo-
kratie und ähnlichen bürgerlichen Betrug, mit dem man Dummköpfe
blendet und mit dem jetzt nur Leute auftrumpfen und paradieren können,
die durch und durch und auf der ganzen Linie zu Renegaten des Marxis-
mus und zu Renegaten des Sozialismus geworden sind - oder Diktatur
des Proletariats, um mit eiserner Faust die Bourgeoisie niederzuringen,
die die am wenigsten klassenbewußten Elemente gegen die besten Führer
des Weltproletariats hetzt; also Sieg des Proletariats zur Niederhaltung
der Bourgeoisie, die jetzt um so wütender den verzweifeltsten Wider-
stand gegen das Proletariat organisiert, je klarer sie sieht, daß die Massen
diese Frage aufgeworfen haben. Denn bisher hat sie in den meisten Fällen
die Unzufriedenheit und die Empörung der Arbeiter für eine vorüber-
gehende Äußerung ihrer Mißstimmung gehalten. Die englischen Kapita-
listen zum Beispiel, die, was den politischen Betrug der Arbeiter anbelangt,
vielleiht die größten Erfahrungen haben und die wohl die politisch ge-
schultesten und organisiertesten Kapitalisten sind, sehen bis auf den
heutigen Tag die Dinge durchweg eben so, daß der Krieg natürlich zur
Unzufriedenheit geführt habe, was unvermeidlich Arbeiterunruhen her-
vorrufe und auh weiterhin hervorrufen werde; daß aber das Problem
Referat auf dem II. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongreß
427
jetzt darin bestehe, wer den Staat regieren, in wessen Händen sich die
Staatsmacht befinden und ob das Eigentum den Herren Kapitalisten ver-
bleiben soll - dazu hätten sich die Arbeiter noch nicht geäußert. Indessen
haben aber die Ereignisse gezeigt, daß eben diese Frage zweifellos auf die
Tagesordnung gesetzt worden ist, nicht nur in Rußland, sondern auch in
einer ganzen Reihe westeuropäischer Länder, und sogar nicht nur in Län-
dern, die am Kriege beteiligt waren, sondern auch in neutralen Ländern,
die verhältnismäßig weniger gelitten haben, wie z. B. die Schweiz und
Holland.
Die Bourgeoisie ist vor allem im Geiste des bürgerlichen Parlamentaris-
mus erzogen worden und hat die Massen in diesem Geiste erzogen; in
den Massen aber reifte, das ist heute ganz offensichtlich, die Sowjet-
bewegung, die Bewegung für die Sowjetmacht heran. DieSowjetbewegung
hat aufgehört, eine russische Form der proletarischen Macht zu sein, zu
ihr bekennt sich das internationale Proletariat in seinem Kampfe um die
Macht, sie ist zum zweiten Schritt in der weltweiten Entwicklung der
sozialistischen Revolution geworden. Der erste Schritt war die Pariser
Kommune ; sie hat gezeigt, daß die Arbeiterklasse nicht anders als durch
die Diktatur, durch die gewaltsame Niederwerfung der Ausbeuter zum
Sozialismus gelangen wird. Das erste, was die Pariser Kommune gezeigt
hat, war, daß der Weg der Arbeiterklasse zum Sozialismus nicht über
den alten bürgerlich-demokratischen parlamentarischen Staat, sondern nur
über einen Staat von neuem Typus führt, der Parlamentarismus wie
Beamtentum von oben bis unten zerschlägt.
Der zweite Schritt, vom Standpunkt der weltweiten Entwicklung der
sozialistischen Revolution aus gesehen, war die Sowjetmacht; und wenn
man sie anfangs als eine ausschließlich russische Erscheinung ansah - und
als eine solche konnte und mußte man sie sogar ansehen, wenn man nicht
den Boden der Tatsachen verlassen wollte -, so haben jetzt die Ereignisse
gezeigt, daß dies nicht nur eine russische Erscheinung ist, daß dies eine
internationale Kampfform des Proletariats ist, daß die Kriege, die die
proletarischen und halbproletarischen Massen auf neue Art durchein-
andermischten, ihnen eine neue Organisation gegeben haben, die in an-
schaulicher Weise dem raubgierigen Imperialismus entgegengestellt ist,
die der Kapitalistenklasse mit ihren märchenhaften, vor dem Kriege nie
dagewesenen Profiten entgegengestellt ist, daß die Kriege überall diese
W. I. Lenin
neuen Kampforganisationen der Massen, Organisationen des Proletariats
zum Sturz der Madit der Bourgeoisie geschaffen haben.
Als die Sowjets entstanden, haben nicht alle diese ihre Bedeutung er-
kannt. Auch heute sind sich noch nicht alle dieser Bedeutung bewußt. Für
uns aber, die wir die Anfänge dieser Sowjets im Jahre 1905 erlebt haben,
die wir nach der Februarrevolution von 1917 die lange Zeit des Wankens
und Schwankens zwischen der sowjetischen Organisation der Massen und
der kleinbürgerlichen, verräterischen Paktiererideologie erlebt haben, für
uns ist jetzt das Bild sonnenklar. Wir sehen es wie auf der flachen Hand,
und an die Lösung der Frage gehen wir vom Gesichtspunkt dieses Bildes,
von dem Gesichtspunkt heran, wie sich der Kampf des Proletariats um die
Madit im Staate gegen das kapitalistische Privateigentum entwickelt hat
und mit jedem Tag immer weiter und tiefer entwickelt. Was sind von
diesem Gesichtspunkt aus alle Berufungen auf die Demokratie und alle
Phrasen über „Unabhängigkeit“ und dergleichen Redensarten wert, die
stets zu irgendeiner vom Klassenstandpunkt losgelösten Einstellung ab-
gleiten, die ganz außer acht läßt, daß in der kapitalistischen Gesellschaft
die Bourgeoisie herrscht, daß die kapitalistische Gesellschaft eben aus der
Macht der Bourgeoisie in der politischen wie in der ökonomischen Sphäre
hervorgeht. In allen auch nur einigermaßen ernsthaften Fragen kann es
für eine auch nur einigermaßen längere Zeit nichts anderes geben als die
Macht des Proletariats, und kein Mittelding. Wer aber von Unabhängig-
keit spricht, wer von Demokratie überhaupt spricht, der setzt, bewußt
oder unbewußt, ein Mittelding, etwas zwischen oder über den Klassen
Stehendes voraus. Und in allen Fällen ist das Selbstbetrug, ist das Betrug,
ist das Verschleierung dessen, daß, solange die Macht der Kapitalisten
bestehenbleibt, solange die Kapitalisten im Besitz des Eigentums an den
Produktionsmitteln bleiben, die Demokratie zwar mehr oder weniger
breite, zivilisierte usw. Formen annehmen kann, in Wirklichkeit aber
eine bürgerliche Diktatur bestehenbleibt, und daß um so klarer und offen-
sichtlicher aus jedem größeren Widerspruch der Bürgerkrieg hervorbricht.
Je näher die politischen Formen Frankreichs der Demokratie kamen,
desto schneller entstand dort aus einer Sache wie der Dreyfus-Affäre eine
Bürgerkriegssituation. Je breiter die Demokratie in Amerika ist, mit sei-
nem Proletariat, seinen Internationalisten und selbst mit seinen einfachen
Pazifisten, desto schneller kommt es dort zu Fällen der Lynchjustiz und
Referat auf dem II. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongreß
42 9
zu Bürgerkriegsexplosionen. All das wird uns heute um so klarer, als
schon die erste Woche der bürgerlichen Freiheit, der Demokratie in
Deutschland zu erbitterten Bürgerkriegskämpfen geführt hat, die bei wei-
tem heftiger, bei weitem härter sind als bei uns.- Und wer über diese
Explosionen unter dem Gesichtswinkel urteilt, ob diese oder jene Parteien
Gericht halten werden, wer von dem Standpunkt urteilt, an Liebknecht
und Luxemburg sei einfach ein Mord verübt worden, der ist mit Blindheit
geschlagen, der zeichnet sich durch feige Denkart aus, der will nicht be-
greifen, daß es sich hier um Explosionen eines unaufhaltsamen Bürger-
kriegs handelt, der unabwendbar aus allen Widersprüchen des Kapitalis-
mus entsteht. Ein Mittelding gibt es nicht und kann es nicht geben. Alles
Gerede von Unabhängigkeit oder von Demokratie überhaupt, in welcher
Sauce es auch serviert wird, ist schändlicher Betrug, schändlichster Verrat
am Sozialismus. Und wenn die theoretische Propaganda der Bolschewiki,
die heute faktisch die Gründer der Internationale sind, wenn die theore-
tische Propaganda der Bolschewiki in bezug auf den Bürgerkrieg nicht weit
Vordringen konnte und meist vor den Schranken der Zensur und den
militärischen Sperrmaßnahraen der imperialistischen Staaten haltmachen
mußte, so sind es jetzt schon nicht die Propaganda, nicht die Theorie,
sondern die Fakten des Bürgerkriegs, der mit um so größerer Erbitterung
geführt wird, je älter und von längerer Dauer die Demokratie der west-
europäischen Staaten ist. Diese Fakten werden selbst in den rückständig-
sten, stumpfsinnigsten Schädel eindringen. Heute kann man von Leuten,
die von Demokratie überhaupt, von Unabhängigkeit reden, von diesen
Leuten kann man nur wie von Fossilien sprechen.
Nichtsdestoweniger, angesichts der schweren Bedingungen, unter denen
der Kampf verlief, aus dem die Gewerkschaftsbewegung Rußlands erst
vor kurzem hervorgegangen und gewachsen ist und sich jetzt schon nahezu
endgültig herausgebildet hat, muß man im Vorbeigehen einen Blick zu-
rückwerfen, muß man sich des gestrigen Tages erinnern. Meiner Ansicht
nach ist ein solcher Rückblick, ein solches Besinnen um so notwendiger,
als die Gewerkschaftsbewegung eben als Gewerkschaftsbewegung in der
Epoche der beginnenden sozialistischen Weltrevolution eine besonders
schroffe Wendung durchzumachen hat.
In der Gewerkschaftsbewegung haben es sich die Ideologen der Bour-
geoisie besonders angelegen sein lassen, im trüben zu fischen. Den ökono-
430
mischen Kampf, der die Grundlage der Gewerkschaftsbewegung bildete,
suchten sie vom politischen Kampf unabhängig zu machen. Dabei sind
die Gewerkschaften, als die, im Maßstab der ganzen Klasse gesehen,
breitesten Organisationen des Proletariats, gerade jetzt, in der Praxis,
insbesondere nach der politischen Umwälzung, die dem Proletariat die
Macht übergeben hat, gerade in dieser Zeit berufen, eine besonders große
Rolle zu spielen, in der Politik die zentralste Stellung einzunehmen, in
gewissem Sinn des Wortes zum politischen Hauptorgan zu werden, denn
alle alten Begriffe, die alten Kategorien dieser Politik, sind durch die
politische Umwälzung, die die Macht in die Hände des Proletariats ge-
geben hat, über den Haufen geworfen und auf den Kopf gestellt worden.
Der alte Staat, so wie er aufgebaut war, und sei es die beste und demo-
kratischste bürgerliche Republik - ich wiederhole es -, ist nie etwas an-
deres gewesen und kann auch nie etwas anderes sein als Diktatur der
Bourgeoisie, d. h. die Diktatur derjenigen, in deren Händen sich die
Fabriken, die Produktionsinstrumente, der Grand und Boden, die Eisen-
bahnen, mit einem Wort, alle materiellen Mittel, alle Arbeitsinstrumente
befinden, ohne deren Besitz die Arbeit versklavt bleibt.
Das ist es auch, weshalb sich die Gewerkschaften, als die politische
Macht in die Hände des Proletariats übergegangen war, immer stärker in
der Rolle von Baumeistern der Politik der Arbeiterklasse betätigen muß-
ten, in der Rolle Von Menschen, deren Klassenorganisation die frühere
Ausbeuterklasse ersetzen, alle alten Traditionen und die Vorurteile der
alten Wissenschaft über den Haufen werfen muß, die durch den Mund
eines Gelehrten dem Proletariat sagte, es solle sich mit seinen ökono-
mischen Belangen befassen, mit der Politik werde sich die Partei der
bürgerlichen Elemente befassen. In den Händen der Ausbeuterklasse und
ihrer Henker war diese ganze Propaganda ein unmittelbares Werkzeug
zur Niederhaltung des Proletariats, das überall zu Aufständen und zum
Kampf überging.
Und hier. Genossen, haben die Gewerkschaften bei ihrer Arbeit am
Aufbau des Staates eine völlig neue Frage aufzurollen - die „Umwand-
lung der Gewerkschaften in Staatsorgane“, wie diese Frage in der von der
kommunistischen Fraktion unterbreiteten Resolution benannt wurde. Hier
müssen sich die Gewerkschaften am meisten einen der tief sinnigsten, und
berühmtesten Aussprüche der Begründer des modernen Kommunismus
Referat auf dem II. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongreß
431
überlegen, wonach, je weiter und je tiefer die Umwälzung geht, die Zahl
derer sich vermehren muß, die diese Umwälzung vollziehen. „Mit der
Gründlichkeit der geschichtlichen Aktion wird also der Umfang der Masse
zunehmen, deren Aktion sie ist.“ 142 Nehmen Sie die alte, auf der Leib-
eigenschaft beruhende Gesellschaft des Feudaladels. Dort waren die Um-
wälzungen lächerlich leicht, solange es sich darum handelte, die Macht
einem Häuflein Adliger oder Feudalherren wegzunehmen und sie einem
anderen zu übergeben. Nehmen Sie die bürgerliche Gesellschaft, die sich
mit ihrem allgemeinen Stimmrecht brüstet. In Wirklichkeit aber wird, wie
wir wissen, dieses allgemeine Stimmrecht, dieser ganze Apparat zu einem
einzigen Betrug, denn die gewaltige Mehrheit der Werktätigen wird selbst
in den fortgeschrittensten, kulturell hochstehenden und demokratischsten
Ländern unterdrückt und niedergehalten - niedergehalten durch die kapi-
talistische Zwangsarbeit, so daß sie in der Politik faktisch nicht mitwirkt
und auch nicht mitwirken kann. Und jetzt beginnt zum erstenmal in der
Geschichte der Menschheit eine Umwälzung, die den Sozialismus zum
vollen Sieg führen kann - allerdings nur unter der Bedingung, daß neue
gewaltige Massen selbständig das Werk der Staatslenkung in Angriff
nehmen. Die sozialistische Umwälzung bedeutet nicht Änderung der
Staatsform, nidit Ersetzung der Monarchie durch die Republik, nicht eine
neuerliche Abstimmung, bei der völlige „Gleichheit“ der Menschen vor-
ausgesetzt wird, die aber in Wirklichkeit nichts anderes ist als ein ge-
schicktes Bemänteln und Tarnen dessen, daß der eine Mensch Eigentümer,
der andere aber besitzlos ist. Ist einmal „Demokratie“ gegeben, und be-
teiligt sich der Kapitalist wie der Proletarier an dieser Abstimmung - so
ist dies vom Standpunkt eines Repräsentanten der bürgerlichen Gesell-
schaft der „Wille des Volkes“, ist dies „Gleichheit“, ist dies Ausdruck
seiner Wünsche. Wir wissen, um welch einen niederträchtigen Betrug es
sich bei diesen Reden handelt, die nur einen Deckmantel abgeben für die
Henker und Mörder vom Schlage eines Ebert und Scheidemann. In der
bürgerlichen Gesellschaft hat die Bourgeoisie die Masse der Werktätigen
mit Hilfe der einen oder anderen, mehr oder minder demokratischen
Form regiert; regiert hat die Minderheit, haben die Besitzenden, die des
kapitalistischen Eigentums teilhaftig sind, die das Bildungswesen und die
Wissenschaft, die festeste Stütze und höchste Blüte der kapitalistischen
Zivilisation, zu einem Werkzeug der Ausbeutung, zu einem Monopol
432
W. I. Lenin
gemacht haben, um die überwältigende Mehrheit der Menschen in Skla-
verei zu halten. Die Umwälzung, die wir begonnen haben, die wir nun
schon seit zwei Jahren vollziehen und die zu Ende zu führen wir fest
entschlossen sind (Beifall), diese Umwälzung ist nur dann möglich und
durchführbar, wenn wir erreichen, daß die Macht an die neue Klasse
übergeht, daß an Stelle der Bourgeoisie, der kapitalistischen Sklaven-
halter, der bürgerlichen Intellektuellen, der Repräsentanten aller Besitzen-
den, aller Eigentümer - daß an ihre Stelle auf allen Gebieten der Ver-
waltung, beim ganzen Staatsaufbau, in der ganzen Leitung des neuen
Lebens, von unten bis oben, die neue Klasse tritt.
Das ist die Aufgabe, die wir jetzt zu bewältigen haben. Erst wenn sich
diese neue Klasse nicht durch Bücher, nicht durch Versammlungen, nicht
durch Reden, sondern durch die Praxis des eigenen Regierens erzieht,
erst wenn sie dazu die breitesten Massen der Werktätigen heranziehen,
erst wenn sie solche Formen ausarbeiten wird, die allen Werktätigen die
Möglichkeit geben, ohne weiteres an der Regierung des Staates und der
Schaffung der Staatsordnung mitzuwirken, erst dann kann die soziali-
stische Umwälzung von Dauer sein, und erst unter dieser Voraussetzung
wird sie von Dauer sein. Ist diese Voraussetzung gegeben, so wird die
sozialistische Umwälzung eine Macht sein, die den Kapitalismus und
alle seine Überbleibsel wie Spreu wegfegen wird.
Das ist die Aufgabe, die wir, allgemein gesprochen, vom Klassenstand-
punkt aus zu bewältigen haben als Voraussetzung für die siegreiche sozia-
listische Umwälzung, das ist die Aufgabe, die so eng und unmittelbar mit
der Aufgabe der Organisationen verbunden ist, die sogar im Rahmen der
kapitalistischen Gesellschaft den breitesten Massenkampf zu deren Ver-
nichtung anstrebten. Unter den damaligen Organisationen aber waren die
Gewerkschaften die breitesten, und heute als der Form nach selbständige
Organisationen können und müssen sie, wie eine These der Ihnen vor-
gelegten Resolution besagt, an der Tätigkeit der Sowjetmacht energischen
Anteil nehmen durch unmittelbare Arbeit in allen Staatsorganen, durch
die Organisierung der Massenkontrolle über die Tätigkeit dieser Organe
usw., durch Schaffung neuer Organe für die Rechnungsführung, Kontrolle
und Regulierung der gesamten Produktion und Verteilung, die auf der
organisierten Aktivität der interessierten breiten werktätigen Massen
beruhen.
Referat auf dem II. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongreß
433
In der kapitalistischen Gesellschaft ist es selbst in den besten Fällen, in
den fortgeschrittensten Ländern, nach Jahrzehnte-, ja manchmal sogar
jahrhundertelanger Entwicklung der Zivilisation und Kultur, in der bür-
gerlichen Demokratie niemals vorgekommen, daß die Gewerkschaften
mehr als ein Fünftel aller Lohnarbeiter erfaßten. Eine dünne Oberschicht
beteiligte sich an ihnen, und von dieser Oberschicht wurde nur ein ver-
schwindend geringer Teil von den Kapitalisten geködert und korrumpiert,
um in der kapitalistischen Gesellschaft als Arbeiterführer Posten einzu-
nehmen. Die amerikanischen Sozialisten haben diese Leute „Arbeiter-
lieutenants der Kapitalistenklasse“ genannt. Sie haben im Lande der freie-
sten bürgerlichen Kultur, der demokratischsten bürgerlichen Republik die
Rolle der geringfügigen Oberschichten des Proletariats am besten durch-
schaut, die faktisch in den Dienst der Bourgeoisie traten, für sie ein-
sprangen, von ihr korrumpiert und gekauft wurden und jene Kader von
Sozialpatrioten und Vaterlandsverteidigem stellten, deren Helden für alle
Zeiten Ebert und Scheidemann bleiben werden.
Bei uns, Genossen, ist die Lage jetzt anders. Gestützt auf alles, was
die kapitalistische Kultur geschaffen, was die kapitalistische Produktion
erzeugt hat, können die Gewerkschaften den staatlichen ökonomischen
Aufbau auf neue Art beginnen, indem sie den Sozialismus eben auf dieser
materiellen Basis, auf dieser Großproduktion aufbauen, deren Joch auf
uns gelastet hat, die gegen uns geschaffen worden ist, die der endlosen
Unterjochung der Arbeitermassen dienen sollte, die aber diese Massen
vereinigte, zusammenschloß und dadurch die Vorhut der neuen Gesell-
schaft schuf. Und diese Vorhut hat nach der Oktoberrevolution, nach dem
Übergang der Macht an das Proletariat ihre eigentliche Aufgabe in An-
griff genommen - die werktätigen ausgebeuteten Massen zu erziehen,
sie zur Leitung des Staates, zur Leitung der Produktion ohne Beamte,
ohne Bourgeoisie, ohne Kapitalisten heranzuziehen. Darum eben lehnt
die Ihnen unterbreitete Resolution jeden bürgerlichen Plan und alle diese
verräterischen Reden ab. Darum eben erklärt sie, daß die Umwandlung
der Gewerkschaften in Staatsorgane unvermeidlich ist. Zugleich geht sie
einen Schritt weiter. Wir stellen heute die Frage dieser Umwandlung der
Gewerkschaften schon nicht nur theoretisch. Wir sind Gott sei Dank aus
dem Stadium heraus, wo wir uns damit beschäftigten, diese Fragen nur
zum Gegenstand theoretischer Diskussionen zu machen. Vielleicht haben
434
W.I. Lenin
wir es mitunter sogar fertiggebracht, die Zeiten zu vergessen, wo wir uns
mit solchen freien Diskussionen über rein theoretische Themen beschäf-
tigten. Diese Zeiten sind längst dahin, und wir stellen diese Fragen jetzt
auf Grund der einjährigen Erfahrung der Gewerkschaften, die in ihrer
Rolle als Organisatoren der Produktion solche Organisationen geschaffen
haben wie den Obersten Volkswirtschaftsrat, die in dieser unglaublich
schwierigen Sache viele Fehler begangen haben und selbstverständlich im-
mer wieder begehen, ohne auf das hämische Grinsen der Bourgeoisie zu
achten, die da sagt: Nun, da haben die Proleten sich zugemutet, bauen zu
können, und machen Fehler über Fehler.
Die Bourgeoisie bildet sich ein, sie habe keine Fehler gemacht, als sie
die Geschäfte aus den Händen des Zaren und der Adligen übernahm. Sie
bildet sich ein, die Reform von 1861, die das Gebäude der Leibeigenschaft
reparieren sollte und dabei die Masse der Einkünfte und die Macht in den
Händen der Fronherren beließ, hätte sich glatt vollzogen, bei ihr hätte es
nicht jahrzehntelang in Rußland chaotische Zustände gegeben. Es gibt
kein einziges Land, wo die Herren Adligen sich nicht über die Empor-
kömmlinge aus der Bourgeoisie und dem Mittelstand lustig gemacht hät-
ten, die sich unterfingen, die Staatsgeschäfte zu führen.
Natürlich macht sich jetzt die ganze Blüte oder, besser gesagt, die taube
Blüte der bürgerlichen Intelligenz ebenfalls über jeden Fehler lustig, den
die neue Macht begeht, insbesondere, da die neue Klasse wegen des
rasenden Widerstands der Ausbeuter, wegen des Feldzugs der verbünde-
ten Ausbeuter der ganzen Welt gegen eins der schwächsten und am wenig-
sten vorbereiteten Länder wie Rußland, da die verbündeten Werktätigen
ihre Umwälzung mit rasender Geschwindigkeit vollziehen mußten, unter
Bedingungen, unter denen man nicht so sehr daran denken konnte, daß
die Umwälzung sich glatt vollzieht, als vielmehr daran, daß es gelingt,
sich so lange zu halten, bis das westeuropäische Proletariat zu erwachen
beginnt. Diese Aufgabe haben wir gelöst. In dieser Hinsicht, Genossen,
können wir jetzt schon sagen, daß wir uns in einer viel glücklicheren Lage
befinden als die Männer der französischen Revolution, die von der Allianz
der monarchistischen und rückständigen Länder zerschlagen wurde, die
sich als Herrschaft der unteren Schichten der damaligen Bourgeoisie ein
Jahr lang zu halten vermochte, die nicht sofort eine gleichgeartete Bewe-
gung in anderen Ländern ausgelöst hat. die aber nichtsdestoweniger für
Referat auf dem II. Gesamtrussischen Gewerksdtaftskongreß
435
die Bourgeoisie, für die bürgerliche Demokratie so viel getan hat, daß die
ganze Entwicklung der gesamten zivilisierten Menschheit im ganzen
19. Jahrhundert aus der großen französischen Revolution hervorging, ihr
alles verdankt.
Wir befinden uns in einer weitaus glücklicheren Lage. Was diese Män-
ner damals in einem Jahr für die Entwicklung der bürgerlichen Demokra-
tie getan haben, das haben wir im gleichen Zeitraum im verflossenen Jahr
in weit größerem Maße für das neue proletarische Regime getan, haben
es so getan, daß jetzt schon die Bewegung in Rußland, die nicht kraft
unserer Verdienste, sondern kraft des Zusammentreffens besonderer Um-
stände und besonderer Bedingungen begonnen hat, die Rußland wischen
zwei imperialistische Giganten der modernen Kulturwelt stellten, daß diese
Bewegung und der Sieg der Sowjetmacht in diesem Jahre dazu geführt
haben, daß die Bewegung selbst international geworden ist, daß die Kom-
munistische Internationale gegründet wurde, daß die Losungen und Ideale
der alten bürgerlichen Demokratie zerschlagen sind und daß es in der
ganzen Welt jetzt keinen einzigen denkenden Politiker gibt, welcher Par-
tei er auch angehören möge, der übersehen könnte, daß die sozialistische
Weltrevolution begonnen hat, daß sie im Gange ist. (Beifall.)
Genossen, ich bin ein wenig abgeschweift, als ich zu dem Thema über-
ging, wie wir an die praktische Lösung der Frage herangegangen sind,
deren theoretische Behandlung schon weit hinter uns liegt. Wir besitzen
die Erfahrungen eines Jahres, das uns schon jetzt für den Sieg des Prole-
tariats und seiner Revolution unermeßlich größere Erfolge gebracht hat,
als gegen Ende des vorvorigen Jahrhunderts das eine Jahr Diktatur der
bürgerlichen Demokratie für den Sieg dieser bürgerlichen Demokratie in
der ganzen Welt brachte. Aber in diesem Jahr haben wir darüber hinaus
kolossale praktische Erfahrungen erworben, die es uns erlauben, wenn
auch nicht jeden unserer Schritte auf das genauste zu berechnen, so doch
jedenfalls das Tempo der Entwicklung, ihre Geschwindigkeit zu bestim-
men, die realen Schwierigkeiten zu erkennen, die praktischen Maßnahmen
zu sehen, die von einem Teilsieg bei der Niederwerfung der Bourgeoisie
zum anderen führen.
Wenn wir heute zurückblicken, so sehen wir, welche Fehler wir zu kor-
rigieren haben ; wir sehen ganz klar, was wir bauen und wie wir weiter
bauen müssen. Eben darum beschränkt sich unsere Resolution nicht dar-
W. 1. Lenin
auf, die Umwandlung der Gewerkschaften in Staatsorgane zu verkünden,
nicht auf die prinzipielle Proklamation der Diktatur des Proletariats, auf
die Feststellung, daß wir, wie es an einer Stelle in der Resolution heißt,
„unvermeidlich zur Verschmelzung der Gewerkschaftsorganisationen mit
den Organen der Staatsmacht“ kommen. Das wissen wir auch theoretisch,
das hatten wir auch schon vor der Oktoberrevolution vorgesehen, das
mußte man auch früher schon vorsehen. Doch das ist zuwenig. Für eine
Partei, die unmittelbar an den praktischen Aufbau des Sozialismus heran-
gegangen ist, für die Gewerkschaften, die schon aus sich heraus Organe
zur Leitung der Industrie im gesamtrussischen Maßstab, im Maßstab des
ganzen Staates geschaffen, die schon den Obersten Volkswirtschaftsrat
gebildet haben, die sich durch tausend Fehler tausendfache Elemente
eigener organisatorischer Erfahrung erworben haben, ist der Kern der
Frage ein anderer als früher.
Heute genügt es uns schon nicht mehr, daß wir uns auf die Proklama-
tion der Diktatur des Proletariats beschränken. Unvermeidlich geworden
ist die Umwandlung der Gewerkschaften in Staatsorgane, unvermeidlich
ihre Verschmelzung mit den Organen der Staatsmacht, unvermeidlich,
daß der Aufbau der Großproduktion voll und ganz in ihre Hände über-
geht. Aber das alles genügt schon nicht mehr.
Wir müssen auch unsere praktischen Erfahrungen in Rechnung stellen,
um die gegenwärtige, die heutige Situation richtig einschätzen zu können.
Das ist jetzt für uns der Kern der Sache. Eben an diese Frage geht die
Resolution heran, wenn sie sagt, daß, falls die Gewerkschaften jetzt ver-
suchten, eigenmächtig die Funktionen der Staatsmacht zu übernehmen,
daraus nur ein Durcheinander entstehen würde. Wir haben unter diesem
Durcheinander genug gelitten. Wir haben viel gegen diese Überreste der
verfluchten bürgerlichen Ordnung gekämpft, gegen die teils anarchisti-
schen, teils egoistischen Bestrebungen des Kleineigentümers, die auch in
der Arbeiterschaft tief eingewurzelt sind.
Der Arbeiter war von der alten Gesellschaft niemals durch eine chine-
sische Mauer getrennt. Auch in ihm ist viel von der traditionellen Men-
talität der kapitalistischen Gesellschaft erhalten geblieben. Die Arbeiter
bauen die neue Gesellschaft auf, ohne sich selbst in neue Menschen ver-
wandelt zu haben, die frei wären vom Schmutz der alten Welt, sie stecken
noch bis zu den Knien darin. Sich von diesem Schmutz frei zu machen
Referat auf dem II. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongreß
437
ist heute noch ein Traum. Es wäre die größte Utopie zu glauben, das
könnte von heute auf morgen geschehen. Das wäre eine Utopie, in der
Praxis nur dazu angetan, das Reich des Sozialismus in den Himmel zu
verlegen.
Nein, nicht so gehen wir an die Errichtung des Sozialismus heran. Wir
gehen an sie heran, auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft
stehend, im Kampf gegen all die Schwächen und Mängel, die auch den
Werktätigen anhaften und das Proletariat hinabziehen. In diesem Kampf
gibt es noch viele alte separatistische Gewohnheiten und Bräuche des
Kleineigentümers ; noch lebt die alte Losung „Jeder für sich, Gott für uns
alle“. Davon hat es mehr als genug gegeben, in jeder Gewerkschaft, in
jeder Fabrik, die häufig nur an sich gedacht hat, und für das übrige - da
möge der liebe Gott und die Obrigkeit sorgen. Das haben wir alle erlebt,
das haben wir am eigenen Leibe erfahren, das hat uns so viele Fehler ge-
kostet, so viele schwere Fehler, daß wir jetzt in Erkenntnis dieser Erfah-
rungen den Genossen sagen: Wir warnen euch auf das entschiedenste vor
allen eigenmächtigen Handlungen auf diesem Gebiet. Und wir sagen wei-
ter: Das wäre kein Aufbau des Sozialismus, das würde bedeuten, daß wir
alle den Schwächen des Kapitalismus erliegen.
Wir haben jetzt gelernt, die ganze Schwierigkeit der vor uns stehenden
Aufgabe zu berücksichtigen. Wir stehen mitten im Aufbau des Sozialis-
mus, und vom Standpunkt dieser Hauptaufgabe wenden wir uns gegen
jegliche eigenmächtige Handlung auf diesem Gebiet. Vor diesen eigen-
mächtigen Handlungen müssen die klassenbewußten Arbeiter gewarnt
werden. Man muß ihnen sagen: Jetzt, mit einem Schlag, die Gewerk-
schaften mit den Organen der Staatsmacht verschmelzen, das können wir
nicht. Das wäre ein Fehler. Nicht das ist die Aufgabe.
Wir wissen jetzt, daß das Proletariat einige tausend, vielleicht einige
zehntausend Proletarier mit der Leitung der Staatsgeschäfte betraut hat.
Wir wissen, daß die neue Klasse - das Proletariat - heute auf jedem
Gebiet der Staatsverwaltung, in jedem: Winkel der bereits sozialisierten
Betriebe oder der Betriebe, die jetzt sozialisiert werden, in jedem Wirt-
schaftszweig seine Vertreter hat. Das Proletariat weiß das. Es hat die
Sache praktisch in Angriff genommen und sieht jetzt, daß man eben auf
diesem Wege weitergehen, daß man noch viele Schritte tun muß, ehe man
wird sagen können: Die Gewerkschaftsverbände der Werktätigen sind
438
W. I. Lenin
endgültig mit dem gesamten Staatsapparat verschmolzen. Das wird dann
eintreten, wenn die Arbeiter die Organe zur Unterdrückung der einen
Klasse durch, die andere endgültig in ihre Hände genommen haben wer-
den. Und das wird geschehen, davon sind wir überzeugt.
Wir wollen jetzt Ihre ganze Aufmerksamkeit auf die nächste prak-
tische Aufgabe lenken. Die Teilnahme der Werktätigen selbst an der Lei-
tung der Wirtschaft und am Aufbau der neuen Produktion muß immer
mehr und mehr erweitert werden. Wenn wir diese Aufgabe nicht lösen,
wenn wir die Gewerkschaften nicht zu Organen machen, die zehnfach
breitere Massen als bisher für die unmittelbare Teilnahme an der Leitung
des Staates erziehen, dann werden wir den kommunistischen Aufbau nicht
zu Ende führen können. Das ist uns allen klar. So steht es in unserer Re-
solution geschrieben, und auf letzteres möchte ich vor allem Ihre Aufmerk-
samkeit lenken.
Mit der größten Umwälzung, die in der Geschichte begonnen hat, als
das Proletariat die Staatsmacht in seine Hand nahm, vollziehen die Ge-
werkschaften in ihrer ganzen Tätigkeit eine gewaltige Wendung. Sie wer-
den die wichtigsten Baumeister der neuen Gesellschaft, denn Schöpfer
dieser Gesellschaft können nur die Millionenmassen sein. Wenn es in der
Epoche der Leibeigenschaft nur Hunderte waren, wenn in der Epoche des
Kapitalismus Tausende und Zehntausende den Staat aufbauten, so kann
jetzt die sozialistische Umwälzung nur vollbracht werden bei aktiver, un-
mittelbarer, praktischer Teilnahme von Millionen und aber Millionen an
der Leitung des Staates. Wir sind auf dem Wege dahin, haben aber das
Ziel noch nicht erreicht.
Die Gewerkschaften müssen wissen, daß neben jenen Aufgaben, die
teils noch bestehen, teils aber bereits fortgefallen sind und die auch für
den Fall, daß sie bestehenbleiben, nur kleinere Aufgaben sein können,
daß neben diesen Aufgaben, die in der Rechnungsführung, der Normie-
rung, der Vereinigung der Organisationen bestehen, eine größere und
wichtigere Aufgabe gestellt wird: die Massen das Regieren lehren, nicht
durch Bücher, nicht durch Lektionen, nicht durch Meetings, sondern durch
die Erfahrung, so, daß an die Stelle der fortgeschrittenen Schicht, die das
Proletariat aus seiner Mitte stellte, die es mit dem Leiten, dem Organi-
sieren betraut hat, immer mehr und immer neue Arbeiterschichten nach-
rücken und in die verschiedenen Ressorts eintreten, damit an die Stelle
Referat auf dem II. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongreß 439
dieser neuen Schicht zehn ebensolche nachrücken. Diese Aufgabe scheint
unermeßlich groß und schwierig zu sein. Wenn wir jedoch bedenken, wie
schnell die in der Revolution gewonnenen Erfahrungen uns die Möglich-
keit gaben, die unermeßlich großen Aufgaben zu lösen, die seit der Ok-
toberrevolution gestellt worden sind, wie sehr sich jene Schichten der
Werktätigen zum Wissen drängen, denen dieses Wissen früher unzugäng-
lich und unnötig war, wenn wir das bedenken, dann hört diese Aufgabe
auf, uns so unermeßlich groß zu scheinen.
Wir werden sehen, daß wir diese Aufgabe lösen können, daß wir un-
ermeßlich große Massen Werktätiger lehren können, den Staat zu regie-
ren und die Industrie zu leiten, daß wir die praktische Arbeit entfalten
und jenes in Jahrzehnten und Jahrhunderten in den Arbeitermassen ein-
gewurzelte schädliche Vorurteil vernichten können, wonach das Regie-
ren des Staates Sache der Privilegierten sei, wonach das eine besondere
Kunst sei. Das ist nicht wahr. Wir werden unvermeidlich Fehler
machen, aber aus jedem Fehler werden jetzt nicht Gruppen von Studen-
ten lernen, die irgendeinen theoretischen Kursus für Staatsverwaltung
absolvieren, sondern Millionen Werktätiger, die die Folgen eines jeden
Fehlers am eigenen Leibe verspüren, die selber sehen werden, daß vor
ihnen die unaufschiebbaren Aufgaben der Rechnungsführung über die
Produkte und ihrer Verteilung sowie der Hebung der Arbeitsproduktivi-
tät stehen, die aus der Erfahrung erkennen, daß die Macht in ihren Hän-
den liegt und daß niemand ihnen helfen wird, wenn sie sich nicht selber
helfen - das eben ist die neue Mentalität, die in der Arbeiterklasse ent-
steht; das ist die neue, historisch ungemein wichtige Aufgabe, die vor
dem Proletariat steht, die vor allem den Gewerkschaften und den Funktio-
nären der Gewerkschaftsbewegung ins Bewußtsein eindringen muß. Die
Gewerkschaften sind nicht nur Berufsverbände. Heute sind sie insofern
Gewerkschaftsverbände, als sie in dem einzig möglichen, mit dem alten
Kapitalismus verbundenen Rahmen vereinigt sind und die größte Zahl
der Werktätigen umfassen. Ihre Aufgabe aber ist es, diese Millionen und
aber Millionen Werktätiger von einer weniger komplizierten Tätigkeit
zu einer höheren zu führen, unermüdlich neue Schichten aus der Reserve
der Werktätigen zu schöpfen und sie unermüdlich an die schwierigsten
Aufgaben heranzuführen und auf diese Weise immer breitere Massen
zu schulen, damit sie den Staat regieren, ihre Aufgabe ist es, eins zu wer-
29 Lenin. Werke, Bd.
440
W. I. Lenin
den mit dem Kampf des Proletariats, das die Diktatur errichtet hat, das
sie heute vor der ganzen Welt behauptet und Tag für Tag in allen Län-
dern einen Trupp von Industriearbeitern und Sozialisten nach dem ande-
ren gewinnt, die sich gestern noch den Weisungen der Sozialverräter und
Sozialpatrioten fügten, sich aber heute mehr und mehr dem Banner des
Kommunismus und der Kommunistischen Internationale nähern.
Dieses Banner hochzuhalten und zugleich die Reihen der Erbauer des
Sozialismus unentwegt zu erweitern, stets eingedenk, daß es Aufgabe der
Gewerkschaften ist, Baumeister des neuen Lebens zu sein, Erzieher neuer
Millionen und aber Millionen, die durch eigene Erfahrung lernen sollen,
Fehler zu vermeiden, die alten Vorurteile abzustreifen, die aus eigener
Erfahrung lernen, den Staat zu regieren und die Produktion zu leiten -
nur darin liegt die sichere Gewähr dafür, daß die Sache des Sozialismus
den vollen Sieg erringen und dadurch jede Möglichkeit einer Rückkehr
zum Alten ausschließen wird.
Ein Zeitungsbericht wurde am Nach dem ' Text des Buches
22. und 24. Januar 1919 in der .II. Gesamtrussischer Gewerk-
„ Pratoda “ Nr. 15 und 16 veröffentlicht. Schaftskongreß. Stenografischer
Bericht ", Moskau 1921.
BRIEF AN DIE ARBEITER
EUROPAS UND AMERIKAS
Genossen! Am Schluß meines Briefes an die amerikanischen Arbeiter
vom 20. August 1918 schrieb ich, daß wir uns in einer belagerten Festung
befinden, solange uns andere Armeen der internationalen sozialistischen
Revolution nicht zu Hilfe gekommen sind. Die Arbeiterbrechen mit ihren
Sozialverrätern, den Gompers und Renner, fügte ich hinzu. Die Arbeiter
nähern sich langsam, aber unentwegt der kommunistischen und bolsche-
wistischen Taktik.
Seit der Zeit, da diese Worte geschrieben wurden, sind noch keine
5 Monate vergangen, und es muß gesagt werden, daß das Heranreifen
der proletarischen Weltrevolution im Zusammenhang mit dem Übergang
der Arbeiter verschiedener Länder zum Kommunismus und Bolschewis-
mus in dieser Zeit außerordentlich rasch vor sich gegangen ist.
Damals, am 20. August 1918, hatte nur unsere, die bolschewistische
Partei, entschieden mit der alten, der II. Internationale der Jahre 1889
bis 1914 gebrochen, die während des imperialistischen Krieges 1914-1918
so schändlich Bankrott gemacht hatte. Nur unsere Partei hatte rückhaltlos
den neuen Weg beschritten vom Sozialismus und Sozialdemokratismus,
der sich durch das Bündnis mit der raublüstemen Bourgeoisie mit Schmach
und Schande bedeckt hatte, zum Kommunismus, vom kleinbürgerlichen
Reformismus und Opportunismus, von denen die offiziellen sozial-
demokratischen und sozialistischen Parteien bis ins Mark durchsetzt
waren und durchsetzt sind, zur wahrhaft proletarischen, revolutionären
Taktik.
Heute, am 12. Januar 1919, sehen wir schon eine ganze Reihe kom-
munistischer proletarischer Parteien, nicht nur in den Grenzen des ehe-
442
W. I. Lenin
maligen Zarenreichs, zum Beispiel in Lettland, Finnland, Polen, sondern
auch in Westeuropa, in Österreich, Ungarn, Holland und schließlich in
Deutschland. Als der deutsche „Spartakusbund“ mit so weltbekannten
und weltberühmten, der Arbeiterklasse so treu ergebenen Führern wie
Liebknecht, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und Franz Mehring endgültig
seine Verbindung mit Sozialisten vom Schlage Scheidemanns und Süde-
kums abbrach, mit diesen Sozialchauvinisten (Sozialisten in Worten,
Chauvinisten in der Tat), die durch ihr Bündnis mit der raublüstemen
imperialistischen Bourgeoisie Deutschlands und mit Wilhelm II. ewige
Schmach auf sich geladen haben, als der „Spartakusbund“ den Namen
„Kommunistische Partei Deutschlands“ annahm, da war die Gründung
einer wahrhaft proletarischen, wahrhaft internationalistischen, wahrhaft
revolutionären III. Internationale, der Kommunistischen Internationale,
Tatsache geworden. Formell ist diese Gründung noch nicht vollzogen,
aber faktisch besteht die III. Internationale heute schon.
Heute muß schon jeder klassenbewußte Arbeiter, jeder aufrechte So-
zialist sehen, was für einen niederträchtigen Verrat am Sozialismus die-
jenigen begangen haben, die gleich den Menschewiki und den „Sozial-
revolutionären“ in Rußland, den Scheidemann und Südekum in Deutsch-
land, den Renaudel und Vandervelde in Frankreich, den Henderson und
Webb in England, den Gompers und Co. in Amerika im Kriege 1914 bis
1918 „ihre“ Bourgeoisie unterstützten. Dieser Krieg hat sich sowohl von
seiten Deutschlands vollständig als imperialistischer, reaktionärer Raub-
krieg entlarvt als auch von seiten der Kapitalisten Englands, Frankreichs,
Italiens und Amerikas, die sich jetzt um die Teilung der zusammengeraub-
ten Beute, um die Aufteilung der Türkei, Rußlands, der afrikanischen
und polynesischen Kolonien, des Balkans usw. zu streiten beginnen. Das
heuchlerische Gerede Wilsons und der „Wilsonisten“ von „Demokratie“
und „Völkerbund“ entlarvt sich erstaunlich rasch, wenn wir sehen, daß
die französische Bourgeoisie das linke Rheinufer okkupiert, daß die fran-
zösischen, englischen und amerikanischen Kapitalisten die Türkei (Syrien,
Mesopotamien) und einen Teil von Rußland (Sibirien, Archangelsk, Baku,
Krasnowodsk, Aschchabad usw.) okkupieren, wenn wir sehen, wie die
Feindschaft wegen der Teilung der Beute zwischen Italien und Frank-
reich, zwischen Frankreich und England, zwischen England und Amerika,
zwischen Amerika und Japan ständig zunimmt.
Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas
443
Und neben jenen feigen, halbschlächtigen, von den Vorurteilen der
bürgerlichen Demokratie völlig durchtränkten „Sozialisten“, die gestern
noch „ihre“ imperialistischen Regierungen verteidigten und sich heute auf
platonische „Proteste“ gegen die militärische Intervention in Rußland be-
schränken - neben ihnen wächst in den Ententeländern die Zahl derer,
die den kommunistischen Weg gehen, den Weg Macleans, Debs\ Loriots,
Lazzaris, Serratis, den Weg von Menschen, die begriffen haben, daß
allein der Sturz der Bourgeoisie, die Zerstörung der bürgerlichen Parla-
mente, daß nur die Sowjetmacht und die Diktatur des Proletariats im-
stande sind, den Imperialismus niederzuringen, den Sieg des Sozialismus
zu sichern und einen dauerhaften Frieden zu gewährleisten.
Damals, am 20. August 1918, beschränkte sich die proletarische Revo-
lution auf Rußland, und die „Sowjetmacht“,: d. h. die Ausübung der ge-
samten Macht im Staate durch die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und
Bauerndeputierten, schien damals noch (undwar.es ja auch wirklich) eine
nur russische Einrichtung zu sein.
Heute, am 12. Januar 1 919, sehen wir eine mächtige „Sowjet“bewe-
gung nicht nur in den einzelnen Teilen des ehemaligen Zarenreichs, zum
Beispiel in Lettland, in Polen, in der Ukraine, sondern auch in westeuro-
päischen Ländern, sowohl in neutralen Ländern (Schweiz, Holland, Nor-
wegen) als auch in Ländern, die durch den Krieg gelitten haben (Öster-
reich, Deutschland). Die Revolution in Deutschland - das als eines der
fortgeschrittensten kapitalistischen Länder besonders wichtig und charak-
teristisch ist - hat sofort „Sowjet“formen angenommen. Der ganze Ent-
wicklungsgang der deutschen Revolution und besonders der Kampf der
„Spartakusleute“, d. h. der wahren und einzigen Vertreter des Proleta-
riats, gegen den Bund des Verrätergesindels, der Scheidemänner und
Südekums, mit der Bourgeoisie - all das zeigt klar, wie die Geschichte in
bezug auf Deutschland die Frage gestellt hat:
„Sowjetmacht“ oder bürgerliches Parlament, unter welchem Aushänge-
schild (ob als „Nationalversammlung oder als „Konstituierende“ Ver-
sammlung) es auch immer auftreten möge.
Das ist die meltgesckichtlidie Fragestellung. Heute kann und darf man
das ohne jede Übertreibung sagen.
Die „Sowjetmacht“ ist der zweite weltgeschichtliche Schritt oder die
zweite weltgeschichtliche Etappe in der Entwicklung der Diktatur des
444
W. I. Lenin
Proletariats. Der erste Schritt war die Pariser Kommune. Die geniale
Analyse des Inhalts und der Bedeutung dieser Kommune, die Marx in
seinem „Bürgerkrieg in Frankreich“ gegeben hat, zeigt, daß die Kommune
einen neuen Staatstypus, den proletarischen Staat, geschaffen hat. Jeder
Staat, auch die demokratischste Republik, ist nichts als eine Maschine zur
Unterdrückung einer Klasse durch eine andere. Der proletarische Staat
ist die Maschine zur Niederhaltung der Bourgeoisie durch das Proletariat,
und diese Niederhaltung ist notwendig angesichts des wütenden, verzwei-
felten, vor nichts haltmachenden Widerstands, den die Gutsbesitzer und
Kapitalisten, die ganze Bourgeoisie mitsamt ihren Helfershelfern, alle
Ausbeuter leisten, sobald man darangeht, sie zu stürzen, sobald man die
Expropriation der Expropriateure in Angriff nimmt.
Das bürgerliche Parlament, auch das demokratischste in der demokra-
tischsten Republik, in der das Eigentum der Kapitalisten und ihre Macht
erhalten bleibt, ist eine Maschine zur Unterdrückung von Millionen
Werktätiger durch kleine Häuflein von Ausbeutern. Solange sich
unser Kampf im Rahmen der bürgerlichen Ordnung
hielt, mußten die Sozialisten, die Kämpfer für die Befreiung der Werk-
tätigen von der Ausbeutung, die bürgerlichen Parlamente ausnutzen als
eine Tribüne, als einen Stützpunkt für die propagandistische, agitatorische
und organisatorische Arbeit. Sich aber heute, da die Weltgeschichte die
Zerstörung dieser ganzen Ordnung, den Sturz und die Niederhaltung der
Ausbeuter, den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus auf die
Tagesordnung gesetzt hat, sich heute auf den bürgerlichen Parlamen-
tarismus, auf die bürgerliche Demokratie beschränken, sie als „Demo-
kratie“ überhaupt beschönigen, ihren bürgerlichen Charakter vertuschen
und vergessen, daß das allgemeine Wahlrecht, solange das Eigentum
der Kapitalisten erhalten bleibt, ein Werkzeug des bürgerlichen Staates
ist - das heißt, das Proletariat schändlich verraten, auf die Seite seines
Klassenfeindes, der Bourgeoisie, übergehen, heißt Verräter und Rene-
gat sein.
Die drei Richtungen im internationalen Sozialismus, von denen seit
1915 in der bolschewistischen Presse unablässig gesprochen wird, zeigen
sich uns heute im Licht der blutigen Kämpfe und des Bürgerkriegs in
Deutschland mit besonderer Klarheit.
Karl Liebknecht, dieser Name ist den Arbeitern aller Länder bekannt.
Brief an die Arbeiter Buropas und Amerikas
445
Überall, und besonders in den Ententeländern, ist dieser Name zum Sym-
bol der Ergebenheit eines Führers für die Interessen des Proletariats, der
Treue zur sozialistischen Revolution geworden. Dieser Name ist das
Symbol des wahrhaft ehrlichen, wahrhaft opferbereiten, schonungslosen
Kampfes gegen den Kapitalismus. Dieser Name ist das Symbol des un-
versöhnlichen Kampfes gegen den Imperialismus, eines Kampfes nicht in
Worten, sondern in Taten, der gerade dann größte Opferbereitschaft
offenbart, wenn das „eigene“ Land vom Taumel imperialistischer Siege
erfaßt ist. Mit Liebknecht und den „Spartakusleuten“ geht alles, was
unter den Sozialisten Deutschlands ehrlich und wirklich revolutionär ge-
blieben ist, alles Beste und Überzeugte im Proletariat, die ganze Masse
der Ausgebeuteten, die erfüllt sind von Empörung und unter denen die
Bereitschaft zur Revolution wächst.
Gegen Liebknecht sind die Scheidemann, Südekum und die ganze Bande
der verabscheuungswürdigen Lakaien des Kaisers und der Bourgeoisie.
Das sind ebensolche Verräter am Sozialismus wie die Gompers und Victor
Berger, die Henderson und Webb, die Renaudel und Vandervelde. Das
ist jene dünne Oberschicht der von der Bourgeoisie korrumpierten Arbei-
ter, die wir Bolschewiki (auf die russischen Südekum, die Menschewiki,
anweiidend) „Agenten der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung“ nann-
ten; und die von den Besten der Sozialisten Amerikas äußerst prägnant
und zutreffend als „labor lieutenants of the capitalist dass“, „Arbeiter-
lieutenants der Kapitalistenklasse", bezeichnet werden. Das ist der
neueste, „moderne“* Typus sozialistischer Verräterei, denn in allen zivi-
lisierten, fortgeschrittenen Ländern plündert die Bourgeoisie - sei es auf
dem Wege kolonialer Unterdrückung öder indem sie aus formal unab-
hängigen schwachen Völkern finanziellen „Nutzen“ zieh t - eine Bevölke-
rung aus, die die Bevölkerung des „eigenen“ Landes zahlenmäßig um ein
Vielfaches übertrifft. Hieraus ergibt sich für die imperialistische Bour-
geoisie die ökonomische Möglichkeit zur Erzielung von „Extraprofiten“
und zur Verwendung eines Teils dieses Extraprofits zur Korruption einer
bestimmten Oberschicht des Proletariats, um sie in ein reformistisches,
opportunistisches Kleinbürgertum zu verwandeln, das vor der Revolution
Angst hat.
Zwischen den Spartakusleuten und den Scheidemännern stehen die
* „moderne" bei Lenin deutsch. Der Übers.
446
schwankenden, charakterlosen „Kautskyaner“, die Gesinnungsgenossen
Kautskys, die sich „Unabhängige“ nennen, in Wirklichkeit aber völlig,
auf der ganzen Linie heute von der Bourgeoisie und den Scheidemännern,
morgen von den Spartakusleuten abhängig sind und teils den ersteren,
teils den letzteren Gefolgschaft leisten, Menschen ohne Gesinnung, ohne
Charakter, ohne Politik, ohne Ehre und Gewissen, die lebendige Ver-
körperung philiströser Zerfahrenheit, die sich in Worten zur sozialisti-
schen Revolution bekennen, in Wirklichkeit aber unfähig sind, diese, als
sie begonnen hat, zu begreifen, und auf Renegatenart die „Demokratie“
überhaupt, das heißt in Wirklichkeit die bürgerliche Demo-
kratie verteidigen.
In jedem kapitalistischen Land erkennt jeder denkende Arbeiter, in der
entsprechend den nationalen und geschichtlichen Bedingungen veränder-
ten Situation, eben diese drei Hauptrichtungen sowohl bei den Sozialisten
als auch bei den Syndikalisten, denn der imperialistische Krieg und der
Beginn der proletarischen Weltrevolution bringt in der ganzen Welt
gleichartige politische und ideologische Strömungen hervor.
Obige Zeilen waren noch vor dem bestialischen und niederträchtigen
Meuchelmord geschrieben, den die Regierung Ebert-Scheidemann an Karl
Liebknecht und Rosa Luxemburg verübt hat. Diese Henkersknechte,
diese Lakaien der Bourgeoisie, haben es den deutschen Weißgardisten,
den Kettenhunden des geheiligten kapitalistischen Eigentums ermöglicht,
Rosa Luxemburg zu lynchen und Karl Liebknecht hinterrücks zu ermor-
den, wobei sie sich des offensichtlich erlogenen Vorwands bedienten, er
sei „auf der Flucht“ erschossen worden (als der russische Zarismus die
Revolution von 1905 im Blut erstickte, griff er oft zu derartigen Mord-
taten unter demselben erlogenen Vorwand, die Häftlinge wären „auf der
Flucht“ erschossen worden), und zugleich deckten diese Henker die Weiß-
gardisten durch die Autorität einer angeblich gänzlich schuldlosen, an-
geblich über den Klassen stehenden Regierung! Man findet keine Worte
für die ganze Abscheulichkeit und Niedertracht dieser Henkertaten der
Pseudosozialisten. Die Geschichte hat offenbar einen Weg gewählt, auf
dem die Rolle der „Arbeiterlieutenants der Kapitalistenklasse“ die
„äußerste Grenze“ der Bestialität, Schändlichkeit und Niedertracht er-
Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas 447
reichen soll. Mögen die Kautskyaner, diese Narren, in ihrer Zeitung „Die
Freiheit" 143 nur immer von einem „Gericht" schwätzen, dem Vertreter
„aller“ „sozialistischen“ Parteien (die Scheidemann, die Henker, werden
von diesen Lakaienseelen weiterhin Sozialisten genannt) angehören sol-
len! Diese Helden philiströsen Stumpfsinns und kleinbürgerlicher Feig-
heit begreifen nicht einmal, daß das Gericht ein Organ der Staatsmacht
ist und daß der Kampf und der Bürgerkrieg in Deutschland eben darum
gehen, in wessen Händen diese Macht liegen soll : in den Händen der
Bourgeoisie, die die Scheidemann als Henker und Pogromhelden und die
Kautsky als Barden der „reinen Demokratie“ „bedienen“ werden, oder
in den Händen des Proletariats, das die kapitalistischen Ausbeuter stür-
zen und ihren Widerstand brechen wird.
Das Blut der Besten der weltumspannenden proletarischen Internatio-
nale, der unvergeßlichen Führer der sozialistischen Weltrevolution wird
immer neue Arbeitermassen stählen zum Kampf auf Leben und Tod.
Und dieser Kampf wird zum Sieg führen. Wir haben in Rußland im Som-
mer 1917 die „Julitage“ erlebt, als die russischen Scheidemänner, die
Menschewiki und Sozialrevolutionäre, ebenfalls „von Staats wegen“ den
„Sieg" der Weißgardisten über die Bolschewiki deckten, als auf den Stra-
ßen Petrograds die Kosaken den Arbeiter Woinow wegen Verbreitung
bolschewistischer Aufrufe lynchten. 144 Wir wissen aus Erfahrung, wie
schnell die Massen durch solche „Siege“ der Bourgeoisie und ihrer Schran-
zen von den Illusionen des bürgerlichen Demokratismus, der „allgemei-
nen Volksabstimmung“ und dergleichen kuriert werden.
Bei der Bourgeoisie und den Ententeregierungen machen sich jetzt ge-
wisse Schwankungen bemerkbar. Ein Teil sieht, daß in den alliierten
Truppen in Rußland, die den Weißgardisten helfen und damit der schwär-
zesten monarchistischen und gutsherrlichen Reaktion dienen, bereits die
Zersetzung beginnt; daß die weitere militärische Einmischung und die
Bemühungen, Rußland zu besiegen, für längere Zeit eine millionenstarke
Besatzungsarmee erforderlich machen und daß dies das sicherste Mittel
ist, um die proletarische Revolution auf schnellstem Wege in die Entente-
länder zu übertragen. Das Beispiel der deutschen Besatzungstruppen in
der Ukraine ist überzeugend genug.
448
YV. I. Lenin
Ein anderer Teil der Bourgeoisie in den Ententeländem setzt sich nach
wie vor für die militärische Intervention in Rußland ein, für die „ökono-
mische Einkreisung“ (Clemenceau) und die Erdrosselung der Sowjet-
republik. Die gesamte, dieser Bourgeoisie hörige Presse, d. h. die meisten
der von den Kapitalisten gekauften Tageszeitungen Englands und Frank-
reichs, prophezeit der Sowjetmacht einen raschen Zusammenbruch. Sie
malt die Schrecken der Hungersnot in Rußland in den schwärzesten
Farben, verbreitet Lügenmärchen über „Unruhen“ und den baldigen
„Bankrott“ der Sowjetregierung. Die Truppen der Weißgardisten, Guts-
besitzer und Kapitalisten, denen die Entente mit Offizieren und Munition,
mit Geld und Hilfstruppen beisteht, diese Truppen schneiden das hun-
gernde Zentralgebiet und den Norden Rußlands von seinen Kornkam-
mern ab, von Sibirien und dem Don.
Die hungernden Arbeiter in Petrograd und Moskau, in Iwanowo-
Wosnessensk und anderen Arbeiterzentren leiden tatsächlich große Not.
Nie und nimmer hätten die Arbeitermassen solche Not ertragen können,
solche Hungerqualen, zu denen sie die militärische Intervention der
Entente verurteilt (eine Intervention, die sehr häufig mit heuchlerischen
Versprechungen getarnt wird, keine „eigenen“ Truppen zu schicken, wo-
bei aber „Farbige“, Munition, Geld und Offiziere weiter geschickt wer-
den) - nie und nimmer hätten die Massen solche Leiden ertragen können,
wenn die Arbeiter nicht verstünden, daß sie die Sache des Sozialismus
sowohl in Rußland als auch in der ganzen Welt verfechten.
Die „alliierten“ Truppen und die Weißgardisten halten Archangelsk,
Perm, Orenburg, Rostow am Don, Baku, Aschchabad besetzt, aber die
„Sowjetbewegung“ hat Riga und Charkow erobert. Lettland und die
Ukraine werden Sowjetrepubliken. Die Arbeiter sehen, daß ihre schweren
Opfer nicht umsonst sind, daß die Sowjetbewegung in der ganzen Welt
siegreich voranschreitet und sich ausbreitet, daß sie wächst und erstarkt.
Jeder neue Monat harten Kampfes und schwerer Opfer stärkt die Sache
der Sowjetmacht in der ganzen Welt und schwächt ihre Feinde, die Aus-
beuter.
Noch sind die Ausbeuter stark genug, um die besten Führer der pro-
letarischen Weltrevolution zu ermorden und zu lynchen, um in den Län-
dern und Gebieten, die von ihnen okkupiert oder erobert werden, die
Opfer und Leiden der Arbeiter zu vergrößern. Aber die Ausbeuter der
Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas
449
ganzen Welt werden nidit mehr die Kraft haben, den Sieg der proleta-
rischen Weltrevolution aufzuhalten, die der Menschheit die Befreiung
bringt vom Joch des Kapitals, von der ständigen Gefahr neuer und im
Kapitalismus unvermeidlicher imperialistischer Kriege.
N. Lenin
21. Januar 1919
„Prawda" Nr. 16.
24. Januar 1919.
Nach dem Manuskript.
450
REDE AUF DER II. KONFERENZ
DER LEITER DER UNTERABTEILUNGEN
FÜR AUSSERSCHULISCHE ARBEIT
DER GOUVERNEMENTSABTEILUNGEN
FÜR VOLKSBILDUNG
24. JANUAR 1919
Genossen! Sie sind hier als Vertreter der örtlichen Abteilungen für
außerschulische Arbeit der Gouvernementssowjets zusammengetreten.
Leider habe ich von Ihrer Tätigkeit keine nähere Kenntnis und beschränke
mich deshalb auf einige wenige Bemerkungen. Ich begrüße Ihre Konfe-
renz, die Tagung der Funktionäre für außerschulische Bildung, die so be-
deutende Aufgaben hat!
In unserer Schule gibt es noch viele Lehrer, die unter den alten Ver-
hältnissen erzogen worden sind, was beim Übergang von der kapitali-
stischen Gesellschaftsordnung zum Sozialismus Schwierigkeiten hervor-
ruft. Und wie sonderbar das auch klingen mag, bei Menschen mit Wissen
stoßen wir auf hartnäckigen Widerstand. Wer es gewohnt ist, in dem
alten Apparat seine Domäne zu sehen, der dient nur sich selbst und der
besitzenden Klasse.
Die außerschulische Arbeit befindet sich in einer besseren Lage als die
Arbeit in der Schule.
Bei uns im Rat der Volkskommissare wurde in Erwägung gezogen, eine
Kommission zu bilden, die eine ganze Reihe zersplitterter Kultur- und
Bildungsorganisationen vereinigen soll. Die außerschulische Bildung ist
wichtig für die Neugestaltung des ganzen Lebens. Wir müssen neue Wege
suchen.
Man muß es sagen, manch ein neuer und unerfahrener Vertreter der
Sowjetmacht wendet häufig alte Methoden an und kompromittiert da-
durch die Machtorgane.
Ich denke, alle, die mit der außerschulischen Bildung zu tun haben,
müssen eine schwierige Aufgabe bewältigen. In der Parteiarbeit haben
Rede auf der 11. Konferenz der Leiter für Volksbildung
451
wir uns unsere Methode zur breiten Einwirkung auf die Massen er-
arbeitet, sie müssen aber mit den Methoden der Kultur- und Erziehungs-
arbeit, insbesondere mit den Methoden der schulischen und speziell der
außerschulischen Arbeit verbunden werden, was nodi nicht immer ge-
lungen ist.
In der außerschulischen Arbeit finden Sie Hilfe bei den werktätigen
Massen in ihrem starken Streben nach Wissen, und um so leichter wird
es Ihnen sein. Formen des Kontakts mit ihnen zu finden. Hier sprunghaft
vorzugehen hieße am wenigsten erreichen, besonders bei den Massen, die
auf einem niedrigen Kulturniveau stehen. Man muß danach streben, mit
den Parteiorganisationen als Organen der Propaganda in engem Kontakt
zusammenzuarbeiten und die Massen zur Teilnahme an der außerschuli-
schen Arbeit zu gewinnen. Wenn die Initiative der Massen auf das ge-
bührende Verständnis stoßen wird, kann man auf die besten Resultate
hoffen. Gestatten Sie mir, Sie zu begrüßen und Ihnen Erfolg zu wünschen.
„Wnesdikolnoje Obrasomanife" Nach dem Text der Zeitschrift
(Die außersdiulisdie Bildung) Nr. 2-3, . Wnesdikolnoje Obrasowanije" .
Februar-März 1919.
ALLE AUF ZUR ARBEIT
IM ERNÄHRUNGS- UND IM VERKEHRSWESEN!
In der letzten Sitzung des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees
hatte ich bereits Gelegenheit, darauf zu verweisen, daß für die Sowjet-
republik ein besonders schweres Halbjahr begonnen hat. In der ersten
Hälfte 1918 wurden 28 Millionen Pud Getreide aufgebracht, in der zwei-
ten Hälfte 67 Millionen Pud. Das erste Halbjahr 1919 wird schwerer sein
als das vorhergegangene.
Die Hungersnot wird immer stärker, der Flecktyphus wird zur drohend-
sten Gefahr. Es bedarf heroischer Anstrengungen, aber bei uns wird viel
zuwenig getan.
Ist Rettung möglich und kann die Lage verbessert werden?
Zweifellos ja. Die Einnahme von Ufa und Orenburg, die Siege im
Süden und dann der siegreiche Sowjetaufstand in der Ukraine 145 eröff-
nen uns die günstigsten Perspektiven.
Wir sind jetzt in der Lage, bedeutend mehr Getreide aufzubringen, als
für eine an Hunger grenzende Lebensmittelration notwendig ist.
Im Ostgebiet sind schon einige Millionen Pud Getreide aufgebracht
worden. Ihr Abtransport wird durch den schlechten Zustand des Ver-
kehrswesens aufgehalten. Im Süden versetzt uns die .Befreiung des ganzen
Gouvernements Woronesh und eines Teils des Dongebiets von den Kras-
nowschen Kosaken vollauf in die Lage, über alle unsere früheren Berech-
nungen hinaus, bedeutende Mengen Getreide aufzubringen. Geradezu
enorm sind schließlich die Getreideüberschüsse in der Ukraine, und die
Sowjetregierung der Ukraine bietet uns ihre Hilfe an.
Wir können uns jetzt nicht nur vor der Hungersnot retten, sondern
können auch die ausgehungerte Bevölkerung der landwirtschaftlichen Zu-
schußgebiete Rußlands satt machen.
Alle auf zur Arbeit im Emährungs- und im Verkehrswesen! 453
Daran hindert uns der schlechte Zustand des Verkehrswesens und der
Mangel an Kräften im Ernährungswesen.
Wir müssen alle Kräfte anspannen, müssen immer und immer wieder
die Energie der Arbeitermassen wecken. Wir müssen entschieden Schluß
machen mit dem gewohnten Gang des Alltagslebens und mit der gewohn-
ten Arbeitsweise. Wir müssen uns auf raffen. Wir müssen darangehen,
die Kräfte für das Ernährungs- und das Verkehrswesen auf revolutionäre
Weise zu mobilisieren, und dürfen uns dabei nicht auf den Rahmen der
„laufenden“ Arbeit beschränken, sondern müssen über ihn hinausgehen
und immer neue Methoden ausfindig machen für die Auswahl und Heran-
ziehung zusätzlicher Kräfte.
Wir haben jetzt allen Grund zu der Annahme, daß sogar nach „vorsich-
tigsten“ und selbst pessimistischen Berechnungen der Sieg über Hunger
und Typhus in diesem Halbjahr (ein Sieg, der durchaus möglich ist) uns
in der ganzen Wirtschaft eine volle Wendung zum Besseren sichern wird,
denn die Verbindung mit der Ukraine und mit Taschkent beseitigt die
hauptsächlichen, die wichtigsten Ursachen für die Knappheit, für den
Mangel an Rohstoffen.
Die ausgehungerten Massen sind natürlich müde geworden, und zu-
weilen ist diese Müdigkeit übermenschlich groß, aber es gibt einen Aus-
weg, und ein Aufschwung der Energie ist zweifellos möglich, um so mehr,
als die proletarische Revolution in der ganzen Welt immer offensichtlicher
ansteigt und uns eine grundlegende Besserung nicht nur unserer inneren,
sondern auch unserer internationalen Lage verspricht.
Wir müssen uns aufraffen.
Jede Parteiorganisation, jede Gewerkschaft, jede Gruppe gewerkschaft-
lich organisierter, ja sogar unorganisierter Arbeiter, die aber gegen die
Hungersnot „zu Felde ziehen wollen“ - jede Gruppe von Sowjetfunktio-
nären und von Sowjetbürgern überhaupt muß sich die Frage vorlegen:
Was können wir tun, um den Feldzug des ganzen Volkes gegen die
Hungersnot zu erweitern und zu verstärken?
Könnten wir nicht Männerarbeit durch Frauenarbeit ersetzen und im-
mer mehr Männer für die überaus schwierigen Aufgaben des Verkehrs-
und des Ernährungs Wesens aufbieten?
Könnten wir nicht für die Lokomotiv- und Waggonreparaturwerk-
stätten Kommissare stellen?
454
W. I. Lenin
Könnten wir nicht der Ernährungsarmee neue Kämpfer zuführen?
Sollten wir nicht jeden Zehnten oder jeden Fünften aus unserer Mitte,
aus unserer Gruppe, aus unserem Betrieb usw., für die Emährungsarmee
oder für die Arbeit in den Eisenbahnwerkstätten bestimmen, die heute
schwieriger und komplizierter ist als gewöhnlich?
Ist nicht mancher von uns mit einer Sowjet- oder sonstigen Arbeit be-
schäftigt, die, ohne dadurch die Grundpfeiler des Staates zu erschüttern,
eingeschränkt oder sogar eingestellt werden könnte? Sind wir nicht ver-
pflichtet, diese Kräfte unverzüglich für das Emährungs- und das Verkehrs-
wesen zu mobilisieren?
So laßt uns immer und immer wieder in möglichst großen Massen
darangehen, dem fluchwürdigen Grundsatz der alten kapitalistischen Ge-
sellschaft, dem Grundsatz, der auf uns vererbt ist, von dem jeder von
uns mehr oder minder infiziert und verdorben ist, erneut einen Schlag zu
versetzen, dem Grundsatz nämlich: „Jeder für sich, Gott für uns alle.“
Dieses Erbe des raubsüchtigen, schmutzigen und blutigen Kapitalismus
ist. es, das uns am meisten quält, würgt, zerfleischt, niederdrückt und
zugrunde richtet. Dieses Erbe läßt sich nicht mit einem Schlag abschüt-
teln, dazu bedarf es eines unermüdlichen Kampfes, gegen dieses Erbe
muß man nicht einmal und nicht zweimal, sondern immer wieder von
neuem zum Kreuzzug aufrufen und in den Kampf ziehen.
Die Rettung von Millionen und aber Millionen vor Hunger und Typhus
ist möglich, die Rettung ist nahe, die drohende Hunger- und Typhuskrise
kann durchaus überwunden und bezwungen werden. Sich der Verzweif-
lung hinzugeben wäre absurd, töricht und schmachvoll. Einzeln, jeder für
sich, davonlaufen, um sich irgendwie allein zu „retten“, um die Schwäche-
ren zur Seite zu stoßen und sich selbst irgendwie durchzuschlagen - das
heißt desertieren, die kranken und ermatteten Genossen im Stich lassen,
die allgemeine Lage verschlechtern.
Wir haben das feste Fundament der Roten Armee geschaffen, die sich
jetzt unter unerhörten Schwierigkeiten durch die eiserne Mauer der von
den schwerreichen englischen und französischen Milliardären unterstütz-
ten Truppen der Gutsbesitzer und Kapitalisten durchgeschlagen hat, die
sich durchgeschlagen hat zu den wichtigsten Rohstoffquellen, zum Ge-
treide, zur Baumwolle und zur Kohle. Wir haben dieses Fundament ge-
schaffen, indem wir auf neue Art arbeiten, durch politische Propaganda
Alle auf zur Arbeit im Ernährungs- und im Verkehrswesen I
455
an der Front, durch Organisierung der Kommunisten in unserer Armee,
durch selbstlosen Einsatz und Kampf der Besten aus den Reihen der
Arbeitermassen.
Wir haben eine Reihe von Siegen errungen, sowohl an der äußeren,
der militärischen Front als auch an der inneren Front, im Kampf gegen
die Ausbeuter, im Kampf gegen Sabotage, im Kampf um den schweren,
mühseligen, dornenvollen, aber richtigen Weg des sozialistischen Aufbaus.
Der volle und entscheidende Sieg nicht nur in Rußland, sondern auch im
internationalen Maßstab ist nahe.
Noch einige Anstrengungen - und wir sind den eisernen Fängen des
Hungers entronnen.
So laßt uns denn das, was wir für die Rote Armee getan haben und
auch heute tun, noch einmal und mit erneuter. Energie für die Belebung,
Erweiterung und Verstärkung der Arbeit im Ernährungs- und Verkehrs-
wesen tun. Die besten Kräfte müssen für diese Arbeit eingesetzt werden.
Hier wird ein jeder, der arbeiten will und arbeiten kann, seinen Platz
finden, jeder wird hier, wenn er will, zum organisierten Sieg der breiten
Massen über Zerrüttung und Hunger beitragen. Für jede aktive Kraft,
für jeden Menschen guten Willens kann und muß gemäß seinen Fähig-
keiten, auf jedem Fachgebiet, in jedem Beruf eine Beschäftigung gefunden
werden in dieser Friedensarmee der Arbeiter im Ernährungs- und Ver-
kehrswesen, in dieser Friedensarmee, die nunmehr, um den vollen Sieg
zu sichern, die Rote Armee unterstützen, ihre Siege verankern und aus-
nutzen muß.
Alle auf zur Arbeit im Ernährungs- und Verkehrswesen!
26. Januar 1919 N. Lenin
. Prarnda " Nr. 19.
28. Januar 1919.
Nach dem Manuskript.
ÜBER MASSNAHMEN FÜR DEN ÜBERGANG
VON DER BÜRGERLICH-GENOSSENSCHAFTLICHEN
ZUR PROLETARISCH-KOMMUNISTISCHEN
VERSORGUNG UND VERTEILUNG 146
Die kürzlich im Rat der Volkskommissare behandelte Frage der Ge-
nossenschaften und der Verbraücherkommunen (siehe „Iswestija“ vom
2. Februar) setzt als Widitigstes die Maßnahmen für den Übergang von
der bürgerlichen Genossenschaft zur kommunistischen Verbraucher- und
Produzenten-Vereinigung der ganzen Bevölkerung auf die Tagesordnung.
Gesetzt den Fall, die Genossenschaft vereinigt 98 Prozent der Bevölke-
rung. In den Dörfern kommt das vor.
Wird die Genossenschaft dadurch etwa schon zur Kommune?
Nein, wenn diese Genossenschaft 1. einer Gruppe besonderer Teil-
haber Vorteile bietet (Dividenden auf Anteile usw.) ; 2. ihren besonderen
Apparat beibehält, in den die Bevölkerung im allgemeinen und das Prole-
tariat und die Halbproletarier im besonderen nicht einbezogen werden;
3. bei der Verteilung der Produkte nicht die: Halbproletarier vor den
Mittelbauern, die Mittelbauern vor den Reichen bevorzugt: 4. bei der
Einziehung der Produkte die Überschüsse nicht zunächst bei den Reichen,
dann bei den Mittelbauern ausräumt und sich dabei nicht auf die Prole-
tarier und Halbproletarier stützt. Usw. usf .
Die ganze Schwierigkeit der Aufgabe (und der ganze Inhalt dieser uns
sofort erwachsenden Aufgabe) besteht in der Ausarbeitung eines Systems
praktischer Maßnahmen für den Übergang von der alten Ge-
nossenschaft (die notwendigerweise eine bürgerliche ist, da eine Schicht
von Teilhabern bevorzugt wird, die eine Minderheit der Bevölkerung
bildet, sowie auch aus anderen Gründen) zur neuen und zur echten Kom-
mune - eines Systems von Maßnahmen für den Übergang von der bürger-
lich-genossenschaftlichen zur proletarisch-kommunistischen Versorgung
und Verteilung.
Über Maßnahmen für die Versorgung und Verteilung
457
Es ist notwendig,
1. diese Frage in der Presse aufzuwerfen;
2. zur Lösung dieser Aufgabe einen Wettbewerb mit Beteiligung sämt-
licher zentralen und örtlichen Institutionen der Sowjetmacht (besonders
des Obersten Volkswirtschaftsrats und der Volkswirtschaftsräte, des
Kommissariats für Emährungswesen und seiner örtlichen Organe, der
Statistischen Zentralverwaltung und des Volkskommissariats für Land-
wirtschaft) ins Leben zu rufen;
3. die Genossenschaftsabteilung des Obersten Volkswirtschaftsrat und
alle in § 2 erwähnten Institutionen mit der Ausarbeitung eines Programms
entsprechender Maßnahmen und eines Formulars zum Sammeln von
Daten über derartige Maßnahmen und von Fakten zu beauftragen, die es
ermöglichen, diese Maßnahmen zu entwickeln;
4. eine Prämie auszuschreiben für das beste Programm solcher Maß-
nahmen, für das praktischste Programm, für das geeignetste und am
bequemsten realisierbare Formular und das beste Verfahren -zum Sam-
meln der diesbezüglichen Daten.
Geschrieben am 2. Februar 1919.
Zuerst veröffentlicht 1931.
Nadt dem Manuskript.
458
TELEGRAMM AN B. N. NIMWIZKI 147
Ufa, an den Vorsitzenden
des Gouvemementsrevolutionskomitees
Nimwizki
Wir fordern, Chalikow nicht abzuweisen: auf Amnestie unter der
Bedingung eingehen, daß eine gemeinsame Frönt mit den baschkiri-
schen Regimentern gegen Koltschak geschaffen wird. Von seiten der
Sowjetmacht ist die nationale Freiheit der Baschkiren voll garantiert.
Natürlich müssen damit zugleich die konterrevolutionären Elemente
der baschkirischen Bevölkerung aufs strengste isoliert und eine wirk-
same Kontrolle über die proletarische Zuverlässigkeit der baschkirischen
Truppen erzielt werden.*
Lenin, Stalin
Geschrieben am 5. oder 6. Februar 1919.
Veröffentlicht am 16. Februar 1919 Nach dem von W. I. Lenin und
in der „ Shisn Nazionalnostej* J. W. Stalin geschriebenen Text.
(Moskau) Nr. 5.
* Der letzte Satz des Telegramms wurde von W. I. Lenin hinzugefügt. Die
Red.
ENTWURF EINES FUNKSPRUCHS
DES VOLKSKOMMISSARS
FÜR AUSWÄRTIGE ANGELEGENHEITEN 148
In Beantwortung Ihres Funkspruchs vom soundsovielten beeile ich mich.
Ihnen mitzuteilen, daß wir, obwohl wir die Berner Konferenz weder für
sozialistisch halten noch der Meinung sind, daß sie in irgendeinem Maße
die Arbeiterklasse vertritt, dennoch der von Ihnen genannten Kommission
die Einreise nach Rußland gestatten und ihr die Möglichkeit einer all-
seitigen Information garantieren, wie wir die Einreise jeder bürgerlichen
Kommission gestatten werden, die Informationszwecken dient und direkt
oder indirekt mit einer beliebigen bürgerlichen Regierung verbunden ist,
auch wenn diese die Sowjetrepublik militärisch überfallen hat. Der Ein-
reise der von Ihnen genannten Kommission bedingungslos zustimmend,
hätten wir gern gewußt, ob Ihre demokratische Regierung wie auch die
Regierungen der anderen demokratischen Länder, deren Staatsbürger der
Kommission angehören, bereit wären, unserer Kommission, einer Kom-
mission der Sowjetrepublik, die Einreise in diese Länder zu gestatten.
Geschrieben am 19. Februar 1919.
Veröffentlicht am 20. Februar 1919 Nach dem Manuskript,
in den Jsmestija WZIK" Nr. 39.
ÜBER DAS VERBOT
EINER MEN SCHEWISTIS CHEN ZEITUNG
WEGEN UNTERGRABUNG
DER LANDESVERTEIDIGUNG
Entwurf einer Resolution
des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees 149
In der Erwägung,
1. daß die menschewistische Zeitung „Wsegda Wperjod“ [Immer Vor-
wärts] in dem in ihrer Ausgabe vom 20. II. 1919 erschienenen Artikel
„Stellt den Bürgerkrieg ein“ ihre konterrevolutionäre Richtung endgültig
unter Beweis- gestellt hat; .
2. daß die Losung „Nieder mit dem Bürgerkrieg“, die diese Zeitung
jetzt offen aufstellt, zu einer Zeit, dä die Truppen der Gutsbesitzer und
Kapitalisten unter Führung von Koltschak nicht nur Sibirien, sondern
auch Perm besetzen, einer Unterstützung Koltschaks und einer Behinde-
rung der Arbeiter und Bauern Rußlands gleichkommt, den Krieg gegen
Koltschak bis zum siegreichen Ende zu führen;
. 3. daß somit die Menschewiki, die in der Resolution ihrer Partei-
konferenz die überwiegende Mehrheit der in der Partei organisierten
Menschewiki verurteilten, die Mehrheit, die mit den besitzenden Klassen,
d. h. mit den Gutsbesitzern und Kapitalisten in Sibirien, in Archangelsk,
an der Wolga, in Georgien und im Süden ein Bündnis geschlossen hat,
jetzt praktisch beginnen, die gleiche Politik zu betreiben, von der sie sich
in Worten heuchlerisch lossagen;
4. daß diejenigen Menschewiki, die nicht heucheln, die nicht Freunde
der Gutsbesitzer und Kapitalisten sind, erneut charakterlose Schwan-
kungen an den Tag legen, die sie dazu bringen, Koltschak Lakaiendienste
zu erweisen;
5. daß die Sowjetmacht in der Zeit des letzten, entscheidenden und
erbittertsten bewaffneten Kampfes gegen die Truppen der Gutsbesitzer
und Kapitalisten nicht Leute bei sich dulden kann, die nicht bereit sind.
Über das Verbot einer menschemistischen Zeitung
461
gemeinsam mit den für ihre gerechte Sache kämpfenden Arbeitern und
Bauern die schwersten Entbehrungen zu ertragen ;
6. daß die Bestrebungen solcher Leute immer wieder auf die Kol-
tsdiaksche Demokratie gerichtet sind, wo die Bourgeoisie und ihre Lakaien
ein so gutes Leben haben,
- beschließt das Zentralexekutivkomitee
a) die Zeitung „ Wsegda Wperjod“ ist so lange unter Verbot zu stellen,
bis die Menschewiki durch ihre Taten bewiesen haben werden, daß sie
entschlossen sind, konsequent mit Koltschak zu brechen und entschieden
für die Verteidigung und Unterstützung der Sowjetmacht einzustehen;
b) alle Vorbereitungsmaßnahmen sind zu treffen, damit die Mensche-
wiki, die den Sieg der Arbeiter und Bauern über Koltschak behindern, in
das Gebiet der Koltschakschen Demokratie ausgewiesen werden.
Geschrieben am 22. Februar 1919.
im Lenin-Sammelband XXXV.
Nach dem Manuskript.
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AN DAS VOLKSKOMMISSARIAT
FÜR BILDUNGSWESEN
Ich bitte Sie, Ihren Bibliotheksabteilungen (der Abteilung für außer-
schulische Bildung sowie der Abteilung für die staatlichen Bibliotheken
u. a.) meine nachstehend formulierten ergänzenden Erwägungen zu der
Frage zu übermitteln, die kürzlich im Rat der Volkskommissare aufge-
worfen wurde 150 , und mir Ihr Gutachten (und das der entsprechenden
Abteilungen) dazu mitzuteilen.
Im Bibliothekswesen, das natürlich auch die „Dorflesestuben“, alle
Arten von Lesehallen u. dgl. m. einschließt, ist es besonders notwendig,
einen Wettbewerb zwischen den "einzelnen Gouvernements, Gruppen,
Lesestuben u. dgl. m. ins Leben zu rufen.
Eine richtig organisierte Rechenschaftslegung, wie sie jetzt vom Rat der
Volkskommissare verlangt wird, muß drei Zwecken dienen:
1. wahrheitsgetreue und vollständige Information sowohl der Sowjet-
macht als auch aller Staatsbürger über, das, was getan wird;
2. die Bevölkerung selbst zur Mitarbeit heranzuziehen;
3. einen Wettbewerb der Bibliothekare ins Leben zu rufen.
Zu diesem Zweck müssen unverzüglich Formulare und Formen der
Berichterstattung ausgearbeitet werden, die diesen Anforderungen ge-
nügen.
Meines Erachtens müssen die Berichtsformulare in der Hauptstadt
angefertigt, darauf in den Gouvernements nachgedruckt und an alle Ab-
teilungen für Volksbildung sowie an alle Bibliotheken, Lesestuben, Klubs
u. dgl, m. versandt werden.
Auf diesen Formularen müssen jene Fragen, deren Beantwortung obli-
gatorisch ist, besonders vermerkt (und, sagen wir, fett gedruckt) werden,
bei deren Nichtbeantwortung die Bibliotheksleiter u. a. geridktlidk zu be-
langen sind. Und dann muß man diesen obligatorischen Fragen sehr
466
W. I. Lenin
viele nichtobligatorische Fragen hinzufügen (in dem Sinne, daß ihre Nicht-
beantwortung nicht unbedingt gerichtlich belangt wird).
Zu den obligatorischen Paragraphen des Formulars müssen beispiels-
weise gerechnet werden die Adresse der Bibliothek (oder der Lesestube
u. dgl.), die Namen des Leiters und der Leitungsmitglieder mit Adresse,
die Zahl der Bücher und Zeitungen, die Öffnungszeiten usw. (für größere
Bibliotheken auch noch andere Angaben).
Zu den nichtobligatorischen Paragraphen müssen, in Form von Fragen,
alle Verbesserungen gerechnet werden, die in der Schweiz, in Amerika
(und in anderen Ländern) eingeführt wurden, um diejenigen anzuspornen
(durch Prämiierung mit wertvollen Büchern, Zeitschriftenfolgen u. ä),
die die meisten Verbesserungen eingeführt und sie am besten verwirklicht
haben.
Zum Beispiel: Können Sie auf Grund genauer Daten nachweisen:
1. das Anwachsen des Büdierumlaufs in Ihrer Bibliothek? oder 2. die
Besucherzahl Ihres Leseraums? oder 3. den Austausch von Büchern und
Zeitungen mit anderen Bibliotheken und Lesestuben? oder 4. die An-
legung eines Zentralkatalogs? oder 5. die Ausnutzung der Sonntage?
oder 6. die Ausnutzung der Abendstunden? oder 7. die Gewinnung neuer
Leserschichten, Frauen, Kinder, Nichtrussen u. a.? oder 8. inwieweit Sie
Anfragen der Leser nachgekommen sind? oder 9. einfache und praktische
Methoden der Magazinierung der Bücher und Zeitungen? ihrer Erhal-
tung? Schnellhefter und Ordner zur Erleichterung des Lesens und Ab-
legens der Zeitungen? oder 10. der Ausleihe außer Haus? oder 11. Ver-
einfachung der Bestimmungen bei der Ausleihe außer Haus? oder 12. beim
Versand durch die Post?
usw. usf. u. dgl. m.
Für die besten Berichte und für Erfolge müssen Prämien ausgesetzt
werden.
Die Berichte der Bibliotheksabteilung des Volkskommissariats für Bil-
dungswesen müssen den Rat der Volkskommissare unbedingt davon
unterrichten, wieviel Berichte monatlich eingehen und auf welche Fragen
sich die Antworten beziehen; die Resultate.
Geschrieben im Februar 1919.
Zuerst veröffentlicht 1933. Nach dem Manuskript.
1. KONGRESS
DER KOMMUNISTISCHEN
INTERNATIONALE“ 1
2. -6. März 1919
REDE BEI DER ERÖFFNUNG DES KONGRESSES
2 . MÄRZ
Im Auftrag des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Rußlands
eröffne ich den ersten internationalen kommunistischen. Kongreß. Vor
allem bitte ich alle Anwesenden, sich zum Andenken der besten Vertreter
der m. Internationale, Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs; von den
Sitzen zu erheben. (Alle erheben, sich von den Plätzen.)
Genossenl Unsere Zusammenkunft ist. von weittragender weltgeschicht-
licher Bedeutung. Sie beweist den Bankrott aller Illusionen der bürgen?'
liehen Demokratie. Denn nicht nur in Rußland, sondern auch in den ent-
wickeltsten kapitalistischen Ländern Europas, wie in Deutschland, ist der
Bürgerkrieg zur Tatsache geworden.
Die Bourgeoisie hat heillose Angst vor der wachsenden revolutionären
Bewegung des Proletariats. Dies ist verständlich, wenn wir bedenken, daß
die Entwicklung nach dem imperialistischen Kriege unausbleiblich die
revolutionäre Bewegung des Proletariats fördert, daß die internationale
Weltrevolution beginnt und in allen Ländern wächst.
Das Volk ist sich der Größe und Tragweite der sich gegenwärtig ab-
spielenden Kämpfe bewußt. Nur muß eine praktische Form gefunden
werden, die das Proletariat in den Stand setzt, seine Herrschaft zu ver-
wirklichen. Diese Form ist das Sowjetsystem mit der Diktatur des Prole-
tariats. Diktatur des Proletariats! Das war bisher Latein für die Massen.
Mit der Ausbreitung des Sowjetsystems in der ganzen Welt ist dieses
Latein in alle modernen Sprachen übersetzt worden: die praktische Form
der Diktatur ist durch die Arbeitermassen gefunden. Sie ist den großen
Arbeitermassen verständlich geworden durch die Sowjetmacht in Ruß-
land, durch die Spartakisten in Deutschland und ähnliche Bewegungen in
470
Vf. 1. Lenin
anderen Ländern, zum Beispiel die Shop Stewards Committees 152 in
England. Alles dieses beweist, daß die revolutionäre Form der proleta-
rischen Diktatur gefunden, daß das Proletariat jetzt praktisch imstande
ist, seine Herrschaft auszuüben.
Parteigenossen! Ich glaube, nach den Ereignissen in Rußland, nach den
Januarkämpfen in Deutschland ist es. besonders wichtig zu bemerken, daß
auch in anderen Ländern die neueste Form der Bewegung des Proletariats
sich zur Geltung durchritigt und sich Geltung verschafft. Heute lese ich
zum Beispiel in einer antisozialistischen Zeitung die telegrafische Mit-
teilung, daß die englische Regierung den Rat der Arbeiterdelegierten in
Birmingham empfangen und ihre Bereitwilligkeit erklärt hat, die Räte
als wirtschaftliche Organisationen arizuerkennen. Das Sowjetsystem hat
nicht nur im zurückgebliebenen Rußland, sondern auch in dem entwickelt-
sten Lande Europas, in Deutschland, und dem ältesten Lande des Kapita-
lismus, in England, gesiegt.
Mag die Bourgeoisie noch so wüten, mag sie noch Tausende von Arbei-
tern niedermetzeln, der Sieg ist unser, der Sieg der kommunistischen
Weltrevolution ist gesichert.
Parteigenossen! Indem ich Sie im Namen des Zentralkomitees der
Kommunistischen Partei Rußlands herzlich begrüße,, schlage ich vor, zur
Wahl des Präsidiums überzugehen. Bitte Namen nennen.
Zuerst veröffentlicht in deutscher Sprache
1920 in dem Buch „Der I. Kongreß
der Kommunistischen Internationale.
Protokoll", Petrograd.
In russischer Sprache zuerst ver- Nach der russischen Ausgabe
öff entlieht 1921 in dem Buch des Protokolls, verglichen mit
„Der I. Kongreß der Kommunistischen der deutschen Ausgabe.
Internationale. Protokoll ", Petrograd.
I. Kongreß der Kommunistisdien Internationale
471
THESEN UND REFERAT
ÜBER BÜRGERLICHE DEMOKRATIE
UND DIKTATUR DES PROLETARIATS
4. MÄRZ
1. Das Wachstum der revolutionären Bewegung des Proletariats in
allen Ländern hat bei der Bourgeoisie und ihren Agenten in den Arbeiter-
organisationen krampfhafte Bemühungen hervorgerufen, um ideologisch-
politische Argumente für die Verteidigung der Herrschaft der Ausbeuter
zu finden. Unter diesen Argumenten wird die Verurteilung der Diktatur
und die Verteidigung der Demokratie besonders hervorgehoben. Die
Verlogenheit und Heuchelei eines solchen Arguments, das in der kapita-
listischen Presse und auf der im Februar 1919 in Bern abgehaltenen Kon-
ferenz der gelben Internationale tausendfältig wiederholt wird, sind jedem
klar, der nicht Verrat an den Grundsätzen des Sozialismus üben will.
2. Vor allem operiert diese Beweisführung mit den Begriffen „Demo-
kratie überhaupt“ und „Diktatur überhaupt“, ohne danach zu fragen,
von welcher Klasse die Rede ist. Eine solche, außerhalb der Klassen oder
über den Klassen stehende, angeblidi volksumfassende Fragestellung ist
eine direkte Verhöhnung der Grundlehre des Sozialismus, nämlich der
Lehre vom Klassenkampf, die von den in das Lager der Bourgeoisie über-
gegangenen Sozialisten in Worten zwar anerkannt, in der Praxis aber
vergessen wird. Denn in keinem der zivilisierten kapitalistischen Länder
existiert eine „Demokratie überhaupt“, sondern es existiert nur eine
bürgerliche Demokratie, und es ist die Rede nicht von der „Diktatur über-
haupt“, sondern von der Diktatur der unterdrückten Klasse, d. h. des
Proletariats, über die Unterdrücker und Ausbeuter, d. h. über die Bour-
geoisie, zur Überwindung des Widerstands, den die Ausbeuter im Kampf
um ihre Herrschaft leisten.
3. Die Geschichte lehrt, daß noch nie eine unterdrückte Klasse zur Herr-
31 Lenin. Werke, Bd. 28
472
W. I. Lenin
Schaft gelangt ist und auch nicht gelangen konnte, ohne eine Periode der
Diktatur durchzumachen, d. h. der Eroberung der politischen Madit und
der gewaltsamen Unterdrückung des verzweifeltsten, wildesten, vor kei-
nem Verbrechen zurückschreckenden Widerstands, der immer von den
Ausbeutern geleistet wurde. Die Bourgeoisie, deren Herrschaft jetzt von
Sozialisten verteidigt wird, die sich gegen die „Diktatur überhaupt“ aus-
sprechen und mit Leib und Seele für die „Demokratie überhaupt“ ein-
treten, hat ihre Macht in den fortgeschrittenen Ländern durch eine Reihe
von Aufständen, Bürgerkriegen, durch gewaltsame Unterdrückung der
Könige, der Feudalherren, der Sklavenhalter und ihrer Restaurierungs-
versuche erobert. Tausend- und millionenmal haben die Sozialisten aller
Länder in ihren Büchern, Broschüren, in den Resolutionen ihrer Kon-
gresse, in ihren Agitationsreden dem Volke den Klassencharakter dieser
bürgerlichen Revolutionen, dieser bürgerlichen Diktatur auseinander-
gesetzt. Daher ist die jetzige Verteidigung der bürgerlichen Demokratie,
die sich hinter den Reden von „Demokratie überhaupt“ verbirgt, und das
jetzige Gezeter gegen die Diktatur des Proletariats, das im Geschrei über
die „Diktatur überhaupt“ zum Ausdruck kommt, direkter Verrat am
Sozialismus und bedeutet faktisch den Übergang ins Lager der Bour-
geoisie, die Leugnung des Rechts des Proletariats auf seine, auf die prole-
tarische Revolution, bedeutet die Verteidigung des bürgerlichen Reformis-
mus gerade in dem historischen Augenblick, in dem der bürgerliche Re-
formismus in der ganzen Welt zusammengebrochen ist und der Krieg
eine revolutionäre Situation geschaffen hat.
4. Alle Sozialisten haben, wenn sie den Klassencharakter der bürger-
lichen Zivilisation, der bürgerlichen Demokratie, des bürgerlichen Parla-
mentarismus erläuterten, den Gedanken ausgesprochen, der mit der größ-
ten wissenschaftlichen Genauigkeit von Marx und Engels durch die Worte
ausgedrückt wurde, daß auch die demokratischste bürgerliche Republik
nichts anderes ist als eine Maschine zur Unterdrückung der Arbeiter-
klasse durch die Bourgeoisie, der Masse der Werktätigen durch eine Hand-
voll Kapitalisten. 153 Es gibt nicht einen Revolutionär, nicht einen Marxi-
sten unter denen, die jetzt ein Geschrei gegen die Diktatur erheben und
für die Demokratie eintreten,. der vor den Arbeitern nicht hoch und heilig
geschworen hätte, daß er diese Grundwahrheit des Sozialismus anerkenne ;
jetzt aber, wo unter dem revolutionären Proletariat eine Gärung und
I. Kongreß der Kommunistischen Internationale
473
Bewegung begonnen hat, die darauf gerichtet ist, diese Unterdrückungs-
maschine zu zerschlagen und die Diktatur des Proletariats zu erkämpfen,
stellen diese Verräter am Sozialismus die Sache so dar, als ob die Bour-
geoisie den Werktätigen die „reine Demokratie“ geschenkt hätte, als ob
die Bourgeoisie auf Widerstand verzichte und gewillt sei, sich der Mehr-
heit der Werktätigen zu unterwerfen, als ob es in der demokratischen
Republik keine Staatsmaschine zur Unterdrückung der Arbeit durch das
Kapital gegeben hätte und gäbe.
5. Die Pariser Kommune, die in Worten von allen, die als Sozialisten
gelten wollen, gefeiert wird, da sie wissen, daß die Arbeitermassen große
und aufrichtige Sympathie für sie haben, hat besonders deutlich die histo-
rische Bedingtheit und den begrenzten Wert des bürgerlichen Parla-
mentarismus und der bürgerlichen Demokratie gezeigt, die zwar im Ver-
gleich zum Mittelalter höchst fortschrittliche Einrichtungen darstellen, in
der Epoche der proletarischen Revolution aber unvermeidlich eine radikale
Veränderung erfordern. Gerade Marx, der die historische Bedeutung der
Kommune am besten einzuschätzen wußte, hat in seiner Analyse der-
selben den ausbeuterischen Charakter der bürgerlichen Demokratie und
des bürgerlichen Parlamentarismus nachgewiesen, bei denen die unter-
drückten Klassen das Recht erhalten, einmal im Laufe mehrerer Jahre zu
entscheiden, welches Mitglied der herrschenden Klasse das Volk im
Parlament „ver- und zertreten“ soll. 154 Gerade jetzt, wo die Räte-
bewegung, die die ganze Welt ergreift, vor aller Augen die Sache der
Kommune weiterführt, vergessen die Verräter am Sozialismus die kon-
krete Erfahrung und die konkreten Lehren der Pariser Kommune und
wiederholen den alten bürgerlichen Plunder von der „Demokratie über-
haupt“. Die Kommune war eine nichtparlamentarische Einrichtung.
6. Die Bedeutung der Kommune besteht ferner darin, daß sie den
Versuch unternommen hat, den bürgerlichen Staatsapparat, den Beamten-,
Gerichts-, Militär- und Polizeiapparat zu zertrümmern und bis auf den
Grund zu zerstören und ihn durch eine sich selbst verwaltende Massen-
organisation der Arbeiter zu ersetzen, die keine Trennung der gesetz-
gebenden und vollziehenden Gewalt kannte. Alle bürgerlich-demokra-
tischen Republiken unserer Zeit, darunter die deutsche, die von den Ver-
rätern am Sozialismus unter Verhöhnung der Wahrheit als proletarische
bezeichnet wird, behalten diesen Staatsapparat bei. Das beweist immer
474
W. I. Lenin
und immer wieder klar und deutlich, daß das Geschrei zur Verteidigung
der „Demokratie überhaupt“ in Wirklichkeit nichts anderes ist als die
Verteidigung der Bourgeoisie und ihrer Ausbeuterprivilegien,
7. Die „Versammlungsfreiheit“ kann als Musterbeispiel einer Forde-
rung der „reinen Demokratie“ angeführt werden. Jeder bewußte Arbei-
ter, der mit seiner Klasse nicht gebrochen hat, versteht sofort, daß es ein
Unding wäre, den Ausbeutern die Versammlungsfreiheit für die Periode
und Situation zu versprechen, in der die Ausbeuter sich ihrem Sturz
widersetzen und ihre Vorrechte verteidigen. Die Bourgeoisie hat, als sie
revolutionär war, weder in England im Jahre 1649 noch in Frankreich im
Jahre 1793 den Monarchisten und Adligen „Versammlungsfreiheit“ ge-
währt, als diese ausländische Truppen ins Land riefen und sich „versam-
melten“, um einen Restaurierungsversuch zu organisieren. Wenn die
jetzige Bourgeoisie, die längst reaktionär geworden ist, vom Proletariat
fordert, es solle im voraus garantieren, daß den Ausbeutern ohne Rück-
sicht darauf, welchen Widerstand die Kapitalisten ihrer Enteignung ent-
gegensetzen werden,- „Versammlungsfreiheit“ gewährt wird, so werden
die Arbeiter über eine solche Heuchelei der Bourgeoisie nur lachen.
Anderseits wissen die Arbeiter sehr gut, daß die „Versammlungsfrei-
heit“ sogar in der demokratischsten bürgerlichen Republik eine leere
Phrase ist, denn die Reichen haben die besten öffentlichen und privaten
Gebäude zu ihrer Verfügung, sie haben auch genügend Muße für Ver-
sammlungen, und diese genießen den Schutz des bürgerlichen Macht-
apparats. Die Stadt- und Dorfproletarier sowie die Kleinbauern, d. h. die
überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung, haben weder das eine noch das
andere, noch das dritte. Solange das so bleibt, ist die „Gleichheit“, d. h.
die „reine Demokratie“, ein Betrug. Um die wirkliche Gleichheit zu er-
obern, um die Demokratie tatsächlich für die Werktätigen zu verwirk-
lichen, muß man zuerst den Ausbeutern alle öffentlichen und privaten
Prachtbauten wegnehmen, zuerst den Werktätigen Muße verschaffen,
muß die Freiheit ihrer Versammlungen von bewaffneten Arbeitern, nicht
aber von Söhnen des Adels oder von Offizieren aus kapitalistischen Krei-
sen mit eingeschüchterten Soldaten verteidigt werden.
Erst nach einer solchen Änderung kann man, ohne die Arbeiter, das
werktätige Volk, die Armen zu verhöhnen, von Versammlungsfreiheit,
von Gleichheit sprechen. Diese Änderung aber kann niemand anders voll-
I. Kongreß der Kommunistischen Internationale
475
ziehen als die Vorhut der Werktätigen, das Proletariat, indem es die
Ausbeuter, die Bourgeoisie, stürzt.
8. Die „Preßfreiheit“ ist audi eine der Hauptlosungen der „reinen
Demokratie“. Aber wiederum wissen die Arbeiter, und die Sozialisten
aller Länder haben es millionenmal gesagt, daß diese Freiheit Betrug ist,
solange die besten Druckereien und die größten Papiervorräte sich in
den Händen der Kapitalisten befinden und solange die Macht des Kapitals
über die Presse bestehenbleibt, eine Macht, die sich in der ganzen Welt
um so deutlicher und schärfer, um so zynischer äußert, je entwickelter
der Demokratismus und das republikanische Regime sind, wie zum Bei-
spiel in Amerika. Um wirkliche Gleichheit und wirkliche Demokratie für
die Werktätigen, für die Arbeiter und Bauern zu erobern, muß man zuerst
dem Kapital die Möglichkeit nehmen, Schriftsteller zu dingen, Verlags-
anstalten anzukaufen und Zeitungen zu bestechen. Doch dazu ist es not-
wendig, das Joch des Kapitals abzuschütteln, die Ausbeuter zu stürzen
und ihren Widerstand zu unterdrücken. Die Kapitalisten bezeichnten
stets als „Freiheit“ die Freiheit für die Reichen, Profit zu machen, und die
Freiheit für die Arbeiter, Hungers zu sterben. Die Kapitalisten bezeich-
nen als Preßfreiheit die Freiheit für die Reichen, die Presse zu bestechen,
die Freiheit, den Reichtum zur Fabrikation und Verfälschung der soge-
nannten öffentlichen Meinung auszunutzen. Die Verteidiger der „reinen
Demokratie“ erweisen sich wiederum in Wirklichkeit als die Verteidiger
des schmutzigsten und korruptesten Systems der Herrschaft der Reichen
über die Mittel zur Aufklärung der Massen, als Betrüger des Volkes, die
es mit schönklingenden, indes durch und durch verlogenen Phrasen ab-
lenken von der konkreten historischen Aufgabe der Befreiung der Presse
aus der Knechtschaft des Kapitals. Wirkliche Freiheit und Gleichheit wird
die Ordnung bringen, welche die Kommunisten errichten und in der es
keine Möglichkeit geben wird, sich auf fremde Kosten zu bereichern,
keine objektive Möglichkeit, direkt oder indirekt die Presse der Macht
des Geldes zu unterwerfen, wo nichts dem im Wege stehen wird, daß
jeder Werktätige (oder eine beliebig große Gruppe von Werktätigen) das
gleiche Recht auf Benutzung der der Gesellschaft gehörenden Druckereien
und Papiervorräte besitzt und verwirklicht.
9. Die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hat uns noch vor dem
Kriege gezeigt, was die vielgerühmte „reine Demokratie“ im Kapitalis-
476
W. I. Lenin
mus in Wirklichkeit ist. Die Marxisten haben immer behauptet, je ent-
wickelter, je „reiner“ die Demokratie ist, desto unverhüllter, schärfer,
schonungsloser gestaltet sich der Hassenkampf, desto „reiner“ tritt der
Druck des Kapitals und die Diktatur der Bourgeoisie hervor. Die Affäre
Dreyfus im republikanischen Frankreich, die blutige Abrechnung der von
den Kapitalisten bewaffneten Söldnertrupps mit den streikenden Arbei-
tern in der freien und demokratischen Republik Amerika, diese und
tausend ähnliche Tatsachen enthüllen die Wahrheit, die zu verdecken die
Bourgeoisie sich vergeblich bemüht, nämlich, daß in den demokratischsten
Republiken in Wirklichkeit der Terror und die Diktatur der Bourgeoisie
herrschen und jedesmal offen zutage treten, wenn den Ausbeutern die
Macht des Kapitals ins Wanken zu geraten scheint.
10. Der imperialistische Krieg 1914-1918 hat ein für allemal auch
den rückständigen Arbeitern diesen wahren Charakter der bürgerlichen
Demokratie sogar in den freiesten Republiken als Diktatur der Bour-
geoisie enthüllt. Um der Bereicherung der deutschen oder der englischen
Gruppe von Millionären und Milliardären willen wurden Millionen und
aber Millionen Menschen hingemordet, und in den freiesten Republiken
ist die Militärdiktatur der Bourgeoisie errichtet worden. Diese Militär-
diktatur bleibt in den Ländern der Entente auch nach der Niederwerfung
Deutschlands weiterbestehen. Gerade der Krieg hat den Werktätigen
mehr als alles andere die Augen geöffnet, hat der bürgerlichen Demo-
kratie den falschen Flitter heruntergerissen und dem Volke den ganzen
Abgrund von Spekulation und Gewinnsucht während des Krieges und im
Zusammenhang mit dem Kriege gezeigt. Die Bourgeoisie hat diesen Krieg
im Namen der „Freiheit und Gleichheit“ geführt, im Namen der „Freiheit
und Gleichheit“ haben sich die Kriegslieferanten unerhört bereichert.
Keine Bemühungen der gelben Berner Internationale werden imstande
sein, den jetzt endgültig entlarvten ausbeuterischen Charakter der bürger-
lichen Freiheit, der bürgerlichen Gleichheit und der bürgerlichen Demo-
kratie vor den Massen zu verbergen.
11. In dem am meisten entwickelten kapitalistischen Lande des euro-
päischen Kontinents, nämlich in Deutschland, haben schon die ersten
Monate der vollen republikanischen Freiheit, die das Ergebnis der Nieder-
werfung des imperialistischen Deutschlands ist, den deutschen Arbeitern
und der ganzen Welt gezeigt, worin der wirkliche Klasseninhalt der bür-
I. Kongreß der Kommunistischen Internationale
477
gerlich-demokratischen Republik besteht. Die Ermordung von Karl Lieb-
knecht und Rosa Luxemburg ist ein Ereignis von welthistorischer Bedeu-
tung nicht nur deswegen, weil die besten Menschen und Führer der
wirklich proletarischen, der Kommunistischen Internationale tragisch um-
gekommen sind, sondern auch deswegen, weil der Klassencharakter eines
fortgesdirittenen europäischen Staates - und man kann ohne Übertrei-
bung sagen: eines im Weltmaßstab fortgeschrittenen Staates - sich end-
gültig offenbart hat. Wenn Verhaftete, d. b. unter den Schutz des Staates
gestellte Menschen, unter einer Regierung, die aus Sozialpatrioten besteht,
von Offizieren und Kapitalisten ungestraft ermordet werden konnten, so
ist folglich die demokratische Republik, in der sich dies ereignen konnte,
eine Diktatur der Bourgeoisie. Leute, die ihrer Entrüstung über die Er-
mordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg Ausdruck geben,
diese Wahrheit aber nicht begreifen, beweisen damit nur ihre Stumpf-
sinnigkeit oder ihre Heuchelei. „Freiheit“ bedeutet in einer der freiesten
und fortgeschrittensten Republiken der Welt, in der deutschen Republik,
die Freiheit, die verhafteten Führer des Proletariats ungestraft zu ermor-
den. Und das kann nicht anders sein, solange der Kapitalismus sich be-
hauptet, da die Entwicklung des Demokratismus den Klassenkampf, der
info!ge : des Krieges und seiner Auswirkungen auf dem Siedepunkt an-
gelangt ist, nicht abscfawächt, sondern verschärft.
In der ganzen zivilisierten Welt werden jetzt Bolschewiki ausgewiesen,
verfolgt und eingekerkert, wie zum Beispiel in einer der freiesten bürger-
lichen Republiken, in der Schweiz, oder die Pogrome gegen Bolschewiki
in Amerika u. dgl. m. Vom Gesichtspunkt der „Demokratie überhaupt“
oder der „reinen Demokratie“ ist es einfach lächerlidi, daß fortgeschrit-
tene, zivilisierte, demokratische, bis an die Zähne bewaffnete Länder sich
vor der Anwesenheit von einigen Dutzend Leuten aus dem rückständigen,
hungernden, ruinierten Rußland fürchten, das die bürgerlichen Zeitungen
in Millionen und aber Millionen von Exemplaren wild, verbrecherisch
usw. nennen. Es ist klar, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse, die solch
einen schreienden Widerspruch hervorbringen konnten, in Wirklichkeit
eine Diktatur der Bourgeoisie sind.
12. Bei einer solchen Lage der Dinge ist die Diktatur des Proletariats
nicht nur völlig gerechtfertigt als Mittel zum Sturz der Ausbeuter und zur
Unterdrückung ihres Widerstands, sondern auch absolut notwendig für
478
die ganze Masse der Werktätigen als einziger Schutz gegen die Diktatur
der Bourgeoisie, die zum Krieg geführt hat und neue Kriege vorbereitet.
Was die Sozialisten vor allem nicht verstehen und was ihre theoretische
Kurzsichtigkeit, ihr Verharren im Banne bürgerlicher Vorurteile, ihren
politischen Verrat am Proletariat ausmacht, ist, daß es in der kapitali-
stischen Gesellschaft bei einer einigermaßen ernstlichen Verschärfung des
Klassenkampfes, auf dem diese Gesellschaft begründet ist, kein Mittel-
ding geben kann zwischen der Diktatur der Bourgeoisie und der Diktatur
des Proletariats. Jeder Traum von irgend etwas Drittem ist reaktionäre
Lamentation eines Kleinbürgers. Davon zeugt die Erfahrung einer mehr
als hundertjährigen Entwicklung der bürgerlichen Demokratie und der
Arbeiterbewegung in allen fortgeschrittenen Ländern und besonders die
Erfahrung der letzten fünf Jahre. Dafür spricht auch die ganze Wissen-
schaft der politischen Ökonomie, der ganze Inhalt des Marxismus, der die
ökonomische Notwendigkeit der Diktatur der Bourgeoisie bei jeder
Warenwirtschaft darlegt, einer Diktatur, die von niemand als von der
Klasse, die sich durch die Entwicklung des Kapitalismus selbst entwickelt,
vermehrt, zusammenschließt und kräftigt, d. h. von der Klasse der Prole-
tarier, beseitigt werden kann.
13. Der zweite theoretische und politische Fehler der Sozialisten besteht
darin, daß sie nicht verstehen, daß die Formen der Demokratie im Laufe
der Jahrtausende, angefangen von ihren Keimen im Altertum, einander
unvermeidlich abgelöst haben in dem Maße, wie eine herrschende Klasse
die andere ablöste. In den Republiken des alten Griechenlands, in den
Städten des Mittelalters, in den fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten
hat die Demokratie verschiedene Formen und verschiedene Ausdehnung.
Es wäre der größte Unsinn, anzunehmen, daß die tiefstgreifende Revolu-
tion in der Geschichte der Menschheit, bei der zum erstenmal in der Welt
die Macht von der ausbeutenden Minderheit an die ausgebeutete Mehr-
heit übergeht, sich im alten Rahmen der alten, bürgerlichen, parlamen-
tarischen Demokratie vollziehen kann, daß sie sich ohne umwälzende
Veränderungen vollziehen kann, ohne neue Formen der Demokratie, neue
Institutionen zu schaffen, die die neuen Bedingungen für ihre Anwendung
verkörpern usw.
14. Die Diktatur des Proletariats ist dadurch der Diktatur anderer
Klassen ähnlich, daß sie, wie jede andere Diktatur, durch die Notwendig-
I. Kongreß der Kommunistischen Internationale
479
keit hervorgerufen wird, den Widerstand der Klasse, die ihre politische
Macht verliert, gewaltsam zu unterdrücken. Der grundlegende Unter-
schied der Diktatur des Proletariats von der Diktatur der anderen Klassen,
von der Diktatur der Gutsherren im Mittelalter, von der Diktatur der
Bourgeoisie in allen zivilisierten kapitalistischen Ländern, besteht darin,
daß die Diktatur der Gutsherren und der Bourgeoisie eine gewaltsame
Unterdrückung des Widerstands der überwiegenden Mehrheit der Be-
völkerung, nämlich der Werktätigen war. Im Gegensatz dazu ist die
Diktatur des Proletariats die gewaltsame Unterdrückung des Widerstands
der Ausbeuter, d. h. einer verschwindenden Minderheit der Bevölkerung,
der Gutsbesitzer und Kapitalisten.
Hieraus wiederum ergibt sich, daß die Diktatur des Proletariats un-
weigerlich nicht nur, allgemein gesprochen, eine Veränderung der Formen
und Institutionen der Demokratie mit sich bringen muß, sondern eine
solche Veränderung derselben, daß die vom Kapitalismus Geknechteten,
daß die werktätigen Klassen in einem in der Welt noch nie gesehenen
Maße die Demokratie tatsächlich ausnutzen.
Und wirklich, die Form der Diktatur des Proletariats, die schon prak-
tisch ausgearbeitet ist, d. h. die Sowjetmacht in Rußland, das Rätesystem*
in Deutschland, die Shop Stewards Committees und andere analoge
Sowjetinstitutionen in anderen Ländern, sie alle bedeuten und verwirk-
lichen eben für die werktätigen Klassen, d. h. für die überwiegende Mehr-
heit der Bevölkerung, eine solche praktische Möglichkeit, sich der demo-
kratischen Rechte und Freiheiten zu bedienen, wie es sie noch niemals
auch nur annähernd in den besten und demokratischsten bürgerlichen
Republiken gegeben hat.
Das Wesen der Sowjetmacht besteht darin, daß die Massenorganisation
eben der Klassen, die vom Kapitalismus unterdrückt wurden, d. h. der
Arbeiter und Halbproletarier (der Bauern, die keine fremde Arbeit aus-
beuten und die dauernd zum Verkauf wenigstens eines Teils ihrer Arbeits-
kraft gezwungen sind), die ständige und einzige Grundlage der gesamten
Staatsmacht, des gesamten Staatsapparats ist. Eben diese Massen, die
selbst in den demokratischsten bürgerlichen Republiken, in denen sie vor
dem Gesetz gleichberechtigt waren, in Wirklichkeit aber durch tausender-
lei Mittel und Kniffe von der Beteiligung am politischen Leben und vom
* „Rätesystem“ bei Lenin deutsch. Der Übers.
480
W. I. Lenin
Gebrauch der demokratischen Rechte und Freiheiten ferngehalten wurden,
werden jetzt zur ständigen,, unbedingten und dabei entscheidenden Be-
teiligung an der demokratischen Verwaltung des Staates herangezogen 1
15. Die Gleichheit der Bürger ohne Rücksicht auf Geschlecht, Konfes-
sion, Rasse, Nationalität, die die bürgerliche Demokratie immer und
überall versprochen, aber nirgends durchgeführt hat und wegen der Herr-
schaft des Kapitalismus auch nicht durchführen konnte, wird von der
Sowjetmacht, oder der Diktatur des Proletariats, sofort und vollständig
verwirklicht, denn dazu ist nur die Macht der Arbeiter imstande, die
nicht am Privateigentum an den Produktionsmitteln und am Kampf um
ihre Verteilung und Neuverteilung interessiert sind.
16. Die alte, d. h. die bürgerliche Demokratie und der Parlamentaris-
mus waren so organisiert, daß gerade die werktätigen Massen dem Ver-
waltungsapparat am meisten entfremdet wurden. Die Sowjetmacht, d. h.
die Diktatur des Proletariats, ist dagegen so organisiert, daß sie die
werktätigen Massen dem Verwaltungsapparat näherbringt. Dem gleichen
Zweck dient auch die Vereinigung der gesetzgebenden und vollziehenden
Gewalt bei der Sowjetorganisation des Staates und die Ersetzung der terri-
torialen Wahlkreise durch Produktionseinheiten, wie Werke, Fabriken.
17. Das Heer war ein Apparat zur Unterdrückung nicht nur in der
Monarchie; es blieb ein solcher auch in allen bürgerlichen, sogar den
demokratischsten Republiken. Nur die Sowjetmacht als ständige Staats-
organisation eben der durch den Kapitalismus unterdrückten Klassen ist
imstande, die Unterordnung des Heeres unter die bürgerliche Kommando-
gewalt aufzuheben und das Proletariat wirklich mit dem Heer zu ver-
schmelzen, die Bewaffnung des Proletariats und die Entwaffnung der
Bourgeoisie wirklich durchzuführen, weil sonst der Sieg des Sozialismus
unmöglich ist.
18. Die Sowjetorganisation des Staates ist der führenden Rolle des
Proletariats, als der durch den Kapitalismus am meisten konzentrierten
und aufgeklärten Klasse, angepaßt. Die Erfahrungen aller Revolutionen
und aller Bewegungen der unterdrückten Klassen, die Erfahrungen der
sozialistischen Weltbewegung lehren uns, daß nur das Proletariat im-
stande ist, die zersplitterten und rückständigen Schichten der werktätigen
und ausgebeuteten Bevölkerung zu vereinigen und voranzuführen.
19. Nur die Sowjetorganisation des Staates ist imstande, den alten, d. h.
I. Kongreß der Komn
Internationale
■481
den bürgerlichen Beamten- und Justizapparat, der im Kapitalismus sogar
in den demokratischsten Republiken bestehenblieb und unbedingt be-
stehenbleiben mußte, da er faktisch das größte Hindernis für die Durch-
führung des Demokratismus für die Arbeiter und Werktätigen war,
wirklich sofort zu zerschlagen und endgültig zu zerstören. Die Pariser
Kommune hat den ersten welthistorischen Schritt auf diesem Wege getan,
die Sowjetmacht den zweiten.
20. Die Aufhebung der Staatsmacht ist das Ziel, das sich alle Sozialisten
gestellt haben, unter ihnen und an ihrer Spitze Marx. Ohne Verwirk-
lichung dieses Ziels ist der wahre Demokratismus, d. h. Gleichheit und
Freiheit, nicht erreichbar. Zu diesem Ziel aber führt praktisch nur die
sowjetische, oder proletarische, Demokratie, denn sie geht sofort daran,
das völlige Absterben jeglichen Staates vorzubereiten, indem sie die
Massenorganisationen der Werktätigen zur ständigen und unbedingten
Teilnahme an der Verwaltung des Staats heranzieht.
21 . Der völlige Bankrott der Sozialisten, die sich in Bern versammelt
hatten, ihr völliges Unverständnis für die neue, d. h. die proletarische
Demokratie, ist besonders aus folgendem zu ersehen: Am 10. Februar
1919 hat Branting in Bern die internationale Konferenz der gelben Inter-
nationale für geschlossen erklärt. Am 11. Februar 1919 haben ihre Teil-
nehmer in Berlin in der Zeitung „Die Freiheit“ einen Aufruf der Partei
der „Unabhängigen“ an das Proletariat veröffentlicht. In diesem Aufruf
wird der bürgerliche Charakter der Regierung Scheidemann zugegeben,
es wird ihr vorgeworfen, sie wolle die Räte beseitigen, die Träger und
Schützer der Revolution* genannt werden, und der Vorschlag gemacht,
die Räte zu legalisieren, ihnen staatliche Rechte zu verleihen, ihnen das
Recht des Einspruchs gegen Beschlüsse der Nationalversammlung zu
geben mit der Wirkung, daß eine Volksabstimmung zu entscheiden hat.
Ein solcher Vorschlag offenbart den völligen ideologischen Bankrott der
Theoretiker, die die Demokratie verteidigt und ihren bürgerlichen Charak-
ter nicht verstanden haben. Der lächerliche Versuch, das Rätesystem, d. h.
die Diktatur des Proletariats, mit der Nationalversammlung, d. h. mit der
Diktatur der Bourgeoisie, zu vereinigen, enthüllt endgültig sowohl die
Geistesarmut der gelben Sozialisten und Sozialdemokraten und ihr poli-
tisch kleinbürgerlich-reaktionäres Wesen als auch ihre feigen Konzessionen
* „Träger und Schützer der Revolution“ bei Lenin deutsch. Der Übers.
482
W. I. Lenin
an die unaufhaltsam wadisenden Kräfte der neuen, proletarischen Demo-
kratie.
22. Die Mehrheit der gelben Internationale in Bern, die den Bolschewis-
mus verurteilt, aber aus Furcht vor den Arbeitermassen nicht gewagt hat,
eine entsprechende Resolution formell zur Abstimmung zu bringen, hat
vom Klassenstandpunkt aus richtig gehandelt. Gerade diese Mehrheit ist
völlig solidarisch mit den russischen Menschewiki und Sozialrevolutio-
nären sowie mit den Scheidemännern in Deutschland. Die russischen
Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die sich über die Verfolgungen
durch die Bolschewiki beschweren, suchen die Tatsache zu verheimlichen,
daß diese Verfolgungen durch die Teilnahme der Menschewiki und der
Sozialrevolutionäre am Bürgerkrieg auf seiten der Bourgeoisie gegen das
Proletariat hervorgerufen wurden. Geradeso haben in Deutschland die
Scheidemänner und ihre Partei schon ihre Teilnahme am Bürgerkrieg auf
seiten der Bourgeoisie gegen die Arbeiter unter Beweis gestellt.
Es ist daher ganz natürlich, daß sich die Mehrzahl der. Teilnehmer an
der Berner gelben Internationale für die Verurteilung der Bolschewiki
ausgesprochen hat. Darin ist aber nicht die Verteidigung der „reinen
Demokratie“, sondern die Selbstverteidigung von Leuten zum Ausdruck
gekommen, die wissen und fühlen, daß sie im Bürgerkrieg auf seiten der
Bourgeoisie gegen das Proletariat stehen.
Daher muß man den Beschluß der Mehrheit der gelben Internationale
als vom Klassenstandpunkt aus richtig bezeichnen. Das Proletariat darf
aber die Wahrheit nicht fürchten, sondern muß ihr offen ins Auge schauen
und hieraus alle politischen Schlußfolgerungen ziehen.
Parteigenossen ! Ich möchte zu den letzten zwei Punkten noch etwas
hinzufügen. Ich glaube, die Genossen, die uns über die Berner Konferenz
Bericht zu erstatten haben, werden uns darüber noch mehr sagen.
Auf der ganzen Berner Konferenz wurde kein Wort über die Bedeu-
tung der Sowjetmacht gesprochen. Schon seit zwei Jahren diskutieren wir
in Rußland diese Frage. Im April 1917 wurde von uns auf der Konferenz
der Partei schon theoretisch und politisch die Frage gestellt: „Was ist die
Sowjetmacht, was ist ihr Inhalt, was ist ihre historische Bedeutung?“ Fast
seit zwei Jahren diskutieren wir diese Frage und haben auf unserem
Parteitag dazu eine Resolution angenommen. 155
Die Berliner „Freiheit“ druckt am 11. Februar einen Aufruf an das
I. Kongreß der Kommunistisdien Internationale
483
deutsche Proletariat ab, der nicht nur von der Parteileitung der unabhän-
gigen Sozialdemokraten Deutschlands, sondern von der gesamten Mit-
gliedschaft der Fraktion der Unabhängigen unterzeichnet ist. Im August
1918 hat der größte Theoretiker dieser Unabhängigen, Kautsky, in sei-
ner Broschüre „Die Diktatur des Proletariats“ geschrieben, daß er für die
Demokratie und die Sowjetorgane sei; die Sowjets dürften aber nur wirt-
schaftliche Bedeutung haben und niemals als Staatsorganisationen an-
erkannt werden. Jetzt in der „Freiheit“ wiederholt Kautsky dasselbe in
den Nummern vom 1 1 . November und 12. Januar. Am 9. Februar kommt
ein Artikel von Rudolf Hilferding, der auch eine der größten theoretischen
Autoritäten der II. Internationale ist. Hilferding macht den Vorschlag, das
Rätesystem mit der Nationalversammlung juristisch, auf staatlichem Wege
zu verkoppeln. Das war am 9. Februar. Am 11. Februar wird dieser
Vorschlag von der ganzen Unabhängigen Partei angenommen und in
einem Aufruf veröffentlicht.
Obwohl die Nationalversammlung schon existiert, nachdem die „reine
Demokratie“ verwirklicht ist, nachdem die größten Theoretiker der un-
abhängigen Sozialdemokraten erklärt haben, die Sowjetorganisationen
dürften keine staatlichen Organisationen sein, nach alledem wieder dieses
Schwanken 1 Das beweist, daß diese Leute von der neuen Bewegung und
deren Kampfbedingungen wirklich nichts verstanden haben. Aber das
beweist auch noch ein weiteres: nämlich, daß Verhältnisse vorhanden sein
müssen, Ursachen, welche dieses Schwanken hervorrufen. Nach diesen
Ereignissen, nach dieser fast zwei Jahre siegreichen Revolution in Ruß-
land dürfen wir, wenn man uns solche Resolutionen vorlegt, wie die Ber-
ner Konferenz, in denen nichts von den Räten, von ihrer Bedeutung gesagt
und in keiner Rede irgendeines Delegierten ein Wort über sie gefallen
ist, danach, behaupte ich, dürfen wir mit Recht sagen, daß alle diese Leute
als Sozialisten und Theoretiker für uns tot sind.
Aber praktisch, vom politischen Standpunkt aus. Genossen, ist es ein
Beweis, daß in den Massen ein großer Umwandlungsprozeß vor sich geht,
wenn diese Unabhängigen, die theoretisch, prinzipiell gegen diese staat-
lichen Organisationen waren, plötzlich so einen Blödsinn vorschlagen,
man sollte die Nationalversammlung mit dem Rätesystem verkoppeln,
d. h. die Diktatur der Bourgeoisie mit der Diktatur des Proletariats „fried-
lich“ vereinigen. Wir sehen, wie sie alle sozialistisch und theoretisch
484
W. I. Lenin
Bankrott gemacht haben, wie aber draußen in den Massen die größte
Umwandlung sich vollzieht. Die zurückgebliebenen Massen des deut-
schen Proletariats kommen zu uns, sind zu uns gekommen! Die theore-
tische, die sozialistische Bedeutung der Unabhängigen Partei der deut-
schen Sozialdemokraten, des besten Teils der Berner Konferenz, ist also
gleich Null, aber eine gewisse Bedeutung bleibt und besteht darin, daß
diese schwankenden Elemente uns die Stimmung der zurückgebliebenen
Teile des Proletariats anzeigen. Darin besteht auch nach meiner Über-
zeugung die größte historische Bedeutung dieser Konferenz. Wir haben
so etwas Ähnliches in unserer Revolution erlebt. Unsere Menschewiki
haben fast Schritt für Schritt dieselbe Entwicklung durchgemacht wie die
Theoretiker der Unabhängigen in Deutschland. Sie waren früher für die
Sowjets, als sie in ihnen die Mehrheit hatten. Da hieß es: „Hoch die
Sowjets!" und „Für die Sowjets!“, „Die Sowjets sind revolutionäre De-
mokratie!“ Nachdem wir, die Bolschewiki, die Mehrheit innerhalb der
Sowjets bekamen, hieß es, die Sowjets dürfen nicht neben der Konsti-
tuierenden Versammlung existieren, und verschiedene Theoretiker der
Menschewiki machten fast dieselben Vorschläge wie die deutschen Un-
abhängigen, das Sowjetsystem mit der Konstituierenden Versammlung zu
verkoppeln und im Staatsrahmen zu organisieren. Es zeigt sich hier noch
einmal, daß der allgemeine Gang der proletarischen Revolution in der
ganzen Welt derselbe ist. Zuerst spontane Gründung der Sowjets, hier-
auf ihre Verbreitung und Entwicklung, dann die praktisch auftretende
Frage : Sowjets oder Nationalversammlung, oder Konstituante, oder bür-
gerlicher Parlamentarismus; vollste Konfusion der Führer und endlich die
proletarische Revolution. Aber ich glaube, daß wir nach fast zwei Jahren
Revolution die Frage nicht so stellen dürfen, sondern direkte Vorschläge
machen müssen, denn die Ausbreitung des Rätesystems ist für uns, be-
sonders für die meisten westeuropäischen Länder, die wichtigste Auf-
gabe.
Ich möchte hier nur eine Resolution der Menschewiki erwähnen. Ich
hatte den Genossen Obolenski ersucht, diese Resolution ins Deuts die zu
übersetzen. Er hat es mir versprochen, aber leider ist er nicht da. Ich muß
versuchen, sie aus dem Gedächtnis wiederzugeben, denn ich habe den
vollständigen Text dieser Resolution nicht hier.
Es ist für einen Ausländer, der nichts von Bolschewismus gehört hat.
1. Kongreß der Kommunistischen Internationale 48 5
höchst schwierig, sich ein selbständiges Urteil über unsere Streitfragen
zu bilden. Alles, was die Bolschewiki sagen, das bestreiten die Mensche-
wiki, und umgekehrt. Natürlich, im Kampfe kann es nicht anders sein,
und deshalb ist es von besonders großer Wichtigkeit, daß die letzte Kon-
ferenz der menschewistischen Partei im Dezember 1918 eine lange, aus-
führliche Resolution angenommen hat, die vollinhaltlich in der mensche-
wistischen „Zeitung der Typographiearbeiter“ 156 publiziert ist. In dieser
Resolution geben uns die Menschewiki selbst eine kurze Geschichte der
Klassenkämpfe und des Bürgerkrieges. Diese Resolution sagt, daß sie die
Gruppen ihrer Partei verurteilen, die im Bunde mit den besitzenden Klas-
sen sind, im Ural, im Süden, in der Krim und in Georgien, und zählt alle
diese Gebiete auf. Diejenigen Gruppen der menschewistischen Partei, die
im Bunde mit den besitzenden Klassen gegen die Sowjetmacht gingen,
werden jetzt in dieser Resolution verurteilt, aber der letzte Punkt ver-
urteilt auch die Leute, die zum Kommunismus übergegangen sind. Daraus
sehen wir: erstens, daß die Menschewiki selbst zugestehen müssen, daß
in ihrer Partei eine Einheit nicht existiert, sondern daß sie teils auf seiten
der Bourgeoisie, teils auf seiten des Proletariats stehen. Der größte Teil
der Menschewiki war auf die Seite der Bourgeoisie getreten und kämpfte
im Bürgerkrieg gegen uns. Wir verfolgen natürlich die Menschewiki, wir
erschießen sie sogar auch, wenn sie im Kriege gegen uns gegen unsere
Rote Armee kämpfen, wenn sie unsere roten Offiziere erschießen. Auf
den Krieg der Bourgeoisie antworteten wir mit dem Kriege des Proleta-
riats: einen anderen Ausweg kann es nicht geben. Es ist also, politisch
betrachtet, nur menschewistische Heuchelei. Historisch ist es nicht zu ver-
stehen, wie auf der Berner Konferenz im Aufträge der Menschewiki und
Sozialrevolutionäre Leute, die nicht offiziell für verrückt erklärt worden
sind, vom Kampf der Bolschewiki gegen sie sprechen und von ihrem
Kampf zusammen mit der Bourgeoisie gegen das Proletariat schweigen.
Sie alle sprechen sehr heftig gegen uns, weil wir sie verfolgen. Das ist
richtig. Aber kein Sterbenswörtchen darüber, welchen Anteil die Men-
schewiki am Bürgerkrieg genommen haben! Ich glaube, den vollständigen
Text der Resolution muß ich dem Protokoll überlassen und die auslän-
dischen Genossen ersuchen, dieser Resolution ihre Aufmerksamkeit zu
schenken, weil sie ein historisches Dokument ist, das die Frage richtig
stellt und das beste Material zu dem Streit der „sozialistischen“ Richtun-
486
W. I. Lenin
gen in Rußland liefert. Es gibt eine Klasse zwischen Proletariat und Bour-
geoisie. Leute, die hin und her schwanken, wie es in allen Revolutionen
immer war, und es ist absolut unmöglich, daß es in der kapitalistischen
Gesellschaft, wo Proletariat und Bourgeoisie feindliche Lager darstellen,
keine Mittelschichten geben sollte. Sie sind historisch notwendig, und
leider werden diese schwankenden Elemente, die selbst nicht wissen, auf
welcher Seite-sie morgen kämpfen werden, ziemlich lange existieren.
Ich habe einen praktischen Vorschlag zu machen, der dahin geht, eine
Resolution anzunehmen, in der speziell drei Punkte hervorgehoben wer-
den sollen.
Erstens; Eine der wichtigsten Aufgaben für die Genossen der west-
europäischen Länder besteht darin, die Massen über die Bedeutung, die
Wichtigkeit und die Notwendigkeit des Rätesystems aufzuklären. Dar-
über herrscht Mangel an Verständnis. Wenn auch Kautsky und Hilfer-
ding bankrott sind als Theoretiker, so beweisen doch die letzten Artikel
in der „Freiheit“, daß sie die Stimmung der zurückgebliebenen Teile des
deutschen Proletariats richtig darstellen. Es war audi hier so : In den ersten
acht Monaten der russischen Revolution wurde die Frage der Sowjet-
organisation sehr viel diskutiert, und den Arbeitern war es unklar, worin
das neue System bestände und ob man aus den Räten einen Staatsapparat
machen könnte. Wir gingen in unserer Revolution praktisch, nicht theo-
retisch vor. Die Frage der Konstituante haben wir früher zum Beispiel
nicht theoretisch gestellt, wir haben nicht gesagt, daß wir die Konstituie-
rende Versammlung nicht anerkennen. Erst später, nachdem die Sowjet-
organisationen sich über das ganze Land verbreitet und die politische
Macht erobert hatten, erst dann sind wir dazu gekommen, die Konsti-
tuante auseinanderzujagen. Jetzt sehen wir, daß in Ungarn und in der
Schweiz die Frage viel akuter gestellt ist. Das ist einerseits sehr gut, dar-
aus schöpfen wir die feste Zuversicht, daß die Revolution in den west-
europäischen Ländern schneller vonstatten geht als bei uns und uns
größere Siege bringen wird. Anderseits besteht aber darin eine gewisse
Gefahr, nämlich die, daß die Kämpfe so stürmisch werden, daß das Be-
wußtsein der Arbeitermassen mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten
kann. Die Bedeutung des Rätesystems ist für die große Masse der politisch
gebildeten Arbeiter Deutschlands heute noch nicht klar, weil sie im parla-
mentarischen System und in bürgerlichen Vorurteilen erzogen ist.
I. Kongreß der Kommunistischen Internationale -487
Zweitem: Über die Ausbreitung des Rätesystenjs. Wenn wir hören,
wie schnell die Räte in Deutschland und sogar in England Erfolg haben,
so ist das für uns der wichtigste Beweis, daß die proletarische Revolution
zum Siege kommen wird. Man kann sie nur auf kurze Zeit aufhalten.
Aber etwas anderes ist es, wenn der Genosse Albert und der Genosse
Platten uns mitteilen, daß es bei ihnen auf dem Lande, unter den Land-
arbeitern und Kleinbauern, fast gar keine Räte gibt. Ich habe in der
„Roten Fahne“ einen Artikel gegen die Bauernräte, aber - ganz richtig -
für die Landarbeiter- und Kleinbauernräte gelesen. 157 Die Losung der
Bourgeoisie und ihrer Lakaien, wie Scheidemann und Co., war schon:
Bauernräte. Aber erst die Landarbeiter- und Kleinbauernräte sind das,
was wir brauchen. Leider sehen wir jedoch aus den Berichten der Ge-
nossen Albert, Platten und anderer Genossen, daß - mit Ausnahme Un-
garns - für die Ausbreitung des Rätesystems auf dem Lande besonders
wenig getan wurde. Darin besteht vielleicht noch eine praktische und
ziemlich große Gefahr für den sicheren Sieg des deutschen Proletariats.
Der Sieg kann nur dann als gesichert gelten, wenn nicht nur die städ-
tischen Arbeiter, sondern auch die ländlichen Proletarier organisiert sind,
und zwar organisiert nicht wie früher in Gewerkschaften und Genossen-
schaften, sondern in Sowjets. Bei uns war der Sieg dadurch leichter, daß
wir im Oktober 1917 mit der Bauernschaft gingen, mit der ganzen
Bauernschaft. Damals war unsere Revolution in diesem Sinne eine bürger-
liche. Der erste Schritt unserer proletarischen Regierung bestand darin,
daß die alten Forderungen der ganzen Bauernschaft, die schon früher
unter Kerenski durch die Bauemräte und -Versammlungen zum Ausdruck
gebracht wurden, von unserer Regierung am 26. Oktober (alten Stils)
1917, einen Tag nach der Revolution, zum Gesetz erklärt wurden. Darin
bestand unsere Kraft, darum war es für uns so leicht, eine große, über-
wiegende Mehrheit zu gewinnen. Damals blieb unsere Revolution für das
Land, für das Dorf, noch eine bürgerliche, und erst später, nach einem
halben Jahr, waren wir gezwungen, im Rahmen der Staatsorganisation
den Grundstein zum Klassenkampf in den Dörfern zu legen, in jedem
Dorf Komitees der Dorfarmut, der Halbproletarier zu gründen und sy-
stematisch gegen die ländliche Bourgeoisie zu kämpfen. Das war bei uns
unvermeidlich wegen der Rückständigkeit Rußlands. Das wird in West-
europa anders sein, und deshalb müssen wir betonen, daß die Ausbrei-
32 Lenin. Werke. Bd. 28
W. I. Lenin
tung des Rätesystems auch für die ländliche Bevölkerung in entsprechen-
den, vielleicht neuen Formen absolut notwendig ist.
Drittens müssen wir sagen, daß die Eroberung einer kommunistischen
Mehrheit in den Räten die Hauptaufgabe in allen Ländern ist, in denen
die Sowjetmacht noch nicht gesiegt hat. Gestern hat unsere Resolutions-
kommission diese Frage besprochen. Vielleicht werden andere Genossen
noch darüber berichten, aber ich möchte beantragen, daß wir diese drei
Punkte als spezielle Resolution annehmen. Natürlich können wir der Ent-
wicklung den Weg nicht vorschreiben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die
Revolution in mehreren westeuropäischen Ländern sehr bald zum Aus-
bruch kommen wird, aber was wir als organisierter Teil der Arbeiter-
schaft, als Partei, anstreben und anstreben müssen, ist, eine Mehrheit in
den Räten zu gewinnen. Dann ist unser Sieg sicher, und keine Macht wird
imstande sein, etwas gegen die kommunistische Revolution zu unterneh-
men. Auf andere Weise wird der Sieg nicht so leicht und nicht dauerhaft
sein. Ich möchte also beantragen, diese drei Punkte als spezielle Resolu-
tion anzunehmen.
Die Thesen erschienen am 6. März
1919 in der „ Pramda “ Nr. 51; das
Referat wurde zuerst 1920 in der
deutschen und 1921 in der russi-
schen Ausgabe der Protokolle des
1. Kongresses der Kommunistischen
Internationale veröffentlicht.
Die Thesen nach dem Text der
„Pramda“, verglichen mit der
deutschen Ausgabe der Proto-
kolle; das Referat nach dem
deutschen Protokoll, verglichen
mit der russischen Ausgabe der
Protokolle.
I. Kongreß der Kommunistischen Internationale
RESOLUTION
ZU DEN THESEN ÜBER BÜRGERLICHE DEMOKRATIE
UND DIKTATUR DES PROLETARIATS
Auf Grund dieser Thesen und der Berichte der Delegierten aus den
verschiedenen Ländern erklärt der Kongreß der Kommunistischen Inter-
nationale, daß die Hauptaufgabe der kommunistischen Parteien in allen
Ländern, in denen es noch keine Sowjetmacht gibt, in folgendem besteht:
1. Den breiten Massen der Arbeiterklasse die historische Bedeutung
der politischen und historischen Notwendigkeit der neuen, proletarischen
Demokratie klarzumachen, die an die Stelle der bürgerlichen Demokratie
und des Parlamentarismus gesetzt werden muß.
2. Unter den Arbeitern aller Industriezweige und unter den Soldaten
in der Armee und Flotte sowie unter den Landarbeitern und armen
Bauern die Räte zu verbreiten und zu organisieren.
3. Innerhalb der Räte eine feste kommunistische Mehrheit zu bilden.
„Praroda." Nr. 54, Nadi dem Text der » Pramda
11. März 1919.
W. I. Lenin
REDE BEI DER SCHLIESSUNG DES KONGRESSES
6. MÄRZ
Wenn es uns gelungen ist, uns trotz aller polizeilichen Schwierigkeiten
und Verfolgungen zu versammeln, wenn es uns gelungen ist, in kurzer
Zeit ohne irgendwelche ernst zu nehmenden Differenzen wichtige Be-
schlüsse über alle brennenden Fragen der heutigen revolutionären Epoche
zu fassen, so verdanken wir das dem Umstand, daß die Massen des Pro-
letariats der ganzen Welt eben diese Fragen schon durch ihr praktisches
Auftreten auf die Tagesordnung gestellt und praktisch zu entscheiden
begonnen haben.
Wir brauchten hier nur zu verzeichnen, was die Massen schon in ihrem
revolutionären Kampf erobert haben.
Nicht nur in den osteuropäischen, sondern auch in den westeuro-
päischen Ländern, nicht nur in den Ländern, die besiegt sind, sondern
auch in denen der Sieger, zum Beispiel in England, breitet sich die Räte-
bewegung weiter und weiter aus, und diese Rätebewegung ist nichts an-
deres als die Bewegung zur Schaffung der neuen, proletarischen Demo-
kratie, als der wichtigste Schritt in der Richtung zur Diktatur des Prole-
tariats, zum vollen Sieg des Kommunismus.
Mag die Bourgeoisie der ganzen Welt noch so wüten, mag sie die
Spartakusleute und Bolschewiki ausweisen, einkerkern, ja ermorden, dies
alles hilft ihr nichts mehr. Dadurch werden die Massen nur aufgeklärt,
von ihren alten bürgerlich-demokratischen Vorurteilen befreit und zum
Kampfe gestählt. Der Sieg der proletarischen Revolution in der ganzen
Welt ist sicher. Die Gründung der Internationalen Räterepublik wird
kommen. (Stürmischer Beifall.)
Zuerst veröffentlicht 1920 in der Nach dem deutschen Protokoll,
deutschen und 1921 in der russischen verglichen mit der russischen
Ausgabe der Protokolle des I. Kongresses Ausgabe der Protokolle,
der Kommunistischen Internationale.
ERRUNGENES
UND SCHRIFTLICH FESTGELEGTES
Von Dauer ist in einer Revolution nur das, was die proletarischen Mas-
sen errungen haben. Schriftlich festzulegen lohnt nur das, was wirklich
für die Dauer errungen ist.
Die Gründung der III., der Kommunistischen Internationale in Moskau
am 2. März 1919 war die. Festlegung dessen, was nicht nur die russischen
proletarischen Massen, die Massen von ganz Rußland, sondern auch die
deutschen, österreichischen, ungarischen, .finnischen, schweizerischen, mit
einem Wort, die internationalen proletarischen Massen errungen haben.
Und eben darum ist die Gründung der III., der Kommunistischen In-
ternationale ein Werk von Dauer.
Noch vor vier Monaten konnte man nicht sagen, daß die Sowjetmacht,
die sowjetische Staatsform eine internationale Errungenschaft ist. Es gab
darin etwas, und zwar etwas Wesentliches, was nicht nur für Rußland,
sondern auch für alle kapitalistischen Länder Gültigkeit hatte. Aber be-
vor noch nicht in der Praxis der Beweis erbracht worden war, konnte man
nicht sagen, welcherart, wie tiefgreifend, wie wesentlich die Veränderun-
gen sein werden, die die Weltrevolution in ihrer weiteren Entwicklung
mit sich bringen wird.
Die deutsche Revolution hat diesen Beweis erbracht. Ein fortgeschrit-
tenes kapitalistisches Land hat - nach einem der rückständigsten Länder -
in kurzer Zeit, in etwas mehr als hundert Tagen, der ganzen Welt nicht
nur dieselben Hauptkräfte, nicht nur dieselbe Hauptrichtung der Revolu-
tion gezeigt, sondern auch dieselbe grundlegende Form der neuen, prole-
tarischen Demokratie: die Räte.
Und zugleich damit sehen wir in England, einem Siegerland, dem Land
492
mit dem größten Kolonialbesitz, dem Land, das am längsten ein Muster
des „sozialen Friedens“ war und den Ruf eines solchen genoß, im Lande
des ältesten Kapitalismus ein breites, unaufhaltsames, stürmisches und
mächtiges Wachsen der Sowjets und neuer sowjetischer Formen des prole-
tarischen Massenkampfes - die „Shop Stewards Committees“, die Komi-
tees der Betriebsobleute.
In Amerika, im stärksten und jüngsten kapitalistischen Land, bringen
die Arbeitermassen den Sowjets außerordentliche Sympathie entgegen.
Das Eis ist gebrochen.
Die Sowjets haben in der ganzen Welt gesiegt.
Sie haben zunächst und vor allem in der Hinsicht gesiegt, daß sie die
Sympathien der proletarischen Massen errungen haben. Das ist die
Hauptsache. Keine Bestialitäten der imperialistischen Bourgeoisie, keine
Verfolgungen und Ermordungen von Bolschewiki können den Massen
diese Errungenschaft entreißen. Je mehr die „demokratische“ Bourgeoisie
wütet, desto fester werden diese Errungenschaften im Herzen der prole-
tarischen Massen haften, in ihrer Mentalität, ihrem Bewußtsein, in ihrer
heldenhaften Kampfbereitschaft.
Das Eis ist gebrochen.
Und darum ging die Arbeit der Moskauer Internationalen Konferenz
der Kommunisten, auf der die III. Internationale gegründet wurde, so
leicht, so glatt, mit so ruhiger und fester Entschlossenheit vonstatten.
Wir haben das schriftlich festgelegt, was schon errungen ist. Wir haben
das zu Papier gebracht, was schon fest im Bewußtsein der Massen ver-
ankert ist. Alle wußten - mehr noch: alle sahen, fühlten und empfanden,
ein jeder auf Grund der Erfahrungen seines eigenen Landes, daß eine
neue proletarische Bewegung von einer Kraft und Tiefe entflammt ist, wie
sie die Welt noch nicht gekannt hat, daß sie in keinen der alten Rahmen
einzuspannen ist, daß sie nicht aufgehalten werden kann von den großen
Meistern der kleinen Politikasterei, weder von den welterfahrenen, welt-
gewandten Lloyd George und Wilson des englisch-amerikanischen „de-
mokratischen“ Kapitalismus noch von den mit allen Wassern gewaschenen
Henderson, Renaudel, Branting und all den anderen Helden des Sozial-
chauvinismus.
Die neue Bewegung schreitet voran zur Diktatur des Proletariats, sie
schreitet voran, trotz aller Schwankungen, trotz schwerer Niederlagen,
trotz des unerhörten und unglaublichen „russischen“ Chaos (wenn man
oberflächlich, von außen urteilt) - sie schreitet voran zur Sowjetmadit
mit der alles von seinem Wege hinwegfegenden Kraft des Stromes von
Millionen und aber Millionen Proletariern.
Das haben wir schriftlich festgelegt. In unseren Resolutionen, Thesen,
Berichten und Reden ist das besiegelt, was schon errungen ist.
Erhellt durch das klare Licht der neuen, weltumfassend reichen Er-
fahrungen der revolutionären Arbeiter, hat uns die Theorie des Marxis-
mus geholfen, die ganze Gesetzmäßigkeit des Geschehens zu begreifen.
Sie wird den für den Sturz der kapitalistischen Lohnsklaverei kämpfen-
den Proletariern, der ganzen Welt helfen, ihre Kampfziele klarer zu er-
kennen, auf dem schon vorgezeichneten Weg fester voranzuschreiten,
den Sieg sicherer zu erringen, ihn zu festigen und zu verankern.
Die Gründung der III., der Kommunistischen Internationale bedeutet
die Vorstufe für die internationale Republik der Sowjets, für den Sieg
des Kommunismus in der ganzen Welf.
5. März 1919
„PramdaT Nr. 51, Nach dem Text der „ Pramda
6. März 1919.
Unterschrift: N. Lenin.
ÜBER DIE GRÜNDUNG
DER KOMMUNISTISCHEN INTERNATIONALE
Rede in der gemeinsamen Festsitzung des Gesamtrussischen Zentral-
exekutivkomitees, des Moskauer Sowjets, des Moskauer Komitees der
KPR(B), des Gesamtrussischen Zentralrats der Gewerkschaften, der Ge-
werkschaftsverbände sowie der Betriebskomitees Moskaus zur Gründungs-
feier der Kommunistischen Internationale
6. März 1919
(Stürmische Ovationen.) Genossen, es ist uns nicht gelungen,
auf dem I. Kongreß der Kommunistischen Internationale Vertreter aller
jener Länder zu versammeln, in denen es treuergebene Freunde dieser
Organisation, in denen es Arbeiter gibt, die uns ihre ganze Sympathie
entgegenbringen. Gestatten Sie mir deshalb, mit einem kleinen Zitat zu
beginnen, das Ihnen zeigen wird, wie wir in Wirklichkeit mehr Freunde
haben, als wir sehen, als wir wissen und als wir hier in Moskau versam-
meln konnten, trotz aller Verfolgungen, trotz der ganzen vereinigten,
allmächtig scheinenden Bourgeoisie der ganzen Welt. Diese Verfolgungen
gingen so weit, daß man versucht hat, uns geradezu mit einer chinesischen
Mauer zu umgeben, und daß die Bolschewiki zu Dutzenden aus den
freiesten Republiken der Welt ausgewiesen werden, als fürchte man ge-
radezu, zehn oder ein Dutzend Bolschewiki wären imstande, die ganze
Welt zu infizieren - wir wissen indessen, daß diese Furcht lächerlich ist,
denn sie haben bereits die ganze Welt infiziert, denn der Kampf der
russischen Arbeiter hat schon bewirkt, daß die Arbeitermassen aller Län-
der wissen, daß hier in Rußland das Sdiidcsal der gesamten Weltrevolu-
tion entschieden wird.
Genossen, ich habe hier die „Humanite“ 158 vor mir, eine französische
Zeitung, die ihrer Richtung nach am ehesten unseren Menschewiki oder
den rechten Sozialrevolutionären entspricht. Während des Krieges hat
dieses Blatt erbarmungslos gegen die Leute gehetzt, die unseren Stand-
Ober die Gründung der Kommunistischen Internationale
405
punkt teilten. Jetzt verteidigt dieses Blatt diejenigen, die im Kriege mit
der Bourgeoisie ihrer Länder zusammengingen. Diese Zeitung berichtet
nun in der Ausgabe vom 13. Januar 1919, daß in Paris eine, wie das Blatt
selbst zugibt, riesige Aktivversammlung der Partei und der Gewerkschaf-
ten der Seine-Föderation stattfand, d. h. des. Departements, in dem Paris
liegt, eines Zentrums der proletarischen Bewegung, eines Zentrums des
ganzen politischen Lebens Frankreichs. In dieser Versammlung sprach
zuerst Bracke, ein Soziahst, der während des ganzen Krieges auf dem
Standpunkt unserer Menschewiki und rechten Vaterlandsverteidiger
stand. Jetzt war er ganz Hein. Kein Wort zu einer akuten Frage! Er
schloß damit, daß er gegen die Einmischung der Regierung seines Landes
in den Kampf des Proletariats: anderer Länder sei. Seine Worte wurden
mit Beifall aufgenommen. Dann -trat einer seiner Gesinnungsgenossen
auf, ein gewisser Pierre Laval. Es geht um die Demobilisierung, um die
brennendste Frage im heutigen Frankreich, einem Lande, das wohl in die-
sem verbrecherischen Krieg mehr Opfer gebracht hat als irgendein anderes
Land. Und dieses Land sieht jetzt, daß die Demobilisierung hinaus-
gezögert, gehemmt wird, daß man sie nicht durchführen will und daß ein
neuer Krieg vorbereitet wird, der den französischen Arbeitern ganz
offensichtlich neue Opfer auferlegen soll, lediglich damit die französischen
oder englischen Kapitalisten noch größere Profite einstecken können. Und
da sagt nun dieses Blatt, die Menge habe dem Redner Pierre Laval wohl
zugehört, aber seine dem Bolschewismus feindlichen Äußerungen hätten
derartige Proteste, eine derartige Erregung hervorgerufen, daß die Ver-
sammlung nicht fortgesetzt werden konnte. Hierauf ist es dem Bürger
Pierre Renaudel schon nicht mehr gelungen, das Wort zu ergreifen, und
die Versammlung findet mit einem kurzen Eingreifen des Bürgers Pericaf
ihren Abschluß. Dieser ist einer der wenigen Repräsentanten der franzö-
sischen Arbeiterbewegung, der im wesentlichen mit uns solidarisch ist.
Somit sieht sich die Zeitung zu dem Eingeständnis gezwungen, daß die
Versammlung einen Redner, sobald er sich gegen die Bolschewiki wandte,
nicht zu Worte kommen ließ.
Genossen, unmittelbar aus Frankreich konnten wir gegenwärtig auch
nicht einen einzigen Delegierten bekommen, und nur ein Franzose hat
sich mit großer Mühe hierher durchgeschlagen - Genosse Guilbeaux.
(Stürmischer Beifall.) Er wird heute sprechen. Er hat monatelang
496
W. I. Lenin
in den Gefängnissen der Schweiz gesessen, in dieser freien Republik, und
man beschuldigte ihn, er stünde in Kontakt mit Lenin und bereite die
Revolution in der Schweiz vor. Durch Deutschland hat man ihn in Be-
gleitung von Gendarmen und Offizieren befördert, offenbar aus Angst,
er könnte ein Streichholz fallen lassen, das Deutschland in Brand stecken
würde. Aber Deutschland brennt auch ohne ein solches Streichholz. Auch
in Frankreich gibt es, wie wir sehen, Leute, die mit der bolschewistischen
Bewegung sympathisieren. Die französischen Massen gehören wohl zu
den erfahrensten, politisch am meisten geschulten, aktivsten und fein-
fühligsten Massen. Sie erlauben es einem Redner nicht, in einer Volks-
versammlung auch nur einen einzigen falschen Ton anzuschlagen - sofort
unterbrechen sie ihn, und er kann froh sein, daß. sie ihn bei ihrem fran-
zösischen Temperament nicht von der Tribüne heruntergerissen haben!
Wenn ein uns feindliches Blatt schon eingesteht, was sich auf dieser gro-
ßen Versammlung zugetragen hat, dann sagen wir: Das französische Pro-
letariat ist für uns.
Ich möchte noch ein ganz kurzes Zitat aus einer italienischen Zeitung
anführen. Man versucht uns so sehr von der ganzen Welt abzuschneiden,
daß wir eine sozialistische Zeitung aus anderen Ländern nur als große
Rarität erhalten. Als Rarität ist auch ein Exemplar der italienischen Zei-
tung „Avanti!“ 159 bei uns eingetroffen, des Organs der Italienischen So-
zialistischen Partei, die an der Zimmerwalder Konferenz teilgenommen,
gegen den Krieg gekämpft und jetzt beschlossen hat, nicht nach Bern zum
Kongreß der Gelben zu gehen, zum Kongreß der alten Internationale, an
dem Leute teilnehmen, die gemeinsam mit ihren Regierungen diesen ver-
brecherischen Krieg in die Länge ziehen halfen. Bis heute erscheint die
Zeitung „Avanti!“ unter strenger Zensur. In dieser Ausgabe jedoch, die
zufällig in unsere Hände gelangte, lese ich eine Korrespondenz aus dem
Parteileben in der Ortschaft Cavriago - wahrscheinlich ein kleiner Ort,
denn auf der Karte ist er nicht zu finden - und siehe da, die Arbeiter
nehmen dort in einer Versammlung eine Resolution an, in der sie ihrer
Zeitung wegen deren unversöhnlicher Haltung volle Sympathie bezeigen
und erklären, daß sie den deutschen Spartakusleuten beipflichten - und
dann kommen einige Worte, die, wenn auch italienisch geschrieben, den-
noch in der ganzen Welt verstanden werden: „Sovietisti russi“ - sie be-
grüßen die russischen „Sowjetisten“ und geben ihrem Wunsch Ausdruck,
Über die Gründung der Kommunistischen Internationale
497
daß das Programm der russischen und der deutschen Revolutionäre in
der ganzen Welt angenommen werde und dazu diene, den Kampf gegen
die Bourgeoisie und die Militärherrschaft zu Ende zu führen. Wenn man
eine solche Resolution aus so einem kleinen italienischen Nest liest, dann
kann man sich mit vollem Recht sagen: Die italienischen Massen sind für
uns, die italienischen Massen haben verstanden, was die russischen „So-
wjetisten“ sind, was das Programm der russischen „Sowjetisten“ und der
deutschen Spartakisten ist. Aber ein solches Programm hatten wir damals
gar nicht! Wir hatten kein gemeinsames Programm mit den deutschen
Spartakisten, und doch weifen die italienischen Arbeiter alles beiseite,
was sie in ihrer bürgerlichen Presse gelesen haben, die, korrumpiert von
Millionären und Milliardären, in Millionen Exemplaren Verleumdungen
über uns verbreitet. Die italienischen Arbeiter hat sie nicht betrügen
können. Die italienischen Arbeiter haben verstanden, was die Spartakisten
und „Sowjetisten“ sind, und haben gesagt, daß sie mit ihrem Programm
sympathisieren - zu einer Zeit, als es ein solches Programm überhaupt
noch nicht gegeben hat. Daher war auch unsere Aufgabe auf diesem Kon-
greß so leicht. Wir brauchten nur das als Programm schriftlich festzu-
legen, was sich schon im Bewußtsein und in den Herzen sogar solcher
Arbeiter eingeprägt hatte, die in irgendeinem kleinen Ort durch Polizei-
und Militärsperren von uns abgeschnitten sind. Daher haben wir so leicht,
so völlig einmütig in allen Hauptfragen zu einem einstimmigen Beschluß
kommen können, und wir sind fest überzeugt, daß diese Beschlüsse im
Proletariat aller Länder einen mächtigen Widerhall finden werden.
Die Sowjetbewegung, Genossen, das ist die Form, die in Rußland er-
rungen worden ist, die sich jetzt in der ganzen Welt verbreitet, die allein
schon mit ihrem Namen den Arbeitern ein ganzes Programm gibt. Ge-
nossen, ich hoffe, daß wir, denen das große Glück zuteil wurde, die So-
wjetform bis zum Siege zu entwickeln, daß wir nicht in die Lage von
Leuten geraten, von denen man sagen könnte, sie wären überheblich ge-
worden.
Genossen, wir wissen sehr wohl, daß wir nicht darum als erste an einer
proletarischen Sowjetrevolution teilnahmen, weil wir ebenso oder besser
vorbereitet waren als die anderen Arbeiter; wir waren schlechter vorberei-
tet. Der Umstand, daß wir es mit dem barbarischsten, von innerer Fäul-
nis durchsetzten Gegner zu tun hatten, bewirkte, daß die Revolution sich
498
W. I. Lenin
nach außen hin so machtvoll entfaltet. Aber wir wissen auch, daß die
Sowjets bei uns bis auf den heutigen Tag bestehen, daß sie mit riesigen
Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die hervorgerufen werden durch das
unzulängliche Kulturniveau und die schwere Bürde, die wir nun schon
länger als ein Jahr, wo wir einsam auf unserem Posten stehen und von
allen Seiten von Feinden bedrängt sind, zu tragen haben, und wo. Sie
wissen das ganz genau, unglaubliches Leid, unerträglicher Hunger und
unmenschliche Qualen über uns hereinstürzten.
Genossen, es kommt nicht selten vor, daß die Leute, die direkt oder
indirekt auf die Säte der Bourgeoisie übergehen, die Empörung der Ar-
beiter hervorzurufen versuchen, indem sie ihnen das Leid schildern, das
diese zu ertragen haben. Wir aber sägen den Arbeitern: Ja, ihr habt
schwer zu leiden, und wir machen auch kein Hehl daraus. Wir sagen den
Arbätern, und sie wissen das ganz genau aus ihrer eigenen Erfahrung:
Ihr seht, daß wir nicht nur für uns um den Sieg des Sozialismus kämpfen,
nicht nur dafür, daß unsere Kinder an die Kapitalisten und Gutsbesitzer
wie an vorgeschichtliche Ungeheuer zurückdenken - wir kämpfen dafür,
daß die Arbeiter der ganzen Welt zusammen mit uns siegen.
Und dieser I. Kongreß der Kommunistischen Internationale, auf dem
festgestellt wurde, daß die Sowjets sich in der ganzen Welt die Sympathie
der Arbeiter erobern, zeigt uns, daß der Sieg der kommunistischen Welt-
revolution gesichert ist. (Beifall.) Die Bourgeoisie wird noch in einer
Reihe von Ländern wüten, dort beginnt die Bourgeoisie erst, mit den
besten Menschen, mit den besten Vertretern des Sozialismus blutig ab-
zurechnen, wie das die bestialische Ermordung Rosa Luxemburgs und
Karl Liebknechts durch die Weißgardisten zeigt. Solche Opfer sind un-
vermeidlich. Wir suchen keinen Kompromiß mit der Bourgeoisie, wir
ziehen in den letzten und entscheidenden Kampf gegen sie. Aber wir wis-
sen, daß nach all den Qualen, Plagen und Nöten, die der Krieg verursacht
hat, jetzt, wo die Massen in der ganzen Welt für die Demobilisierung
kämpfen, wo sie sich betrogen fühlen und verstehen, wie unglaublich
schwer die Steuerlasten sind, die die Kapitalisten auf sie abwälzen, die
Millionen und aber Millionen Menschen nur um größerer Profite willen
in den Tod geschickt haben - wir wissen, daß die Stunde dieser Räuber
geschlagen hat!
Jetzt, wo das Wort „Sowjet“ für alle verständlich geworden ist, jetzt
Ober die Gründung der Kommunistischen Internationale
499
ist der Sieg der kommunistischen Revolution gesichert. Die Genossen hier
in diesem Saal haben gesehen, wie die erste Sowjetrepublik gegründet
wurde, jetzt sehen sie, wie die III., die Kommunistische Internationale
gegründet worden ist (Beifall) , sie alle werden sehen, wie die Föde-
rative Weltrepublik der Sowjets gegründet werden wird. (Beifall.)
Ein kurzer Zeitungsbericht wurde
am 7. März 1919 in der
„ Prawda “ Nr. 52 veröffentlicht.
Zuerst vollständig veröffentlicht im Mai 1919.
Nach dem Stenogramm.
500
NOTIZ ÜBER DIE REORGANISATION
DER STAATLICHEN KONTROLLE 160
ANJ. W. STALIN
Meines Erachtens muß im Dekret über die Kontrolle etwas ergänzt
werden über:
1 . die Schaffung eines zentralen Organs (und örtlicher Organe) für die
Mitarbeit der Arbeiter,
2. die gesetzliche Festlegung der systematischen Teilnahme von Ver-
trauensleuten aus der proletarischen Bevölkerung, wobei unbedingt bis
zu 2 4 Frauen teilnehmen müssen,
3. als nächste Aufgaben sofort in den Vordergrund zu rücken:
a ) fliegende Revisionen auf Grund von Beschwerden der Bevölkerung,
ß) Kampf gegen Amtsschimmel,
y) revolutionäre Kampfmaßnahmen gegen Übergriffe und Amtsschim-
mel,
S) besondere Aufmerksamkeit ist auf die Steigerung der Arbeitspro-
duktivität und
e ) die Erhöhung der Menge der Produkte usw. zu lenken.
Geschrieben am 8. März 1919.
Zuerst veröffentlidtt 1928.
Nach dem Manuskript.
ANMERKUNGEN
503
1 Die gemeinsame Sitzung des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees. des
Moskauer Sowjets, der Betriebskomitees und der Gewerkschaften Moskaus
vom 29. Juli 1918 wurde im Zusammenhang mit der schweren Lage ein-
berufen, in die die Sowjetrepublik geraten war, weil die ausländische militä-
rische Intervention und die weißgardistischen Putsche sie von ihren wichtig-
sten Nahrungsmittel-, Rohstoff- und Brennstoffgebieten abgeschnitten hatten.
In dieser gemeinsamen Sitzung wurde die zum Referat Lenins von der kom-
munistischen Fraktion eingebradhte Resolution einstimmig angenommen. 1
2 Lenin meint den Artikel „Französische Millionen“, der am 28. Juni 1918 in
dem 1918und 1919 inMoskau erschienenen Zentralorgan der tschechoslowaki-
schen kommunistischen Gruppe „Prükopnik Svobody“ (Pionier der Freiheit)
veröffentlicht wurde; am gleichen Tage wurde der Artikel in der „Prawda“ und
auszugsweise in den „Iswestija WZIK“ (Nachrichten des Gesamtrussischen
ZEK) abgedrudct. 2
3 Lenin meint den von den linken Sozialrevolutionären am 6. Juli 1918 zur
Zeit der Tagung des V. Gesamtrussischen Sowjetkongresses in Moskau an-
gezettelten konterrevolutionären Putsch. Der Putsch wurde innerhalb eines
Tages niedergeschlagen. 4
4 Dasdmakzutjun (Dasdmaken) - armenische bürgerlich-nationalistische Organi-
sation, die in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstand und die
Interessen der armenischen Bourgeoisie verteidigte; sie entfachte nationalen
Hader zwischen den Völkern, betrieb eine Politik der nationalen Isolierung
Armeniens und wollte so die Massen des armenischen Volkes von der gesamt-
russischen revolutionären Bewegung fernhalten.
33 Lenin. Werke, Bd.
504 Anmerkungen
In den Jahren 1918-1920 standen die Dasdmaken an der Spitze der bürger-
lich-nationalistischen Regierung Armeniens und verwandelten das Land in
einen Stützpunkt der englisdien und französischen Interventen und der russi-
schen Weißgardisten im Kampf gegen die Sowjetmacht.
Die Daschnakenregierung wurde im November 1920 durch den bewaffneten
Aufstand der Werktätigen Armeniens mit Hilfe der Roten Armee gestürzt. 4
5 In der außerordentlichen Sitzung des Bakuer Sowjets vom 25. Juli 1918 wurde
die politische und militärische Lage in Baku angesichts des Vormarsches der
türkischen Truppen erörtert. Auf dieser Sitzung war es den Dasehnaken.
Menschewiki und Sozialrevolutionären trotz der entschiedenen Proteste der
Bolschewiki. die an der Spitze der Sowjetmacht in Baku standen, gelungen, mit
geringfügiger Stimmenmehrheit eine Resolution des Inhalts durchzubringen,
englische Truppen nach Baku „zu Hilfe“ zu rufen.
Obgleich die Bolschewiki auf der Sitzung des Bakuer Sowjets nach der
Annahme dieser Resolution erklärt hatten, daß sie von ihren Posten als Volks-
kommissare zurücktreten, setzten sie den Kampf fort und verteidigten die
Sowjetmacht. Auf der außerordentlichen Sitzung des Exekutivkomitees des
Bakuer Sowjets am 26. Juli 1918 wurde beschlossen, daß alle Volkskommissare
bis zur endgültigen Entscheidung der Mächtfrage auf ihren Posten verbleiben.
Die am 27. Juli tagende Konferenz der Bolschewiki von Baku beschloß, die
Verteidigung Bakus unter : der Leitung des Rats der Volkskommissare zu
organisieren, die allgemeine Mobilmachung zu verkünden und die Arbeiter
zur Verteidigung der Stadt und der Sowjetmacht aufzurufen, Der Bakuer Rat
der Volkskommissare führte eine Reihe Maßnahmen zur Erfüllung dieses
Beschlusses durch.
Unter dem Ansturm der äußeren Feinde und infolge der inneren Umstände
wurde die Sowjetmacht in Baku am 31. Juli 1918 vorübergehend gestürzt.
Am 1. August bildeten die Sozialrevolutionäre, Menschewiki und Daschnaken
eine konterrevolutionäre Regierung - die sogenannte „Diktatur des Zentralen
Kaspischen Gebiets". Diese sandte sofort ihre Vertreter in den Iran, um die
Engländer herbeizurufen, und am 4. August landete in Baku eine Abteilung
britischer Truppen.
In diesen kritischen Tagen befanden sich die Bakuer Kommunisten unter
den Arbeitermassen. Sie erläuterten den Werktätigen die Lage und entlarvten
die verräterische Politik der Sozialrevolutionäre. Menschewiki und Daschnaken.
Die Bakuer Kommunisten hatten jedoch nicht genügend Kräfte und Möglich-
keiten, um die politische Situation grundlegend zu ändern. Baku wurde von den
türkischen Truppen eingenommen.
In der Nacht vom 19. zum 20. September 1918 wurden die 26 Funktionäre
Anmerkungen
505
der Bakuer Kommune, die als die 26 Bakuer Kommissare in die Geschichte ein-
gegangen sind (S. G. Schaumian, P. A. Dshaparidse, M. A. Asisbekow, I. T.
Fioletow, J. D. Sewin, G. N. Korganow. M. G. Wesirow und andere), unter
unmittelbarer Mithilfe der Sozialrevolutionäre und Menschewiki in der Sand-
wüste Transkaspiens von den englischen Interventen bestialisch ermordet. 6
6 Gemeint ist der weißgardistische Putsch in Jaroslawl, der am 6. Juli 1918 be-
gann. Organisiert wurde der Putsch von dem konterrevolutionären „Bund zur
Verteidigung von Freiheit und Vaterland“, an dessen Spitze der rechte Sozial-
revolutionär B. Sawinkow stand. Der Jaroslawler Putsch war ebenso wie die
anderen konterrevolutionären Aufstände, die damals in Sowjetrußland statt-
fanden. von den Imperialisten der Entente bei aktiver Teilnahme der Mensche-
wiki und Sozialrevolutionäre vorbereitet worden. Am 21. Juli 1918 wurde der
Putsch von Abteilungen der Roten Armee unterdrückt. 11
7 Gemeint ist das am 11. Juni 1918 vom Gesamtrussischen ZEK bestätigte
„ Dekret über die Organisierung und Versorgung der Dorfarmut". 12
8 Durch das Dekret des Rats der Volkskommissare vom 28. Juni 1918 wurde
die gesamte Großindustrie nationalisiert. 14
8 Die Konferenz der Vorsitzenden der Couvemementssomjets tagte vom 30. Juli
bis zum 1. August 1918 in Moskau. Es nahmen 122 Delegierte daran teil. In
der Abendsitzung des 30. Juli hielt Lenin im Namen des Rats der Volkskom-
missare eine Begrüßungsansprache. Die Konferenz faßte Beschlüsse zu Fragen
des Sowjetaufbäüs und rief alle Arbeiter und Bauern zur Verteidigung des
sozialistischen Vaterlands zu den Waffen. 20
10 Die Verfassung (Grundgesetz) der Russischen Sozialistischen Föderativen So-
wjetrepublik ■wurde vom V. Gesamtrussischen Sowjetkongreß am 10. Juli 1918
beschlossen und am 19. Juli 1918 als Grundgesetz veröffentlicht, das mit seiner
Bekanntgabe in Kraft trat
Der Entwurf der Verfassung war von einer am 1. April 1918 vom Gesamt-
russischen ZEK eingesetzten Kommission ausgearbeitet worden. Der Arbeit der
Kommission lagen die von Lenin verfaßte „Deklaration der Rechte des werk-
tätigen und ausgebeuteten Volkes“ und die auf dem III. Gesamtrussischen So-
wjetkongreß zu dem Referat J. W. Stalins im Januar 1918 angenommene Reso-
lution „Über die föderativen Institutionen der Republik Rußland“ zugrunde.
Der von der Kommission des Gesamtrussischen ZEK vorgelegte Verfassungs-
entwurf wurde am 3; Juli 1918 von einer Kommission des ZK der KPR(B)
unter Lenins Vorsitz erörtert und danach dem V. Gesamtrussischen Sowjet-
kongreß zur Bestätigung empfohlen. 21
506
Anmerkungen
11 Die Kundgebung des Warschauer revolutionären Regiments, auf der Lenin
. sprach, fand Freitag, den 2. August 1918, abends in den Räumen des ehe-
maligen Kommerziellen Instituts (des heutigen Moskauer Plechanow-Instituts
für Volkswirtschaft) im Stadtbezirk Samoskworetschje statt. 24
n Das Moskauer Komitee der KPR(B) veranstaltete 1918 jeden Freitag in allen
Stadtbezirken Moskaus Großkundgebungen. Auf vielen dieser Kundgebungen
sprach Lenin, Auf den Kundgebungen vom 2. August 1918 wurde zu dem
Thema gesprochen: „Die Sowjetrepublik ist in Gefahr“. Die Kundgebung im
Butyrki-Stadtbezirk, auf der Lenin sprach, fand in der Sykowskajastraße (jetzt
Krasnoarmejskajastraße) 3-5 statt. 27
43 Diese Thesen lagen den Dekreten zur Emährungsfrage zugrunde, die in den
Sitzungen des Rats der Volkskommissare am 3„ 4., 5. und 6. August 1918
erörtert und beschlossen wurden. Zu den Entwürfen der Dekrete machte Lenin
Verbesserungs- und Ergänzungsvorschläge. 31
14 Der von Lenin verfaßte Entwurf eines Beschlusses über die Aufnahme in die
Hochschulen der RSFSR wurde vom Rat der Volkskommissare am 2, August
1918 bestätigt. 34
15 Gemeint ist die „ Sorojetskaja Gaseta" (Sowjetzeitung), Organ des Kreisexeku-
tivkomitees von Jelez, Gouvernement Orjol, die vom 16. Mai 1918 bis 2. März
1919 erschien. 35
16 Das Gesetz über die Sozialisierung des Grund und Bodens wurde am
18. (31.) Januar 1918 vom III. Gesamtrussischen Sowjetkongreß, der vom
10. bis 18. (23. bis 31.) Januar 1918 tagte, angenommen und am 19. Februar
1918 veröffentlicht. Lenins Einschätzung dieses Gesetzes siehe im vorliegenden
Band, S. 308-310. 36
47 Die Kundgebung im Moskauer Stadtbezirk Sokolniki, auf der Lenin sprach,
fand am Freitag, dem 9. August 1918, abends im Sokolnitscheski Krug (Platz
in Sokolniki) statt. An diesem Tag wurde auf den Kundgebungen zu dem
Thema gesprochen: „Das fünfte Jahr des Weltgemetzels“. 38
48 Lenin meint die von konterrevolutionären Truppenteilen des tschechoslowa-
kischen Korps eingenommenen Städte und Bezirke, in denen sich unter Teil-
nahme der Menschewiki und Sozialrevolutionäre weißgardistische Regierungen
gebildet hatten, die mit unmenschlicher Grausamkeit gegen die werktätige
Bevölkerung vorgingen. 42
49 Lenin meint den Beschluß des Rats der Volkskommisssire vom 6. August 1918
über die Erhöhung der festen Beschaffungspreise für Getreide der Ernte von
1918 auf das Dreifache. 44 -
Anmerkungen
507
20 Dieser Entwurf liegt einem am 17. August 1918 mit der Unterschrift W. I.
Lenins an alle Deputiertensowjets und Komitees für Emährungsfragen der
Gouvernements versandten Telegramm zugrunde, das im August 1918 ver-
öffentlicht wurde. 45
21 Die Komitees der Dorf amtut wurden durch ein Dekret des Gesamtrussischen
ZEK vom 11. Juni 1918 »Ober die Organisierung und Versorgung der Dorf-
armut“ gegründet. Auf Beschluß des VL Gesamtrussischen Außerordentlichen
Sowjetkongresses (November 1918) verschmolzen die Komitees der Dorfarmut,
nachdem sie ihre Aufgaben erfüllt hatten, mit den Dorfsowjets. 45
22 Gemeint ist der Beschluß des Rats der Volkskommissare vom 6. August 1918
über die Erhöhung der festen Beschaffungspreise für Getreide und das De-
kret „Über die Versorgung der Landwirtschaft mit Produktionsinstrumenten
und Metallen“. Dieses Dekret war am 24. April 1918 von Lenin unterzeichnet
und am 27. April 1918 veröffentlicht worden. Den Entwurf dieses Dekrets
hatte Lenin redigiert und ergänzt. 45
23 In der Sitzung des Moskauer Komitees der KPR(B) vom 16. August 1918
wurde auf Initiative Lenins die Organisierung von Gruppen Sympathisierender
erörtert. Lenin sprach zweimal in der Diskussion. Auf Grund der Vorschläge
Lenins wurde beschlossen, mit der Gründung solcher Gruppen zu beginnen
und Satzungen für diese Organisation auszuarbeiten. 46
24 Der „Brief an die amerikanischen Arbeiter’ wurde im Dezember 1918 in ge-
kürzter Form in einer Zeitschrift veröffentlicht, die von den auf internatio-
nalistischen Positionen stehenden Sozialisten in New York herausgegeben
wurde, und erschien danach als Abdrude aus dieser Zeitschrift in Broschüren-
form; dieser Brief wurde viele Male in amerikanischen Zeitungen und Zeit-
schriften abgedruckt. 48
25 Siehe N. G. Tsdiemyschewskis Rezension des Buches von H. Ch. Carey „Poli-
tisch-ökonomische Briefe an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von
Amerika" (N. G. Tsdiemyschewski, Ausgewählte ökonomische Schriften, Bd. II,
Moskau 1948, S. 550. russ.). 55
26 „ Appeal to Reason" (App dl an die Vernunft) - Zeitung amerikanischer Sozia-
listen; wurde im Jahre 1895 im Staat Kansas (USA) gegründet; verfocht im
ersten Weltkrieg den Standpunkt der Internationalisten. 57
27 Im Frühjahr (Mai- Juni) 1917 war in den französischen Truppen eine revolu-
tionäre Protestbewegung gegen die Fortsetzung des imperialistischen Krieges
entstanden. Mit Hilfe der Sozialchauvinisten - der rechten Sozialisten und
508
Anmerkungen
Syndikalisten - gelang es der Regierung, die revolutionäre Bewegung in der
Armee zu unterdrücken. Nach Unterdrückung des Aufstands beschuldigte die
französische Regierung den Innenminister Louis-Jean Malvy, die „Defätisten“
nicht energisch genug bekämpft zu haben, und er wurde vor Gericht gestellt. 69
28 Gemeint ist der Pope Gapon, ein Agent der Ochrana, der am 9. Januar 1905
zu Provokationszwecken einen friedlichen Umzug der Arbeiter zum Winter-
palast veranstaltete, wobei dem Zaren eine Petition überreicht werden sollte.
Auf Befehl des Zaren eröffneten die Truppen das Feuer auf die unbewaffneten
Arbeiter. Der 9. Januar war der Beginn der Revolution von 1905-1907. 71
29 Der I. Gesamtrussische Kongreß für Bildungsmesen tagte vom 26. August bis
4. September 1918 in Moskau. Am Kongreß nahmen Delegierte der Abtei-
lungen für Volksbildung. Lehrer und im Bildungswesen sowie auf kulturellem
Gebiet Beschäftigte teil. Der Kongreß wählte Lenin, zum Ehrenvorsitzenden
und sandte ihm eine' Einladung. Am dritten Kongreßtag, dem 28. August 1918,
hielt Lenin dort eine Rede. 72
30 Die Rede zum Thema „Zweierlei Macht (Diktatur des Proletariats und Dikta-
tur der Bourgeoisie)" hielt Lenin im Moskauer Basmanny-Stadtbezirk (heute
Bauman-Bezirk) im Gebäude der Getreidebörse. 77
31 Die Kundgebung im ehemaligen Michelson-Werk (heute Wladimir-Iljitsch-
Werk) im Moskauer Stadtbezirk Samoskworetschje fand in einer Werkhalle
statt. Lenin hatte sich sofort nach seiner Rede im Basmanny-Stadtbezirk zu
dieser Kundgebung begeben und sprach vor den Werkarbeitern zum Thema
„Zweierlei Macht (Diktatur des Proletariats und Diktatur der Bourgeoisie)“.
Als Lenin um 19.30 Uhr die Kundgebung verließ, wurde im Hof des Werkes ein
hinterhältiger Anschlag auf sein Leben verübt: die Terroristin F. Kaplan, eine
Sozialrevolutionärin, brachte ihm durch Revolverschüsse zwei schwere Wun-
den bei. 79
32 Simbirsk wurde von der Roten Armee am 12. September .1918 eingenommen.
Vorliegendes Telegramm hat W. I. Lenin an W. W. Kuibyschew für die
Kämpfer der 1. Armee gerichtet, die ihm folgendes Telegramm gesandt hatten:
„Lieber Wladimir Iljitsch! Die Einnahme Ihrer Heimatstadt ist die Antwort auf
die eine Ihrer Wunden, und die Antwort auf ehe zweite wird Samara sein !"
Lenins Telegramm wurde in einer Versammlung vor Rotarmisten und Abei-
tern Petrograds verlesen. 83
33 Beim „ Schreiben an das Präsidium der Konferenz der proletarischen kulturellen
Aufklärungsorganisationen " handelt es sich um die Atwort Lenins auf das
von der Konferenz an ihn gerichtete Grußschreiben.
Anmerkungen
Die erste Gesamtrussische Konferenz der proletarischen kulturellen Aufklä-
rungsorganisationen fand vom. 15. bis 20. September 1918 in Moskau statt.
Lenins Schreiben wurde in der fünften Sitzung der Konferenz, am 19. Sep-
tember 1918, verlesen. 84
34 Lenins Brief an die Rotarmisten, die an der Hinnahme von Kasan teilgenom-
men haben, wurde den Rotarmisten der Garnison von Swijashsk verlesen. 89
35 Dieses Schreiben. wurde in der auf Vorschlag Lenins im Zusammenhang mit
der politischen Krise in Deutschland einberufenen gemeinsamen Sitzung des
Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees und des Moskauer Sowjets mit
Vertretern der Betriebskomitees und der Gewerkschaften am 3. Oktober 1918
verlesen. 90
36 „ The Socialist Reviem" - Monatsschrift, Organ der reformistischen Unabhän-
gigen Arbeiterpartei Englands ; erschien in London von 1908 bis 1934. 94
37 Fabier - Mitglieder der „Gesellschaft der Fabier“, einer reformistischen Organi-
sation, die 1884 in England gegründet wurde. Eine Einschätzung der Fabier
siehe in den Arbeiten Lenins: „Vorwort zur russischen Übersetzung des
Buches .Briefe und Auszüge aus Briefen von Joh. Phil. Becker, Jos. Dietzgen,
Friedrich Engels, Karl Marx u. A. an F„ A. Sorge und Andere' “ (Werke, Bd. 12,
S. 368/369), „Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der russischen
Revolution“ (Werke, Bd. 15, S. 170/171). „Der englische Pazifismus und die
englische Abneigung gegen die Theorie“ (Werke, Bd. 21, S. 258/259) u. a. 96
38 Unabhängige - Mitglieder der 1893 gegründeten Unabhängigen Arbeiterpartei
Englands (Independent Labour Party). An der Spitze der Partei standen James
Keir Hardie, R. MacDonald und andere. Die Unabhängige Arbeiterpartei, die
den Anspruch auf politische Unabhängigkeit von den bürgerlichen Parteien
erhob, war in Wirklichkeit „ .unabhängig - nur vom Sozialismus, aber vom Libe-
ralismus sehr abhängig“ (Lenin). 96
39 Gemeint sind die Äußerungen von K. Mars im Brief an L. Kugelmann vom
12. April 1871 (siehe Karl Marx/Friedrich Engels. Werke, Bd. 33. Berlin 1966,
S. 205) und in der Rede auf einer Kundgebung in Amsterdam nach Abschluß
der Arbeiten des Haager Kongresses am 8. September 1872 (siehe die Brüsse-
ler Zeitung „La Liberte" vom 15. September 1872 oder Karl Marx/Friedrich
Engels. Werke, Bd. 18, Berlin 1964, S. 160). Siehe darüber auch im Vorwort
von Friedrich Engels zur englischen Ausgabe des ersten Bands des „Kapitals“
von Karl Marx (Karl Marx, „Das Kapital“. Bd. I. Berlin 1961, S. 28, oder Karl
Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 23. Berlin 1962. S. 40) und in der Schrift
W. I. Lenins „Staat und Revolution“ (Werke. Bd. 25. S. 427/428). 97
40 Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 19, Berlin 1962, S. 7. 97
510
Anmerkungen
41 Siehe Karl Marx/Friedrich Engels. Werke, Bd. 33, Berlin 1966, S. 164. 99
43 Siehe Friedrich Engels. „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft
(,Anti-Dühring')". in Karl Manc/Friedrich Engels, Werke, Bd. 20. Berlin 1962.
5. 171. 99
43 J Zimmermalder “ - Anhänger der auf der ersten Internationalen Sozialistischen
Konferenz in Zimmerwald (Schweiz) organisierten Vereinigung: die Konferenz
tagte vom 5. bis 8. September 1915. Ober die Zimmerwalder Konferenz siehe
die Artikel W. I. Lenins „Ein erster Schritt“ und „Die revolutionären Marxisten
auf der Internationalen Sozialistischen Konferenz vom 5.-8. September 1915“
(Werke. Bd. 21. S. 389-395 und 396-400). 100
44 Die gemeinsame Sitzung des Gesamtrussisdten Zentralexekutivkomitees, des
Moskauer Sowjets, der Betriebskomitees und der Gewerkschaften am 22. Ok-
tober 1918 im Säulensaal des Hauses der Gewerkschaften war angesetzt wor-
den, um Probleme der internationalen Lage und die Einberufung des VI. Ge-
samtrussischen Außerordentlichen Sowjetkongresses zu beraten. Den Bericht
über die internationale Lage, das erste Referat nach seiner Genesung, hielt
Lenin. In der Sitzung wurde eine von Lenin entworfene Resolution angenom-
men (siehe den vorliegenden Band, S. 119-121), die dann vom VI. Sowjet-
kongreß zu Lenins Bericht über che internationale Lage mit unbedeutenden
Änderungen bestätigt wurde. 104
45 Unabhängige Sozialdemokratisdte Partei DeutsMands - im April 1917 ge-
gründete zentristische Partei
Im Oktober 1920 kam es auf dem Parteitag der Unabhängigen Sozialdemo-
kratischen Partei in Halle zur Spaltung. Ein beträchtlicher Teil der Partei ver-
einigte sich im Dezember 1920 mit der Kommunistischen Partei Deutschlands.
Die rechten Elemente bildeten eine eigene Partei und behielten die alte Bezeich-
nung USPD beL 1922 schlossen sie sich wieder der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands an. 105
46 Die Italienische Sozialistische Partei wurde 1892 als „Partei der italienischen
Arbeiter" gegründet und 1893 in „Italienische Sozialistische Partei" umbenannt.
Nach dem Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Rußland ver-
stärkte sich der linke Flügel in der Italienischen Sozialistischen Partei. Im
Januar 1921, auf dem Parteitag in Livorno, brachen die Linken mit der
Sozialistischen Partei, beriefen einen egenen Parteitag ein und gründeten die
Kommunistische Partei Italiens. 106
47 Lenin meint den Parteitag der französischen Sozialistischen Partei, der vom
6. bis 11. Oktober 1918 in Paris tagte. 106
Anmerkungen
511
48 Es handelt sich um folgende drei englische Parteien: Britische Sozialistische
Partei, Sozialistische Arbeiterpartei und Unabhängige Arbeiterpartei
Die Britisdie Sozialistisdie Partei (British Sodalist Party) wurde 1911 in
Manchester gegründet. Die Partei trieb Propaganda und Agitation im Geiste
des Marxismus und war eine Partei, „die nicht opportunistisch, sondern von
den liberalen mirklidt unabhängig ist“ (Lenin). Ihre zahlenmäßige Schwäche
und ihre Losgelöstheit von den Massen verliehen ihr einen gewissen sektiere-
rischen Charakter.
Während des ersten Weltkriegs bildeten sich in der Partei zwei Richtungen
heraus: eine offen sozialchauvinistische unter der Führung von Hyndman und
eine internationalistische unter der Führung von A. Inkpin und anderen. Im
April 1916 spaltete sich die Partei. Hyndman und seine Anhänger blieben in
der Minderheit und traten aus der Partei aus. Seitdem hatten die internatio-
nalistischen Elemente in der BSP die Führung inne. Die Britische Sozialistische
Partei ergriff die Initiative zur Gründung der Kommunistischen Partei Groß-
britanniens im Jahre 1920.
Die Sozialistisdie Arbeiterpartei (Socialist Labour Party) - eine revolu-
tionäre marxistische Organisation, wurde in Schottland aus dem hauptsäch-
lich aus Schotten bestehenden linken Flügel der Sozialdemokratischen Födera-
tion (Social Democratic Federation) gebildet, der sich 1903 von dieser ab-
gespalten hatte. Mit der Verstärkung der Streikkämpfe im Jahre 1911 nahm die
Sozialistisdie Arbeiterpartei aktiv an Amen teil und spielte im ersten Weltkrieg
bei der Organisierung der „Shop Stewards Committees“ (Komitees der Betriebs-
obleute) eine große Rolle.
Die bewußtesten Mitglieder der SLP beteiligten sich 1920 aktiv an der
Gründung der Kommunistischen Partei Großbritanniens.
Über die Unabhängige Arbeiterpartei (Independent Labour Party) siehe An-
merkung 38. 106
49 Gemeint ist die vom III. spanischen Sozialistenkongreß und vom VIII. Kon-
greß der spanischen Arbeiter beschlossene Übersendung von Solidaritäts-
schreiben an die Sowjetrepublik 107
50 Gemeint ist die Tageszeitung „La Victoire", die ab 1916 in Paris unter der
Redaktion von Gustave Herve erschien. 111
51 Lenin meint den an der deutschen Ostfront geschaffenen Revolutionsrat, der
die Zeitung „Der rote Soldat" herausgab. 114
52 Die Festsitzung des Gesamtrussischen Zentralrats und des Moskauer Rats der
Gewerkschaften am 6. November 1918 fand in Moskau im Säulensaal des
Hauses der Gewerkschaften statt An der Sitzung nahmen zahlreiche Vertreter
aller Berufsverbände teil. 123
512
Anmerkungen
53 Der VI. Gesamtrussische Außerordentliche Kongreß der Sowjets der Arbeiter-,
Bauern-, Kosaken- und Rotarmistendeputierten tagte in Moskau vom 6. bis
9. November 1918. Lenin wurde zum Ehrenvorsitzenden des Kongresses ge-
wählt.
Lenin sprach in der ersten Sitzung am 6.'November 1918 zum Jahrestag
der Sozialistischen Oktoberrevolution und in der zweiten Sitzung am 8. No-
vember über die internationale Lage. Der Kongreß bestätigte einstimmig die
von Lenin verfaßte und am 22. Oktober 1918 in der gemeinsamen Sitzung
des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, des Moskauer Sowjets, der Be-
triebskomitees und der Gewerkschaften angenommene Resolution. (Siehe den
vorhegenden Band, S. 119-121.)
Der Kongreß wandte sich an die Regierungen der mit Sowjetrußland im
Krieg stehenden Länder mit dem Angebot, Friedensverhändlungen aufzuneh-
men. 127
54 Der Gebietskongreß der Komitees der Dorfarmut des Nordgebiets fand vom
3. bis 6. November 1918 in Petrograd statt. In seiner Resolution beschloß der
Kongreß die Verschmelzung der Komitees der Dorfarmut mit den Dorf sowjets
und die Aufstellung von schlagkräftigen Regimentern aus den Reihen der Dorf-
armut. 135
65 Es handelt sich um den von W. I. Lenin und J. M. Swerdlow Unterzeichneten
Funkspruch „An alle Militärkommissare, militärischen Leiter, Armeebefehls-
haber, an alle Deputiertensomjets" anläßlich des Abbruchs der diplomatischen
Beziehungen mit Deutschland. (Siehe „Iswestija WZIK“ Nr. 243, 6. Novem-
ber 1918.) 143
50 Lenin meint die Entsendung russischer Truppen durch Nikolaus I. zur Unter-
stützung des österreichischen Kaisers bei der Unterdrückung der ungarischen
Revolution. 153
67 Lenin meint die Unterdrückung des polnischen Aufstands von 1863/1864
durch die zaristischen Truppen. 154
m „The Times" - eine der einflußreichsten Tageszeitungen konservativer Kreise
der englischen Bourgeoisie. 154
59 Gemeint ist die plötzliche Weigerung der holländischen Regierung, dem schon
unterwegs befindlichen bevollmächtigten Vertreter der RSFSR die Einreise
nach Holland zu gestatten, obwohl über den Austausch diplomatischer Ver-
tretungen eine Vereinbarung erzielt worden war und der Vertreter der RSFSR
vom holländischen Konsul in Moskau das Visum bereits erhalten hatte. 155
60 „L’Ecko de Paris" - extrem reaktionäre bürgerliche Tageszeitung; erschien in
Paris von 1884 bis 1938. 157
61 Internationale " — Wochenschrift einer Gruppe französischer Kommu-
nisten, die von 1918 bis 1919 in Moskau erschien. 157
62 „ The Manchester Guardian ' - englische bürgerliche Zeitung; wird seit 1821
in Manchester herausgegeben. 158
63 Die Delegiertenkonferenz der Komitees der Dorfarmut des Moskauer Gebiets,
in der Lenin am 8. November 1918 über die Aufgaben der Dorfarmut in der
Revolution sprach, wurde von der. Redaktion der Zeitung „Bednota" einbe-
rufen. 166
M Der I. Gesamtrussische Arbeiterinnenkongreß wurde vom ZK der KPR(B) ein-
berufen und fand vom 16. bis 21. November 1918 in Moskau statt. Am
Kongreß nahmen 1147 Frauen teil, die von den Fabriken, Werken und der
armen Bauernschaft delegiert worden waren. 175
85 Die vom Moskauer Komitee und vom Komitee des Presnja-Stadtbezirks der
KPR(B) einberufene Versammlung am 20. November 1918 fand im „Kind-Ars"
statt. Die Versammlung war einbenifen worden, um Lenin als Führer der
bolschewistischen Partei und Vorsitzenden der 'Sowjetregierung zu ehren. Auf
der Tagesordnung standen das Referat J.M. Swerdlows „W. I. Lenin als
Kämpfer für die III. Internationale" und andere Referate. 178
66 „Wolja Naroda" (Der Volkswille) - Tageszeitung, Organ des rechten Flügels
der Partei der Sozialrevolutionäre, wurde 1917 in Petrograd heräusgegeben
und im November 1917 verboten. Später erschien sie auch unter anderen
Namen; endgültig wurde sie im Februar 1918 verboten. 178
67 Lenin zitiert den Brief Pitirim Sorokins nach der „Prawda“ Nr. 251 vom
20. November 1918, wo als Quelle fälschlich die „Iswestija Sewero-Dwin-
skowo Ispolnitelnowo Komiteta“ (Nachrichten des Exekutivkomitees des
Gouvernements Nördliche Dwina) angegeben wurden. In Wirklichkeit war der
Brief am 29. Oktober 1918 in der Zeitung des Exekutivkomitees des Gouver-
nements Nördliche Dwina „Krestjanskije i Rabotschije Dumy“ (Gedanken der
Bauern und der Arbeiter) Nr. 75 erschienen. 180
68 Lenin meint die vom außerordentlichen Kongreß der Aktionäre der Moskauer
Volksbank am 16. November 1918 beschlossene Resolution. 188
69 Der „ Tag des roten Offiziers ' wurde veranstaltet, um die Aufmerksamkeit der
breiten werktätigen Massen auf die Erziehung sowjetischer Kommandeurkader
zu lenken. Am 24. November 1918, 14.00 Uhr. fand auf dem Roten Platz eine
Parade der Kommandeurschüler statt Nach der Parade marschierten die Kom-
mandeurschüler zum Sowjetplatz, wo Lenin vom Balkon des Moskauer Sowjets
eine Begrüßungsansprache hielt. 190
514
Anmerkungen
70 Die Versammlung der Bevollmäditiglen der Moskauer zentralen Arbeiterkon-
sumgenossenschaft fand vom 26. bis 27. November 1918 statt. In dieser Be-
richts- und Wahlversammlung wurde trotz des Widerstands der Menschewiki
und Sozialrevolutionäre ein neuer Vorstand auf Grund einer von der kom-
munistischen Fraktion vorgeschlagenen Liste gewählt. Lenin sprach am ersten
Tag, am Ende der Abendsitzung. 191
71 Gemeint ist der in der „Prawda“ Nr. 256 vom 26. November 1918 veröffent-
lichte Aufruf des ZK der Menschewiki mit dem Appell zu einer Kampagne
gegen die ausländische Einmischung in die russische Revolution. Diesen durch
die Erfolge der Sowjetmacht und die Entwicklung der revolutionären Bewegung
in Westeuropa erzwungenen „Umschwung“ des ZK der Menschewiki haben sie
jedoch nur in Worten vollzogen. In Wirklichkeit blieben die Menschewiki nach
wie vor unversöhnliche Feinde der Diktatur des Proletariats und unterstützten
in verschiedenen Gebieten des Landes (im Kaukasus, in der Ukraine, in Sibi-
rien u. a.) faktisch die Politik der ausländischen Imperialisten und der russi-
schen Weißgardisten in ihrem Kampf gegen die Sowjetrepublik.
Eine Kritik der damaligen Haltung der Menschewiki findet sich bei Lenin im
Entwurf einer Resolution des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees „Über
das Verbot einer menschewistischen Zeitung wegen Untergrabung der Landes-
verteidigung" (siehe den vorliegenden Band, S. 460/461) und in anderen Ar-
beiten. 193
72 Lenin meint die Beratung des Dekrets über die Konsumgenossenschaften im
Rat der Volkskommissare am 10. April 1918. Das Dekret wurde am 11. April
1918 vom Gesamtrussischen ZEK bestätigt und am 13. April 1918 in der
„Prawda" Nr. 71 veröffentlicht. Eine Einschätzung dieses Dekrets siehe in
Lenins Artikel „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“ (Werke, Bd. 27,
S. 245-247). 194
73 Gemeint ist das Dekret „Ober die Organisation der Versorgung’, das am
21. November 1918 vom Rat der Volkskommissare beschlossen und am
24. November 1918 in den „Iswestija WZIK“ Nr. 257 veröffentlicht wurde.
195
74 Das ZK der KPR(B) führte im Jahre 1918 zu den aktuellen politischen Fragen
Versammlungen des Parteiaktivs durch. Am 27. November 1918 beschäftigte
sich die Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter mit der Stellung des Prole-
tariats zur kleinbürgerlichen Demokratie. Das Referat zu diesem Thema hielt
Lenin. 197
75 Friedrich Engels’ Artikel JDie Bauemfrage in Frankreich und Deutschland“ er-
schien 1894 in der „Neuen Zeit“. (Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke,
Bd. 22, Berlin 1963, S. 483-505.) 198
Anmerkungen
515
76 Siehe Friedrich Engels, „Die Bauemfrage in Frankreich und Deutschland", in
Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 22, Berlin 1963, S. 499, 500/501. 198
77 Siehe Friedrich Engels, „Die Bauemfrage in Frankreich und Deutschland“, in
Karl Marx/Friedrich Engels. Werke. Bd. 22, Berlin 1963. S. 502/503. 199
78 Siehe Friedrich Engels. „Die Bauemfrage in Frankreich und Deutschland“, in
Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 22,' Berlin 1963, S. 503. 211
79 Lenin bezieht sich hier auf Marx’ Ausführungen in „Der Bürgerkrieg in Frank-
reich“. (Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 17, Berlin 1964, S. 340.)
212
89 Siehe Friedrich Engels, „Die Bauemfrage in Frankreich und Deutschland“, in
Karl Marx/Friedrich Engels. Werke, Bd. 22, Berlin 1963, S. 499. 213
81 Siehe Karl Marx/Friedrich Engels,, Werke, Bd. 36, Berlin 1967, S. 578, 589.
215
82 Gemeint ist die Resolution der Gesamtrussischen Konferenz der Angestellten-
verbände, die in der November-Dezember-Numaer 1918 (Nr. 11-12) des
„Westnik Slushaschtschewo“ (Mitteilungsblatt des Angestellten) veröffentlicht
wurde.: 222
83 „Sozial-Demokrat" - Zentralorgan der SDAPR; wurde als illegale Zeitung
vom Februar 1908 bis Januar 1917 herausgegeben; es erschienen 58 Num-
mern ; die erste in Rußland, die übrigen im Ausland, zunächst in Paris und
später in Genf. Im „Sozial-Demokrat" wurden über 80 Artikel und Notizen
Lenins veröffentlicht. Ab Dezember 1911 wurde der „Sozial-Demokrat“ von
W. I. Lenin redigiert. 227
84 „ Kommunist “ - Zeitschrift, die auf Lenins Anregung hin 1915 von der Redak-
tion der Zeitung „Sozial-Demokrat“ zusammen mit G. L. Pjatakow und J. B.
Bosch in Genf herausgegeben wurde. Es erschien eine Nummer (Doppelnum-
mer) mit drei Artikeln von Lenin: „Der Zusammenbruch der II. Internationale“,
„Die ehrliche Stimme eines französischen Sozialisten“ und „Imperialismus und
Sozialismus in Italien". (Siehe Werke, Bd. 21, S. 197-256, 352-360 und
361-371.)
Lenin beabsichtigte, den „Kommunist“ zu einem internationalen Organ der
linken Sozialdemokraten zu machen. Doch bald traten ernsthafte Meinungs-
verschiedenheiten zwischen der Redaktion des „Sozial-Demokrat“ undBucharin,
Pjatakow und Bosch zutage, die sich nach Erscheinen von Nummer 1/2 der
Zeitschrift zuspitzten. Angesichts der parteifeindlichen Haltung dieser Gruppe
erklärte die Redaktion des „Sozial-Demokrat“ auf Vorschlag Lenins, daß sie
516
Anmerkungen
eine weitere Herausgabe der Zeitschrift für unmöglich halte. Ab Oktober 1916
gab die Redaktion des „Sozial-Demokrat“ ihren „Sbornik Sozial-Demokrata“
heraus. 227
85 Gemeint ist die Broschüre „ Sozialismus und Krieg“, die im September 1915 in
russischer und deutscher Sprache herausgegeben und an die Delegierten der
Zimmerwalder Sozialistischen Konferenz verteilt wurde. In französischer
Sprache erschien die Broschüre 1916. 227
86 Das Basler Manifest über den Krieg wurde 1912 auf dem außerordentlichen
Kongreß der II. Internationale in Basel angenommen. (Über das Manifest siehe
W. I. Lenin, Werke, Bd. 21. S. 200-210 und 307/308.) 228
87 Siehe Karl Marx, »Kritik des Gothaer Programms“, in Karl Marx/Friedrich
Engels. Werke. Bd. 19, Berlin 1962, S. 28. 231
88 Siehe den Brief von Friedrich Engels an Bebel vom 18./28. März 1875, in Karl
Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 19, Berlin 1962, S. 6.
Weiter unten, auf S. 242 und S. 266, zitiert Lenin denselben Brief von
Friedrich Engels. (Siehe ebenda, S. 7 und 6.) 236
89 Diesen Gedanken äußerte Friedrich Engels in der „Einleitung“ zur Schrift von
Karl Marx „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, (Siehe Karl Marx/Friedrich Engels,
Werke, Bd. 17, Berlin 1964, S. 622.) 238
80 Vgl. Karl Marx/Friedrich Engels. Werke, Bd. 18. Berlin 1964, S. 308. 239
91 Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, „Vorwort zum .Manifest der Kommunisti-
schen Partei' (deutsche Ausgabe 1872)“, in Karl Marx/Friedrich Engels, Werke,
Bd. 18, Berlin 1964, S. 96. 239
92 Siehe Friedrich Engels, „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und
des Staats", in Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 21, Berlin 1962, S. 167.
242
93 Siehe Karl Marx, „Der Bürgerkrieg in Frankreich", in Karl Marx/Friedrich
Engels, Werke, Bd. 17, Berlin 1964, S. 625. 242
94 Siehe Friedrich Engels, „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und
des Staats“, in Karl Maix/Friedrich Engels, Werke, Bd. 21. Berlin 1962, S. 168.
242
95 Siehe Karl Marx/Friedridh Engels, Werke, Bd. 17, Berlin 1964. S. 339 und 340.
242
96 Gemeint ist das blutige Vorgehen der englischen Bourgeoisie gegen die Teil-
nehmer am irischen Aufstand im Jahre 1916, der gegen die Unterjochung Ir-
Anmerkungen
517
- lands durch England gerichtet war. „In Europa . . . kam es zum Aufstand in
Irland, dessen die .freiheitsliebenden" Engländer durdb Hinrichtungen Herr zu
werden suchten", schrieb Lenin 1916.
Ulster - nordöstlicher Teil Irlands, der vorwiegend von Engländern besiedelt
ist; die Ulstertruppen haben gemeinsam mit den englischen Truppen den Auf-
stand des irischen Volkes unterdrückt. 244
97 Shylock - Gestalt aus W. Shakespeares Komödie „Der Kaufmann von Vene-
dig“. 248
98 Vgl Karl Marx, „Der politische Indifferentismus“, in Karl Maix/Friedrich
Engels, Werke, Bd. 18, Berlin 1964, S. 300. 250
99 Vgl. Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd.18; Berlin 1964, S. 308. 250
100 Siehe Karl Marx/Friedrich Engels. Werke, Bd. 19, Berlin 1962, S. 7. 250 .
101 Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, Berlin 1964, S. 481. 259
102 Lenin meint die „Einleitung“ von Friedrich Engels zur Schrift von Karl Marx
„Der Bürgerkrieg in 'Frankreich". (Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke,
Bd. 17, Berlin 1964, S. 624.) 260
103 i, Lenins Broschüre „Die politischen Parteien in Rußland und die Aufgaben
des Proletariats “ wurde in englischer Sprache in „The New York Evening Post“
vom 15. Januar 1918 veröffentlicht und außerdem in New York als Broschüre
herausgegeben. 264
104 „The Nero York Evening Post" - bürgerliche amerikanische Zeitung; ge-
gründet 1801. Mehrere Jahre lang war sie ein Organ der liberalen Bourgeoisie.
Nachdem die Firma J. Pierpont Morgan diese Zeitung gekauft hatte, wurde sie
zum Organ der reaktionärsten imperialistischen Kreise der USA. Gegenwärtig
erscheint sie unter dem Namen „The New York Post“. 264
m Liberdan - ironischer Spitzname, der an den mensdiewistischen Führern
Liber und Dan sowie an ihren Anhängern haftenblieb, nachdem in der Mos-
kauer bolschewistischen Zeitung „Sozial-Demokrat" Nr. 141 vom 25. August
(7. September) 1917 ein Feuilleton von Demjan Bedny unter dem Titel „Liber-
dan“ erschienen war. 276
106 Lenin meint A. Bebels Rede vom 19. Oktober 1891 auf dem Erfurter Parteitag
der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. 277
107 „Frankfurter Zeitung " — bürgerliche Tageszeitung; erschien in Frankfurt am
Main von 1856 bis 1943. 278
518
Anmerkungen
m „Vorwärts“ - Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ;
wurde seit dem 1. Oktober 1876 in Leipzig herausgegeben, dann durch das
Sozialistengesetz verboten; erschien 1890-1933 (aus dem 1884 gegründeten
„Berliner Volksblatt“ neu hervorgegangen) in Berlin. Zu seinen Redakteuren
gehörte u. a. Wilhelm Liebknecht Friedrich Engels führte in der Zeitung einen
Kampf gegen alle Erscheinungsformen des Opportunismus. Anfang des 20. Jahr-
hunderts gelangte die Redaktion immer mehr unter den Einfluß revisionistischer
Kräfte, die jedoch 1905 aus der Redaktion („Vorwärts“-Konflikt) entfernt wur-
den. Mit dem Entstehen des Zentrismus in der deutschen Arbeiterbewegung
nahm auch der Einfluß der zentris tischen Kräfte auf den „Vorwärts“ zu. Wäh-
rend des imperialistischen Krieges 1914-1918 vertrat der „Vorwärts“ zunächst
einen sozialpazifistischen Standpunkt. Im Oktober 1916 wurde unter Bruch der
Statuten die Redaktion durch Sozialchauvinisten ersetzt und der „Vorwärts"
zum Sprachrohr des Sozialchauvinismus; nach der Großen Sozialistischen
Oktoberrevolution wurde er zu einem Zentrum der Antisowjetpropaganda. 278
109 Die Zintmerwälder Linke wurde auf Initiative Lenins auf der ersten Internatio-
nalen Sozialistischen Konferenz gebildet, die vom 5. bis 8. September 1915 in
Zimmerwald (Schweiz) stattfand. Lenin bezeichnete diese Konferenz als den
„ersten Schritt" in der Entwicklung der internationalen Bewegung gegen den
Krieg. Mit Lenin an der Spitze nahmen die Bolschewiki in der Gruppe der
Zimmerwalder Linken den einzig richtigen, bis zu Ende konsequenten Stand-
punkt ein. 283
110 Lenin zitiert die „Einleitung“ von Friedrich Engels zur Schrift von Karl Marx
„Der Bürgerkrieg in Frankreich“. (Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke,
Bd. 17, Berlin 1964, S. 616.) 284
111 Siehe Karl Marx, „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, in Karl Marx/Friedrich
Engels. Werke, Bd. 17, Berlin 1964, S. 338. 284
112 Spartakusleute - gemeint sind die deutschen Linken unter Führung von Karl
Liebknecht, Rosa Luxemburg. Franz Mehring, Clara Zetkin. Wilhelm Pieck
u. a., die sich bereits zu Beginn des imperialistischen Weltkriegs (1914-1918)
zur Gruppe „Internationale" zusammenschlossen. Diese Gruppe formierte sich
auf ihrer Reichskonferenz im Januar 1916 als „Spartakusgruppe“ und nahm
als Programm zur revolutionären Beendigung des Krieges die von Rosa Luxem-
burg und Karl Liebknecht entworfenen „Leitsätze über die Aufgaben der inter-
nationalen Sozialdemokratie" an. Die Spartakusgruppe, deren großes histori-
sches Verdienst darin besteht, den Grundstein für die Kommunistische Partei
Deutschlands gelegt zu haben, trieb unter den Massen revolutionäre Propa-
ganda und organisierte Massenaktionen gegen den imperialistischen Krieg: sie
Anmerkungen
519
entlarvte die Eroberungspolitik des deutschen Imperialismus und den Verrat
der opportunistischen sozialdemokratischen Führer. Sie war die ideologisch
führende Kraft unter den deutschen Linken. In wichtigen theoretischen und
politischen Fragen waren die Spartakusanhänger jedoch nicht frei von ernsten
Fehlem. Sie unterschätzten die Rolle der nationalen Frage im Imperialismus
sowie die Bauernschaft als Verbündeten des Proletariats. Die Unklarheit der
Spartakusgruppe über die Rolle einer selbständigen marxistischen Kampfpartei
der Arbeiterklasse äußerte sich darin, daß sie sich 1917 - wenn auch mit dem
Vorbehalt, ihre politisch-ideologische Selbständigkeit zu wahren - der zen-
tristischen USPD anschloß. Lenin hob die großen Verdienste der deutschen
Linken im Kampf gegen den imperialistischen Krieg stets hervor, übte aber
zugleich Kritik an ihren Fehlem, u. a. in seinen Schriften „Über die Junius-
Broschüre“ (siehe Werke, Bd. 22, S. 310-325) und „Das Militärprogramm der
proletarischen Revolution“ (siehe Werke, Bd. 23, S. 72-83). Die kamerad-
schaftliche Kritik half der Spartakusgruppe, sich den Leninschen Anschauungen
über den antiimperialistischen Kampf zu nähern. Auf ihrer Reichskonferenz
am 7. Oktober 1918 beschloß die Spartakusgruppe das Programm der heran-
nahenden Revolution, in der sie sich zusammen mit anderen Linken als einzige
ziel- und richtunggebende Kraft bewährte. Während der Novemberrevolution
1918 brach die Spartakusgruppe auch organisatorisch mit der USPD und grün-
dete Ende Dezember desselben Jahres die Kommunistische Partei Deutschlands
(Spartakusbund). 291
m Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke. Bd. 6. Berlin 1961, S. 107-109. 296
114 Nach dem provokatorischen Attentat der linken Sozialrevolutionäre auf
den deutschen Botschafter Mirbach und dem Putsch der linken Sozial-
revolutionäre am 6. und 7. Juli 1918 spalteten sich von der Partei der lin-
ken Sozialrevolutionäre zwei neue Parteien ab - die „Volkstümler-Kommu-
nisten“ und die „Revolutionären Kommunisten“. Die „Volkstümler-Kommuni-
sten“ verurteilten die sowjetfeindlichen Umtriebe der linken Sozialrevolutionäre
und gründeten auf einer Konferenz im September 1918 eine eigene Partei. Im
November 1918 beschlossen die „Volkstümler-Kommunisten“ auf ihrem Par-
teitag, die Partei aufzulösen und sich mit der Kommunistischen Partei der Bol-
schewiki zu verschmelzen.
Die „Revolutionären Kommunisten“ bestanden als zahlenmäßig kleine Par-
tei bis 1920. Im September 1920 beschlossen die „Revolutionären Kommu-
nisten", sich mit der KPR(B) zu vereinigen. Im Oktober 1920 gestattete das
ZK der KPR(B) den Parteiorganisationen, Mitglieder der ehemaligen Partei
der „Revolutionären Kommunisten“ in die KPR(B) aufzunehmen. 297
115 Heinrich 'Weber - Otto Bauer. 299
520
Anmerkungen
116 Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 33, Berlin 1966, S. 205. 301
117 Lenin meint die konterrevolutionären Kulakenaufstände im Juli 1918, die von
Sozialrevolutionären und Weißgardisten mit materieller Unterstützung und
auf Anweisung der englischen und französischen Imperialisten organisiert wur-
den. (Siehe den vorliegenden Band, S. 135/136.) 304
118 Blanquismus - Strömung in der französischen sozialistischen Bewegung, an
deren Spitze Louis-Auguste Blanqui (1805-1881) stand. Die Klassiker des
Marxismus-Leninismus sahen in Blanqui einen hervorragenden Revolutionär
und Streiter für den Sozialismus, kritisierten aber zugleich sein Sektierertum
und die verschwörerischen Methoden seiner Tätigkeit. In der „Einleitung“ zu
Marx’ Schrift „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ schrieb Engels über die Blanqui-
sten: „Großgezogen in der Schule der Verschwörung, zusammengehalten durch
die ihr entsprechende straffe Disziplin, gingen sie von der Ansicht aus, daß
eine verhältnismäßig kleine Zahl entschloßner, wohlorganisierter Männer im-
stande sei, in einem gegebnen günstigen Moment das Staatsruder nicht nur zu
ergreifen, sondern auch durch Entfaltung großer, rücksichtsloser Energie so
lange zu behaupten, bis es ihr gelungen, die Masse des Volks in die Revolu-
tion hineinzureißen und um die führende kleine Schar zu gruppieren.“ (Siehe
Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 22. Berlin 1963, S. 197.) 305
119 Lenin meint den Sozialrevolutionären Gesetzentwurf „Über die Regelung der
Agrarverhältnisse“, „Über den Pachtfonds“ u. a„ der auszugsweise in der So-
zialrevolutionären Presse im Oktober 1917 veröffentlicht wurde. „S. L. Maslows
Entwurf“, schrieb Lenin, „ist ein Entwurf ganz im Geiste der Gutsbesitzer, ge-
schrieben für eine Verständigung mit den Gutsbesitzern, für ihre Rettung.“
(Siehe den Artikel W. I. Lenins „Ein neuer Betrug der Partei der Sozialrevo-
lutionäre an den Bauern“, Werke, Bd. 26. S. 216-222.)
Die Verhaftungen von Mitgliedern der Bodenkomitees ließ die Provisorische
Regierung als Antwort auf die Bauernaufstände und die Inbesitznahme von
Gutsbesitzerländereien vornehmen. 306
120 Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 26, Zweiter Teil, Berlin 1967,
S. 39. 314
121 Die Thesen über die Konstituierende Versammlung siehe in W. I. Lenin,
Werke. Bd. 26. S. 377-381. 321
m Siehe Karl Marx/Friedrich Engels. Werke. Bd. 19, Berlin 1962, S. 6/7. 326
123 Gemeint ist das Buch von M. Ostrogorski „La Democratie et les Partis Politi-
ques“ (Die Demokratie und die politischen Parteien) ; die erste Ausgabe er-
schien 1903, die zweite, neu bearbeitet, 1912. 327
Anmerkungen
521
,,y ‘ Der Entwurf eines Beschlusses über die Ausnutzung der Staatlichen Kontrolle
wurde von Lenin am 3, Dezember 1918 in der Sitzung der vom Verteidigungs-
rat zu Fragen einer wirksamen Kontrolle geschaffenen Kommission vorgelegt.
Lenins Entwurf wurde der Entschließung der Kommission zugrunde gelegt. 328
125 Der III. Kongreß der Arbeitergenossenschaften tagte vom 6. bis 11. Dezem-
ber 1918 in Moskau. Lenin sprach am 9. Dezember in der Abendsitzung des
Kongresses. Die Verfechter der sogenannten „unabhängigen“ Genossenschaf-
ten (d. h. die unter dieser Flagge auftretenden Menschewiki und rechten So-
zialrevolutionäre) wollten den Kongreß bei der Arbeit stören, aber trotz ihres
Widerstands brach der III. Kongreß der Arbeitergenossenschaften mit den
bürgerlichen, sowjetfeindlichen „Unabhängigkeits“bestrebungen der Genossen-
schaften und sprach sich für die völlige Verschmelzung der Arbeitergenossen-
schaften mit den Sowjetorganisationen und für die Zusammenarbeit mit ihnen
aus. 331
'-° Gemeint sind die Parteien der „Volkstümler-Kommunisten“ und der „Revo-
lutionären Kommunisten", die sich von der Partei der linken Sozialrevolutio-
näre abgespalten hatten. 339
127 Der I. Gesamtrussische Kongreß der Landabteilungen, der Komitees der Dorf-
armut und der Kommunen fand vom 11. bis 20. Dezember 1918 in Moskau,
im Haus der Gewerkschaften, statt. Am Kongreß nahmen 550 Delegierte teil.
Lenin sprach in der Abendsitzung des 11. Dezember, am Eröffnungstag des
Kongresses. Der Kongreß beschäftigte sich hauptsächlich mit der Ausarbeitung
eines . Entwurfs von Bestimmungen für die sozialistische Flurregelung und von
Maßnahmen für den Übergang zur sozialistischen Landwirtschaft. (Die Be-
stimmungen wurden vom Gesamtrussischen ZEK im Februar 1919 bestätigt
und in Nr. 34 der „Iswestija WZIK“ vom 14. Februar 1919 veröffentlicht.) 341
128 Den „ Entwurf von Richtlinien für die Leitung der Sowjetinstitutionen'' hatte
Lenin zur Behandlung im Verteidigungsrat verfaßt. In seinem an eine Reihe
von Genossen gerichteten Begleitschreiben heißt es: „Ich bitte, diesen Entwurf,
den ich für den Verteidigungsrat vorgesehen habe, durchzulesen, den Genos-
sen zu zeigen und bis zum Sonnabend, dem 14. XII., Stellung zu nehmen;
Änderungen bitte schriftlich bis Sonnabend.“ 354
129 „Die Rote Fahne" - Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands
(Spartakusbund) - Tageszeitung, begründet von Karl Liebknecht und Rosa
Luxemburg; erschien ab 9. November 1918 in Berlin, war häufig Repressalien
ausgesetzt und wurde wiederholt verboten. Nach dem Verbot durch die Fa-
schisten im Februar 1933 erschien sie illegal erst in Berlin, 1934 bis 1935 vor-
522
Anmerkungen
wiegend im Saargebiet, 1935 bis 1936 in der Tschechoslowakei, 1936 bis 1939
in Frankreich und Belgien. 366
130 „Der Weckruf“ - Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschöster-
reichs; wurde in Wien von November 1918 bis 11. Januar 1919 herausge-
geben. 374
131 Siehe Karl Marx. »Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“, in Karl
Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, Berlin 1964, S. 85. 378
132 Der II. Gesamtrussische Kongreß der V otksmirtschaftsräte tagte in Moskau im
2. Haus der Sowjets.
Lenin sprach am sechsten Kongreßtag, am 25. Dezember, über die inter-
nationale Lage und die wirtschaftlichen Aufgaben der Sowjetrepublik. In einer
vom Kongreß zu Lenins Referat gefaßten Resolution wurde das Prinzip der
Einzelleitung beschlossen, d. h. die persönliche Verantwortung der leitenden
Funktionäre für die Arbeit der Betriebe und Verwaltungsorgane, denen sie
vorstehen. 382
133 Der Verteidigungsrat (Rat der Arbeiter- und Bauernverteidigung) wurde vom
Gesamtrussischen ZEK am 30. November 1918 zur Leitung aller mit der Ver-
teidigung an der Front und im Hinterland verbundenen Arbeiten geschaffen,
wie Organisierung und Ergänzung der Armee, Versorgung der Front mit Le-
bensmitteln, Waffen und Bekleidung, sowie zur entsprechenden Mobilisierung
aller Reserven des Landes für diese Zwecke. Im Beschluß des Gesamtrussischen
ZEK war festgelegt, daß der Rat der Arbeiter- und Bauernverteidigung in Aus-
führung des Dekrets des Gesamtrussischen ZEK vom 2. September 1918 ge-
schaffen wird, in dem die Sowjetrepublik zu einem Kriegslager erklärt worden
war. Aufgabe des Verteidigungsrats war es, im Emährungs- und Verkehrs-
wesen wie in der Rüstungsindustrie ein Militärregime einzuführen. Zum Vor-
sitzenden des Verteidigungsrats wurde W. I. Lenin ern ann t 389
134 „ Bednota " (Die Armut) - Tageszeitung für die Bauern; erschien in Moskau
vom 27. März 1918 bis 31. Januar 1931 und war auf Beschluß des ZK der
KPR(B) an Stelle der Zeitungen „Derewenskaja Bednota" (Die Dorfarmut),
„Derewenskaja Prawda“ (Präwda des Dorfes) und „Soldatskaja Prawda“ (Sol-
datenprawda) gegründet worden. 394
135 Das Zentralkomitee der Partei und der Verteidigungsrat schufen angesichts der
schweren Lage bei Perm am 1. Januar 1919 eine besondere Kommission, deren
Aufgabe es war, die Ursache der Übergabe Perms zu untersuchen und die
Lage am Frontabschnitt der 3. Armee wiederherzustellen. Der Kommission
gehörten F. E. Dzierzynski und J. W. Stalin an.
Anmerkungen
523
Bei W. I. Lenins Telegramm handelt es sich um die Antwort auf den von
J. W. Stalin und F. E. Dzierzynski erhaltenen „Kurzen vorläufigen Bericht über
die bisherige Untersuchung der Ursachen des Falls von Perm“. 399
136 Die gemeinsame Sitzung des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, des
Moskauer Sowjets und des Gesamtrussischen Gewerkschaftskongresses am
17. Januar 1919 wurde zur Erörterung der schweren Emährungslage einberufen.
Die Sitzung fand im Großen Theater statt. Lenin sprach als Referent der kom-
munistischen Fraktion des Gesamtrussischen ZEK. Der von Lenin im Namen
der Fraktion eingebrachte Entwurf für die grundlegenden Richtlinien zur Er-
nährungspolitik wurde in der gemeinsamen Sitzung einstimmig angenommen.
400
137 Gemeint sind die Verordnungen des Moskauer Sowjets vom 24. August und
des Petrograder Sowjets vom 5. September 1918, wonach Moskauer und Petro-
grader Arbeitern und Angestellten im Zusammenhang mit der schweren Er-
nährungslage gestattet wurde, anderthalb Pud Lebensmittel ausschließlich für
den eigenen Verbrauch ungehindert auf. der Bahn mit sich zu führen. Auf Be-
schluß des Rats der Volkskommissare behielten diese Verordnungen bis 1. Ok-
tober 1918 Gültigkeit. 406
138 Die Moskauer Stadtkonferenz der KPR(B) wurde am 18. Januar 1919 ein-
berufen, um die Beziehungen zwischen den zentralen Sowjetorganen und denen
der Bezirke zu erörtern. Die Konferenz nahm mit Stimmenmehrheit eine vom
Moskauer Komitee eingebrachte Resolution an, die die Verbesserung der prak-
tischen Arbeit der Sowjets zum Inhalt hatte, und wies entschieden die im Ent-
wurf einer parteifeindlichen Gruppe, an ihrer Spitze Ignatow, dargelegten
Forderungen zurück, den Rat der Volkskommissare aufzulösen und die Sowjet-
verfassung grundlegend zu ändern. 416
139 Der II. Gesamtrussische Kongreß der auf internationalistischen Positionen
stehenden Lehrer fand vom 12. bis 19. Januar 1919 in Moskau statt. Der Kon-
greß nahm mehrere Referate zu Fragen der Organisation einer einheitlichen
Arbeitsschule und der Vereinigung aller im Bildungswesen Beschäftigten ent-
gegen. In einer Resolution des Kongresses wurde die Gründung eines Verban-
des der im Bildungswesen und auf dem Gebiet der sozialistischen Kultur
Tätigen für notwendig erachtet. Lenin hielt auf dem Kongreß am 18. Januar
1919 im Namen des Rats der Volkskommissare eine Begrüßungsansprache.
418
140 Am 15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg von den
konterrevolutionären Nosketruppen im Auftrag der Regierung, an deren Spitze
524
Anmerkungen
die rechten Sozialdemokraten Ebert und Scheidemann standen, meuchlings er-
mordet. Aus diesem Anlaß faßte das ZK der KPR(B) einen Beschluß über die
Organisierung von Massendemonstrationen und Protestkundgebungen im gan-
zen Lande. Lenin sprach vom Balkon des Moskauer Sowjets zu den Demon-
stranten. 422
141 Der II. Gesamtrussische Gewerkschaftskongreß tagte vom 16. bis 25. Januar
1919 in Moskau im Haus der Gewerkschaften. Am Kongreß nahmen 648 De-
legierte mit beschließender Stimme teil, darunter 449 Kommunisten und Sym-
pathisierende; unter den übrigen Delegierten befanden sich linke Sozialrevo-
lutionäre. auf internationalistischen Positionen stehende Menschewiki und Bun-
disten. In der dritten Plenarsitzung des Kongresses, am Abend des 20. Januar
1919, sprach Lenin zu dem zentralen Punkt der Tagesordnung: die Aufgaben
der Gewerkschaften. 423
142 Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 2, Berlin 1962, S. 86. 431
143 „ Freiheit " - Berliner Organ der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutsch-
lands - Tageszeitung; erschien vom 15. November 1918 bis 30. September
1922 als Zentralorgan der USPD. bis 28. Februar 1919 unter dem Titel „Die
Freiheit“. 447
144 Lenin meint die bestialische Ermordung des bolschewistischen Arbeiters
I. A. Woinow am 6. (19.) Juli 1917, nach der Demolierung der Redaktion der
„Prawda“ in Petrograd durch Offiziersschüler. I. A. Woinow nahm in den
Julitagen an der Herausgabe des „Listok .Prawdy' “ (Blatt der „Prawda") teil
und wurde bei der Verteilung des „Listok“ auf der Schpalemajastraße (jetzt
Woinowstraße) ermordet. 447 ■
445 Der Aufstand der ukrainischen Arbeiter und Bauern gegen die deutschen
Okkupanten und ihren Günstling, den Hetman Skoropadski, erfolgte Novem-
ber-Dezember 1918. Am 14. Dezember floh Hetman Skoropadski aus Kiew,
am 3. Januar 1919 nahm die Rote Armee Charkow ein und am 5. Februar die
Hauptstadt der Ukraine. Kiew. 452
146 Dieses Schreiben wurde auf Anweisung Lenins an die Volkskommissariate für
Ernährungswesen und für Finanzen und an den Obersten Volkswirtschaftsrat
versandt. Die Frage der Genossenschaften und Verbraucherkommunen wurde
im Rat der Volkskommissare am 28. Januar 1919 behandelt. 456
147 Bei dem Telegramm an das Gouvemementsreoolutionskomitee von Ufa
handelt es sich um die Beantwortung einer Anfrage dieses Komitees, wie man
sich dem Vertreter der baschkirischen bürgerlich-nationalistischen Regierung
Chalikow gegenüber verheilten solle, der ins Gouvernementsrevolutionskomi-
Anmerkungen
525
tee zu Verhandlungen gekommen war.. Chalikow verlangte eine Amnestie für
die Baschkiren, die gegen die Sowjetmacht gekämpft hatten, und berichtete vom
Übergang der baschkirischen Truppen auf die Seite der Roten Armee. 45S
W8 Vorliegender Entwurf eines von Lenin aufgestellten Funkspruchs ist, vom
Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten G. W. Tschitscherin unter-
zeichnet. an das deutsche Auswärtige Amt gesandt worden. Es handelt sich
dabei um eine Antwort auf die vom Auswärtigen Amt am 19. Februar 1919
übermittelte Bitte, einer von der Berner Konferenz der II. Internationale ein-
gesetzten Sonderkommission die Einreise nach Rußland zu gestatten. Die Reise
der „prominenten Revisoren aus Bern“ (Lenin) nach Rußland fand nicht statt.
Eine Kritik der Berner Konferenz siehe in Lenins „Thesen und Referat über
bürgerliche Demokratie und Diktatur des Proletariats“. (Siehe den vorliegenden
Band, S. 481/482.) 459
149 Vorliegender Resolutionsentwurf lag einem vom Gesamtrussischen ZEK am
26. Februar 1919 einstimmig gefaßten Beschluß zugrunde. 460
150 Es handelt sich um die von Lenin in der Sitzung des Rats der Volkskommissare
am 30. Januar 1919 aufgeworfene Frage über die Lage im Bibliothekswesen in
der Sowjetrepublik. Durch den von Lenin verfaßten Beschluß des Rats der
Volkskommissare wurde das Volkskommissariat für Bildungswesen veipflichtet,
monatlich eine kurze Zusammenstellung über die Vergrößerung der Zahl der
Bibliotheken nnd Lesehallen sowie über das Anwachsen des Buchverleihs her-
auszugeben und dem Rat der Volkskommissare zuzustcllen. 465
151 Der I. Kongreß der Kommunistischen Internationale tagte vom 2. bis 6. März
1919 in Moskau. An ihm nahmen 52 Delegierte aus 30 Ländern teil, darunter
34 Delegierte mit beschließender Stimme und 18 mit beratender.
Das Referat zum Hauptpunkt der Tagesordnung des Kongresses - über
bürgerliche Demokratie und Diktatur des Proletariats - hielt Lenin am 4. März
1919 in der Nachmittagssitzung. Der Kongreß billigte die von Lenin ein-
gebrachten Thesen ohne Diskussion und überwies sie an das Büro des Exekutiv-
komitees der Komintern mit dem Auftrag, für eine weitestgehende Verbreitung
dieser Thesen zu sorgen, und bestätigte die von Lenin in Ergänzung der The-
sen vorgeschlagene Resolution (siehe den vorliegenden Band. S. 489). Die The-
sen wurden von Lenin in russischer Sprache geschrieben und sind dann ins
Deutsche übersetzt worden. Sämtliche Reden auf dem Kongreß hielt Lenin in
deutscher Sprache.
Auf Lenins Vorschlag wurde einstimmig beschlossen, die Zimmerwalder Ver-
einigung als aufgelöst zu betrachten. Der I. Kongreß bestätigte die Richtlinien
526
Anmerkungen
der Kommunistischen Internationale, das Manifest an das Proletariat der gan-
zen Welt sowie mehrere andere Resolutionen und Beschlüsse. Der Kongreß
beschloß, zwei leitende Organe zu schaffen : das Exekutivkomitee und das von
diesem zu wählende Büro aus fünf Genossen. 467
152 Shop Stewards Commitlees (Komitees der Betriebsobleute) - gewählte Arbeiter-
komitees, die es in England seit der Zeit des ersten Weltkriegs in vielen Be-
trieben gab. Nach dem Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution,
während der ausländischen militärischen Intervention gegen die Sowjetmacht,
setzten sich die Komitees der Betriebsobleute aktiv für die Unterstützung So-
wjetrußlands ein. Verschiedene Funktionäre dieser Komitees (W. Gallacher und
andere) traten der Kommunistischen Partei Großbritanniens bei. 470
153 Siehe die „Einleitung“ von Friedrich Engels zur Arbeit von Karl Marx „Der
Bürgerkrieg in Frankreich“, in Karl Marx/Friedridi Engels, Werke, Bd. 17, Ber-
lin 1964, S. 625. 472
154 Siehe Karl Marx, JDer Bürgerkrieg in Frankreich“, in Karl Marx/Friedrich
Engels, Werke, Bd. 17, Berlin 1964, S. 340. 473
155 Lenin meint die vom VH. Parteitag der KPR(B) angenommene Resolution über
die Änderung des Namens der Partei und des Parteiprogramms. (Siehe Werke,
Bd. 27, S. 127/128.) 482
156 „Zeitung der Typographiearbeiter * („Gaseta Petschatnikow“) - wurde vom
Moskauer Gewerkschaftsverband der Druckereiarbeiter herausgegeben, der sich
. damals unter dem Einfluß der Menschewiki befand; erschien seit dem 8. De-
zember 1918 und wurde im März 1919 verboten. 485
157 Lenin meint Rosa Luxemburgs Artikel „Der Anfang“, der in Nr. 3 der „Roten
Fahne“ am 18. November 1918 veröffentlicht wurde. 487
158 „l’Humanite" - Tageszeitung, 1904 von J. Jaures als Organ der Französischen
Sozialistischen Partei gegründet Während des ersten Weltkriegs wurde die
Zeitung vom extrem rechten Flügel der Sozialistischen Partei geleitet und stand
auf den Positionen des Sozialchauvinismus. Bald nach der Spaltung der Sozia-
listischen Partei auf dem Parteitag im Dezember 1920 und der Bildung der
Kommunistischen Partei Frankreichs wurde die Zeitung deren Organ; auch
jetzt erscheint sie in Paris als Zentralorgan der Kommunistischen Partei.
Lenin legt den Inhalt einer Notiz dar. die in der Nr. 5384 der „Humanite“
vom 13. Januar 1919 unter dem Titel „Le meeting de Ia Federation de Iä Seine“
(Kundgebung der Seine-Föderation) veröffentlicht wurde. 494
527
159 „Avanti !“ (Vorwärts!) - Tageszeitung, Zentralorgan der Italienischen Soziali-
stischen Partei: gegründet im Dezember 1896. Während des ersten Weltkriegs
vertrat die Zeitung einen inkonsequenten internationalistischen Standpunkt ; sie
brach nicht mit den Reformisten. Die Zeitung erscheint noch heute als Zentral-
organ der Italienischen Sozialistischen Partei.
Der von Lenin erwähnte Korrespondentenbericht aus Cavriago „Vita del
partito“ (Parteileben) wurde in Nr. 12 des „Avanti!" am 12. Januar 1919 ver-
öffentlicht. 496
160 Am 8. März 1919 wurde in der Sitzung des Rats der Volkskommissare der
Entwurf eines Dekrets über die Staatliche Kontrolle erörtert und ein von Lenin
vorgeschlagener Beschluß angenommen, der die in vorliegendem Dokument
formulierten Richtlinien enthielt.
Diese Richtlinien wurden in den Entwurf des Dekrets über die Staatliche
Kontrolle aufgenommen. Das Dekret wurde vom Gesamtrussischen ZEK am
9. April bestätigt. 500
DATEN AUS DEM LEBEN UND WIRKEN
W.I. LENINS
(Juli 1918 bis März 1919)
1918
29. Juli Lenin spricht in der gemeinsamen Sitzung des Gesamtrussi-
schen Zentralexekutivkomitees, des Moskauer Sowjets, der
Betriebskomitees und der Gewerkschaften Moskaus über die
internationale und innere Lage der Sowjetrepublik.
Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare, in der
folgende Fragen erörtert werden: Einführung der allgemeinen
Wehrpflicht: Versorgung der Militärbehörde mit Kraftwagen;
Bewilligung von Geldmitteln zur Bekämpfung des tschecho-
slowakischen Aufruhrs sowie der englisdi-amerikanischen In-
tervention u. a.
30. Juli Lenin spricht in der Konferenz der Vorsitzenden der Gouver-
nementssowjets über die nächsten Aufgaben des Verwaltungs-
apparats der Sowjetmacht.
Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare, in der
die Errichtung von Denkmälern für große Sozialisten, Gelehrte,
Schriftsteller und Künstler erörtert wird.
Lenin nimmt Ergänzungen und Korrekturen in einem Beschluß-
entwurf vor, der Maßnahmen zur Errichtung eines Stützpunkts
für die Wolga-Kriegsflottille im Gouvernement Kasan vorsieht.
31. Juli Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare und
unterbreitet ihr zur Bestätigung den Entwurf zu einem Aufruf
des Rats da 1 Volkskommissare an die Arbeiter der Entente-
länder im Zusammenhang mit der beginnenden Intervention
gegen Sowjetrußland; in der Sitzung werden ferner folgende
Fragen behandelt: die Brennstofflage ; die Erfassung von Ge-
treide über die Genossenschaften; die Wissenschaftlich-tech-
nische Abteilung des Obersten Volkswirtschaftsrats u. a.
532
2. August
6. August
7. August
8. August
9. August
9. -12. August
10. August
1 1. August
Daten aus dem Leben und 'Wirken W. /. Lenins
Lenin spricht vor Agitatoren, die vom Moskauer Rat der Ge-
werkschaften an die Ostfront abkommandiert worden sind.
Lenin spricht auf einer Kundgebung im Butyrki-Stadtbezirk, auf
einer Kundgebung des Warschauer revolutionären Regiments,
auf einer Kundgebung im Stadtbezirk Samoskworetschje und
auf einer Rotarmistenkundgebung auf dem Chodynka-Feld zum
Thema „Die Sowjetrepublik ist in Gefahr“.
Lenin schreibt den „Brief an die Arbeiter von Jelez“ über die
Politik der Partei auf dem Lande.
Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare, in der
die Versorgung der Rotarmisten und ihrer Familien erörtert
In den „Iswestija WZIK“ erscheint der von Lenin Unterzeich-
nete Aufruf des Rats der Volkskommissare an alle Werktätigen
„Auf zum Kampf um das Getreide!“.
Lenin spricht in Moskau auf einer Kundgebung im Stadtbezirk
Sokolnilci zum Thema „Das fünfte Jahr des Weltgemetzels".
Lenin erkundigt sich beim Vorsitzenden des Astrachaner So-
wjets telegrafisch nach der Lage in Baku.
Lenin gibt in mehreren Telegrammen an das Gouvernements-
Exekutivkomitee in Pensa die Direktiven, die Aufstände der
Kulaken schonungslos zu unterdrücken, bei ihnen das Getreide
zu beschlagnahmen und die Massen der armen Bauern gegen
das Kulakentum zu mobilisieren.
Lenin beschäftigt sich mit dem Problem der Nationalisierung
der Maschinenbaubetriebe und legt es dem Rat der Volks-
kommissare zur Erörterung vor.
Lenin weist den Obersten Kriegsrat an, die Ostfront zu ver-
stärken.
Die Aufrufe des Rats der Volkskommissare „An die russischen
Staatsbürger in Frankreich und in England“, in denen diese
aufgefordert werden, sich der Einziehung in die französische
und englische Armee zu widersetzen, werden mit der Unter-
schrift W. Uljanow (Lenin) veröffentlicht.
Daten aus dem Leben und Wirken W. I. Lenins
533
Erste
Augusthälfte
16. August
17. August
19. August
20. August
21. August
23. August
26. August
Lenin schreibt den Aufruf an die Arbeiter: „Genossen Arbeiter!
Auf zum letzten, entscheidenden Kampf!“
Lenin spricht in der Sitzung des Moskauer Parteikomitees über
die Organisierung von Gruppen Sympathisierender.
Lenin arbeitet den Entwurf des Telegramms an alle Deputier-
tensowjets über das Bündnis der Arbeiter und Bauern aus.
Lenin gibt dem Exekutivkomitee des Kreises Sadonsk, Gouver-
nement Woronesh. telegrafisch die Direktive, mit aller Entschie-
denheit gegen die Kulaken und die linken Sozialrevolutionäre
vorzugehen, an die Dorfarmut Aufrufe zu richten und sie zu
organisieren.
Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare, in der
die Emährungspolitik, die Vereinigung edler Streitkräfte der
Republik, die Nationalisierung der Industriebetriebe und andere
Fragen erörtert werden.
In einem Telegramm an das Exekutivkomitee von Sdorowez,
Gouvernement Orjol, gibt Lenin die Direktive, den Aufstand
der Kulaken und linken Sozialrevolutionäre schonungslos nie-
derzuschlagen, bei den Kulaken das Getreide zu beschlagnah-
men und einen Teil dieses Getreides kostenlos an die armen
Bauern zu verteilen.
Lenin schreibt den „Brief an die amerikanischen Arbeiter".
In einem Telegramm an das Astrachaner Gouvernements-
Exekutivkomitee fordert Lenin für den Fall einer Offensive der
Engländer die sofortige Organisierung der Verteidigung von
Astrachan.
Lenin spricht auf Kundgebungen im Alexejew-Volkshaus und
im Polytechnischen Museum zum Thema „Wofür kämpfen die
Kommunisten“.
Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare, in der
folgende Fragen beraten werden: die Erweiterung des Revo-
lutionären Kriegsrats der Republik: die Gründung der Moskauer
Bergakademie, die Mobilisierung von Arbeitern aus den Gou-
vernements Iwanowo-Wosnessensk und Kostroma, die früher
bei der Artillerie, bei den Pionieren und bei technischen Ein-
heiten gedient haben, für die Rote Armee; der Wiederaufbau
der von den Weißgardisten zerstörten Gebäude in Jaroslawl
sowie andere Fragen.
534
28. August
29. August
30. August
30. August bis
15. September
11. September
16. September
17. September
18. September
Daten aus dem Leben und Wirken W. I. Lenins
Lenin spricht auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß für Bil-
dungswesen zur gegenwärtigen Lage.
Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare. Er refe-
riert über die Abfassung von Berichten der Volkskommissariate
über ihre Tätigkeit seit dem 25. Oktober (7. November) 1917.
legt zu dieser Frage einen von ihm verfaßten Beschlußentwurf
vor und schreibt eine Instruktion für die Volkskommissare. Auf
der Sitzung werden weiterhin der Warenaustausch mit der
Ukraine, Fragen des Gesundheitswesens u. a. behandelt.
Lenin spricht im Basmanny-Stadtbezirk, im Gebäude der Ge-
treidebörse. und im ehemaligen Michelson-Werk in Samoskwo-
retschje zum Thema „Zweierlei Macht (Diktatur des Proletariats
und Diktatur der Bourgeoisie)“.
Beim Verlassen des Werkes wird Lenin von der Terroristin
F. Kaplan schwer verwundet.
Krankheit Lenins infolge dieser Verwundung.
In einem Telegramm an das Kommando und die Truppen der
Ostfront beglückwünscht Lenin sie zu dem glänzenden Sieg der
Roten Armee - zur Einnahme von Kasan.
Lenin nimmt zum erstenmal nach seiner Krankheit an einer
Sitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Ruß-
lands (Bolschewiki) teil
Lenin führt zum erstenmal nach seiner Krankheit den Vorsitz
in einer Sitzung des Rats der Volkskommissare.
Lenin verfaßt ein Begrüßungsschreiben an das Präsidium der
Konferenz der proletarischen kulturellen Aufklärungsorganisa-
tionen.
In einem Telegramm an die Kommandeurschule in Petrograd
begrüßt Lenin die Arbeiter, die diese Schule beendet haben und
zur Roten Armee gehen.
Lenin macht auf dem offiziellen Bulletin über seinen Gesund-
heitszustand den Vermerk: „Auf Grund dieses Bulletins und
meines guten Befindens bitte ich sehr, die Ärzte nicht durch
Anrufe und Nachfragen zu stören.“
19. September
20. September
21. September
22. September
24. oder
25. September
2. oder
3. Oktober
9. Oktober
15. Oktober
22. Oktober
35 Lenin. Werke,
Daten aus dem Leben und. Wirken W. I. Lenins 535
Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare, in der
das Ausfuhrverbot für Kunstgegenstände und historische Werte,
die weitere Durchführung der Nationalisierung der Banken und
andere Fragen besprochen werden.
Lenins Artikel »Über den Charakter unserer Zeitungen“ wird
in Nr. 202 der „Prawda“ veröffentlicht.
In einem Brief an W. W. Worowski schreibt Lenin über die
Notwendigkeit des Kampfes gegen die theoretische Verflachung
des Marxismus durch Kautsky; er gibt den Auftrag, die Bro-
schüre »Staat und Revolution" schnellstens in deutscher Sprache
herauszugeben.
Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare, in der
die Frage einer Naturalsteuer für die Landwirte erörtert wird,
und legt die wichtigsten Richtlinien für das entsprechende De-
kret schriftlich nieder; in derselben Sitzung werden auch die
Kündigung der von der Regierung des ehemaligen Russischen
Reiches eingegangenen Verträge u. a. Fragen behandelt.
Nachdem Lenin die Nachricht erhalten hat, daß Simbirsk ein-
genommen wurde, beglückwünscht er im Namen aller Werk-
tätigen die 1. Armee der Ostfront.
Lenin schreibt den „Brief an die Rotarmisten, die an der Ein-
nahme von Kasan teilgenommen haben“.
Lenin fährt zur Erholung nach Gorki
Lenin richtet im Zusammenhang mit der politischen Krise in
Deutschland ein Schreiben an die gemeinsame Sitzung des Ge-
samtrussischen Zentralexekutivkomitees und des Moskauer So-
wjets mit Vertretern der Betriebskomitees und der Gewerk-
schaften.
Lenin schreibt den Artikel „Die proletarische Revolution und
der Renegat Kautsky“.
Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare; er
schreibt Anträge zu dem Beschluß, dem Volkskommissariat für
Ernährungswesen Mittel für die Komitees der Dorfarmut zu
bewilligen, sowie den Entwurf eines Beschlusses zu dem Referat
über die. Holzbeschaffung.
Lenin gibt in der gemeinsamen Sitzung des Gesamtrussischen
Zentralexekutivkomitees, des Moskauer Sowjets, der Betriebs-
536
Daten aus dem Leben und Wirken W. I. Lenins
komitees und der Gewerkschaften einen Bericht über die inter-
nationale Lage; in der Sitzung wird eine von Lenin verfaßte
Resolution beschlossen.
Lenin schreibt das Vorwort zur zweiten Ausgabe seiner Bro-
schüre „Die politischen Parteien in Rußland und die Aufgaben
des Proletariats", deren erste Ausgabe im Juli 1917 erschienen
war.
23. Oktober
29. Oktober
2. November
3. November
6. November
7. November
W. I. Lenin sendet im Namen des Zentralkomitees einen Fem-
spruch an A. A. Joffe in Berlin. Er bittet ihn. Karl Liebknecht zu
seiner Freilassung aus dem Gefängnis einen Glückwunsch zu
übermitteln.
Lenin spricht mit einer Delegation des I. Kongresses des Kom-
munistischen Jugendverbandes: in einer Notiz für J. M. Swerd-
Iow bittet er darum, dem Jugendverband materielle Hilfe zu
gewähren.
Lenin verfaßt den Entwurf von Thesen für einen Beschluß des
VI. Gesamtrussischen Außerordentlichen Sowjetkongresses über
die strikte Einhaltung der Gesetze.
Lenin spricht auf einer Kundgebung zu Ehren der österreichisch-
ungarischen Revolution.
Lenin hält in der ersten Sitzung des VI. Gesamtrussischen
Außerordentlichen Kongresses der Sowjets der Arbeiter-;
Bauern-, Kosaken- und Rotarmistendeputierten eine Rede zum
Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution.
Lenin spricht in der Festsitzung des Gesamtrussischen Zentral-
rats und des Moskauer Rats der Gewerkschaften und in einer
Veranstaltung des Moskauer Proletkults zum Jahrestag der
Großen Sozialistischen Oktoberrevolution.
Lenin spricht bei der Enthüllung eines Denkmals für Marx und
Engels auf dem Platz der Revolution und bei der Enthüllung
einer Gedenktafel für die Kämpfer der Oktoberrevolution auf
dem Roten Platz.
Am Abend spricht Lenin auf einer Veranstaltung der Mitarbeiter
der Gesamtrussischen Außerordentlichen Kommission (Tscheka).
Lenin sendet ein Grußtelegramm an die Rotarmisten der
2. Armee anläßlich der Einnahme von Ishewsk.
Daten aus dem Leben und Wirken W. I. Lenins
537
8. November Lenin spricht in der zweiten Sitzung des VI. Gesamtrussischen
Außerordentlichen Sowjetkongresses über die internationale
10. November
11. November
13. November
14. November
19. November
20. November
Lenin spricht in der Delegiertenkonferenz der Komitees der
Dorfarmut des Moskauer Gebiets über die Organisierung der
Dorfarmut.
Lenin beendet seine Arbeit an der Broschüre „Die proletarische
Revolution und der Renegat Kautsky“.
Anläßlich des Beginns der Revolution in Deutschland verfaßt
Lenin das „Telegramm an alle Deputiertensowjets, an alle, an
alle“.
Lenin spricht im Chamowniki-Bezirk bei der Eröffnung des
Klubs der Oktoberrevolution zur gegenwärtigen Lage.
Lenin spricht in einer Veranstaltung der Moskauer Kommuni-
sten im Großen Theater zur internationalen Lage.
In einem Telegramm an den Vorsitzenden der Organisation der
KPR(B) von Unetscha, Iwanow, gibt Lenin die Direktive,
schnellstens Maßnahmen zur Befreiung der Ukraine von den
ausländischen Okkupanten und Weißgardisten zu ergreifen.
Lenin beantwortet in einem Telegramm an das Gouvemements-
komitee der KPR(B) von Orjol ein Grußschreiben der sich in
der Ukraine befindenden revolutionären deutschen Soldaten und
ruft sie auf. bei der Befreiung der Ukraine von den deutschen
Okkupanten zu helfen.
Lenin informiert in der Sitzung des Rats der Volkskommissare
über die internationale- Lage.
In Nr. 246 der „Prawda“ wird der von W. I. Lenin und
J. M. Swerdlow Unterzeichnete Beschluß des Gesamtrussischen
ZEK und des Rats der Volkskommissare über die Annullierung
des Brest-Litowsker Vertrags veröffentlicht.
Lenin spricht auf dem I. Gesamtrussischen Arbeiterinnenkon-
greß.
Lenin schreibt den Artikel „Wertvolle Eingeständnisse Pitirim
Sorokins".
Lenin spricht in einer ihm als Führer der Partei der Bolschewiki
und Vorsitzenden der Sowjetregierung zu Ehren einberufenen
Versammlung.
538
Daten aus dem Leben und Wirken W. I. Lenins
23. November
24. November
26. November
30. November
1. Dezember
4. Dezember
7. Dezember
Lenin empfängt die Vertreter der Völker Indiens, die ein Gruß-
schreiben dieser Völker für die Sowjetmacht gebracht haben.
Lenin hält auf einer Kundgebung zum „Tag des roten Offiziers“
eine Begrüßungsansprache im Namen des Rats der Volkskom-
missare.
Lenin spricht in der Versammlung der Bevollmächtigten der
Moskauer zentralen Arbeiterkonsumgenossenschaft über die
Rolle der Genossenschaftsorganisationen im System der soziali-
stischen Wirtschaft
Lenin hält in der Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter ein
Referat über die Stellung des Proletariats zur kleinbürgerlichen
Demokratie.
Lenin ergänzt und unterzeichnet ein Telegramm an den Ober-
kommandierenden J. J. Wazetis über die Unterstützung der So-
wjetregierungen Lettlands, Estlands, der Ukraine und Litauens
durch die Truppen der Roten Armee.
Lenin unterzeichnet den Beschluß des Gesamtrussischen ZEK
über die Bildung des Rats der Arbeiter- und Bauernverteidigung.
Lenin leitet die erste Sitzung des Verteidigungsrats ; er legt die
nächsten Aufgaben des Rates fest und macht einige Vorschläge
.zur Ausarbeitung von Problemen des Emährungs- und Ver-
kehrswesens, der Brennstofifversorgung u. a.
Lenin leitet die Sitzung des Verteidigungsrats, in der folgende
Fragen erörtert werden: die Regelung des Eisenbahntransports;
der Entwurf eines Beschlusses gegen Partikularismus und Büro-
kratismus u. a.; er verfaßt den Entwurf eines Beschlusses über
die Beschleunigung und Erweiterung der Nahrungsmittelbeschaf-
fung.
Lenin leitet die Sitzung der Kommission des Verteidigungsrats,
in der die Versorgung mit Infanteriemunition erörtert wird,
und unterzeichnet im Namen des Verteidigungsrats Beschlüsse
über die Werke in Tula, Podolsk und Simbirsk.
Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare, in der
die Anerkennung der Unabhängigkeit der Sowjetrepublik Est-
land, das Eisenbahnprogramm und andere Fragen erörtert wer-
den; Lenin schlägt vor, einen Sonderkorrespondenten des Rats
der Volkskommissare einzusetzen, der die Tätigkeit des Rats in
der Presse behandeln soll.
Daten aus dem Leben und Wirken W. I. Lenins
539
8. Dezember
9. Dezember
11. Dezember
12. Dezember
13. Dezember
14. Dezember
15. Dezember
Lenin spricht auf dem Moskauer Gouvemementskongreß der
Sowjets, der Komitees der Dorfarmut und der Rayonkomitees
der KPR(B) über die internationale und innere Lage.
Lenin leitet die Sitzung des Verteidigungsrats ; er bringt die
Frage der Rechnungsführung über das Militärgut ein, bestätigt
und unterzeichnet den Entwurf eines Beschlusses gegen Parti-
kularismus und Bürokratismus.
Lenin hält auf dem III. Kongreß der Arbeitergenossenschaften
ein Referat über die wirtschaftlichen und politischen Aufgaben
der Genossenschaften.
Lenin hält im Haus der Gewerkschaften in Moskau auf dem
I. Gesamtrussischen Kongreß der Landabteilungen, der Komi-
tees der Dorfarmut und der Kommunen eine Rede über die
Lage auf dem Lande.
Lenin, leitet die Sitzung des Verteidigungsrats; er bestätigt und
unterzeichnet den Entwurf eines Beschlusses über die Regelung
des Eisenbahntransports und bringt einen Vorschlag über außer-
ordentliche Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensmittelver-
sorgung ein.
Lenin verfaßt zur Behandlung im Verteidigungsrat den „Ent-
wurf von Richtlinien für die Leitung der Sowjetinstitutionen“.
W. I. Lenin und J. M. Swerdlow geben dem Revolutionären
Kriegsrat der Republik die- Direktive zur Entsendung von Ver-
stärkungen für die Verteidigung von Perm.
Lenin spricht auf einer .Arbeiterkonferenz des Moskauer Stadt-
bezirks Presnja, im Alexejew-Volkshaus. über die internationale
und innere Lage.
Lenin leitet die Sitzung des Verteidigungsrats, in der erörtert
werden : die Getreidevorräte auf den Eisenbahnen und in den
Getreidesilos; die politische Agitation in der Armee und die
Entsendung von Kommissaren, in die neu aufgestellten Divisio-
17. Dezember W. I. Lenin sendet dem Gouvemementsmilitärkommissar von
Samara ein Telegramm mit der Direktive, im Hinblick auf den
Zustrom ukrainischer Freiwilliger sowie auf die große Zahl der
in der Ukraine selbst Mobilisierten den Abtransport ukraini-
scher Einheiten in die Ukraine einzustellen.
540
Daten aus dein Leben und Wirken W. I. Lenins
18. Dezember
22. Dezember
23. Dezember
24. Dezember
25. Dezember
29. Dezember
30. Dezember
Lenin leitet die Sitzung des Verteidigungsrats, in der folgende
Fragen erörtert werden: die Festlegung der Stärke der Armee;
die Versorgung der Armee mit Pferden ; Baulichkeiten für die
Armee; der Bau eines Rüstungsbetriebs in Zarizyn u. a.
Lenin leitet die Sitzung des Verteidigungsrats, in der erörtert
werden: die Bekleidung der Eisenbahnarbeiter; Berichte der in
die neu aufgestellten Divisionen entsandten Kommissare sowie
Anfragen betreffs Orenburg. Perm, über den Vormarsch der
sowjetischen Truppen im Westen u. a.
Lenin schreibt den Artikel »Ober .Demokratie' und Diktatur“.
Lenin unterzeichnet eine telefonische Anfrage an den Ober-
kommandierenden über die Ursachen der Nichterfüllung der
Direktiven hinsichtlich der Einnahme von Orenburg und der
Entsendung von Verstärkungen nach Perm.
Lenins Artikel „Die Heldentat der Arbeiter des Stadtbezirks
Presnja“ wird in Nr. 222 der „Bednota" veröffentlicht.
Lenin empfängt einen Vertreter des Komitees der KPR(B) von
Melekess, Gouvernement Samara, der berichtet, daß es im Kreis
keine Transportmittel für den Abtransport des Getreides gibt ;
Lenin beantragt im Verteidigungsrat, außerordentliche Maß-
nahmen zum Abtransport des Getreides aus dem Gouverne-
ment Samara zu ergreifen.
Lenin spricht auf dem II. Gesamtrussischen Kongreß der Volks-
wirtschaftsräte im 2. Haus der Sowjets (Hotel „Metropol“) zur
internationalen Lage und zu den wirtschaftlichen Aufgaben der
Sowjetrepublik
Lenin leitet die Sitzung des Verteidigungsrats, in der folgende
Fragen erörtert werden: die Verstärkungen für die Ostfront;
die Versorgungslage im Frontgebiet, die Werke in Simbirsk und
Ishewsk u. a.
Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare, in der
folgende Fragen erörtert werden: die allgemeine Finanz- und
Wirtschaftspolitik; die Gewährung einer Anleihe an die Sowjet-
regierungen Estlands und Lettlands.
Lenin verfaßt eine Instruktion an das Volkskommissariat für
Bildungswesen über die Ausarbeitung.und Herausgabe populä-
rer Bücher; er legt deren Thematik fest.
1918
Dezember 1918
Januar 1919
Ende 1918 oder
Anfang 1919
2. Januar
3. Januar
8. Januar
14. Januar
Daten aus dem Leben und Wirken W. I. Lenins 541
Lenin verfaßt einen Entwurf der Thesen des ZK der KPR(B)
„Über die Aufgaben der Gewerkschaften“.
Lenin schreibt den Artikel «Ein kleines Bild zur Klärung großer
Fragen“. Der Artikel blieb unvollendet.
Lenin leitet die Kommission zur Ausarbeitung von Bestim-
mungen für die sozialistische Flurregelung und von Maßnahmen
für den Übergang zur sozialistischen Landwirtschaft, tritt in
dieser Kommission als Referent auf und legt seine Bemerkun-
gen zum Entwurf der Thesen über die gemeinschaftliche Bo-
denbestellung schriftlich nieder.
1919
Lenin leitet die Sitzung des Rats der Volkskommissare und
stellt in ihr Fragen des Bibliothekswesens zur Behandlung; in
der Sitzung werden ferner folgende Fragen behandelt: die Ver-
sorgung der Familien der Rotarmisten; die Maschinenbau-
betriebe u. a
Lenin leitet die Sitzung des Verteidigungsrats, in der folgende
Fragen erörtert werden; die Pläne für Militär- und Nahrungs-
mitteltransporte; die Erlaubnis für Arbeiter, nichtrationierte
Nahrungsmittel zu kaufen; die Bildung eines Verteidigungsrats
in Astrachan u. a.
Zur Entgegennahme des Berichts des Oberkommandierenden
über die Lage an den Fronten setzt der Verteidigungsrat eine
Militärkommission ein. der auch W. I. Lenin angehört.
Lenin schreibt ein Telegramm an den Revolutionären Kriegsrat
der Republik im Zusammenhang mit der Vorbereitung einer
Generaloffensive gegen Krasnow.
W. I. Lenin macht auf dem Brief J. W. Stalins und F. E. Dzier-
zynskis über Maßnahmen zur Verstärkung der 3. Armee bei
Perm den Vermerk, daß er sich den im Brief erwähnten Forde-
rungen anschließe. und überweist ihn als Direktive an die Mili-
tärbehörden.
In einem Telegramm an J. W. Stalin und F. E. Dzierzynski in
Glasow ersucht Lenin, die Durchführung der von ihnen vor-
gesehenen Maßnahmen zur Wiederherstellung der Lage im Ab-
schnitt der 3. Armee und die Sicherung des Übergangs der Armee
zur Offensive persönlich an Ort und Stelle zu leiten.
542
17. Januar
18. Januar
19. Januar
20. Januar
21. Januar
23. Januar
24. Januar
26. Januar
27. Januar
Daten aus dem Leben und Wirken W. I. Lenins
Lenin spricht im Großen Theater in der gemeinsamen Sitzung
des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, des Moskauer
Sowjets und des Gesamtrussischen Gewerkschaftskongresses zur
Emährungspolitik der Sowjetmacht ; er bringt einen Resolutions-
entwurf ein.
Lenin spricht in der Sitzung der Moskauer Stadtkonferenz der
KPR(B) über die Beziehungen zwischen den zentralen Sowjet-
organen und den Bezirken.
Auf dem II. Gesamtrussischen Kongreß der auf internationali-
stischen Positionen stehenden Lehrer spricht Lenin über die
Aufgaben der sowjetischen Lehrer.
Lenin spricht vom Balkon des Moskauer Sowjets auf einer
Protestkundgebung anläßlich der Ermordung von Rosa Luxem-
burg und Karl Liebknecht
Lenin hält im Haus der Gewerkschaften auf dem II. Gesamt-
russischen Gewerkschaftskongreß ein Referat über die Auf-
gaben der Gewerkschaften. .
W. I. Lenin schreibt den „Brief an die Arbeiter Europas und
Amerikas".
Lenin schreibt einen Brief an den Volkskommissar für Staatliche
Kontrolle K. I. Lander mit der Anweisung, die Erfüllung des
Beschlusses des Rats der Volkskommissare vom 18. Januar
über die Brennstoff- und Lebensmittellage in den staatlichen
Maschinenbaubetrieben zu überprüfen.
Lenin spricht in der II. Konferenz der Leiter der Unterabtei-
lungen für außerschulische Arbeit der Gouvemementsabteilun-
gen für Volksbildung. über die Aufgaben auf dem Gebiet der
außerschulischen Bildung.
Lenin gibt dem Revolutionären Kriegsrat die Direktive, alle
Kräfte anzuspannen, um in. einem Monat Rostow, Tscheljabinsk
und Omsk einzunehmen.
Lenin schreibt den Aufruf „Alle auf zur Arbeit im Eraähiungs-
und im Verkehrswesen I“.
Lenin leitet die Sitzung des Verteidigungsrats, in der beschlos-
sen wird, den Arbeitern des Ishewsker Werks für die Steigerung
der Produktion von Gewehren ein Dankschreiben zu übersen-
2. Februar
6. Februar
10. Februar
17. Februar
19. Februar
22. Februar
Februar
Ende Februar
Anfang März
Daten aus dem Leben und Wirken W. I. Lenins 543
den; in derselben Sitzung wird auch die Brennstoffversorgung
der Eisenbahnen behandelt.
In einem Brief an die Volkskommissariate für Ernährungswesen
und für Finanzen sowie an den Obersten Volkswirtschaftsrat
behandelt Lenin Maßnahmen für den Obergang von der bür-
gerlich-genossenschaftlichen zur proletarisch-kommunistischen
Versorgung und Verteilung.
W. I. Lenin gibt dem -Gouvemementsrevolutionskomitee von
Ufa telegrafisch die Direktive zum gemeinsamen Vorgehen mit
den baschkirischen Regimentern gegen Koltschak.
Lenin leitet die Sitzung des Verteidigungsrats, in der folgende
Fragen behandelt werden: die See- und Flußschiffahrt; die Re-
paratur von Lokomotiven; die Einrichtung von Lazaretten in
Woronesh; der Bau einer Zweigbahn Zarizyn-WIadifflirowka
Lenin leitet die Sitzung des Verteidigungsrats, in der folgende
Fragen erörtert werden: der Einsatz von Direktzügen für den
Getreide- und Kohlentransport; die Instandsetzung der von den
feindlichen Truppen beim Rüdezug zerstörten Eisenbahnstrek-
ken u. a.
Lenin verfaßt den Entwurf einer Antwort des Volkskommissars
für Auswärtige Angelegenheiten auf einen Funkspruch des deut-
schen Auswärtigen Amts vom 19. Februar 1919, in dem die
Bitte geäußert wurde, einer von der Berner Konferenz der
II. Internationale eingesetzten .Sonderkommission die Einreise
nach Rußland zu gestatten.
Lenin verfaßt den Entwurf einer Resolution des Gesamtrussi-
schen Zentralexekutivkomitees über das Verbot der mensche-
wistisdien Zeitung „Wsegda Wperjod".
In einem Brief an das Volkskommissariat für Bildungswesen
gibt Lenin Weisungen für eine richtige Organisation der Rechen-
schaftslegung im Bibliothekswesen.
Lenin verfaßt den Artikel „Über den Aufruf der deutschen Un-
abhängigen“. Der Artikel blieb unvollendet.
Lenin schreibt die „Thesen über bürgerliche Demokratie und
Diktatur des Proletariats“ für den I. Kongreß der Kommunisti-
schen Internationale.
544
Daten aus dem Leben und Wirken W. I. Lenins
1. März
2.-6. März
2. März
4. März
5. März
7. März
8. März
Lenin leitet die anläßlich der Eröffnung des I. Kongresses der
Kommunistischen Internationale zur Behandlung von Organi-
sationsfragen einberufene . vorbereitende Besprechung einer
Gruppe Kongreßdelegierter. .
Erster Kongreß der Kommunistischen Internationale. Lenin
nimmt an den Arbeiten des Kongresses leitenden Anteil; er
wird ins Präsidium gewählt.
Lenin hält auf dem Kongreß die Eröffnungsansprache.
In der dritten Sitzung des Kongresses der Kommunistischen
Internationale hält Lenin das Referat über bürgerliche Demo-
kratie und Diktatur des Proletariats und verliest die von ihm
verfaßten Thesen.
Lenin schreibt anläßlich der Gründung der Kommunistischen
Internationale den Artikel „Errungenes und schriftlich Fest-
gelegtes*.
In der fünften Sitzung des Kongresses der Kommunistischen
Internationale hält Lenin die Schlußrede.
Lenin spricht im Großen Theater in der gemeinsamen Fest-
sitzung des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, des
Moskauer Sowjets, des Moskauer Komitees der KPR(B), des
Gesamtrussischen Zentralrats der Gewerkschaften und anderer
Organisationen über die Gründung der Kommunistischen Inter-
nationale.
"Lenin leitet eine Sitzung des Rats der Volkskommissare, in der
die Genossenschaftsfrage erörtert wird; der in dieser Sitzung
gefaßten Entschließung liegen Lenins Thesen zugrunde.
Lenin spricht vor den ersten Absolventen eines sechswöchigen
Lehrgangs der Abteilung für Mutter- und Säuglingsschutz des
Volkskommissariats für soziale Fürsorge.
545
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort Vii-K
1918
Rede in der gemeinsamen Sitzung des Gesamtrussischen Zentralexeku-
tivkomitees, des Moskauer Sowjets, der Betriebskomitees und der
Gewerkschaften Moskaus, 29. Juli 1918 . 1—19
Rede in der Konferenz der Vorsitzenden der Gouvemementssowjets,
30. Juli 1918. Zeitungsbericht 20—23
Rede auf einer Kundgebung des Warschauer revolutionären Regiments.
2. August 1918. Zeitungsbericht 24—26
Rede auf einer Kundgebung im Butyrki-Stadtbezirk, 2. August 1918.
Zeitungsbericht .... . . . . 27—29
Rede auf einer Rotarmistenkundgebung auf dem Chodynka-Feld in
Moskau, 2. August 1918. Kurzer Zeitungsbericht . . 30
Thesen zur Emährungsfrage. An die Kommissariate: Ernährungswesen,
Landwirtschaft, Oberster Volkswirtschaftsrat, Finanzen. Handel und
Industrie 31—33
Über die Aufnahme in die Hochschulen der RSFSR. Entwurf eines Be-
schlusses des Rats der Volkskommissare 34
Brief an die Arbeiter von Jelez . . 35—37
Rede auf einer Kundgebung im Sokolniki-Stadtbezirk, 9. August 1918.
Kurzer Zeitungsbericht 38—39
Genossen Arbeiter ! Auf zum letzten, entscheidenden Kampf I 40—44
Entwurf eines Telegramms an alle Deputiertensowjets über das Bünd-
nis der Arbeiter und Bauern 45
546
Inhaltsverzeidmis
Reden in der Sitzung des Moskauer Parteikomitees über die Organisie-
rung von Gruppen Sympathisierender, 16. August 1918. Protokolla-
rische Niederschrift 46—47
Brief an die amerikanischen Arbeiter 48—62
Rede auf einer Kundgebung im Alexejew-Volkshaus in Moskau. ,
23. August 1918. Kurzer Zeitungsbericht 63—65
Rede auf einer Kundgebung im Polytechnischen Museum in Moskau.
23. August 1918 66-71
Rede auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß für Bildungswesen.
28. August 1918 72-76
Rede auf einer Kundgebung im Basmanny-Stadtbezirk, 30. August
1918. Kurzer Zeitungsbericht . . ...... . . . . 77—78
Rede auf einer Kundgebung im ehemaligen Michelson-Werk, 30. August
1918. Kurzer Zeitungsbericht 79—81
Grußschreiben an die Rote Armee aus Anlaß der Einnahme von Kasan 82
Telegramm an W. W. Kuibyschew 83
Schreiben an das Präsidium der Konferenz der proletarischen kultu-
rellen Aufklärungsorganisationen 84
Telegramm an die Kommandeurschule in Petrograd 85
Über den Charakter unserer Zeitungen . . 86—88
Brief an die Rotarmisten, die an der Einnahme von Kasan teilgenom-
men haben 89
Sdireiben an die gemeinsame Sitzung des Gesamtrussischen Zentral-
exekutivkomitees und des Moskauer Sowjets mit Vertretern der Be-
triebskomitees und der Gewerkschaften, 3. Oktober 1918 90—93
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 94—103
Bericht in der gemeinsamen Sitzung des Gesamtrussischen Zentral-
exekutivkomitees, des Moskauer Sowjets, der Betriebskomitees und
der Gewerkschaften. 22. Oktober 1918 104-118
Resolution, angenommen in der gemeinsamen Sitzung des Gesamt-
russischen Zentralexekutivkomitees, des Moskauer Sowjets, der Be-
triebskomitees und der Gewerkschaften. 22. Oktober 1918 119—121
Rede auf einer Demonstration zu Ehren der österreichisch-ungarischen
Revolution, 3. November 1918. Kurzer Zeitungsbericht . . .... 122
Rede in der Festsitzung des Gesamtrussischen Zentralrats und des Mos-
kauer Rats der Gewerkschaften, 6. November 1918. Zeitungsbericht 123—125
Inhaltsverzeichnis 547
VI. Gesamtrussischer Außerordentlicher Kongreß der Sowjets der Ar-
beiter-, Bauern-, Kosaken- und Rotarmistendeputierten, 6.-9. No-
vember 1918 . 127-159
1. Rede zum Jahrestag der Revolution, 6. November 129
2. Rede über die internationale Lage, 8. November 145
Rede bei der Enthüllung eines Denkmals für Marx und Engels. 7. No-
vember 1918 160-161
Rede bei der Enthüllung einer Gedenktafel für die Kämpfer der
Oktoberrevolution, 7. November 1918 162—163
Rede auf einer Veranstaltung der Mitarbeiter der Gesamtrussischen
Außerordentlichen Kommission (Tscheka), 7. November 1918 . . .. 164—165
Rede an die Delegierten der Komitees der Dorfarmut des Moskauer
Gebiets, 8. November 1918 166-173
Telegramm an alle Deputiertensowjets, an alle, an alle 174
Rede auf dem I. Gesamtrussischen Arbeiterinnenkongreß, 19. Novem-
ber 1918 .. 175-177
Rede in der zur Ehrung W. I. Lenins einberufenen Versammlung vom
20. November 1918. Kurzer Zeitungsbericht . . .. 178—179
Wertvolle Eingeständnisse Pitirim Sorokins . . ...... . . • . . 180—189
Rede am „Tag des roten Offiziers“, 24. November 1918 . . ...... 190
Rede in einer Versammlung der Bevollmächtigten der Moskauer zen-
tralen Arbeiterkonsumgenossenschaft, 26. November 1918 . . . . 191—196
Versammlung der Moskauer Parteiarbeiter, 27. November 1918 . . . . 197—223
1 . Referat über die Stellung des Proletariats zur kleinbürgerlichen
Demokratie 197
2. Schlußwort zum Referat über die Stellung des Proletariats zur
kleinbürgerlichen Demokratie 215
Telegramm an den Oberkommandierenden. Nadh Serpudiow . . 224
Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky 225—327
Vorwort ...... 227
Wie Kautsky Marx in einen Dutzendliberalen verwandelt hat . . . . 229
Bürgerliche und proletarische Demokratie -.. .. 240
Kann es Gleichheit zwischen dem Ausgebeuteten und dem Ausbeuter
geben? ...... .. 248
Die Sowjets dürfen nicht zu staatlichen Oiganisationen werden . . 256
548
Inhaltsverzeichnis
Die Konstituierende Versammlung und die Sowjetrepublik . . . . 262
Die Sowjetverfassung . . .. 271
Was ist Internationalismus? . . 280
Liebedienerei vor der Bourgeoisie unter dem Schein einer „ökonomi-
schen Analyse“ 294
Beilage I. Thesen über die Konstituierende Versammlung 321
Beilage II. Ein neues Buch von Vandervelde über den Staat . . . . 321
Entwurf eines Beschlusses über die Ausnutzung der Staatlichen Kon-
trolle 328
Rede auf dem Moskauer Gouvemementskongreß der Sowjets, der
Komitees der Dorfarmut und der Rayonkomitees der KPR(B),
• 8. Dezember 1918. Kurzer Zeitungsbericht 329—330
Rede auf dem III. Kongreß der Arbeitergenossenschaften, 9. Dezember
1918 331-340
Rede auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß der Landab teilungen, der
Komitees der Dorfarmut und der Kommunen, 11. Dezember 1918 . . 341—353
Entwurf von Richtlinien für die Leitung der Sowjetinstitutionen . . . . 354— 357
1 ,. .. .. .. 354
2 355
3 .. 356
Entwurf eines Beschlusses des Zentralkomitees der Kommunistischen
Partei Rußlands (Bolschewiki) 358
Rede auf einer Arbeiterkonferenz des Moskauer Stadtbezirks Presnja,
14. Dezember 1918 359-372
Telegramm an die Ukrainer im Gebiet Samara 373
Ober „Demokratie“ und Diktatur . . 374—379
Die Heldentat der Arbeiter des Stadtbezirks Presnja 380—381
Rede auf dem II. Gesamtrussischen Kongreß der Volkswirtschaftsräte.
25. Dezember 1918 ... .. 382-389
Über die Aufgaben der Gewerkschaften 390—393
I 390
II 390
lU 391
Ein kleines Bild zur Klärung großer Fragen 394—398
Inhaltsverzeichnis 549
1919
Telegramm an J. W. Stalin und F. E. Dzierzynski 399
Rede in der gemeinsamen Sitzung des Gesamtrussischen Zentral-
exekutivkomitees, des Moskauer Sowjets und des Gesamtrussischen
Gewerkschaftskongresses, 17. Januar 1919 400—415
Rede in der Sitzung der Moskauer Stadtkonferenz der KPR(B),
18. Januar 1919. Kurzer Zeitungsbericht 416—417
Rede auf dem II. Gesamtrussischen Kongreß der auf internationalisti-
schen Positionen stehenden Lehrer,' 18. Januar 1919 . . .... . . 418 — 421
Rede anläßlich der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts,
19. Januar 1919. Kurzer Zeitungsbericht 422
Referat auf dem II. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongreß, 20. Ja-
nuar 1919 423-440
Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas 441—449
Rede auf der II. Konferenz der Leiter der Unterabteilungen für außer-
schulische Arbeit der Gouvernementsabteilungen für Volksbildung,
24. Januar 1919 450-451
Alle auf zur Arbeit im Emährungs- und im Verkehrswesen ! 452—455
Über Maßnahmen für den Übergang von der bürgerlich-genossen-
schaftlichen zut proletarisch-kommunistischen Versorgung und Ver-
teilung 456—457
Telegramm an B. N. Nimwizki . . . . 458
Entwurf eines Funkspruchs des Volkskommissariats für Auswärtige
Angelegenheiten 459
Über das Verbot einer menschewistischen Zeitung wegen Untergrabung
der Landesverteidigung. Entwurf einer Resolution des Gesamt-
russischen Zentralexekutivkomitees 460—461
An das Volkskommissariat für Bildungswesen 465 — 466
I. Kongreß der Kommunistischen Internationale, 2.-6. März 1919 . . 467—490
1. Rede bei der Eröffnung des Kongresses, 2. März 469
2. Thesen und Referat über bürgerliche Demokratie und Diktatur
des Proletariats, 4. März 471
3. Resolution zu den Thesen über bürgerliche Demokratie und Dik-
tatur des Proletariats 489
4. Rede bei der Schließung des Kongresses, 6. März 490
550 Inhaltsverzeichnis
Errungenes und schriftlich Festgelegtes : . 491—493
Über die Gründung der Kommunistischen Internationale. Rede in der
gemeinsamen Festsitzung des Gesamtrussischen Zentralexekutiv-
komitees, des Moskauer Sowjets, des Moskauer Komitees der KPR(B),
des Gesamtrussischen Zentralrats der Gewerkschaften, der Gewerk-
schaftsverbände sowie der Betriebskomitees Moskaus zur Grün-
dungsfeier der Kommunistischen Internationale, 6. März 1919 . . . . 494—499
Notiz über die Reorganisation der Staatlichen Kontrolle . , .. .. .. 500
Anmerkungen 501—527
Daten aus dem Leben und Wirken W. I. Lenins 529—544
ILLUSTRATIONEN
Porträt W. I. Lenins — Oktober 1918 X— 1
Erste Seite von W. I. Lenins Manuskript „Genossen Arbeiter ! Auf zum
letzten, entscheidenden Kampf!“ — Erste Augusthälfte 1918 . . . . 40—41
Umschlag des Buches „Die proletarische Revolution und der Renegat
Kautsky" mit handschriftlichen Bemerkungen von W. I. Lenin — 1918 226—227
Erste Seite von W. I. Lenins Manuskript „An das Volkskommissariat
für Bildungswesen“ — Februar 1919 .. .. 463